{"id":14,"date":"2018-10-19T18:17:56","date_gmt":"2018-10-19T16:17:56","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=14"},"modified":"2019-05-24T15:18:13","modified_gmt":"2019-05-24T13:18:13","slug":"foucaultscher-begriffsrealismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=14","title":{"rendered":"Foucaultscher Begriffsrealismus"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zum Buch \u201eThe Birth of Austerity. German Ordoliberalism and Contemporary Neoliberalism. Edited by Thomas Biebricher and Frieder Vogelmann\u201d  <a name=\"fnB1\" href=\"#fn1\"><sup>1<\/sup><\/a><\/h4>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">von Andreas B\u00f6hm und Dirk Martin<\/h5>\n\n\n\n<p>Wie der sich an Michel Foucaults \u201eDie Geburt der Biopolitik\u201c anlehnende Titel und der Untertitel andeuten, geht es hier um Foucault, Ordoliberalismus und Austerit\u00e4tspolitik. N\u00e4her wird die Frage behandelt, ob und inwieweit die gegenw\u00e4rtige Krisenpolitik der EU auf die ma\u00dfgeblich von Walter Eucken in den sp\u00e4ten 1920er und fr\u00fchen 30er Jahren entwickelte Theorie zur\u00fcckgeht. Foucault hatte sich in seinen Vorlesungen am Coll\u00e8ge de France 1978\/79, die im Deutschen als Geschichte der Gouvernementalit\u00e4t, Band II ver\u00f6ffentlicht sind, zu einem guten Drittel mit dem Ordoliberalismus befasst. Daran anschlie\u00dfend haben Thomas Biebricher und Frieder Vogelmann im letzten Jahrzehnt am Exzellenzcluster Normative Orders in Frankfurt a.M. den Ordoliberalismus als eine politische Rationalit\u00e4t gouvernementaler Praktiken untersucht und auf die Gegenwartspolitik bezogen. Biebricher vertrat in diesem Zusammenhang in mehreren Artikeln die Auffassung einer Wiederkehr des Ordoliberalismus in der EU Politik und sah in ihm die theoretische Grundlage der gegenw\u00e4rtigen Austerit\u00e4tspolitik (vgl. hierzu im vorliegenden Buch den Beitrag von Johana Oksala, S. 181, 189f.).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch besteht aus drei Teilen. Der erste ist ein ausf\u00fchrliches Vorwort, das die These einer Ordoliberalisierung Europas einf\u00fchrt, Einw\u00e4nde diskutiert und die folgenden Beitr\u00e4ge umrei\u00dft. Der zweite pr\u00e4sentiert ins Englische \u00fcbersetzte Texte oder Textausz\u00fcge von Eucken, Franz B\u00f6hm und Alexander R\u00fcstow mit jeweils vorangestellten Kontextualisierungen der Herausgeber. Der dritte Teil enth\u00e4lt vier zeitgen\u00f6ssische Beitr\u00e4ge von Brigitte Young, Christian J\u00f6rges, Johana Oksala und Lars Gertenbach mit Schwerpunkten zu Ordoliberalismus und Europa einerseits, Gouvernementalit\u00e4t und Ordoliberalismus andererseits. Die letzteren orientieren sich in Teilen an den Arbeiten von Biebricher.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei seinen wegweisenden, \u00e4u\u00dferst lehrreichen und hellsichtigen Vorlesungen zum deutschen und amerikanischen Neoliberalismus unterliefen Foucault auch Irrt\u00fcmer. Der gr\u00f6\u00dfte Irrtum besteht hier sicher in der Annahme, der Ordoliberalismus liege der realen Wirtschaftspolitik der fr\u00fchen Bundesrepublik zugrunde. Die g\u00e4ngige Wirtschaftsgeschichtsschreibung wei\u00df dagegen, dass es sich hier keinesfalls um eine ordoliberale sondern um eine \u201ekorporative Marktwirtschaft\u201d handelte (Werner Abelshauser <a name=\"fnB2\" href=\"#fn2\"><sup>2<\/sup><\/a>, vgl. im vorliegenden Buch auch die Beitr\u00e4ge von Young und J\u00f6rges) In den entscheidenden wirtschafts- und sozialpolitischen Streitpunkten setzte sich Konrad Adenauer gegen den reformliberalen Ludwig Ehrhard durch, der der wichtigste politische Verb\u00fcndete der Ordoliberalen war. <a name=\"fnB3\" href=\"#fn3\"><sup>3<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die im vorliegenden Buch an Foucault anschlie\u00dfenden Herausgeber und AutorInnen unterstellen ausgerechnet diesen Irrtum als gesicherte Erkenntnis und versuchen, ihn noch weit zu \u00fcberbieten. Sie vertreten die Auffassung, der Ordoliberalismus von Eucken, Wilhelm R\u00f6pke, R\u00fcstow und B\u00f6hm sei nicht nur f\u00fcr die fr\u00fche BRD, sondern auch f\u00fcr das gegenw\u00e4rtige Europa, insbesondere f\u00fcr deren neuere Austerit\u00e4tspolitik bzw. f\u00fcr den weltweit vorherrschenden Neoliberalismus (Gertenbach) pr\u00e4gend. Das ist abwegig. Wie sollen diese kaum noch gelesenen<a name=\"fnB4\" href=\"#fn4\"><sup>4<\/sup><\/a> Autoren heute einen solchen Einfluss haben k\u00f6nnen? Die in der Tat in der EU Politik einflussreichen nachfolgenden Generationen von Wissenschaftlern, die sich dem Ordoliberalismus zuordnen, operieren nicht mehr auf einer Euckenschen, sondern auf einer Hayekschen Basis (vgl. hierzu wieder den Beitrag von J\u00f6rges (203, 205)). Um dies nachzuvollziehen, kann man einfach die Personenregister der j\u00e4hrlich erscheinenden ma\u00dfgeblichen Zeitschrift ORDO durchbl\u00e4ttern und die Anzahl der Nennungen Friedrich von Hayeks mit denen von Eucken, R\u00f6pke, R\u00fcstow und B\u00f6hm vergleichen.<a name=\"fnB5\" href=\"#fn5\"><sup>5<\/sup><\/a> Da die Faktenlage d\u00fcrftig ist, muss man sich mit weitreichenden Schlussfolgerungen aus Thesen Foucaults behelfen und eine mit Mitteln des Gouvernementalit\u00e4tsansatzes herausgearbeitete politische Rationalit\u00e4t zu einer irgendwie eigenst\u00e4ndigen, wirk- und wandlungsf\u00e4higen Entit\u00e4t aufwerten. Hier meldet sich ein bedenklicher foucaultscher Begriffsrealismus zu Wort. Keiner der Texte liefert einen ann\u00e4hernd \u00fcberzeugenden Beleg daf\u00fcr, dass es eine ordoliberale Regierungskunst au\u00dferhalb der Arbeiten Euckens e.a. und ihrer akademischen Diskussion jemals gegeben hat. Foucaults Vorlesungen selbst bestehen fast ausschlie\u00dflich aus Textdarstellungen und -analysen und nehmen nur ein einziges politisches Ereignis, die Freigabe der Preise von 1948, ernsthaft in den Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus besteht die grunds\u00e4tzliche Schwierigkeit des Buches darin, dass die Herausgeber zwei gegenl\u00e4ufige Ziele verfolgen. Auf der einen Seite m\u00f6chten sie dem englischsprachigen Publikum ordoliberale Texte zug\u00e4nglich machen. Auf der anderen Seite wollen sie aber auf keinen Fall ordoliberales Gedankengut verbreiten und vielmehr vor ihm warnen. Daraus resultieren Schw\u00e4chen. Insbesondere die einleitenden Kontextualisierungen der Texte aus der sp\u00e4ten Weimarer Republik und der NS-Zeit bieten nur wenige Hintergrundinformationen. Sie st\u00fctzen sich fast ausschlie\u00dflich auf zwei in der deutschen Debatte um die politische Einsch\u00e4tzung des Ordoliberalismus kontrovers diskutierte Beitr\u00e4ge von Dieter Haselbach und Ralf Ptak, die diesen als politisch illiberal darstellen und machen ihre Parteinahme nicht angemessen transparent. Eine genauere Darstellung der einzelnen Positionen dieser Debatte w\u00e4re f\u00fcr den englischsprachigen Leser sicher aufschlussreich, wie es bei den Textausz\u00fcgen hilfreich gewesen w\u00e4re, deren Stellung im Gesamtzusammenhang der jeweiligen Monographien zu beleuchten. Die Kontextualisierungen bestehen stattdessen in weiten Teilen aus eigentlich \u00fcberfl\u00fcssigen Paraphrasierungen der im Folgenden ja abgedruckten Texte, die immer wieder mit hoch erhobenem Zeigefinger auf aus Sicht der Herausgeber politisch-moralisch bedenkliche Passagen hinweisen und deren Interpretation vorgeben. Dabei wird besonderer Wert auf \u00dcbereinstimmungen mit Carl Schmitt (48, 111, 139) gelegt und jeweils breit diskutiert, dass die im NS-Deutschland publizierten Texte als \u201eexpert advice to the Nazi regime\u201d(25, vgl. auch 44, 46 und 111) zu verstehen seien.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem aus zeitgen\u00f6ssischen Beitr\u00e4gen bestehenden dritten Teil kommt erfreulicherweise eine breitere Palette unterschiedlicher und sich wechselseitig widersprechender Auffassungen zu Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00e4u\u00dferst informativen Aufs\u00e4tze von Young und J\u00f6rges stimmen zun\u00e4chst in weiten Teilen \u00fcberein. Beide weisen eine Identifizierung des Schmittschen mit dem Euckenschen starken Staat als \u201einadmissable equivocation\u201d (J\u00f6rges, 199) zur\u00fcck. Beide sch\u00e4tzen den Einfluss der Ordoliberalen auf die reale Wirtschaftspolitik der fr\u00fchen Bundesrepublik als nicht dominant ein und verweisen f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige EU Politik auf den ma\u00dfgeblichen Einfluss Hayeks. Sie differieren erstens in der Frage, ob und wenn ja, inwieweit der Ordoliberalismus ein autorit\u00e4rer Liberalismus ist. W\u00e4hrend Young den Ordoliberalismus grunds\u00e4tzlich verteidigt, der ordnungspolitische Rahmen intendiere den Schutz der gemeinsamen Interessen der B\u00fcrger gegen den Einfluss von Sonderinteressen, sieht J\u00f6rges in einer einmal beschlossenen Wirtschaftsverfassung, die das Marktgeschehen dem Zugriff der Parlamente entzieht ein spezifisches Demokratiedefizit. Zweitens setzen sie unterschiedliche Schwergewichte in der Frage, welche theoretischen Orientierungen f\u00fcr die jeweils als desastr\u00f6s angesehene EU Krisenpolitik ma\u00dfgeblich seien. Young h\u00e4lt hier die New Institutional Economics f\u00fcr zentral, J\u00f6rges sieht die Vorherrschaft eines Neo-Ordoliberalismus, der sich an Hayeks Vorstellung \u00fcber den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren ausrichtet und daher nicht mehr \u00fcber die Mittel verf\u00fcge, der Entrechtlichung Europas entgegenzutreten. Der Grundthese des vorliegenden Buches, nach der die Geburt der Austerit\u00e4tspolitik im Umfeld Euckens stattgefunden habe, begegnet Young zusammenfassend mit empirischen Argumenten bzw. mit empirisch \u00fcberpr\u00fcfbaren Aussagen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e \u2026 the idea for austerity goes back to the laissez-faire deflationary period of the late 1920s and its resurrection first in Great Britan under Margaret Thatcher and in the United States under Ronald Reagan, both of whom advocated a \u201alean and mean\u2018 state. More important than ordoliberal thinking which advocated both positive and negative liberty, libertarian economists such as Friedrich August von Hayek, Milton Friedman and Murray Rothbard all emphasised the negative freedom to reduce constraints and permit the unfettered workings of capitalist forces.<br>\nIt should be recalled that it was Wilhelm R\u00f6pke, an ordoliberal, who argued for fiscal stimuli in the 1929 Brauns-Commission at the time of Great Depression. The German Chancellor, Heinrich Br\u00fcning, advocated a politics of deflation to overcome the world economic depression by strict household consolidation and mandated wage and price reductions to increase German export competitiveness on world markets. This policy strongly resembles what the German Finance Minister, Wolfgang Sch\u00e4uble, has advocated for the indebted Eurozone countries in response to the sovereign debt crisis.\u201d (232).<a name=\"fnB6\" href=\"#fn6\"><sup>6<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden an Foucault anschlie\u00dfenden Beitr\u00e4ge von Oksala und Gertenbach k\u00f6nnen nicht der Versuchung widerstehen, aus Foucaults Werkzeugkasten eine Logik zu machen, die gegen empirische Einw\u00e4nde weitgehend immun ist. W\u00e4hrend Foucaults \u201eBirth of the Clinic\u201d und Bruno Latours \u201ePasteurization of France\u201d jeweils Methoden und Konzepte entwickelten, um empirisches Material zu erschlie\u00dfen, werden im Zusammenhang der Titel gebenden \u201eBirth of Austerity\u201d und der \u201eOrdoliberalization of the EU\u201d (9, 189) rein konzeptuelle Erw\u00e4gungen angestellt, die selektiv mit bekanntem empirischen Material plausibilisiert werden. Oksala schreibt: \u201eUnderstanding ordoliberalism as a form of gouvernementality, and not just as a set of economic policy prescriptions pronounced or implemented by specific individuals, makes it possible to maintain that there is a coherent political rationality, a consistent theoretical framework underlying EU governance, even if it is at times unevenly articulated and implemented. Goals and values such as the centrality of competitiveness, the promotion of entrepreneurial citizenship, the shift away from traditional social policy measures and the significance of price stability, for example, all form part of a coherent outlook\u201d (189)<\/p>\n\n\n\n<p>Der von unterschiedlichen Akteuren mit divergierenden Interessen betriebenen, \u00e4u\u00dferst umk\u00e4mpften EU Politik eine koh\u00e4rente politische Rationalit\u00e4t zu unterlegen, ist sehr gewagt. Oksala verweist hier nur auf allseits bekannte Ph\u00e4nomene, die den verschiedensten Konzepten zugerechnet werden k\u00f6nnen. Oksalas \u201eat times unevenly articulated and implemented\u201c rationality erinnert insgesamt eher an Hegels Wesenslogik als an ein Foucaultsches Werkzeug.<a name=\"fnB7\" href=\"#fn7\"><sup>7<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Den Beitrag von Gertenbach fassen die Herausgeber treffend so zusammen: \u201eif Foucault is taken seriously \u2026 ordoliberalism is not just a variety of neoliberalism and \u2026 \u201amust rather be understood as the epitome of its political rationality\u2018. Gertenbach concludes that through the political rationality of ordo-\/neoliberalism \u201aeverything can be economized\u2018 \u2026 from the individual subject that must practice \u201aprudential entrepreneurialism\u2018 to the state that must practice the politics of austerity.\u201c (15). Nun, wenn es aus einer (vermeintlichen) foucaultschen Logik ableitbar ist, muss es zutreffen, auch wenn die Ordoliberalen sowie der in diesem Punkt wohl inkonsequente Foucault das Gegenteil schreiben. Erstere waren der Auffassung, dass nur eine Gesellschaft und ein Staat, die selbst keiner \u00f6konomischen Logik unterliegen, stabile Rahmenbedingungen f\u00fcr eine Wettbewerbswirtschaft setzen k\u00f6nnen. Letzterer wies das f\u00fcr die generelle \u00d6konomisierung entscheidende Konzept des Humankapitals bekanntlich dem amerikanischen Neoliberalismus zu. Eine generelle neoliberale politische Rationalit\u00e4t, wie sie Gertenbach skizziert, umfasste widerspr\u00fcchliche Elemente wie R\u00fcstows romantische Vitalpolitik und Gary Beckers Humankapitaltheorie, starken und schlanken Saat, strikte Reglementierung und Laissez-faire. Auf so etwas l\u00e4sst sich sicher vieles zur\u00fcckf\u00fchren, nur: mit welchem Erkenntnisgewinn?<\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich begeben sich die Versuche, eine koh\u00e4rente oder generelle ordoliberale politische Rationalit\u00e4t zu rekonstruieren, die als theoretischer Rahmen der Regierungsweise der EU zugrunde liegen soll, in ein erhebliches Spannungsverh\u00e4ltnis zu den von Foucault selbst publizierten Studien. Balibar verweist zu Recht auf den Einsatz des historischen Nominalismus Foucaults, der solche Idealit\u00e4ten wie \u201ader Sex\u2018, \u201adie Vernunft\u2018, \u201adie Macht\u2018 oder \u201ader Widerspruch\u2018 aufzul\u00f6sen bestrebt ist und vermutlich w\u00e4re er mit einer vermeintlich generellen politischen Rationalit\u00e4t des Ordo-\/Neoliberalismus nicht anders verfahren. Die rein ideengeschichtliche Rezeption der Vorlesungen zur Geburt der Biopolitik produziert fragw\u00fcrdige Wesenheiten, die Foucaults Intentionen zuwider laufen. Nicht alle in Foucaults Vorlesungen thematisierten Gegenstandsbereiche sind in historisch-empirische Untersuchungen \u00fcberf\u00fchrt und ausgearbeitet worden. Foucaults Ausf\u00fchrungen zu Ordo- und Neoliberalismus weisen einen f\u00fcr seine Verh\u00e4ltnisse relativ konventionellen ideengeschichtlichen Zuschnitt auf und sind deshalb eher als Vorverst\u00e4ndigungen \u00fcber durchzuf\u00fchrende empirische Forschungen und nicht als deren Resultat zu verstehen. Eine von Foucault inspirierte Analyse und Kritik des gegenw\u00e4rtigen Neoliberalismus oder der Austerit\u00e4tspolitik der EU h\u00e4tte sich eher f\u00fcr die Protokolle der EZB und des Europ\u00e4ischen Rates zu interessieren und w\u00fcrde weniger dem Muster der gro\u00dfen politischen Philosophie folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Neoliberalismus kritisiert, bek\u00e4mpft und \u00fcberwunden werden muss, steht f\u00fcr die Rezensenten au\u00dfer Frage. Nur sollte man nicht mit den falschen Mitteln die falschen Gegner kritisieren und sich auf den schon lange einflusslosen Euckenschen Ansatz kaprizieren. Es ist zwar zu beobachten, dass sich vermehrt Politiker wie Wolfgang Sch\u00e4uble als Anh\u00e4nger der \u201eFreiburger Schule\u201d deklarieren. Das stellt aber nur eine rein symbolische Distanzierung von einer desastr\u00f6sen Deregulierungspolitik dar, die sie selbst betrieben haben \u2013 und folgt insofern einer strategischen Rationalit\u00e4t. Wenn Linke auf diesen Schwindel hereinfallen, ist es ein politischer Fehler.<\/p>\n\n\n\n<p>Anmerkungen<br><a name=\"fn1\">1<\/a> The Birth of Austerity. German Ordoliberalism and Contemporary Neoliberalism. Edited by Thomas Biebricher and Frieder Vogelmann. Rowman &amp; Littlefield: London, New York 2017 <a href=\"#fnB1\">zur\u00fcck<\/a><br> \n<a name=\"fn2\">2<\/a> Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, 2. \u00fcberarbeitete und erweiterte Auflage, Beck: M\u00fcnchen 2011, 163ff.<br> J\u00f6rges schreibt dazu zusammenfassend: \u201eMit der real existierenden Verfassung der Wirtschaft der Bundesrepublik \u2013 ihren ausgepr\u00e4gt korporatistischen Elementen, den wirtschaftsdemokratischen Neigungen des politischen Katholizismus und der Restauration des Bismarckschen Wohlfahrtsstaats unter dem katholischen Kanzler Adenauer \u2013 konnten die f\u00fchrenden Ordoliberalen sich nicht identifizieren und abfinden.\u201c (201, zitiert nach dem deutschen Originaltext, abgerufen am 1.10.2018, 13h) <a href=\"#fnB2\">zur\u00fcck<\/a><br>\n<a name=\"fn3\">3<\/a>  F\u00fcr den Bereich der Sozialpolitik ist zu konstatieren, dass Adenauer unter dem Einfluss der katholischen Soziallehre entschieden die Fortf\u00fchrung und den Ausbau des korporatistischen Bismarckschen Sozialversicherungssytems betrieben hat: \u201eNachdem Bundeskanzler Adenauer in seiner Regierungserkl\u00e4rung zu Beginn der zweiten Legislaturperiode eine \u201aumfassende Sozialreform\u2018 und ein \u201aumfassendes Sozialprogramm\u2018 angek\u00fcndigt hatte, wurde Sozialreform zum Leitbegriff einer Reform des sozialen Sicherungssystems, um die in der zweiten bis vierten Legislaturperiode gerungen wurde, die jedoch nur in der Rentenreform von 1957 zu einem weittragenden Ergebnis f\u00fchrte\u201c und \u201eder Bundesrepublik im internationalen Vergleich von Wohlfahrtsstaatlichkeit des Ruf eines \u201aSozialversicherungsstaates\u2018 eingetragen\u201c hat. (Franz-Xaver Kaufmann, Sozialpolitisches Denken, Suhrkamp: Frankfurt 2003, S. 134) <a href=\"#fnB3\">zur\u00fcck<\/a><br> \n<a name=\"fn4\">4<\/a> Young schreibt im vorliegenden Buch: \u201eIn fact, ordoliberalism, or the \u201aFreiburg School economicis\u2018, is no longer taught in German economics or business schools \u2026\u201d (229)<br> Der Rezensent Andreas B\u00f6hm ist Erbe der Urheberrechte Franz B\u00f6hms und wei\u00df daher, dass von dessen B\u00fcchern in den letzten 10 Jahren bestenfalls 20 Exemplare verkauft worden sind. <a href=\"#fnB4\">zur\u00fcck<\/a><br>\n<a name=\"fn5\">5<\/a>  Der zuvor in Chicago lehrende Hayek nahm 1962 einen Ruf auf einen Lehrstuhl f\u00fcr Wirtschaftspolitik an der Albert-Ludwigs-Universit\u00e4t in Freiburg an und wurde wenig sp\u00e4ter zum Vorstand des Walter Eucken Instituts gew\u00e4hlt, das inzwischen seine Gesammelten Werke editiert. Der Nachlass von Eucken wird vom Walter-Eucken-Archiv betreut, das u.a. von Mitgliedern der Familie Eucken aufgrund inhaltlicher Differenzen mit dem Walter Eucken Institut gegr\u00fcndet wurde.<br> Eine Behauptung, der zufolge gegenw\u00e4rtige neoliberale Politiken eine wichtige theoretische Grundlage in den Arbeiten Hayeks haben, w\u00e4re sicher wenig originell und w\u00fcrde auch wenig Widerspruch ernten. <a href=\"#fnB5\">zur\u00fcck<\/a><br> \n<a name=\"fn6\">6<\/a> vgl. zu diesen klaren Aussagen die vage Formulierung, in der die Herausgeber ihre These hierzu verteidigen<br> \u201e\u2026 while none of the ordoliberals has ever explicitly called for austerity and while ordoliberal economic policy cannot be entirely reduced to nothing but austerity politics under another name, under certain conditions and in certain contexts, Ordnungspolitik will amount to a politics of austerity, not in all but many respects \u2013 and the European Union and the Sovereign Debt Crisis arguably is one of such context.\u201c (8) <a href=\"#fnB6\">zur\u00fcck<\/a><br>\n<a name=\"fn7\">7<\/a>  Auch im Hinblick auf die wirkliche Durchsetzung einer \u201eentrepreneurial citizenship\u201c k\u00f6nnte man zur\u00fcckhaltender sein. Die zugrunde liegende, auf Foucault zur\u00fcckgehende Formel der \u201eF\u00fchrung des Selbst, der Anderen und des Staates\u201c steht bei diesem auf schwachen F\u00fcssen. Im ersten Band der \u201eGeschichte der Gouvernementalit\u00e4t\u201c bricht Foucault mehrere Anl\u00e4ufe ab, die Gouvernementalit\u00e4t auf die Pastoralmacht (die F\u00fchrung des Selbst und der Anderen) zur\u00fcckzuf\u00fchren. Letztlich leitet er sie dann aus der Staatsraison her. Die \u201eF\u00fchrung des Selbst, der Anderen und des Staates\u201c \u00fcbt in den Arbeiten zum Gouvernementalit\u00e4tsansatz eine \u00e4hnliche Anziehungskraft aus wie im westlichen Marxismus die Warenform. Jeweils handelt es sich um ein Prinzip, aus dem man vermeintlich die zentralen Bestimmungen sowohl der modernen Subjektivit\u00e4t als auch der kapitalistischen \u00d6konomie und des b\u00fcrgerlichen Staates herleiten kann.<a href=\"#fnB7\">zur\u00fcck<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 links-netz Oktober 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Andreas B\u00f6hm und Dirk Martin<\/p>\n<p>Wie der sich an Michel Foucaults \u201eDie Geburt der Biopolitik\u201c anlehnende Titel und der Untertitel andeuten, geht es hier um Foucault, Ordoliberalismus und Austerit\u00e4tspolitik. N\u00e4her wird die Frage behandelt, ob und inwieweit die gegenw\u00e4rtige Krisenpolitik der EU auf die ma\u00dfgeblich von Walter Eucken in den sp\u00e4ten 1920er und fr\u00fchen 30er Jahren entwickelte Theorie zur\u00fcckgeht. Foucault hatte sich in seinen Vorlesungen am Coll\u00e8ge de France 1978\/79, die im Deutschen als Geschichte der Gouvernementalit\u00e4t, Band II ver\u00f6ffentlicht sind, zu einem guten Drittel mit dem Ordoliberalismus befasst.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14"}],"version-history":[{"count":15,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":260,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14\/revisions\/260"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}