{"id":379,"date":"2019-07-30T15:45:50","date_gmt":"2019-07-30T13:45:50","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=379"},"modified":"2019-07-30T15:50:17","modified_gmt":"2019-07-30T13:50:17","slug":"der-21-august-1968-als-geschichtszeichen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=379","title":{"rendered":"Der 21. August 1968 als Geschichtszeichen*"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">von Rudolf Walter<\/h5>\n\n\n\n<p>Das Wort \u201eGeschichtszeichen\u201c stammt von Kant,\nder es ins Lateinische \u00fcbersetzte mit \u201esignum demonstrativum\u201c oder \u201esignum\nmemorativum\u201c. Kant charakterisierte mit dem Begriff die Franz\u00f6sische Revolution,\nin der er \u2013 trotz Ultra-Jakobinismus, Terror und anderen Grausamkeiten \u2013 \u201eeine\nTendenz f\u00fcr das Fortschreiten zum Besseren\u201c und \u201eeine Revolution \u2026 in den\nGem\u00fctern aller Zuschauer\u201c sah.<\/p>\n\n\n\n<p>Bezieht man den Begriff \u201eGeschichtszeichen\u201c\nnicht auf die Franz\u00f6sische Revolution, sondern auf den 21. August 1968,\nkonstruiert man ein Paradoxon, denn Kant meinte mit dem Wort \u2013 alles in allem\ngenommen \u2013 \u201eeine Tendenz des menschlichen Geschlechts im Ganzen\u201c oder eine\npolitisch-moralische Errungenschaft, wenn man denn das Wort \u201eSieg\u201c vermeiden\nm\u00f6chte. Andererseits war der 21. August 1968 in Prag eine Niederlage und eine\nKatastrophe. Aus meiner Perspektive l\u00e4sst sich das Paradox aufl\u00f6sen \u2013\nbiographisch und historisch-politisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verbrachte den 21. August 1968 in einer\nZigarettenfabrik in Neuch\u00e2tel in der Schweiz, wo ich w\u00e4hrend der Semesterferien\narbeitete. Wir h\u00f6rten damals den ganzen Arbeitstag lang st\u00fcndlich die\nNachrichtensendungen an Transistorradios. Zun\u00e4chst mochte ich gar nicht\nglauben, was ich h\u00f6rte. Ich erinnere mich, dass Arbeiter im Alter meines Vaters\nhemmungslos weinten. Mich ber\u00fchrten die Vorg\u00e4nge in Prag auch, aber ich hielt\ndie Ereignisse noch l\u00e4ngere Zeit f\u00fcr eine blo\u00dfe Wiederholung dessen, was 1956 \u2013\nals ich noch Sch\u00fcler war \u2013 in Ungarn passiert war. Erst als das Wintersemester\nim Oktober anfing, begann ich langsam zu realisieren, was man in Prag dauerhaft\nzerst\u00f6rt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die versp\u00e4tete Einsicht verdanke ich dem\nverstorbenen Philosophen und Marx-Biografen Arnold K\u00fcnzli. In seinem Seminar\nerfuhr ich erstmals vom \u201eRichta-Report\u201c, von Eduard Goldst\u00fcckers Arbeiten und\nanderen grundlegenden Texten der tschechischen Reform-Kommunisten des \u201ePrager\nFr\u00fchlings\u201c. Das Thema eines zeitgem\u00e4\u00dfen Sozialismus zog mich so in Bann, dass\nich das Hauptfach wechselte und fortan Geschichte und Philosophie studierte. So\nviel zum biografischen Aspekt des Geschichtszeichens vom 21. August.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00f6ffentliche oder historisch-politische\nDimension des Geschichtszeichens vom 21. August wurde absehbar in dem Ma\u00dfe, wie\nman erkennen konnte, dass der 21. August nichts Geringeres war als der Dreh-\nund Angelpunkt zwischen einem Sozialismus mit demokratischen und\npluralistischen Anspr\u00fcchen und den verschiedenen Formen eines etatistischen und\nautorit\u00e4ren Kommunismus, d.h. des Stalinismus, Maoismus etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch im Laufe des Jahres 1968 begann der\nlangsame Zerfall der studentischen Protestbewegung in Europa in stalinistische,\nkommunistische, maoistische Gruppen, in der sich die Mehrheit der\nProtestbewegung bewegte. Ihrem Selbstverst\u00e4ndnis nach Parteien, waren diese\nGruppen tats\u00e4chlich nur ein Haufen kleiner Sekten von politisch Verblendeten\nund kulturell hinterw\u00e4ldlerisch Verbohrten. F\u00fcr sie war der 21. August kein\nGeschichtszeichen, sondern eine verdiente Quittung f\u00fcr jene, die sie in ihrem\nJargon \u201eReformisten\u201c oder \u201eRevisionisten\u201c nannten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Minderheit der deutschen Studentenbewegung\nhat den Zerfall der Bewegung nicht aufhalten k\u00f6nnen, aber sie hat den 21.\nAugust als politisches Erbe bewahrt. Auch die Minderheit hat sich oft geirrt,\naber dieses Erbe hat sie nie verraten. Es gab damals zwei politische Fallen:\ndie Falle der Geschichtsphilosophie und jene des intellektuellen und\npolitischen Defaitismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die s\u00e4kulare Geschichtsphilosophie, wie sie im\n18. Jahrhundert entstand, beerbte die j\u00fcdisch-christliche Tradition der\nOffenbarung. Wie der Glaube und die Religion funktioniert auch die\nGeschichtsphilosophie als Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und der\nallemal unsicheren Zukunft, deren prinzipielle Unvorhersehbarkeit religi\u00f6s bzw.\nhistorisch-spekulativ unterlaufen und wegdisputiert werden sollte. Alle\ngeschichtsphilosophischen Konzeptionen bilden in einem strikten Sinne ein mehr\noder weniger koh\u00e4rentes Universum von Hoffnungen und Erwartungen oder eine\nVersicherung gegen die Zuf\u00e4lle, Unsicherheiten und Unannehmlichkeiten des\nLebens. In der Geschichtsphilosophie wird das religi\u00f6se Erl\u00f6sungsversprechen\nersetzt durch den unersch\u00fctterlichen Glauben an Fortschritt und Humanit\u00e4t, die\nangeblich die letzten Ziele der Geschichte darstellen und die die Erwartungen\nder Menschen in die Ordnung, die sie selbst gestiftet haben, intellektuell\nbefeuern sollten. Geschichtsphilosophie macht \u201edie\u201c Geschichte zum Subjekt, zur\nStellvertreterin des allwissenden Sch\u00f6pfergottes. Die Geschichte als\nSuper-Subjekt ist das Leitmotiv der politischen Philosophie des 19.- und gro\u00dfer\nTeile des 20. Jahrhunderts. Diese Form des erwartungs- und fortschrittsgewissen\nHistorismus ist definitiv in einer Krise seit 1914 und brauchbar allenfalls\nnoch f\u00fcr Leitartikel und Festreden.<\/p>\n\n\n\n<p>Marx ist \u2013 hinsichtlich der\nGeschichtsphilosophie \u2013 der Haupterbe der hegelianischen Konzeption. Marx\nersetzte den Weltgeist Hegels durch das Proletariat, und die Marxisten haben\ndas Konzept \u2013 zum Nachteil des Meisters \u2013 noch betr\u00e4chtlich \u00fcberboten, als sie behaupteten,\nes existiere mit dem Proletariat eine soziale Klasse, die \u00fcber einen\nprivilegierten Zugang zur Gesellschaftstheorie, zur Gesellschaftskritik und zur\nWahrheit obendrein verf\u00fcge. Die in den K-Gruppen versammelten 68er haben sich\nredlich M\u00fche gegeben, diese abgestandene leninistisch-maoistische Bukolik zu\nhegen und zu pflegen. Sie geh\u00f6rt genauso in den Orkus wie die vom Historismus\nerzeugte Fortschrittstrunkenheit und Humanit\u00e4tsduselei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere Falle, in die zu treten nach 68\ndrohte, war die Strategie des Vergessens und Vergessenmachens oder der\nintellektuelle und politische Defaitismus, den man landl\u00e4ufig Postmoderne\nnennt. Ich bevorzuge den Ausdruck \u201eHypermoderne\u201c, weil die so genannte\nPostmoderne nicht \u00fcber die Moderne hinaus gelangte, sondern nur einzelne von\nderen Z\u00fcgen radikalisierte oder schlicht ad absurdum f\u00fchrte wie die radikale\nVernunftkritik, die sich nur vern\u00fcnftiger Argumente bedienen kann, um der\nVernunft den Boden zu entziehen oder verstummen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kern beruht die hypermoderne Befindlichkeit\nauf einem banalen Kurzschluss. Die einfachste der Inkonsistenzen der\nGeschichtsphilosophie besteht darin, dass niemand die Zukunft exakt voraussehen\nkann. Diese triviale Feststellung verf\u00fchrte die Hypermoderne dazu, nicht nur\ndie M\u00f6glichkeit von Zukunftsprognosen zu bestreiten. Dar\u00fcber hinaus verneinen\nHypermoderne die M\u00f6glichkeit jeder Theorie und jeder Wahrheit, selbst wenn\ndiese nur zeitlich beschr\u00e4nkte Geltung beanspruchen. Hypermoderne akzeptieren\nnicht mehr, dass bessere Gr\u00fcnde und erweiterte Begr\u00fcndungsszenarien schlechtere\nArgumente und eingeschr\u00e4nkte Begr\u00fcndungen zumindest f\u00fcr begrenzte Zeit\n\u00fcberholen oder abl\u00f6sen. Die feierliche Verabschiedung dessen, was die\nHypermodernen gerne \u201egro\u00dfe Erz\u00e4hlungen\u201c nannten, endete im intellektuellen und\npolitischen Defaitismus sowie einer offen anti-intellektuellen Attit\u00fcde: Jacke\nist wie Hose und jede Theorie nur eine Art Poesie.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ziemlich viele Leute, die 1968 politisiert\nwurden, besteht das Erbe des Geschichtszeichens vom 21. August 1968 in der \u00dcberzeugung,\ndass es politisch wie wissenschaftlich Wahrheiten bzw. L\u00f6sungen von zeitlich\nbeschr\u00e4nkter Geltung gibt zwischen der theologisch oder geschichtsphilosophisch\nbegr\u00fcndeten Annahme einer einzigen, unteilbaren und ewigen Wahrheit und der\ndefaitistischen Aufgabe jeglicher Wahrheitsanspr\u00fcche unter der Flagge\nhypermoderner Beliebigkeit. Diese Wahrheiten bzw. L\u00f6sungen situieren sich\nentschieden oberhalb eines intellektuellen und politischen Defaitismus und\nebenso entschieden unterhalb der peinlichen Zumutungen\ngeschichtsphilosophischer Spekulation im Stil von Hegel und Marx oder gar der\nleninistisch-maoistischen Bauernphilosophie. Das politische Erbe des 21. August\n1968 verwahrt gleicherma\u00dfen die M\u00f6glichkeit wie die Aufgabe, linke Politik zu\nreformulieren \u2013 oberhalb eines perspektivenlosen Pragmatismus und weit jenseits\ndes etatistischen und autorit\u00e4ren Kommunismus. Kants politisch-moralische\nPhilosophie enth\u00e4lt dazu ein, nicht <em>das <\/em>Fundament.<\/p>\n\n\n\n<p>* Der Beitrag beruht auf einem gek\u00fcrzten und\nins Deutsche r\u00fcck\u00fcbersetzten Vortrags, den der Autor im Sommer 2008 in\nLuxemburg hielt:VI, 3 Neue Gesellschaft\/Frankfurter Hefte, Nr.\n7\/8, 2008, S. 16 ff., UTV.<\/p>\n\n\n\n<p>Der hier ver\u00f6ffentlichte Text ist ein Nachdruck\naus: Rudolf Walter (2011): Aufgreifen, begreifen, angreifen. Historische\nEssays, Portr\u00e4ts, politische Kommentare, Glossen, Verrisse, Bd. 1. M\u00fcnster:\nOktober Verlag. 376\nff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Rudolf Walther<\/p>\n<p>Bezieht man den Begriff \u201eGeschichtszeichen\u201c nicht auf die Franz\u00f6sische Revolution, sondern auf den 21. 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