{"id":340,"date":"2012-06-01T21:07:55","date_gmt":"2012-06-01T19:07:55","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=340"},"modified":"2019-07-18T21:31:40","modified_gmt":"2019-07-18T19:31:40","slug":"work-hard-play-hard-keine-dokumentation-der-schoenen-neuen-arbeitswelt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=340","title":{"rendered":"Work Hard \u2013 Play Hard: keine Dokumentation der sch\u00f6nen neuen Arbeitswelt"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Christine Resch<\/h5>\n\n\n\n<p>Der\nin Kritiken viel und hoch gelobte Dokumentarfilm \u201eWork Hard \u2013\nPlay Hard\u201c (2011) von Carmen Losmann ist ein durchaus beachtliches\nProdukt der hiesigen Filmindustrie. Eine dokumentarische Darstellung\nder \u201esch\u00f6nen neuen Arbeitswelt\u201c, wie es in Kritiken und der PR\nf\u00fcr den Film hei\u00dft, ist es aber nicht. Vielmehr geh\u00f6rt der Film\nzum Genre \u201eSelbstdarstellung\u201c, dieses Mal der Manager und\nBeraterinnen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nFilm zeigt die Planung eines B\u00fcrogeb\u00e4udes unter der Pr\u00e4misse, dass\ndie Mitarbeiter auf keinen Fall daran erinnert werden sollen, dass\nsie arbeiten. Die Stechuhr ist abgeschafft, das eigene B\u00fcro, das mit\npers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nden bewohnbar gemacht wird, auch:\nnonterritoriales Arbeitsplatzkonzept nennt sich das. Den Laptop kann\nman schlie\u00dflich \u00fcberall aufklappen und gem\u00fctliche in orange\ngehaltene Meeting Points (braun erinnere ans eigene Wohnzimmer und\nwird daher vermieden), die Kreativit\u00e4t f\u00f6rdern sollen, sind ohnehin\nim ganzen Geb\u00e4ude vorhanden. Der Film zeigt ein Outdoor-Training f\u00fcr\njunge Manager (Spiele im Wald und Stollen), mit dem ihre\nTeamf\u00e4higkeit optimiert werden soll. Wir sehen ein\nAssessment-Center, das von zwei Managern und einer Beraterin\ndurchgef\u00fchrt wird, und drei Nachwuchskr\u00e4fte einer Potenzialanalyse\nunterzieht, die daher brav und artig abspulen, was in\nBewerbungsgespr\u00e4chen erwartet wird. Wir erfahren in Interviews, wie\nsich Analystinnen die Firmenphilosophie vorstellen: Die Kultur des\nUnternehmens m\u00fcsse in die DNA jedes Mitarbeiters eingepflanzt\nwerden. SAP-Software wird implementiert, die dazu geeignet ist,\nMitarbeiter in Form eines Diagramms zu beurteilen. Das\nDatenschutzproblem, das damit gegebenenfalls verbunden ist, wird sich\nbew\u00e4ltigen lassen. In einer Mitarbeiter-Schulung (genauer: Change\nManagement Meeting) verstehen die Untergebenen nicht so recht, was\nvon ihnen erwartet wird, aber das sind halt langfristige Prozesse. In\neiner Postfiliale fragt der Leiter die Mitarbeiter wie der heutige\nund gestrige Tag verlaufen sei. Eine junge Frau antwortet, gestern\nsei besser gewesen. Auf die Nachfrage \u201ewarum?\u201c sagt sie, weil sie\nda frei gehabt h\u00e4tte. Als Filmzuschauerin bangt man einen Moment, ob\nsie diese freim\u00fctige \u00c4u\u00dferung wohl ihren Job kosten wird. Zugleich\nist das die einzige Sequenz, die an Arbeitsalltag erinnert.\nAllenfalls der Alltag von Beraterinnen, die von Unternehmen zu\nKonzern reisen und dort f\u00fcr Ausnahme-Situationen sorgen, wird noch\nrepr\u00e4sentiert. F\u00fcr alle anderen sind die dargestellten Episoden ein\nungew\u00f6hnliches Ereignis. Filme k\u00f6nnen Alltag nicht einfach\nabbilden: Andy Warhols mehrst\u00fcndiger Film \u201eSleep\u201c (1963), in dem\ndie Kamera auf eine schlafende Person gehalten wird, f\u00fchrt vor, was\ndabei entsteht \u2013 g\u00e4hnende Langeweile. Das hei\u00dft aber zugleich,\ndass \u201eDokumentationen\u201c kunstvoll inszeniert sind und daher nicht\nnaturalistisch interpretiert werden k\u00f6nnen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn\nes in der <em>Frankfurter Rundschau<\/em> (online-Ausgabe 25.10.2011)\nhei\u00dft, der Film \u201eseziert die sch\u00f6ne neue Arbeitswelt\u201c, im\n\u201eweltgewandten Kauderwelsch\u201c stecke \u201eder totale Zugriff der\n\u00d6konomie aufs Individuum\u201c und es \u201eerfasst einen zugleich K\u00e4lte\nund Angst\u201c, wenn Druck wie Systemzw\u00e4nge des New Management optisch\ntransparent gemacht werden, dann wird unterstellt, dass wir eine\nbisher unbekannte (\u201esezieren\u201c) Realit\u00e4t sehen. Komplizierter\nwird in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> (online-Ausgabe 13.4.2012)\nargumentiert. Zwar stellt die Autorin auch hier fest, dass es um die\n\u201eZukunft der Arbeit in der postindustriellen Wissens- und\nDienstleistungsgesellschaft, in der der Mensch zum\nwettbewerbsentscheidenden Faktor geworden ist\u201c geht, aber es wird\nauch betont, dass der Film \u201ek\u00fcnstlich aussehen und den Zuschauer\nauf Distanz halten\u201c will. \u00dcber die Protagonisten wird gesagt:\n\u201eFast scheinen es Karikaturen zu sein \u2013 aber man muss sie ernst\nnehmen, denn es ist unsere eigene Angst vor dem Verlust des\nArbeitsplatzes, die ihre l\u00e4cherlichen Anstrengungen spiegeln, und\nunser Ehrgeiz.\u201c Es ist nicht leicht auszumachen, ob sich die\nAutorin \u00e4hnlichen Zw\u00e4ngen wie die Darsteller ausgeliefert sieht\noder f\u00fcrchtet zum Opfer der dargestellten Ideologie zu werden.\nJedenfalls wird auf die eigene Arbeitsweise bezogen, was der Film\nvorf\u00fchrt. Das Res\u00fcmee in <em>Die Zeit<\/em> (online-Ausgabe\n10.04.2012) lautet: \u201eLosmann hat mit klugem n\u00fcchternem Blick einen\nGruselfilm erster G\u00fcte geschaffen. Die grauen Herren sind l\u00e4ngst\nda. Sie tragen bunte Designerbrillen und stellen \u00fcberall\nPolsterm\u00f6bel auf.\u201c In der <em>FAZ<\/em> (online-Ausgabe 12.04.2012)\nist zu lesen, dass Carmen Losmann in ihrem Langfilmdeb\u00fct \u201egro\u00dfartige\nEinblicke in bislang ungesehene Welten\u201c und \u201eeine beunruhigende\nBestandsaufnahme des \u201aKapitalismus als Religion\u2019 gelingen\u201c. Die\n\u201eabgr\u00fcndigen Innenansichten zeigen, wie die Betriebswirtschaft\nunser Leben zerst\u00f6rt und am Ende vielleicht auch den klassischen\nKapitalismus\u201c. Was mit \u201eklassischer Kapitalismus\u201c gemeint sein\nmag, wird das Geheimnis des Autors bleiben, aber klar ist, dass er\n\u201eAbgr\u00fcnde\u201c hervorgebracht hat, die Schrecklichkeiten ahnen\nlassen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Alle\nKritiken changieren zwischen der Beschreibung der Inszenierung und\nder \u00dcbertragung des Gesehenen auf eine \u201ewirkliche Wirklichkeit\u201c.\nWelche Wirklichkeit aber zeigt der Film? \n<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nDokumentation, die diesen Namen verdient, m\u00fcsste die Zuschauer\ndar\u00fcber informieren, wie die beteiligten Personen dazu gebracht\nwurden, vor der Kamera aufzutreten, in welcher Situation genau sie so\nagiert haben, wie wir sie zu sehen bekommen. Auf die Kunstfertigkeit,\ndie jede Dokumentation notwendig erfordert, wird man etwa aufmerksam,\nwenn \u201ezuf\u00e4llig\u201c eine zweite Kamera oder ein Mikrophon ins Bild\ngehalten werden oder wenn es Sequenzen gibt, in denen die\nRegieanweisungen f\u00fcr die n\u00e4chsten Aufnahmen besprochen werden.\nNichts davon geschieht hier. Die Filmemacherin kommt nicht vor, auch\ndie Fragen nicht, die sie stellt, kritische Nachfragen, die die Leute\naus der Fassung bringen und sie so vielleicht f\u00fcr Momente vergessen\nlassen, sich \u201ekameragerecht\u201c zu benehmen, gibt es \u00fcberhaupt\nkeine. Auf alle typischen Stilmittel eines Dokumentarfilms wird\nverzichtet: kein Kommentar aus dem \u201eoff\u201c; keine Gegenschnitte,\nmit denen gezeigt wird, was diese \u201eArbeitsmoral\u201c weiter unten\nanrichtet; keine Bilder des Privatlebens der Protagonisten mit\nruinierten Familien, auch keine von Einsamkeit oder \u201eburn-outs\u201c.\nVielmehr wird den Machern in den Interviews ein Forum geboten, in dem\nsie sich pr\u00e4sentieren k\u00f6nnen. In anderen Episoden \u2013 Planung eines\nB\u00fcrogeb\u00e4udes, Assessment-Center, F\u00fchrungskr\u00e4fte-Training, Change\nManagement Meeting, Implementierung von Software \u2013 wird so getan\nals habe man einfach die Kamera draufgehalten. In so heiklen\nSituationen ist das aber unm\u00f6glich. Die Beteiligten werden den Film,\nzumindest die Szenen, in denen sie selbst vorkommen, autorisiert\nhaben. Sie stellen sich selbst so dar, wie sie von au\u00dfen gerne\ngesehen werden m\u00f6chten. Das Inhaltliche lie\u00dfe sich Imagebrosch\u00fcren\naller Art auch leicht entnehmen. Das ist der Grundschaden dieses\nFilms. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser\nGrundschaden ist zugleich die Pointe des Films. Niemand f\u00e4llt da\nnaiv auf die Selbstdarstellung herein. Vielmehr wird das alles\nkunstvoll inszeniert. Dazu geh\u00f6ren die \u00e4sthetisierten\nNaturaufnahmen, die f\u00fcr eine Dokumentation ungew\u00f6hnlichen\nKamerafahrten, dazu geh\u00f6rt, dass der Film ganz langsam geschnitten\nist und daher die Form im Widerspruch zum Titel und Inhalt steht.\nDazu geh\u00f6rt vor allen Dingen auch, dass sich die dargestellten\nFiguren mit ihren Anglizismen, aufgesch\u00e4umten Banalit\u00e4ten und\nsonstigen Worth\u00fclsen, wenn auch unbeabsichtigt selbst vorf\u00fchren.\nDie distanzierte Haltung der Rezipienten, die das Genre\n\u201eDokumentation\u201c auszeichnet und eine reflexive Aneignung\nerm\u00f6glicht, entsteht objektiv und ist wohl auch der sozialen Distanz\ngeschuldet, die wir zu den Protagonisten haben. Ihr Gehabe wird bei\ngenauer Betrachtung leicht l\u00e4cherlich. Wir lernen: Nicht nur die\nUnterschicht in diversen TV-Reality-Shows, auch die herrschende\nKlasse blamiert sich selbst und mehr oder weniger freiwillig vor\nlaufender Kamera. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nist kein Film \u00fcber die gegenw\u00e4rtige Arbeitswelt in der\n\u201eWissensgesellschaft\u201c. Es ist ein Film \u00fcber die Fantasien derer,\ndie mit der Ideologie von Selbstoptimierung, der umfassenden\nVerwertung von \u201eHumankapital\u201c und der Propaganda f\u00fcr eine\npermanente Evaluierung der Arbeitskraft in standardisierten\nKennziffern gutes Geld verdienen. Und es ist ein Film \u00fcber\ndiejenigen, die diese Ideen als Ressource f\u00fcr ihre Karriere\ngeschickt einsetzen. Damit soll nicht gesagt werden, dass diese von\nBeratern forcierten Management-Stile nicht auf die Arbeitsbedingungen\nvon gemeinen Angestellten zur\u00fcckwirken \u2013 es handelt sich\nschlie\u00dflich um das Selbstverst\u00e4ndnis der Wirtschaftselite, die\nentscheidet. (Dass es in der \u201emodernen Arbeitswelt\u201c auch noch\nArbeiter gibt, die vielleicht ganz andere Probleme haben, scheint\nfast niemand mehr zu wissen.) Aus dem Film erfahren wir aber \u201enur\u201c,\nwie sich diese Macher selbst gerne sehen und wie schwer sie und vor\nallen diejenigen es haben, die gerne dahin aufsteigen wollen. Mit\ndiesen \u201earmen W\u00fcrstchen\u201c, wie sie in der Besprechung in der\n<em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> genannt werden, muss man nicht unbedingt\nMitleid haben. Ihre Selbstdarstellung, die der Film gekonnt\ninszeniert, kann man auch komisch und l\u00e4cherlich finden, statt sich\nvon Angst und Ehrfurcht, K\u00e4lte und Ausweglosigkeit einsch\u00fcchtern\nund \u00fcberw\u00e4ltigen zu lassen. Weil auch diese Interpretation vom Film\nzumindest angeboten wenn schon nicht zwingend nahegelegt wird, kann\nich mich der von den Kritikern ausgesprochenen Empfehlung\nanschlie\u00dfen: ein sehenswerter Film, wenn auch keine Dokumentation. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nwidme diese Notiz einem Freund, der mit \u201eWork Hard \u2013 <em>Drink<\/em>\nHard\u201c viel anfangen kann \u2013 mehr als Selbstbeschreibung denn als\nVerf\u00fcgung \u00fcber andere. \n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christine Resch<\/p>\n<p>Der in Kritiken viel und hoch gelobte Dokumentarfilm \u201eWork Hard \u2013 Play Hard\u201c (2011) von Carmen Losmann ist ein durchaus beachtliches Produkt der hiesigen Filmindustrie. Eine dokumentarische Darstellung der \u201esch\u00f6nen neuen Arbeitswelt\u201c, wie es in Kritiken und der PR f\u00fcr den Film hei\u00dft, ist es aber nicht. 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