{"id":29,"date":"2010-02-19T18:59:00","date_gmt":"2010-02-19T17:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=29"},"modified":"2019-05-28T11:56:28","modified_gmt":"2019-05-28T09:56:28","slug":"soziale-infrastruktur-im-gesundheitsbereich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=29","title":{"rendered":"Soziale Infrastruktur im Gesundheitsbereich"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">AG links-netz<a name=\"fnB1\" href=\"#fn1\"><sup>1<\/sup><\/a><br>\n(Textfassung: Joachim Hirsch, Eva-Maria Krampe, Christa Sonnenfeld, Heinz Steinert, aktualisiert von Nadja Rakowitz und Eva-Maria Krampe)<\/h5>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Einleitung: Radikale Lockerungs\u00fcbungen<\/h5>\n\n\n\n<p>AG links-netz macht keine Politikberatung. Die Konzepte zur Sozialpolitik, die wir in die Diskussion gebracht haben, sollen Anst\u00f6\u00dfe zu einem radikalen Umdenken geben. Sie sind Lockerungs\u00fcbungen in einer festgefahrenen (wie immer auch \u201elinken\u201c) Politik, der die Ideen ausgegangen sind. Wir wollen n\u00fctzliche Fragen aufwerfen, unter anderem solche, die mit \u201ewarum eigentlich nicht \u2026?\u201c beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzept einer Sozialpolitik als Bereitstellen der \u201eInfrastruktur des guten Lebens aller\u201c ist einerseits unrealistisch genug, dass die Wirklichkeit sich an ihm blamieren kann, andererseits plausibel genug, um die Frage aufzuwerfen, was die real existierende Sozialpolitik eigentlich stattdessen anstrebt. Die Diskussion des allgemeinen Modells, die wir mit anregen konnten und die immer weitere Kreise zieht, ist interessant, hat sich aber \u2013 f\u00fcr unsere Intention zu einseitig \u2013 auf verschiedene Formen eines garantierten Grundeinkommens eingeengt. Wir haben von Beginn an darauf hingewiesen, dass das Grundeinkommen im Zusammenhang einer sehr viel weiter greifenden Einrichtung von sozialer Infrastruktur gesehen werden muss. Dieser Begriff bezieht sich auf ein gesellschaftliches Arrangement, das f\u00fcr alle Anwesenden die zu einem menschenw\u00fcrdigen Leben notwendigen G\u00fcter und Dienste bereith\u00e4lt. Das sind Einrichtungen der Gesundheitssicherung, der Bildung, des Transports, schlie\u00dflich des Wohnens und Essens, die allgemein zur Verf\u00fcgung stehen und im Bedarfsfall benutzt werden k\u00f6nnen. Zuwendungen an einzelne sind nur in zweiter Linie notwendig, und das vor allem deshalb, weil Wahlfreiheit und Autonomie der Lebensf\u00fchrung erm\u00f6glicht werden sollen. Geld ist das universelle Mittel daf\u00fcr. Daher ist die Infrastruktur zu erg\u00e4nzen und zug\u00e4nglich zu machen durch ein bedingungsloses Grundeinkommen f\u00fcr alle \u2013 das umso niedriger sein kann, je besser die Infrastruktur funktioniert. Das Grundeinkommen ersetzt alle bisherigen Geldleistungen aus der Sozialversicherung und F\u00fcrsorge und ist daher in erster Linie eine enorme Verwaltungs-Vereinfachung und -Einsparung.<a name=\"fnB2\" href=\"#fn2\"><sup>2<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Um unsere Vorstellung einer sozialen Infrastruktur zu verdeutlichen, haben wir diese f\u00fcr verschiedene Bereiche deutlicher ausgef\u00fchrt als das im Grundsatzpapier und in der Diskussion dazu m\u00f6glich war. Hier wollen wir einen Ansto\u00df dazu geben, Vorstellungen davon zu entwickeln und zu konkretisieren, wie ein demokratisches, soziales und menschenw\u00fcrdiges Gesundheitssystem aussehen k\u00f6nnte. Wir stellen dazu auch ein Organisationsmodell, das \u201elokale Gesundheitszentrum\u201c, zur Diskussion, dessen Details in einer breiteren Diskussion weiter auszuarbeiten w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in allen Bereichen der sozialen Sicherung wird auch in der Gesundheitssicherung das bestehende System durch den \u00dcbergang zur Produktionsweise eines globalen neoliberalen Kapitalismus ausgehebelt. Gesundheitssystem und Gesundheitsrisiko bzw. Krankheit werden rasant privatisiert und vertikal ausdifferenziert. Das wird laut Koalitionsvereinbarungen der CDU-FDP-Regierung nun noch r\u00fccksichtsloser vorangetrieben. Ein Zur\u00fcck zu den \u00fcberkommenen korporatistisch-b\u00fcrokratischen Formen des Sozialstaats ist wegen der Ver\u00e4nderung der Arbeitsverh\u00e4ltnisse, aber auch wegen ihrer ausgrenzenden und disziplinierenden Wirkungen keineswegs eine Alternative. Der keynesianisch-korporatistische Sozialstaat des Fordismus, der die gesellschaftlichen Existenzm\u00f6glichkeiten im Wesentlichen an das Lohnarbeitsverh\u00e4ltnis gebunden hat, geh\u00f6rt der Vergangenheit an. Es ist also h\u00f6chste Zeit, \u00fcber eine v\u00f6llige Neugestaltung des Sozialen nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Kritik der aktuellen Entwicklungen<\/p>\n\n\n\n<p>Die von der CDU-SPD-Koalition umgesetzte so genannte Gesundheitsreform zeichnete sich im Wesentlichen dadurch aus, die Strukturen des herrschenden Gesundheitssystems unangetastet zu lassen und den Beitragszahlern neue Lasten zugunsten von \u00c4rzten, Apothekern, Pharma- und Ger\u00e4teindustrie aufzub\u00fcrden. Allerdings schuf sie mit der Einf\u00fchrung des Gesundheitsfonds und einigen Neuregelungen in der Privaten Krankenversicherung (PKV) Voraussetzungen f\u00fcr eine g\u00e4nzlich neue Finanzierungsgrundlage f\u00fcr das Gesundheitswesen, die von der neuen Regierungskoalition begierig im FDP-liberalen Sinne genutzt werden. Sieht man sich die Koalitionsvereinbarung an, so wird zwar die korporative Struktur der \u201eSelbstverwaltung\u201c erhalten, aber mit dem Vorhaben, die Arbeitgeberbeitr\u00e4ge im Gegensatz zu denen der Lohnabh\u00e4ngigen einzufrieren. Die im Gesundheitsfonds durchaus angelegte M\u00f6glichkeit, das Gesundheitswesen in ein immer st\u00e4rker steuerfinanziertes Systems zu \u00fcberf\u00fchren, wird nicht aufgenommen. Vielmehr soll der Fonds vor allem dazu dienen, die Arbeitgeber von der Beteiligung an den Kosten zu entlasten. <a name=\"fnB3\" href=\"#fn3\"><sup>3<\/sup><\/a> Dar\u00fcber hinaus soll die Komponente der Kopfpauschale (Beitr\u00e4ge zur Krankenversicherung unabh\u00e4ngig von der Lohnh\u00f6he allein bei Einkommen aus abh\u00e4ngiger Besch\u00e4ftigung) wohl umgesetzt und ausgebaut werden. Es geht dieser Regierung um einen radikalen Strukturwandel hinsichtlich der Finanzierung des Gesundheitssystems, was auch daraus ersichtlich wird, dass der Konkurrenzkampf zwischen einer gezielt reduzierten Anzahl der Krankenkassen angeheizt werden soll. Unber\u00fchrt von diesem Wandel wird allen aktuellen \u00c4u\u00dferungen gem\u00e4\u00df die Dominanz der Leistungsanbieter im System bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer nunmehr \u00fcber 40 Jahre w\u00e4hrenden Geschichte des Herumbastelns am \u00f6ffentlichen Gesundheitssystem der Bundesrepublik ist offenkundig, dass die Regierenden nicht in der Lage sind, sich mit dem das Gesundheitswesen beherrschenden medizinisch-industriellen Machtkartell anzulegen \u2013 und dieses nun auch nicht einmal mehr ansatzweise tun wollen. Im Gegenteil \u2013 ungeachtet aller fr\u00fcherer vorgebrachten Kostenbedenken wird das Kartell gef\u00f6rdert; die \u00dcberlegung, es in seine Schranken zu verweisen, ist gegenw\u00e4rtig vollst\u00e4ndig abhanden gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob es tats\u00e4chlich \u00fcberall im Gesundheitswesen die immer wieder beschworene Finanzierungsl\u00fccke gibt oder ob diese nur deshalb thematisiert wird, um eine weitere Privatisierung von Gesundheitsrisiken und \u2013kosten plausibel zu machen, sei dahingestellt. Aktuell ist von \u201eFinanzierungsl\u00fccken\u201c nur noch in einigen wenigen Bereichen die Rede, und zwar insbesondere im Hinblick auf Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr das Pflegepersonal. Ansonsten bleibt die vermeintliche Finanzierungsl\u00fccke wie gehabt argumentativer Hebel f\u00fcr eine immer weiter gehende Kommerzialisierung und Privatisierung des Gesundheitssystems, die vor allem den Interessen des medizinisch-industriellen Komplexes, zu dem auch die Kleinunternehmer \u00c4rztInnen zu rechnen sind, entsprechen. Auch die einschl\u00e4gige Gemeinde wissenschaftlicher Experten und Berater ist im Wesentlichen neoliberalen Denkmustern verpflichtet. Das hei\u00dft, auch sie sieht in der Privatisierung, der Kommerzialisierung und in \u201emehr Wettbewerb\u201c die Zukunft unseres Gesundheitswesens. Eine solche Umstrukturierung verst\u00e4rkt die soziale Ungleichheit erheblich, bringt kaum Effizienzgewinne oder Qualit\u00e4tsverbesserungen und erzeugt in der Regel ein weiteres Wuchern der B\u00fcrokratien. Dieses d\u00fcrfte intendiert sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutlich wird in der Koalitionsvereinbarung auch, dass es bei der Gesundheitspolitik keineswegs um Sparprogramme geht, schlie\u00dflich gilt der Gesundheitsmarkt seit geraumer Zeit als der wichtigste Wachstums- und Besch\u00e4ftigungssektor in Deutschland, wie es das Koalitionspapier erneut best\u00e4tigt. Gespart werden soll allein hinsichtlich der Beteiligung der Arbeitgeber. Dagegen darf der \u201eTopf\u201c insgesamt auf keinen Fall kleiner werden, was zuvor immer wieder behauptet wurde. Vielmehr sollte er eher gr\u00f6\u00dfer werden, um den beteiligten Interessensgruppen auch in Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrise steigende Profite zu sichern (\u201eGesundheitsausgaben explodieren? Gut so!\u201c (Handelsblatt, 19.2.2007); \u201eGesundheit birgt gr\u00f6\u00dfte Wachstumschancen\u201c (Handelsblatt, 17.4.2007). Dem tr\u00e4gt die neue Regierung Rechnung, indem sie die Interessen der Anbieter bedienen m\u00f6chte: der Pharmaindustrie, indem der \u201eArzneimittelmarkt (\u2026) unter patienten-, mittelstandsfreundlichen und wettbewerblichen Kriterien effizient neu geordnet\u201c wird; den Leistungserbringern, indem man ihnen ein \u201eeinfaches, verst\u00e4ndliches Verg\u00fctungssystem, das die Leistungen ad\u00e4quat abbildet\u201c verspricht und pr\u00fcft, \u201eob weiterhin eine Notwendigkeit f\u00fcr Richtgr\u00f6\u00dfen f\u00fcr \u00e4rztliche Verordnungen besteht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist also zu bef\u00fcrchten, dass sich in den n\u00e4chsten Jahren die Tendenz der \u00dcber-versorgung zu Gunsten der Leistungserbringer (z.B. bei Gro\u00dfger\u00e4ten, beim Medikamentenverbrauch, bei der Anzahl der Arztbesuche, der Implementierung von immer neuen \u201eF\u00e4llen\u201c im System der DRGs [Diagnosis Related Groups] und Fallpauschalen, etc.) verst\u00e4rken wird. In anderen Bereichen, insbesondere in der Grundversorgung und der Pflege, wird es als logische Folge einer solchen Mittelverteilung zu weiteren Einschr\u00e4nkungen kommen. Damit bleibt die Rationierungsdebatte und das von ihr ausgehende Drohpotenzial am Leben erhalten. Es sollen also nicht mehr die Kosten gesenkt werden, sondern sie werden ebenso wie die zu erwartenden Gewinne noch st\u00e4rker als bisher ungleich auf die AkteurInnen im Gesundheitswesen verteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts dieser politischen Strategien wird das Nachdenken \u00fcber neue Strukturen und Modelle von Initiativen und politischen Zusammenh\u00e4ngen au\u00dferhalb der etablierten politischen Apparate und Machtkomplexe ausgehen m\u00fcssen. Dabei gilt es, Formen der sozialen Sicherung anzuvisieren, die zu einer emanzipativen Ver\u00e4nderung der herrschenden Vergesellschaftungsform insgesamt beitragen. Dazu geh\u00f6rt es, dass die bestehende Gesellschaft entsprechend ihren produktiven M\u00f6glichkeiten allen Menschen in gleicher Weise nicht nur eine materielle Existenzsicherung, sondern auch eine umfassende medizinische Versorgung unabh\u00e4ngig vom Einkommen und der Art der T\u00e4tigkeit, von Alter, Geschlecht und Staatsb\u00fcrgerschaft garantieren kann und soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum die Erhaltung von Gesundheit nicht ausschlie\u00dflich ein medizinisches Problem ist<\/p>\n\n\n\n<p>Will man die Gesundheitssicherung grundlegend neu und anders organisieren, muss man sich die real existierende, aus den Macht- und Interessen-Bl\u00f6cken der Klinken, niedergelassenen \u00c4rztInnen, kassen\u00e4rztlichen Vereinigungen und Krankenkassen historisch entstandene Organisation wegdenken. Bei solchen \u00dcberlegungen sind jedoch einige Besonderheiten zu ber\u00fccksichtigen, die jedes Gesundheitssystem charakterisieren. Dazu geh\u00f6rt vor allem das strukturell ungleiche Verh\u00e4ltnis zwischen den ExpertInnen, d.h. ForscherInnen, EntwicklerInnen, \u00c4rztInnen, ApothekerInnen auf der einen, den PatientInnen auf der anderen Seite. Erstere definieren Krankheiten und steuern den Bedarf an Diagnoseeinrichtungen, Therapien und Medikamenten, ohne dass den Betroffenen ausreichende Informationen \u00fcber Notwendigkeiten, M\u00f6glichkeiten und Kosten zur Verf\u00fcgung stehen. Letztere, also die PatientInnen, sind per definitionem in irgendeiner Weise eingeschr\u00e4nkt, krank, haben Schmerzen und befinden sich darum in psychisch schwierigen Situationen. Auf Grund dessen sind sie von Hilfe abh\u00e4ngig und auf den Schutz der Gesellschaft angewiesen. Stattdessen sollen sie in krankheitsbedingt schwierigen Situationen auf dem Markt als \u201eKundInnen\u201c agieren und unter Abw\u00e4gung von konkurrierenden Angeboten das \u201ebeste Angebot\u201c ausw\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Infrastruktur im Gesundheitsbereich umfasst ein weites Feld. Es geht dabei grunds\u00e4tzlich darum, die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse so einzurichten, dass Gesundheitssch\u00e4digungen nach M\u00f6glichkeit vermieden werden, also um umfassende Krankheitspr\u00e4vention, und dar\u00fcber hinaus darum, dass k\u00f6rperliche Handlungsf\u00e4higkeit oder gar k\u00f6rperliches Wohlbefinden gesichert sind. Dabei spielen Ern\u00e4hrung, Wasserversorgung, Hygiene, Kanalisation, Seuchenpr\u00e4vention, Friedenssicherung und die Vermeidung von Berufskrankheiten und Unf\u00e4llen die entscheidende Rolle. Heute kommt die Vermeidung von Umweltbelastungen aller Art hinzu.<a name=\"fnB4\" href=\"#fn4\"><sup>4<\/sup><\/a> Fortschritte der Medizin im engeren Sinn, also die Erweiterung des Spektrums der medikament\u00f6sen oder operativen Eingriffe, sind dem nur bedingt gleichrangig. Es geht dabei darum, Verh\u00e4ltnisse zu schaffen, die ein selbst\u00e4ndiges, aktives und schmerzarmes Leben f\u00fcr alle als Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>So falsch es ist, die Erhaltung von Gesundheit zu einem rein medizinischen Problem zu machen \u2013 sie ist vielmehr unter anderem Aufgabe der Produktionsgestaltung und Arbeitsorganisation, der \u00d6kologie-Politik, der Stadt- und Verkehrsplanung, Friedenspolitik \u2013, so wichtig ist es andererseits, eine Organisation der Medizin anzustreben, deren erste Aufgabe das Erhalten der Gesundheit ist. Das Heilen von Krankheiten und Verletzungen ist daher als Folge eines Versagens bei der Verfolgung dieses Ziels zu betrachten. Eine bl\u00fchende Wirtschaft ist im g\u00fcnstigen Fall ein Mittel dazu, de facto jedoch oft gerade die Ursache der Sch\u00e4den, die vermieden werden sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich sollte man sich nicht der Illusion hingeben, Verletzungen, Krankheiten, mehr oder weniger lang andauernde Zust\u00e4nde der k\u00f6rperlichen und seelischen Beeintr\u00e4chtigung lie\u00dfen sich ganz vermeiden oder auf lange Frist \u00fcberwinden. Situationen von Schw\u00e4che und Abh\u00e4ngigkeit wird es immer wieder geben (sie stellen Anteile des Lebenslaufs dar; man denke an Kindheit und Alter). Daher ist der m\u00f6glichst gute und f\u00fcr alle Beteiligten schonende Umgang mit Abh\u00e4ngigkeit, also die Pflege, das Zentrum des Umgangs mit Gesundheit und Krankheit. Die Ebenen, mit denen man sich als Gesundheits-Infrastruktur besch\u00e4ftigen muss, sind: a\/ Erhalten von Gesundheit; b\/ Pflege im Fall von Schw\u00e4che und Abh\u00e4ngigkeit; c\/ Heilen von Krankheiten \u2013 und zwar in dieser Reihenfolge.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn aus PatientInnen so genannte KundInnen werden und Pflegebed\u00fcrftige von Familienangeh\u00f6rigen oder f\u00fcr teures Geld versorgt werden<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in anderen Bereichen der Erzeugung und des Vertriebs von G\u00fctern auch, sind im Gesundheitssystem die Konzerne vertikal integriert, das hei\u00dft, die hier formell noch unabh\u00e4ngigen Letzt-Verk\u00e4ufer sind tats\u00e4chlich als Verkaufspersonal der Pharma-Industrie sowie als Zuweisungs- und Bedienungspersonal f\u00fcr die Diagnose-Maschinen anzusehen. Gerade die unternehmerische Selbst\u00e4ndigkeit der niedergelassenen \u00c4rzte und Apotheker ist der finanzielle Hebel, um sie (vermittelt durch die Kassen und ihre Abrechnungs-Vereinbarungen) in diese Abh\u00e4ngigkeit zu zwingen. Die \u201eNachfrage\u201c nach Gesundheitsleistungen wird daher auch durch die Pharma- und Ger\u00e4teindustrie bestimmt, die einen starken Einfluss auf das Verhalten von \u00c4rztInnen und ApothekerInnen aus\u00fcben und wesentlich dar\u00fcber entscheiden, welche Medikamente f\u00fcr welche Krankheiten oder Befindlichkeiten entwickelt werden. Nicht zuletzt bet\u00e4tigt sich die Industrie auch bei der Erfindung von Krankheiten, die den von ihr angebotenen Medikamenten kompatibel sind. Auf der Grundlage des geltenden Patentrechts verf\u00fcgt sie \u00fcber zumindest zeitlich begrenzte Marktmonopole. Die \u00c4rztInnen sind in diesem Zusammenhang nicht nur Objekt oder gar Opfer von Einflussnahme und der Strategien der Pharma- und\/oder Ger\u00e4teindustrie, sondern auch treibende Instanz des Ganzen. \u00dcber ihren Rezeptblock und ihren Ratschlag wird die Arzneiverordnung realisiert. Wenn die \u00c4rzteschaft heute zum Teil schon pharmakritische Positionen einnimmt, h\u00e4ngt das auch damit zusammen, dass die Ausgaben f\u00fcr Arzneimittel inzwischen den zweitgr\u00f6\u00dften Posten bei den GKV-Ausgaben darstellen und die Ausgaben f\u00fcr die ambulante \u00e4rztliche Behandlung nur noch den drittgr\u00f6\u00dften.<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere die Pharma-Industrie rechtfertigt die aus der Patentierung flie\u00dfenden Monopolertr\u00e4ge mit der Notwendigkeit von Forschung. Patentierbarkeit gilt in dieser Sicht als Voraussetzung f\u00fcr den medizinischen Forschritt. Dies ist in mehrfacher Hinsicht zu relativieren. Zun\u00e4chst einmal flie\u00dft ein sehr gro\u00dfer Teil der Monopol-Eink\u00fcnfte in Werbung und Vertrieb oder wird dazu verwendet, neue Produkte zu entwickeln, die keinen Zusatznutzen aufweisen und nur dazu dienen, neue Patentierungen zu erm\u00f6glichen. (Einer solchen Preispolitik wird in anderen L\u00e4ndern, unter anderem im erzliberalen Gro\u00dfbritannien durch eine staatliche Beh\u00f6rde Einhalt geboten, die eine Kosten-Nutzen-Abw\u00e4gung bei neuen oder vermeintlich neuen Arzneimitteln vornimmt. Empfehlungen f\u00fcr so genannte Analogpr\u00e4parate sieht auch die bundesdeutsche Arzneimittelverordnung vor; ihre Anwendung ist aber den verschreibenden \u00c4rztinnen \u00fcberlassen.) Des Weiteren macht sich die Forschung der Unternehmen nach wie vor wesentlich die Grundlagenforschung zunutze, die in \u00f6ffentlichen Forschungseinrichtungen wie Universit\u00e4ten geleistet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus entwickelt die Pharma-Industrie Medikamente nur dann, wenn eine ausreichend zahlungskr\u00e4ftige Nachfrage existiert oder M\u00f6glichkeiten gesehen werden, mit Hilfe von \u00c4rzten und anderen Wissenschaftlern, unter Umst\u00e4nden auch der WHO eine kaufkr\u00e4ftige Massennachfrage zu schaffen (Beispiel: Osteoporose-Vorbeugung mit Hormonen, generell Hormonvergabe an Frauen in und nach den Wechseljahren). Dies bedeutet, dass Medikamente f\u00fcr die Krankheiten von Armen nur unzul\u00e4nglich entwickelt oder zu Preisen verkauft werden, die diese nicht bezahlen k\u00f6nnen. Das gilt insbesondere im Weltma\u00dfstab. Die AIDS-Therapie ist ein besonders schlagendes Beispiel daf\u00fcr. Es ist daher notwendig, die \u00f6ffentliche Forschung auszubauen, eine \u00f6ffentliche Kontrolle \u00fcber Pharma- und Ger\u00e4tehersteller durchzusetzen und die Patentierbarkeit von Medikamenten zumindest erheblich einzuschr\u00e4nken, z.B. durch Zwangslizenzierungen. Auf gesamtstaatlicher Ebene w\u00e4ren Kommissionen oder Gremien notwendig, die z.B. verbindliche Positivlisten f\u00fcr Medikamente erstellen oder Behandlungsstandards festlegen. Solche Listen, wie man sie in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, z.B. \u00d6sterreich schon hat, liegen auch in der BRD seit l\u00e4ngerem vor. Noch ist es aber keiner Regierung gelungen, sie durchzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das von der rot-gr\u00fcnen Regierung 2004 eingerichtete Institut f\u00fcr Qualit\u00e4t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG)<a name=\"fnB5\" href=\"#fn5\"><sup>5<\/sup><\/a> stellt einen Versuch zu mehr Kontrolle u.a. der Pharmaindustrie dar. Die jetzige Regierung macht sich allerdings gerade daran, das Institut wieder zu entmachten, da es ihr zu unabh\u00e4ngig war und in seinen Gutachten und Entscheidungen eine pharmakritische Position gezeigt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine inzwischen in einigen peripheren L\u00e4ndern versuchte M\u00f6glichkeit ist die Herstellung von Generika \u2013 trotz geltender Patente. Laut dem geltenden TRIPS-Abkommen der Welthandelsorganisation ist dies allerdings nur wenigen \u201eleast developed countries\u201c erlaubt. Diese Regelung soll 2016 auslaufen, so dass auch in diesen Regionen eine kosteng\u00fcnstige Versorgung unm\u00f6glich werden wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Notwendig w\u00e4re schlie\u00dflich eine Neuorganisation des Medikamenten- und Ger\u00e4tevertriebs (z.B. die Abschaffung der PharmavertreterInnen), andere Vertriebswege als Pharmagro\u00dfhandel und Apotheken. Dabei kann es nicht um eine weitere Kommerzialisierung und Privatisierung gehen. Denkbar w\u00e4re es, die Medikamentenverteilung von den kommunalen Gesundheitszentren, die weiter unten beschrieben werden, durchf\u00fchren zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Pflegebereich haben wir es mit anderen Abh\u00e4ngigkeiten zu tun. Pflege ist ein integrativer Bestandteil jedes Ansatzes von Gesundheitspolitik und auch jeder Form von Gesundheitswesen, obwohl sie von allen Beteiligten, seien es Leistungserbringer, Kostentr\u00e4ger, PatientInnen oder auch die Pflegenden selbst, als ein quasi besonderer Teil gedacht wird: als etwas Zus\u00e4tzliches, als eine Art Dienstleistung f\u00fcr die Medizin oder eine Erg\u00e4nzung zu historisch \u2013 und immer noch \u2013 innerhalb von Familien organisierter Hilfeleistung bei Bed\u00fcrftigkeit. Auf Grund dieser Sichtweise der Pflege als etwas nur Additivem ist ihr insbesondere in den deutschsprachigen L\u00e4ndern nie eine eigenst\u00e4ndige Funktion im Gesundheitswesen zugedacht worden, geschweige denn, dass sie als ein Bereich wahrgenommen wird, der im Mittelpunkt anderer Konzepte von Gesundheitsversorgung stehen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Zuschreibungen konnten vorgenommen werden, weil es sich um einen Frauenberuf handelt, dessen Ausdifferenzierung aus dem famili\u00e4ren Kontext und damit eine tats\u00e4chliche Verberuflichung bis heute nicht gelungen ist. Schlie\u00dflich werden auch heute noch mehr als 80 Prozent aller pflegebed\u00fcrftigen Menschen in der Familie gepflegt, d.h. von Frauen, M\u00fcttern, Schwestern, Schwiegert\u00f6chtern und zunehmend von schlecht bezahlten, oft unqualifizierten Frauen aus Osteuropa. So hat die Einf\u00fchrung der Pflegeversicherung, von der eine enorme Zunahme an Arbeitspl\u00e4tzen in der ambulanten Pflege erwartet wurde, dazu gef\u00fchrt, dass Anspruchsberechtigte nicht Pflegeleistungen, sondern Geldleistungen beantragten, mit der die anverwandten Frauen entsch\u00e4digt werden konnten. Damit konnten immerhin gro\u00dfe Zahlen von Frauen aus den Zahlen der Arbeitslosen und Arbeitssuchenden herausgerechnet werden, wenn auch keine Arbeitspl\u00e4tze mit angemessener Entlohnung f\u00fcr sie geschaffen wurden. An dem Beispiel wird besonders deutlich, wie wichtig es ist, Sozial- und Gesundheitspolitik von der Infrastruktur als dem allgemeineren Begriff und nicht nur von einem Grundeinkommen her zu denken: Eine Gesundheitsversorgung als Bestandteil einer steuerfinanzierten Sozialpolitik mit einem garantierten, ausreichenden Grundeinkommen birgt schnell das Risiko, Pflege als Aufgabe von weiblichen (Familien-)Angeh\u00f6rigen mit den bekannten Folgen zu zementieren. Eine emanzipative soziale Infrastruktur muss diese Tendenz immer wieder mitdenken und Alternativen ausloten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine alternative Gesundheitspolitik, die als erstes die Gesunderhaltung, als zweites die Wiederherstellung von Gesundheit und als drittes eine menschliche Begleitung und Betreuung von unheilbar Kranken, Behinderten und Sterbenden zum Ziel hat, kann nur formuliert werden, wenn sie die genannten Faktoren kritisch einbezieht. Das hei\u00dft dann aber, Pflege anders zu definieren, als es gemeinhin getan wird. Um eine neue Definition zu finden, muss einerseits analysiert werden, wo welche Art von Pflege geleistet wird. Andererseits ist dann aufzuzeigen, wie Pflege andere Strukturen im Gesundheitswesen erm\u00f6glichen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein immer kleiner werdender Bereich von Pflege findet in der Akutversorgung in Krankenh\u00e4usern im Anschluss an chirurgische Eingriffe statt, wobei der Schwerpunkt nicht auf der pers\u00f6nlichen Betreuung, sondern immer st\u00e4rker auf der Kontrolle von \u00dcberwachungsger\u00e4ten liegt \u2013 ein Sektor, den es auch in einem anderen Gesundheitssystem geben wird. Dabei kann diese Art der Versorgung problemlos an technische Assistenzberufe (z.B. operationstechnische Assistenz) \u00fcbertragen werden, w\u00e4hrend die psychosoziale Versorgung eher von ambulanten Pflegepersonen \u00fcbernommen werden sollte, die anschlie\u00dfend die Nachversorgung zu Hause \u00fcbernehmen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Pflegesektor ist die eben erw\u00e4hnte ambulante Pflege, die kontinuierlich expandiert und immer mehr die fr\u00fchere Krankenhausversorgung, aber auch Teile der Altenpflege \u00fcbernimmt, die seit einigen Jahren verst\u00e4rkt auf den ambulanten Bereich verlegt werden. Zum anderen tritt sie als komplement\u00e4res oder ersetzendes Angebot zur Pflege durch Angeh\u00f6rige auf. Damit wird sie zu einer wichtigen Vermittlungsinstanz zwischen medizinischer Versorgung und sozialer Betreuung, eine Funktion, die sie zu einem zentralen Bereich in einer anderen Gesundheitsversorgung pr\u00e4destiniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte wichtige Pflegebereich ist die Betreuung chronisch kranker, behinderter oder pflegebed\u00fcrftiger Menschen als Langzeitpflege in station\u00e4ren Einrichtungen. Diese Versorgung ist seit langem weitgehend privatisiert und damit abh\u00e4ngig von der Kaufkraft der zu Versorgenden bzw. ihrer Familien \u00e4u\u00dferst unterschiedlich gestaltet. Hinzu kommt, dass dieser Bereich vorwiegend auf die Betreuung alter pflegebed\u00fcrftiger Menschen zugeschnitten ist, weniger jedoch auf die Versorgung von Kindern, jungen Erwachsenen oder Erwachsenen, die in Folge von Unf\u00e4llen oder schwerer, nicht heilbarer Erkrankungen pfleged\u00fcrftig werden und die dank einer guten medizinischen Unterst\u00fctzung trotz gesundheitlicher Beeintr\u00e4chtigungen eine hohe Lebenserwartung haben und damit wesentlich l\u00e4nger als \u00e4ltere Menschen in solchen Einrichtungen versorgt werden m\u00fcssen. Insbesondere in diesem Bereich gilt es, neue Strukturen zu denken, denn sowohl f\u00fcr die Betroffenen, f\u00fcr ihre Angeh\u00f6rigen und f\u00fcr diejenigen, die die Pflege leisten, sind die aktuellen Verh\u00e4ltnisse in der Regel unertr\u00e4glich.<a name=\"fnB6\" href=\"#fn6\"><sup>6<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Einen Sonderfall stellt die gesundheitliche Versorgung in hoch spezialisierten Privatkliniken f\u00fcr Privatpatienten dar, die im heutigen Gesundheitssystem eine wachsende Bedeutung erhalten. Da sie profitorientiert und zumeist hoch profitabel arbeiten, findet Pflege dort unter optimalen Bedingungen, bei guter Bezahlung und ausreichender Personalausstattung statt, weil die Pflege dort als eines der herausragenden Leistungsmerkmale mit hohen Service-\/Hotelcharakter verkauft wird. Es versteht sich, dass dieses Beispiel nicht verallgemeinerungsf\u00e4hig und auch nicht das Vorbild f\u00fcr das ist, was allen als Infrastruktur geboten werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt wird die Struktur des bestehenden Gesundheitssystems sowohl inhaltlich als auch finanziell faktisch durch ein Anbieterkartell beherrscht, das seine Klientel sozusagen autonom und weitgehend unkontrolliert bewirtschaftet. Die Pflege hingegen ist fast vollst\u00e4ndig privatisiert, und zwar in Hinblick auf die Durchf\u00fchrung als auch auf die Bezahlung von Pflegeleistungen. Damit r\u00fcckt sie zunehmend ins Visier aller Leistungsanbieter, die differenzierte Versorgungen anbieten, die sich immer mehr nach den Einkommen der Betroffenen und ihrer Angeh\u00f6rigen richten und nicht nach den S\u00e4tzen der Pflegeversicherung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als gelegentlich konkurrierender, in der Hauptsache aber erg\u00e4nzender Bereich ist die Wellness-, Naturheilkunde- bis Esoterik-Industrie dazugekommen, die \u201eAlternativen\u201c zu der naturwissenschaftlichen \u201eMaschinen-Medizin\u201c anbietet und \u00c4rzten wie Patienten das Leben nicht unbedingt leichter macht. Diese Teil-Industrie profitiert vor allem von den Defiziten der naturwissenschaftlichen Medizin in der \u201eGanzheitlichkeit\u201c der Behandlung und nat\u00fcrlich von der immer wieder auftretender Hilf- und Ausweglosigkeit in Fragen von Gesundheit, Krankheit und Sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das strukturell ungleiche Verh\u00e4ltnis zwischen ExpertInnen und Betroffenen macht eine Demokratisierung im Gesundheitsbereich besonders schwierig. Jedenfalls ist von Versuchen, das Verh\u00e4ltnis st\u00e4rker zu einer \u201eKunden\u201c-Beziehung umzugestalten, nichts zu erwarten. Kunden werden hier ebenso wie in anderen Bereichen von den einschl\u00e4gigen Industrien dazu veranlasst, die durch Werbung und PR vor-verkauften Waren und Dienstleistungen an den Verkaufsstellen (in anderen Bereichen gern und zutreffend \u201eoutlets\u201c genannt) abzuholen, im Fall von Medizin-Waren und -Diensten einzufordern. Auch Patienten-Vertretungen und Selbsthilfe-Gruppen k\u00f6nnen von der Industrie und ihren Experten (durch Informationsmaterial, Vortr\u00e4ge, Ver\u00f6ffentlichungen etc.) beeinflusst, wenn nicht sogar organisiert und gesteuert werden \u2013 und das noch leichter und manipulativer als die \u00c4rztInnen und ApothekerInnen. Im Interesse der Heilung von Krankheiten werden gerade von Patienteninitiativen und Selbsthilfegruppen Medikamente und Behandlungen eingefordert, deren Sinnhaftigkeit erst noch bewiesen werden muss. Nicht zuletzt erhalten die Initiativen, die sich um solche Erkrankungen bem\u00fchen, die in der \u00d6ffentlichkeit besonderes Mitgef\u00fchl erregen oder aber den Interessen der Pharmaindustrie entgegenkommen, mehr finanzielle und materielle Unterst\u00fctzung als viele andere. Insofern ist es problematisch, in den bestehenden Patientenvertretungen prinzipiell Repr\u00e4sentanten allgemeiner Patienteninteressen sehen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re notwendig, systematisch Bedingungen daf\u00fcr zu schaffen, dass eine ausreichende Aneignung von Kompetenzen auf Seiten der PatientInnen m\u00f6glich wird. Das Verh\u00e4ltnis zwischen \u00c4rztInnen und PatientInnen m\u00fcsste bestm\u00f6glich dem Prinzip informierter \u00dcbereinstimmung (\u201epreliminary informed consent\u201c) folgen, was sowohl entsprechende F\u00e4higkeiten der MedizinerInnen als auch der zu Behandelnden voraussetzt. Um Patienteninteressen zur Geltung zu bringen, gen\u00fcgt es nicht, die Kommunen von einer Selbstverpflichtung zu \u00fcberzeugen, z.B. Gesundheitskonferenzen einzurichten. Diese Strategie ist Mitte der 80er Jahre im Rahmen der \u201eGesunde-St\u00e4dte-Initiative\u201c der WHO verfolgt worden und sollte B\u00fcrger, Gewerkschaften, Verwaltungsbeamte und Arbeitgeber an einen Tisch bringen; \u00c4rzte und Pflegekr\u00e4fte sollten dabei als Berater fungieren. Wirkungsvoller ist es, \u00e4hnlich der englischen Praxis, die Mitentscheidung von B\u00fcrgerInnen gesetzlich zu verankern. Mit dem Konzept der \u201ePatient Partnership\u201c stehen sich Laien und Professionelle nicht mehr l\u00e4nger als \u201eNutzer\/Kunden\u201c und \u201eAnbieter\u201c gegen\u00fcber sondern als gleichberechtigte Parteien. So werden dort neue ambulante Einrichtungen nur noch dann staatlich gef\u00f6rdert, wenn die B\u00fcrger nachweislich bei Planung und Durchf\u00fchrung beteiligt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sich hierzulande erst aufbauende und daran angeschlossene Schadenersatz-, Kunstfehler- und sonstige Anwalts-Teilindustrie (in den USA kann man ihre volle Wirksamkeit beobachten) ist f\u00fcr viele vermeidbare Untersuchungen und einiges an B\u00fcrokratie im Arzt-Patienten-Verh\u00e4ltnis, aber kaum f\u00fcr erh\u00f6hte Sorgfalt verantwortlich. Eine gemeinsame Orientierung auf das Pflegen von Gesundheit und das kluge Management von k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigungen statt auf die m\u00f6glichst effiziente \u201eReparatur\u201c von Sch\u00e4den und Krankheiten zu achten, bietet am ehesten eine Chance auf eine sinnvolle Kooperation. Dass der Arzt die \u201em\u00f6glichst effiziente Reparatur\u201c beherrscht, ist allerdings vorausgesetzt, besonders bei hoch komplizierten operativen oder medikament\u00f6sen Eingriffen, aber auch schon bei dem ber\u00fchmten entz\u00fcndeten Blinddarm dessen, der die \u201eMaschinen-Medizin\u201c kritisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen sozialmedizinischen Konsens, dass alle Pr\u00e4ventions-Politik (selbst wenn sie gesamtstaatlich stattf\u00e4nde) eine lokale und regionale Grundlage braucht. \u00c4hnlich muss jede soziale, daher auch medizinische Versorgung der Bev\u00f6lkerung lokal und regional stattfinden. Von beiden Seiten her bieten sich \u201elokale Gesundheitszentren\u201c als Organisationseinheit an.<\/p>\n\n\n\n<p>Lokale Gesundheitszentren<\/p>\n\n\n\n<p>In der Versorgung k\u00f6nnen lokale Gesundheitszentren die Funktionen wiederbeleben, die einst der h\u00e4ufig mythologisierte Gemeinde- und Landarzt oder auch die Gemeindeschwester in der DDR hatte. Deren T\u00e4tigkeitsbilder als an Gesundheitsfragen orientierte Gemeinwesenarbeit ist wohl bis heute teilweise eine Motivation f\u00fcr die Wahl des Arzt-Berufs. Die Schwierigkeit, Land\u00e4rztInnen zu gewinnen, w\u00e4hrend es in der Stadt eher ein \u00dcberangebot gibt, spricht allerdings daf\u00fcr, dass diese Art von Romantik in den K\u00f6pfen und in der Realit\u00e4t zur\u00fcckgeht. Es ist keine falsche Idee, dass man in Gesundheits- wie Krankheitsfragen stabile, nicht hoch spezialisierte ExpertInnen zur Verf\u00fcgung haben sollte, die die Person und ihre Geschichte kennen und mit denen man sich entsprechend \u201eganzheitlich\u201c beraten kann, die aber auch \u00fcber die Spezialeinrichtungen der Medizin informiert sind und bei deren Benutzung beraten und unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Es ist ebenso sinnvoll, dass Gemeinde\u00e4rztInnen oder auch niedergelassene Pflegende, die neben dem Medizin-\/Pflegestudium eine Public Health-Qualifikation haben m\u00fcssten, sich auch f\u00fcr die Gesundheitsgef\u00e4hrdungen interessieren, die es in der Gemeinde gibt, und die PatientInnen darauf aufmerksam machen m\u00fcssten.<a name=\"fnB7\" href=\"#fn7\"><sup>7<\/sup><\/a> Die Stabilit\u00e4t einer solchen Beziehung zwischen PatientInnen und den sie betreuenden Fachpersonen (im Gesundheitsjargon: CasemanagerInnen oder GatekeeperInnen) wird gewiss durch die zunehmende Mobilit\u00e4t der PatientInnen wie des Gesundheitspersonals erschwert. Sie besteht aber andererseits f\u00fcr viele Leute sehr wohl, f\u00fcr noch mehr jedenfalls in den wichtigen Phasen von Kindheit und Alter.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zur Einzelpraxis-Situation, in der vereinzelte \u00c4rztInnen vereinnahmt und \u00fcberfordert und so zu Au\u00dfenposten der Industrien und der Verwaltungen, nicht zuletzt der Krankenkassen gemacht werden, die zugleich noch unternehmerisch darauf achten m\u00fcssen, dass auch f\u00fcr sie pers\u00f6nlich \u201edie Kasse stimmt\u201c, kann ein lokales Gesundheitszentrum einige Bedingungen f\u00fcr eine sachliche Arbeit herstellen helfen: Dort w\u00e4ren mehrere \u00c4rztInnen mit unterschiedlichen Spezialisierungen und mit einem gemeinsamen Maschinenpark kooperativ t\u00e4tig. Dar\u00fcber hinaus w\u00e4re die Zusammenarbeit zwischen \u00c4rztInnen, Pflegenden, TherapeutInnen, PharmazeutInnen usw. unmittelbar sichergestellt. Auch eine Koordination mit \u00f6rtlichen sozialen Diensten, besonders den mobilen, w\u00e4re leicht herzustellen. Durch die M\u00f6glichkeit der leichten kollegialen Konsultation und unmittelbaren \u00dcberweisung kann das Zentrum schneller das diagnostisch Notwendige erledigen und dem sonst als \u201eEinzelk\u00e4mpfer\u201c t\u00e4tigen betreuenden Arzt die kollegiale \u201eR\u00fcckendeckung\u201c geben. Schwer, allein schon terminlich f\u00fcr die PatientInnen, fachlich f\u00fcr die \u00c4rztInnen zu koordinierende \u00dcberweisungen, Doppelbehandlungen und Ger\u00e4te\u00fcberkapazit\u00e4ten, die im bestehenden System die Regel sind, k\u00f6nnen dadurch vermieden werden. Therapie- und das hei\u00dft Medikamenten-Entscheidungen k\u00f6nnen kooperativ gef\u00e4llt werden. Dazu besteht eine erweiterte M\u00f6glichkeit, mobile Dienste der Therapie und h\u00e4uslichen Pflege anzuschlie\u00dfen, sie der sozialen Situation der Patienten anzupassen und mit dem betreuenden Arzt bzw. der betreuenden Pflegeperson zu koordinieren. Wenn ein Potential der Einsparung station\u00e4rer Aufenthalte besteht, wird das der Weg sein, es zu realisieren. Dass die Dienste der Schwangeren- und M\u00fctterberatung, die amts\u00e4rztlichen Funktionen, dazu Erziehungsberatung und verwandte Dienste dort angesiedelt sein werden, versteht sich. Auch die Distribution von Medikamenten und Heil-\/Hilfsmitteln \u00fcber diese Zentren w\u00fcrde einen rationaleren Umgang mit diesen erm\u00f6glichen und die uneingeschr\u00e4nkte Macht der Apotheken und der Pharmaindustrie in Frage stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lokale Gesundheitszentren unter dem Gesichtspunkt der Versorgung einzurichten, ist keineswegs unerh\u00f6rt. Man kennt sie in verschiedenen L\u00e4ndern. Auch bei uns war in der Weimarer Republik die Organisationsform der \u201eAmbulanzen\u201c schon st\u00e4rker entwickelt, bevor sie zum \u201eSchutz\u201c der niedergelassenen \u00c4rzte zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurde, wie es nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten dann auch mit den in der DDR \u00fcblichen Polikliniken wiederholt wurde. Wie die Entstehung von Gemeinschaftspraxen, \u00c4rzteh\u00e4usern und neuerdings auch Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) zeigt, besteht in Teilen der \u00c4rzteschaft selbst durchaus Interesse an solchen kooperativen Organisationsformen. Sie zu f\u00f6rdern und zu ermutigen, k\u00f6nnte schon einen Teil des \u00dcbergangs erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Strukturen daf\u00fcr wurden im ambulanten Sektor inzwischen geschaffen: Leistungserbringer k\u00f6nnen heute Medizinische Versorgungszentren (MVZ) einrichten, in denen \u00c4rztInnen als Angestellte arbeiten k\u00f6nnen. Im ersten Quartal 2009 gab es lt. KBV ca. 1250 MVZ mit insgesamt ca. 5850 \u00c4rzten. 52 % von diesen MVZ sind in der Tr\u00e4gerschaft von Vertrags\u00e4rzten und 38 % in der Tr\u00e4gerschaft von Krankenh\u00e4usern. Diese MVZ bieten sich in der Tat an, wie eine Art Poliklinik bzw. lokales Gesundheitszentrum genutzt zu werden \u2013 wenn sie nicht unter den aktuellen politischen und \u00f6konomischen Bedingungen f\u00fcr andere Zwecke nutzbar gemacht werden sollten. Sie bieten den Krankenh\u00e4usern die M\u00f6glichkeit, den ambulanten Gesundheitsmarkt zu betreten, was ihnen zuvor verwehrt war. Das allein w\u00e4re als eine Konkurrenz zu den bestehenden ambulanten Strukturen durchaus begr\u00fc\u00dfenswert. Zugleich aber sind mit diesen Strukturen f\u00fcr Konzerne wie Helios, Rh\u00f6nklinikum AG, Asklepios etc. die T\u00fcren ge\u00f6ffnet, im ambulanten Sektor Fu\u00df zu fassen. Damit wird der ambulante Bereich f\u00fcr die gro\u00dfen Konzerne und Aktiengesellschaften zug\u00e4nglich. Die enge Verzahnung von station\u00e4rer und ambulanter Versorgung, die zwar w\u00fcnschenswert ist, dient unter diesen Vorzeichen ausschlie\u00dflich der Monopolisierung der Gesundheitsversorgung.<\/p>\n\n\n\n<p>Im station\u00e4ren Sektor bietet dazu das Konzept des Klassenlosen Krankenhauses (\u201eHanauer Modell\u201c) Anregungen, das Anfang der 70er Jahre vor allem von Hans See und Martin Woythal entwickelt wurden. Zentrales Anliegen ist dabei, das privatwirtschaftliche Profitinteresse aus dem Krankenhaus zu verbannen und ein integriertes Gesundheitssystem zu schaffen. Um die Grenze zwischen ambulanter und station\u00e4rer Versorgung aufzuheben (und damit das Monopol der niedergelassenen \u00c4rzte aufzubrechen), sieht die Planung die Einrichtung von \u201ePolikliniken\u201c an jedem Krankenhaus vor, die die Nahtstelle zwischen beiden Versorgungsarten bilden. In kleineren Gemeinden m\u00fcsste es Gruppenpraxen geben, in denen Allgemeinmediziner, Fach\u00e4rzte, Sozialarbeiter und Psychologen arbeiten. Zentrale Merkmale des neuen Krankenhauses w\u00e4ren:<\/p>\n\n\n\n<p>Alle zahlen den gleichen Pflegesatz.<br>\nDie Beseitigung der Chefarzthierarchie und die Einrichtung einer Krankenhauskonferenz, in die die Mitarbeiter des Krankenhauses bis hin zum Techniker, Verwalter, Krankenhaustr\u00e4ger und auch ein Patientenanwalt nach einem bestimmten Schl\u00fcssel gew\u00e4hlt werden. Jeder Facharzt und jede examinierte Pflegekraft tr\u00e4gt die volle Eigenverantwortung.<br>\nDie Abschaffung des privaten Liquidationsrechts.<br>\nDie kassen\u00e4rztliche Vereinigung w\u00fcrde ihren Sicherstellungsauftrag und das \u00e4rztliche Behandlungsmonopol aufgeben m\u00fcssen.<br>\nSees Modell der Polikliniken kommt unseren Vorstellungen von lokalen Gesundheitszentren sehr nahe. So betrachtet w\u00e4ren sie nicht viel mehr als die zeitgem\u00e4\u00dfe, sozialmedizinisch aufgekl\u00e4rte und insofern allerdings auch notwendige Weiterentwicklung und Rationalisierung des traditionellen Modells der \u00e4rztlichen Praxis.<\/p>\n\n\n\n<p>Pflege und der Umgang mit l\u00e4nger andauernden Beeintr\u00e4chtigungen ist ein weiterer und immer wichtiger werdender Bereich des Gesundheitssystems, deren Organisation und Koordination zu den zentralen Aufgaben von \u201elokalen Gesundheitszentren\u201c geh\u00f6rt. Daf\u00fcr sorgen nicht zuletzt die Ver\u00e4nderungen der Altersstruktur und der Familien- und Lebensverh\u00e4ltnisse. Pflege geht \u00fcber das Medizinische hinaus, insofern sie dazu beitr\u00e4gt, den jeweiligen alters- und\/oder krankheitsbedingten Umst\u00e4nden Rechnung tragend eine vern\u00fcnftige Gestaltung des Lebens zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich lassen sich aber aus den oben genannten Aufgabenbereichen der Pflege einige konkrete Versorgungsformen entwickeln, die wichtige Teile eines alternativen Gesundheitssystems ausmachen k\u00f6nnten. Ein Schwerpunkt liegt dabei in der Rolle, die die Pflege bei der regionalen Versorgung durch Gesundheitszentren spielen k\u00f6nnte. So k\u00f6nnen Pflegepersonen, die schon seit Beginn der Vernaturwissenschaftlichung der Medizin als \u00dcbersetzerinnen zwischen dem wissenschaftlichen, exkludierenden Anspruch der Medizin und den Erwartungen der Laien-Patienten fungieren, diese Mediation zwischen medizinischem Wissen und Gesundheits- und Krankheitsempfinden der PatientInnen ausbauen. Auf Grund ihrer medizinischen Kenntnisse und ihrer sozialen Kompetenzen sollte die Pflege die erste Kontaktm\u00f6glichkeit f\u00fcr potenzielle PatientInnen darstellen, und zwar schon im Hinblick auf die subjektive Definition von Gesundheit und Krankheit. Denn auch im Gegensatz zu AllgemeinmedizinerInnen werden Pflegende st\u00e4rker als \u201evertraute\u201c Personen wahrgenommen, die den PatientInnen und Angeh\u00f6rigen weniger als Fremde gegen\u00fcberstehen, sondern als Menschen aus dem eigenen Umkreis, vor denen man sich nicht f\u00fcrchten muss. Sie k\u00f6nnten also die hierarchische Beziehung zwischen Fachleuten und Laien zu einem Teil demokratisieren. Dar\u00fcber hinaus haben Pflegende, die in der h\u00e4uslichen\/ambulanten Versorgung t\u00e4tig sind, einen Einblick in famili\u00e4re Bedingungen, durch die sie krankmachende Lebens- und Arbeitsbedingungen wesentlich fr\u00fcher erkennen k\u00f6nnen als dies von medizinischer Seite der Fall ist. Das hei\u00dft, sie k\u00f6nnten dazu beitragen, den Kompetenzerwerb der PatientInnen zu unterst\u00fctzen, und gemeinsam mit den Betroffenen Ma\u00dfnahmen entwickeln, die vormedizinisch wirksam w\u00fcrden. F\u00fcr die Wahrnehmung solcher Aufgaben gibt es vor allen Dingen in peripheren und semiperipheren L\u00e4ndern zahllose Beispiele, in denen Pflegende zur Bew\u00e4ltigung des \u00c4rztemangels sehr erfolgreich eingesetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang ist es nicht unwichtig zu bemerken, dass Pflegende in der BRD keine Leistungen, Medikamente oder Hilfsmittel verordnen d\u00fcrfen \u2013 was auch nicht ge\u00e4ndert werden sollte. Das hei\u00dft, die Rolle derer, die Krankheit definieren, w\u00e4re zumindest in den ersten Stadien losgel\u00f6st von der Rolle derer, die Diagnosen stellen und Therapien verordnen. Damit l\u00e4sst sich der unmittelbare Einfluss der Pharmaindustrie deutlich zur\u00fcckdr\u00e4ngen. Dar\u00fcber hinaus werden in weiten Teilen der Pflegeberufe heute bereits alternative Behandlungsmethoden schon deshalb empfohlen, weil diese als Wettbewerbsvorteil gegen\u00fcber den \u00c4rzten eingesetzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die organisatorische und inhaltliche Einbindung der Pflege in die Gesundheitszentren, in denen sie selbstverst\u00e4ndlich als gleichberechtigte Mitglieder der therapeutischen Teams arbeiten, w\u00fcrde gleichzeitig gew\u00e4hrleisten, dass sie auf Grund enger Kommunikationsstrukturen durchaus \u00fcber medizinische Entwicklungen und M\u00f6glichkeiten informiert w\u00e4ren. Andererseits k\u00f6nnten sie fr\u00fchzeitig m\u00f6gliche epidemiologische Ver\u00e4nderungen kommunizieren und gemeinsam mit den \u00c4rztinnen und den Betroffenen entsprechende Strategien zur Gegensteuerung entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Art der Gesundheitsversorgung, die den unmittelbaren Lebensbereich einbezieht, w\u00e4re in einem anderen Gesundheitssystem auch noch viel st\u00e4rker auf die gesundheitliche Beratung am Arbeitsplatz auszudehnen. Auch hier k\u00f6nnte an die Stelle der h\u00e4ufig gar nicht anwesenden Betriebs\u00e4rztInnen beruflich Pflegende treten, die gemeinsam mit den Besch\u00e4ftigten Quellen f\u00fcr Gesundheitsst\u00f6rungen definieren, gesundheitliche Beeintr\u00e4chtigungen der unterschiedlichen Besch\u00e4ftigtengruppen identifizieren und bekannt machen. Auch die Beratung und die Propagierung pr\u00e4ventiver Ver\u00e4nderungen im Betrieb lie\u00dfe sich auf diese Weise schneller und situationsbezogener organisieren. Au\u00dferdem sollte man sich hier \u2013 anstelle von Arbeitsmedizin \u2013 wieder auf Ans\u00e4tze von Arbeitermedizin besinnen, in der die Besch\u00e4ftigten Subjekt der Untersuchung und \u2013 soweit es geht \u2013 auch der Behebung der Ursachen von Arbeitsbelastungen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Ansatz, der an Gesunderhaltung und Pr\u00e4vention orientiert ist, w\u00fcrde es erm\u00f6glichen, unterschiedliche Lebensfelder wie Kinderg\u00e4rten und Schulen viel st\u00e4rker einzubeziehen. Eine Sensibilisierung f\u00fcr Gesundheitsrisiken wie auch die Durchf\u00fchrung pr\u00e4ventiver Programme k\u00f6nnte dort ebenfalls als Teil der allgemeinen Ausbildung, aber nicht als Teil einer totalen Kontrolle erreicht werden. Auch hier bieten sich eher Pflegende als kontinuierlichere AnsprechpartnerInnen an als \u00c4rztInnen, denn hier geht es vor allen Dingen um Fragen von Lebensstilen und den individuellen Umgang mit dem eigenen K\u00f6rper, denn um die Behandlung und das Kennenlernen verschiedener Krankheitsbilder.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus muss Pflege selbstverst\u00e4ndlich die akute Pflege nach Krankenhausaufenthalten zu Hause durchf\u00fchren, da diese in Folge der inzwischen sehr fr\u00fchen Entlassung aus den Krankenh\u00e4usern hoch professionelle Anforderungen stellt, die von Angeh\u00f6rigen oder anderen Laien nicht erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen. Allerdings sollte in der darauf folgenden Phase ebenso wie bei Menschen, die auf Grund ihres Alters und\/oder gesundheitlicher Beeintr\u00e4chtigungen bis hin zu schweren Behinderungen zu Hause versorgt werden m\u00fcssen, ambulante Pflege anders organisiert werden als heute. Dabei sollten beruflich Pflegende ihre Hauptverantwortung in der Unterst\u00fctzung und Organisation von Pflegenetzwerken sehen, die sich auf vielf\u00e4ltige Weisen zusammensetzen k\u00f6nnten und in denen auch zu Pflegende als Hilfen f\u00fcr andere Pflegebed\u00fcrftige mitwirken k\u00f6nnen. Wichtig beim Aufbau solcher Netzwerke w\u00e4re es, dass individuelle W\u00fcnsche und Pr\u00e4ferenzen der Pflegebed\u00fcrftigen ber\u00fccksichtigt werden, und zwar nicht nur in Hinblick auf Personen, sondern auch auf den Umfang von Pflegeleistungen, der nicht einem vorgeschriebenen Automatismus unterliegen sollte. Gleichzeitig m\u00fcsste garantiert werden, dass Laienpflegende, insbesondere dann wenn es sich um nahe Angeh\u00f6rige handelt, vor eigenen Gesundheitssch\u00e4den (k\u00f6rperlich oder psychisch) gesch\u00fctzt werden. Die Versorgung von Pflegebed\u00fcrftigen k\u00f6nnte somit vielmehr zu einer gemeinsamen Aufgabe werden, in denen Hilfe \u00fcber die Familie und die professionelle Unterst\u00fctzung hinaus garantiert w\u00e4re und die auch die pflegerischen Aktivit\u00e4ten von M\u00e4nnern zulassen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiges Moment einer anderen Gesundheitsversorgung muss eine andere Pflege von sterbenden und von Menschen mit schwersten gesundheitlichen Beeintr\u00e4chtigungen sein, d.h. von solchen Menschen, die nicht in ihrem Zuhause gepflegt werden k\u00f6nnen, die sich selbst nicht mehr an ihrer Versorgung beteiligen k\u00f6nnen und die nicht einmal mehr ihre W\u00fcnsche bez\u00fcglich der Versorgung ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Sicherlich wird sich die Anzahl dieser Personen reduzieren, wenn mit Hilfe von Pflegenetzwerken eine komplexe ambulante Versorgung erm\u00f6glicht wird, die zu Hause und auch vermehrt in Tages- und Kurzzeiteinrichtungen von einer Vielzahl von HelferInnen durchgef\u00fchrt wird und somit die in der Familie Verantwortlichen entlastet. Zun\u00e4chst einmal m\u00fcssen kleine, dezentrale station\u00e4re Einrichtungen inmitten der Kommunen eingerichtet werden, so dass auch hier die Pflegenetzwerke in die Betreuung einbezogen werden k\u00f6nnten und die Gettoisierung beendet wird. Empfehlenswert sind kleine Wohneinheiten f\u00fcr nicht mehr als zehn Pfleged\u00fcrftige mit angemessenen Aufenthaltsr\u00e4umen f\u00fcr die BetreuerInnen, beruflichen und Laien. Mittlerweile gibt es zahlreiche Modelle und Experimente, in denen alternative Versorgungsarten erprobt werden, und zwar rein privat organisierte wie auch solche, die von den Kommunen unterst\u00fctzt werden. Zu garantieren ist, dass in diesen Bereich hoch professionelles Personal besch\u00e4ftigt wird, was nicht hei\u00dfen muss, dass hier nur Pflegende mit entsprechenden Weiterqualifikationen t\u00e4tig sind, sondern vielmehr m\u00fcssen es Personen sein, die physisch und psychisch darauf vorbereitet sind, diese extrem belastenden Situationen so zu bew\u00e4ltigen, dass weder die zu Pflegenden noch sie selbst Schaden nehmen. Feststeht, dass dieser Bereich einen wesentlich h\u00f6heren Finanzbedarf haben wird als heute, da in vielen solchen Einrichtungen gegenw\u00e4rtig nicht gepflegt, sondern nur versorgt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Arbeitsverh\u00e4ltnisse angeht, w\u00e4re grunds\u00e4tzlich davon auszugehen, dass das Gesundheitspersonal, also \u00c4rztInnen, TherapeutInnen, PflegerInnen usw. von den Gesundheitszentren angestellt werden. In diesem Fall w\u00fcrde sich die Abrechnung von Einzelleistungen er\u00fcbrigen. Nat\u00fcrlich w\u00fcrden freie Arztpraxen u.\u00e4. weiter bestehen, aber nicht mehr eine tragende S\u00e4ule des Gesundheitssystems darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Gesundheitszentren m\u00f6glichst lokal und bedarfsnah einzurichten w\u00e4ren, bestimmte Ger\u00e4te und Spezialbehandlungsm\u00f6glichkeiten aber einen gr\u00f6\u00dferen Einzugsbereich erfordern, w\u00e4re an regionale Gesundheitszentren auf h\u00f6herer Ebene zu denken, die in Kooperation mit den lokalen Zentren diese betreiben. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcsste es eine regionale, lokale, zentrale Instanz geben, die plant, wo welche und wie viele Zentren eingerichtet werden sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Finanzierung<\/p>\n\n\n\n<p>Sozialpolitisch spannend wird diese Organisationsform durch die Steuer-Finanzierung und durch ihre Pr\u00e4ventions-Komponente.<\/p>\n\n\n\n<p>Die herk\u00f6mmliche parit\u00e4tische Beitragsfinanzierung des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems wird mehr und mehr ausgeh\u00f6hlt. Die neueste \u201eReform\u201c sieht nun eine teilweise Finanzierung durch Steuern vor, deren Umfang stetig ansteigt. Dass die herk\u00f6mmliche Form der parit\u00e4tischen Beitragsfinanzierung zur Disposition steht, ist sp\u00e4testens mit der schwarz-gelben Regierung offenkundig und es ist, wie gesagt, nicht unbedingt sinnvoll, sie verteidigen zu wollen. Es w\u00e4re vielmehr notwendig, das \u00f6ffentliche Gesundheitssystem v\u00f6llig auf Steuerfinanzierung umzustellen. Dadurch k\u00f6nnte die ausschlie\u00dfliche Belastung von Lohneinkommen aufgehoben und die Finanzierung auf eine breitere Basis gestellt werden. Dies folgt dem von uns grunds\u00e4tzlich formulierten Prinzip, die soziale Sicherung von ihrer Bindung an das Lohnarbeitsverh\u00e4ltnis zu l\u00f6sen. Steuerfinanzierung w\u00fcrde es auch leichter m\u00f6glich machen, die finanziellen Mittel nach regionalen und lokalen Bedarfskriterien an die dezentralen Versorgungszentren zu verteilen. Dass damit die Finanzierung des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems st\u00e4rker von den jeweiligen politischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen abh\u00e4ngt, ist sicher. Allerdings wird die parit\u00e4tische Beitragsfinanzierung, die das Mittelaufkommen im Wesentlichen an den von \u00c4rztInnen und Pharma-Industrie gesteuerten \u201eBedarf\u201c anpasst, schon heute mehr und mehr durchl\u00f6chert. Voraussetzung einer sozial ausgeglichenen Steuerfinanzierung w\u00e4re allerdings eine grundlegende Umgestaltung des Steuersystems, das einen immer regressiveren, d.h. die \u00c4rmeren belastenden Charakter erhalten hat. So lange die Lohnsteuern der gr\u00f6\u00dfte Batzen im Steuertopf sind, h\u00e4ngt die Finanzierung auch wieder stark von Lohneinkommen ab. Eine Steuerfinanzierung des Gesundheitswesens macht daher nur Sinn, wenn die Einkommens- und Gewinnsteuern drastisch erh\u00f6ht werden, die Verm\u00f6genssteuer wieder eingef\u00fchrt und die Erbschaftssteuer angehoben wird. Damit w\u00fcrden alle Mitglieder der Gesellschaft entsprechend ihrer Einkommens- und Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnisse an der Finanzierung der Gesundheits-Infrastruktur beteiligt und ihre Nutzung w\u00fcrde allen offen stehen. Private Versicherung k\u00e4me dann nur noch f\u00fcr besondere Zusatzleistungen, etwa im so genannten Wellness-Bereich oder f\u00fcr Pr\u00e4parate, f\u00fcr die gleichwertige oder billigere Ersatzstoffe vorhanden sind, in Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>Steuer-Finanzierung der Gesundheits-Sicherung hei\u00dft, dass die Krankenkassen, wenn \u00fcberhaupt, dann nur in einem Teil ihrer Funktionen erhalten bleiben und in einem anderen Teil, dem des Eintreibens der Beitr\u00e4ge, ersatzlos auslaufen. Dasselbe gilt f\u00fcr die kassen\u00e4rztlichen Vereinigungen. Nat\u00fcrlich ist weiterhin eine Verwaltung der Finanzierung n\u00f6tig und auch eine Kontrolle der Einzelleistungen, die erbracht werden, wird sich nicht ganz er\u00fcbrigen. Aber zweifellos wird Gesundheitsvorsorge als Infrastruktur viele Leistungen enthalten, die sich nicht einzeln zurechnen lassen und die daher pauschal finanziert werden m\u00fcssen. Die Finanzierung der lokalen Gesundheitszentren wird aus zentralen Mitteln unter Ber\u00fccksichtigung regional unterschiedlicher Bedarfslagen erfolgen (wie z.B. in England praktiziert). Indem ein Teil der Finanzierung aus den Steuereinnahmen der Gemeinden erfolgt, entstehen dort Motive, an einer m\u00f6glichst effektiven lokalen Gesundheitspolitik und Patientenversorgung mitzuarbeiten. Verg\u00fctungsverfahren f\u00fcr Einzelleistungen, soweit noch vorhanden, m\u00fcssten so gestaltet werden, dass das \u00f6konomische Interesse nicht mehr Ausma\u00df und Formen der Behandlung bestimmt. Wenn Finanzierung und Verwaltung v\u00f6llig auf diese Zentren \u00fcbergehen, werden Krankenkassen und kassen\u00e4rztliche Vereinigungen \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n\n\n\n<p>Demokratische Selbstverwaltung<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die lokalen Gesundheitszentren mehr sein sollen als Einrichtungen einer guten und effizienten Versorgung der Bev\u00f6lkerung im Krankheitsfall, wenn sie f\u00fcr die Erhaltung der Gesundheit zust\u00e4ndig sein sollen, m\u00fcssen sie Aufgaben auf Dauer stellen, die heute im Rahmen von Bauaufsicht und Betriebszulassungen, zum Teil aber auch gar nicht oder von privaten und B\u00fcrger-Initiativen geleistet werden. Sie m\u00fcssen imstande sein, m\u00f6gliche Gef\u00e4hrdungen der Gesundheit durch Wirtschaft und Verkehr zu erkennen und abzustellen und Planungen so anzuleiten, dass die Bedingungen eines gesunden Lebens gesichert werden. Aus der Patientenversorgung k\u00f6nnen dazu Informationen anfallen, aber \u00fcberwiegend werden sie aus anderen Bereichen der Verwaltung kommen oder aktiv gesucht werden m\u00fcssen. Die Gesundheitszentren werden also einerseits Fachleute f\u00fcr Sozial-, Arbeits- und Umwelt-Medizin haben und andererseits in breitere Planungsprozesse eingebunden sein m\u00fcssen. Umgekehrt werden solche \u00fcbergreifenden Gremien auf die Arbeit der Gesundheitszentren Einfluss haben. Gesundheit wird damit organisatorisch zu einer Aufgabe von Gemeindepolitik \u00fcberhaupt gemacht, und das in beiden Richtungen. Politik hat die Bedingungen f\u00fcr den Erhalt der Gesundheit herzustellen und sie hat daf\u00fcr zu sorgen, dass die trotzdem notwendige Versorgung von Sch\u00e4den und Krankheiten in den Rahmen der allgemeinen Gemeindepolitik gestellt wird. Dazu m\u00fcssen rechtliche Bindungen der Kommunen geschaffen werden, die sie zur Kooperation mit Laien und Professionellen verpflichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz entscheidend ist, dass die Gesundheitszentren mit demokratischen Selbstverwaltungs-Strukturen ausgestattet werden (vgl. dazu z.B. Schweden). Grunds\u00e4tzlich muss das Gesundheitssystem so organisiert sein, dass die Interessen der Betroffenen gegen\u00fcber Gesundheitsexperten und Unternehmen klarer zur Geltung kommen. Allerdings bleibt Expertenwissen notwendig und Patientenbed\u00fcrfnisse k\u00f6nnen durchaus, wie schon erw\u00e4hnt, von der Pharma- und Ger\u00e4teindustrie manipuliert werden. In den Leitungsgremien der dezentralen Versorgungszentren m\u00fcssten daher auch unabh\u00e4ngige Experten vertreten sein \u2013 neben der Bev\u00f6lkerung und relevanten Teilen der sonstigen Gemeinde-Verwaltung und -Politik. Wie deren Zusammensetzung, Auswahl und Legitimation aussehen sollte, w\u00e4re noch zu \u00fcberlegen. Eine derartige Repr\u00e4sentationsstruktur ist eine wesentliche Voraussetzung daf\u00fcr, dass die Gesundheitsversorgung spezifischen lokalen Bed\u00fcrfnissen angepasst und \u00fcber Priorit\u00e4ten demokratisch und nicht nach Expertenpriorit\u00e4ten oder \u00f6konomischen Interessen entschieden werden kann. Sie w\u00e4re eine wesentliche Voraussetzung daf\u00fcr, dass die Abh\u00e4ngigkeit der Patienten von den Experten zumindest relativiert wird. Dabei m\u00fcssten Erfahrungen mit Methoden der \u201eBedarfsermittlung von unten\u201c (italienische Arbeitermedizin, Gewerkschaften) ber\u00fccksichtigt werden. Ein wesentliches Ziel der Bismarckschen Sozialreformen, von denen die Struktur des deutschen Sozialstaatssystems bis heute bestimmt wird, war die Zerschlagung selbstverwalteter Arbeiter-Selbsthilfeorganisationen und -krankenkassen. Dem diente auch die Einf\u00fchrung der parit\u00e4tischen Beitragsfinanzierung, die den Unternehmen eine ma\u00dfgebliche Rolle im Gesundheitssystem einr\u00e4umte. Damit g\u00e4lte es Schluss zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einladung zur Weiterarbeit<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben mit diesen \u00dcberlegungen einen Vorschlag gemacht, wie, statt am bestehenden Krankenversicherungsmodell \u201eherumzudoktern\u201c, eine \u201eGesundheitsreform\u201c, die diesen Namen verdient, in den Grundz\u00fcgen aussehen k\u00f6nnte. Am Beispiel von \u201elokalen Gesundheitszentren\u201c haben wir unser Modell von sozialer Infrastruktur im Gesundheitsbereich konkretisiert. Auch wenn es nicht unsere Absicht ist, den politischen Entscheidern eine \u201eBlaupause\u201c zu pr\u00e4sentieren, so ist doch daran weiterzuarbeiten, wie eingefahrene Denkschablonen aufgel\u00f6st und Vorstellungen einer demokratischen Gesundheitsreform entwickelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>So g\u00e4lte es einige der Ideen auszubuchstabieren, die hier nur angedeutet sind. Es bleibt etwa offen, nach welchen Kriterien Positivlisten f\u00fcr Medikamente erstellt und Behandlungsstandards festgelegt werden k\u00f6nnen, ohne eine individuell angepasste Therapie zu beschr\u00e4nken. Auch ist noch offen, wie die Kommissionen und Gremien, die sich damit besch\u00e4ftigen, zusammengesetzt sein sollen, damit eine kontinuierliche Einbeziehung der Erfahrungen, die die in den Gesundheitszentren Besch\u00e4ftigten machen, gew\u00e4hrleistet ist. Zu \u00fcberlegen w\u00e4re auch, wie die Verg\u00fctung von Einzelleistungen, soweit noch vorhanden, organisiert werden k\u00f6nnte, dass das \u00f6konomische Interesse nicht Ausma\u00df und Formen der Behandlung bestimmt. Dazu geh\u00f6rt auch, welche Kooperationen zwischen niedergelassenen \u00c4rzten und Gesundheitszentren sinnvoll sind und wie sie organisiert werden k\u00f6nnen. Was die Ausbildung des medizinischen Personals anbelangt und welche anderen Professionen in Gesundheitszentren mitarbeiten sollten \u2013 auch dazu w\u00e4ren Einf\u00e4lle hilfreich. Andere Bereiche, die in einer Gesundheitsreform bedacht werden m\u00fcssen, fehlen hier (m\u00f6glicherweise) ganz.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00f6chten also dazu einladen, unseren Vorschlag zu kritisieren, vor allen Dingen aber sind wir auf weiterf\u00fchrende Vorschl\u00e4ge neugierig.<\/p>\n\n\n\n<p>Anmerkungen<\/p>\n\n\n\n<p><a name=\"fn1\">1<\/a> Andreas B\u00f6hm, Oliver Br\u00fcchert, Thomas Gehrig, Joachim Hirsch, John Kannunkulam, Eva-Maria Krampe, Christine Resch, Christa Sonnenfeld, Heinz Steinert, Jens Wissel. Diskussionsbeitr\u00e4ge von Thomas Gerlinger sind von uns aufgenommen und verarbeitet worden. <a href=\"#fnB1\">zur\u00fcck<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a name=\"fn2\">2<\/a> Wahrscheinlich ist dieser Abbau von Verwaltung, der damit m\u00f6glich w\u00fcrde, das gr\u00f6\u00dfte Hindernis f\u00fcr die Durchsetzung eines Grundeinkommens, gr\u00f6\u00dfer als die Angst davor, dass dann \u201eniemand mehr arbeiten w\u00fcrde\u201c: Einen solchen Verlust von Macht (und Posten) l\u00e4sst sich die B\u00fcrokratie nicht kampflos gefallen. <a href=\"#fnB2\">zur\u00fcck<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a name=\"fn3\">3<\/a> Auch die \u201eArbeitgeberbeitr\u00e4ge\u201c sind selbstverst\u00e4ndlich Teil des Bruttolohns und k\u00f6nnen kaum als Geschenk der Unternehmer an die Lohnabh\u00e4ngigen verstanden werden. Werden sie eingefroren, so handelt es sich um eine andere Form von Lohnk\u00fcrzung. Ob die Gewerkschaften zuk\u00fcnftig die Macht haben werden, diese Beitr\u00e4ge \u00fcber Tarifvereinbarungen zur\u00fcckzuerhalten, darf bezweifelt werden. <a href=\"#fnB3\">zur\u00fcck<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a name=\"fn4\">4<\/a> Gegen die gel\u00e4ufige Art der \u201ePr\u00e4vention\u201c, die mit moralischen oder sogar strafrechtlichen Sanktionen \u2013 von der Verpflichtung, die eigene Gesundheit zu pflegen, \u00fcber das Rauchverbot bis zum genetischen Screening \u2013 beim Einzelnen ansetzt, muss man sich freilich zur Wehr setzen. Dass \u201ePr\u00e4vention\u201c als Legitimation f\u00fcr repressive Ma\u00dfnahmen verwendet wird, sollte andererseits nicht dazu f\u00fchren, dass man vern\u00fcnftige Ma\u00dfnahmen zur Verhinderung von Sch\u00e4den und unn\u00f6tigen Konfliktsituationen gleich mit ablehnt. Es geht um die \u201eVerhinderung von Situationen\u201c und es darf nicht um die \u201eAbschaffung von Personen\u201c gehen. Au\u00dferdem ist bei Pr\u00e4vention zu bedenken, dass pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen oft klassen- oder schichtenspezifisch angenommen werden und gerade bei \u201eunteren\u201c sozialen Schichten, deren Gesundheit besonders gef\u00e4hrdet ist und die es deshalb am n\u00f6tigsten h\u00e4tten, kaum ankommen (vgl. Rolf Rosenbrock). Will man au\u00dferdem an wesentlichen Ursachen von Krankheit ansetzen, dann muss auch \u00fcber betriebliche Gesundheitsf\u00f6rderung gesprochen werden. Diese ist zwar inzwischen gesetzlich verankert, wird aber kaum umgesetzt, weil sie so gut wie gar nicht kontrolliert wird. <a href=\"#fnB4\">zur\u00fcck<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a name=\"fn5\">5<\/a> Das Institut erstellt unabh\u00e4ngige Gutachten zu Arzneimitteln und nicht medikament\u00f6sen Behandlungsmethoden und sieht es als seine Aufgabe, allgemeinverst\u00e4ndliche Gesundheitsinformationen f\u00fcr alle zur Verf\u00fcgung zu stellen. <a href=\"#fnB5\">zur\u00fcck<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a name=\"fn6\">6<\/a> Es gibt inzwischen eine Diskussion \u00fcber eine neue Arbeitsteilung im Krankenhaus, die \u00fcber die Delegation von \u00e4rztlichen Leistungen an Krankenschwestern gef\u00fchrt wird, die Teile ihrer Aufgaben an Hilfskr\u00e4fte weitergeben. Der Zweck dieser Delegation ist allein die Kostenersparnis. Im Kontext dieser neuen Definitionen von Aufgabenfeldern bietet sich die Frage nach einer vern\u00fcnftigen Arbeitsteilung im Krankenhaus bzw. im Gesundheitswesen an. Dabei muss im Vordergrund stehen, wer welche Leistungen am besten \u00fcbernehmen kann und nicht, wer dieses am kosteng\u00fcnstigsten tut.Zur\u00fcck zur Textstelle<br>\nDa die Rolle der \u00c4rztInnen weiterhin zentral bleiben wird, stellt eine Neuorientierung der medizinischen Ausbildung einen ganz wichtigen Bestandteil einer Umstrukturierung des Gesundheitssystems dar. Die psychosoziale und sozialmedizinische Ausbildung m\u00fcsste verst\u00e4rkt und das naturwissenschaftlich verk\u00fcrzte Verst\u00e4ndnis vom Verh\u00e4ltnis Krankheit \/ Gesundheit \/ Individuum \/ Medizin revidiert werden. Es g\u00e4lte, nicht nur individuelles Verhalten, sondern soziale Verh\u00e4ltnisse zum Ausbildungsinhalt zu machen. Die Verbindung von \u00e4rztlicher und sozialarbeiterischer Ausbildung m\u00fcsste enger werden. \u00c4rztliche Fortbildung darf nicht durch die Pharma-Industrie finanziert und organisiert werden. \u00c4hnliche \u00dcberlegungen gelten auch f\u00fcr die Ausbildung des Pflegepersonals. Die Arbeitsteilung zwischen beiden Gruppen und anderen Berufen m\u00fcsste ebenfalls neu zur Debatte stehen. <a href=\"#fnB6\">zur\u00fcck<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 links-netz Februar 2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AG links-netz<\/p>\n<p>AG links-netz macht keine Politikberatung. Die Konzepte zur Sozialpolitik, die wir in die Diskussion gebracht haben, sollen Anst\u00f6\u00dfe zu einem radikalen Umdenken geben. Sie sind Lockerungs\u00fcbungen in einer festgefahrenen (wie immer auch \u201elinken\u201c) Politik, der die Ideen ausgegangen sind. 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