{"id":436,"date":"2020-05-01T11:35:40","date_gmt":"2020-05-01T09:35:40","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=436"},"modified":"2020-05-02T14:35:46","modified_gmt":"2020-05-02T12:35:46","slug":"die-krise-der-krisenerfahrung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=436","title":{"rendered":"Die Krise der Krisenerfahrung"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Corona-Pandemie: ein Weckruf oder eine Beschleunigung der Zivilisationskrise<\/strong>?<\/h4>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Christoph G\u00f6rg<\/h5>\n\n\n\n<p>Kaum scheint eine Besserung in Sicht, schie\u00dfen die\nDiagnosen, die Prognosen und die Therapien ins Feld und die Kontroversen um\neine Wiederkehr zur Normalit\u00e4t nehmen an Sch\u00e4rfe zu. Nach zwei Monaten einer kaum\ngebremsten Zuspitzung der Corona-Pandemie gibt es in einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern\nAnzeichnen einer Stagnation auf hohem Niveau und f\u00fcr einen R\u00fcckgang der\nNeu-Infizierten. Dagegen erreichen uns t\u00e4glich Nachrichten, wie die Krise in\nden Hotspots des Globalen S\u00fcdens eskaliert, den Fl\u00fcchtlingslagern, den\nKriegsgebieten, den Slums und den von der Klimaerw\u00e4rmung bedrohten Regionen. W\u00e4hrend\nsich vertraglich gut abgesicherte Normalarbeitsbesch\u00e4ftige im Globalen Norden,\nso sie nicht im Gesundheitsbereich oder \u00e4hnlich belastenden Berufen arbeiten,\nin den Ausgangsbeschr\u00e4nkungen mehr oder weniger gut eingerichtet haben und auf\nderen Ende warten, ist noch lange nicht klar, wie denn die Pandemie sich weiter\nentwickeln wird \u2013 und was ihre \u00f6konomischen, sozialen, politischen und\n\u00f6kologischen Folgen sein werden. Das liegt am Charakter dieser Krise, die als\nsozial-\u00f6kologische Krise globalen Ausma\u00dfes eine \u00fcberaus komplexe Dynamik\nentfaltet. Zudem h\u00e4ufen sich die Anzeichen daf\u00fcr, dass die Pandemie als Vorwand\nf\u00fcr eine ganze Reihe politischer Projekte genutzt wird, vom Putsch Orbans in\nUngarn \u00fcber die Ausgrenzung der Muslime in Indien und den Angriff auf Demokratie\nund Rechtsstaat in Israel. In anderen L\u00e4ndern werden die Ma\u00dfnahmen gegen die\nPandemie den Machtsicherungsstrategien gem\u00e4\u00df umdefiniert und kommuniziert, von\nproto-faschistischen Regime Bolsonaros bis zum Dauerwahlk\u00e4mpfer Trump und der\nMachtsicherung Putins in Russland. Und auch in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Was daher an gesellschaftlichen Reaktionsweisen auf die (tats\u00e4chliche\noder auch nur vermeintliche) Bedrohung antwortet, hat nicht unbedingt etwas mit\nderen Gefahren zu tun, sondern ist vielf\u00e4ltig vermittelt: von subjektiven\nWahrnehmungsmustern (\u00c4ngsten und deren Verdr\u00e4ngung) genauso wie von\nherrschenden Denkmustern (wirtschaftlicher, politischer oder geostrategischer Natur).\nErschreckend ist der Anstieg rassistischer Denkmuster, von fake-news und\nVerschw\u00f6rungstheorien, die in allen L\u00e4ndern und selbst bei bislang seri\u00f6sen\nMedien auf dem Vormarsch sind. Mit dem steigenden Rassismus gegen Afrikaner in\nChina und den Reaktionen afrikanischer Regierungen darauf haben diese l\u00e4ngst\ndie offizielle Politik erreicht. Gleichzeitig sind wir in all unseren\nReaktionsmustern verst\u00e4rkt vom Expertenwissen von Virologen und Epidemiologen\nund deren Verarbeitung in der \u00d6ffentlichkeit einschlie\u00dflich des Internets\nabh\u00e4ngig, was viele Reaktionen nochmals irrational aufl\u00e4dt: vom\ntief-verwurzeltem Glauben an die Allmacht der Wissenschaft (und der endg\u00fcltigen\nBeherrschung des Virus) bis zur endlosen Suche nach den Schuldigen f\u00fcr den\nAusbruch der Seuche \u2013 von den Labors chinesischer Geheimdienste bis zu den Mobilfunknetzen\nfindet man alles. <\/p>\n\n\n\n<p>Was anscheinend in der Krise schwer auszuhalten ist, das sind\ndie mit den Ursachen, dem Verlauf und den m\u00f6glichen Folgen verbundenen Unsicherheiten.\nIm Folgenden sollen gerade diese in den Mittelpunkt gestellt und argumentiert\nwerden, dass die Pandemie zu einem neuen \u201eUmgang mit Unsicherheit\u201c f\u00fchren muss,\nwobei diese Unsicherheit \u2013 und das w\u00e4re das eigentlich Neue \u2013 keineswegs zu einem\nVerzicht auf radikalen Wandel f\u00fchren darf. Die Herausforderung besteht vielmehr\ngenau darin: die Notwendigkeit einer gro\u00dfen Transformation des kapitalistischen\nWohlstandsmodells gerade mit den Gefahren zu begr\u00fcnden, die der Versuch einer\nKontrolle der Naturverh\u00e4ltnisse mit den Strategien der Naturbeherrschung ausgel\u00f6st\nhat. Nicht mehr Sicherheit ist gefordert, sondern ein reflektierter Umgang mit\nden Ursachen daf\u00fcr, warum die Pandemie so bedrohlich wurde \u2013 und wie diese zu\nbeheben seien, gerade weil man das Virus nicht v\u00f6llig kontrollieren kann. Aber\ndie Gefahr ist, dass ganz andere Krisentendenzen die Oberhand gewinnen, die uns\neher an die drei\u00dfiger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnern: steigender\nRassismus und Antisemitismus, aggressiver Nationalismus und eine Zuspitzung\ngeopolitischer Konflikte \u2013 und dass vor diesem Hintergrund einer jetzt schon\ndramatischen Eskalation in der Krise gesellschaftlicher Naturverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die vierte Kr\u00e4nkung \u2013 der sozial-\u00f6kologische Charakter der Krise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es hat sich eingeb\u00fcrgert von einem Krieg gegen den Virus\nzu sprechen, den man unbedingt gewinnen m\u00fcsse, oder eine entsprechende Rhetorik\nzu verwenden. Genau dieses Framing verfehlt aber nicht nur den Charakter der\nKrise, sondern f\u00fchrt auch zu fatalen Reaktionsweisen, die die Krise eher versch\u00e4rfen.\nDas kann man sich durch ein paar einfache \u00dcberlegungen klarmachen. Ein Krieg\nist ein gewaltsam ausgetragener Konflikt, in dem Kollektive ihre Interessen\ndurchzusetzen versuchen (so in etwa die Basisdefinition laut Wikipedia). Nun\nk\u00f6nnte man sagen, dass \u201edas Virus\u201c so ein Kollektiv darstellt, das sich\nverbreiten will und dabei gewaltsam gegen ein anderes Kollektiv, \u201edie\nMenschheit\u201c vorgeht. Nur findet dabei eine anthropomorphe Umdeutung statt: Es\nist doch sehr die Frage, ob das Virus als Kollektiv betrachtet werden kann, das\nseine Interessen durchsetzen will. Viren \u201ewollen\u201c das machen, was alle andere Lebewesen,\neinschlie\u00dflich des Menschen und aller Mikroorganismen, auch wollen: leben und\nsich vermehren. Es sind keine spezifischen \u201eInteressen\u201c, die das Virus so\ngef\u00e4hrlich machen, sondern die Art des Zusammenlebens mit dem Wirtstier Mensch.\nUnd auch die ist nicht per se gef\u00e4hrlich: ohne eine Vielzahl von\nMikroorganismen k\u00f6nnten Menschen wie alle anderen Organismen gar nicht leben.\nAber in diesem Fall hat das Zusammenleben zwischen dem Sars-Covid-19 genannten\nVirus und dem Wirtstier Homo Sapiens f\u00fcr diesen sehr oft t\u00f6dliche Folgen. Das\nist aber nicht nur gef\u00e4hrlich f\u00fcr letztere, sondern auch f\u00fcr den Erreger \u2013\ninsofern wird dieses Virus die Krise auch nicht \u00fcberleben (oder vielmehr nur\nsehr reduziert und mutiert).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorstellung, dass ein gef\u00e4hrlicher Mikroorganismus\nmenschliche Gesellschaften kriegerisch bedroht, ist also nicht nur eine\nProjektion menschlicher Verhaltensmuster auf einen Mikroorganismus, sondern\nverfehlt auch den entscheidenden Charakter der Krise: die Interaktionen\nzwischen Gesellschaften und ihrer nicht-menschlichen Natur, d.h. ihren\nsozial-\u00f6kologischen Charakter. Zu einer Krise wird die Interaktion zwischen\nVirus und Mensch erst dadurch, dass sich das Wirtstier wehren kann und auch\nwehrt \u2013 sonst w\u00e4re es eine vielleicht sogar unbedeutende Episode in der\nnat\u00fcrlichen Evolution, in der es eben nicht um ein harmonisches Zusammenleben\nvon Lebewesen geht. Aber weil dieser Wirtsorganismus nicht klein beigeben will,\nweil er sich sogar f\u00fcr was Besonderes h\u00e4lt \u2013 sich als \u201eKrone der Sch\u00f6pfung\u201c\nselbst tituliert hat, j\u00fcngst s\u00e4kularisiert zum Anthropoz\u00e4n: zum Zeitalter des\nMenschen \u2013 l\u00e4uft die Interaktion zwischen den beiden Organismen anders ab:\nMenschen bek\u00e4mpfen den Virus, weil sie sich nicht als Teil eines nat\u00fcrlichen\nProzesses verstehen, sondern als etwas Besonderes \u2013 und weil sie technische und\nmedizinische M\u00f6glichkeiten haben, die Interaktion zwischen Virus und Wirtstiert\nanders zu gestalten. Das ist \u2013 und das m\u00f6chte ich betonen \u2013 verst\u00e4ndlich, auch\nwenn es Vorstellungen einer Convivialit\u00e4t, eines Zusammenlebens von Menschen\nund nicht-menschlichen Lebewesen eine Grenze setzt. Aber es geh\u00f6rt zu den\ngro\u00dfen Illusionen, die in dieser Krise aufgedeckt werden, dass trotz technischem\nFortschritt in Wissenschaft und Medizin, trotz Anthropoz\u00e4n und vermeintlicher\nEinzigartigkeit des Menschen die Nat\u00fcrlichkeit des Menschen, seine Existenz als\nOrganismus der den gleichen Kausalit\u00e4ten unterworfen ist wie andere Organismus auch,\nkeineswegs verschwunden ist, sondern als globale Krise wiederkehrt. Vielleicht\nk\u00f6nnte die Aufdeckung dieser Illusion ein heilsames Ergebnis der Krise sein. Man\nk\u00f6nnte es als vierte gro\u00dfe Kr\u00e4nkung des Menschen bezeichnen, nach den ersten\ndrei Kr\u00e4nkungen, die sich mit den Namen Kopernikus, Darwin und Freud verbinden.\nHatten diese die Einzigartigkeit des Menschen im Universum, im Tierreich und\nals ein souver\u00e4nes Ich in Frage gestellt, so manifestiert diese Krise die\nEinzigartigkeit des Menschen als nat\u00fcrliches Wesen \u2013 und zwar gerade trotz \u2013\noder vielmehr wegen \u2013 seiner wissenschaftlichen und technischen Potentiale, die\nihm ganz offenkundig nicht (viel) helfen. Was man den Krieg gegen das Virus nennt\nist nicht mehr als der Versuch, diese Kr\u00e4nkung zu verleugnen. Einen v\u00f6llig\nanderen Ansatzpunkt gewinnt man, wenn man den sozial-\u00f6kologischen Charakter der\nKrise in den Vordergrund r\u00fcckt: die krisenhaften Interaktionen im Verh\u00e4ltnis\nGesellschaft \u2013 Natur.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Krise als Realexperiment \u2013 die Bedeutung der Unsicherheiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem sozial-\u00f6kologischen Ansatz lassen sich die\nDynamiken der Krise und die damit verbundenen Unsicherheiten leichter\nverstehen. Eine Krise ist nicht nur eine Situation, in der sich der Verlauf\neiner Krankheit entscheidet&nbsp; (Genesung\noder nicht), sondern auch eine Situation, die einem Subjekt, was immer das sein\nmag, als unausweichliche Zwangslage erscheint: Wenn die \u00d6konomie in einer Krise\nist, dann lassen sich die Probleme nicht l\u00e4nger leugnen, dann wird die\nNotwendigkeit einer angemessenen Reaktion als unvermeidbar angesehen. Ob eine\nKrise der Fall ist, mag umstritten sein, und noch viel mehr umstritten ist, was\nzu tun w\u00e4re. Aber dass etwas getan werden muss, das scheint evident zu sein,\nwenn man von Krisen spricht. Nun haben Egon Becker und Thomas Jahn zusammen mit\nihren Kolleg*innen vom Institut f\u00fcr sozial-\u00f6kologische Forschung in Frankfurt\nschon von mehr als 30 Jahren von einer&nbsp;\nKrise gesellschaftlicher Naturverh\u00e4ltnisse gesprochen: krisenhaft seien\nnicht nur die Ph\u00e4nomene, die uns in Umweltproblemen, den Gefahren\ngro\u00dftechnischer Anlagen wie Atomkraftwerden oder heute in der menschengemachten\nKlimaerw\u00e4rmung entgegentreten, sondern auch das Wissen um diese Krisenprozesse.\nDie Corona-Pandemie belegt nicht nur die Angemessenheit dieser Krisendiagnose,\nsondern zeigt auch in besonders drastischer Weise, dass es gerade das Zusammenspiel\nzwischen materialen Krisendimensionen und dem sprachlich verfassten Wissen um\ndiese materialen Dimensionen ist, das im Kern der Krise steht: das\nZusammenspiel zwischen den bio-physischen Dimensionen der Naturverh\u00e4ltnisse und\nihren symbolisch-sprachlichen Dimensionen, oder zugespitzt: zwischen der\nKausalit\u00e4t des biophysischen Geschehens und dem Wissen und (!) Nicht-Wissen um\ndiese Kausalit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wissen und Nicht-Wissen um die Ausl\u00f6ser der Krise und\nihre Dynamik, von einem m\u00f6glichen Ausgang ganz zu schweigen, sind enorm. Nicht\nnur sind der Ursprung des Virus und der Ausgangspunkt der Epidemie (der Patient\n0) noch nicht bekannt, auch ihre Dynamik ist angesichts der vielen Probleme mit\nder Verl\u00e4sslichkeit und der Aussagekraft der Zahlen in zentralen Elementen noch\nunbekannt. Es war schon irritierend, wie diese Unsicherheiten verleugnet wurden\nund wie immer noch verleugnet wird, auf welch mageren Grundlagen wir alle zu\nWahrsager*innen des Epidemieverlaufs wurden. Zwar wurde auf Unterschiede in der\nGenerierung und Verl\u00e4sslichkeit der Daten (z.B. in Deutschland im Vergleich\nJohns-Hopkins-Universit\u00e4t \u2013 Robert-Koch-Institut) immer wieder hingewiesen und\ndie Glaubw\u00fcrdigkeit vieler Daten (aber meist im Ausland: bei \u201eden Chinesen\u201c,\n\u201eder USA\u201c etc.) angezweifelt. Aber das Problem liegt tiefer: so sehr wir auf\nwissenschaftliche Expertise angewiesen sind, so sehr sind diese Expertisen von\nden an sie herangetragenen Erwartungen systematisch \u00fcberfordert. Ohne\n\u00dcbertreibung kann man sagen, dass die Krise ohne wissenschaftliche und\nmedizinische Erkl\u00e4rungen gar nicht existieren w\u00fcrde: wir w\u00fcssten nichts von\neinem Virus, nichts von seiner Gef\u00e4hrlichkeit, den Wegen seiner Ausbreitung, nichts\nvon m\u00f6glichen Gegenma\u00dfnahmen zur Reduzierung des Ansteckungsrisikos, nichts von\nm\u00f6glicher Immunit\u00e4t u.v.a.m. Daher die Bedeutung der Expert*innen, die ja durch\ndie Kulturindustrie schnell zu Pop-Ikonen verkl\u00e4rt wurden. Aber gleichzeitig\nkann kein*e einzelne*r Expert*in alle, oder auch nur die meisten Glieder einer\nErkl\u00e4rungskette \u00fcberschauen \u2013 von den virologischen und epidemiologischen Fachfragen\nbis hin zu sozio-\u00f6konomischen oder politischen Aspekten in den\ngesellschaftlichen Reaktionsweisen. Das ist das Schicksal aller sozial-\u00f6kologischen\nProblemlagen: sie erfordern notwendig eine interdisziplin\u00e4re Zusammenarbeit\n\u00fcber die Disziplingrenzen hinweg, auch \u00fcber die Grenzen zwischen Natur- und\nTechnikwissenschaften einerseits, Sozial- und Kulturwissenschaften\nandererseits.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die derzeitige Krise in den gesellschaftlichen\nNaturverh\u00e4ltnisse geht dar\u00fcber noch weit hinaus, weil auch die Pandemie einen\nsehr viel tiefergehenden \u2013 und kr\u00e4nkenden &#8211; Charakter hat. Und es ist dieser\nKrisencharakter, nicht die unmittelbare Bedrohung durch das Corona-Virus, die\nl\u00e4ngst nicht an die Gef\u00e4hrlichkeit mittelalterlicher Pestepidemien oder der\nSpanischen Grippe heranreicht, die die derzeitige Aufregung und die\nHilflosigkeit ausl\u00f6st. Um diesen Krisencharakter besser zu verstehen, kann man\nauf verschiedene Formen des Nichtwissens verweisen, die in der Umweltsoziologie\n(aber auch dar\u00fcber hinaus) schon l\u00e4nger Verwendung finden: wissenschaftliches\nWissen arbeitet sich immer am Nicht-Wissen ab; und es glaubt, dass letzteres\ntendenziell zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden kann (oder vielleicht irgendwann f\u00fcr immer\nverschwindet). Allerdings gibt es gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr anzunehmen, dass mit jedem\nWissen auch das Nicht-Wissen steigt, ganz im Sokratischen Sinne: je mehr ich\nwei\u00df, desto mehr wei\u00df ich auch, dass ich vieles nicht wei\u00df. Von besonderer\nBedeutung ist aber ein Nicht-Wissen, von dem ich noch nicht mal wei\u00df, dass man es\nnicht wei\u00df: Vor der Entwicklung der Virologie wusste man nicht, nach was man\nsuchen musste. Dieses unbekannte Nicht-Wissen (auf Englisch unknown unkown) ist\naber in der derzeitigen Krise ganz entscheidend. Vieles \u00fcber den Virus und\nseine genauen Eigenschaften ist noch unbekannt, aber wir wissen, dass wir das\nwissen sollten (und wissen vieles vielleicht auch bald). Aber in den\nInteraktionen zwischen dem Virus sind auch Unbekannte eingelassen, die wir erst\nin der Zukunft als wissenswerte Unbekannte kennenlernen und dann zum Gegenstand\nvon Forschung machen k\u00f6nnen. Aber wegen der Vehemenz der Krise sollten wir\nschon heute davon ausgehen, dass wir mit solchen heute noch unbekannten Unbekannten\nin der Zukunft rechnen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>So eine Unterscheidung ist nun kein philosophisches Glasperlenspiel,\nsondern unmittelbar handlungsrelevant im ganz praktisch-politischen Sinne: Sie\nwird relevant in Situationen, in denen ein Akteur wei\u00df, dass mit einer\nEntscheidung Risiken verbunden sind (z.B. hinsichtlich der Lockerung von Ausgangsbeschr\u00e4nkungen).\nDiese unterscheiden sich von Unsicherheiten, die man zum Zeitpunkt von\nEntscheidungen noch gar nicht als m\u00f6gliche Risiken im Blick haben konnte, weil die\nihnen zugrundeliegenden Unsicherheiten (bzw. das Nicht-Wissen) noch nicht\nbekannt waren. Im letzteren Fall kann man das den Entscheidungstr\u00e4gern weder politisch\nnoch moralisch zum Vorwurf machen. Aber nicht nur Trump, sondern alle\nEntscheidungstr\u00e4ger werden sp\u00e4ter versuchen, bekannte Unbekannte als unbekannte\nUnbekannte darzustellen und damit die eigene Verantwortung zur\u00fcckzuweisen: Das\nhaben wir damals noch gar nicht gewusst\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die eigentliche Quelle von Unsicherheiten sind daher\nnicht die einzelwissenschaftlichen Forschungsdesiderate (z.B. zum Virus als\nsolchem), sondern die, die sich aus den Interaktionen Gesellschaft \u2013 Natur\nergeben. Hier entpuppt sich die derzeitige Krise geradezu als ein gigantisches\nund bedrohliches Realexperiment. Realexperimente unterscheiden sich von\nLaborexperimenten, dass man weder ihre Rahmenbedingungen kontrollieren noch sie\nwiederholen kann. Das mag in der derzeitigen Situation geradezu zynisch\nerscheinen, aber gerade deswegen kann man von Realexperimenten so viel \u00fcber den\nUmgang mit Unsicherheiten lernen. Ich will mich hier auf einen Faktor\nkonzentrieren, der allerdings zum Verst\u00e4ndnis der Krise ganz entscheidend ist:\ndie Reaktion von Gesellschaften auf wahrgenommene, aber auch auf verdr\u00e4ngte\nGefahren. Dass Menschen je f\u00fcr sich und noch mehr als organisierte Gesellschaften\nnicht realit\u00e4tsangemessen reagieren, sondern ihre Reaktionen von einer Vielzahlt\nvon Faktoren vermittelt sind, ist eine Binsenweisheit: Auf der individuellen\nEbene spielen psychologische Faktoren wie Angst oder soziologische Faktoren wie\nHandlungsf\u00e4higkeit eine wichtige Rolle. Gesundheitliche Risiken (z.B. des\nRauchens) oder Gefahren im Stra\u00dfenverkehr werden niemals nach rein rationalen\nKalk\u00fclen (dem technischen Risikobegriff: Wahrscheinlich x Schadenspotential) bewertet.\nAuf gesellschaftlicher Ebene spielen viele weitere Faktoren eine Rolle, die\nExistenz und die Qualit\u00e4t von Medien, die Verfasstheit des politischen Systems\nund die M\u00f6glichkeit, sich in eine offene Diskussionskultur einzubringen &#8211; oder\numgekehrt in eine \u201eDiskussion\u201c einbringen muss, die von Stereotypen,\nFeindbildern und Verschw\u00f6rungstheorien gepr\u00e4gt ist. Entscheidend sind hier\nm.a.W. die Machtverh\u00e4ltnisse \u2013 und wie sie in die jeweilige Verfasstheit von Gesellschaft\nund Staat eingeschrieben sind. Die eigentlichen Unsicherheiten im Verlauf der\nPandemie entstanden denn auch aus solchen gesellschaftlichen und politischen Reaktionsweisen\n\u2013 und deren Unterschiedlichkeit im globalen Rahmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der politische Umgang mit Unsicherheiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei den vielen Unsicherheiten, die im Laufe der letzten\nWochen in der Krisendynamik eine Rolle spielten, ist es erstaunlicher Weise die\nVerfestigung eines sehr problematischen Glaubens, also einer vorschnellen Gewissheit,\ndie am meisten Anlass und Grund zur Sorge gibt: die Fixierung auf den Nationalstaat\nals Probleml\u00f6ser. Zun\u00e4chst einmal ist es weder unwichtig noch unproblematisch,\ndass es eine Fixierung auf den Nationalstaat \u00fcberhaupt in dieser Form gibt: Internationale\nOrganisationen wie die WHO oder die UN sind in der Krise weiter geschw\u00e4cht\nworden, von der Solidarit\u00e4t in der Weltgesellschaft und von einem Regieren\njenseits der Nationalstaats (fr\u00fcher mal Global Governance genannt) sind wir\nweiter entfernt als jemals zuvor in den letzten 30 Jahren. Selbst in\nsuprastaatlichen Entit\u00e4ten wie der EU schreitet die Aufl\u00f6sung multilateraler\nAbkommen und Vertr\u00e4ge immer schneller voran. Nicht dass die Krise die Ursache\nw\u00e4re, aber sie beschleunigt die Missachtung bestehender Regeln und deren Grundlage,\nz.B. die Rechtsstaatlichkeit, immer mehr. Das ist nicht in jedem Fall zu bedauern,\naber diese Tendenz verbindet sich zu einer sehr gef\u00e4hrlichen Krisensituation. Auch\ndie wirtschaftliche Globalisierung, zun\u00e4chst auf der Ebene der\nProduktionsketten und des Handels betrachtet, wird mehr und mehr zugunsten\neines immer aggressiveren Nationalismus und der Suche nach wirtschaftlicher\nAutarkie in Frage gestellt. Eine Frage ist, ob das wirklich w\u00fcnschenswert ist.\nDie Erosion der neoliberalen Dogmen, auf denen die letzten 40 Jahre\nkapitalistischer Globalisierung aufgebaut waren, mag ja in einigen F\u00e4llen noch\nAnlass zu Hoffnung geben, so der Verzicht auf die \u201eschwarze Null\u201c und die neue\nStaatst\u00e4tigkeit in vielen Bereichen wie dem der Gesundheit. Aber dort, wo das\nGesundheitssystem durch Anwendung dieser Dogmen ruiniert wurde (wie in UK oder\nder Lombardei), hilft das den Corona-Opfern nachtr\u00e4glich auch nichts mehr.\nDiese Opfer k\u00f6nnen uns aber lehren, welche Gefahren im politischen Umgang mit\nUnsicherheit liegen \u2013 und warum das derzeitige parlamentarische System unf\u00e4hig\nist, mit diesen Gefahren angemessen umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>An erster Stelle solcher Gefahren ist die Kurzfrist-Orientierung\ndes politischen Systems zu nennen. Nur einige Staaten S\u00fcd-Ost-Asiens, wie S\u00fcdkorea\noder die \u201efreundliche Diktatur\u201c in Singapur, hatten aus den letzten Pandemien\ngelernt und die Erfahrungen mit Sars oder der Vogelgrippe genutzt, um sich auf\nzuk\u00fcnftige Pandemien vorzubereiten \u2013 sehr viel geholfen hat es ihnen auch\nnicht, weil eine Pandemie schon vom Begriff her global ist. Gleichwohl w\u00e4re an\ndiese Strategie heute anzukn\u00fcpfen, denn wenn es eine Sicherheit in der\nderzeitigen Lage gibt, dann die, dass die n\u00e4chste Pandemie kommen wird! Aber\ndieses Problem offenbart auch einen zweiten Grund, warum das derzeitig, nationalstaatlich\nund mehr oder weniger demokratisch organisierte politische System zur\nBew\u00e4ltigung ungeeignet ist: Es ist strukturell in Konkurrenz zu anderen Staaten\nausgerichtet, eine Konkurrenz, die gerade in der neoliberalen Globalisierung mit\nder Fokussierung auf das Ziel der gr\u00f6\u00dferen Wettbewerbsf\u00e4higkeit nochmals\ngesteigert worden ist. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte diese strukturelle Konkurrenz des\nStaatensystems politisch \u00fcberwunden werden. Und nach dem Ende der\nBlockkonfrontation und der Hoffnung auf eine Friedensdividende Anfang der\n1990er Jahre sowie auch mit dem \u201eStaatsprojekt Europa\u201c war zumindest rhetorisch\neine solche Solidarit\u00e4t eingeklagt worden. Es wird abzuwarten sein, ob die Hoffnung\nweit tr\u00e4gt, dass angesichts der Corona-Krise solche Strategien wieder Auftrieb\nerhalten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen diese Hoffnung spricht eine Beobachtung, die sicher\nnoch genauer ausgewertet werden muss, die aber schon viel Evidenz aufweist: in\nder Krise reagieren die Einzelstaaten nach ihrer je eigenen nationalen Verfasstheit,\nsprich: der institutionellen Verfasstheit von Gesellschaft und Staat und den in\nsie eingeschriebenen Interessengegens\u00e4tzen und Machtverh\u00e4ltnissen. Die\nnationalen Reaktionsweisen in Gesellschaft und Staat\/Politik waren und sind h\u00f6chst\nunterschiedlich, aber bei allen Unterschieden vor allem davon gepr\u00e4gt, wie die\njeweiligen nationalen Gesellschaft intern strukturiert sind, d.h. wie sie ihre\nsozialen Ungleichheiten, ihre Geschlechterverh\u00e4ltnisse, ihr Gesundheitssystem,\nihre Arbeitsbedingungen u.v.a.m. \u2013 aber vor allem auch die Prozesse der\npolitischen Willensbildung reguliert. Und vor allem deshalb wirkt die Hoffnung\nauf den Staat krisenversch\u00e4rfend. Ma\u00dfnahmen in der Corona-Krise wurden immer\nwieder mit Verweis auf einen Ausnahmezustand gerechtfertigt. Demokratietheoretisch\nist das problematisch, denn im Ausnahmezustand schl\u00e4gt die Stunde der Exekutive.\nUnd so konnte man rund um den Globus beobachten, wie sich tats\u00e4chliche oder\nvermeintliche Staatsm\u00e4nner vor allem als mutige Entscheider und\nverantwortungsvolle Staatenlenker gerierten \u2013 auch wenn sie faktisch weder\nmutig noch verantwortungsvoll agierten. Und so haben einige von ihnen\nerfolgreich die Legislative ausgeschlossen und damit einen Putsch durchgef\u00fchrt\n(so Orban in Ungarn) oder zumindest tragende S\u00e4ulen eines demokratischen\nSystems wie die Gewaltenteilung aufgehoben (Likud in Israel; PiS in Polen). Andere\nwie Bolsonaro, Putin, Erdogan oder auch Trump gibt es die M\u00f6glichkeit, ihre\nMacht zu sichern, indem demokratische Verfahren ausgehebelt werden. Und selbst\ndort, wo Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung noch nicht direkt bedroht\nsind, werden Wege in eine Gesundheits- und \u00dcberwachungsdiktatur geebnet. Schon\nlange spricht man von einer Krise der parlamentarischen Demokratie und der sie\ntragenden Institutionen, und diese Krise hat sowohl die Corona-Krise mit beschleunigt,\nweil es zu riskanten Entscheidungen angesichts bekannter Unbekannter gef\u00fchrt\nhat (so die verz\u00f6gerte Reaktion der US-amerikanische Regierung, die daher\nnat\u00fcrlich einen Schuldigen braucht), wie sie selbst auch durch die\nCorona-Pandemie weiter vertieft werden wird. Wie die Weltwirtschaftskrise der\n1920\/30er Jahre dem Aufkommen des Faschismus in vielen L\u00e4ndern Vorschub\ngeleistet hat, so k\u00f6nnte auch diese Krise dem g\u00e4renden Autoritatismus und\nRechtsradikalismus neue Nahrung geben. Der Weg von da zu einer Krise der\nZivilisation ist nicht weit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Krise als Chance? Oder: Die Krise der Krisenhoffnungen!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wo aber bleibt \u201edas Positive\u201c? Birgt nicht gerade die\nKrise auch eine Chance in sich \u2013 oder pathetisch mit H\u00f6lderlin gesprochen: \u201eWo\naber Gefahr ist, w\u00e4chst das Rettende auch!\u201c W\u00e4chst es denn? Die Krise als\nEntscheidungssituation bringt diese Konnotationen notwendig mit sich. Vor allem\nmuss man in kritischer Absicht darauf beharren, dass eine Realit\u00e4t gerade\ndadurch verfestigt wird, dass sie als vermeintlich unver\u00e4nderbare Realit\u00e4t\nstillgestellt wird: Die weitere Zukunft wird durch Handlungen, damit aber auch durch\nMachtverh\u00e4ltnisse und soziale Auseinandersetzungen hindurch gestaltet. Menschen\nmachen in diesem Sinne ihre Geschichte selbst \u2013 aber eben unter den\nvorgegebenen gesellschaftlichen Bedingungen, wie Marx schon gewarnt hat. Und\ndiese Bedingungen sind eben alles andere als hoffnungsvoll. Gleichwohl soll\nabschlie\u00dfend auf die Frage eingegangen werden: Was kann aus der Pandemie gelernt\nwerden, nicht nur um ihren Verlauf positiver zu gestalten, sondern auch um sie\ntats\u00e4chlich zu einer Chance f\u00fcr eine dringend ben\u00f6tigte gesellschaftliche\nTransformation werden zu lassen? Eine solche Transformation wird nicht einfach\nein \u201eNeustart\u201c sein, der das gesellschaftliche System neu konfiguriert, kein\nMasterplan, der einfach auf Umsetzung wartet, und auch keine revolution\u00e4re\nErhebung, nach der dann alles anders w\u00e4re. Hier wurde argumentiert, dass es eines\nneuen \u201eUmgang mit Unsicherheiten\u201c bedarf, um die sozial-\u00f6kologische Krise\naufzugreifen und zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade der letzte Punkt ist entscheidend: Wie und in\nwelche Richtung m\u00fcsste denn eine gro\u00dfe Transformation des Kapitalismus\nverlaufen? Was wir derzeit beobachten sind versch\u00e4rfte Konflikte um die\nAusgestaltung gesellschaftlicher Naturverh\u00e4ltnisse, von denen die\nCorona-Pandemie in ihren sozial-\u00f6kologischen Dimensionen nur ein kleiner Teil\nist. Globaler Ressourcenverbrauch und seine Folgen, Klimakrise und ihre\nsozialen Erscheinungsformen weltweit werden in ihren Auswirkungen weit \u00fcber die\ndirekten Opfer der Pandemie hinausgehen, muss man zumindest bef\u00fcrchten. Hoffnungen\nauf grundlegende Ver\u00e4nderungen lassen sich auch weniger an den direkten\nNebenwirkungen der Krise festmachen: Dass die CO2-Emissionen massiv sinken, ist\nerfreulich \u2013 aber das wird wie bei der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008\/09 nur\neine Episode bleiben, wenn sich die Strategien durchsetzen, die m\u00f6glichst\nschnell zur Normalit\u00e4t (= Hoffnung auf schnelles Wirtschaftswachstum)\nzur\u00fcckkehren wollen. Ansatzpunkte f\u00fcr eine Transformation ergeben sich eher aus\nden Anzeichen f\u00fcr strukturelle \u00c4nderungen, wie z.B. in der Konversion einiger\nIndustriezweige auf gesellschaftlich n\u00fctzliche Produkte (wie der Autoindustrie\nauf Beatmungsger\u00e4te): dies sind wichtige Beispiele daf\u00fcr, dass ein Umsteuern\nder Produktion m\u00f6glich ist, wenn es tats\u00e4chlich politisch gewollt ist. Auch dem\nFlugverkehr wird wohl nicht eine Konversion, wohl aber eine drastische\nReduktion bevorstehen. Und die Bedeutung einer ausreichenden \u00f6ffentlich\ngef\u00f6rderten Infrastruktur, die nicht dem Profitstreben und der Finanzialisierung\nuntergeordnet werden darf, k\u00f6nnte eine Lehre der Krise sein. Aber schon da wird\nsich zeigen, ob diese Lehre in den nationalen Gesellschaften wie auf globaler\nEbene gegen starke Kapitalinteressen durchsetzbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jenseits solcher positiven Anzeichen ist gleichwohl Skepsis\nangebracht, eben weil die vorherrschende Stimmung in vielen L\u00e4ndern eine\nR\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t zu fordern scheint: Es soll wieder so werden wie vorher\n(selbst wenn das vorher nicht immer optimal war). Das verweist auf eine weitere\nDimension der Krise, eine tiefgreifende Krise der Krisenerfahrung. In der\nModerne war die gesellschaftliche Krise immer mit der Hoffnung auf eine\ntiefgreifende Verbesserung verbunden, mit dem Glauben an eine Chance f\u00fcr eine\nradikale Ver\u00e4nderung, eine revolution\u00e4re Transformation der Gesellschaft. Auch\nwenn entsprechende Krisenanalysen auch heute wieder nach dem nun endg\u00fcltigen Zusammenbruch\ndes Kapitalismus fahnden, ist es vielleicht angebrachter, diesen versteckten\nFortschrittsoptimismus aufzugeben und die ganze Tragweite der Krise ins Auge zu\nfassen. Weder ist die Menschheit in ihrer Existenz bedroht noch bricht der\nKapitalismus zusammen, aber er wird aufgrund der Reaktionsmuster, den\nsubjektiven \u00c4ngsten wie den gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnissen, in immer\nautorit\u00e4rere Erscheinungsformen getrieben. Nationale Strategien dominieren, die\nglobale Solidarit\u00e4t nur als Lippenbekenntnis kennen, wenn \u00fcberhaupt. Und diese\nStrategien lassen bislang nirgendwo eine Hoffnung auf eine positive Entwicklung\nerkennen; eher m\u00fcssen die Minimalbedingungen eines halbwegs zivilisierten\nZusammenlebens verteidigt werden. Man denke nur an die Perfektionierung des\n\u00dcberwachungsstaats, der in vielen L\u00e4ndern (wie z.B. in Israel) nun angestrebt\noder sogar schon umgesetzt wird und der die Bem\u00fchungen Chinas um eine\nErziehungsdiktatur als ungeschickte Vorform erscheinen l\u00e4sst. Als\nLegitimationsgrundlage f\u00fcr einen autorit\u00e4ren Umbau von Staat und Gesellschaft\ndient immer h\u00e4ufiger der Kampf gegen den Virus \u2013 und hier zeigt sich die Bedeutung\ndie ein angemessenes Verst\u00e4ndnis der Krise f\u00fcr eine sozial-\u00f6kologische\nTransformation hat.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Metapher des Kriegs gegen das Virus eine\nSteigerung der wissenschaftlich-technischen wie der politisch-milit\u00e4rischen\nKontrolle \u00fcber den Virus und seine Tr\u00e4ger fordert, fordert eine\nsozial-\u00f6kologische Krisendiagnose das Zusammenspiel zwischen den bio-physischen\nDimensionen der Naturverh\u00e4ltnisse und ihren symbolisch-sprachlichen Dimensionen\nin den Blick zu nehmen. In der Krise artikuliert sich die Kausalit\u00e4t eines\nbiophysischen Geschehens, das auf symbolisch-sprachlicher Ebene\nnotwendigerweise nur unvollst\u00e4ndig und mit gro\u00dfen Unsicherheiten belastet thematisiert\nwerden kann. Die Anerkennung dieses begrenzten Wissens um die Kausalit\u00e4ten muss\nalso der Ausgangspunkt einer anderen Strategie sein, einer Strategie, die nun\nkeineswegs auf Anstrengungen zum besseren Verst\u00e4ndnis der Krise und den\nInteraktionen zwischen Gesellschaft und Natur verzichten darf, gleichwohl aber\ndie Hoffnung auf eine L\u00f6sung nach dem Muster der Naturbeherrschung hinter sich\nl\u00e4sst. Denn hinter der Kriegsmetapher kommt dieser Glaube um so deutlicher zum\nVorschein: Natur wird dort thematisiert als von \u201euns\u201c, den Menschen,\ndualistisch getrennt und feindlich gesonnen; sie greift uns an (obwohl sie\neigentlich untergeordnet sein m\u00fcsste) und kann nur durch ihre vollst\u00e4ndige\nKontrolle in Schach gehalten werden. Der Weg dazu ist \u2013 in den Worten Max\nWebers \u2013 der Glaube, dass man die Natur durch berechnen beherrschen k\u00f6nne.\n\nAn diesem Glauben muss\nalso eine wirklich tiefgehende Transformation ansetzen, die auch die kulturellen\nGrundlagen des westlichen Zivilisationsmodells ersch\u00fcttert; den bis heute im\n\u00dcberlegenheitsgef\u00fchl der Europ\u00e4er wie der durch sie gepr\u00e4gten Neo-Europas tief\nverankerten Glauben, dass es zur Perfektionierung der Naturbeherrschung keine\nAlternative gebe. Nach Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der\n&gt;Dialektik der Aufkl\u00e4rung&lt; lag dieser Glaube im Zentrum der Zivilisationsbruchs\ndes 20sten Jahrhunderts. Heute geht es um eine andere zivilisatorische Krise,\naber die Gefahr ist eine \u00e4hnliche: Der Versuch, eine Kontrolle der\nNaturverh\u00e4ltnisse mit den Strategien der Naturbeherrschung zu erreichen, f\u00fchrt\nuns nur umso tiefer in die Zivilisationskrise hinein. Nicht die Suche nach mehr\nSicherheit um jeden Preis ist daher gefordert, sondern ein reflektierter Umgang\nmit den Unsicherheiten, die in den gesellschaftlichen Naturverh\u00e4ltnissen\nnotwendig angelegt sind. Das erfordert aber keineswegs eine spiritualistisch verbr\u00e4mte\nHinnahme des scheinbar Unvermeidlichen, sondern eine schonungslose Analyse der\nUrsachen daf\u00fcr, warum die Pandemie so bedrohlich wurde: von der Zerst\u00f6rung\nsozialer und materieller Infrastrukturen (z.B. im Gesundheitssystem) in der\nneoliberalen Globalisierung bis zu den Krisen demokratischer Institutionen und der\nTransformation des politischen Systems mit den Mitteln des Ausnahmezustands.\nEin reflektierter Umgang mit Unsicherheit darf also keineswegs zu einem\nVerzicht auf radikalen Wandel f\u00fchren. Nur alternative demokratische Prozesse\nder \u00f6ffentlichen Beratung, wie sie in vielen sozialen Bewegungen wie auch in\nden transdisziplin\u00e4ren Wissenschaften entwickelt wurden, b\u00f6ten Chancen f\u00fcr\neinen anderen Umgang mit Unsicherheit. Eine Verabschiedung der Kriegsmetapher wie\nder Hoffnung auf eine Steigerung der Naturbeherrschung ist daf\u00fcr aber eine\nGrundvoraussetzung. Derzeit ist offen, ob die Krise tats\u00e4chlich ein Weckruf in\ndiesem Sinne werden kann.\n\n\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christoph G\u00f6rg<br \/>\nEs ist noch lange nicht klar, wie denn die Pandemie sich weiter entwickeln wird \u2013 und was ihre \u00f6konomischen, sozialen, politischen und \u00f6kologischen Folgen sein werden. Das liegt am Charakter dieser Krise, die als sozial-\u00f6kologische Krise globalen Ausma\u00dfes eine \u00fcberaus komplexe Dynamik entfaltet. 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