{"id":359,"date":"2011-09-01T21:54:50","date_gmt":"2011-09-01T19:54:50","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=359"},"modified":"2019-07-18T22:04:11","modified_gmt":"2019-07-18T20:04:11","slug":"midnight-in-paris-ueber-den-kitsch-der-intellektuellen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=359","title":{"rendered":"Midnight in Paris: \u00fcber den Kitsch der Intellektuellen"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">von Christine Resch<\/h5>\n\n\n\n<p>Die Kritiker sind sich ziemlich einig: Woody Allens\nletzter Film <em>Midnight in Paris<\/em> sei am\u00fcsant, aber ein \u201egro\u00dfer\u201c Film sei\nes nicht, vielmehr eine der Variationen auf die Themen und Figuren, die wir aus\nseinen Filmen hinreichend kennen: \u201eNeue Stadt, alte Neurosen\u201c ist die\nBesprechung in <em>Spiegel Online<\/em> \u00fcbertitelt. Dort hei\u00dft es weiter, dass\nWoody Allen \u201eauch in der franz\u00f6sischen Hauptstadt au\u00dfer den \u00fcblichen\nPostkartenklischees kaum originelle Motive findet\u201c.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Es handle sich um\n\u201eTourismusmarketing\u201c<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>, das \u201esich von der ersten\nbis zur letzten Minute &#8230; auf der Grenze zur Peinlichkeit\u201c bewege.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> \u201eParis sei so lieblich wie\nLas Vegas es sich vorstellt, ohne dass der Film dem Klischee jemals einen\nwirklichen Bruch verpasst.\u201c<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p>Andere finden, Woody Allen habe es genau auf diese\nKlischees abgesehen, \u201egerade weil sie eben die Vorstellung vieler\namerikanischer Intellektueller ausmalen, die Paris nur von ihren Reisefotos\nkennen\u201c.<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> <em>Midnight in Paris<\/em>\nbefrage \u201eauch viele Seiten des franz\u00f6sisch-amerikanischen Verh\u00e4ltnisses: den\nungebrochen heimlichen Neid der neuen Welt auf die Kultur des alten Europa und\nderen romantische Verkl\u00e4rung; [\u2026].<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> Es sei aber \u201em\u00fc\u00dfig,\ndar\u00fcber zu r\u00e4sonnieren, ob und inwieweit \u201aMidnight in Paris\u2019 den Realit\u00e4ten der\nZwanziger oder des Jetzt gerecht werde. Es geht um die Entfaltung eines\nWunschtraums \u2013 und um das Vergn\u00fcgen, ihn als solchen zu durchstreifen.\u201c<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Es stimmt schon: die Bilder von Paris sind\numwerfend sch\u00f6n und die meisten Schauspielerinnen auch. Dazu ist es einer der\n\u201eschnellen\u201c Woody-Allen-Filme, in denen die Witze und Pointen in kurzen\nAbst\u00e4nden pr\u00e4sentiert werden. Man k\u00f6nnte sagen, es ist ein \u201efreundlicher\u201c Film,\nder die Zuschauerinnen (zun\u00e4chst) nicht br\u00fcskiert. Ist er aber wirklich\nFremdenverkehrswerbung oder doch das Gegenteil davon?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber zun\u00e4chst der Plot: Gil (Owen Wilson) und Inez\n(Rachel McAdams) reisen kurz vor ihrer Hochzeit mit den Eltern von Inez nach\nParis. Ihr Vater, John (Kurt Fuller), hat dort gesch\u00e4ftlich zu tun, die Mutter,\nHelen (Mimi Kennedy), nutzt die Gelegenheit, um nach Luxus-Schn\u00e4ppchen zu\nsuchen. Zuf\u00e4llig treffen sie in Paris auf Freunde von Inez: Paul (Michael\nSheen), der an der Sorbonne lehrt, und Carol (Nina Arianda). Schon im Vorspann\nlernen wir, dass es ein Film \u00fcber eine touristische Reise nach Paris ist. Alle\nHot-Spots werden in langsamen Schnitten eingeblendet \u2013 so sch\u00f6n ins Bild\ngesetzt, wie es sie nur auf Postkarten und in Reisef\u00fchrern gibt. Gil und Inez\nhaben aber ziemlich unterschiedliche Vorstellungen davon, was das Sightseeing\nbetrifft. F\u00fcr Gil, einen in Hollywood erfolgreichen Drehbuchautor, der\nliterarische Ambitionen hat, sind die 20iger Jahre das Goldene Zeitalter,\nHemingway, Fitzgerald, Eliot seine Vorbilder. Inez dagegen ist oberfl\u00e4chlich an\nder europ\u00e4ischen Kultur, genauer: an allem, was man in Paris halt gesehen haben\nmuss, und vor allen Dingen an gro\u00dfen Abendessen, anschlie\u00dfenden Tanz-Partys und\nzunehmend an Paul interessiert. Gil findet Paris bei Regen am sch\u00f6nsten, f\u00fcr\nInez ist er nur st\u00f6rend. Eines Nachts flaniert Gil allein durch die aparten\nGassen, verl\u00e4uft sich und wird um Mitternacht von einem Oldtimer aufgelesen, in\ndem Zelda (Alison Pill) und F. Scott Fitzgerald (Tom Hiddlestone) Champagner\ntrinken. Was er zun\u00e4chst f\u00fcr eine Kost\u00fcmparty h\u00e4lt, stellt sich als Zeitreise\nheraus. Nacht f\u00fcr Nacht wird er in der Pariser Boh\u00e8me der 20iger Jahre\nverbringen \u2013 auf deren Festen, in deren Bars, in deren Wohnungen. Gertrude\nStein (Kathy Bates) wird seinen Roman lesen und ihm hilfreiche Tipps geben;\nHemingway (Corey Stoll) wird nicht verstehen, warum der Protagonist seines\nRomans so naiv ist nicht zu bemerken, dass ihn seine Freundin mit dem Pedanten\nbetr\u00fcgt und Gil so auf die Aff\u00e4re zwischen Inez und Paul hinweisen; Bunuel wird\ner die Idee f\u00fcr einen Film vorschlagen (<em>Der W\u00fcrgeengel<\/em>) und in Picassos\nMuse, Adriana (Marion Cotillard) wird er sich verlieben. Er wird sie alle\ntreffen: Cole Porter, Man Ray, Salvadore Dali (genial gespielt von Adrien\nBrody), Jos\u00e9phine Baker, Djuna Barnes, Henri Matisse und sp\u00e4ter, auf einer\nZeitreise mit Adriana in <em>ihr<\/em> Goldenes Zeitalter, die Belle \u00c9poque, auch\nToulouse-Lautrec, Degas, Gaugin. Gil und Inez trennen sich, Inez reist zur\u00fcck\nin die Staaten, Gil bleibt im gegenw\u00e4rtigen Paris, frisch verliebt in\nGabrielle, einer Verk\u00e4uferin, die den Touristen Nostalgie-Kitsch verkauft. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Film geht es um verschiedene Formen von\nTourismus. Die \u201eAnsichtskarten\u201c im Vorspann repr\u00e4sentieren den ganz\nkonventionellen St\u00e4dte-Tourismus. Die Geb\u00e4ude, die Pl\u00e4tze, die Br\u00fccken, die\nengen Gassen, die gro\u00dfen Boulevards und die Stra\u00dfencaf\u00e9s: alles ist bekannt.\nDie Zuschauerinnen raunen sich leise zu, was sie gerade identifiziert haben.\nWenn die Dachlandschaft von Paris bewundert wird, kann man sich selbst dabei\nzusehen, wie man bei jedem Paris-Besuch wieder die Treppen zum Sacr\u00e9-Coeur\nhinaufsteigt, um genau das zu tun. Woody Allen kann nicht darauf verzichten,\nden Louvre in diese Sammlung aufzunehmen, daher ist die Glaspyramide auch zu\nsehen. Ansonsten f\u00e4llt aber auf, dass er das \u201emoderne\u201c Paris ausblendet: kein\nCentre Pompidou, kein La D\u00e9fense. Paris ist eine historische Kulisse f\u00fcr\nverschiedene Aktivit\u00e4ten. <\/p>\n\n\n\n<p>John und Helen haben keinerlei kulturelle\nInteressen: Die Gemahlin des reichen Amerikaners ist mit Einkaufen besch\u00e4ftigt,\nbei Dior und besonders mit der Suche nach Luxus-Schn\u00e4ppchen, vorzugsweise\nAntiquit\u00e4ten. Sie hat zwar kleine Probleme mit dem Umrechnungskurs, daf\u00fcr macht\nsie aber explizit, was ihren Geschmack auszeichnet: \u201echeap is cheap\u201c formuliert\nsie als Vorwurf an Gil. Dazu kommen das noble Hotel, in dem sie wohnen, und die\nopulenten Essen. Die Oberschicht hat keinen \u201eguten\u201c Geschmack, sondern nur\neinen teuren. <\/p>\n\n\n\n<p>Inez nutzt den Aufenthalt dagegen sehr wohl f\u00fcr\nSightseeing. Gemeinsam mit Paul plant sie die Aktivit\u00e4ten f\u00fcr die j\u00fcngere\nGeneration: das Mus\u00e9e Rodin, Versailles, das Mus\u00e9e de l\u2019Orangerie des Tuileries\n(wo Paul ihnen das Seerosen-Panorama-Bild von Monet erkl\u00e4rt) \u2013 und eine Weinprobe.\nPaul \u00fcbernimmt dabei jedesmal die Rolle des Experten. Die wenigen S\u00e4tze, die\nCarol im ganzen Film sagt, lauten immer gleich: Paul sei Experte f\u00fcr dieses und\njenes. Und weil er an der Sorbonne lehrt, gibt es f\u00fcr Inez keinen Zweifel, dass\ner der Intellektuelle ist, dem sie daher and\u00e4chtig zuh\u00f6rt. Den Intellektuellen\nzeichnet nicht aus, was er sagt, sondern erkl\u00e4rt sich allein \u00fcber das Prestige\nder Einrichtung, an der er arbeitet. Seine \u201eExpertise\u201c besteht in angelesenem\nWissen aus Reise- und Weinf\u00fchrern, das mit intellektuellem Nimbus vorgetragen\nwird. Ob er \u00fcber Wein, Geschichte oder Kunst redet, macht im Duktus keinen\nUnterschied. Kunst ist auch f\u00fcr die gebildete Schicht nichts Besonderes, kein\nStatthalter f\u00fcr Befreiung mehr, vielmehr ein Gegenstand, an dem sich gut\nfachsimpeln l\u00e4sst. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Bluff funktioniert, kann man an einer Szene\nveranschaulichen. An Rodins Skulptur belehrt Paul die Kunstf\u00fchrerin, sie\nbesteht auf ihrem Wissen. Tats\u00e4chlich geht es um biographisches Wissen, und\nnicht etwa um eine Interpretation der Skulptur. Es kommt zum Schlagabtausch,\nGil interveniert, gibt der Kunstf\u00fchrerin (gespielt von Carla Bruni, wie kein\nKritiker zu erw\u00e4hnen vergisst) recht und beruft sich auf seine eigene Lekt\u00fcre\neiner zweib\u00e4ndigen Rodin-Biographie, die er aber, wie er Inez gesteht, nie\ngelesen hat. Dieses eine Mal gelingt es, Paul zum Schweigen zu bringen. Die\nSituation wiederholt sich vor einem Gem\u00e4lde von Picasso. Gil widerspricht Paul\nin den Worten von Gertrude Stein, die er bei einem seiner n\u00e4chtlichen Ausfl\u00fcge\naufgeschnappt hat. Inez kommentiert das schnippisch mit der rhetorischen Frage,\nwas er denn geraucht habe, und wendet sich wieder Paul zu. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der pseudointellektuelle Kulturtourismus,\n\u00fcber den wir lachen. Das angelesene Halbwissen, in geschwollenem Ton\nvorgetragen, wird als Angeberei vorgef\u00fchrt. Was Gil zu entgegnen hat, geh\u00f6rt\ndazu, hat auch nichts mit Erfahrungen zu tun, sondern ist Nachplappern. <\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem ist der Intellektuellen-Tourismus\nkomplizierter, wie ihn Gil repr\u00e4sentiert. Gil ist ein gebildeter Mensch, kennt\nund bewundert all die Romane, Filme und Kunstwerke der Ber\u00fchmtheiten, die er\nauf seiner Zeitreise treffen wird. Im Film werden die Goldenen Zwanziger aber\nals Klischee, als R\u00fcckprojektion von nostalgischen Intellektuellen inszeniert.\nDie Literaten und K\u00fcnstler sind zu Karikaturen geworden. Und wieder ist es\nbiographisches Halbwissen, das ausreicht, um die Figuren zu erkennen und die\n\u00dcberzeichnung zu verstehen: der saufende Hemingway, der exzentrische Dali, die dominante\nund m\u00fctterliche Stein (und Alice B. Toklas, die den G\u00e4sten die T\u00fcr aufmacht),\ndie \u00fcberspannten Surrealisten, Picasso und seine vielen Weiber. Und wieder ist\nes R\u00e4tselraten, das den Zuschauern nahegelegt wird. Wenn Gil einen Plot f\u00fcr\nBunuels Film vorschl\u00e4gt, bleibt offen, welcher genau es ist. Wenn \u00fcber den\nRoman von Hemingway geredet wird, m\u00fcssen sich die Zuschauer erschlie\u00dfen, um\nwelchen es geht. Wenn das nicht gelingt, verstehen wir die Komik trotzdem. Wir\nlernen, dass nur wenig Halbbildung notwendig ist, um sich als ernsthafter\nIntellektueller und Kultur-Tourist darzustellen. <em>Midnight in Paris<\/em> macht\nsich \u00fcber seine intellektuellen Zuschauer und ihre Sehns\u00fcchte lustig. Wenn\nschlie\u00dflich noch die ber\u00fchmte Buchhandlung <em>Shakespeare &amp; Company<\/em>\ngezeigt wird, f\u00fchlt man sich leicht dabei ertappt, wie man in verschiedenen\nSt\u00e4dten all die K\u00fcnstler-Caf\u00e9s, Buchhandlungen und Friedh\u00f6fe aufsucht und\nbereitwillig in Touristenfallen tappt, die f\u00fcr dieses \u201eReise-Segment\u201c beworben\nwerden und sich dabei in die Gesellschaft der intellektuellen Helden\nphantasiert. Das ist die b\u00f6sartige Ironie dieses von den Kritikern als\n\u201eLiebeserkl\u00e4rung an Paris\u201c gefeierten Films. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Beispiel von Paul mag noch plausibel sein, dass\ndie amerikanische Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr die alte europ\u00e4ische Kultur l\u00e4cherlich\ngemacht wird, wie das einige Kritiker interpretieren. F\u00fcr Gil gilt das bestimmt\nnicht mehr. Er will und wird in Paris bleiben und ist mit der europ\u00e4ischen\nKultur hoch identifiziert. Die Europ\u00e4er sind schon mit gemeint, wenn die\nsentimentalen Vorstellungen von der Pariser Boh\u00e9me in den 20ern karikiert\nwerden, wenn gezeigt wird, wie gerne man dabei gewesen w\u00e4re, als K\u00fcnstler und\nIntellektuelle aus aller Welt dort dem bunten Leben gefr\u00f6nt und nebenbei\n\u201eMeisterwerke\u201c geschaffen haben. Der Film f\u00fchrt die verschiedenen\nParis-Klischees vor. Er macht sich vor allen Dingen \u00fcber die verschiedenen\nNiveaus von Halbbildung und besonders \u00fcber die klischeehaften Phantasien der\nIntellektuellen lustig, die den Kultur-Tourismus ausmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt wird die \u201eBildung\u201c in der\nWissensgesellschaft ironisiert: Sie besteht in Klischees und Ratgeberwissen.\nDas hat auch eine politische Dimension. Die Propaganda der Tea-Party wird bis\nzur Kenntlichkeit entstellt. Es sind Dispute zwischen Paul und Gil, in denen\ndas vorgef\u00fchrt wird. Verwickelt und anschaulich auf den Punkt bringt es ein\nKonflikt zwischen Gil und Inez. Gil hat an einem der Souvenir-St\u00e4nde ein\nTagebuch von Adriana erworben. Aus diesem erf\u00e4hrt er, dass sie ihn, Gil,\ngetroffen und davon getr\u00e4umt habe, dass er ihr Ohrringe schenke und dann Sex\nmit ihm habe. Gil beschlie\u00dft vor seiner n\u00e4chsten n\u00e4chtlichen Zeitreise, ihr\nOhrringe zu schenken, vergisst dann aber sie zu kaufen und klaut welche aus dem\nSchmuckk\u00e4stchen von Inez. Inez und ihre Eltern, die f\u00fcr ein paar Tage weg\nwollten, kehren wegen gesundheitlicher Probleme des Vaters \u00fcberraschend zur\u00fcck.\nSie sucht just diese Ohrringe und verd\u00e4chtigt sofort das Zimmerm\u00e4dchen des\nDiebstahls. Gil verteidigt das Zimmerm\u00e4dchen. Weil er immer auf der Seite des\nPersonals sei, so Inez, sage ihr Vater, er sei Kommunist. Das Bittere an <em>dieser<\/em>\nSatire besteht darin, dass sie die Realit\u00e4t kaum zu \u00fcbertreffen mag, dass die\nPropaganda der Tea-Party der Satire in nichts nachsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleiben noch die Liebesgeschichten: Der gemeinsame\nUrlaub von Paaren kann bekanntlich leicht zum H\u00e4rtetest f\u00fcr Beziehungen werden,\nso auch hier. Die Urlaubsliebschaften wiederum leben davon, dass sie zeitlich\nbegrenzt sind, so auch hier. Die phantasierte Aff\u00e4re mit Adriana ist aufregend\nbis Gil auf ihrer gemeinsamen Zeitreise in die Belle \u00c9poque kapiert, dass jedes\nZeitalter und jede Liebe als Alltag langweilig ist, dass die Gegenwart immer\nunbefriedigend ist. Adriana beschlie\u00dft in der Belle \u00c9poque zu bleiben, Gil\nkehrt in die Gegenwart zur\u00fcck. In der Schlussszene h\u00f6ren wir die Glocken um\nMitternacht, die das Signal f\u00fcr den Beginn seiner Zeitreisen waren. Dieses Mal\nflaniert er im Regen auf einer Br\u00fccke und wartet nicht auf der Treppe bis er\nabgeholt wird. Gabrielle kommt des Weges. Die beiden verst\u00e4ndigen sich, dass\nParis bei Regen poetisch und \u00fcberhaupt am Sch\u00f6nsten sei und ziehen gemeinsam\ndes Weges. Happy End \u2013 w\u00e4re da nicht die Drohung, dass Gil in Paris bleiben\nwird. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Gegenwart, in der Gil angekommen ist, ist eine\nProjektion in die Zukunft. Die Fortsetzung, was geschieht, wenn sich ein Paar\nin ihren Vorlieben so einig ist wie Gabrielle und Gil hatte Woody Allen schon\nvor vielen Jahren gedreht. In <em>Everybody says I love you<\/em>, dem ersten Film\nvon Woody Allen, der in Teilen in Paris spielt, bekommen wir gezeigt, dass das\nnicht gut ausgeht: \u201eEs wird nach einem happy end \/ im Film jew\u00f6hnlich\nabjeblendt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben in der jeweiligen Gegenwart ist\nlangweilig und die Liebesbeziehungen sind konfliktreich \u2013 egal um welche Epoche\nes sich handelt. Aber Fortschritt gibt es auch kaum: Im Film taucht er nur als\nmedizinischer auf. Paul kommentiert die Sehns\u00fcchte von Gil sarkastisch, dass er\ndie Tuberkulose bei seinem Traum von den Goldenen Zwanzigern vergesse. Gil will\nAdriana davon abhalten, in der Belle \u00c9poque zu bleiben, weil es damals noch\nkeine Antibiotika gegeben habe. Adriana klagt \u00fcber den Autol\u00e4rm und w\u00fcnscht\nsich Pferdekutschen, die 20iger haben gegen\u00fcber der Jetztzeit den Vorteil, dass\nKlimawandel und Atom noch keine Probleme sind. Allenfalls die unfreiwillige Zeitreise\ndes Detektivs, den John auf Gil ansetzt, um herauszufinden, was der nachts\ntreibt und ob er es wert ist, seine Tochter zu heiraten, nach Versailles und\nmitten in den Absolutismus hinein, k\u00f6nnte man als Fortschrittsgeschichte\ninterpretieren: Als er im Schloss entdeckt wird, droht ihm sofort der Galgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeitreisen sind keine <em>Terminator<\/em>-Geschichten,\nwo der Held die Aufgabe hat, die Zukunft zum Besseren zu ver\u00e4ndern. Es ist auch\nkeine <em>Traumnovelle<\/em>, die es erm\u00f6glicht erotische Phantasien auszuleben.\nDie Zeitreise wird hier verwendet, um die Intellektuellen und ihre kitschigen\nVorstellungen vorzuf\u00fchren. <em>Midnight in Paris<\/em> spottet \u00fcber die\nHalbbildung der Intellektuellen \u2013 und damit \u00fcber seine Zuschauer und ihre\nnostalgischen Sehns\u00fcchte.<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a>\n&nbsp;&nbsp; Daniel Sander in: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/kino\/0,1518,780808,00.html\">www.spiegel.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a>\n&nbsp;&nbsp; Matthias Dell in: <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/kultur\/1133-der-neue-woody-allen-film\">www.freitag.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a>\n&nbsp;&nbsp; Andreas Rosenfelder in: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/article13545773\/Owen-Wilson-als-Neuausgabe-des-jungen-Woody-Allen.html\">www.welt.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a>\n&nbsp;&nbsp; Sophie Albers in: <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/kultur\/film\/filmstart-von-midnight-in-paris-woody-will-kuscheln-1718123.html\">www.stern.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a>\n&nbsp;&nbsp; Birgit Glombitza in: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!76357\/\">www.taz.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a>\n&nbsp;&nbsp; Anke Westphal in: <a href=\"http:\/\/www.berlinonline.de\/berliner-zeitung\/archiv\/.bin\/dump.fcgi\/2011\/0512\/feuilleton\/0012\/index.html\">www.berlinonline.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> &nbsp;&nbsp; Rainer\nGansera in: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/woody-allens-neuer-film-midnight-in-paris-im-kino-poesie-des-mirakels-1.1132155\">www.sueddeutsche.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christine Resch<\/p>\n<p>Die Kritiker sind sich ziemlich einig: Woody Allens letzter Film Midnight in Paris sei am\u00fcsant, aber ein \u201egro\u00dfer\u201c Film sei es nicht, vielmehr eine der Variationen auf die Themen und Figuren, die wir aus seinen Filmen hinreichend kennen: \u201eNeue Stadt, alte Neurosen\u201c ist die Besprechung in Spiegel Online \u00fcbertitelt. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/359"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=359"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/359\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":365,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/359\/revisions\/365"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=359"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=359"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=359"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}