{"id":429,"date":"2020-03-19T16:57:40","date_gmt":"2020-03-19T15:57:40","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=429"},"modified":"2020-04-14T17:42:03","modified_gmt":"2020-04-14T15:42:03","slug":"auf-dem-weg-zur-post-politik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=429","title":{"rendered":"Auf dem Weg zur Post-Politik"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\"> Holm-Detlev K\u00f6hler <\/h5>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#8222;Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenma\u00df zugleich.&#8220; ( Max Weber: Politik als Beruf, 1919)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der britische Soziologe Colin Crouch (Post-Democracy, Oxford\n2004) er\u00f6ffnete dieses Jahrhundert mit dem Konzept der Post-Demokratie, nach\ndem sich die demokratischen Institutionen in formale H\u00fclsen ohne jeden Inhalt\nverwandeln, eben das, was sein deutscher Kollege Ulrich Beck als Zombie-Institutionen\nbezeichnete. Dabei handelt es sich um formal gesehen demokratische\nInstitutionen, die von einer \u00f6konomisch orientierten Elite gemanagt werden, und\nzwar hinter dem R\u00fccken der B\u00fcrger*innen, ganz im Stil einer neuen Aristokratie.\nDie letzten Wahlen zum Europaparlament erg\u00e4nzten die Post-Demokratie um die\nPost-Politik. Die gegenw\u00e4rtigen Politiker*innen wollen und k\u00f6nnen keine Politik\nmachen, ohne einen permanenten Wahlkampf zu f\u00fchren. Die \u00d6ffentlichkeit zu\ninformieren und aufzukl\u00e4ren (also dicke Bretter zu bohren) ist nicht mehr\npopul\u00e4r, das bringt keine W\u00e4hlerstimmen, sondern bedeutet harte Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die aktuelle Politik besteht nur noch aus einem permanenten\nWahlkampf, in dem die Politiker*innen nach populistischen Diskursen und\nBotschaften suchen, die unmittelbare Wahlerfolge bringen sollen. So kommt es\nbeispielsweise dazu, dass Regierungen vieler europ\u00e4ischer L\u00e4nder die Augen vor\nder Misshandlung von Fl\u00fcchtlingen verschlie\u00dfen, weil sie im Zusammenhang mit\ndem konstanten Alarmgeschrei gegen eine vorgebliche \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c Angst\nvor negativen Reaktionen der W\u00e4hlerschaft haben. Die internationale Organisation\nSOS Rassismus in Katalonien hat zum Beispiel das Fehlen antirassistischer\nPositionen bei den Kandidaten beklagt, die sich um Sitze in den Kommunalwahlen\nund im Europ\u00e4ischen Parlament im Mai 2019 bewarben. \u201eVermisst haben wir\nVorschl\u00e4ge der Politiker*innen, die sich auf die Menschenrechte beziehen und\ndie aus einer antirassistischen Perspektive die Gleichbehandlung und\nAntidiskriminierung anstreben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die einzigen Kriterien, nach denen sich die Politiker*innen\nrichten, sind die Ergebnisse von Meinungsbefragungen und die Diskussionen in\nden Sozialen Netzwerken. Langfristige Strategien und die Planung\nmittelfristiger politischer Reformen fehlen g\u00e4nzlich, denn sie passen nicht in\ndas Kalk\u00fcl der heutigen Politiker*innen und gelangen so auch nicht in ihre\nMarketingstrategien.<\/p>\n\n\n\n<p>Der allgemeine Vorwurf, ein Populist zu sein, verliert in\neiner Welt, in der eben dieser Populismus zum einzigen Instrument der Politik\naller Parteien geworden ist, jegliche Bedeutung. Spanien hat vier aufeinander\nfolgende Regierungen der beiden Mehrheitsparteien erlitten, zwei unter dem\nSozialisten Zapatero (2004-11) und zwei unter dem Konservativen Rajoy (2011-18).\nDiese zeichneten sich dadurch aus, dass sie absolut nichts getan haben und darauf\nverzichteten, \u00fcberhaupt Politik zu machen. Sie haben die Augen vor der sich lange\nabzeichnenden Krise in Katalonien ebenso verschlossen wie vor der jahrelang anwachsenden\nSpekulationsblase und blieben handlungsunf\u00e4hig angesichts eines obsolet\ngewordenen Produktionsmodells, angesichts der Ankunft Tausender Fl\u00fcchtlinge,\nangesichts der alarmierenden sozialen Ungleichheit, angesichts einer ebenfalls\nalarmierenden \u00dcberb\u00fcrokratisierung und Korruption vieler \u00f6ffentlicher\nVerwaltungen bei gleichzeitig wachsender Ineffizienz etc. (Eine Regierung ohne\nfunktionierende Verwaltung ist wie ein Handwerker ohne Werkzeuge.) Die Liste\ndringend anstehender politischer Aufgaben ist geradezu endlos, w\u00e4hrend es keine\neinzige politische Kraft gibt, die eine ebenso wirksame wie \u00fcberzeugende\nPolitik anbieten k\u00f6nnte. Im Gegensatz zu vielen anderen L\u00e4ndern gab es in Spanien\nzumindest einen Ansatz, diese Tendenz zur Aufhebung jeglicher Politik zu\nkorrigieren. Daf\u00fcr standen soziale Bewegungen und die Entstehung neuer\npolitischer Parteien, die so dem dominierenden und langweiligen\nZweiparteiensystem ein Ende bereiten konnten. Doch die neuen Politiker*innen\nmit ihren l\u00e4chelnden Gesichtern und ihrem Marketing \u00fcber die sozialen Netzwerke\nverwandelten sich im Rekordtempo in weitere Exemplare von A-Politiker*innen,\nwie sie in den anderen Parteien und Regierungen schon lange dominieren. Damit\nhaben sie alle Hoffnungen darauf zerst\u00f6rt, dass es eine Wiederbelebung der\nDemokratie und einer Politik geben k\u00f6nnte, die Einfluss auf die politische\nKultur h\u00e4tte nehmen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Fall Spanien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Problematik der post-politischen \u00c4ra l\u00e4sst sich am\nBeispiel der spanischen Wahlen und der Bildung einer Regierung in den letzten\nMonaten gut veranschaulichen. Auch wenn aktuell eine Koalitionsregierung im Amt\nist, so wird sich die chronische politische Krise damit nicht erledigen oder\nbeheben lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute kann niemand Pedro Sanchez\u2018 Strategie verstehen, im\nvergangenen Jahr Neuwahlen anzusteuern. Er hat damit sich selbst und seine\nm\u00f6glichen Koalitionspartner geschw\u00e4cht und die Ultrarechte in Spanien und das\nperiphere Unabh\u00e4ngigkeitsbestreben gest\u00e4rkt. Auch wurde dadurch die Abneigung\nder B\u00fcrger*innen gegen die demokratischen Institutionen nach vier Wahlen in\nvier Jahren und provisorischen Minderheitsregierungen noch vergr\u00f6\u00dfert. Nicht\nzuletzt wurden so die Fundamente der Demokratie in der spanischen Gesellschaft\nzerst\u00f6rt, und zwar allein um das Land in eine Sackgasse zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den \u00c4u\u00dferungen der Politiker*innen in den Medien haben\nalle Parteien au\u00dfer den Ciudadanos (B\u00fcrgerpartei) die Parlamentswahlen in\nSpanien vom 10. November gewonnen. Betrachtet man die Wahlergebnisse genauer,\nso steht fest, dass allein Vox von der aktuellen Dynamik profitiert hat. Vox\nsteht f\u00fcr ein ultrarechtes, xenophobes, anti-liberales, a-demokratisches\nProgramm, das einhergeht mit der Nostalgie f\u00fcr die Werte der Frankisten und andererseits\ndie Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen der katalonischen ERC (Esquerra Republicana de\nCatalunya: Republikanische Linke Kataloniens) und CUP (Candidatura\nd&#8217;Unitat Popular (Kandidatur der Volkseinheit weiter f\u00f6rdert. Sowohl der\nHispanismus, zu dem sich die PP (Partido Popular) und die Ciudadanos bekennen, als\nauch der Anti-Hispanismus dr\u00e4ngen dem komplexen demokratischen Spiel den\nHorizont eines neuen B\u00fcrgerkriegs auf. In dieser aktuellen Dynamik sind alle\ndemokratischen Gruppierungen verloren; die spanische Gesellschaft wendet sich\nvon der Demokratie ab und wird immer identit\u00e4rer und nationalistischer, w\u00e4hrend\ndie Neuwahlen sieben verlorene Monate (seit den vorhergegangenen Wahlen) und\n145 Millionen Euros gekostet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wirklichen Verlierer dieser letzten Wahlen sind die\nCiudadanos und Podemos, die 47 respektive 46 Sitze im Parlament eingeb\u00fc\u00dft\nhaben. Diese beiden Parteien erschienen als gro\u00dfe Hoffnungen auf eine\nErneuerung der Demokratie. Sie standen f\u00fcr eine Kampfansage an die Korruption\nund die Ungleichheit, f\u00fcr einen Politikwechsel weg vom produktiv-spekulativen\nModel hin zu einer Energiewende, f\u00fcr eine St\u00e4rkung der Gesellschaft und der\nspanischen Wirtschaft angesichts zu erwartender \u00f6konomischer Krisen und f\u00fcr\neine St\u00e4rkung der B\u00fcrgerrechte. Bei den Wahlen von 2015 erreichten diese beiden\ngerade gegr\u00fcndeten Parteien die Stimmenmehrheit in den St\u00e4dten, auch im\nBaskenland und Katalonien. Nur das System der Wahlkreise, das den wenig\nbev\u00f6lkerten l\u00e4ndlichen Gebieten ein unproportional starkes Gewicht verleiht,\nverhinderte, dass sie die Mehrheit im Parlament erhielten. Der Ausbruch der\nurbanen Unzufriedenheit mit einer inkompetenten politischen Klasse, die nur\nsich selbst und ihre Klientel im Auge hat und zudem korrupt ist, schien sich\nauch im Parlament niederzuschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von da an haben sich diese beiden Parteien nichtsdestotrotz\nmit rasantem Tempo an das neue post-politische Szenario angepasst. Sie verga\u00dfen\nihre Basis, \u00fcbernahmen all die Unarten der alten Politik und verloren sich in\ninternen K\u00e4mpfen, Intrigen und Strategien, die&nbsp;\nzum einen unmittelbar auf Wahlk\u00e4mpfe ausgerichtet und andererseits\nv\u00f6llig inkoh\u00e4rent waren. Sie schlossen kritische Stimmen aus den Parteispitzen\naus und verwechselten Politik mit medienwirksamen Diskursen. Auf diese Weise\nzerst\u00f6rten sie alle Hoffnungen darauf, eine demokratische Erneuerung eines\noffensichtlich untergehenden politischen Systems zu erm\u00f6glichen. Darin aber\nsind sowohl die tats\u00e4chliche Krise der spanischen Demokratie als auch die\nUrsache f\u00fcr die dauerhafte Unregierbarkeit verortet. Das Beispiel Italiens\nzeigt uns, dass man \u00fcber Jahrzehnte mit dieser Unregierbarkeit \u00fcberleben kann.\nAllerdings f\u00fchrt das zu einer Schw\u00e4chung von Gesellschaft und Wirtschaft, da\nsolide Infrastrukturen fehlen. Unter der Vielzahl von dr\u00e4ngenden und\ntiefgreifenden Problemen, mit denen die spanische Gesellschaft konfrontiert\nist, und die in dieser post-politischen Konstellation nicht zu l\u00f6sen sind,\nstechen zwei besonders hervor: die Struktur der Wirtschaft und das System der\nAutonomen Regionen. Die spanische Wirtschaft ist weiterhin fast ausschlie\u00dflich\nabh\u00e4ngig von Sektoren mit niedrig qualifizierten und prek\u00e4ren Arbeitspl\u00e4tzen\nund mangelnder Innovationsf\u00e4higkeit, n\u00e4mlich das Bauwesen und der Tourismus.\nDar\u00fcber hinaus ziehen diese vor allen Dingen Spekulationskapital an und zeigen\nwenig Nachhaltigkeit. Ihre Verschuldung wird vor allen Dingen von ausl\u00e4ndischen\nKapitalgebern finanziert. Nicht zuletzt sind sie abh\u00e4ngig von Importen von\nEnergie und Technologie. Charakterisiert wird die Wirtschaft von einer\nPolarit\u00e4t zwischen einigen wenigen gro\u00dfen Konzernen und einer Vielzahl von\nKleinunternehmen. Au\u00dferdem zeichnet sie sich aus durch eine negative\nHandelsbilanz, durch chronische Unterbesch\u00e4ftigung und mangelnde berufliche\nQualifikationsm\u00f6glichkeiten. Nimmt man noch die unzureichende\nSteuergesetzgebung und die Ineffizienz der \u00f6ffentlichen Verwaltung dazu,\nverstehen wir, um was f\u00fcr ein profundes Problem es sich handelt, das zu l\u00f6sen\nes am Willen und der F\u00e4higkeit aller politischen Kr\u00e4fte fehlt. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch der Sieg der Post-Politik wird immer noch am\ndeutlichsten beim Thema Katalonien. Weltweit entstehen\nUnabh\u00e4ngigkeitsbewegungen, die folgende Ziele anstreben: ein System k\u00fcnstlicher\npost-imperialistischer und post-kolonialer Nationalstaaten und ein Umfeld, in\ndem die Angst vor den komplexen Problemen der Multikulturalit\u00e4t sich einfache\nAuswege sucht, und zwar in Form von identit\u00e4ren Bewegungen. Wie k\u00f6nnte nun eine\ndemokratisch-institutionelle L\u00f6sung f\u00fcr das katalanische Problem aussehen? Ich\nsehe da nur eine einzige: die f\u00f6derale Neuordnung des spanischen Staates auf\nder Grundlage der autonomen Regionen und mit der rechtlichen M\u00f6glichkeit, ein\nReferendum oder eine verfassungsrechtliche Volksbefragung durchzuf\u00fchren, bei\nder garantiert ist, dass die Mehrheit der Wahlberechtigten befragt wird (und\nnicht nur die Bef\u00fcrworter der Unabh\u00e4ngigkeit) und dass sie einige Fragen\nenth\u00e4lt, die die Konsequenzen eines Austritts (z.B. der automatische Austritt\naus allen internationalen Vertr\u00e4gen) klar benennen. Ein neues f\u00f6derales System\nm\u00fcsste zudem einen aktiven Kompromiss aller Autonomen Regionen in Bezug auf die\nF\u00fchrung des zentralen Staates beinhalten (z.B. mithilfe einer zweiten L\u00e4nderkammer\nmit weitreichenden Befugnissen). Das gegenw\u00e4rtige System der Autonomen Regionen\nist das Ergebnis eines faulen Kompromisses im Zuge der Demokratisierung\n(1975-1978) und ist unter sehr ungew\u00f6hnlichen Umst\u00e4nden entstanden, so dass an\nder Zeit ist, dieses durch ein rationales f\u00f6derales System zu ersetzen. Das\nkatalanische Problem ist nicht das erste und wird auch nicht das letzte sein,\ndas schwerwiegende Folgen f\u00fcr die spanische Demokratie hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auch immer, eine Verfassungsreform bedarf einer\nausreichenden parlamentarischen Mehrheit, die jedoch angesichts des aktuellen\npost-politischen Panaromas in immer weitere Ferne r\u00fcckt. Ich habe viel\nVerst\u00e4ndnis f\u00fcr die Katalanen, die den Glauben an einen leistungsf\u00e4higen\nspanischen Staat verloren haben und deshalb daraus ausscheiden wollen. Dennoch\nirren sie sich gewaltig in Bezug auf die negativen Auswirkungen, die dieser\nAustritt f\u00fcr sie selbst und auch f\u00fcr die anderen haben wird. Erstaunlicherweise\nist die einzige politische Kraft mit vern\u00fcnftigen Positionen zu diesem Thema\ndie baskische PNV (Partido Nacionalista Vasco). Nach den harten Lehrjahren mit\nder ETA, dem Plan Ibarretxe, der Versammlung Udalbiltza etc., d.h. den kopflosen\nVersuchen, einseitig eine Unabh\u00e4ngigkeit zu erzwingen, genie\u00dft das Baskenland\nheute eine relative Prosperit\u00e4t, die aus der Kooperation zwischen den zivilen\nund politischen Kr\u00e4ften in Bezug auf die Wirtschaftspolitik, die Verbesserung\nder beruflichen Qualifikationen und einer besonderen Art von Moderation und\nVerhandlungsf\u00fchrung zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. All die anderen und damit auch die\nspanischen B\u00fcrger*innen scheinen in der Post-Politik versunken zu sein ohne\npolitische Kr\u00e4fte, die f\u00e4hig w\u00e4ren, eine L\u00f6sung hervorzubringen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abdankung der Politik\nund populistische Kampagnen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der allgemeinen Abdankung der Politiker*innen\nfallen viele B\u00fcrger*innen in allen entwickelten L\u00e4ndern und allen europ\u00e4ischen\nL\u00e4ndern immer h\u00e4ufiger auf die \u00fcber die Medien verbreiteten populistischen\nKampagnen herein. Diese wollen Mauern errichten, sich zu Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfern\noder Nationalisten deklarieren, die die EU verlassen und den demokratischen\neurop\u00e4ischen Normen nicht mehr folgen. Katalonien und der Brexit sind nur mehr\nzwei herausragende Beispiele solcher populistischer Bewegungen, die in der Lage\nsind, \u00fcber Jahre hinaus jegliche vern\u00fcnftige Politik zu blockieren und die\nB\u00fcrger*innen in blo\u00dfe Zuschauer von absurden Theaterst\u00fccken zu verwandeln,\ndenen indessen jede k\u00fcnstlerische Gestaltung fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bolsano in Brasilien, Trump in den USA, Johnson in Gro\u00dfbritannien\nund Salvini in Italien geh\u00f6ren zu diesem neuen Typus von Politkern, die gew\u00e4hlt\nwerden, und dann aller Politik ein Ende zu setzen. Sie befinden sich in der\nGesellschaft von Freunden wie Orban (Ungarn) oder Kaczynski (Polen), zwei\nantidemokratischen Ultrarechten, die die Wahlen in Europa gewinnen. In\nFrankreich beschimpft die ultrarechte Marin Le Pen direkt den Staatspr\u00e4sidenten\nMacron, den Repr\u00e4sentanten des neuen technokratischen Liberalismus mit seiner\neigenen Partei und l\u00e4sst dabei die traditionellen Parteien \u2013 Sozialisten und\nRepublikaner \u2013 die mehr als 50 Jahre an der Macht waren, einfach unbeachtet. In\nGro\u00dfbritannien hat die Brexitpartei die Europawahlen gewonnen und dabei die\nKonservativen und Labour so versenkt wie nie zuvor. Dabei handelt es ich um\neine Partei, die erst wenige Monate vor den Wahlen von Gruppen gegr\u00fcndet wurde,\ndie dem Lager von UKIP und \u00e4hnlichen Formationen angeh\u00f6ren, und \u00e4hnlich wie\ndiese ohne Programm oder auch nur eine Idee agieren, sondern nur von dem\nzynischen Ambiente profitieren, das durch den Verfall der traditionellen\nPolitik entstanden ist. In Deutschland hat die CDU der scheidenden Kanzlerin\nMerkel sich dem schon lange andauernden Dahinsiechen der SPD in einer neuen\nGro\u00dfen Koalition angeschlossen. Das aufregendste Ereignis des letzten\nBundestagswahlkampfes in Deutschland war der Youtube-Beitrag eines\nJugendlichen, der dazu aufrief, die CDU zu zerst\u00f6ren und weder die Rechten noch\ndie Sozialdemokraten zu w\u00e4hlen, weil sie eine unheilvolle antisoziale und\nantimigrantische Politik verfolgen. In den letzten drei Tagen vor der Wahl\nwurde dieses Video 13 Millionenmal aufgerufen und war damit weitaus effizienter\nals die professionellen Wahlkampagnen der etablierten Parteien zusammen.\nAu\u00dferdem war es von wesentlich besserer Qualit\u00e4t als die Diskurse der\nPolitiker*innen.\n\nZusammenfassend l\u00e4sst\nsich feststellen, dass die permanente Wahlkampfagitation inzwischen die Politik\nersetzt. Das ist etwas, das die gew\u00e4hlten und nicht gew\u00e4hlten Politker*innen\nnoch nicht verstehen und auch nicht verstehen wollen. Die W\u00e4hler*innen hingegen\nidentifizieren sich immer mehr mit dieser postpolitischen Vision der Welt: Sie\nlehnen die die Eliten ebenso ab wie die Globalisierung, die Multikulturalit\u00e4t,\ndie Immigration und die liberalen Werte sowohl der Sozialdemokraten als auch\nder liberalen Rechten. Eine Demokratie ohne Demokrat*innen und eine Politik\nohne Politiker*innen h\u00f6ren auf das zu sein, was die Begriffe einst bedeutet\nhaben. Sie verwandeln sich in Schmierenkom\u00f6dianten und niemand wei\u00df, was sie\nals n\u00e4chstes ersetzen werden. Die italienische Erfahrung lehrt uns, dass man\nlange Zeit gut ohne Politiker*innen und ohne Politik leben kann. Allerdings\nwerden ohne einen stabilen europ\u00e4ischen Rahmen das Risiko von Katastrophen und\nidentit\u00e4ren und nationalistischen Delirien zu einer unkontrollierbaren Gefahr.\nVom Bohren dicker Bretter sind wir zum Marketing von \u201esmart faces\u201c ohne\nLeidenschaft und ohne Sinn f\u00fcr die Proportionen gekommen. Und so geht es\nweiter.\n\n\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Holm-Detlev K\u00f6hler<\/p>\n<p>Der britische Soziologe Colin Crouch (Post-Democracy, Oxford 2004) er\u00f6ffnete dieses Jahrhundert mit dem Konzept der Post-Demokratie, nach dem sich die demokratischen Institutionen in formale H\u00fclsen ohne jeden Inhalt verwandeln, eben das, was sein deutscher Kollege Ulrich Beck als Zombie-Institutionen bezeichnete. Dabei handelt es sich um formal gesehen demokratische Institutionen, die von einer \u00f6konomisch orientierten Elite gemanagt werden, und zwar hinter dem R\u00fccken der B\u00fcrger*innen, ganz im Stil einer neuen Aristokratie. Die letzten Wahlen zum Europaparlament erg\u00e4nzten die Post-Demokratie um die Post-Politik.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[21,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/429"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=429"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/429\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":430,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/429\/revisions\/430"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=429"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=429"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=429"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}