{"id":398,"date":"2019-09-22T17:32:41","date_gmt":"2019-09-22T15:32:41","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=398"},"modified":"2019-09-22T17:40:07","modified_gmt":"2019-09-22T15:40:07","slug":"hundert-jahre-rotes-wien-selbstinszenierung-einer-gegenhegemonie-und-was-sich-fuer-soziale-infrastruktur-daraus-lernen-laesst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=398","title":{"rendered":"Hundert Jahre Rotes Wien: Selbstinszenierung einer Gegenhegemonie und was sich f\u00fcr \u201eSoziale Infrastruktur\u201c daraus lernen l\u00e4sst"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Christine Resch<\/h5>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Einleitung: Wien-Nostalgie<\/h5>\n\n\n\n<p>Die Jahrhundertwende um\n1900 in Wien ist inzwischen wahrlich gut beforscht. Gleichg\u00fcltig welchen\nZeitraum diese kulturelle Epoche aus der Perspektive der Autor*innen mehr oder\nweniger gut begr\u00fcndet umfassen soll, sie endete immer vor dem Aufstieg der Austrofaschisten\nund selbstverst\u00e4ndlich vor der Vereinigung mit Nazi-Deutschland. (In der Zeit\nnach dem Zweiten Weltkrieg war von \u201eOkkupation\u201c die Rede, dann hat sich\n\u201eAnschluss\u201c durchgesetzt.) Da wird vor allen Dingen die Wiener Moderne gefeiert\n\u2013 Sch\u00f6nberg, Kraus, Freud, Wittgenstein, Schiele, Kokoschka &#8230; Diese\nEpochenkonstruktion hat aber zudem den Vorteil, dass Sisi auch ihren Platz\ndarin findet. F\u00fcr den Jahrhundertwende-Tourismus ist das optimal.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das \u201eRote Wien\u201c,\ndie Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, ist wissenschaftlich gut bearbeitet. Zudem\ndient es bis heute als gerne zitiertes Vorbild f\u00fcr den Sozialen Wohnungsbau.\nDie Wiener Gemeindebauten sind legend\u00e4r, die ber\u00fchmten unter ihnen \u2013 der\nKarl-Marx-Hof und der Friedrich-Engels-Hof \u2013 l\u00e4ngst zu touristischen\nAttraktionen f\u00fcr sozial- und architekturgeschichtlich interessierte Reisende\ngeworden. Auch f\u00fcr diese Forschungen gilt in der Regel 1934 als Bruchlinie\n(Niederlage des Austromarxismus gegen die austrofaschistische Dollfu\u00df-Diktatur\nin einem B\u00fcrgerkrieg, schlie\u00dflich die Ermordung Dollfu\u00dfs durch \u00f6sterreichische\nNazis). Solche historischen Einordnungen legen es nahe, die 1920er Jahre als\ngoldenes Zeitalter der Sozialdemokratie zu heroisieren. Dabei ger\u00e4t leicht aus\ndem Blick, dass die 1920er Jahre eher durch einen gewaltsamen Kampf um\nHegemonie gekennzeichnet waren als durch eine stabil existierende\nsozialdemokratische: 1927 brannte bekanntlich der Justizpalast aufgrund von\nDemonstrationen gegen ein (politisches) Urteil.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Buchbesprechung:\nHundert Jahre Rotes Wien<\/h5>\n\n\n\n<p>Das Buch von Helmut\nKonrad und Gabriella Hauch (2019) <em>Hundert\nJahre Rotes Wien: Die Zukunft einer Geschichte.<\/em> Wiener Vorlesungen, Bd.\n193, herausgegeben f\u00fcr die Kulturabteilung der Stadt Wien von Daniel L\u00f6cker.\nWien: Picus Verlag, macht schon aufgrund des Titels neugierig. Er verspricht,\ndas <em>Rote Wien<\/em> in einen\ngesellschaftshistorischen Prozess einzuordnen und, um es vorwegzunehmen, er\nl\u00f6st dieses Versprechen ein, soweit dies auf knapp 70 Seiten in Form zweier\nausgearbeiteter Vortr\u00e4ge m\u00f6glich ist. F\u00fcr diejenigen, die zu bestimmten\nAspekten an weiterf\u00fchrender Lekt\u00fcre interessiert sind, enth\u00e4lt das Buch die\nentsprechenden Literaturverweise. <\/p>\n\n\n\n<p>Konrad beginnt seine\nAnalyse mit der Vorgeschichte: der Entwicklung einer europ\u00e4ischen Metropole\n(\u201ezwei Drittel der Bewohner Wiens hatten vor dem Ersten Weltkrieg anderswo ihr\nHeimatrecht\u201c, S.17), dem Kampf zwischen B\u00fcrgertum und Adel (Stichwort:\nRingstra\u00dfe als Ausdruck der wirtschaftlichen Macht des liberalen, zumeist\nj\u00fcdischen B\u00fcrgertums bei gleichzeitiger politischer Machtlosigkeit),\nInfrastrukturma\u00dfnahmen wie Donauregulation, Ausbau der Kanalisation,\nHochquellwasserleitung, Zentralfriedhof. Darin manifestiert sich ein\npolitischer Liberalismus, der die \u201esoziale Frage\u201c aber nicht befrieden konnte\nund in Konkurrenz zu einem katholisch gepr\u00e4gten Antisemitismus stand. Karl\nLueger wird Ende des 19. Jahrhunderts B\u00fcrgermeister von Wien. Lueger ist bis in\ndie Gegenwart wegen seines Antisemitismus umstritten, das Denkmal an der Wiener\nRingstra\u00dfe immer wieder Gegenstand von Kontroversen. Konrad betont gleichwohl seinen\nBeitrag zur kommunalen Modernisierung von Wien: Elektrifizierung der\nStra\u00dfenbahn, Bau des Wiener Gaswerks, Bau der Stadtbahn, Gr\u00fcndung der\nZentralsparkasse, eine kommunale Rentenversicherung sei angeregt worden. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Zeit nach dem\nErsten Weltkrieg beschreibt Konrad, dass es der \u00f6sterreichischen\nSozialdemokratie gelungen sei, \u201edas revolution\u00e4re Potenzial zu domestizieren\u201c\nals \u201eein europ\u00e4isches Muster an politischem Geschick\u201c: <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEinerseits\ngelang es, das revolution\u00e4re Bedrohungspotenzial so hochzuhalten, dass den\nb\u00fcrgerlichen Parteien gewaltige Zugest\u00e4ndnisse, etwa in der Sozialgesetzgebung,\nim Frauenwahlrecht oder in der Verfassung abgerungen werden konnten, anderseits\nwurden \u00fcber das Betriebsr\u00e4tegesetz und \u00fcber die Arbeiterkammern die\nRevolution\u00e4re in die demokratische Struktur des neuen Staats integriert.\u201c (S.\n27)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Rote Wien war kein\nrevolution\u00e4rer Umbruch, vielmehr ging es um Demokratisierung und eine\ngerechtere Verteilung materieller und kultureller Ressourcen. Anfang der 1920er\nwurden die wesentlichen Entscheidungen f\u00fcr das Reformwerk beschlossen: in f\u00fcnf\nJahren sollten 25.000 Wohnungen errichtet, der Mieterschutz reformiert, ein\nGesundheitssystem, ein Bildungs- und Freizeitangebot aufgebaut werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein solches Gro\u00dfprojekt\nwill finanziert sein. Es wurden direkte Steuern mit ganz starker Progression\neingef\u00fchrt, sowie eine Wertzuwachsabgabe auf Grundst\u00fccke, mit der Spekulationen\nunterbunden werden sollten. In der politischen Debatte stand die Luxussteuer (Klaviersteuer,\nBillardsteuer, Luxushunde, Gl\u00fchlampen) im Vordergrund, die aber, so Konrad,\nfaktisch nur f\u00fcr wenige Einnahmen sorgte. Die Wohnbausteuer dagegen, eine\nKombination aus direkter Steuer und Luxusteuer, sollte das Geld f\u00fcr das\nambitionierte Wohnbauprogramm aufbringen. Flankiert wurde das durch den\nMieterschutz. Der private Wohnungsbau kam praktisch zum Erliegen, weil es\nunrentabel war, Geld in Immobilien anzulegen. (Vgl. S. 33f.) Bauen mit\nkommunalen Mitteln war zugleich eine antizyklische Wirtschaftspolitik und\ngeeignet, die Zahl der Arbeitslosen zu reduzieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die in den\nGemeindebauten Stein gewordene Utopie war tats\u00e4chlich aber nur ein Teil einer\nSozialpolitik, die tats\u00e4chlich paternalistische F\u00fcrsorge und die dazugeh\u00f6rige\nsoziale Kontrolle \u201evon der Wiege bis zur Bahre\u201c umfasste. (S. 40) Ehe- und\nMutterberatung \u00fcber Sportangebote f\u00fcr die k\u00f6rperliche Ert\u00fcchtigung bis zum\nKrematorium in Simmering waren Teil einer Politik, einen \u201egesunden\nStadtorganismus\u201c (S. 40) herzustellen. Das Vokabular war, wie leicht zu sehen,\ndurchaus sozialdarwinistisch affiziert. Die Rede war von \u201eAufzuchtoptimierung\nals Hauptgewicht sozialer Bev\u00f6lkerungspolitik\u201c. (S. 38f)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wohnungen in den\nGemeindebauten waren so zugeschnitten, dass die \u201eFamilialisierung des Proletariats\u201c,\nwie Hauch einen Abschnitt \u00fcberschreibt, durchgesetzt werden konnte. (S. 57) Es gab\nzwar gemeinsame Waschk\u00fcchen, aber mit strengem Reglement und unter m\u00e4nnlicher\nAufsicht des \u201eHerrn Waschmeisters\u201c (S. 56), die weniger emanzipatorische\nVergemeinschaftung der Hausarbeit als Stress bedeutete und die\nReproduktionsarbeit den Blicken der M\u00e4nner entzog. Ideen zu Gro\u00dfk\u00fcchen\nscheiterten dagegen, weil sie zu kostenintensiv waren und an den unsicheren\nArbeits- und Lebensverh\u00e4ltnissen. Ein Versuch wird so beschrieben:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEine\nGro\u00dfk\u00fcche ersetzte die rund zweihundert Kleink\u00fcchen, in der zum\nSelbstkostenpreis Mittag- und Abendessen hergestellt wurde, die im gemeinsamen\nSpeisesaal oder in der Wohnung eingenommen werden konnten, Hausgehilfinnen\nbesorgten die Wohnungsreinigung, Dachterrassen f\u00fcr allen Bewohner_innen standen\nebenso zur Verf\u00fcgung wie eine W\u00e4scherei zum Selbstkostenpreis: Das\n\u201aSchreckgespenst: Waschtag!\u2018 sollte aus dem Haus \u201averbannt\u2018 werden.\u201c (S. 59)<\/p>\n\n\n\n<p>Durchgesetzt hat sich\nbekanntlich die von der Wiener Architektin Margarete Sch\u00fctte-Lihotzky erfundene\n\u201eFrankfurter K\u00fcche\u201c. Hauch zitiert aus einer Gemeinderatsitzung 1923:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs\nist auch aus sittlichen Gr\u00fcnden nicht anzuraten, der Hausfrau alle Sorgen f\u00fcr\nden Haushalt abzunehmen. Die junge Hausfrau soll sich nur sorgen, sie soll\nwirtschaften und sparen lernen, das wird ihr f\u00fcr die Zukunft nur von Nutzen\nsein.\u201c (S. 60f.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das soll nicht hei\u00dfen,\ndass es nicht auch progressive \u201eExperimente\u201c gab: etwa sexualpolitische Ideen,\nR\u00e4ume f\u00fcr \u201efreie Liebe\u201c zur Verf\u00fcgung zu stellen oder eine psychoanalytisch\norientierte F\u00fcrsorge zu etablieren. Im Beitrag von Hauch, die auf die\nGeschlechterverh\u00e4ltnisse im Roten Wien fokussiert, ist das genauer nachzulesen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will hier noch den\nAkzent auf bildungspolitische Bestrebungen legen, die Konrad ausf\u00fchrt. Otto\nGl\u00f6ckel ist der Name, mit dem diese Errungenschaften und Bestrebungen verbunden\nsind: freier Zugang f\u00fcr Frauen zu Universit\u00e4ten; <em>freiwillige<\/em> Teilnahme am Religionsunterricht (Anlass f\u00fcr einen\n\u201eKulturkampf\u201c); kostenlose Unterrichtsmittel, Nachmittagsbetreuung,\nSchulausspeisung, Kleideraktionen, Schulb\u00e4der, um die Bed\u00fcrftigen nicht zu\ndiskriminieren; Klassensch\u00fclerh\u00f6chstzahlen. Angestrebt wurde eine einheitliche\nMittelschule, durchgesetzt hat sich die inzwischen v\u00f6llig diskreditierte Hauptschule.\nZum Bildungsprogramm geh\u00f6rten auch die Etablierung von\nArbeitersymphoniekonzerten und der Ausbau der Bibliotheken (mit Verboten von\n\u201eGroschenromanen\u201c). <\/p>\n\n\n\n<p>Mit den 1930er Jahren\nger\u00e4t das Projekt \u201eRotes Wien\u201c in jeder Hinsicht in die Krise. Der\n\u201eFinanzausgleich mit dem Bund, der politisch motivierte K\u00fcrzungen f\u00fcr Wien\nenthielt, erzwang Einschr\u00e4nkungen im Wohnbauprogramm und in der\nF\u00fcrsorgepolitik\u201c. (S. 46) Konrad fasst zusammen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer\nhistorische Befund ist eindeutig: Das Experiment des Roten Wiens ist nicht\ngescheitert, es wurde gewaltsam zerst\u00f6rt. Allerdings hatte das Zerst\u00f6rungswerk\nrelativ leichtes Spiel, da Wien schlie\u00dflich nicht von der in die Krise\ngekommenen marktwirtschaftlichen \u00d6konomie abgekoppelt war. Die \u201a\u00f6sterreichische\nRevolution\u2018 lie\u00df die \u00f6konomischen Macht- und Verteilungsverh\u00e4ltnisse\nunangetastet.\u201c (S. 47)<\/p>\n\n\n\n<p>So sei schlie\u00dflich als\nKuriosit\u00e4t von symbolischer Politik erw\u00e4hnt, dass nach dem \u00f6sterreichischen\nB\u00fcrgerkrieg der Karl-Marx-Hof zun\u00e4chst in Biedermannhof (Karl Biedermann gilt\nals der Eroberer des Hofes in den K\u00e4mpfen 1934) und ab 1935 in Heiligenst\u00e4dter\nHof (so hei\u00dft eine angrenzende Stra\u00dfe) umbenannt wurde; 1953 erhielt er den\nurspr\u00fcnglichen Namen zur\u00fcck. Beim Friedrich-Engels-Hof hat man sich nicht viel Arbeit\ngemacht: Es reichte, das \u201es\u201c zu entfernen und schon hatte man einen harmlosen\nEngel-Hof.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nazi-Zeit hat in\nWien architektonisch wenig Spuren hinterlassen \u2013 die Flakt\u00fcrme stehen\nallerdings bis heute. Gelegentlich gibt es Debatten \u00fcber m\u00f6gliche Nutzungen.\nSie gelten als nicht sprengbar. Aber: \u201eDie vorerst wilde und dann politisch\norganisierte Arisierung betraf schlie\u00dflich mehr Wohnraum, als ihn in den Jahren\nzuvor das Rote Wien durch Neubauten beschaffen hatte.\u201c (S. 48)<\/p>\n\n\n\n<p>In der Bilanz sind sich\nKonrad und Hauch einig: Konrad spricht von einem gro\u00dfem\nhumanistisch-aufgekl\u00e4rtem Experiment, eine pragmatische Haltung, die auch nach\ndem Zweiten Weltkrieg die Vorlage bot, den Hunger zu bek\u00e4mpfen, Wohnraum zu\nschaffen und die Infrastruktur mitwachsen zu lassen; Hauch betont die\nAmbivalenzen und hebt hervor, dass als Schritt in die richtige Richtung ein\nRaum er\u00f6ffnet wurde, der es erm\u00f6glicht hat, Geschlechterverh\u00e4ltnisse\nauszuhandeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch \u00fcberzeugt\ndurch eine F\u00fclle von Informationen auf wenigen Seiten und durch die\ngeschichtliche Einordnung in gr\u00f6\u00dfere Kontexte durch einschl\u00e4gige\nHistoriker*innen. Es veranschaulicht die Idee, eine \u201eNeue Stadt\u201c f\u00fcr \u201eNeue\nMenschen\u201c zu bauen mit all seinen Widerspr\u00fcchen. <\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Kommentar: Die Zukunft\neiner Geschichte<\/h5>\n\n\n\n<p>Ich will abschlie\u00dfend den\nUntertitel des Buches \u201eDie Zukunft einer Geschichte\u201c in eigener Sache\naufgreifen und fragen, was sich daraus gegenw\u00e4rtig f\u00fcr ein Projekt einer\n\u201eSozialen Infrastruktur\u201c lernen l\u00e4sst. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man versucht die dargestellten\nAnstrengungen bezogen auf Soziale Infrastruktur einzusch\u00e4tzen, wird schnell\nersichtlich, dass es sich um die Jahrhundertwende und davor um <em>konventionelle<\/em> Infrastrukturma\u00dfnahmen\nhandelt, die die Interessen des Kapitals bedienen. Nach der\nWeltwirtschaftskrise 1873ff. entstand, was retrospektiv \u201eorganisierter\nKapitalismus\u201c genannt wurde. Allein den Marktkr\u00e4ften zu vertrauen, war als\nIdeologie des Liberalismus diskreditiert, staatliche Wirtschaftspolitik sollte\nes richten und das hie\u00df zuerst den Ausbau von f\u00fcr das Kapital notwendiger\nInfrastruktur: Energie, Verkehr &#8230; und die Anf\u00e4nge von Sozialpolitik als\nBefriedung nach innen und als Herrschaftsprojekt. \u201eSoziale Infrastruktur\u201c \u2013\nMobilit\u00e4t, Beleuchtung, Sozialversicherung \u2013 sind Nebenprodukte einer gew\u00f6hnlichen\nInfrastrukturpolitik, die im g\u00fcnstigen Fall mit entstehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das \u201eeigentliche\u201c Rote\nWien entspricht in seiner Logik dem fordistischen Projekt: die Einbindung der\nArbeiterklasse durch Korporatismus in den demokratischen Staat. Dazu geh\u00f6rt die\nDurchsetzung der Kleinfamilie im Proletariat, die von liberalen Unternehmern\ndurch Fabriksiedlungen schon im 19. Jahrhundert gut vorbereitet war. Dazu\ngeh\u00f6rt in Phasen, in denen die Arbeiterklasse im Kampf um Hegemonie als\nrelevanter Akteur ernstgenommen werden musste, wie es in den 1920ern und dann\nwieder in den 1950\/60ern der Fall war, eine umfassende Sozialpolitik, die\ndeutlich \u00fcber Forderungen nach Lohnerh\u00f6hungen und auch Arbeitsverk\u00fcrzungen\nhinausgeht. Neben den Erweiterungen von sozialer Absicherung, betrifft das\nwesentlich die gesundheitliche Versorgung, durchaus, wie im Konzept Soziale\nInfrastruktur durch links-netz thematisiert, verbunden mit Ma\u00dfnahmen, die\nVorsorge betreiben und auf die Vermeidung von Krankheiten gerichtet sind. Die\ngesunde Arbeiterschaft war nicht nur im Interesse des Kapitals, sondern auch im\nInteresse der Arbeiterbewegung. Als Arabeske l\u00e4sst sich das mit der Politik des\nArbeiter-Abstinenten-Bund illustrieren: Dass die guten Arbeiter nicht trinken,\nwar der Idee geschuldet, dass sie besoffen f\u00fcr den Klassenkampf untauglich\nseien. (Gleichwohl wei\u00df man, dass die Wirtsh\u00e4user ein wichtiger Ort waren, um\nAufst\u00e4nde vorzubereiten.) <\/p>\n\n\n\n<p>Zentral f\u00fcr\nSozialpolitik ist Bildungspolitik. Dass die Gl\u00f6ckelsche Schulreform bis heute\nihresgleichen sucht und besonders in der \u201eWissensgesellschaft\u201c zugunsten einer\nforcierten meritokratischen Schulbildung in beinahe allen Aspekten\nzur\u00fcckgedreht ist, sei nur angemerkt. Den aufgekl\u00e4rten (Staats-)B\u00fcrger zu\nbilden, der seine Rechte und Pflichten in einer Demokratie kompetent wahrnehmen\nkann, scheint als Anspruch verloren. Schon die Bildungsreform in den 1960ern\nals Willy Brandt in der BRD \u201emehr Demokratie wagen\u201c wollte, stand in \u00d6sterreich,\nw\u00e4hrend der Bruno Kreisky-\u00c4ra, unter dem Motto, die \u201eBegabungsreserven von unten\u201c\nzu mobilisieren. Wie instrumentell das Interesse (an zuk\u00fcnftigen Fachkr\u00e4ften) auch\ngewesen sein mag, freie Schulb\u00fccher und -fahrten haben Bildungsaufstiege\nerm\u00f6glicht (und jungen Frauen aus der Mittelschicht die h\u00f6here Bildung n\u00e4her\ngebracht). Soziale Infrastruktur wird wieder zum (erfreulichen) Nebenprodukt eines\nKompromisses mit dem Kapital. Ich will das nicht geringsch\u00e4tzen: Dem Kapital\nKompromisse abverlangen zu k\u00f6nnen, verweist auf die relative Autonomie des\nStaats. Wenn, wie es gegenw\u00e4rtig der Fall zu sein scheint, sich der Staat vom\nKapital st\u00e4rker abh\u00e4ngig macht, ist es auch um Soziale Infrastruktur schlecht\nbestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bildungspolitik der\n1920er war zudem gepr\u00e4gt von b\u00fcrgerlichen Normen und den Kunstvorstellungen in\ndieser sozialen Position: Arbeitersymphoniekonzerte und Verbote von\nGroschenromanen in Bibliotheken. Die Arbeiterschaft sollte sich die b\u00fcrgerliche\nKultur aneignen. Brecht wird sich sp\u00e4ter dar\u00fcber lustig machen. Er l\u00e4sst den\nArbeiter Kalle im Gespr\u00e4ch mit dem Physiker in den <em>Fl\u00fcchtlingsgespr\u00e4chen<\/em> (1940f, S. 55 in der Ausgabe: Bibliothek\nSuhrkamp) sagen<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch\nwei\u00df nicht, ob es viel Sinn gehabt h\u00e4tt auf die Dauer. Wozu meinen\nSch\u00f6nheitssinn ausbilden, indem ich die Bilder von dem Rubens anschau, und die\nM\u00e4dchen, die in Betracht kommen, haben alle die Gesichtsfarb, die sie in der\nFabrik kriegen? Und der Junge von meiner Wirtin studiert die Pflanzenwelt und\nsie hat nicht das Geld f\u00fcr ein St\u00e4udel Salat!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das sei erw\u00e4hnt, um\ndarauf hinzuweisen, wie schwierig es ist zu entscheiden, was als Soziale\nInfrastruktur gelten soll. Selbst unter Bedingungen einer an Emanzipation\norientierten (Gegen-)Hegemonie h\u00e4tte (und hatte im Wien der 1920er) die\nEntscheidung, was allgemein verf\u00fcgbar sein soll, paternalistische Aspekte.\nSoziale Infrastruktur setzt \u00f6ffentliche Finanzierung voraus. Die Haltungen und\nSelbstverst\u00e4ndlichkeiten der \u201eEntscheider\u201c pr\u00e4g(t)en eine solche Politik\nnotwendig. Die politischen Vertreter*innen der Arbeiterschaft setz(t)en ihre\nb\u00fcrgerlichen Normen in der Bildungspolitik, der Familien- und\nGeschlechterpolitik durch. Wenn man diesen Fallstricken entgehen will, w\u00e4ren Basisdemokratie\nund Intellektuellenpolitik (im Unterschied zu Interessenpolitik, vor allen\nDingen aber im Unterschied zu populistischer Politik) die Schlagworte, um eine\nSoziale Infrastruktur zu bestimmen, die an allgemeinen Interessen (etwa Umwelt)\nund an Koalitionen zwischen verschiedenen Interessenpositionen orientiert ist.\nIntellektuellenpolitik fordert Gleichheit und gleiche B\u00fcrger*innenrechte, sie\narbeitet mit Angeboten (statt mit Macht), setzt sich f\u00fcr Autonomie und\nSolidarit\u00e4t ein und stellt Herrschaft und ihre Form in Frage. <\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt macht das\nBeispiel des \u201eRoten Wien\u201c darauf aufmerksam, dass eine Soziale\nInfrastrukturpolitik tats\u00e4chlich eine umfassende gesellschaftspolitische\nOrientierung darstellt. Soziale Sicherung, Gesundheit, Bildung, Wohnen,\nMobilit\u00e4t und Konsum (organisiert durch Konsumgenossenschaft,\nGenossenschaftsbanken etc.) stellten die Bereiche dar, mit denen es der\nSozialdemokratie gelang, eine gegenhegemoniale Position sowohl zu erreichen als\nauch sie f\u00fcr eine emanzipatorische Politik zu nutzen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christine Resch<br \/>\nDas Buch von Helmut Konrad und Gabriella Hauch (2019) Hundert Jahre Rotes Wien: Die Zukunft einer Geschichte. Wiener Vorlesungen, Bd. 193, herausgegeben f\u00fcr die Kulturabteilung der Stadt Wien von Daniel L\u00f6cker. Wien: Picus Verlag, macht schon aufgrund des Titels neugierig. Er verspricht, das Rote Wien in einen gesellschaftshistorischen Prozess einzuordnen und, um es vorwegzunehmen, er l\u00f6st dieses Versprechen ein, soweit dies auf knapp 70 Seiten in Form zweier ausgearbeiteter Vortr\u00e4ge m\u00f6glich ist. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9,1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/398"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=398"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/398\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":399,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/398\/revisions\/399"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=398"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=398"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=398"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}