{"id":410,"date":"2020-02-20T10:47:23","date_gmt":"2020-02-20T09:47:23","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=410"},"modified":"2020-02-20T12:59:46","modified_gmt":"2020-02-20T11:59:46","slug":"partei-fetisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=410","title":{"rendered":"Partei-Fetisch"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Sozialistische B\u00fcro in der Kritik Carsten Priens<\/h3>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">von Thomas Gehrig<\/h5>\n\n\n\n<p>Um das Sozialistische B\u00fcro (SB) und seine Geschichte \u2013 zu der ja auch der&nbsp;<em>express<\/em>&nbsp;ebenso wie&nbsp;<em>das<\/em>&nbsp;<em>links-netz<\/em>&nbsp;und die Zeitschrift&nbsp;<em>Widerspr\u00fcche<\/em>&nbsp;geh\u00f6ren \u2013 haben sich in letzter Zeit einige Aktivit\u00e4ten entwickelt. Das hat vielf\u00e4ltige Dimensionen. Mit dem neuerlichen Interesse an der &#8218;Klassenfrage&#8216;<a id=\"a1\" href=\"#f1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp;entstand auch wieder ein Interesse am Politik- bzw. Organisationsansatz des SB. Dies nachdem die &#8218;Klassenfrage&#8216; und die ArbeiterInnenbewegung als emanzipatorisches, gesellschaftsver\u00e4nderndes Subjekt mitsamt ihrer Geschichte auch von weiten Teilen der &#8218;Linken&#8216; f\u00fcr \u00fcberholt oder irrelevant erkl\u00e4rt, ausgegrenzt oder gar angefeindet wurden. Zuletzt diskutierte die&nbsp;<em>Antifa Kritik und Klassenkampf<\/em>&nbsp;den Arbeitsfeldansatz des SB.<a id=\"a2\" href=\"#f2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;Das SB begann dar\u00fcber hinaus eine Selbstthematisierung, nicht zuletzt angesichts seines 50. Geburtstags.<a id=\"a3\" href=\"#f3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>&nbsp;Aus dem SB und seinem Umfeld heraus wurde ein Geschichtsprojekt auf den Weg gebracht. Entstehung, Kontext und Wirkungsgeschichte des SB sollen innerhalb eines Forschungszusammenhangs historisch aufgearbeitet werden. Insofern erschien auch das aktuell (2019) ver\u00f6ffentlichte Buch &#8222;R\u00e4tepartei&#8220; von Carsten Prien von besonderem Interesse, da es sich hier explizit um eine kritische Auseinandersetzung mit dem SB handeln sollte. Dass das Buch, wie sich herausstellte, nicht den Anspr\u00fcchen an eine kritische Auseinandersetzung gen\u00fcgt, musste in diesem Zusammenhang in Kauf genommen werden. Wichtiger sind dagegen die im R\u00fcckblick auf die Geschichte des SB thematisierten Perspektiven, Erwartungen und Politikvorstellungen der kapitalismuskritischen Linken, die, so ist zu res\u00fcmieren, auch heute noch relevant sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch, das Carsten Prien vorgelegt hat, tr\u00e4gt den Titel &#8222;R\u00e4tepartei. Zur Kritik des Sozialistischen B\u00fcros&#8220;. Das Sozialistische B\u00fcro (SB) ist zentraler Gegenstand der Auseinandersetzung. Oskar Negt als negativer und vor allem Rudi Dutschke als positiver Protagonist sind die Stichwortgeber bzw. Referenzen. Innerhalb dieser Bez\u00fcge lebt bei Prien eine Organisationsdebatte \u2013 oder besser -lehre \u2013 (wieder) auf, die wie ein \u00dcberbleibsel aus den ML-igen 1970er Jahren erscheint (vgl.&nbsp;Meyer 2019).<\/p>\n\n\n\n<p>Dutschke, bzw. die von Prien bei ihm ausgemachte Partei-Theorie, wird zum F\u00fchrungsstern der Prienschen Auslassungen.&nbsp;DerArbeitsfeldansatz des SB und damit dessen Organisationsform als Ansammlung von lokalen Gruppen und Arbeitsfeldern, die berufsfeldspezifisch aufgestellt waren einerseits, und gemeinsamen Konferenzen und einem Arbeitsausschuss andererseits, \u00fcber die die Verbindung zwischen diesen Gliedern hergestellt werden sollte, ist zentraler Ansatzpunkt f\u00fcr Priens Kritik. Laut Editorial der&nbsp;<em>links<\/em>&nbsp;von 1969 geht es im SB darum, &#8222;aus dem Dilemma unbrauchbarer traditionell-b\u00fcrokratischer Organisationsvorstellungen hier, ebenso unbrauchbarer &#8218;reiner&#8216; und teils blinder Spontaneit\u00e4t dort&#8220; herauszufinden<em>&nbsp;<\/em>(Editorial, in:&nbsp;<em>links<\/em>, 0\/1969, S. 2).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausgestaltung des Arbeitsfeldansatzes war innerhalb des SB st\u00e4ndig umstritten (Vack 2005: 129). Grob gesagt ging es in dieser Debatte um die Frage, ob zentrale Instanzen geschaffen werden und\/oder mehr Leitungskompetenzen erhalten sollen, oder ob die Zentrale lediglich eine die Arbeitsfelder und Gruppen koordinierende und zuarbeitende Funktion haben soll.&nbsp;Das theoretische Konzept des Arbeitsfeldansatzes wird ma\u00dfgeblich von Oskar Negt formuliert.&nbsp;Der Versuch des SB, dem oft beschriebenen Dilemma von b\u00fcrokratischer Organisation einerseits und &#8222;&#8218;reiner&#8216; Spontaneit\u00e4t&#8220; (Editorial, in:&nbsp;<em>links<\/em>&nbsp;0\/1969, S. 2) andererseits eine Form zu geben, den Widerspruch von institutionalisierten Organisationsstrukturen und Selbstorganisation nach Interessen auszuhalten, ihn nicht zugunsten einer Seite hin aufzul\u00f6sen, bewertet Prien als den zentralen Fehler des SB.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des SB sei &#8222;gekennzeichnet durch den Widerspruch zwischen dem Arbeitsfeldansatz&#8220;, den Prien gut findet, &#8222;und einem zentristischen Opportunismus&#8220;, der die Umsetzung des Arbeitsfeldansatzes sabotiere (Prien 2019: 17f.).<a id=\"a4\" href=\"#f4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>&nbsp;Vor allem Negt wird vorgeworfen, das SB nicht zu einer Partei entwickelt zu haben, was einer konsequenten Verwirklichung des Arbeitsfeldansatzes entsprechen w\u00fcrde. Die Umsetzung des Arbeitsfeldansatzes durch das SB wird von Prien als &#8222;Inbegriff projektemacherischer Netzwerkelei&#8220; gekennzeichnet (Prien 2019: 18). Er wirft dem SB vor, sich in dem Dilemma von Organisation und Spontanit\u00e4t &#8222;h\u00e4uslich eingerichtet&#8220; zu haben (Prien 2019: 18). In dieser &#8222;Zwischenstellung&#8220; musste, so Prien, das SB &#8222;unausweichlich zum Spielball der Interessen von SPD und DKP&#8220; werden. Das SB habe sich geweigert, zu einer&nbsp;<em>Partei neuen Typs<\/em>&nbsp;(Dutschke) und damit zu einer wirklich revolution\u00e4ren Organisation zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verweigerung der Gr\u00fcndung einer parlamentarischen Partei ist f\u00fcr Prien eine Entscheidung f\u00fcr die Beibehaltung des gesellschaftlichen Status quo; politischer Verbindlichkeit werde so ausgewichen, politische Handlungsf\u00e4higkeit werde dadurch untergraben (vgl. Prien 2019: 21f.). Prien karikiert das SB, wenn er mit dem AK Rote Zellen sagt, dass solche politischen Vorstellungen lediglich darauf hinauslaufen, &#8222;den Arbeitern zu erkl\u00e4ren, sie sollten sich ja von niemandem etwas erkl\u00e4ren lassen&#8220; (AK Rote Zellen 1975, zitiert bei Prien 2019: 67). Unmittelbare Erfahrung und Spontaneit\u00e4t w\u00fcrden mystifiziert, was zur absurden und selbstwiderspr\u00fcchlichen Figur einer &#8222;&#8218;autonomen Klassenbewegung'&#8220; f\u00fchre (Prien 2019: 66).<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Die&nbsp;Partei neuen Typs<\/h5>\n\n\n\n<p>Dutschke geh\u00f6rt als SB-Mitglied zu jener Fraktion, die auf eine Parteigr\u00fcndung fixiert ist (vgl. Dutschke 1977, abgedruckt in Prien 2019: 155). Die&nbsp;<em>Partei neuen Typs<\/em>, in der gem\u00e4\u00df Dutschke die &#8222;Autonomie-Strukturen&#8220; der Arbeitsfelder \u00fcber &#8222;Delegiertenschl\u00fcssel aufrechterhalten werden&#8220; (Prien 2019: 30, vgl.: Dutschke 1981: 115), scheint grunds\u00e4tzlich alle problematischen Entwicklungen einer Partei-Organisation auszuschlie\u00dfen. Prien argumentiert, dass der Arbeitsfeldansatz schon an sich eine Verbindung von Arbeitsfeldern und Parteiorganisation nach dem R\u00e4teprinzip enthalte, die es durch eine&nbsp;<em>Partei neuen Typs<\/em>&nbsp;zu entfalten gelte. Diese schlie\u00dfe dann &#8222;Dogmatismus und Politikastertum im Vorhinein aus&#8220; (Prien 2019: 31). Diese &#8222;&#8218;Partei neuen Typs&#8216; sollte das &#8218;Proletariat zur Aktion erziehen&#8216;, so &#8218;wie die Partei von den Arbeiterr\u00e4ten erzogen werden soll\u2018&#8220; (Prien 2019: 68, vgl.: Dutschke 1974: 243). Priens<em>&nbsp;Partei neuen Typs&nbsp;<\/em>ist eine<em>&nbsp;<\/em>Organisation wechselseitiger Erziehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Prien macht sich nicht die M\u00fche, die inhaltlichen Argumente der Kritik an einer Partei-Orientierung, wie sie ja auch innerhalb des SB formuliert werden, ernsthaft zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Scheitern des SB<\/h5>\n\n\n\n<p>Dutschke konzentrierte sich Ende der 1970er Jahre auf die Gr\u00fcnen. F\u00fcr Prien hatte sich damit das SB \u00fcberlebt, es hatte die Chance, eine &#8218;wirklich&#8216; revolution\u00e4re&nbsp;<em>Partei neuen Typs<\/em>&nbsp;zu gr\u00fcnden, vertan. Der geschichtliche Kairos wurde vom zentristischen Fl\u00fcgel des SB verraten und verpasst. Der Zentrismus im SB habe die&nbsp;<em>Partei neuen Typs<\/em>&nbsp;&#8222;nicht als eine unabgegoltene historische Aufgabe angesehen und ihr Fehlen nicht auf eine geschichtlich genau bestimmbare Fehlentwicklung zur\u00fcckgef\u00fchrt&#8220; (Prien 2019: 68). Genau das holt Prien nun nach. &#8222;Der fr\u00fchzeitige Bruch mit dem zentristischen Opportunismus und der Aufbau einer eigenen Partei (&#8230;) w\u00e4re hingegen unbedingt notwendig gewesen, um die Massen auf die bevorstehende Revolution vorzubereiten und zur Selbstt\u00e4tigkeit erziehen zu k\u00f6nnen&#8220; (Prien 2019: 74). Hier sind wir auf der Ebene der Prienschen Geschichtsphilosophie angekommen. Mit dem Arbeitsfeldansatz scheint ein historischer Moment eingetreten, der eine bestimmte Entwicklung notwendig erfordert h\u00e4tte. Der Arbeitsfeldansatz sei &#8222;auf jenem historisch-logischem Entwicklungsniveau anzusiedeln, auf dem eine &#8218;Partei neuen Typs&#8216; aus der bestimmten Negation der opportunistischen Massenpartei h\u00e4tte hervorgehen m\u00fcssen&#8220; (Prien 2019: 42).<\/p>\n\n\n\n<p>In Priens Buch folgt entsprechend, nach der Schilderung der Trag\u00f6die des SB, eine kurze Weltanschauungsgeschichte, von der Naturgeschichte \u00fcber die urspr\u00fcnglichen Gemeinwesen bis zum Kapitalismus (Prien 2019: 43ff.). &#8222;Die Dialektik der Geschichte gleicht einer Matroschka. In der Naturgeschichte steckt die Geschichte der gesellschaftlichen Grundformationen, darin die historische Dialektik des Kapitals und in ihr wiederum steckt die Organisationsgeschichte des Proletariats. Dennoch ist es stets der gleiche Prozess einer sich ausdifferenzierende Totalit\u00e4t&#8220; (Prien 2019: 43).<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Die Partei als Katalysator der Revolution<\/h5>\n\n\n\n<p>Die Partei erscheint als eine Art Katalysator in der Organisationsgeschichte des Proletariats und damit als Teil jener sich ausdifferenzierenden Totalit\u00e4t, von der Prien spricht. &#8222;Die &#8218;Partei neuen Typs&#8216; nun ist diese manifest gewordene Totalit\u00e4t innerhalb der Totalit\u00e4t b\u00fcrgerlicher Gesellschaft, durch die, \u00fcber die und in der sich die gesellschaftliche Umw\u00e4lzung vollzieht&#8220; (Prien 2019: 58). Die &#8222;historische Aufgabe&#8220; dieser sei &#8222;die fortschreitende Selbstaufhebung des abstrakt Allgemeinen hin zu einer unmittelbaren Identit\u00e4t des Einzelnen und Allgemeinen im Besonderen&#8220; (Prien 2019: 58). Im Selbstverst\u00e4ndnis des SB seien alle wesentlichen Elemente zur L\u00f6sung der historischen Aufgabe vorhanden gewesen: &#8222;die Organisation der Vertrauensleute, die Strategie der Sozialisierung und die Taktik der Arbeiterkontrolle&#8220; (Prien 2019: 58). Die&nbsp;<em>Partei neuen Typs<\/em>erscheint als die ideale Form des Zusammenwirkens dieser Elemente. Sie sei &#8222;die Einheit der revolution\u00e4ren Obleute auf Grundlage ihres gemeinsamen theoretischen Bewusstseins, wie es sich in der Anerkennung des revolution\u00e4ren Parteiprogramms manifestiert. Die durchgehende Reflexion der spezifischen Betriebserfahrungen durch die Partei f\u00fchrt fortschreitend zu einer Vertiefung und Konkretisierung des Abbildes der gesellschaftlichen Totalit\u00e4t unter dem Aspekt ihrer Aufhebbarkeit im gemeinsamen Bewusstsein der Parteimitglieder und, durch diese vermittelt, in den Massen&#8220; (Prien 2019: 58f.). Die Partei werde so &#8222;zumindest tendenziell zum vollkommenen Spiegel des &#8218;gesellschaftlichen Gesamtarbeiters'&#8220; (Prien 2019: 116, zitiert wird MEW 23: 531).<\/p>\n\n\n\n<p>Schl\u00fcsseln wir diese Konstruktion ein wenig auf. Ausgangspunkt ist das gemeinsame theoretische Bewusstsein der Obleute der Partei (der Avantgarde), das sich in ihrer Anerkennung des Parteiprogramms ausdr\u00fcckt (Disziplin). Die Erfahrungen aus den Betrieben werden von der Partei aufgenommen und verarbeitet (genauer: abgespiegelt). Dadurch verbessert sich das Abbild der Gesellschaft \u2013 in revolution\u00e4rer Perspektive \u2013, das die Parteimitglieder besitzen, was diese wiederum in die &#8218;Massen&#8216; vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>In Konstruktionen wie dieser kommt eine Hierarchie zum Ausdruck, die auch Prien deutlich wird: &#8222;Durch diesen qua Repr\u00e4sentationsdichte h\u00f6heren Grad der Deutlichkeit in der Widerspiegelung der gesellschaftlichen Totalit\u00e4t &#8218;beherrscht&#8216; nun die Zentrale tats\u00e4chlich die einzelnen Arbeitsfelder, ebenso, wie die Vertrauensleute in den Betrieben und anderen Arbeitsfeldern die Massen &#8218;beherrschen'&#8220; (Prien 2019: 116). Um dem Problem von Hierarchie, der top-down Struktur dieser Konstruktion zu entgehen, greift Prien auf die Philosophie zur\u00fcck. Das &#8218;Beherrschen&#8216; sei &#8222;im Sinne der Leibnizschen Monadenlehre&#8220; zu verstehen. &#8222;&#8218;Zentrale&#8216; wie die &#8218;Vertrauensleute&#8216; haben die Funktion von &#8218;Zentralmonaden&#8216; inne. Sie dr\u00fccken die Erfahrungen und Bed\u00fcrfnisse der sie umgebenden Masse in einer einheitlichen, mit der Totalit\u00e4t des gesellschaftlichen Umw\u00e4lzungsprozesses \u00fcbereinstimmenden Form aus. Sie organisieren auf diese Weise die Selbstorganisation der Masse, zu der sie selbst geh\u00f6ren&#8220; (Prien 2019: 116).<\/p>\n\n\n\n<p>Die L\u00f6sung ist das immer schon unterstellte, quasi osmotische wechselseitige Einverst\u00e4ndnis. Prien argumentiert, es gebe hier kein &#8218;Beherrschen&#8216;, da die Elemente wie Leibnizsche Monaden funktionierten. Er unterstellt damit als durch die Organisation gegebenen Fakt, was er allenfalls als ein Sollen formulieren k\u00f6nnte: Avantgarde und &#8218;Masse&#8216; sind verschmolzen. Leibniz liefert dabei lediglich die Terminologie f\u00fcr eine Analogie, die nichts begr\u00fcnden kann. In dieser naiven Form der L\u00f6sung wird die Problematik jedoch umso deutlicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende ist bewiesen, was zu beweisen war: &#8222;Die Artikulation der &#8218;durch den kapitalistischen Produktionsproze\u00df unterdr\u00fcckten Bed\u00fcrfnisse und Triebe der unterdr\u00fcckten Klasse&#8216; [lt. Prien: Dutschke\/Scharrer 1971] in einer die Masse zur Selbstt\u00e4tigkeit bef\u00e4higenden Form, das ist die Aufgabe der R\u00e4tepartei&#8220; (Prien 2019: 116).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ideal der \u00dcbereinstimmung von proletarischer &#8218;Masse&#8216;, von unmittelbarem Bewusstsein, spontaner Bewegung und Politik (Taktik) und Organisation, Partei im Sinne der &#8218;richtigen&#8216; Theorie wird letztlich verb\u00fcrgt durch das Wissen um die &#8218;richtige&#8216; Theorie, das in der revolution\u00e4ren Avantgarde ruht, aber an sich bereits auch in der &#8218;Masse&#8216; angelegt ist. Die Avantgarde steht in Wechselwirkung mit der Basis, dem Proletariat, einem Austausch, der in Form einer idealen Kommunikation gedacht ist. Die Spiegelung der Gesellschaft und damit das Wissen um ihre Revolutionierung verbessert sich in einem wechselseitig befruchtenden Prozess stetig. Die unmittelbaren Bed\u00fcrfnisse und Einsichten des Proletariats als unmittelbarer Teil der Totalit\u00e4t werden durch die Avantgarde theoretisch verarbeitet, eingebaut in die durch sie zu entwerfende politische Taktik. J\u00f3zsef R\u00e9vai &#8222;lehrt&#8220;, so Prien: &#8222;Der Gegenstand als Totalit\u00e4t kann nur begriffen und umgew\u00e4lzt werden durch ein Subjekt, das ebenfalls eine Totalit\u00e4t ist; und das ist in der kapitalistischen Gesellschaft das sich zur Klasse konstituierende Proletariat&#8220; (Prien 2019: 58, vgl. R\u00e9vai 1925: 190). Zugleich werden die &#8218;Massen&#8216;, deren Bewusstsein noch &#8218;verdinglicht&#8216; ist (wie Luk\u00e1cs sagt), durch die Partei-Avantgarde erzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie nahe Prien mit diesen \u00dcberlegungen dem Weber-Leninisten Luk\u00e1cs \u2013 und eben nicht an Rosa Luxemburg \u2013 ist, wird bei einem Blick in Luk\u00e1cs&#8216; Schrift zur Organisationsfrage deutlich. Dies auszuf\u00fchren sprengt jedoch endg\u00fcltig den Rahmen einer sinnvollen Auseinandersetzung mit Priens Kritik am SB.<\/p>\n\n\n\n<p>Formal gen\u00fcgt Priens Arbeit wissenschaftlichen Standards nicht, nicht nur angesichts seines problematischen Umgangs mit Zitaten und Belegen. Inhaltlich erweist sich Prien als Wiederg\u00e4nger des &#8222;Marxismus-Leninismus&#8220;. Er betreibt Weltanschauung, d.h. Ideologie statt einer kritischen Rekonstruktion der Debatte oder der Probleme des Klassenkampfes. Die Probleme, die in seinem Konstrukt zum Vorschein kommen, sind jedoch immer noch virulent und es sind nicht einfach nur die des &#8222;Marxismus-Leninismus&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Im SB wurde versucht eine konkrete Antwort auf die Frage des problematischen Zusammenhangs von sozialer Erfahrung, politischer Intervention und (Selbst-)Aufkl\u00e4rung zu geben. Zur politischen und theoretischen (Selbst-)Aufkl\u00e4rung ebenso wie zur praktischen Unterst\u00fctzung in den Arbeitsfeldern initiierte das SB eine breite Palette an Ver\u00f6ffentlichungen. Die sozialen Erfahrungen sollten, ebenso wie die professionellen und politischen Probleme im Arbeitsfeld, den Hintergrund abgeben f\u00fcr koordinierte politische Aktionen. Diese Vorstellung ging durchaus \u00fcber die der Kampagnenpolitik hinaus. Es war die spezifische gesellschaftliche Form der Arbeit und die daraus resultierenden Interessen, ebenso wie die mit ihr verbundenen Widerspr\u00fcche, die hier thematisch wurden. Dies geht auch \u00fcber das politische Denken in Regierungserkl\u00e4rungen oder die utopistischen Entw\u00fcrfe, wie etwas sein m\u00fcsste, das ja auch in der Linken pr\u00e4sent ist, hinaus.&nbsp;Zuletzt erlebte diese Klassenfrage u.a. in der Debatte \u00fcber neue Klassenpolitik ein (wenn auch z.T. fragw\u00fcrdiges) Revival.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ins Blickfeld linker Debatten tritt auch heute meist nur eine politizistisch verk\u00fcrzte und damit fetischisierte Vorstellung der&nbsp;<em>revolution\u00e4ren Klasse<\/em>. Hinsichtlich der besteht aus der entsprechenden Perspektive immer der Anspruch, sie m\u00fcsse von einer Klasse &#8218;an sich&#8216; zur der &#8218;f\u00fcr sich&#8216; gemacht werden. Institutionen sollen dies gew\u00e4hrleisten oder unterst\u00fctzen. Oder die Klasse weicht im umgekehrten Opferdiskurs einer eigentlich immer schon revolution\u00e4ren Menge. Dabei scheint es auch beliebig, ob oder gar wie sich diese artikuliert. Oder Klasse verliert sich in der begrifflichen Beliebigkeit einer Soziologie der multiple oppressions.<\/p>\n\n\n\n<p>Ins Blickfeld linker Debatten tritt auch heute meist nur eine politizistisch verk\u00fcrzte und damit fetischisierte Vorstellung der&nbsp;<em>revolution\u00e4ren Klasse<\/em>. Dabei dominiert in solchen Vorstellungen der Anspruch, sie m\u00fcsse von einer Klasse &#8218;an sich&#8216; zur der &#8218;f\u00fcr sich&#8216; gemacht werden. Institutionen sollen dies gew\u00e4hrleisten oder unterst\u00fctzen. Oder &#8211; in Umkehrung des Opferdiskurses &#8211; Klasse ist eigentlich immer schon revolution\u00e4ren Menge. Dabei scheint es auch beliebig, ob oder gar wie sich diese artikuliert.&nbsp;Oder&nbsp;<em>Klasse<\/em>&nbsp;als gesellschaftliche Kategorie verliert sich in der begrifflichen Beliebigkeit einer Soziologie der multiple oppressions. Deren Problem besteht derzeit offensichtlich in der m\u00fchsamen Suche nach den verbindenden Elementen zuvor auseinander sortierter Identit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Frage des Verh\u00e4ltnisses von bewusster Avantgarde und noch vorbewusster &#8218;Masse&#8216; wird immer noch diskutiert. Bisweilen \u00e4ndern sich die Formen, in denen dies geschieht. Eine offen autorit\u00e4r auftretende Organisation, der Gestus des Belehrens und Erziehens, haben im Zuge eines antiautorit\u00e4ren Selbstverst\u00e4ndnisses ausgedient, sie wirken inzwischen peinlich und gestrig. Zurecht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Verh\u00e4ltnis von Spontanit\u00e4t und Organisation im weitesten Sinne ist f\u00fcr die Linke schon immer und bis heute virulent. Ebenso die Vorstellung, diese Momente des Verh\u00e4ltnisses selbst institutionell zu verbinden. Die Transformation der sozialen Bewegung in die institutionalisierte Form, die Partei, das Verh\u00e4ltnis dieser zueinander, die Frage der Politik, die Frage von Repr\u00e4sentation bleiben in diesem Sinne Kernthemen der Linken. Parteien, Gewerkschaften oder auch Sammlungsbewegungen werden als die Instrumente angesehen, um Handlungsmacht, Hegemonie zu gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind dies die Bahnen, in die die b\u00fcrgerliche Gesellschaft gesellschaftliche Ver\u00e4nderung zu bannen sucht. Es ist die Position die Marx als die der Sozialen Demokratie kennzeichnet. Mit dem Einlassen auf diese Formen, dem Denken in diesen Kategorien, werden diese Strukturen reproduziert. Die politische \u2013 nicht Wirksamkeit, sondern Aktion wird erkauft mit der Affirmation, der Negation der Kritik.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gefahr besteht, in diesen politischen Formen aufzugehen, statt ein taktisches Verh\u00e4ltnis zu ihnen zu bewahren. Der Marsch der Institutionen durch die naiven und nur scheinbar revolution\u00e4ren Erwartungen ist dann nichts anderes als eine R\u00fcckkehr zum eigenen b\u00fcrgerlichen Selbst. Die radikale Entgegnung b\u00fcrgerlicher Verh\u00e4ltnisse erweist sich als Chim\u00e4re, als Selbstbetrug: der Kern des Sozialismus, gerade da, wo er \u00fcber die Reformorientierung der Sozialen Demokratie hinausgeht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Literatur:<\/h2>\n\n\n\n<p>Antifa Kritik und Klassenkampf (2015):&nbsp;Der kommende Aufprall. http:\/\/akkffm.blogsport.de\/2015\/04\/02\/der-kommende-aufprall\/<\/p>\n\n\n\n<p>Dutschke, Rudi (1974): Versuch, Lenin auf die F\u00fc\u00dfe zu stellen. \u00dcber den halbasiatischen und den westeurop\u00e4ischen Weg zum Sozialismus. Lenin, Luk\u00e1cs und die Dritte Internationale, Berlin: Verlag Klaus Wagenbach.<\/p>\n\n\n\n<p>Editorial. Warum machen wir &#8222;links\u201d \u2013 eine sozialistische Zeitung?, in:&nbsp;<em>links<\/em>, Nr. 0\/1969, S. 2.<\/p>\n\n\n\n<p>Friedrich, Sebastian \/ Redaktion analyse &amp; kritik (Hg.) (2018): Neue Klassenpolitik. Linke Strategien gegen Rechtsruck und Neoliberalismus, Berlin: Bertz + Fischer.<\/p>\n\n\n\n<p>Meyer, Malte (2019): \u00bbIrrtum vom allerbesten Zentralkomitee\u00ab \u2013 \u00fcber Carsten Priens Beitr\u00e4ge zur Organisationsdebatte des Sozialistischen B\u00fcros, in:&nbsp;<em>express<\/em>, 10\/2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Oy, Gottfried (201950 Jahre Sozialistisches B\u00fcro, https:\/\/www.rosalux.de\/news\/id\/40787\/50-jahre-sozialistisches-buero\/<\/p>\n\n\n\n<p>Pabst, G\u00fcnter (2017): R\u00fcckblick auf die Geschichte des Sozialistischen B\u00fcros, in: Widerspr\u00fcche, Nr. 143<\/p>\n\n\n\n<p>Prien, Carsten (2019): R\u00e4tepartei. Zur Kritik des Sozialistischen B\u00fcros, Oskar Negt und Rudi Dutschke. Ein Beitrag zur Organisationsdebatte. Mit drei Originaltexten von Rudi Dutschke und Oskar Negt, Seedorf: Ousia-Verlag.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00e9vai, J\u00f3zsef (1925): Rezension [von Geschichte und Klassenbewusstsein], in: Archiv f\u00fcr die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, Jg. 11, wieder abgedruckt in: Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein heute (2), Frankfurt: Materialismus Verlag, 1977, S. 181-191.<\/p>\n\n\n\n<p>Vack, Klaus (2005): Ein weiterer Versuch, Geschichte und Erfahrung darzustellen, in: Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie (Hg.): Das andere Deutschland nach 1945 &#8211; als Pazifist, Sozialist und radikaler Demokrat in der Bundesrepublik Deutschland &#8211; Klaus Vack, Sensbachtal: Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie, S. 79-144.<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a id=\"f1\" href=\"#a1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp;Siehe u.a.: http:\/\/express-afp.info\/50-jahre-sb ; Gottfried Oy (2019): 50 Jahre Sozialistisches B\u00fcro, https:\/\/www.rosalux.de\/news\/id\/40787\/50-jahre-sozialistisches-buero\/ ; G\u00fcnter Pabst (2017): R\u00fcckblick auf die Geschichte des Sozialistischen B\u00fcros, in: Widerspr\u00fcche, Nr. 143.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f2\" href=\"#a2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><sup>&nbsp;<\/sup>Siehe u.a.: Antifa Kritik und Klassenkampf (2015): Der kommende Aufprall.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f3\" href=\"#a3\"><sup>[3]<\/sup><\/a><sup>&nbsp;<\/sup>Siehe u.a.: http:\/\/express-afp.info\/50-jahre-sb ; Gottfried Oy (2019): 50 Jahre Sozialistisches B\u00fcro, https:\/\/www.rosalux.de\/news\/id\/40787\/50-jahre-sozialistisches-buero\/ ; G\u00fcnter Pabst (2017): R\u00fcckblick auf die Geschichte des Sozialistischen B\u00fcros, in: Widerspr\u00fcche, Nr. 143.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f4\" href=\"#a4\"><sup>[4]<\/sup><\/a><sup>&nbsp;<\/sup>Zentrismus steht in der linken Debatte vor allem f\u00fcr die Ausrichtung innerparteilicher Politik auf den Zusammenhalt der parlamentarischen Partei als Organisation. Hierf\u00fcr steht exemplarisch Kautsky und die Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg. Prien kennzeichnet damit jedoch jene Fraktion des SB, die dessen bisherige Organisationsstruktur, also die Nicht-Parteif\u00f6rmigkeit des SB beibehalten will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Thomas Gehrig<br \/>\nUm das Sozialistische B\u00fcro (SB) und seine Geschichte \u2013 zu der ja auch der express ebenso wie das links-netz und die Zeitschrift Widerspr\u00fcche geh\u00f6ren \u2013 haben sich in letzter Zeit einige Aktivit\u00e4ten entwickelt. Das hat vielf\u00e4ltige Dimensionen. Mit dem neuerlichen Interesse an der &#8218;Klassenfrage&#8217;entstand auch wieder ein Interesse am Politik- bzw. 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