{"id":440,"date":"2020-05-11T16:41:08","date_gmt":"2020-05-11T14:41:08","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=440"},"modified":"2020-05-12T09:39:47","modified_gmt":"2020-05-12T07:39:47","slug":"was-heisst-eigentlich-zivilgesellschaft-in-liberalen-demokratien-heute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=440","title":{"rendered":"Was hei\u00dft eigentlich \u201eZivilgesellschaft\u201c in liberalen Demokratien heute?"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Christine Resch<\/h5>\n\n\n\n<p>Mit der Wende von 1989 hat der Begriff\n\u201eZivilgesellschaft\u201c eine neue Konjunktur und Umdeutung erfahren.\nZivilgesellschaft, das war die \u201efriedliche Revolution\u201c in der DDR, die sich\ngegen ein diktatorisches Regime durchgesetzt hat. Von Antonio Gramscis\nanalytischen Begriff der \u201esociet\u00e0 civile\u201c, verstanden als Teil des\n\u201eintegrativen Staats\u201c, die \u201eHegemonie, gepanzert mit Zwang\u201c als Regierungsform\nin liberalen Demokratien beschreibt, hatte sich diese Verwendung denkbar weit\nentfernt. Mit Zivilgesellschaft sind seit 1989ff in der wissenschaftlichen\nDebatte \u201edie Guten\u201c gemeint. Beispiele daf\u00fcr finden sich zuhauf: Sei es die\nst\u00e4dtische Intelligenz gegen den \u201ebraunen Sumpf\u201c auf dem Lande; sei es die\nWillkommenskultur im \u201eSommer der Migration\u201c 2015; seien es, in der\ngegenw\u00e4rtigen \u201eCorona-Krise\u201c, die vielen Flei\u00dfigen, die mit selbstgen\u00e4hten\nMasken Hilfsorganisationen (gratis \u2013 sie haben unsere Anerkennung verdient) und\ndie Bev\u00f6lkerung (gerne gegen angemessene Bezahlung) versorgen. Letzteres geschieht\ndeshalb, damit sich insbesondere \u201edie Risikogruppen\u201c beim Einkaufen trotz\nSicherheitsabstand und bei Einhaltung anderer Hygienevorschriften m\u00f6glichst\nnicht anstecken. Das Recht auf Konsum \u2013 seit zehn Tagen d\u00fcrfen immerhin wieder\nneue T-Shirts f\u00fcr das Homeoffice gekauft werden \u2013 \u00fcbertrumpft das Recht auf\nBildung und politische Versammlungen. Selbst der Besuch von Kirchen, Synagogen\nund Moscheen als zentraler Teil, um die Religionsfreiheit auszu\u00fcben, wurde\nhinter der M\u00f6glichkeit eingereiht, die Kathedrale Warenhaus wieder zu begehen. Erntehelfer\naus Rum\u00e4nien gef\u00e4hrden die Einheimischen \u2013 und um die geht es angesichts des\n\u201eneuen Nationalismus\u201c \u2013 offenbar weniger als eine menschenw\u00fcrdige Unterbringung\nvon Gefl\u00fcchteten. Mit Erdbeeren und Spargel geht die Welt immerhin nobel\nzugrunde. Jeder Nation bleibt es selbst \u00fcberlassen, um den Gesundheitszustand\nihrer Bev\u00f6lkerung besorgt zu sein. Grenz\u00fcberschreitend \u00fcbernimmt man da keine\nVerantwortung und auch die Zwei-Klassen-Medizin in \u201eNormalzeiten\u201c scheint\nvergessen, was mich h\u00e4ufig daran zweifeln l\u00e4sst, ob Gesundheit aus herrschender\npolitischer Sicht tats\u00e4chlich oberste Priorit\u00e4t hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Reihe nach: <\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Wende erhielt der Begriff\n\u201eZivilgesellschaft\u201c die Bedeutung von \u201eb\u00fcrgerschaftlichem Engagement\u201c. Dieser\nGleichsetzung kann man \u201eNeutralit\u00e4t\u201c kaum absprechen \u2013 Engagement wof\u00fcr oder\nwogegen bleibt zun\u00e4chst v\u00f6llig offen: Die \u201eZivilgesellschaft\u201c tut einfach etwas\nund wird zunehmend dazu aufgefordert, das gef\u00e4lligst auch zu tun! Gerhard\nSchr\u00f6der hat die Aktivierung der Zivilgesellschaft dann zum politischen\nProgramm erhoben. (vgl. dazu exemplarisch: https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/gerhard-schroeder-sorgt-sich-ums-gemeinwohl\/131206.html)\nDer Staat soll die Zivilgesellschaft f\u00f6rdern \u2013 und fordern, versteht sich. Ein\nSchalk, wer B\u00f6ses dabei denkt, wenn die Aktivierung der Zivilgesellschaft explizit\nzur Staatsaufgabe und Chefsache gemacht wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Und die Zivilgesellschaft tut im Zweifelsfall das\nRichtige! Sie k\u00e4mpft (nein, sie grenzt sich ab) \u2013 siehe oben \u2013 gegen den\n\u201ebraunen Mob\u201c; sie bet\u00e4tigt sich humanit\u00e4r; sie kompensiert \u201eStaatsaufgaben\u201c.\nWenn der Staat versagt, soll und wird es die Zivilgesellschaft schon richten. \u201eZivilgesellschaft\u201c\nnach der Wende hat genau dieses \u201eGeschm\u00e4ckle\u201c. Es ist die wissenschaftliche\nBegleitmusik zu mehr \u201eEigenverantwortung\u201c (individuell und kollektiv), die der\nneoliberale Wettbewerbsstaat und zunehmend wieder autorit\u00e4re Staat forciert. Als\nStichwort im Wahlkampf hat der seinerzeitige Kanzler Schr\u00f6der dann allerdings auf\ndieses Wort verzichtet. Die Bev\u00f6lkerung verstand es \u2013 so das Ergebnis einer\nUmfrage \u2013 schlicht und einfach nicht. Sie hat damit nur einen Gegensatz zu\n\u201emilit\u00e4risch\u201c assoziiert. B\u00fcrgerschaftliches Engagement klingt da attraktiver.\n\u201eZivilgesellschaft\u201c blieb ein wissenschaftlicher Begriff, der nur \u00fcber den Umweg\ndes \u201eEngagements\u201c und in der Bedeutung, die nach 1989 in Deutschland\nwissenschaftlich forciert wurde, in die Politik Einzug gehalten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Fl\u00fcchtlingspolitikkrise versch\u00e4rft sich\ndiese Haltung. Merkels \u201eWir schaffen das!\u201c mag zun\u00e4chst an die EU-Staaten\ngerichtet gewesen sein, im Effekt war es die Aufforderung an das (christlich\nrespektive humanit\u00e4r) orientierte Ehrenamt. Es wurde zu unserer Verpflichtung,\ndie wir \u2013 also die liberale Zivilgesellschaft \u2013 gerne angenommen haben. Dass\nweder staatlich noch kommunal ausreichend Ressourcen zur Verf\u00fcgung standen, um\nehrenamtlich sinnvolle Arbeit leisten zu k\u00f6nnen, sei dahingestellt. Sicher, es\nwar eine gute Gelegenheit, Kleiderschr\u00e4nke und Kinderzimmer von ohnehin\nabgelegten Dingen zu r\u00e4umen und sie gro\u00dfz\u00fcgig zu spenden. Zwar lie\u00df sich damit nur\noberfl\u00e4chlich kompensieren, was an Betreuung der Gefl\u00fcchteten erforderlich\ngewesen w\u00e4re, aber die ehrenamtlich T\u00e4tigen wurden f\u00fcr ihr Engagement gefeiert.\nH\u00e4ufig waren die Helfer*innen f\u00fcr die Gefl\u00fcchteten die einzigen\nAnsprechpartner*innen, die aber nur selten \u00fcber hinreichende Kenntnisse f\u00fcr die\nBeratung verf\u00fcgten. Der komplizierte Umgang mit der bundesdeutschen Verwaltung,\nAufkl\u00e4rung in juristischen Fragen uswusf. h\u00e4tte professioneller Unterst\u00fctzung\nbedurft. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch w\u00e4hrend der gegenw\u00e4rtigen\nCorona-Kontaktbeschr\u00e4nkungen liegt die Empirie \u2013 wie so h\u00e4ufig \u2013 auf der Stra\u00dfe\nund verst\u00e4rkt auf den Bildschirmen: Medien (namentlich ARD und dazugeh\u00f6rige\ndritte Programme) senden seit Wochen unter \u201e#zusammenhalten\u201c. Das Klassen- und\nGeschlechterverh\u00e4ltnis spielt in \u201egro\u00dfen Zeiten\u201c keine Rolle. In meinem\nHausflur finden sich Angebote \u2013 ehrenamtlich und unentgeltlich \u2013, die Einkaufshilfen\nf\u00fcr \u201eRisikogruppen\u201c anbieten. \u201eBleibt Zuhause\u201c-Schilder finden sich an\nWohnheimen. Regenbogenbilder an Kitas und Wohnungen sollen f\u00fcr Optimismus\nsorgen. Die Danksagungen f\u00fcr das N\u00e4hen von Masken nehmen in den Nachrichten\nkein Ende (Schnittanleitungen sind allzeit verf\u00fcgbar!). (Hoch)Schulen setzen\nauf das Engagement der Lehrer*innen, sowie Dozent*innen (und Eltern, Stichwort:\nhomeschooling), um eine digitale Lehre hinzubekommen \u2013 mehr Arbeit f\u00fcr Alle.\nSelbst mein Energielieferant bedankt sich per Email f\u00fcr social distancing (und\nschw\u00f6rt auf weitere Versorgung). Die Zivilgesellschaft ist vereinnahmt. Die Umsetzung\nder herrschenden Politik wird, wie schon w\u00e4hrend der Fl\u00fcchtlingspolitikkrise\n2015, zur zivilgesellschaftlichen Aufgabe. Die politische und die zivile Gesellschaft\nm\u00fcssen in dieser schwierigen Situation ein enges B\u00fcndnis eingehen, nur\ngemeinsam kann der \u201eKampf\u201c gegen das Virus gelingen. In beiden F\u00e4llen hat das\nden h\u00fcbschen Effekt, dass \u00fcber \u00f6ffentliche Infrastruktur kaum geredet wird.\nVielmehr geht es um das eigenverantwortliche Engagement respektive die\nverantwortungsvolle Anpassung an Ma\u00dfnahmen. Die neoliberale \u00c4ra, die von der\nKohl-Regierung vorbereitet und dann von der Schr\u00f6der-Regierung durchgesetzt\nwurde, erf\u00e4hrt in der Merkel-Regierung einen paternalistischen Bruch. Mag es\nmanchen in den letzten Jahrzehnten zweifelhaft gewesen sein, wie es um die\nrelative Autonomie des Staats (gegen\u00fcber m\u00e4chtigen Kapitalfraktionen) bestellt\nist, erleben wir gerade eher eine Situation, in der die Regierung das letzte\nWort hat. Bevormundung eben \u2013 beruhe sie nun auf Einsicht oder Ergebenheit. Demokratische\nDiskussionen \u00fcber m\u00f6gliche Strategien mit der Pandemie umzugehen, gab es\njedenfalls nicht. Bis heute wei\u00df niemand Genaues \u00fcber das Virus, aber die\nRegierungen bestimmen, was vern\u00fcnftigerweise dagegen getan werden muss. <\/p>\n\n\n\n<p>In den reichen Industrienationen war mit dem Thema \u201eGesundheit\u201c der Zugriff auf die Zivilgesellschaft gut vorbereitet. Diese wurde mehr und mehr den Betroffenen \u00fcberantwortet. Tugendterror gegen Rauchen und \u00dcbergewicht seien als Stichworte genannt. In der gegenw\u00e4rtigen Pandemie kaschiert die erforderliche Beteiligung aller an der Gesundheit aller, dass in den letzten Jahrzehnten das Gesundheitssystem kommerzialisiert und privatisiert wurde. Die ausschlaggebenden Kriterien daf\u00fcr waren kaum, dass eine bestm\u00f6gliche Versorgung der Bev\u00f6lkerung gew\u00e4hrleistet sein sollte. Die Folgen einer solchen Gesundheitspolitik wurden zwar etwa f\u00fcr Italien skandalisiert, die hiesigen Zust\u00e4nde waren in den Medien allerdings kaum ein Thema \u2013 Satiresendungen bilden die Ausnahme, etwa <em>Die Anstalt<\/em> in ihrer Sendung am 24.03.2020. Lieber feiern wir jetzt die in Krankenh\u00e4user Besch\u00e4ftigten daf\u00fcr, dass es gelungen ist, die Anzahl der (gl\u00fccklicherweise leerstehenden) Intensivbetten zu erh\u00f6hen, und Unternehmen, die Beatmungsger\u00e4te statt ihrer \u00fcblichen Produkte herstellen. Ob das auch zur Folge hat, dass Pfleger*innen in Zukunft besser bezahlt werden, ist gegenw\u00e4rtig nicht mehr als eine vage Hoffnung und Forderung. Jedenfalls ist ein Teil der Gefahr, die Corona birgt, durchaus selbstgemacht. Aus den vergangenen Epidemien wurden kaum Lehren gezogen, Schutzkleidung f\u00fcr das medizinische Personal ist bis zum heutigen Tag kaum hinreichend vorhanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber zur\u00fcck zur \u201eZivilgesellschaft\u201c. \u201eGesundheit\u201c\nhat in den letzten Jahrzehnten den Stellenwert eines Verdichtungssymbols\nerreicht. Das funktioniert f\u00fcr den Bereich der \u201esozialen Sicherheit\u201c analog zu\n\u201eGewalt\u201c, mit der Ma\u00dfnahmen der \u201einneren Sicherheit\u201c legitimiert werden. Was genau\ndamit gemeint ist, wei\u00df niemand \u2013 die Begriffe sind unbrauchbar. Mit \u201eGewalt\u201c wird\nvon Pr\u00fcgeleien am Schulhof \u00fcber Kriminalit\u00e4t bis zum Krieg in Syrien alles mit\nein und demselben Wort belegt. Bei Gesundheit reicht das Spektrum vom t\u00e4glichen\nTreppensteigen und der hinreichenden Zufuhr von Vitaminen und Ballaststoffen,\nw\u00e4hrend es Zucker, Fett und Salz zu reduzieren gilt, \u00fcber medizinische\nVorsorgeuntersuchungen bis zur zus\u00e4tzlichen privaten Gesundheitsversicherung,\ndie wir alle m\u00f6glichst abschlie\u00dfen sollen. \u201eKrankenversicherung\u201c soll man ja\nnicht mehr sagen. Gesundheit ist die Ultima Ratio, ihrem Schutz ist alles\nunterzuordnen. In der Corona-Krise musste diese Haltung nicht mehr hergestellt\nwerden. Es reichte, sie abzurufen. Gesundheitsrisiken qua der Aufrechterhaltung\ndes \u00f6konomischen, politischen und sozialen Lebens einzugehen oder Grundrechte\nkurzerhand auszusetzen, bedurfte kaum einer Debatte und war mit keinen gr\u00f6\u00dferen\nKonflikten verbunden. Dass Gesundheit als h\u00f6chstes Gut gesetzt ist, hat uns\noffenbar denkfaul gemacht. Insgesamt war und ist das \u201ewording\u201c wahrlich\ngekonnt: neben Gesundheit sind es Solidarit\u00e4t und Verantwortung, die uns ans\nHerz gelegt werden. Wer soll da etwas dagegen haben? Dazu werden wir nicht m\u00fcde,\nall denen zu danken, die trotzdem f\u00fcr uns da sind: Verk\u00e4ufer*innen und\nBusfahrer*innen, \u00c4rzt*innen und Pfleger*innen. Das Problem ist nur, dass es\nebenso wenig ihre Entscheidung war wie die derjenigen, die wir jetzt leider\nnicht sehen d\u00fcrfen, deren Dienste wir leider vor\u00fcbergehend nicht beanspruchen\nd\u00fcrfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Alltag schl\u00e4gt ohnehin die Stunde der\nMoralist*innen und Blockwart*innen, die penibel \u00fcberwachen, ob wir die\nHygienevorschriften auch einhalten und die sich nicht scheuen, die Polizei zu\nrufen, wenn sich eine Gruppe von Jugendlichen doch zu nahe kommt. Zwar werden Bu\u00dfgelder\nbei Ordnungswidrigkeiten verh\u00e4ngt, aber wie h\u00e4ufig das geschieht, dar\u00fcber lie\u00df\nsich bei einer schnellen Recherche nichts finden. Es handelt sich um\nHegemoniepolitik gepanzert mit Zwang. Meinem Eindruck zufolge besteht aber kaum\neine Notwendigkeit, die Ma\u00dfnahmen durch Strafen durchzusetzen. Die Bev\u00f6lkerung\n\u00fcbt sich freiwillig in Gehorsam. \u00dcber m\u00f6gliche Motive mitzumachen, ist damit\nnoch nichts gesagt. Das kann eine Unterwerfungsgeste sein, das kann auf der\nAbw\u00e4gung beruhen, dass die Verweigerung derselben zu aufwendig und wenig\naussichtsreich sei, das kann auch Einsicht in das rationale Vorgehen der\nBundesregierung sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn ich hier eine Pointierung versuche, so\nwill ich zumindest erw\u00e4hnen, dass es sich nicht um einen eindimensionalen\nVorgang handelt. Eine Ausnahme stellt das Versammlungsverbot dar: Die\nDemonstration von \u201eSeebr\u00fccke\u201c in Frankfurt wurde durch die Polizei aufgel\u00f6st,\nobwohl die Aktivist*innen den Sicherheitsabstand eingehalten und Mundschutz\ngetragen haben. Diese Situation bringt auch Ideen hervor: etwa \u201eFensterdemos\u201c\noder das Hinterlassen von bunten Fu\u00dfabdr\u00fccken oder Schuhen auf \u00f6ffentlichen\nPl\u00e4tzen, die im Minutentakt von Einzelnen passiert werden, so bei einer Aktion\nin Berlin. Zu bew\u00e4hrten Strategien f\u00fcr widerst\u00e4ndiges Handeln geh\u00f6rt, die\nherrschenden \u201eAnsagen\u201c beim Wort zu nehmen. In diesem Kontext ist die\nInitiative <em>#leavenoonebehind<\/em>\ninteressant, die Gesundheitsschutz f\u00fcr alle und die Aufl\u00f6sung von\nFl\u00fcchtlingslagern fordert. Was der Alltag an \u201eUnterschleif\u201c bietet, w\u00e4re erst\nnoch zu erforschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Noch eine kleine Beobachtung will ich anf\u00fchren: Um\neine Nachricht zu generieren reicht es, wenn sich die Bundeskanzlerin\nangesichts der k\u00fcrzlich entbrannten Debatte \u00fcber m\u00f6gliche Lockerungen der\nKontaktsperre, genervt zeigt. Gegen\u00fcber einer vereinnahmten Zivilgesellschaft\nbraucht es keine Argumente, Gef\u00fchls\u00e4u\u00dferungen reichen vollkommen aus. Dass es\nsich dabei auch um einen Affront gegen die Nationale Akademie der\nWissenschaften (<em>Leopoldina<\/em>) handelte,\ndie schnelle Lockerungen pr\u00e4feriert hatte, brauchte gar nicht thematisiert zu\nwerden. Zwar ber\u00e4t die <em>Leopoldina<\/em>\nvorwiegend die Regierung (unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der\nKapitalperspektive), ist aber in der Corona-Krise in Konkurrenz zu anderen\nExpert*innen geraten und hatte das Nachsehen gegen\u00fcber den Virologen und\nInstituten, die ihr Ansehen in der \u00d6ffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt durch\nUnterst\u00fctzung von Politik und Medien schon erreicht hatten. Die \u00f6ffentliche\nAufmerksamkeit, die der <em>Leopoldina<\/em> zu\nTeil wurde, war dieser Akademie, die bisher eher im Hintergrund agiert hat,\nwohl unliebsam. Zudem hatte sie das Nachsehen. Was daraus \u00fcber das Verh\u00e4ltnis\nvon Politik und Kapital(-fraktionen) zu lernen ist, wird die Post-Corona-Phase\nzeigen. Was sich im Augenblick andeutet, macht nicht gerade zuversichtlich. Ich\nkann \u201eZeichen an der Wand\u201c nicht lesen, will den autorit\u00e4ren Politikstil aber\nauch nicht \u00fcbersehen. An Konflikten, wie etwa dem mit der <em>Lufthansa <\/em>oder dem um die n\u00e4chste \u201eAbwrackpr\u00e4mie\u201c, wird sich\ndemn\u00e4chst zeigen, wie das Verh\u00e4ltnis von Politik und Kapital (neu) austariert\nwird. <\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Erkenntnis? Vermutlich keine! F\u00fcr Russland\nkonnte Gramsci zeigen, dass gerade eine nicht ausgebildete Zivilgesellschaft eine\nerfolgreiche Revolution erm\u00f6glicht hat. Unter Bedingungen von Demokratie ist\nZivilgesellschaft inzwischen so vereinnahmt, dass sie nicht widerst\u00e4ndig\nhandelt, sondern die herrschende Politik st\u00fctzt. Aber das wusste Gramsci vor\nhundert Jahren auch schon. Das geschieht auch dann, wenn Politik im autorit\u00e4ren\nGewande auftritt. Zwang kann so eine Option im Hinterhalt bleiben, wenn die\nBev\u00f6lkerung zuvorkommend und verantwortungsbewusst freiwillig mitmacht. Dazu\ngeh\u00f6rt die Stunde den organischen Intellektuellen der politischen Klasse, die\ngelegentlich ihr Terrain gegen die st\u00e4rker dem Kapital verpflichteten\nDenker*innen verteidigen m\u00fcssen. Dass ein offen autorit\u00e4rer Staat g\u00fcnstiger f\u00fcr\nemanzipatorische Politik sei, l\u00e4sst sich daraus freilich nicht schlussfolgern. Vielmehr\nscheint mir gegenw\u00e4rtig der Fall zu sein, dass Konflikte zivilgesellschaftlich\neingehegt werden. Emanzipatorische Politik zeichnet sich dadurch aus, dass\nInteressen ausgehandelt werden. Dazu bedarf es allerdings der Konfliktf\u00e4higkeit\nvon verschiedenen Interessenspositionen. Mit Appellen an unserer aller\nVerantwortungsbewusstsein werden diese von vornherein eingeebnet. Das Abgewogen\nwerden m\u00fcsste, tauchte als Motiv in der \u00f6ffentlichen Debatte erst auf, als\nEntscheidungen bez\u00fcglich Lockerungen der Kontaktsperren gefallen waren. <\/p>\n\n\n\n<p>Es mag sich hier um eine Zuspitzung handeln. Die\nWiderspr\u00fcche sind interessant. Suchen wir sie \u2026 Oder, anders formuliert und\nganz altmodisch gesprochen: Wo sind eigentlich die organischen Intellektuellen\nder Arbeiterklasse?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christine Resch<br \/>\nMit Zivilgesellschaft sind seit 1989ff in der wissenschaftlichen Debatte \u201edie Guten\u201c gemeint. 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