{"id":419,"date":"2020-02-20T11:20:48","date_gmt":"2020-02-20T10:20:48","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=419"},"modified":"2020-02-20T13:13:43","modified_gmt":"2020-02-20T12:13:43","slug":"bewegung-der-plaetze-und-beziehungen-der-sorge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=419","title":{"rendered":"Bewegung der Pl\u00e4tze und Beziehungen der Sorge"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber das transformatorische Potenzial der spanischen 15M-Bewegung<\/h4>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Von Susanne Hentschel<\/h5>\n\n\n\n<p>Heute sind es die Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze in Chile, Irak, Libanon, Katalonien und Hong Kong, auf denen die Menschen gegen die Herrschenden revoltieren. Die Formen, Forderungen und die Heterogenit\u00e4t der Proteste erinnern stark an die Demokratiebewegungen im Jahr 2011: Tahrir, Syntagma, Zuccotti, Puerta del Sol \u2013 diese zentralen Pl\u00e4tze in \u00c4gypten, Griechenland, New York und Spanien blieben in diesem Jahr \u00fcber Monate besetzt. Die Platzbesetzungen wurden schnell zum Symbol eines Jahres, in dem die Menschen der kapitalistischen Ordnung an den Kragen wollten: Ausgehend vom sogenannten \u201eArabischen Fr\u00fchling\u201c breitete sich die Protestwelle weltweit aus. Zwanzig Jahre nach dem proklamierten \u201eEnde der Geschichte\u201c (Fukuyama 1992) stand die Ordnung auf dem Kopf: Der angeblich endg\u00fcltige Sieg der liberalen Marktwirtschaft wurde von den massenhaft Protestierenden zur Disposition gestellt. Nach anf\u00e4nglicher Euphorie \u00e4u\u00dferten viele jedoch schnell ihre Entt\u00e4uschung \u00fcber die Bewegung der Pl\u00e4tze: Sie sei so schnell gegangen wie sie kam und h\u00e4tte doch nicht viel ge\u00e4ndert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Text m\u00f6chte ich diese Einsch\u00e4tzung widerlegen und am Fall der spanischen 15M-Bewegung eine Deutung der Proteste vorschlagen, welche die konstruktiven und emanzipatorischen Momente in den Vordergrund r\u00fcckt. Im Fokus der Bewegung stand n\u00e4mlich nicht das Ziel die Macht im Staat zu erringen. Das Besondere war vielmehr, dass die Beteiligten neue Formen des Zusammenlebens jenseits von Markt und Staat erprobten. Auf den Pl\u00e4tzen und auch in den darauffolgenden Protesten wurden politische Praxen entwickelt, in deren Zentrum die Neuorganisation von Sorgebeziehungen stand. Gemeinsam putzte man den Platz, k\u00fcmmerte sich umeinander, erfand Strukturen, um die allt\u00e4gliche Reproduktion zu vergemeinschaften. Die Kollektivierung von Sorgearbeiten im Zuge der Platzbesetzungen und die Zentralit\u00e4t k\u00f6rperlicher Grundbed\u00fcrfnisse stellen den Kern der Proteste dar: Die Platzbesetzungen sind Antworten auf die wachsende Sorgekrise und machen die steigende Prekarisierung des k\u00f6rperlichen Lebens sichtbar, indem \u201eaffektive Bezogenheit und Praxen der Solidarit\u00e4t\u201c im Vordergrund standen (Lorey 2016a: 271, vgl. Butler 2017). Zentral waren die jenseits von Markt und Staat neu entstandenen Formen der Sorge sowie die solidarischen Beziehungsweisen, die Aufschluss dar\u00fcber geben k\u00f6nnen, welche Konstruktion von Geschlechtlichkeit im Rahmen der Proteste zutage traten (vgl. Adamczak 2017).<\/p>\n\n\n\n<p>Der rote Faden, der diese Analyse durchzieht, ist die Frage nach unterschiedlichen Transformationsstrategien. Ob der Weg zur gesellschaftlichen Emanzipation \u00fcber die Institutionen und den Staat f\u00fchren, \u00fcber die Zerschlagung des Staates oder aber die Alltagsk\u00e4mpfe und Beziehungsweisen letztlich ausschlaggebend sind, ist eine viel diskutierte Frage, die ich am Beispiel der 15M-Bewegung erneut aufwerfen m\u00f6chte.&nbsp;Es gilt, die klassische linke Erz\u00e4hlung der Platzbesetzungen 2011 anders zu erz\u00e4hlen als es h\u00e4ufig geschieht: Die Proteste seien zwar stark, radikal und zahlreich gewesen, aber letztlich gescheitert und ohne strukturelle System\u00e4nderungen versandet. Gegen diese \u201alinke Melancholie\u2019 (Brown 1999) des Scheiterns schlage ich ein Verst\u00e4ndnis von der spanischen 15M-Bewegung vor, das die gro\u00dfen Br\u00fcche nicht im Wahlsieg einer linken Partei oder der Destruktion der herrschenden Gesellschaft sucht, sondern in den konstruktiven Momenten des Aufbaus anderer, solidarischer Beziehungsweisen auf den Pl\u00e4tzen, in den Vierteln und in den Initiativen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">\u00a1Democracia Real Ya! Die Platzbesetzungen des 15M<\/h5>\n\n\n\n<p><em>\u201e<\/em><em>Porque no&nbsp;<\/em><em>somos<\/em><em>&nbsp;mercanc\u00eda en los&nbsp;<\/em><em>manos<\/em><em>&nbsp;de pol\u00edticos y banqueros.\u201c (<\/em><em>Wir sind keine Ware in den H\u00e4nden von Politikern und Bankiers.)<a id=\"a1\" href=\"#f1\"><sup><strong>[1]<\/strong><\/sup><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die ersten Jahre der globalen Vielfachrise (Demirovic et al 2011) zwar durch Frustration gepr\u00e4gt waren, die aber keine \u00dcbersetzung in die politische Praxis erfuhr, wurde 2011 zum Jahr der widerst\u00e4ndigen gesellschaftlichen Mobilisierungen in Spanien. Initiiert wurde die gro\u00dfe Demonstration am 15. Mai 2011, die in der Besetzung der Puerta del Sol in Madrid m\u00fcndete, unter dem Motto \u201eWir sind keine Ware in den H\u00e4nden von Politikern und Bankiers\u201c von der Plattform&nbsp;<em>\u00a1Democracia Real Ya!<\/em>&nbsp;Dem Aufruf folgten etwa 300.000 Menschen in achtzig St\u00e4dten Spaniens. Unter den Protestierenden waren prekarisierte Jugendliche, Arbeitslose, Zwangsger\u00e4umte, Linke, aber auch Unpolitische.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gingen nicht nur gegen die europ\u00e4ische Austerit\u00e4tspolitik auf die Stra\u00dfe, die der spanische Staat bereitwillig umsetzte und damit eine Neoliberalisierung sowie einen weitreichenden Abbau sozialstaatlicher Leistungen vorantrieb, sondern auch gegen die Krise der Demokratie, auf die der viral gegangene Protestslogan \u201eLo llaman democracia y no lo es\u201c (Sie nennen es Demokratie, aber es ist keine) verweist (vgl. Zelik 2018: 55). Damit dr\u00fcckten die Demonstrant_innen ein grunds\u00e4tzliches Unbehagen sowohl mit der franquistischen Kontinuit\u00e4t in den spanischen Staatsapparaten, als auch mit dem von Korruption gepr\u00e4gten berufspolitischen Betrieb aus (Huke 2017: 139, Zelik 2018: 48f). Au\u00dferdem protestierten die Menschen gegen die durch die Vielfachkrise ausgel\u00f6ste weitreichende Verarmung und Prekarisierung, die es vielen unm\u00f6glich machte, \u00fcberlebensnotwendige Grundbed\u00fcrfnisse zu befriedigen (Candeias\/V\u00f6lpel 2014: 95). Alle drei Krisendynamiken wurden zum Anlass f\u00fcr die gr\u00f6\u00dften gesellschaftlichen Mobilisierungen Spaniens seit der Transici\u00f3n und f\u00fchrten zu einer fundamentalen Hegemoniekrise des spanischen Staats, die sich aus den \u201eindividuelle[n] allt\u00e4gliche[n] Brucherfahrungen\u201c heraus verdichten konnte (Huke 2017: 221).<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht zum 16. Mai blieben die Puerta del Sol in Madrid und der Pla\u00e7a Catalunya in Barcelona mit Zelten besetzt. In den kommenden Tagen kamen Protestcamps in 50 weiteren St\u00e4dten hinzu (Huke 2017: 231). Dort kollektivierten die Besetzer_innen allt\u00e4gliche Aufgaben des Kochens, des Putzens und des Schutzes vor \u00dcbergriffen. Die Vollversammlungen (<em>Asambleas<\/em>) wurden zu einem Symbol der Bewegung: Entscheidungen wurden meist basisdemokratisch getroffen, Horizontalit\u00e4t<a id=\"a2\" href=\"#f2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;galt als wichtiges Instrument, um die Beteiligung m\u00f6glichst vieler Anwesender zu erm\u00f6glichen. Im Laufe der Mobilisierungen der darauffolgenden Monate entwickelte sich die Bewegung zu einem vielschichtigen sozialen Subjekt (Espinar\/Abell\u00e1n 2011: 137f). Doch trotz der Diversit\u00e4t der Protestierenden und der Inklusivit\u00e4t der Protestformen wurde immer wieder darauf verwiesen, dass es vor allem wei\u00dfe Menschen mit Universit\u00e4tsabschl\u00fcssen aber einer prek\u00e4ren Zukunftsaussicht waren, die die Proteste trugen. Besonders prek\u00e4re Arbeiter_innen, Migrant_innen sowie Arbeitslose fehlten weitestgehend (Huke 2017: 232).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz entwickelte sich mit 15M in den kommenden Monaten ein sozialer Raum, der es neben der rasanten Politisierung gro\u00dfer Teile der Gesellschaft erm\u00f6glichte, alternative und nicht-repr\u00e4sentative Formen der Demokratie zu erproben (Zelik 2018: 76, Lorey 2012a). Die Form der \u201ePolitik der ersten Person\u201c der Platzbesetzungen erm\u00f6glichte eine Wiederaneignung des Politischen au\u00dferhalb staatlicher Institutionen sowie das \u201eEinbrechen des privaten Alltags in \u00f6ffentliche Aushandlungsprozesse\u201c (Huke 2017: 253ff).<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Die sozialen Proteste nach dem 15M<\/h5>\n\n\n\n<p><em>\u201eSeguimos sin casa, sin curro, sin pensi\u00f3n y&#8230; \u00a1sin miedo!\u201c (Wir machen weiter ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Pension und &#8230; ohne Angst!)<a id=\"a3\" href=\"#f3\"><sup><strong>[3]<\/strong><\/sup><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn die Protestcamps auf den Pl\u00e4tzen nach einigen Monaten im Sp\u00e4tsommer wieder ger\u00e4umt wurden, sei es aus Ersch\u00f6pfung, Entt\u00e4uschung oder dem nicht zu stemmenden Arbeitsaufwand, den die Aufrechterhaltung der Camps gekostet h\u00e4tte, bedeutete dies nicht das Ende des 15M: \u201eNach der R\u00e4umung der Pl\u00e4tze streut die Bewegung in die Barrios (die Nachbarschaften) \u2013&nbsp;<em>ohne sich zu zerstreuen<\/em>\u201c (Candeias\/V\u00f6lpel 2014: 105). Gemeinsam mit sozialen B\u00fcndnissen, Gewerkschaften und linken Parteien mobilisierte die 15M-Bewegung zu vielen Protesttagen, -aktionen und Streiks, an denen h\u00e4ufig mehrere Hunderttausende teilnahmen<a id=\"a4\" href=\"#f4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>. In folgenden drei beispielhaften Organisierungsformen lebten die sozialen Proteste des 15M-Zyklus nach den Platzbesetzungen fort:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die PAH (<em>Platforma de Afectados por la Hipoteca<\/em>) ist ein Basisnetzwerk f\u00fcr Betroffene von Zwangsr\u00e4umungen und Hypothekenschulden, das Formen direkter Aktion und reformistische Ans\u00e4tze miteinander verbindet. Das Netzwerk besteht aus einer landesweiten Struktur von Basisgruppen, die sowohl gegenseitige Hilfe und Unterst\u00fctzung, als auch die Verhinderung von Zwangsr\u00e4umungen sowie Protestaktionen vor den Wohnungen von Politiker_innen (sogenannte&nbsp;<em>esraches<\/em>) organisieren. Mit der PAH entstanden in den St\u00e4dten selbstorganisierte solidarische Parallelstrukturen und die 15M-Bewegung diffundierte damit in die peripheren und armen Stadtteile (Huke 2017: 236).<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den K\u00e4mpfen um Wohnraum entstanden besonders im Bildungs- und Gesundheitsbereich Protestbewegungen, die&nbsp;<em>mareas<\/em>: Die&nbsp;<em>marea verde&nbsp;<\/em>(\u201egr\u00fcne Flut\u201c) richtete sich gegen die austerit\u00e4tspolitischen K\u00fcrzungen im Bildungssektor und entfaltete ihre Dynamik anhand basisdemokratischer Vollversammlungen, aus denen heraus sowohl Streiks, als auch selbstorganisierte Strukturen innerhalb der Bildungseinrichtungen organisiert wurden (ebd. 240). Im Gesundheitssektor war es die&nbsp;<em>marea blanca&nbsp;<\/em>(\u201ewei\u00dfe Flut\u201c), die die Proteste gegen K\u00fcrzungen im Gesundheitswesen und die Privatisierung der Krankenh\u00e4user b\u00fcndelte. Migrant_innen, Patient_innen und Krankenhauspersonal organisierten sich gemeinsam und verhinderten die geplante Privatisierung der Madrider Krankenh\u00e4user, ein Zeichen daf\u00fcr, dass \u201eBewegungen auch schon vor dem Gang in die Institutionen durchaus erfolgreich Politik zu machen verstanden und dies bisweilen erfolgreicher als linke Parteien\u201c (Zelik 2018: 86).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den sozialen Bewegungen heraus entstanden au\u00dferdem die sogenannten munizipalistischen&nbsp;<em>confluencias<\/em>, die 2015 in die Stadtparlamente, etwa in Madrid (<em>Ahora Madrid<\/em>) und in Barcelona (<em>Barcelona en Com\u00fa<\/em>), einzogen. Munizipalistische Bewegungen streben danach, \u201ekommunale Regierungen zu \u00fcbernehmen oder zu beeinflussen, um lokale Institutionen (wieder) gemeinwohlorientiert auszurichten, ein neues Verh\u00e4ltnis zwischen kommunalen Regierungen und sozialen Bewegungen zu schaffen\u201c (Vollmer 2017: 147). Das gelang nur teilweise. Die Fallstricke der Institutionen f\u00fchrten oft dazu, dass sich die Stadtregierungen von den sozialen Bewegungen entfernten. Schnell fanden sie sich in wahltaktischen und parteipolitischen Erw\u00e4gungen wieder und verloren so teilweise ihre basisdemokratische Anbindung aus dem Blick.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz lebt in allen drei Bewegungen der Geist der Platzbesetzungen der 15M-Bewegung weiter. Basisdemokratie und Solidarstrukturen wurden von den Aktivist_innen aus den Camps heraus in die Viertel und Organisierungen getragen, Forderungen teilweise erfolgreich institutionalisiert, ohne vollst\u00e4ndig von den Institutionen absorbiert zu werden.<a id=\"a5\" href=\"#f5\"><sup>[5]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber den (Miss-)Erfolg der Bewegung<\/h5>\n\n\n\n<p><em>\u201eVamos lento, porque vamos lejos.\u201c (Wir kommen langsam voran, weil unser Anspruch gro\u00df ist.)<\/em><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Bewegung die Legitimit\u00e4t der herrschenden Ordnung untergraben konnte, zeigen unter anderem die Umfragewerte nach Ausbruch der Proteste: Etwa 80% der Bev\u00f6lkerung teilten die Forderungen des 15M nach dem Ende der Austerit\u00e4tspolitik und einer radikalen Demokratisierung (Zelik 2018: 77). Dennoch stellt sich die Frage nach dem transformatorischen Potenzial der Platzbesetzungen: So wird kritisiert, die Bewegung k\u00f6nnte \u201ePl\u00e4tze erobern, aber sie nicht halten\u201c und die Hegemonie des Neoliberalismus sei ungebrochen (Kastner 2012: 81). Demgegen\u00fcber halten Mario Candeias und Eva V\u00f6lpel, beide Teil der institutionellen Linken, in Bezug auf Gramsci den Demokratiebewegungen zugute, dass sie dazu beigetragen haben, dass die Neoliberalen wohl noch in einer \u201eherrschenden\u201c, jedoch nicht mehr in einer \u201ef\u00fchrenden\u201c Position seien (2014: 13). F\u00fcr sie sind die Bewegungen \u201eerfolgreich gescheitert\u201c, da die \u201eStr\u00f6me zivilgesellschaftlicher Organisierung\u201c zwar gro\u00dfe Terraingewinne erringen, \u201edie soliden Bastionen der Herrschaft\u201c jedoch nicht erreichen (ebd. 225). Sie kritisieren, dass sich die \u201eLeidenschaften der Vielen eher um die alltagsnahen K\u00e4mpfe eines prek\u00e4ren Lebens, um die individuelle und soziale Reproduktion\u201c drehen, als die Hauptquartiere der Macht zu adressieren (2014: 235). Huke beschreibt die 15M-Bewegung als \u201edestituierendes Ereignis\u201c (<em>proceso destituyente<\/em>), das verdr\u00e4ngt und zur\u00fccknimmt, anstatt eine neue Ordnung zu setzen, und sieht erst in den munizipalistischen Stadtregierungen eine Verschiebung hin zur konstituierenden Macht (<em>proceso constituyente)<\/em>&nbsp;(2017: 226, vgl. auch M\u00f6ller 2015: 289).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die kritisierte strategische Schw\u00e4che der Bewegungen \u2013 ihre fehlende Orientierung auf die Hauptquartiere der Macht \u2013 m\u00f6chte ich ihr jedoch zugutehalten. Wenn auch 15M nicht die Macht im spanischen Staat eroberte, kam es doch zum gr\u00f6\u00dften gesellschaftlichen Bruch mit dem spanischen Staat seit der Transici\u00f3n und zur Aufk\u00fcndigung des gesellschaftlichen Konsens. In den Protesten wurden neue Formen des Zusammenlebens, der Sorge und der Demokratie entwickelt und gelebt, eine Erfahrung, die nachhaltig pr\u00e4gend ist und von den Pl\u00e4tzen in die Gesellschaft diffundieren konnte (Zelik 2014).&nbsp;Wer die Platzbesetzungen jedoch als destituierendes Ereignis versteht, \u00fcbersieht schnell die komplexen gesellschaftlichen Sorgebeziehungen, die im Rahmen der Proteste gekn\u00fcpft wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine solche Bewertung der Proteste geht \u00fcber die Deutung von 15M, die sich bei Candeias und V\u00f6lpel und in Ans\u00e4tzen auch bei Huke finden, hinaus. Ihnen ist gemeinsam, wenn auch in verschiedenen Schattierungen, dass sie das transformatorische Potenzial in erster Linie in der Institutionalisierung politischer Forderungen oder gar der Eroberung der institutionellen Macht suchen und der Erprobung anderer Weisen des Zusammenlebens und Politikmachens weniger Wichtigkeit zusprechen. Doch genau aus der Alltagsn\u00e4he und der Zentralit\u00e4t von Fragen der Sorge, der Reproduktion, der Gesundheit und des Lebens entsteht das transformatorische Potenzial der Bewegung. Dass dies jedoch als Mangel kritisiert wird, ist kein Zufall, sondern hat strukturelle Gr\u00fcnde: Die Aberkennung der zentralen politischen Dimension von Alltagsk\u00e4mpfen und Fragen der Reproduktion, wie sie bei Candeias und V\u00f6lpel hervorscheint, entspricht einem androzentrischen Verst\u00e4ndnis von Transformation. Dieser Einordnung der Proteste werde ich eine systematisch feministische entgegensetzen, und zeigen, welches das transformatorische Potenzial die 15M-Bewegung aufweist, wenn man sie aus dem Blickwinkel der Sorge und der Geschlechterverh\u00e4ltnisse betrachtet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Von der Sorgekrise zur Sorgegemeinschaft auf den Pl\u00e4tzen<\/strong><strong><\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p><em>\u201eWir denken Unabh\u00e4ngigkeit hie\u00dfe, sich um niemanden sorgen zu m\u00fcssen. Das stimmt nicht, wir h\u00e4ngen alle voneinander ab.<\/em>&nbsp;(Precarias a la deriva, 2017)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Logik des Marktes mit dem Ziel des Profits und die Logik der Sorge<a id=\"a6\" href=\"#f6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>&nbsp;mit dem Ziel das Leben zu erhalten sind zwei antagonistische Logiken kapitalistisch-patriarchaler Gesellschaften, beschreibt das feministisch-aktivistische Kollektiv<em>&nbsp;Precarias a la deriva<\/em>, das in militanten Untersuchungen Facetten der Prekarit\u00e4t und feminisierten Arbeit in Spanien untersucht hat. Zum Zweck der Kapitalakkumulation wird die Logik der M\u00e4rkte stets priorisiert, womit die Bed\u00fcrfnisbefriedigung der Menschen einem Risiko ausgesetzt ist. Sorget\u00e4tigkeiten definieren die&nbsp;<em>Precarias a la deriva<\/em>als \u201ePraktiken, die auf die Lebensf\u00fchrung sowie auf die allt\u00e4gliche Erhaltung von Leben und Gesundheit ausgerichtet sind und die sich der sexualisierten K\u00f6rper annehmen\u201c (dies. 2014: 64).<a id=\"a7\" href=\"#f7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>&nbsp;Historisch wie auch gegenw\u00e4rtig ist die Sorge im Kapitalismus auf Frauen und Haushalte verwiesen. Sorgearbeiten sind die notwendige Basis des \u00dcberlebens, sie m\u00fcssen dementsprechend stattfinden, werden jedoch als quasi nat\u00fcrliche Arbeiten unsichtbar gemacht und aus der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re verbannt. Diese Konstruktion der Sorge als unsichtbares Kontinuum erm\u00f6glicht es, die Abh\u00e4ngigkeit von der Sorge zu verdecken: Frauen gelten als \u201aabh\u00e4ngige Personen\u2019, wobei \u201enormalerweise die Abh\u00e4ngigkeit von der Sorge verschwiegen wird. [&#8230;] In diesem Sinn sind die M\u00e4nner absolut von den Frauen abh\u00e4ngig\u201c (Carrascro zit. n.&nbsp;<em>Precarias a la deriva&nbsp;<\/em>2017: 40f). Die Abwertung der Sorge korrespondiert mit dem b\u00fcrgerlich-m\u00e4nnlichen Ideal des unabh\u00e4ngigen, sich selbst versorgenden und autonomen Individuums. Dem setzen die&nbsp;<em>Precarias a la deriva&nbsp;<\/em>allseitige Abh\u00e4ngigkeit und Interdependenz als Grundlage gesellschaftlichen Seins entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Auseinanderbrechen des fordistischen Familienarrangements sowie dem R\u00fcckbau des Wohlfahrtsstaats kommt es zu einer Sorgekrise, welche sich durch eine \u201eZunahme des Sorgebedarfs, die auf eine wachsende Schwierigkeit st\u00f6\u00dft, diese Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen\u201c, auszeichnet (ebd.). Durch die Vielfachkrise seit 2007 spitzt sich die Sorgekrise in Spanien weiter zu: Zahlreiche sozialstaatliche Unterst\u00fctzungen fallen der Austerit\u00e4tspolitik zum Opfer und die famili\u00e4ren Solidarit\u00e4ts- und Sorgenetzwerke erfahren eine \u00dcberlastung. F\u00fcr viele Menschen ist es unter diesen Umst\u00e4nden unm\u00f6glich, \u00fcberlebenswichtige Grundbed\u00fcrfnisse zu sichern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es kann also eine Tendenz der \u201ePrekarisierung der Existenz\u201c festgestellt werden, \u201edie eine elementare Ungewissheit in Bezug auf einen nachhaltigen Zugang zu jenen Ressourcen bedingen, die f\u00fcr die volle Lebensentfaltung eines Subjekts grundlegend sind\u201c (dies. 2005 zitiert in 2014: 57). Dieser weite Prekarisierungsbegriff meint nicht nur die \u201emangelnde Absicherung durch Lohnarbeit\u201c oder unsichere Arbeitspl\u00e4tze, sondern umfasst \u201edie gesamte Existenz, den K\u00f6rper und die Subjektivierungsweisen\u201c (Lorey 2012b: 13; Butler 2009).<a id=\"a8\" href=\"#f8\"><sup>[8]<\/sup><\/a>&nbsp;(\u00dcber-)Leben ist prek\u00e4r, da es von Beginn an von \u201esozialen Netzwerken [&#8230;], von Sozialit\u00e4t und der Arbeit anderer abh\u00e4ngt\u201c (Lorey 2012b: 33). Und umgekehrt: \u201eLeben h\u00e4ngt, weil es prek\u00e4r ist, in entscheidendem Ma\u00dfe von Sorge und Reproduktion ab\u201c (ebd.).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Feministisch-aktivistische Theoretiker*innen, wie Isabell Lorey, Judith Butler und die&nbsp;<em>Precarias a la deriva<\/em>&nbsp;pl\u00e4dieren deshalb daf\u00fcr, die geteilte Erfahrung des Prek\u00e4rseins zum Ausgangspunkt f\u00fcr K\u00e4mpfe zu machen, der Einsicht folgend, dass \u201ePrek\u00e4rsein nichts allein Individuelles\u201c ist, sondern \u201ejederzeit relational und deshalb geteilt&nbsp;<em>mit&nbsp;<\/em>anderen prek\u00e4ren Leben\u201c (Lorey 2012b: 25). Die Antwort auf diese Einsicht ist eine strategische Aufwertung der Sorgearbeit in feministischer Absicht, anhand derer sowohl ein Verst\u00e4ndnis von Relationalit\u00e4t und Abh\u00e4ngigkeit als Mangel zur\u00fcckgewiesen wird, als auch der wachsenden Unsicherheit des Lebens und \u00dcberlebens in der Krise etwas entgegengesetzt werden soll.<a id=\"a9\" href=\"#f9\"><sup>[9]<\/sup><\/a>&nbsp;Die&nbsp;<em>Precarias a la deriva&nbsp;<\/em>schlagen eine \u201eSorgegemeinschaft\u201c als Lebensform vor, in deren Zentrum die Sorge und das kollektive Leben und Arbeiten sowie die Infragestellung von Unterwerfungsverh\u00e4ltnissen steht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Feminisierung der Politik?<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>\u201e<em>La revoluci\u00f3n ser\u00e1 feminista o no ser\u00e1.<\/em>\u201c (Die Revolution wird feministisch sein oder sie wird nicht sein.)<a id=\"a10\" href=\"#f10\"><sup>[10]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Neben der \u00f6ffentlichen Inszenierung der k\u00f6rperlichen Bed\u00fcrfnisse, deren Befriedigung mit der Krise zunehmend unsicher wurde, entstanden auf den spanischen Pl\u00e4tzen neue Beziehungen und Formen des Zusammenlebens. Indem man sich kollektiv organisierte, brach man aus der neoliberalen Individualisierung aus. Weiblich konnotierte und im Privaten unsichtbar gemachte Sorgearbeiten wurden vergemeinschaftet und damit eine andere Organisierung gesellschaftlicher (Reproduktions-)Arbeiten f\u00fcr den Moment der Platzbesetzungen m\u00f6glich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da Sorgearbeiten, Prekarit\u00e4t und Relationalit\u00e4t den Mittelpunkt der Protestform bildeten, spricht die spanische Linke h\u00e4ufig von einer \u201eFeminisierung der Politik\u201c, anhand derer es gelang, f\u00fcr den Zeitraum der Besetzungen patriarchale Geschlechterstereotype abzubauen (Galcer\u00e1n 2017: 108). Diese Tendenz darf nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass w\u00e4hrend der 15M-Bewegung von Aktivist_innen mehrfach kritisiert wurde, dass es von m\u00e4nnlichen Aktivisten h\u00e4ufig Widerstand und Unverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber feministischen Positionen gab und ein Reflexionsprozess \u00fcber (hetero-)sexistische Herrschaftsverh\u00e4ltnisse erst durch die feministische Kommission angesto\u00dfen werden musste (vgl. Galcer\u00e1n 2012).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zentralit\u00e4t von Sorgearbeiten und allt\u00e4glichen k\u00f6rperlichen Bed\u00fcrfnissen blieb auch in den sozialen Protesten im Anschluss an die Platzbesetzungen erhalten und verschwand nicht mit den Zelten. Sie fand sich wieder in den Nachbarschaftsinitiativen, in den Kampagnen gegen Zwangsr\u00e4umungen der PAH, in den&nbsp;<em>mareas<\/em>&nbsp;im Bildungs- und Gesundheitsbereich (beides Arbeitsbereiche, in denen vornehmlich Frauen unter prek\u00e4ren Bedingungen besch\u00e4ftigt sind) und nicht zuletzt in den munizipalistischen&nbsp;<em>confluencias<\/em>. Durch lokale Verankerung und Horizonatlit\u00e4t versuchte man auch weiterhin \u201eMacht zu verteilen, anstatt sie zu konzentrieren\u201c, um nicht in die Falle repr\u00e4sentativ-demokratischer Entpolitisierung oder der Herausbildung m\u00e4nnlicher F\u00fchrungsfiguren zu treten (Galcer\u00e1n 2017: 106).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Losl\u00f6sung von der Idee des autonomen unabh\u00e4ngigen Individuums hin zu einer \u201ePraxis der Verbundenheit mit anderen\u201c sehen Lorey und Butler in den Platzbesetzungen der Demokratiebewegungen 2011 verwirklicht (Lorey 2017: 117; vgl. Butler 2012). Im gemeinsamen Putzen des Platzes, Kochen, der Kollektivierung reproduktiver Arbeiten und der Besetzung des \u00f6ffentlichen Raums durch \u00fcberlebenswichtige Infrastrukturen (wie z.B. Zelte als Dach \u00fcber dem Kopf) entstand eine neue Form der Politik,&nbsp;durch welche zumeist privatisierte T\u00e4tigkeiten der Sorgearbeit sichtbar gemacht wurden: \u201eDie K\u00f6rper handelten gemeinsam, sie schliefen aber auch in der \u00d6ffentlichkeit, und sie waren in diesen zwei Modalit\u00e4ten gleicherma\u00dfen vulnerabel und fordernd, gaben elementaren k\u00f6rperlichen Bed\u00fcrfnissen eine politische und r\u00e4umliche Organisation\u201c (Butler 2012).<\/p>\n\n\n\n<p>So kann die 15M-Bewegung sowohl als Bewegung \u201ef\u00fcr eine andere Form von Demokratie und auch \u00d6konomie\u201c gefasst werden, als auch als \u201eK\u00e4mpfe der heterogenen Prek\u00e4ren f\u00fcr eine neue Weise sozialer Reproduktion\u201c (Lorey 2017: 119). Indem die Protestierenden die \u201eGrundbed\u00fcrfnisse des K\u00f6rpers [ins] Zentrum der politischen Mobilisierungen\u201c (Butler 2017: 51) stellten, machten sie auf die durch die multiple Krise versch\u00e4rfte Prekarisierung ihrer Existenz aufmerksam: Wenn ihr uns aus den H\u00e4usern zwangsr\u00e4umt, werden wir die Zelte in der Stadt aufschlagen. Wenn unser Lohn so mies ist, dass wir uns nicht mal mehr Essen leisten k\u00f6nnen, teilen wir es mit anderen. Wenn das Gesundheitssystem so marode ist, dass wir daran zugrunde gehen, k\u00fcmmern wir uns gegenseitig um unsere Gesundheit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Deutlich wird, dass die Platzbesetzungen des 15M sowie die darauffolgenden Mobilisierungen aus dem Blickwinkel der allt\u00e4glichen K\u00e4mpfe um Sorge, Leben, Reproduktion und Solidarit\u00e4t erhebliches transformatives Potenzial entwickeln konnten. Nichtsdestotrotz m\u00f6chte ich an dieser Stelle auch auf zwei Probleme dieser Deutung der Proteste hindeuten. Das erste Problem besteht darin, dass konsens-orientierte horizontale demokratische Formen neue Ausschl\u00fcsse begr\u00fcnden, etwa derjenigen, die keine Zeit oder keine Produktionsmittel haben, um sich daran zu beteiligen (Demirovic 2014). Horizontalit\u00e4t und offene Diskussionsrunden ohne Verfahren, die die Beteiligung aller sowie die Verbindlichkeit von Entscheidungen sichern, reichen nicht aus f\u00fcr ein demokratisch-transformatorisches Projekt und sind nur schwer verallgemeinerbar. Sowohl Lorey als auch Butler laufen in ihrer Analyse Gefahr, das demokratische Potenzial der Bewegung zu \u00fcberh\u00f6hen. Dies geschieht vor allem dadurch, dass durch den Fokus auf die Praxen der sozialen Bewegungen leicht eine Fetischisierung ihrer Formen geschehen kann. Folge ist, dass die Emanzipation mehr in den Praxen und Formen, als in der tats\u00e4chlichen Transformation gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse gesucht wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Transformation als synaptische Konstruktion<\/strong><strong><\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p><em>\u201eStatt Einheit des Zwangs und bindungsloser Differenz kann das Gemeinsame dann als das erscheinen, was die Vielen miteinander teilen. Als Gleiche und Freie in Solidarit\u00e4t.\u201c&nbsp;<\/em>Bini Adamczak 2017: 285)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Leute in der Nachbarschaft entwickeln andere Beziehungsformen, sie zeigen Solidarit\u00e4t mit ihren migrantischen Nachbar_innen. Wenn sie im Vor\u00fcbergehen zuf\u00e4llig einen rassistischen Polizei\u00fcberfall sehen, dann bleiben sie stehen und intervenierten\u201c (zit. n. Weibel 2012: 105), berichtet Die Aktivistin Martha Viniegra \u00fcber ihr Viertel Lavapi\u00e9s in Madrid. Wie viele andere beschreibt sie die gesellschaftliche Ver\u00e4nderung w\u00e4hrend und nach den Platzbesetzungen auf der Ebene der Beziehungen. Ein Transformationsverst\u00e4ndnis, in dessen Zentrum Beziehungsweisen stehen, f\u00fchrt die marxistische Queertheoretikerin Bini Adamczak in ihrem Buch \u201eBeziehungsweise Revolution\u201c (2017) aus. Im Zentrum ihrer Revolutionstheorie steht der Begriff der Beziehungsweise: Beziehungsweisen umfassen sowohl Weisen der Produktion als auch der Reproduktion, Nah- und Fernbeziehungen. Revolutionen sind nach Adamczak Prozesse sozialer Transformation, innerhalb derer neue Beziehungsweisen gekn\u00fcpft werden: \u201eDort, wo die am st\u00e4rksten verdinglichten und verfestigten Beziehungsweisen, jene, die kaum \u00fcberhaupt als Beziehungen erscheinen, reflexiv zur Disposition gestellt werden, l\u00e4sst sich von Revolution sprechen\u201c (2017: 245). Indem sie die Beziehung und nicht etwa das Kapital, den Staat oder das Subjekt ins Zentrum ihrer Revolutionstheorie stellt, versucht sie gleichzeitig einen theoretischen Ausweg aus der \u201eStrukturfixiertheit\u201c des klassischen Marxismus und der Alten Linken einerseits und der \u201eSingularit\u00e4tsfixiertheit\u201c der Postmoderne und der Neuen Linken andererseits zu finden (ebd. 250).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der revolution\u00e4re Prozess entspricht einer synaptischen Konstruktion: Er ist konstruktiv, indem er neue Beziehungsweisen entstehen l\u00e4sst und mehr schafft als zerschl\u00e4gt. Er ist synaptisch, da er nicht aus dem Nichts erschafft, sondern bereits Bestehendes neu verbindet. Solidarit\u00e4t wird zu oft auf einen Effekt oder ein Mittel der Revolution reduziert, auch wenn es eigentlich \u201edie Konstruktion solidarischer Beziehungsweisen [ist], um derentwillen die revolution\u00e4re Aktion \u00fcberhaupt unternommen wird (ebd. 265)\u201c. Da Revolutionen im Sinne Adamczaks immer auch soziale Transformationsprozesse sind, in denen die gesellschaftliche Arbeitsteilung und Trennung der Sph\u00e4ren in \u00d6ffentlich und Privat, Produktion und Reproduktion, Rationalit\u00e4t und Emotionalit\u00e4t zur Disposition steht, befinden sich Geschlechterverh\u00e4ltnisse nicht in der Peripherie, sondern \u201eim Herzen der Revolution, im Zentrum der Neugestaltung der Gesellschaft\u201c (ebd. 108).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit ihrer Revolutionstheorie schafft Adamczak einen theoretischen Ausweg aus den Schw\u00e4chen und Widerspr\u00fcchen der Deutungen der 15M-Bewegung, die sowohl bei Candeias und V\u00f6lpel und in Ans\u00e4tzen auch bei Huke, als auch bei Butler und Lorey zutage traten. Ein Verst\u00e4ndnis von Transformation, wie es Candeias und V\u00f6lpel stark machen, das auf die Zentren der Macht orientiert, l\u00e4sst sich mit Adamczak als zentralistisch kritisieren. Ein solches Denken sch\u00e4tzt Ver\u00e4nderungen der Subjektivierungsweisen, der allt\u00e4glichen Lebensformen und der Reproduktion zu gering. Adamczak schl\u00e4gt vor, stattdessen die Konstruktion befriedigender und solidarischer Beziehungsweisen in den Mittelpunkt zu r\u00fccken und damit die Revolution zu dezentrieren (und auch zu entmaskulinisieren). Die Gefahr, die Praxen der Bewegungen zu fetischisieren, die sich aus der Perspektive Butlers und Loreys ergeben kann, sieht Adamczak auch in einer Fetischisierung der Revolution, die sie vom Mittel zum Zweck macht. Anstatt die Revolution um der Revolution willen zu machen, schl\u00e4gt sie vor, die solidarischen Beziehungsweisen als dasjenige zu sehen, wegen der die Anstrengung unternommen wird. In diesem Sinne besteht das eigentliche Dilemma, das Butlers und Loreys Theorien aufwerfen, jedoch in der Frage, wie die im revolution\u00e4ren Moment praktizierten solidarischen Beziehungsweisen verallgemeinert und \u00fcber den Ort und die Zeit der Besetzungen und Initiativen hinweg gerettet werden k\u00f6nnen, dass sie mehr zur gesellschaftlichen Realit\u00e4t werden und nicht nur als M\u00f6glichkeit besonderer Momente erscheinen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Die sorgenden Beziehungsweisen der 15M-Bewegung<\/h5>\n\n\n\n<p><em>\u201eDie Verbindungen unter den Leuten, die sich nicht kannten, waren greifbar. [&#8230;] Etwa 130.000 Personen hatten in allen Winkeln des Landes die Stra\u00dfen erobert. Sie lie\u00dfen die K\u00f6rper vor Emp\u00f6rung erzittern und zerschlugen ihre Atomisierung und soziale Impotenz\u201c(Javier Toret zit. n. Weibel 2012: 98f).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von diesen \u00dcberlegungen ausgehend m\u00f6chte ich abschlie\u00dfend zwei Fragen hinsichtlich der Analyse der spanischen 15M-Bewegung und der anschlie\u00dfenden sozialen Proteste stellen: Einerseits soll untersucht werden, inwiefern das Kn\u00fcpfen neuer und solidarischer Beziehungsweisen im Rahmen der Bewegung eine synaptische Konstruktion im Sinne Adamczaks relationaler Revolutionstheorie darstellt. Dar\u00fcber hinaus m\u00f6chte ich analysieren, welche geschlechtlichen Konstruktionen sich in den gekn\u00fcpften Beziehungsweisen wiederspiegeln und ob sie den Anspr\u00fcchen einer queerfeministischen Transformationstheorie gerecht werden k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Tatsache, dass wir uns umeinander k\u00fcmmern, schafft eine v\u00f6llig andere Form von Beziehung\u201c sagt die Aktivistin Luc\u00eda in einer Asamblea in Madrid (zit. n. Waibel 2012: 201). Schenkt man den Stimmen der Besetzungen, der Versammlungen und Nachbarschaftsinitiativen Glauben, die \u00e4hnliches beschreiben wie Luc\u00eda, ist es der 15M-Bewegung gelungen, neue Formen des Zusammenlebens, des sich-umeinander-K\u00fcmmerns und der Beziehungsweisen im Sinne Adamczaks zu konstituieren. Im Zentrum der Mobilisierung stand nicht das Ziel, die Staatsmacht zu erringen, es wurden weder Anf\u00fchrer zur Repr\u00e4sentation gew\u00e4hlt, noch wurde ein konkreter Forderungskatalog verabschiedet. Im Zentrum stand auch nicht die Subversion auf der Ebene des Subjekts. Im Zentrum stand der Versuch, andere Formen von Gemeinschaftlichkeit und Demokratie zu erproben, die sich den herrschaftlichen Strukturen widersetzen und dabei die M\u00f6glichkeit einer anderen, solidarischen Gesellschaft erfahrbar machen. Es ging weder um das Einzelne noch das Ganze, sondern um \u201ejene Verbindungen, aus denen die Gesellschaftlichkeit der Gesellschaft besteht\u201c (Adamczak 2017: 246). So war die 15M-Bewegung trotz ihrer radikalen Herrschaftskritik und ihrem lauten \u201eSo nicht!\u201c mehr konstruktiv als destruktiv, mehr konstituierend als destituierend. Die in den Besetzungen und Initiativen gekn\u00fcpften Beziehungsweisen waren Beziehungen der Sorge und der gemeinschaftlichen Organisierung allt\u00e4glicher und k\u00f6rperlicher Bed\u00fcrfnisse, die durch die austerit\u00e4tspolitisch und neoliberal versch\u00e4rfte Prekarisierung der Existenz einer Vielzahl an Menschen verwehrt blieb.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Drei wichtige Momente dieser gekn\u00fcpften solidarischen und sorgenden Beziehungsweisen m\u00f6chte ich nennen, die die herrschende Ordnung unterlaufen und in Teilen vielleicht sogar aufk\u00fcndigen konnten. Erstens wurde in den Besetzungen die Sph\u00e4rentrennung zwischen \u00d6ffentlichkeit und Privatheit, Produktion und Reproduktion, Rationalit\u00e4t und Emotionalit\u00e4t aufgebrochen. \u00dcberlebensnotwendige Dinge wie Ern\u00e4hrung, Gesundheit, Ordnung, die traditionell aufs Private und Weibliche verwiesen sind, wurden \u00f6ffentlich inszeniert und kollektiviert. So wie der Begriff der Beziehungsweise theoretisch diese Grenzen \u00fcberwindet, schaffte die 15M-Bewegung jene \u00dcberwindung auf praktischer Ebene. Das gelang zweitens dadurch, dass die Kriterien der Abwertung der privaten Sph\u00e4re und der Sorgearbeiten zu allgemeinen Charakteristika des Sozialen erkl\u00e4rt wurden: Abh\u00e4ngigkeit und Relationalit\u00e4t galten nicht mehr als Mangel, sondern als Bedingung menschlichen Seins und wurden auf diese Weise emanzipatorisch gewendet.&nbsp;Der Versuch einer demokratischen Gestaltung der gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeit, die im Kapitalismus sonst \u00fcber Tauschwert und M\u00e4rkte bestimmt ist, ist auf den Pl\u00e4tzen und in den darauffolgenden Mobilisierungen gelungen. Ein dritter Moment ist, dass die 15M-Bewegung in ihrer Praxis einen Weg aus der Isolation, der Individualisierung und k\u00fcnstlichen Verarmung der neoliberalen Subjektivierungsweisen fand. Durch Gemeinschaftlichkeit, Kollektivit\u00e4t und Solidarit\u00e4t wurde die f\u00fcr den Neoliberalismus paradigmatische Aufl\u00f6sung von Beziehungen unterlaufen. In allen drei Momenten sehe ich die eine radikale soziale Transformation hin zu solidarischen Beziehungsweisen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne dass feministische Forderungen zentraler Motor f\u00fcr die Mobilsierungen waren oder es einen feministischen Konsens innerhalb der Bewegung gab, realisierte die Bewegung auf ihre Art eine feministische Praxis: Sowohl die Infragestellung der Sph\u00e4rentrennung in \u00f6ffentlich\/privat als auch die Aufwertung der gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeit und Bezogenheit sind basale feministische Anliegen, die ohne als solche kommuniziert zu werden auf den Pl\u00e4tzen und in den Vierteln verwirklicht wurden. Praxen der Sorge, der Solidarit\u00e4t und der Affektivit\u00e4t gaben der Bewegung ihre Form und stellten ihren feministischen Kern dar. In diesem Sinne stimmt die in der spanischen Linken oft ge\u00e4u\u00dferte These, es handele sich um eine \u201eFeminisierung der Politik\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch sollte man nicht unkritisch den Beschr\u00e4nkungen der Demokratiebewegungen 2011 und dem 15M gegen\u00fcber bleiben, auch in Bezug auf Geschlechterverh\u00e4ltnisse: Denn selbst wenn durch die widerst\u00e4ndigen Praxen elementare feministische Forderungen im Hier und Jetzt realisiert wurden, klagten Frauen und Queers h\u00e4ufig \u00fcber den Machismo der 15M-Bewegung. Und auch wenn \u00fcber die Proteste feministische Forderungen gesellschaftlich verbreitet wurden, sitzt das Patriarchat noch fest im Sattel. Das weist auf ein grunds\u00e4tzliches Dilemma hin: Die Entwicklung einer neuen, emanzipatorischen Ordnung, bedeutet im Umkehrschluss nicht das Ende der herrschenden. Dar\u00fcber hinaus gibt es Gr\u00fcnde, warum der Begriff der Revolution, so wie ihn Adamczak verwendet, auf die angesto\u00dfenen Prozesse nicht zutrifft.<\/p>\n\n\n\n<p>Offensichtlich blieben die Ereignisse von 2011 in ihrer welthistorischen Schlagkraft beschr\u00e4nkt. Ein Grund daf\u00fcr ist meines Erachtens die Schwierigkeit, wie die transformatorischen Ereignisse, in denen solidarische Beziehungsweisen gekn\u00fcpft und gelebt werden, \u00fcber die Momente des Ereignisses herausreichen und wie die erprobten Beziehungsweisen zu gesellschaftlich verallgemeinerbaren Beziehungsweisen werden k\u00f6nnen. In Adamczaks Vokabular geht es um das Verh\u00e4ltnis von Revolution und Postrevolution, in Loreys um das Verh\u00e4ltnis von konstituierender und konstituierter Macht. Letztere bleibt in Loreys und Butlers Theoretisierung der 15M-Bewegung unterthematisiert, bei Candeias und V\u00f6lpel wird sie zu sehr verstanden als institutionelle und Staatsmacht. Mit Adamczak kann man f\u00fcr 15M feststellen, dass die Bewegung in den Momenten der Besetzungen und der darauffolgenden sozialen Proteste einen konstruktiven Prozess der Transformation von Beziehungsweisen anstie\u00dfen und verwirklichten, es jedoch schwerfiel die neuen Beziehungsweisen auf Dauer zu stellen und zu verallgemeinern. Die Diffusion der Proteste in die Gesellschaft blieb eine Diffusion und wurde nicht zu einer Umw\u00e4lzung. So erschien die Gesellschaft nach den 15M-Protesten nur in kleinen Teilen \u201eals Ensemble solidarischer Beziehungsweisen\u201c (Adamczak 2017: 265). Dennoch, und das ist meines Erachtens nach die gr\u00f6\u00dfte Hoffnung, l\u00e4sst sich an diesen Prozess ankn\u00fcpfen. Die Erfahrung, dass eine andere Gesellschaft m\u00f6glich ist und Beziehungen der Solidarit\u00e4t untereinander geschlossen wurden, l\u00e4sst sich so einfach nicht tilgen. Und selbst wenn der 15M nicht die Revolution war, die sich viele erhofft hatten, l\u00e4sst sich sowohl praktisch als auch theoretisch an die sorgenden Beziehungsweisen der Bewegung ankn\u00fcpfen. Diesen sollten wir mehr Aufmerksamkeit schenken, um \u00fcber Fragen der Institutionalisierung und Verallgemeinerung sorgender Beziehungsweisen nachzudenken sowie dar\u00fcber, wie diese in der Theorie und Praxis in neue Formen des Regierens jenseits von Parteipolitik und Repr\u00e4sentation \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Literaturverzeichnis<\/h3>\n\n\n\n<p>Adamczak, Bini (2017): Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. Berlin: Suhrkamp.<\/p>\n\n\n\n<p>Brown, Wendy (1999): Resisting Left Melancholy. In:&nbsp;<em>boundary 2<\/em>&nbsp;&nbsp;26 (3). S. 19-27.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Butler, Judith (2009): Frames of War. When is Life Grievable? London: Verso.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dies. (2012): K\u00f6rper in Bewegung und die Politik der Stra\u00dfe. https:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/koerper-in-bewegung-und-die-politik-der-strasse\/&nbsp;(14.09.2018)<\/p>\n\n\n\n<p>Dies. (2017): \u201eWir sind das Volk\u201c: \u00dcberlegungen zur Versammlungsfreiheit. In: Badiou, Alain\/Butler, Judith\/Didi-Huberman, Georges\/Khiari, Sadri\/ Ranci\u00e9re, Jacques:&nbsp;<em>Was ist ein Volk?<\/em>&nbsp;Hamburg: Laika. S. 39-55.<\/p>\n\n\n\n<p>Candeias, Mario\/V\u00f6lpel, Eva (2014): Pl\u00e4tze sichern! ReOrganisierung der Linken in der Krise. Zur Lernf\u00e4higkeit des Mosaiks in den USA, Spanien und Griechenland. Hamburg: VSA Verlag.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Coppens, Julian\/Nichols, Dick (2018): \u201eWenn wir streiken steht die Welt still\u201c \u2013 Wie der spanische Frauenstreik zum Erfolg wurde. https:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/wenn-wir-streiken-steht-die-welt-still\/ (14.09.2018)<\/p>\n\n\n\n<p>Cooper, Melinda\/Federici, Silvia (2012): Von der Hausfrau zur Leihmutter. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus. In: Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis 4\/12. S.18-28.<\/p>\n\n\n\n<p>Demirovic, Alex\/D\u00fcck, Julia\/Becker, Florian\/Bader, Pauline (Hrsg.) (2011): Vielfachkrise im finanzmarktdominierten Kapitalismus. Hamburg: VSA Verlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Demirovic, Alex (2014): Kontrovers: Partizipation und Demokratie. Ein neues Projekt der Demokratisierung. https:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/kontrovers-partizipation-und-demokratie\/ (14.09.2018)<\/p>\n\n\n\n<p>D\u00fcck, Julia\/Hajek, Katharina (2019): Editorial: Krisen der Reproduktion. \u201eA women\u2019s work is never done\u201c \u2013 Soziale Reproduktion in der Debatte. In:&nbsp;<em>PROKLA<\/em>&nbsp;49 (4), S. 500-514.<\/p>\n\n\n\n<p>Espinar, Ram\u00f3n\/Abell\u00e1n, Jacobo (2011): \u201eLo llaman democracia y no lo es\u201c Eine demokratietheoretische Ann\u00e4herung an die Bewegung des 15. Mai. In:&nbsp;<em>PROKLA<\/em>&nbsp;42 (1). S. 135-149.<\/p>\n\n\n\n<p>Fukuyama, Francis (1992): Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir? M\u00fcnchen: Kindler.<\/p>\n\n\n\n<p>Galcer\u00e1n, Montserrat (2012): Demokratie, Gouvernementalit\u00e4t und das \u201eGemeinsame\u201c in der spanischen 15M-Bewegung. Lorey, Isabell\/Nigro, Roberto\/Raunig, Gerald:&nbsp;<em>Inventionen 2. Exodus. Immanenz. Territorium. Ma\u00dflose Differenz. Biopolitik<\/em>. Z\u00fcrich: Diaphanes.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dies. (2017): Die Zuk\u00fcnfte des Munizipalismus. Feminisierung der Politik und demokratische Radikalisierung. In: Brunner, Christoph\/Kubaczek, Niki\/Mulvaney, Kelly\/Raunig, Gerald (Hrsg.):&nbsp;<em>Die neuen Munizipalismen. Soziale Bewegungen und die Regierung der St\u00e4dte<\/em>. Wien: transversal texts. S. 105-111.<\/p>\n\n\n\n<p>Huke, Nikolai (2017): Die repr\u00e4sentieren uns nicht. Soziale Bewegungen und Krisen der Demokratie in Spanien. M\u00fcnster: Westf\u00e4lisches Dampfboot.<\/p>\n\n\n\n<p>Kastner, Jens (2012): Platzverweise. Die aktuellen sozialen Bewegungen zwischen Abseits und Zentrum. In: Kastner, Jens\/Lorey, Isabell\/Raunig, Gerald\/Waibel, Tom:&nbsp;<em>Occupy! Die aktuellen K\u00e4mpfe um die Besetzung des Politischen<\/em>. Wien: Turia + Kant. S. 50-86.<\/p>\n\n\n\n<p>Lorey, Isabell (2012a): Praktizierte Demokratie in den Besetzungen: Eine konstituierende Macht. https:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/praktizierte-demokratie-in-den-besetzungen-eine-konstituierende-macht\/ (14.09.2018)<\/p>\n\n\n\n<p>Dies. (2012b): Die Regierung der Prek\u00e4ren. Wien: Turia + Kant.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies. (2016a): Pr\u00e4sentische Demokratie. Radikale Inklusion, Jetztzeit, konstituierender Prozess.&nbsp;&nbsp;In: Demirovic, Alex (Hg.):&nbsp;<em>Transformationen der Demokratie \u2013 demokratische Transformationen<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dies. (2016b): Von Regimen der Prekarisierung zur&nbsp;<em>Cuidadan\u00eda<\/em>. F\u00fcr ein sorgegeleitetes Verst\u00e4ndnis des sozialen Bandes. In: Bedorf, Thomas\/Herrmann, Steffen:<em>&nbsp;Das soziale Band. Geschichte und Gegenwart eines sozialtheoretischen Grundbegriffs.&nbsp;<\/em>Frankfurt a.M.: Campus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies. (2017): Sorge im Pr\u00e4sens. Verbundenheit, Sorge, _Mit_. In: B\u00e4rtsch, Tobias\/Drognitz, Daniel\/Eschenmoser, Sarah\/Grieder, Michael\/Hanselmann, Adrian\/Kamber, Alexander\/Rauch, Anna-Pia\/Raunig, Gerald\/Schreibm\u00fcller, Pascale\/Schrick, Nadine\/Umurungi, Marilyn\/Vanecek, Jana (Hrsg.):&nbsp;<em>\u00d6kologien der Sorge<\/em>. Wien: tranversal texts. S. 113-122.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6ller, Kolja (2015): Formwandel des Konstitutionalismus. In:&nbsp;<em>ARSP<\/em>&nbsp;101 (2). S. 270-289.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Precarias a la deriva (2014): Was ist dein Streik? Militante Streifz\u00fcge durch die Kreisl\u00e4ufe der Prekarit\u00e4t. Wien: transversal texts.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dies. (2017): Globalisierte Sorge. In: B\u00e4rtsch, Tobias\/Drognitz, Daniel\/Eschenmoser, Sarah\/Grieder, Michael\/Hanselmann, Adrian\/Kamber, Alexander\/Rauch, Anna-Pia\/Raunig, Gerald\/Schreibm\u00fcller, Pascale\/Schrick, Nadine\/Umurungi, Marilyn\/Vanecek, Jana (Hrsg.):&nbsp;<em>\u00d6kologien der Sorge<\/em>. Wien: tranversal texts. S. 25-96.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00e1nchez Cedillo, R\u00e1ul (2020): Un Gobierno inevitable. Unas ilusiones prescindibles. In:&nbsp;<em>El Salto<\/em>&nbsp;vom 15.01.2020. Verf\u00fcgbar unter: https:\/\/www.elsaltodiario.com\/gobierno-coalicion\/un-gobierno-inevitable.-unas-ilusiones-prescindibles?<\/p>\n\n\n\n<p>Sauer, Birgit (2016):&nbsp;Demokratie, Geschlecht und Arbeitsteilung. In: Alex Demirovi\u0107 (Hrsg.),&nbsp;<em>Transformation der Demokratie &#8211; demokratische Transformation.&nbsp;<\/em>M\u00fcnster:&nbsp;Westf\u00e4lisches Dampfboot.&nbsp;&nbsp;S. 154\u2013173.<\/p>\n\n\n\n<p>Vollmer, Lisa (2017): Keine Angst vor Alternativen. Ein neuer Munizipalismus. In:&nbsp;<em>Suburban<\/em>&nbsp;5 (3). S. 147-156.<\/p>\n\n\n\n<p>Weibel, Tom (2012): Das Unm\u00f6gliche ist unaufhaltbar. Oder: Woran erkennt man eine Revolution? In: Kastner, Jens\/Lorey, Isabell\/Raunig, Gerald\/Waibel, Tom:&nbsp;<em>Occupy! Die aktuellen K\u00e4mpfe um die Besetzung des Politischen<\/em>. Wien: Turia + Kant. S. 87-112.<\/p>\n\n\n\n<p>Zelik, Raul (2014): Elf Thesen zu Podemos und der \u201edemokratischen Revolution in Spanien\u201c. https:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/thesen-zu-podemos-und-der-demokratischen-revolution-in-spanien\/ (14.09.2018)<\/p>\n\n\n\n<p>Ders. (2018): Spanien. Eine politische Geschichte der Gegenwart. Berlin: Bertz + Fischer.<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a id=\"f1\" href=\"#a1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp;Motto der Demonstration am 15.05.2011, die in der Besetzung der Puerto del Sol m\u00fcndete.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f2\" href=\"#a2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;Candeias und V\u00f6lpel kritisieren eben diesen oft unhinterfragten Horizontalismus, da er sowohl jede Form von Strukturierung und Organisierung ablehne, als auch dazu f\u00fchre, dass sich informelle, meist m\u00e4nnliche F\u00fchrer herausbilden (2014: 51). Dem ist entgegenzuhalten, dass in der 15M-Bewegung von Beginn an Arbeitsgruppen und Komitees entstanden, der Horizontalismus deshalb weniger Dogma als \u201eAnfang, von dem aus mit unterschiedlichen Formen von Delegation, abh\u00e4ngigen Mandaten und R\u00e4ten bis zur Bildung neuer Parteiformen experimentiert\u201c wurde (Lorey 2016a: 272).<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f3\" href=\"#a3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>&nbsp;Slogan zur Demonstration am dritten Jahrestag des 15M.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f4\" href=\"#a4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>&nbsp;Darunter fallen der globale Aktionstag der \u201eEmp\u00f6rten\u201c, an dem 200.000 Menschen in Spanien auf die Stra\u00dfe gingen, die Proteste gegen die Arbeitsmarktreform im Februar 2012 mit 450.000 Protestierenden, der Generalstreik im M\u00e4rz mit fast einer Million Demonstrant_innen sowie die Aktionen zur \u201eUmzingelung des Parlaments\u201c im September 2012. Zwei Jahre sp\u00e4ter, 2014 durchquerten die \u201eMarchas de la Dignidad\u201c unter dem Motto \u201eBrot, Arbeit, Wohnen, W\u00fcrde\u201c drei Wochen lang das Land (Zelik 2018: 81f). Danach waren es die katalonische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung und die feministischen Mobilisierungen, die eine gro\u00dfe internationale Strahlkraft entfalten. So streikten im Rahmen eines feministischen Streiks am 8. M\u00e4rz 2018 in Spanien sechs Millionen Frauen und Queers (Coppens\/Nichols 2018).<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f5\" href=\"#a5\"><sup>[5]<\/sup><\/a>&nbsp;Mehrere Jahre nach der 15M-Bewegung regiert seit Januar 2020 eine Linkskoalition, bestehend aus der sozialdemokratischen PSOE und dem Linksb\u00fcndnis Unidas Podemos (UP), den spanischen Staat. Diese Linksregierung h\u00e4tte es ohne die Bewegung zwar nicht so gegeben, was f\u00fcr eine erfolgreiche Verschiebung hegemonialer Koordinaten spricht. Entstanden ist sie jedoch als letzte m\u00f6gliche Option nach gescheiterten Koalitionsverhandlungen und monatelangem Taktieren. So wird sie in der spanischen Linken mit gemischten Gef\u00fchlen aufgenommen, von einigen mit Hoffnung, vielen jedoch mit Skepsis. Transformation entstehe nicht durch die Regierung, sondern in den sozialen K\u00e4mpfen um Produktion und Reproduktion; eine Regierung, die das nicht erleichtere sei eine gegnerische Regierung, kommentiert etwa der Aktivist und \u00dcbersetzer S\u00e1nchez Cedillo (2020).<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f6\" href=\"#a6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>&nbsp;Neben dem Begriff der Reproduktionsarbeit verwende ich in Anlehnung an die&nbsp;<em>Precarias a la deriva<\/em>&nbsp;den Begriff der Sorgearbeit. Trotz gro\u00dfer \u00dcberschneidungen geht ihr Konzept der Sorgearbeit an einigen Stellen \u00fcber das der Reproduktionsarbeit hinaus. So erm\u00f6glicht es der Begriff der Sorgearbeit au\u00dferhalb der Logik von Re-\/Produktion auch noch Beziehungsarbeit und damit affektive und emotionale Komponenten mitzudenken (vgl. Sauer 2016: 157). Dar\u00fcber hinaus \u00fcberschreitet er die heteronormative und geschlechtsspezifische Unterteilung von Produktion und Reproduktion. Damit tr\u00e4gt er der Tatsache Rechnung, dass die (Re-)Produktionsverh\u00e4ltnisse des Postfordismus eine klare Trennung von produktiven und reproduktiven Arbeiten nicht mehr zulassen. Immer mehr Sorgearbeiten zirkulieren als kommodifizierte Dienstleistungen au\u00dferhalb der h\u00e4uslichen Sph\u00e4re und sind l\u00e4ngst integraler Teil der Mehrwertproduktion geworden (Lorey 2012b: 106f; Cooper\/Federici 2012: 19; zur Debatte um soziale Reproduktion allgemein D\u00fcck\/Hajek 2019).<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f7\" href=\"#a7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>&nbsp;Konkreter definiert Lorey die Bed\u00fcrfnisse, welche Sorgearbeiten notwendig machen: \u201eK\u00f6rper brauchen ein Dach \u00fcber dem Kopf, Arbeits- und Bildungsm\u00f6glichkeiten, Nahrung, Sexualit\u00e4t, sowie Unterst\u00fctzung, wenn sie krank werden\u201c (2016b: 179).<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f8\" href=\"#a8\"><sup>[8]<\/sup><\/a>&nbsp;Prekarit\u00e4t, selbst wenn sie mit diesem weiten Verst\u00e4ndnis als Existenzbedingung gefasst wird, betrifft nicht alle gleicherma\u00dfen, sondern ist entlang vielf\u00e4ltiger Herrschaftsverh\u00e4ltnisse ungleich stark ausgepr\u00e4gt: Besonders in der Krise leiden Arme, Frauen und Migrant_innen in verst\u00e4rktem Ma\u00dfe unter der Unsicherheit ihres Lebens und ihrer Arbeit (vgl. Butler 2009: 25).<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f9\" href=\"#a9\"><sup>[9]<\/sup><\/a>&nbsp;In dem Text \u201eWas ist dein Streik?\u201c der&nbsp;<em>Precarias a la deriva<\/em>&nbsp;folgt aus den \u00dcberlegungen zur Sorgekrise und zur Prekarisierung der Existenz der strategische Vorschlag des Sorgestreiks. Im Jahr 2018 haben am 8. M\u00e4rz sechs Millionen Frauen ihre Sorgearbeiten niedergelegt und damit einen der gr\u00f6\u00dften Streiks der Geschichte Spaniens durchgef\u00fchrt. Dieser Frauenstreik h\u00e4ngt zwar nicht unmittelbar mit der 15M-Bewegung zusammen, ist jedoch durchaus vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Mobilisierungen im Anschluss an die Platzbesetzungen zu verstehen. Siehe auch Coppens\/Nichols (2018).<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"f10\" href=\"#a10\"><sup>[10]<\/sup><\/a>&nbsp;Spruch auf einem Plakat, das an der Puerta del Sol heruntergelassen wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Susanne Hentschel<br \/>\nHeute sind es die Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze in Chile, Irak, Libanon, Katalonien und Hong Kong, auf denen die Menschen gegen die Herrschenden revoltieren. Die Formen, Forderungen und die Heterogenit\u00e4t der Proteste erinnern stark an die Demokratiebewegungen im Jahr 2011: Tahrir, Syntagma, Zuccotti, Puerta del Sol \u2013 diese zentralen Pl\u00e4tze in \u00c4gypten, Griechenland, New York und Spanien blieben in diesem Jahr \u00fcber Monate besetzt. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/419"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=419"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/419\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":426,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/419\/revisions\/426"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}