{"id":31,"date":"2003-04-19T19:02:13","date_gmt":"2003-04-19T17:02:13","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=31"},"modified":"2019-05-24T22:53:46","modified_gmt":"2019-05-24T20:53:46","slug":"entwicklungen-eines-kritischen-kulturbegriffs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=31","title":{"rendered":"Entwicklungen eines kritischen Kulturbegriffs"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zur Umschreibung eines Schwerpunkts \u201eKulturindustrie\u201c<\/h3>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">von Heinz Steinert<\/h5>\n\n\n\n<p>Im deutschsprachigen Bereich hat sich \u2013 in den Jugendsubkulturen \u2013 eine Trennung von Polit- und Kultur-Linken etabliert, die sich gegenseitig kaum und wenn, dann nicht nur mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen. Traditionell gelten Kultur-Intellektuelle ohnehin als konservativ. Aber bei der gegenw\u00e4rtigen Modernisierungspolitik ist nicht mehr ganz leicht auszumachen, was links und was rechts ist. Konservative sind im Kultur- und Wissenschaftsbereich nicht immer ungeeignete Koalitionspartner. Jenseits solcher Ressentiments und \u201efalscher\u201d B\u00fcndnispartner gibt es einige theoretische Traditionen, mit denen ein kritischer Kulturbegriff entwickelt und aktualisiert werden kann: Cultural Studies und Kritische Theorie.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">I\/ Was macht den Gegenstand \u201eKultur\u201d interessant?<\/h5>\n\n\n\n<p>Das Besondere und Interessante am Gegenstandsbereich der angels\u00e4chsischen Cultural Studies ist die Zusammenf\u00fchrung von Subkulturforschung und Medienforschung unter dem theoretischen Aspekt einer (widerspr\u00fcchlichen) Einbettung der so weit verstandenen \u201eKultur\u201d in der Produktionsweise und im politischen Regime. \u201eKultur\u201d meint daher einerseits positionsgebundene Lebensweisen, die in unterschiedlicher Weise mit Gegebenheiten und Entwicklungen der Produktionsweise verbunden sind, sich mit ihnen arrangieren, sie ben\u00fctzen und sich gegen sie wehren. \u201eKultur\u201d meint zugleich die Kulturprodukte im traditionellen Verst\u00e4ndnis, und zwar die der Hochkultur ebenso wie die der sogenannten Popul\u00e4rkultur, und ihre Verbindungen mit den Lebensweisen. Das alles wird grunds\u00e4tzlich unter einem Aspekt von Konflikt und Herrschaft gesehen und enth\u00e4lt damit besonders die Fragen des Zusammenlebens in Verschiedenheit, des (inner- wie zwischengesellschaftlichen) \u201eKulturimperialismus\u201d ebenso wie der \u201emultikulturellen Gesellschaft\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Interessante daran ist, dass damit noch einmal der Versuch gemacht wurde, einen gesellschafts- und befreiungstheoretischen Rahmen f\u00fcr die Gegebenheiten des zweiten Teils des 20. Jahrhunderts zu entwickeln und ihn mit empirischen Forschungen in Kontakt zu halten. Dieser theoretische Rahmen war die unorthodox erweiterte grunds\u00e4tzlich Marxsche Theorie der britischen Sozialhistoriker wie E. P. Thompson und Raymond Williams \u2013 Marx erweitet um Aspekte von Lernen im Widerstand, Subkultur und Lebensweise als Solidarit\u00e4tskerne und Folien von Erfahrung, Ernstnehmen der politischen Erfahrungen des Alltags, Ber\u00fccksichtigung von Kulturprodukten als Ausdruck und Verfestigung von Erfahrungen. Sp\u00e4ter, bei Stuart Hall, artikulierte sich das als Neo-Gramsci.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Horkheimer und Adorno wurde einiges fr\u00fcher \u201eKulturindustrie\u201c als grundlegender Vergesellschaftungsmodus reflektiert. Hier ist der Fokus ein anderer. Hier geht es um die zunehmende Verhinderung von Erfahrung, um die Analyse von intellektuellen Produktionen, die der Herrschaft des Marktes unterworfen werden. Wir haben es mit \u201eWarenf\u00f6rmigkeit\u201c zu tun, mit intellektuellen Erzeugnissen, die nach den Imperativen von Verk\u00e4uflichkeit produziert werden und nicht zuerst der Kritik und Aufkl\u00e4rung verpflichtet sind, ohne dass deshalb Widerspr\u00fcche, Ungleichzeitigkeiten, Differenzierungen, die sich aus der Produktionsweise und den damit verbundenen sozialen Positionen ergeben, verschwunden w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Analysen unter dem Aspekt von Kultur k\u00f6nnen an der Tatsache von Kulturindustrie nicht vorbei und auch daran nicht, dass das Nachdenken, Forschen und Reden \u00fcber Gesellschaft und Staat ebenfalls unter den Bedingungen dieser Kulturindustrie stattfindet. Dabei kann man beruhigt davon ausgehen, dass die seit der Beschreibung durch Adorno \u201eerweiterte\u201d Kulturindustrie heute nicht mehr \u201emanipuliert\u201d, also Information \u00fcber eine \u00e4u\u00dfere Wirklichkeit verf\u00e4lscht, vielmehr konstituiert sie eine eigene Wirklichkeit, die durch den Bezug auf eine \u201eeigentliche\u201c Wirklichkeit au\u00dferhalb nicht zu verstehen und auch nicht zu kritisieren ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielmehr geht es darum, Kulturindustrie als Konflikte um die Produktionsbedingungen von Wirklichkeit zu analysieren. Es ist die gebildete Klasse, die einen privilegierten Zugang zu diesen kulturindustriellen Produktionsmitteln hat (und braucht) und ihre \u201eWeltsicht\u201c zur \u00f6ffentlichen Meinung verallgemeinern kann. Diese gebildete Klasse ist aber zugleich fraktioniert und arbeitet unter scharfen Konkurrenzen. Die Gebildeten k\u00e4mpfen um \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit und instrumentalisieren sich daf\u00fcr gegenseitig: Journalisten und Politiker sind das evidente Beispiel f\u00fcr gegenseitige Verachtung bei gleichzeitigem Aufeinander-angewiesen-Sein. \u00d6ffentliche Gro\u00df-Politik organisiert sich unter diesen Bedingungen nach Imperativen von Kulturindustrie: Es geht um Au\u00dfergew\u00f6hnliches und Sensationelles, um gro\u00dfartige Inszenierungen und gute Unterhaltung. Die Erfahrung, die Produzenten und Konsumenten machen, ist eine mit Kulturindustrie und keine mit der Sache. Das Produkt ist nicht Wirklichkeits-Verf\u00e4lschung sondern Wirklichkeits-Ersatz und damit \u2013Entzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich gibt es keinen Bereich (mehr), der unabh\u00e4ngig von Kulturindustrie bleiben k\u00f6nnte \u2013 auch nicht Wissenschaft, Politik und Kunst. Man kann sich nicht entziehen, man kann im besten Fall das Beteiligtsein aller Akteure reflektieren.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">II\/ Kultur und Politik<\/h5>\n\n\n\n<p>Es l\u00e4sst sich vermuten, dass die Cultural Studies in Gro\u00dfbritannien urspr\u00fcnglich (in den 60er Jahren) plausibel waren und sich entwickeln konnten, weil es dort noch eine Arbeiterkultur gab, die seither wirtschaftlich und politisch aufgel\u00f6st und zerst\u00f6rt wurde. Die gewisse Stagnation der britischen Cultural Studies entspricht diesem realen Verlust ihres urspr\u00fcnglichen Gegenstands. Das w\u00fcrde zugleich erkl\u00e4ren, warum Cultural Studies in den USA, wo Arbeiterkultur immer nur eine marginale Rolle gespielt hat, von vornherein ganz anders aufgefasst und eingerichtet wurden. Vor allem in der gro\u00dffl\u00e4chigen \u00dcbernahme in den Universit\u00e4ten blieb im Extrem nicht mehr davon \u00fcbrig als die Freude daran, sich mit den faszinierenden Erscheinungsformen der jeweiligen Jugend- und Pop-Kultur besch\u00e4ftigen zu k\u00f6nnen. Aber auch in Gro\u00dfbritannien selbst haben sich die Arbeiten polarisiert einerseits zu dem, was man als \u201eKultur-Populismus\u201d kritisieren kann, einem freudigen Aufsp\u00fcren von \u201epopul\u00e4rer\u201d Widerst\u00e4ndigkeit ohne genauen sozialen Ort, damit ohne Grundlage und ohne Folgen, andererseits zu der Beschreibung und Analyse der (seit den Erfolgen Thatchers in Gro\u00dfbritannien fr\u00fcher und dramatischer als in Deutschland sichtbaren) konservativen Hegemonie in einem \u201eautorit\u00e4ren Populismus\u201d, dem \u201epopul\u00e4rer\u201d Konsumismus, Sexismus und Rassismus entspricht. (Inzwischen hat sich Stuart Hall zur\u00fcckgezogen und das CCCS in Birmingham wurde eingestellt.)<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland haben die Cultural Studies zun\u00e4chst keine besondere Resonanz gefunden (sie werden jetzt \u2013 versp\u00e4tet \u2013 nachgestellt): Hier wurde Arbeiterkultur sp\u00e4testens im Nationalsozialismus aufgel\u00f6st. In der Studentenbewegung wurde Orientierung der Intellektuellen an der Arbeiterklasse nur mehr als Farce nachgespielt. Ansonsten konnte damals klar die Erfahrung des \u201eArbeiter-Autoritarismus\u201d und der Intellektuellenfeindlichkeit der Arbeiterschaft gemacht werden. Die Kritische Theorie ist nicht zuletzt deshalb plausibel, weil in ihr Hoffnungen auf irgendeine befreiende Rolle des Proletariats l\u00e4ngst und gr\u00fcndlich aufgegeben wurden \u2013 und weil das auch theoretisch und empirisch begr\u00fcndet werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute haben wir es mit einer Situation zu tun, in der die gr\u00f6\u00dfer und bedeutender gewordene Schicht der gut Ausgebildeten und Dienstleister\/Professionellen einer zunehmend abgewerteten weniger gebildeten Klasse gegen\u00fcbersteht; in der diese Gebildeten auch ihre eigene politische Organisation gefunden haben, n\u00e4mlich die Gr\u00fcnen (und sich ansonsten unorganisiert ganz gut politisch artikulieren k\u00f6nnen \u2013 in Medien, als Experten, in Initiativen aller Art). Die weniger Gebildeten wehren sich gegen den Bedeutungsverlust und die Abwertung durch \u201erechtsradikales\u201d Reden und Handeln und werden, wo Boulevard-Medien das n\u00fctzen und wo geeignete \u201eF\u00fchrer\u201d auftreten, populistisch mobilisiert und organisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann sich daher immer noch mit den Widerspruchs-Erfahrungen in Proletariat und Sub-Proletariat besch\u00e4ftigen, aber offensichtlich sind weder die Ans\u00e4tze zu Widerstand und Befreiung, noch die zur Gestaltung und Organisation der Zukunft \u00fcberhaupt dort beheimatet. Zumindest die organisierte Arbeiterschaft ist zu einer konservativen Schicht geworden. Auch sonst sind die Bewegungen, die sich noch artikulieren, wie die Frauenbewegung oder die \u00d6kologiebewegung, ambivalent, in sich widerspr\u00fcchlich: in Teilen immer auch konservativ, punitiv, tendenziell autorit\u00e4r. Es ist also weder als Denk-, noch als Forschungsstrategie plausibel, sich auf die Arbeiter oder die Frauen oder auftretende \u201eBewegungen\u201d (ihrerseits h\u00e4ufig auch Medienprodukte) als Tr\u00e4ger m\u00f6glicher emanzipativer Impulse zu konzentrieren. Die Suche nach dem Subjekt der Befreiung tritt zur\u00fcck zugunsten der Analyse der Widerspr\u00fcche, egal von wem sie artikuliert werden (oder nicht).<\/p>\n\n\n\n<p>Es muss grunds\u00e4tzlich neu angesetzt werden: Widerspruchs-Erfahrungen, Solidarit\u00e4ten und Initiativen sind in allen sozialen Positionen zu vermuten und interessant zu beschreiben. Zugleich wird die Kritik der M\u00e4chtigen und Einflussreichen wichtiger als die Suche nach der \u201epopul\u00e4ren\u201d Widerst\u00e4ndigkeit. Diese ist vielmehr als der Versuch (oder auch nur als der Traum) einer bestimmten Intellektuellenschicht zu verstehen, die unteren Klassen m\u00f6gen (gewaltsam oder durch ihre gro\u00dfe Zahl) die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen erzwingen, die jene sich w\u00fcnschen \u2013 und vor allem in ihrem Kampf gegen das Wirtschaftsb\u00fcrgertum auf ihrer Seite sein. Historisch hat in den europ\u00e4ischen Arbeiterbewegungen diese Koalition von Arbeiterschaft und Gebildeten immer wieder stattgefunden, derzeit gelingt sie nicht mehr. Die Gebildeten sind aber auch nicht mehr auf sie angewiesen, haben vielmehr eigene, andere Politikformen entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser hier nur angedeuteten gesellschaftlichen und politischen Konstellation bekommt \u201eKultur\u201d einen besonderen Stellenwert: Sie ist in ihren verschiedenen Erscheinungsformen das Terrain, auf dem die Konflikte ausgetragen werden, und als \u201eUnterhaltung\u201d die Entwertung aller Erfahrungen wie aller gebildeten Einsichten. Was von Adorno als \u201eKulturindustrie\u201d beschrieben wurde, hat sich in erweitertem Ma\u00dfstab immer weiter verwirklicht und trifft besonders die Gebildeten, die f\u00fcr sie produzieren, von ihr leben \u2013 aber auch \u201eInformationen\u201d und \u201eOrientierungen\u201d von ihr brauchen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich werden die Reste dessen, was als \u201eb\u00fcrgerliche Rationalit\u00e4t\u201d auf Wissenschaft, Kunst, \u00d6ffentlichkeit, Kritik beruhte, von der Kulturindustrie \u2013 die \u00fcbrigens ihrerseits von Gebildeten betrieben und in Gang gehalten wird \u2013 aufgesaugt und umgebildet. Der Sensationszwang spaltet die \u00f6ffentlichen Mitteilungen in apokalyptisch \/ moralisierende und unterhaltende (und nat\u00fcrlich ist auch die Bu\u00dfpredigt unterhaltend, ebenso wie die moralische Emp\u00f6rung \u00fcber Gewalt, Pornographie, Misshandlung \u2013 de facto also die Handlungen von Unterschicht-M\u00e4nnern). Kulturindustriell vermittelt kommt Vernunft, Kunst, Individualit\u00e4t auch den Gebildeten abhanden, mutieren die Reste von B\u00fcrgerlichkeit zu einem selbst-inszenierten \u201eScheinb\u00fcrgertum\u201d. Die Respektlosigkeit der unteren Schichten der so pr\u00e4sentierten Kultur gegen\u00fcber mag noch Elemente von Kritik daran retten.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">III\/ Hegemonie<\/h5>\n\n\n\n<p>Kulturinterpretationen sind immer Studien von Kulturverh\u00e4ltnissen, also von Beziehungen der \u00dcberlagerung, der Abwertung, der Selbstbehauptung, der Ben\u00fctzung, der Abschottung, etc. Es gibt immer viele Kulturen gleichzeitig, die sich entweder voneinander trennen oder aufeinander reagieren m\u00fcssen. \u201eKultur\u201d ist also ein Bereich, in dem um Bedeutungen und um Hegemonie gek\u00e4mpft wird \u2013 und das nicht nur als Abwehr einer \u201eherrschenden Kultur\u201d (in Form von Subkulturen der Unterdr\u00fcckten und Ausgeschlossenen) sondern auch und in erster Linie in Form von Differenzierungs- und Distinktionsbem\u00fchungen sowie wirtschaftlichen und politischen Man\u00f6vern der m\u00e4chtigen und einflussreichen Klassen der Gesellschaft. Kulturelle Selbstverst\u00e4ndlichkeiten und Praktiken werden so als Bearbeitungen aktueller Lebensbedingungen und als Bew\u00e4ltigung der zentralen Probleme des Lebens gefasst. \u201eKultur\u201d benennt eher das Tun von Leuten als ihr Sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Soziale Ungleichheit ist zun\u00e4chst und grundlegend die strukturierte unterschiedliche Verf\u00fcgung \u00fcber gesellschaftliche Ressourcen, bei uns die unterschiedliche M\u00f6glichkeit, an gesellschaftlich Produziertem zu partizipieren, es sich anzueignen. Sie ist aber auch und damit verbunden kulturelle Verschiedenheit, Unterschiedlichkeit der Praktiken der Lebensf\u00fchrung. Die Positionen der sozialen Ungleichheit k\u00f6nnen nicht nur als eine Hierarchie der Privilegien und Nachteile beschrieben werden, sie sind auch Orte unterschiedlicher Lebensweisen. Selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6ren dazu auch die Subkulturen der Privilegierten und die Kritik der Herrschafts-Positionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gesellschaftlichen Erfahrungen in verschiedenen Positionen sind interessant. Das schlie\u00dft auch an die klassische Annahme an, dass Potentiale zu Widerstand und Befreiung auf Erfahrungen aus der Arbeit an den Gegenst\u00e4nden der Welt entstehen k\u00f6nnen. Herrschaft ist zugleich die Verhinderung solcher Erfahrung und damit m\u00f6glicher Selbst\u00e4ndigkeit. In der Kritischen Theorie wird davon ausgegangen, dass eine verherrschaftete (Lohn)Arbeitsorganisation dort keine Erfahrung in diesem emphatischen Sinn mehr zul\u00e4sst. Dasselbe bewerkstelligt die Kulturindustrie in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Fragen zur Hegemonie, Abschottung oder sonstigen Konstitution einer bestimmten Kultur und Subkultur verbinden sich mit der nach der Selbstkonstitution der Akteure. Das gilt historisch f\u00fcr die Herausbildung \u00fcberhaupt des \u201eIndividuums\u201d im klassischen wie im heutigen Verst\u00e4ndnis und jeweils auch f\u00fcr die damit gegebenen M\u00f6glichkeiten und Schwierigkeiten der Solidarisierung (und damit der \u201eSubjektwerdung\u201d im politischen Sinn). Gegenw\u00e4rtig werden Hegemoniefragen unter dem Schlagwort Wissensgesellschaft verhandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wissensgesellschaft beruht auf einer Offensive der gebildeten Klasse: Sie schiebt sich zwischen die Herrschenden und die Beherrschten. In der heutigen Situation sind es diese Gebildeten, die mit ihren Theorien (zur Zeit ein forcierter \u00d6konomismus und Markt-Populismus) um Anerkennung ringen und werben und sie auch hinreichend bekommen. Sie haben sich durchgesetzt. Mit der \u201eWissensgesellschaft\u201d hat sich Kulturindustrie verallgemeinert: Warenf\u00f6rmigkeit von Kulturprodukten ist selbstbewusst vorgetragenes Hoffnungsgebiet der wirtschaftlichen Entwicklung geworden. Was ein mit Unbehagen kritisch beobachtetes und begrenztes Ph\u00e4nomen war, wird zumindest als Quelle von Einkommen, wenn nicht als L\u00f6sung vieler Probleme propagiert. Indem die Produktion \u201eimmateriell\u201d wird, entsteht nicht nur ungeahnte Wertsch\u00f6pfung im Bereich von Beratung und Diensten, es wird zugleich die Welt alle Grenzen \u00fcberschreitend kommunikativ \u201evernetzt\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6rperliche Arbeit und die ihr zugeordnete gro\u00dfe Industrie wird f\u00fcr unbeachtlich bis bedenklich erkl\u00e4rt. Stattdessen liege die Zukunft in der Wissens-\u00d6konomie. Die Evidenz daf\u00fcr wurde in der Schlie\u00dfung von Kohlebergwerken und Stahlschmelzen, im Untergang der westeurop\u00e4ischen Schwerindustrie \u00fcberzeugend geboten. Nach dem anf\u00e4nglichen Schock (der in GB b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Auseinandersetzungen einschloss) wurde in den Kohlerevieren \u2013 mit mehr oder weniger Erfolg \u2013 auf Medien- und Computer-Arbeit umgestellt. Als es schlie\u00dflich wieder \u201eblauen Himmel \u00fcber dem Ruhrgebiet\u201d gab, war die auch \u00f6kologische \u00dcberlegenheit der Wissensgesellschaft unter Beweis gestellt. Der wirtschaftliche und politische Untergang der kommunistischen Arbeiter- und Bauernstaaten deutete in dieselbe Richtung: Nach der industriellen Gesellschaft kommt die Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Suggestion des Begriffs \u201eWissensgesellschaft\u201d \u2013 und h\u00e4ufig auch explizite Ableitung aus ihm \u2013 ist, dass alle jetzt umfassendes und jedenfalls viel mehr Wissen haben m\u00fcssten. Tats\u00e4chlich ist die Wissensgesellschaft aber eine Gesellschaft des enteigneten Wissens: Sie funktioniert dar\u00fcber, dass Experten f\u00fcr alles und jedes den anderen klar machen, wie notwendig sie ihre Beratung in allem und jedem brauchen. Die Verk\u00e4uflichkeit dieser Beratung h\u00e4ngt genau davon ab, dass die anderen wissen, dass sie nicht wissen. Ihr wichtigster Rohstoff ist nicht, wie behauptet wird, Wissen und Information, sondern das Bewusstsein ihres Fehlens.<\/p>\n\n\n\n<p>Kulturindustrie ist der Apparat, mit dem die gebildete Klasse ihre Hegemonie-Anspr\u00fcche durchsetzt. In diesem Vorgang wird Wissen zur Ware, zu nach Kriterien der Verk\u00e4uflichkeit produzierten Merks\u00e4tzen und (komplizierten) Gebrauchsanweisungen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">IV\/ Kritik der Kulturindustrie:<br>\neine Einladung zur Mitarbeit (neudeutsch: call for papers)<\/h5>\n\n\n\n<p>Kulturindustrie als Vergesellschaftungsmodus beschreibt den Bereich, in dem Gesellschaft reproduziert wird. Hier werden die zentralen Dimensionen, mit denen Gesellschaft strukturiert wird, verhandelt und selbstverst\u00e4ndlich gemacht: das Klassen-, das Geschlechter-, das Generationen- und das Naturverh\u00e4ltnis in den jeweils historischen Auspr\u00e4gungen und Anforderungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie aus dem Gesagten ersichtlich wird, beschreibt Kritik der Kulturindustrie eine Gesellschaftsanalyse, die die sozialen Positionen der gebildeten Klasse und ihre Produktionen in den Mittelpunkt stellt. Kritik der Kulturindustrie bezeichnet somit nicht, wie h\u00e4ufige und interessierte Missverst\u00e4ndnisse des Begriffs das behaupten, einen Gegenstand, etwa Medien oder Massenkultur. Vielmehr ist damit eine Perspektive auf alle Arten von \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen benannt. Einige konkrete Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Themen von Beitr\u00e4gen, die wir uns w\u00fcnschen w\u00fcrden, sollen das verdeutlichen:<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Kontext sind alle Formen von politischen Narrationen interessant (Interpretationen von Wahl- und anderen Plakaten, Reden und Programmen, Umfragen und den verschiedenen von Politikern verfassten B\u00fcchern). Dazu geh\u00f6rt ganz wesentlich, wie politische Zugeh\u00f6rigkeit hergestellt wird und damit alle Formen von Rassismus und Anti-Semitismus, aber auch die vermeintlichen Gegenst\u00fccke wie Exotismus und Philo-Semitismus. Kulturindustrielle Politik organisiert \u201edas Volk\u201c nach gro\u00dfen Kategorien \u2013 die Deutschen, die anst\u00e4ndigen Deutschen, die Demokraten, die neue Mitte, die Leistungstr\u00e4ger \u2013 statt nach Interessen und produziert damit soziale Ausschlie\u00dfung \u2013 die Links- und Rechtsradikalen, Fundamentalisten, Modernisierungsverlierer, Ausl\u00e4nder, (Schein)Asylanten, Sozialschmarotzer. Die verschiedenen Anl\u00e4sse, die sich eignen, um die Anstrengungen, die unternommen werden, um \u201edie Leute\u201c immer wieder dazu zu bringen, sich einem Gro\u00dfen &amp; Ganzen unterzuordnen, sind ein Kernst\u00fcck solcher Kulturindustrie-Analysen. Welche Ereignisse sind daf\u00fcr geeignet, eine \u201epopulistische Situation\u201c zu definieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Ab- und Umbau des Wohlfahrtsstaats haben sich Debatten dar\u00fcber versch\u00e4rft, wer auf Kosten anderer lebt: \u201eSozialschmarotzer\u201c gibt es schon lange, jetzt kommen die vielen \u201eAlten\u201c dazu, die auf Kosten der wenigen \u201eJungen\u201c leben, die produktiv sind, und die kinderlosen Singles, die es sich auf Kosten der Familien gut gehen lassen. Dass die \u201eDoppelverdiener\u201c wieder aus der Mode sind, weist auf Ver\u00e4nderungen im Geschlechterverh\u00e4ltnis hin. Ein umfassender \u00dcberblick \u00fcber diese Topoi w\u00e4re w\u00fcnschenswert. Debatten \u00fcber den Wohlfahrtsstaat sind immer auch Debatten \u00fcber das Patriarchat: damit \u00fcber das Geschlechter- und das Generationenverh\u00e4ltnis. Mit der Entwertung von Erfahrung und Routine zugunsten von Dynamik, Flexibilit\u00e4t und Kreativit\u00e4t, oder wie die Zauberw\u00f6rter sonst alle hei\u00dfen, wird auch der (gute) Patriarch bek\u00e4mpft. Die Jungen beanspruchen, dass ihnen die Welt geh\u00f6re.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Lebenstil-Ph\u00e4nomene (die merkw\u00fcrdigen Sitten und Gebr\u00e4uche der Eingeborenen) und wie sie wirtschaftlich bedient werden, besonders die der gebildeten Klasse und der gesellschaftlichen Eliten, sind unter Bedingungen von Kulturindustrie ein zentraler Gegenstand. Dazu geh\u00f6ren auch kulturelle Vorlieben und wie sich die Gebildeten mit ihren kulturellen Praktiken distinguiert von den unteren Klassen abheben, damit alles, was mit der Trennung von Hand- und Kopfarbeit zu tun hat und wie sich die Verachtung ersterer manifestiert. \u201eWissensgesellschaft\u201c ist weit \u00fcber die Sozialwissenschaften hinaus popul\u00e4r geworden. F\u00fcr die Betreiber von Kulturindustrie ist sie eine plausible Gesellschaftsdiagnose. Wann immer wir dar\u00fcber lesen, lesen wir auch \u00fcber die \u201eanderen\u201c, die \u201eUnwissenden\u201c, die abgeh\u00e4ngt werden d\u00fcrfen, nichts zum Reichtum einer Gesellschaft beitragen, \u201e\u00fcberfl\u00fcssig\u201c sind. Nach dem Crash der New Economy und der mit jeder Prognose der \u201eWirtschafts-Weisen\u201c schw\u00e4cher werdenden Konjunktur sind es freilich zugleich die bis dato chicen Wissensarbeiter \u2013 Werber, Berater, Kulturmanager, Internet-Designer, Journalisten \u2013, die \u201edie Krise\u201c ausrufen. Die damit verbundenen Privatisierungen f\u00fchren einerseits zu einem erneuten kulturindustriellen Schub. Andererseits wird man darauf aufmerksam sein, ob Diagnosen wie \u201eWissensgesellschaft\u201c damit an Plausibilit\u00e4t verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegenw\u00e4rtig zeichnet sich eine Hegemonie des betriebswirtschaftlichen Denkens ab. Das beginnt mit der v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlichen Verwendung von W\u00f6rtern wie \u201eDeutschland AG\u201c, zeigt sich in den Transformationen von \u00f6ffentlicher Infrastruktur wie Bundesbahn, Kinderg\u00e4rten, Universit\u00e4ten und sonstigen Kultur-Einrichtungen. Auch die Allgegenwart von Beratung (von der Einkaufs- \u00fcber Beziehungs- bis zur Finanz- und Karriere-Beratung) unterstellt die Unterwerfung des Lebens unter ein \u00f6konomisches Kalk\u00fcl. Individualit\u00e4t bedeutet dieser Tage die Kompetenz zu permanenter Selbstdarstellung, -disziplinierung und -instrumentalisierung. Analysen von Berater-Literatur sind ein geeignetes Material, um herauszufinden, welche Art von Arbeitskraft neoliberal ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Lebensmittel- und Kosmetik-Industrie, Medizin und Pharma-Industrie sind Beispiele, an denen sich die herrschenden Vorstellungen von \u201eguter\u201c und \u201eb\u00f6ser\u201c Natur studieren lassen. In den Popularisierungen werden auch hier Normen von Gesundheit und Aussehen verhandelt, die gesellschaftlich erw\u00fcnscht sind. In Werbung und popul\u00e4r-naturwissenschaftlichen Zeitschriften lassen sich Bilder von freundlicher und brutaler Natur leicht ausfindig machen und interpretieren. Die Tourismusbranche arbeitet mit Natur-Sentimentalit\u00e4ten (und besonders in der gehobenen Variante auch mit Skandalisierungen, wie Natur-Paradiese zerst\u00f6rt w\u00fcrden), f\u00fcr Wirtschaft und Politik sind sie dagegen h\u00e4ufig \u00e4rgerlich, verz\u00f6gern den Bau von fr\u00fcher Atomkraftwerken, jetzt Transrapid-Strecken. F\u00fcr populistische Politik sind es Naturkatastrophen, die gebraucht werden, die f\u00fcr Politiker geeignet sind, sich als Macher und Helfer darzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was fr\u00fcher das Kirchenjahr war, ist inzwischen das Kulturindustrie-Jahr. Kulturindustrie strukturiert den Alltag und die au\u00dfergew\u00f6hnlichen biographischen Ereignisse \u2013 von der daily soap und den Nachrichten bis zu Festivit\u00e4ten wie Hochzeiten und Jahrestagen, die zu begehen sind: au\u00dfergew\u00f6hnliche Ereignisse wie der 9\/11 oder Geburts- und Todestage von Personen des \u00f6ffentlichen Lebens. Der kommende Adorno-Zirkus ist nur eines von vielen m\u00f6glichen Beispielen, das in diesem Kontext interessant ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es versteht sich von selbst, dass Interpretationen von Filmen und sonstigen K\u00fcnsten zu diesem Themenbereich geh\u00f6ren. Auch Inhalts- und Form-Analysen von Medialem sind Teil davon, aber weder ausschlie\u00dflich noch vorrangig. Wenn man Kulturindustrie als Vergesellschaftungsform ernst nimmt, wenn es der Bereich ist, in dem die gesellschaftlichen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse reproduziert und stabilisiert werden, sind die verschiedenen K\u00fcnste und Medien dahingehend zu befragen, welche stillschweigenden Selbstverst\u00e4ndlichkeiten sich in ihnen ausdr\u00fccken und welche Befreiungspotentiale sie m\u00f6glicherweise doch enthalten.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Themenbereich ergibt sich damit insgesamt, dass \u00f6ffentliches Wissen, kulturelle Produkte und Praktiken ideologiekritisch zu beschreiben sind \u2013 und das bedeutet immer noch, machbare Erfahrungen auf die sozialen Positionen, die sich aus der Produktionsweise ergeben, zu beziehen. Welche Politiken mit diesen Produkten und Praktiken verbunden sind, ist konstitutiver Teil derartiger Analysen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 links-netz April 2003<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Heinz Steinert<\/p>\n<p>Im deutschsprachigen Bereich hat sich \u2013 in den Jugendsubkulturen \u2013 eine Trennung von Polit- und Kultur-Linken etabliert, die sich gegenseitig kaum und wenn, dann nicht nur mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen. Traditionell gelten Kultur-Intellektuelle ohnehin als konservativ. Aber bei der gegenw\u00e4rtigen Modernisierungspolitik ist nicht mehr ganz leicht auszumachen, was links und was rechts ist. Konservative sind im Kultur- und Wissenschaftsbereich nicht immer ungeeignete Koalitionspartner. Jenseits solcher Ressentiments und \u201efalscher\u201d B\u00fcndnispartner gibt es einige theoretische Traditionen, mit denen ein kritischer Kulturbegriff entwickelt und aktualisiert werden kann: Cultural Studies und Kritische Theorie.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=31"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":286,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31\/revisions\/286"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=31"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=31"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=31"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}