{"id":329,"date":"2019-06-22T14:11:25","date_gmt":"2019-06-22T12:11:25","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=329"},"modified":"2019-06-22T14:14:48","modified_gmt":"2019-06-22T12:14:48","slug":"auf-dem-weg-in-die-postmoderne-stadt-das-beispiel-vancouver","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=329","title":{"rendered":"Auf dem Weg in die postmoderne Stadt? Das Beispiel Vancouver"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">von Holm-Detlev K\u00f6hler<\/h5>\n\n\n\n<p>Vancouver ist im Ranking der Immobilienpreise die viertteuerste Stadt der\nWelt, direkt nach den Ausnahme-Stadtstaaten Hongkong und Singapur, sowie Shanghai,\ndeutlich vor anderen nordamerikanischen (Los Angeles, New York) und\neurop\u00e4ischen (London, Paris) Metropolen. Bei den Durchschnittseinkommen dagegen\nliegt Vancouver in Nordamerika ungef\u00e4hr an f\u00fcnfzigster Stelle, da die meiste\nBesch\u00e4ftigung hier im Baugewerbe, Hotel- und Gastst\u00e4tten, Hafen und Handel mit\neher bescheidenen L\u00f6hnen konzentriert ist, wozu sich etwas besser bezahlte\n\u00f6ffentliche Dienstleistungen (Erziehung, Gesundheit) gesellen. Aber niemand\nverdient mit geregelter Arbeit genug, um sich eine Stadtwohnung leisten zu\nk\u00f6nnen. An der Universit\u00e4t finden regelm\u00e4\u00dfig Verkaufsveranstaltungen der\nLuxusauto-H\u00e4ndler statt, bei denen potentielle K\u00e4ufer von MacLarens, Ferraris\noder Lamborghinis unter den Studenten (!) geworben werden sollen und Rolls\nRoyce Motor Cars Vancouver ist einer der profitabelsten Autoh\u00e4ndler der Welt. Die\nUBC (University of British Columbia) wird im Volksmund auch University of\nBeautiful Cars genannt, wo viele Studenten im Besitz eines Aston Martin,\nPorsche oder Tesla sind. Allein im letzten Jahr wurden in dieser 600.000\nEinwohner Stadt mehr als 4.000 Luxuskarossen zu Preisen jenseits der 100.000 $\nGrenze abgesetzt. Daneben wimmelt es von Schuh- und Kleidungsgesch\u00e4ften, in\ndenen man sich die F\u00fc\u00dfe ab 300\u20ac bis 3.000\u20ac einkleiden kann, angeblich Handarbeit\naus Italien (wahrscheinlich aus China). Die Liste von Beispielen, die einem\neurop\u00e4ischen Soziologen wie mir \u2013 in Stadtsoziologie zudem seit langem nicht\nmehr update \u2013 v\u00f6llig unerkl\u00e4rlich erschienen, lie\u00dfe sich endlos fortsetzen. Der\nvorliegende Beitrag versteht sich als Versuch, etwas Licht in dieses\npostmoderne Stadtdunkel zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stadt\nund Urbanit\u00e4t erfreuen sich wachsender Bedeutung in einer Welt, in der erstmals\ndie Mehrheit der Menschen in urbanen R\u00e4umen lebt. Stadtpolitik, Stadtplanung,\nnachhaltige Stadt, Stadttourismus, urbane Mobilit\u00e4t, etc. bestimmen die\naktuellen politischen und akademischen Debatten. \u00c4hnlich wie einst Max Weber in\nden freien mittelalterlichen, nicht in das Feudalsystem eingezw\u00e4ngten, St\u00e4dten\ndie Brutst\u00e4tten der modernen b\u00fcrgerlichen Gesellschaft sah (\u201eStadtluft macht\nfrei\u201c), so sehen heute einige in den modernen multikulturellen und weltoffenen\nSt\u00e4dten die Brutst\u00e4tten der \u201epostkapitalistischen Gesellschaft\u201c (Paul Mason).<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nmoderne fordistische Stadt war gekennzeichnet durch eine funktionale\nRaumaufteilung in Gewerbegebiete, Wohngebiete, Erholungs- und Konsumzonen etc.,\nmit sich gegenseitig bedingenden Entwicklungslogiken. Diese relative Stabilit\u00e4t\nbegann sich im Globalisierungsprozess aufzul\u00f6sen, als sich in den \u201eglobal\ncities\u201c (Saskia Sassen) international vernetzte urbane Zentren und Klassen\nbildeten, die sich aus der territorialen Einbettung herausl\u00f6sten und neue, oft\nkaum sichtbare Grenzen gegen\u00fcber den lokalen Bev\u00f6lkerungen und Institutionen\naufbauten.<\/p>\n\n\n\n<p>Seither\nspiegeln die St\u00e4dte einige Kerntendenzen des globalisierten, aus der Kontrolle\nnationaler Institutionen herausgewachsenen Kapitalismus wider, in dem ein\nwachsender Teil des zirkulierenden Kapitals nicht mehr in die sogenannte Realwirtschaft,\nsondern in spekulative Finanztransaktionen flie\u00dft, eine Tendenz die Susan\nStrange (1986) mit Bezug auf Keynes als \u201eKasino-Kapitalismus\u201c bezeichnete. Die\nDebatte um diese neue Variante eines extrem instabilen\nFinanzmarkt-Kapitalismus, in dem auf wenigen B\u00f6rsen t\u00e4glich h\u00f6here Summen in\nFinanzpapiere und Derivate flie\u00dfen als den W\u00e4hrungsreserven aller Zentralbanken\nder Welt entspricht, lie\u00df jedoch lange soziale und r\u00e4umliche Wirkungen au\u00dfer\nBetracht. In den modernen globalen St\u00e4dten zeigt sich aber, dass nicht nur\nFinanzpapiere sondern zunehmend auch Immobilien und Luxusg\u00fcter in die\nspekulativen Gesch\u00e4ftskreisl\u00e4ufe einbezogen werden, mit nachhaltigen\nAuswirkungen auf das Sozialgef\u00fcge und die Raumordnung dieser global vernetzten\nurbanen Zentren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nVerst\u00e4ndnis des Wachstums dieser spekulativen Kapitalkreisl\u00e4ufe gegen\u00fcber den\ntraditionellen industriellen und Dienstleistungsgesch\u00e4ften muss zumindest ein\nweiterer Faktor hinzugezogen werden: die enorme Zunahme von Schwarzgeld,\ngewonnen aus illegalem Waffen-, Menschen-, Drogen- und \u00e4hnlichem \u201eHandel\u201c, das\nlukrative Anlagem\u00f6glichkeiten und effiziente Geldwaschanlagen sucht. Der\nmoderne globale Kapitalismus ist nicht nur dereguliert, entbettet,\ninternational vernetzt, finanzialisiert und flexibel, er ist auch zunehmend\nkriminell.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nAltmeister der klassischen Kapitalanalyse &#8211; Karl Marx &#8211; hatte den Gro\u00dfteil\nseines Hauptwerkes darauf verwandt, zu zeigen, dass das Kapital gegen seinen\nWillen gezwungen ist, sich in produktive Faktoren (lebendiges und totes\nKapital) zu verwandeln, um sein Hauptziel zu erreichen: die Produktion von\nMehrwert. Erst im Schlussteil des dritten Bandes kommt er beinahe widerwillig\ndazu, sich mit der Trennung von Profit und Zins, mit dem zinstragenden Kapital,\ndem Kredit und dem \u201efiktiven Kapital\u201c zu besch\u00e4ftigen.&nbsp; Eingangs des 25. Kapitels betont er nochmals,\ndass die eingehende Analyse des Kreditwesens und seiner spekulativen\nInstrumente au\u00dferhalb seines Planes liegt. Das Kapital, so hoffte er,\nentwickelt im Kern die Produktivkr\u00e4fte und nur gelegentlich am Rande die\nSpekulationsblasen. Immerhin zitiert er dann ausf\u00fchrlich J.W. Gilbarts \u201eThe\nHistory and Principles of Banking\u201c (1834): \u201eDer Zweck der Banken ist die\nErleichterung des Gesch\u00e4fts. Alles was das Gesch\u00e4ft erleichtert, erleichtert\nauch die Spekulation. Gesch\u00e4ft und Spekulation sind in vielen F\u00e4llen so eng\nverkn\u00fcpft, dass es schwer ist zu sagen, wo das Gesch\u00e4ft aufh\u00f6rt und wo die\nSpekulation anf\u00e4ngt. Die Wohlfeilheit des Kapitals gibt der Spekulation\nVorschub, ganz wie die Wohlfeilheit von Fleisch und Bier der Gefr\u00e4\u00dfigkeit und\nTrunksucht Vorschub leistet.\u201c Darauf folgt eine Analyse der englischen\nHandelskrise von 1847 mit dem spekulativen \u201eEisenbahnschwindel\u201c und dem\n\u201eSchwindel im ostindisch-chinesischen Markt\u201c, die in vieler Hinsicht der\nFinanzkrise von 2007\/08 \u00e4hnelt. Die Idee aber, dass dieser spekulative\nSchwindel einmal die produktiven Grundlagen des Kapitalismus aush\u00f6hlen k\u00f6nnte,\nwar Marx genauso wie den klassischen \u00d6konomen noch fremd und kam erst mit\nKeynes in die bis heute marginalisierten heterodoxen Gefilde der politischen\n\u00d6konomie.<\/p>\n\n\n\n<p>Vancouver\n(British Columbia) an der kanadischen Westk\u00fcste ist in vieler Hinsicht ein\nParadebeispiel f\u00fcr die Stadtentwicklung unter dem neuen Kapitalismus. Bis in\ndie 1980er Jahre war Vancouver eine eher heruntergekommene, deindustrialisierte\netwas verschlafene Hafenstadt weitab von den nordamerikanischen Metropolen.\nInmitten einer rauen, aber wundersch\u00f6nen Landschaft lebten hier die Nachfahren\nder um die Jahrhundertwende mit der Eisenbahn eingewanderten europ\u00e4ischen und\nchinesischen Arbeiter. Dazu eine gro\u00dfe Hippiekolonie, die sich in den 1960er\nund 70er Jahren in den alten Holzh\u00e4uschen einnistete. Das Stadtbild war gepr\u00e4gt\nvon schmutzigen Hafenanlagen, leeren Lagerhallen und verfallenen\nIndustrieanlagen, wesentlich von Grundstoffindustrien wie Holz-, Papier-, Fell-\nund Lederverarbeitung sowie Zuckerraffinerien und Bierbrauereien. Nichts\ndeutete auf einen Boom und eine zuk\u00fcnftige Metropole hin und vor allem junge\nMenschen wanderten ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nmoderne Vancouver begann mit den Verhandlungen zwischen den Regierungen Gro\u00dfbritanniens\n(Margaret Thatcher) und Chinas (Deng Xiaoping) \u00fcber die R\u00fcckgabe Hongkongs an\nChina, die 1984 in dem Abkommen m\u00fcndeten, den Stadtstaat 1997 an die\nVolksrepublik zu \u00fcbergeben. In den folgenden Jahren verlie\u00dfen zigtausende\nMenschen aus Furcht vor den zuk\u00fcnftigen Machthabern die Stadt in Richtung\nNordamerika mit Vancouver, Kanadas Tor zum asiatischen Westen, als\nHauptzielort. Die Expo 1986 brachte Vancouver endlich wichtige\nInfrastrukturinvestitionen (Br\u00fccken, Skytrain) und Besucher aus aller Welt. Im\nselben Jahr \u00fcbernahm die Hongkong Bank of Canada die Bank von British Columbia.\nDie Geburtsstunde des neuen Vancouver mit der Skyscraper Downtown fand 1988\nstatt, als der reiche Hongkong-Chinese Li Ka-shing das gesamte zentrale\nExpo-Gel\u00e4nde f\u00fcr 320 Millionen kanadische Dollar aufkaufte und begann, darauf\nsowohl kommerzielle als auch Wohnhochh\u00e4user im Hongkong-Stil bauen zu lassen.\nDie meisten alten Geb\u00e4ude der Innenstadt wurden abgerissen, ihre Bev\u00f6lkerung in\nperiphere Stadtviertel verdr\u00e4ngt und die gro\u00dfe, bis heute andauernde\nImmobilienblase wurde aufgepumpt. Das Tiananmen Massaker in Beijing 1989\nbrachte dann noch mehr Chinesen nach Vancouver.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit\nden 1990er Jahren erlebt Vancouver einen ununterbrochenen Boom. Die\nImmobilienpreise steigen im Jahresdurchschnitt um 3 \u2013 4 Prozent, die\nBev\u00f6lkerung w\u00e4chst kontinuierlich und wird immer asiatischer (inzwischen ist\ndie H\u00e4lfte der Einwohner Vancouvers asiatischer Herkunft), der Handel mit China\nbl\u00fcht und der Hafen ist der gr\u00f6\u00dfte Kanadas und zweitgr\u00f6\u00dfte der amerikanischen\nPazifikk\u00fcste. Neue Industrien (IT Software, Film und Fernsehen,\nFinanzdienstleistungen, Biotechnologie) haben sich angesiedelt, gro\u00dfe\nKongresszentren sind ausgebucht und der Tourismus bl\u00fcht im Winter (Olympische\nSpiele 2010) wie im Sommer. Im Jahr 2000 eroberte Vancouver den ersten Platz in\neinem internationalen St\u00e4dteranking als die Stadt mit der h\u00f6chsten\nLebensqualit\u00e4t der Welt (vor Z\u00fcrich, Wien und Bern). Doch weder die Geh\u00e4lter\nder neuen noch die L\u00f6hne der traditionellen Sektoren k\u00f6nnen die Wohnungspreise\nund den Luxusg\u00fcterkonsum erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends h\u00e4uften sich die Streiks vor allem der\n\u00f6ffentlich Bediensteten (Lehrer, \u00c4rzte, Krankenschwestern, Busfahrer,\nM\u00fcllabfuhr), da ihre Geh\u00e4lter die steigenden Lebenshaltungs- und insbesondere\nWohnkosten immer weniger abdeckten. Immer h\u00e4ufiger kommt es auch zu\nPersonalengp\u00e4ssen, da man in diesen Berufen anderswo genau so viel verdient,\naber viel besser leben kann. Vancouver wird einerseits immer sch\u00f6ner, mit viel\nGr\u00fcn und Natur, schmucken H\u00e4usern, Kulturzentren, Parkanlagen, Fahrradwegen,\nSportanlagen, etc., aber immer weniger Menschen k\u00f6nnen es sich leisten, in der\nStadt zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\naktuelle Bev\u00f6lkerung Vancouvers setzt sich grob aus vier Schichten zusammen,\ndie r\u00e4umlich klar getrennt leben und zwischen denen es praktisch keine soziale\nMobilit\u00e4t gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens eine breite Schicht von Superreichen,\nviele asiatischer Herkunft, die sich an dem Immobilienboom eine goldene Nase\nverdient oder ihren Reichtum anderswo in internationalen Kapitalgesch\u00e4ften\nerworben haben, in video\u00fcberwachten Luxusvillen residieren und jeden Morgen vor\nder schwierigen Entscheidung stehen, ob sie im Audi SUV oder im Ferrari\nausfahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens eine gehobene Schicht von \u00e4lteren\nMenschen, die hier schon vor dem Boom lebten und deren Eigentumswert sich in\nden letzten drei Jahrzehnten vervielfachte. Dazu geh\u00f6ren beispielsweise die\nvielen Althippies, die in den 1970er Jahren die runtergekommenen strand- und naturnahen\nHolzh\u00e4user bev\u00f6lkerten und nun die neue Gentry bilden, die die vielen Yoga-,\nMassage-, Tanz-, Therapie- und Pilates-Salons besuchen. Auch Caf\u00e9s, Kneipen und\nCannabis-Stores (in Kanada seit kurzem legalisiert) sind immer gut gef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens viele junge Menschen aus aller Welt,\ndarunter die ca. 80.000 Studierenden, die f\u00fcr einige Jahre nach Vancouver kommen,\nvon Stipendien und\/oder Servicejobs leben, in low-cost Unterk\u00fcnften&nbsp; wohnen, billiges und leckeres Food-Truck-Essen\nkonsumieren, Ski fahren, Wassersport betreiben, die Natur- und Lebensqualit\u00e4t\nund breiten Kulturangebote genie\u00dfen, um sp\u00e4ter im Familiengr\u00fcndungsalter in erschwinglichere\nGegenden abzuwandern.<\/p>\n\n\n\n<p>Viertens das gro\u00dfe Heer der homeless, die \u00fcberall\nin der Innenstadt in Hauseing\u00e4ngen, vor allem aber in Parks in riesigen\nZeltlagern \u00fcberleben, morgens und mittags von karitativen Organisationen mit\nKaffee und Lunchpaketen versorgt werden und nachts \u00fcberall die Stadt durchsuchen.\nSie sind friedlich und niemand st\u00f6rt sich an ihnen, die Busfahrer lassen sie\nkostenlos mitfahren, aber niemand k\u00e4me auf die Idee, dass es sich dabei um ein\nsozialpolitisches Problem jenseits karitativer F\u00fcrsorge handeln k\u00f6nnte. In\nVancouver sind es besonders viele, weil man in diesem milden Klima auch im\nWinter \u00fcberleben kann. In Toronto oder Ottawa, wo viele im Winter erfrieren,\nzahlt man ihnen Flugtickets nach Vancouver, um sie vor dem K\u00e4ltetod zu\nbewahren. Die Versorgung mit billigen synthetischen \u201espice-type drugs\u201c tr\u00e4gt\ndazu bei, das harte Obdachlosenleben besser ertragen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die traditionellen urbanen Mittelschichten sind\nweitgehend in die Au\u00dfenbezirke des \u201aGreater Vancouver\u2018 abgewandert und tragen\njetzt zu dem hohen Pendler- Verkehrsaufkommen bei. In der postmodernen Stadt\nleben so Luxus und Armut direkt und unverbunden nebeneinander, w\u00e4hrend die\nnormale Wohnbev\u00f6lkerung in die Peripherie verdr\u00e4ngt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nfinanziellen Grundlagen dieser Stadt\u00f6konomie und die Funktionsweise des\naktuellen Kasinokapitalismus werden erst verst\u00e4ndlich, wenn man einige j\u00fcngst\nver\u00f6ffentlichte Polizeiberichte liest. Aus diesen geht hervor, dass Vancouver\neine zentrale Geldwaschanlage der Welt f\u00fcr die immensen kriminellen Gesch\u00e4fte\ndes globalen Kapitalismus geworden ist. Die Geldw\u00e4sche konzentriert sich auf\ndrei Sektoren, die sich weitgehend staatlicher Kontrolle entziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>1)\nIn die Kasinos gehen die Geldw\u00e4scher mit Koffern voller Banknoten, um mit\n\u201esauberem\u201c Geld wieder herauszukommen. Die Kasinobetreiber verdienen daran\nihren Anteil und die kriminellen Kapitalisten haben nun \u201esauberes\u201c Geld, das\nsie \u00fcberall investieren k\u00f6nnen. Die klassische Ponzi Pyramide (1920) ebenso wie\ndie moderne Subprime Hypothekenblase (2007) zerplatzten, weil irgendwann nicht\nmehr genug neues Geld nachgef\u00fcttert werden konnte, um die Blase\naufrechtzuerhalten. In Vancouver dagegen ist ein Nachlassen der Geldwasch- und\nImmobiliennachfrage nicht abzusehen, da die Zinsen f\u00fcr andere Kapitalanlagen\nniedrig gehalten werden und ein Abflauen der globalen kriminellen Gesch\u00e4fte von\nniemandem ernsthaft angegangen wird. <\/p>\n\n\n\n<p>2)\nW\u00e4hrend offizielle Makler und Notare streng kontrolliert werden, gibt es einen\ngrauen Markt von\u201c mortage brokern\u201c, privaten Leihh\u00e4usern und Anwaltskanzleien,\nspezialisiert auf Immobilientransfers, die j\u00e4hrlich Millionen \u201ereinwaschen\u201c und\ndie Immobilienblase in utopische H\u00f6hen treiben &#8211; mit entsprechenden Folgen f\u00fcr\nden Wohnungsmarkt. Allein im vergangenen Jahr sind sch\u00e4tzungsweise rund 5 Mrd.\n$ in den Immobilienmarkt von British Columbia geflossen. Daten des\nFinanzministeriums zufolge stieg der Preis eines Einfamilienhauses in Vancouver\nvon 418.991 $ (2005) auf 1.026.609 $ (2017).<\/p>\n\n\n\n<p>3)\nDie Luxusautos und Yachten sind der dritte Kasinokapitalismussektor: In China\nkostet ein Ferrari oder Porsche das Doppelte wie in Vancouver. So gibt es\ninzwischen Tausende neureicher Chinesen, die ein Luxusauto in Vancouver kaufen\nwollen und daf\u00fcr einen \u201estraw buyer\u201c (Strohk\u00e4ufer) engagieren, das sind die\nMacLaren-Studenten, die die Luxuskarosse mit deren Geld kaufen, um es dann nach\nChina zu verschiffen. Aber wo ist der Gewinn f\u00fcr den Studierenden? Sie erkl\u00e4ren\ndem kanadischen Fiskus, das Auto exportiert (ins Ausland verkauft) zu haben und\nbekommen daf\u00fcr 80% der Steuern auf den Kaufpreis (bei diesen Preisen hoch\nlukrativ) vom Staat zur\u00fcck. Der Staat ist so der beste Helfer der spekulativen\nKapitalisten und der gr\u00f6\u00dfte Feind nicht nur der Armen, sondern inzwischen auch der\nfr\u00fcheren urbanen Mittelklassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vancouver\nzeigt so, wie sich hinter dem sch\u00f6nen Schein eines weltoffenen multikulturellen\ngr\u00fcnen und \u00f6kologischen Stadtbildes die harte Welt eines kriminellen\nRaubtierkapitalismus verbirgt, der Marx\u2018 Hoffnungen auf die Entwicklung der\n\u201azivilisatorischen und produktiven Kr\u00e4fte\u2018 l\u00e4ngst zugunsten des schnellen und\nhei\u00dfen Geldes aufgegeben hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Holm-Detlev K\u00f6hler<\/p>\n<p>Vancouver ist im Ranking der Immobilienpreise die viertteuerste Stadt der Welt, direkt nach den Ausnahme-Stadtstaaten Hongkong und Singapur, sowie Shanghai, deutlich vor anderen nordamerikanischen (Los Angeles, New York) und europ\u00e4ischen (London, Paris) Metropolen. Bei den Durchschnittseinkommen dagegen liegt Vancouver in Nordamerika ungef\u00e4hr an f\u00fcnfzigster Stelle, da die meiste Besch\u00e4ftigung hier im Baugewerbe, Hotel- und Gastst\u00e4tten, Hafen und Handel mit eher bescheidenen L\u00f6hnen konzentriert ist, wozu sich etwas besser bezahlte \u00f6ffentliche Dienstleistungen (Erziehung, Gesundheit) gesellen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,12],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/329"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=329"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/329\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":330,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/329\/revisions\/330"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=329"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=329"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=329"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}