{"id":500,"date":"2021-06-08T15:54:51","date_gmt":"2021-06-08T13:54:51","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=500"},"modified":"2021-06-08T15:54:51","modified_gmt":"2021-06-08T13:54:51","slug":"seuchenbekaempfung-und-proteste","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=500","title":{"rendered":"Seuchenbek\u00e4mpfung und Proteste"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\"> Helmut Dahmer <\/h5>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>I<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eCorona\u201c (alias \u201eCovid-19\u201d)\nbegann seinen Zug um die Welt in der zentralchinesischen Millionenstadt Wuhan.\nVermutlich sprang auf dem dortigen Markt ein mutiertes Virus von Tieren\n(Flederm\u00e4usen?) auf Menschen \u00fcber und verbreitete sich dann rasch durch\nAnsteckung (Tr\u00f6pfchen- beziehungsweise Aerosol-Infektion). Anders als fr\u00fchere\nEpidemien, die den europ\u00e4ischen und den amerikanischen Kontinent nicht\nerreichten oder nur streiften, machte sich der Erreger der neuen Seuche die von\nMillionen frequentierten Reise- und Handelsstra\u00dfen der Gegenwart zunutze,\nsprang binnen Tagen und Wochen von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent;\n\u201eCovid-19\u201c wurde zur \u201ePandemie\u201c. Ohne Immunit\u00e4t, unvorbereitet, ohne Vorbeuge-\noder Heilmittel befinden wir uns in einer Lage, die derjenigen gleicht, in der\nsich die Bev\u00f6lkerungen der altamerikanischen Kulturen Mittel- und S\u00fcdamerikas befanden,\nals europ\u00e4ische Eroberer, die Konquistadoren, selbst \u201eimmun\u201c, sie mit ihnen unbekannten\nKrankheiten infizierten, an denen sie massenweise zugrunde gingen. Auch die\neurop\u00e4ische Bev\u00f6lkerung wurde Jahrhunderte lang stets wieder von Seuchen\nheimgesucht, denen sie die l\u00e4ngste Zeit hilflos gegen\u00fcberstand. Pest und\nCholera haben sich dem Kollektivged\u00e4chtnis am tiefsten eingepr\u00e4gt. Manche\ndieser Epidemien entv\u00f6lkerten ganze Landstriche, kehrten gelegentlich wieder\noder verschwanden ganz. Au\u00dfer Hygiene- und Quarant\u00e4ne-Ma\u00dfnahmen wusste man\nihnen jahrhundertelang nichts entgegenzusetzen. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Auseinandersetzung\nzwischen der von ihm vorgefundenen \u201eUmwelt\u201c und dem eigent\u00fcmlichen Naturwesen\nMensch (samt seinen Vorl\u00e4ufern) w\u00e4hrt schon etwa eine Million Jahre. Als\n\u201eInvalide seiner h\u00f6heren Kr\u00e4fte\u201c (n\u00e4mlich der Sprache und der Technik) und als\n\u201enicht festgestelltes\u201c, darum au\u00dferordentlich anpassungsf\u00e4higes Tier \u2013 wie\nHerder und Nietzsche ihn charakterisierten \u2013, hat dieser transkontinentale R\u00e4uber\nund Wanderer, vor allem seit der \u201eneolithischen Revolution\u201c, dem \u00dcbergang zu\nAckerbau und Viehzucht, seinen Bed\u00fcrfnissen entsprechend mittels Rodung und\nWasserbau weite Territorien umgestaltet und unter der Fauna aufger\u00e4umt. Selbst\nein Allesfresser, hat er sich \u2013 im Schutzraum seines kulturellen Habitats \u2013 dem\nSchicksal des Gefressen-Werdens entzogen, manche Tiere (wie Mammuts)\nausgerottet, ihm gef\u00e4hrliche (wie B\u00e4ren, Tiger und W\u00f6lfe\u2026) dezimiert und die\n\u00fcberlebenden in Zoos und Reservate gesperrt. Doch den Kampf gegen die (wie die atomare\nStrahlung) ohne spezielle Ger\u00e4te f\u00fcr ihn nicht wahrnehmbaren Menschenfresser, gegen\ndie mikroskopisch kleinen, stets mutierenden parasit\u00e4ren \u201eVirionen\u201c, die zu\nihrer Reproduktion auf Wirtszellen von Pflanzen oder Tieren angewiesen sind, hat\ner noch l\u00e4ngst nicht gewonnen.<a href=\"#_edn1\">[1]<\/a> Die Entdeckung von und der\nKampf gegen Viren ist ungef\u00e4hr 150 Jahre alt (der gegen \u201eBakterien\u201c w\u00e4hrt schon\ndreieinhalb Jahrhunderte).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>III<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bis in die\n(europ\u00e4ische) Neuzeit gab es auf die qu\u00e4lende Frage nach Herkunft und \u201eSinn\u201c\nder gro\u00dfen Seuchen nur eine, n\u00e4mlich die magische Antwort: Die Menschen haben\nden Kult der irdischen und himmlischen G\u00f6tter, denen sie Leben und Nahrung\nverdanken, vernachl\u00e4ssigt, ihre Gebote missachtet \u2013 sie sind also schuldig\ngeworden.<a href=\"#_edn2\">[2]<\/a> Diese Schuld muss\nabgegolten werden, und es gen\u00fcgt nicht, dass G\u00f6tter und D\u00e4monen sich selbst mit\nHilfe der Krankheit Hekatomben von Menschenopfern holen, sondern es bedarf\nimmer neuer S\u00fchneopfer und Reinigungsrituale von Seiten der schuldig\nGewordenen, die unterm Druck ihrer Schuld andere Schuldige suchen und finden.\nKandidaten daf\u00fcr waren nicht nur Pestkranke oder Auss\u00e4tzige, vermeintliche\nBrunnenvergifter und Brandstifter, Hostiensch\u00e4nder, Hexer und Hexen, sondern\nauch Un- und Andersgl\u00e4ubige, \u201eS\u00fcnder\u201c aller Art, \u201eGezeichnete\u201c, Fremde und\nKriegsgefangene\u2026 Und so war jede Epidemie, jede Katastrophe, jede D\u00fcrre,\n\u00dcberschwemmung und Missernte begleitet und gefolgt von Opferorgien. \u201ePsychische\nEpidemien\u201c, hei\u00dft es in einer Geschichte der Medizin, \u201etraten besonders nach\ndem Schwarzen Tod auf und fanden ihren Ausdruck in Akten des Massenwahns, wie\nder Verbrennung von Tausenden von Juden, den Prozessionen der Flagellanten\n(Gei\u00dfler) und den Kinderkreuzz\u00fcgen (1212).\u201c<a href=\"#_edn3\">[3]<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>IV<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von der Fr\u00fchgeschichte\nbis in die fr\u00fche Neuzeit waren die Menschen den Seuchenz\u00fcgen hilflos\nausgeliefert; sie wussten nicht, wie ihnen geschah. Erst als auf der Grundlage\nder verallgemeinerten Warenproduktion Nutzenkalk\u00fcle eine enorme Steigerung der\nArbeitsproduktivit\u00e4t, also der Natur- und Menschenbeherrschung erm\u00f6glichten<a href=\"#_edn4\">[4]<\/a>, wurden in der zweiten\nH\u00e4lfte des 19. Jahrhundert auch Biologie und Medizin revolutioniert.<a href=\"#_edn5\">[5]<\/a> Seitdem sind Epidemien im\nPrinzip kontrollierbar geworden, man kann ihnen vorbeugen, sie eind\u00e4mmen oder\nsie gar abschaffen. <a href=\"#_edn6\">[6]<\/a>\nSeit 150 Jahren sind Infektionskrankheiten kein Schicksal mehr, so wenig, wie\nes die Kriege sind oder die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima. An die\nStelle vieler Naturkatastrophen von dermal einst sind <em>man-made-disasters<\/em> getreten. Und wenn Epidemien antiquiert noch\nimmer beschrieben und besprochen werden, als handele es sich um Ph\u00e4nomene wie\nMeteoriten-Einschl\u00e4ge, Tsunamis oder Vulkanausbr\u00fcche, dann wird der\nunbeherrschbaren Natur zugeschrieben, was nur mehr Produkt der unbeherrschten\nWeltgesellschaft ist, die, von Imperativen der Kapitalakkumulation getrieben,\nplanlos von einer Katastrophe in die n\u00e4chste taumelt. <em>Nicht wenige der vermeintlichen \u201eNatur\u201c-Katastrophen der Gegenwart sind\nin Wahrheit Sozial-Katastrophen<\/em>, und deren \u201enaturale\u201c Camouflage verhindert\ndie Suche nach den Faktoren hinter den (epidemiologischen) Fakten.<a href=\"#_edn7\">[7]<\/a> R\u00fcckblickend auf die \u201e\u00c4ra\nder Bakteriologie\u201c schrieb Erwin Ackerknecht:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMan machte die\nErfahrung, dass die Kenntnis der <em>parasit\u00e4ren\nKrankheitsursachen<\/em> und ihrer wirksamen Behandlungsweise nicht zur\nAusrottung der Krankheit f\u00fchren kann, wenn <em>bestimmte\nsoziale und wirtschaftliche Faktoren<\/em> f\u00fcr die volle Anwendung dieser\nKenntnis ung\u00fcnstig sind. Dies gilt besonders f\u00fcr die Cholera, f\u00fcr die Malaria, f\u00fcr\ndie Tuberkulose und f\u00fcr die Syphilis. Das \u00e4rztliche Wissen w\u00fcrde beim [Ende des\n19. Jahrhunderts] schon hohen Stand der Mikrobiologie wahrscheinlich\nausreichend gewesen sein, um diese Krankheiten allm\u00e4hlich auszurotten. Doch die\nschlechten hygienischen und sozialen Bedingungen sicherten [\u2026] ihr Fortbestehen\nund lassen bis heute ihre Ausbreitung in der Dritten Welt zu.\u201c<a href=\"#_edn8\">[8]<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>V<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die l\u00e4ngste Zeit der\nMenschheitsgeschichte boten H\u00f6hlen, Zelte, H\u00fctten und H\u00e4user, St\u00e4dte und Mauern\nrelativen Schutz gegen Naturgewalten und sichtbare Feinde, nicht aber gegen\nunsichtbare und darum unbekannte. Das \u00e4nderte sich erst in der Moderne, die es\nerm\u00f6glichte, auch zuvor Unsichtbares sichtbar und messbar zu machen und\nneuartige Schutzvorkehrungen und Heilmittel (Vakzine) zu kreieren. Aufgrund der\nForschungen von Pasteur, Koch und ihren Nachfolgern ist es m\u00f6glich geworden,\ndas menschliche Habitat mit neuartigen, feineren Filtern besser gegen Bakterien\nund Viren zu sch\u00fctzen. Doch im Innern dieses Habitats herrscht noch immer die Ungleichheit\nund toben Verteilungsk\u00e4mpfe zwischen den Klassen. Von deren Ausgang h\u00e4ngt es\nnun ab, ob weitere Verfahren der Seuchenbek\u00e4mpfung entwickelt und genutzt\nwerden k\u00f6nnen und ob sie wenigen, vielen oder allen zugutekommen.<a href=\"#_edn9\">[9]<\/a> Nicht mehr die W\u00f6lfe m\u00fcssen\nwir f\u00fcrchten, sondern Menschen, die \u2013 unkontrolliert \u2013 \u00fcber finanzielle und\nmilit\u00e4rische Machtmittel verf\u00fcgen, nicht neue Viren, sondern die traditionell\nungleiche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die es bisher unm\u00f6glich\nmacht, Hunger, Krieg und Seuchen abzuschaffen. It\u2019s the class-structure,\nstupid!<a href=\"#_edn10\">[10]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>VI<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In vielen Staaten der\nErde gilt die jeweils verfolgte Politik als \u201ealternativlos\u201c; und weil es schon\nlange keine gro\u00dfen Parteien mehr gibt, die nicht nur bestimmte M\u00e4ngel der\nbestehenden Gesellschaft reformieren, sondern ihre Struktur \u00e4ndern wollen, und\nweil Sozialwissenschaftler, denen es um solche Alternativen geht,\nmarginalisiert werden, fungieren derzeit einzig Virologen als (technische)\nBerater jener Regierungen, die das System der Ungleichheit und der Unm\u00fcndigkeit\nschlecht und recht verwalten. Die aus ein paar Parteipolitikern ad hoc\ngebildeten \u201eCorona-St\u00e4be\u201c erwiesen sich freilich in diesem, von der Seuche\nbestimmten Fr\u00fchjahr 2020 als au\u00dferordentlich flexibel. \u00dcber Nacht schlugen sie\ngro\u00dfe Breschen in den K\u00e4fig alternativloser Reform- und Gedankenlosigkeit und\nverlegten sich, nach Jahren und Jahrzehnten der \u201eAusterit\u00e4ts\u201c-Politik, um der\nWirtschaft und der Volksgesundheit willen aufs Schuldenmachen und auf\nstaatliche Eingriffe in die \u201eM\u00e4rkte\u201c, deren Kommando ihnen doch bisher stets\nGesetz war. <\/p>\n\n\n\n<p>Offenbar wurde die\nj\u00fcngste Mutation des Corona-Virus und sein \u00dcbersprung auf Menschen durch\nRodungen, Massentierhaltung und Klimawandel beg\u00fcnstigt.<a href=\"#_edn11\">[11]<\/a> Dass das Virus sich \u00fcber\ndie heutigen Reise- und Handelsrouten verbreitet, ist unverkennbar. Dass\nProphylaxe, Eind\u00e4mmung, Erforschung und Bek\u00e4mpfung von den verf\u00fcgbaren\nRessourcen (Viren-Spezialisten, Seuchen\u00e4rzten, Forschungslabors,\nPflegepersonal, Krankenhauspl\u00e4tzen, Intensivstationen, Desinfektionsmitteln,\nMasken, Beatmungsger\u00e4ten usw.), \u00fcberhaupt vom jeweiligen Zustand des\nGesundheitssystems abh\u00e4ngen, liegt auf der Hand. Und das hei\u00dft: Die\nBev\u00f6lkerungen der reichen Gl\u00e4ubigerstaaten haben gegen\u00fcber denen der\nSchuldnerstaaten auch und gerade in Pandemiezeiten weitaus bessere\n\u00dcberlebenschancen, so wie im Innern der wenigen Wohlstandsinseln die\nprivilegierten Schichten auch im Zeichen von Corona besser, sicherer und l\u00e4nger\nleben.<a href=\"#_edn12\">[12]<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>VII<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Manager,\nHandelsagenten, Techniker, Entwicklungshelfer, Touristen und Missionare tragen\ndas Virus in alle Welt; es reist mit Schiffen und Flugzeugen. Doch weder in\nAlbanien, noch in Kambodscha, weder auf Haiti, noch auf der Osterinsel wird ein\nImpfstoff gegen Corona gefunden werden, und falls einer gefunden wird, werden\ndie Pandemie-Opfer in der dritten und vierten Welt zu allerletzt davon\nprofitieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die sogenannten\n\u201ehotspots\u201c, \u201ecluster\u201c oder Virenschleudern, von denen die Seuche ausstrahlt\noder in denen sie immer wieder aufflammt, sind, abgesehen von Lustbarkeiten\n(Karneval, Sportveranstaltungen, Apr\u00e8s-Ski\u2026), Gottesdiensten und politischen\nMeetings vor allem Kasernen, Schlacht- und Kreuzfahrtschiffe, Fl\u00fcchtlings- und\nGefangenenlager, Slums und die erb\u00e4rmlichen Massenquartiere f\u00fcr Hunderttausende\nvon billigen Wanderarbeitern, wie sie in der Landwirtschaft, auf Gro\u00dfbaustellen\noder in Fleischfabriken eingesetzt werden. Auf die Existenz dieser\nBillig-Lohn-Brigaden werden Politiker und \u00d6ffentlichkeit jetzt, wo sie zu\nSeuchenopfern und damit zu Gef\u00e4hrdern geworden sind, zum ersten Mal aufmerksam.\nKeine Gewerkschaft, kein Philanthrop hat sich je f\u00fcr sie interessiert. \u00dcberall,\nwo pauperisierte Menschen mit geschw\u00e4chten Immun-Systemen zusammengepfercht\nwerden, in Ghettos und \u201etotalen Institutionen\u201c \u2013 Gef\u00e4ngnissen, Psychiatrien,\nAlten- und Pflegeheimen \u2013, h\u00e4lt der Tod reiche Ernte. Und gilt das schon f\u00fcr\ndie reichsten L\u00e4nder, wie wird es den Bev\u00f6lkerungen der Welt-Armutszonen, der\nKriegs- und Hungerl\u00e4nder ergehen, wenn die Seuche sie erreicht? <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>VIII<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Corona wirft ein\ngrelles Licht auf die feinen und weniger feinen Unterschiede, die, um des\nimmerfort beschworenen, imagin\u00e4ren Zusammenhalts \u201ealler\u201c Menschen willen,\nnational und international geleugnet, besch\u00f6nigt, relativiert und ignoriert\nwerden.<a href=\"#_edn13\">[13]<\/a> Zumindest f\u00fcr die, die\n\u00fcberhaupt sehen wollen, werden im Zeichen von Corona die Klassenteilung und die\nSprossen der Einkommensleiter, wird die gesamte Hierarchie der sozialen\nSchichtung sichtbar.<a href=\"#_edn14\">[14]<\/a> Wie in Putsch-, Kriegs-\noder Besatzungszeiten werden Ausgangssperren (quasi Hausarreste) verh\u00e4ngt. Mit\ndenen ergeht es uns aber ganz dem ber\u00fchmten Statement von Anatole France\nentsprechend, wonach das Gesetz es Arm und Reich <em>gleicherma\u00dfen<\/em> verbietet, unter den Br\u00fccken (nicht nur von Paris) zu\nschlafen.<a href=\"#_edn15\">[15]<\/a>\n\u201eStay home\u201c galt f\u00fcr normale Mieter, wobei es Balkon- und Gartennutzer schon\nbesser getroffen hatten, erst recht die Hausbesitzer. Die Bewohner von\nSlumh\u00fctten und Massen-Quartieren waren nicht betroffen. Nicht betroffen war\nauch die Klasse der Autobesitzer, die sich jederzeit frei bewegen konnten, und\nfreier noch waren die motorisierten Datscha-, Zweitwohnungs- und\nResidenz-Eigent\u00fcmer, die weder auf \u00f6ffentliche Verkehrsmittel, noch auf Hotels\nangewiesen sind&#8230; Bald kamen Gesch\u00e4fts- und Vergn\u00fcgungsreisen mit Privatjets\nin Mode. \u201eFreie Fahrt f\u00fcr freie B\u00fcrger!\u201c <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>IX<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ma\u00dfnahmen-Konformit\u00e4t\nerzeugt auf die Dauer Unwillen. Der aber richtet sich nicht gegen die\nPrivilegierten, deren Leben sich unter Corona-Bedingungen nicht \u00e4ndert, nicht\ngegen diejenigen, die weder von Kurzarbeit und Verdienstausfall, noch von\nArbeitslosigkeit betroffen sind, und kaum gegen die offiziellen\nMa\u00dfnahmen-Verordner und Sch\u00f6nredner, die nur im Fernsehen auftreten, also\nungreifbar sind. Aggression trifft erst einmal die Wenigen, die die neuen\nRegeln weniger strikt oder gar nicht befolgen: Abstandswahrer attackieren\nMitb\u00fcrger, die es mit dem Abstand nicht so genau nehmen, und \u00fcberall finden\nsich Ordner, die \u00fcber Reihenfolge und Distanz von Schlangenstehern wachen.\nSchwitzende Maskentr\u00e4ger beschimpfen Unmaskierte, mitunter schimpfen die\nzur\u00fcck. Sie alle emp\u00f6ren sich \u00fcber die <em>kleinen<\/em>\nUngleichheiten, die ihnen die gro\u00dfen, lebensentscheidenden verdecken. Statt\ndass sie etwa Risikozuschl\u00e4ge und Lohnerh\u00f6hungen f\u00fcr das medizinische Personal\nverlangten, lassen ganze Stra\u00dfenz\u00fcge die imagin\u00e4re Einheit der Corona-Bedrohten\nhochleben, mit Musik und Tanz auf Balkonen, mit Nationalhymnen und\nBeifallklatschen, und wehe dem, der bei solchen Ritualen nicht mitmacht.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>X<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach Wochen und Monaten\naber macht sich inzwischen der latente Frust Luft, erst in den \u201esozialen\u201c\nMedien, dann auf Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Protestierenden\nsprechen nur f\u00fcr sehr wenige. Eine klare Mehrheit der Bev\u00f6lkerung steht hinter\nden Restriktionen.\u201c \u201eDoch gerade jetzt sind alte und neue D\u00e4monen auf den\nStra\u00dfen unterwegs. Vor wenigen Wochen noch haben die Deutschen die Nase\nger\u00fcmpft, als sie waffenschwingende Amerikaner sahen, die gegen den Lock-Down\nprotestierten. Doch ihre Schadenfreude w\u00e4hrte nur kurz. Am 8. Mai str\u00f6mten Tausende\nvon Protestlern auf die Stra\u00dfen von Gro\u00dfst\u00e4dten wie Berlin, M\u00fcnchen und\nStuttgart, die ihre Rechte in Gefahr sehen und Verschw\u00f6rungstheorien\nfavorisieren \u2013 eine wilde Mischung von Ex\u00adtremisten, Verschw\u00f6rungstheoretikern\nund gew\u00f6hnlichen B\u00fcrgern, die von der weit rechts stehenden <em>Alternative f\u00fcr Deutschland<\/em> [AfD] nach\nKr\u00e4ften unterst\u00fctzt wurde.\u201c<a href=\"#_edn16\">[16]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im\nBann der Alternativlosigkeit, die in Deutschland so lange Staatsraison war,\nwei\u00df niemand, was zu tun und zu fordern w\u00e4re<\/em>.\nKeiner kommt auf die naheliegende Idee, als Antwort auf die Corona-Krise nicht\nnur die sofortige <em>Ent-Privatisierung des\nGesundheitssystems<\/em> zu fordern, sondern die Einrichtung eines neuartigen,\nnon-profitablen Gesundheitsdienstes, der <em>allen<\/em>\nkostenlos zur Verf\u00fcgung steht. Kein Gewerkschafter traut sich, angesichts des\nKurzarbeiterheers, das demn\u00e4chst zum Arbeitslosenheer wird, <em>jetzt<\/em> eine <em>Umverteilung der Arbeit<\/em> auf die Tagesordnung zu setzen, also die <em>Vier-Tage-Woche<\/em> (mit 28 Wochenstunden)\nf\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten und eine <em>Mindestsicherung<\/em>\nf\u00fcr alle, f\u00fcr die es keine Arbeit (mehr) gibt. Stattdessen demonstrieren\nTausende, denen es zuvor nie eingefallen w\u00e4re, \u00fcberhaupt einmal f\u00fcr oder gegen\netwas auf die Stra\u00dfe zu gehen, f\u00fcr die Aufhebung der Restriktionen (n\u00e4mlich der\nAusgangsbeschr\u00e4nkungen, der Masken- und Abstandspflicht), die bisher f\u00fcr\ngeringere Infektions- und Todesraten als in den Nachbarl\u00e4ndern (von Russland,\nden USA oder Brasilien ganz zu schweigen) gesorgt haben. Doch der Protest ist\nein nationaler, der Blick der Akteure reicht \u00fcber die Landesgrenzen nicht\nhinaus. Nicht die Verselbst\u00e4ndigung der Exekutive gegen\u00fcber dem Parlament macht\nihnen Sorge, nicht die <em>Tendenz<\/em> zum\n\u201estarken Staat\u201c. Vorschnell geben sie die parlamentarische Demokratie verloren,\nschwingen das Grundgesetz als Talisman und w\u00e4hnen, die \u201eUniformierung\u201c der\nBev\u00f6lkerung durch den \u201eMerkel-Maulkorb\u201c beweise, dass wir uns halb schon im\nOrwell-Staat, jedenfalls aber im \u201eFaschismus\u201c bef\u00e4nden. In der ersten Reihe\nfinden sich Leute aus allen sozialen Schichten, die, angstgetrieben, die\nPandemie \u00fcberhaupt leugnen, sie f\u00fcr ein blo\u00dfes Ger\u00fccht halten, erfunden, um\nMenschenmassen zu manipulieren.<a href=\"#_edn17\">[17]<\/a> Nazis, die keine sein\nwollen, versuchen, auf dieser Protest-Welle zu surfen, da die\n\u201eFl\u00fcchtlingswelle\u201c, die sie nach 2015 in die Parlamente von Bund und L\u00e4ndern\nsp\u00fclte, vorl\u00e4ufig verebbt ist. <\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland w\u00fchlt\nder Strudel der Emp\u00f6rung gleich auch die ganze unbew\u00e4ltigte Vergangenheit\nwieder auf. An Statisten f\u00fcr alte St\u00fccke fehlt es nicht, und in diesen Geisterspielen\nw\u00e4hnen die einen sich in der Revolution von 1848, andere versetzen sich lieber\nnoch einmal in die von 1989 (\u201eWir sind das Volk!\u201c); dritte tragen stolz ein\nT-Shirt mit dem Konterfei Anne Franks zur Schau, w\u00e4hrend neben ihnen junge\nFrauen und \u00e4ltere M\u00e4nner, strahlend vor Torheit, mit einem \u201eJudenstern\u201c an der\nBrust paradieren (Aufschrift: \u201eIch bin nicht geimpft!\u201c). Viele rufen im Chor\ngern \u201eWiderstand!\u201c, und das in einem Land, in dem es keine R\u00e9sistance gab und\nin dem die wenigen Widerst\u00e4ndler noch Jahre nach dem Krieg als \u201eVerr\u00e4ter\u201c\ngalten. Auch die alte, antisemitisch get\u00f6nte \u201eantikapitalistische Sehnsucht des\ndeutschen Volkes\u201c<a href=\"#_edn18\">[18]<\/a>\nregt sich wieder. Die Sehns\u00fcchtigen greifen auf das antisemitische Dispositiv\nzur\u00fcck und k\u00fcren Bill Gates, den Gr\u00fcnder von <em>Microsoft<\/em>, zum S\u00fcndenbock. Der ist Programmierer und M\u00e4zen, einer\nvon (weltweit) mehr als zweitausend Milliard\u00e4ren. Vielen Protestlern gilt er\ndarum als das personifizierte \u00dcbel, als eine Art Mr. Weltkapitalist, als der\nihnen schon George Soros erschien. Was aber werfen sie ihm vor? Nicht etwa,\ndass das Wirtschaftssystem, von dem er profitiert, der Auspressung von\nMehrarbeit dient und ihnen stets mit \u201eFreisetzung\u201c droht, oder dass Leute wie\ner sich Regierungen und Parlamente wie Fussballmannschaften, Zeitungen oder\nOpernh\u00e4user kaufen k\u00f6nnen, nein: dass er, angesichts der neuen Pandemie, eine\nVariante der guten alten Pockenimpfung favorisiert\u2026<a href=\"#_edn19\">[19]<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>XI<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sommer haben\ndie Minderheits-Proteste gegen die Corona-Restriktionen in Deutschland eine\nneue Qualit\u00e4t erreicht. Nach Demonstrationen in Stuttgart und anderen St\u00e4dten\nzogen am 29. 8. in Berlin an die 40.000 \u2013 vielleicht waren es auch 100.000 \u2013\nProtestierer auf.<a href=\"#_edn20\">[20]<\/a>\nAls Organisatoren und Parolen-Geber wirkten Stuttgarter \u201eQuerdenker\u201c, die\nVerfassung und Grundrechte in Gefahr sehen. Ihrem Ruf folgte eine bunte,\nkarnevalistisch anmutende Menge, die ihr \u201eGef\u00fchl der Ohnmacht\u201c (Erich Fromm),\nihre verzweifelte Suche nach \u201eErkl\u00e4rungen\u201c, ihr Streben nach Erm\u00e4chtigung, ihre\nSehnsucht nach Protektion mehr oder weniger wahnhaft zum Ausdruck brachte.<a href=\"#_edn21\">[21]<\/a> Die Teilnehmer einer\nsolchen Walpurgisnacht am hellichten Tag wissen, dass \u2013 trotz Wahlen und\nGewaltenteilung \u2013 nicht sie, sondern andere \u00fcber Investition und\nNicht-Investition, Arbeit oder Nichtarbeit, Krieg und Frieden entscheiden. Das\nist der Erfahrungskern, von dem ihre Phantasmen zehren. Die einen w\u00e4hnen, dass\nsie schon wieder im Faschismus (oder in der DDR) leben, die andern, dass\nm\u00e4chtige Finanzkapitalisten sie versklaven (oder dezimieren) wollen, die\ndritten rufen Trump (oder Putin) zu Hilfe. Jahrelang hat man ihnen\n\u201eAlternativlosigkeit\u201c gepredigt, und nun mucken sie dagegen auf. Sie rufen nach\n\u201eFreiheit\u201c, und sei es, wenn andere Freiheiten nicht zu haben sind, die\nkleinste, n\u00e4mlich die, keine Schutzmaske tragen zu m\u00fcssen. Da keine\n\u201evern\u00fcnftigen\u201c, machbaren Alternativen in Sicht sind, werden sie in der nahen\noder entfernteren Vergangenheit gesucht. In Berlin wurde (am 29. August) \u2013 von\neiner Vorhut von ein paar Hundert aufgek\u00e4scherten Demonstranten (untermischt\nmit V-Leuten) \u2013 die deutsche Novemberrevolution von 1918 nachgespielt \u2013 mit\n\u201eSturm auf den Reichstag\u201c, Ausrufung einer \u201eFreien Republik\u201c (wie einst,\nkonkurrierend, von Liebknecht und Scheidemann) und der Forderung nach Neuwahlen\nund einer neuen Verfassung. Ohnmachtsgef\u00fchle wurden durch Allmachtsphantasien\nkompensiert.<a href=\"#_edn22\">[22]<\/a>\nNur gab es weder R\u00e4te, noch Massenstreiks, noch gar den Ruf nach\n\u201eArbeiterkontrolle\u201c \u00fcber Banken, B\u00f6rsen und Internet-Konzerne. \u201eDrau\u00dfen im\nLand\u201c blieb es ruhig, und auch die den Wallot-Bau mit der Glaskuppel\nabschirmenden Polizisten waren kaum tauglich, im Historienspektakel Noskes\nFreikorps (von 1919), oder die SA (von 1933) darzustellen. Dass das\n\u201eUnbewusste\u201c keine Gegens\u00e4tze kennt (Freud), gilt auch f\u00fcr das kollektive Unbewusste.\nUnd so tauchen in einem Land, dessen hitlertreue Mehrheit 1945 versuchte, 12\nJahre aus ihrer Erinnerung zu l\u00f6schen<a href=\"#_edn23\">[23]<\/a>, unter dem Druck von\n\u201eCorona\u201c die Gespenster von Revolution und Konterrevolution in Gestalt von\nseltsamen Mischbildern wieder auf, wobei am Ende immer die Symbole der\nKonterrevolution die Oberhand gewinnen. Die \u201eReichstags\u201c-Treppe wurde zur\nB\u00fchne. Nostalgisch schwenkte die Vorhut der Rebellen (neben anderen) die\nschwarzwei\u00dfrote Fahne, die einst \u00fcber Kaiserreich und Hitlerstaat wehte. (Die\nrote, die Sowjetsoldaten am 1. Mai 1945 auf dem ruinierten Bau gehisst hatten,\nkam ihnen nicht in den Sinn\u2026) Und wenn nun Staatsrepr\u00e4sentanten sagen, da seien\n\u201eGrenzen des Anstands\u201c verletzt worden oder es handele sich um einen\n\u201eunertr\u00e4gliche[n] Angriff auf das Herz [!] unserer Demokratie\u201c<a href=\"#_edn24\">[24]<\/a>, dann verfehlt die Kritik\nentschieden die Reichstags-Symbolik, wie sie in Kopf und Herz von \u201eQuerdenkern\u201c\nherumspukt. Mit dem \u201eHerzen\u201c der Demokratie hat es in Deutschland eine eigene\nBewandtnis. Es schl\u00e4gt noch nicht sehr lange im Reichstagsgeh\u00e4use. Vor 100\nJahren tagte in dem alten Bau der Arbeiter- und Soldatenrat, im Februar 1933\nz\u00fcndelte hier der ungl\u00fcckliche Van der Lubbe, und nur einen Monat sp\u00e4ter\npeitschte der Reichstagspr\u00e4sident G\u00f6ring \u2013 unter Heilrufen, Hakenkreuzfahne und\ndem \u201eSchutz\u201c von SA und SS \u2013 das \u201eErm\u00e4chtigungsgesetz\u201c f\u00fcr seinen \u201eF\u00fchrer\u201c\ndurch\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Alles \u201ePeinliche\u201c, das\nvergessen werden soll, erzwingt von Zeit zu Zeit seine <em>Darstellung<\/em> und findet Akteure, die es \u2013 wie immer entstellt und\nunerkannt \u2013 auf die B\u00fchne der Gegenwart bringen. Was notierte doch Francisco de\nGoya 1799<a href=\"#_edn25\">[25]<\/a>\nauf seinem 43. \u201eCapricho\u201c? \u201eEl sue\u00f1o de la raz\u00f3n produce monstruos\u201c \u2013 der\nSchlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>(Wien, 02. 09. 2020)<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref1\">[1]<\/a>\nVirionen sind Vorstufen oder Fragmente lebendiger Zellen, und sie sind, wie\nalle Lebewesen, auf Selbsterhaltung und Replikation programmiert. Pocken,\nHerpes, Hepatitis, Gelbfieber, Encephalitis, Polio, Corona (Influenza) etc.\nsind virale Erkrankungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref2\">[2]<\/a> In seinem\nAugenzeugen-Bericht \u00fcber die Pest in Florenz im Jahr 1348 schrieb Boccaccio:\nSie \u201ehatte, <em>durch den Einfluss der Himmelsk\u00f6rper oder durch\nden gerechten Zorn Gottes<\/em> wegen unserer lasterhaften Handlungen zu unserer\nBesserung \u00fcber die Sterblichen <em>verh\u00e4ngt<\/em>,\neinige Jahre zuvor im Orient angefangen [\u2026]. Unaufhaltsam drang sie weiter von\nOrt zu Ort und verbreitete sich auf jammervolle Weise auch \u00fcber den Okzident.\u201c\nBoccaccio, Giovanni ([1349\/53] 1472\/73): <em>Der\nDecamerone<\/em>. Z\u00fcrich (Manesse) 1957, Bd. 1, S. 13 (von mir unterstrichen, H.\nD.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref3\">[3]<\/a> Ackerknecht, Erwin H. (1959): <em>Geschichte der Medizin<\/em>. 7. Aufl., \u00fcberarbeitet und erg\u00e4nzt von A.\nH. Murken. Stuttgart (Enke) 1992, S. 64. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref4\">[4]<\/a> \u201eErst in der kapitalistischen Welt haben\nes die Menschen lernen m\u00fcssen, alle G\u00fcter in Marktpreise, alle Arbeit in\nKostenpreise, den ganzen Erfolg ihrer Lebensarbeit in Profitgr\u00f6\u00dfen umzurechnen.\nErst dadurch wurden die Menschen einer Naturauffassung geneigt, die alle\nqualitative Individualit\u00e4t in blo\u00dfe Quanta aufl\u00f6st. Nur das Messbare,\nRechenbare gilt\u201c, hei\u00dft es bei Otto Bauer. Bauer (1924): \u201eDas Weltbild des\nKapitalismus.\u201c In: O. Bauer (1961): <em>Eine\nAuswahl aus seinem Lebenswerk<\/em>. Hg. von Julius Braunthal. Wien (Wiener\nVolksbuchhandlung), S. 102-139; Zitat auf S. 113. \u2013 Natur, die der Menschen und\nihres Milieus, Mikro- und Makrokosmos wurden, als berechenbare, entzaubert, die\nWelt nach dem Modell der indirekten Vergesellschaftung von Sozialatomen\ngedeutet, der menschliche Leib als Maschine verstanden, deren Defekte technisch\nbehoben werden k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref5\">[5]<\/a> \u201eDie grundlegenden bakteriologischen\nEntdeckungen geschahen zwischen 1878 und 1887 in der Gr\u00fcnderzeit.\u201c Ackerknecht,\na. a. O. (Anm. 3), Kap. 15, S. 128.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref6\">[6]<\/a> Tuberkulose, Pocken, Malaria,\nKinderl\u00e4hmung, Masern\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref7\">[7]<\/a> \u201eKapitalistische Wirtschaftsweise\u201c hei\u00dft,\ndass (private und staatliche) Investitionen get\u00e4tigt werden, sofern sie\nprofitabel sind, und dass sie nicht get\u00e4tigt werden, wenn sie keinen Gewinn\nabwerfen. Das gilt f\u00fcr die \u201eEntwicklungshilfe\u201c wie f\u00fcr die Gesundheitssysteme.\nUnter dem Imperativ der Profitabilit\u00e4t (\u201eEin Kapitalist schl\u00e4gt viele tot\u201c,\nhei\u00dft es bei Marx) werden zum einen an den stets weiter vorgeschobenen Grenzen\nder \u201eZivilisation\u201c \u2013 sei es im Amazonasgebiet oder in China \u2013 immer neue\n\u00dcbersprungchancen f\u00fcr mutationsf\u00e4hige Viren geschaffen. Zum andern schreitet\ndie Verw\u00fcstung unseres Habitats \u2013 in Gestalt von Rodung, Luftverschmutzung,\nKlimaerw\u00e4rmung, D\u00fcrre etc. \u2013 in immer rascherem Tempo fort. Zum dritten werden\ndurch Massentierhaltung und Gro\u00dfschlachtereien, Plantagenwirtschaft mit\nimportierten Billigl\u00f6hnern in Massenquartieren (gerade auch in den\nh\u00f6chstentwickelten Staaten) lauter potentielle Hotspots f\u00fcr neue Seuchen\ngeschaffen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref8\">[8]<\/a> Ackerknecht (1959), a. a. O. (Anm. 3), S.\n131. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref9\">[9]<\/a> Vgl. dazu den Bericht von Conis, Elena,\nMichael McCoyd und Jessie A. Moravek \u00fcber die Polio-Seuche und die Entwicklung\neines Polio-Impfstoffs: \u201eWhat to expect when a coronavirus vaccine finally\narrives.\u201c <em>The New York Times<\/em>, International\nEdition; 22. 5. 2020, S. 11. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref10\">[10]<\/a> Vgl. dazu auch\nFriedman, Thomas L. (2020): \u201eHow we broke the world.\u201d <em>The New York Times<\/em>, International Edition; 2. 6. 2020, S. 9 und S.\n11. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref11\">[11]<\/a> Vgl. dazu Wallace,\nRobert G. (2016): <em>Big farms make big flu<\/em>.\nDispatches on infectious disease, agrobusiness, and the nature of science. New York (Monthly Review Press). Ferner die\nBeitr\u00e4ge zur Corona-Epidemie von Angela Klein u. a. in:<em> SoZ<\/em>, Sozialistische Zeitung, 35. Jg., Nr. 6, Juni 2020, S. 13-17.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref12\">[12]<\/a> Vgl. dazu Pitzke, Marc, u. a. (2020): \u201eDas\nArmutszeugnis.\u201c <em>Der Spiegel<\/em>, 30. 5.\n2020, S. 86-91. Ferner: Beckert, Jens (2020): \u201eNur vor dem Virus sind alle\ngleich.\u201c <em>Der Spiegel<\/em>, 4. 7. 2020, S.\n72-74. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref13\">[13]<\/a> \u201eSeid umschlungen,\nMillionen\u201c lockt die Europa-Hymne Tag f\u00fcr Tag, doch wehe, wenn die Vorhut\ndieser Millionen das ernst nimmt und in Europa Einlass begehrt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[14] Unsichtbare Schranken trennen Gesunde von Infizierten, \u00c4ltere von\nJ\u00fcngeren. Vgl. dazu den <em>Appell zur\nHumanisierung unserer Gesellschaften. Nein zu einem selektiven Gesundheitswesen<\/em>:\n\u201eUnsere Zukunft \u2013 nicht ohne die alten Menschen\u201c, den u. a. Manuel Castells,\nJ\u00fcrgen Habermas, Adam Michnik und Michel Wieviorka unterzeichnet haben. <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em>, 23. 5.\n2020, S. 7. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref15\">[15]<\/a> Das Gesetz verbietet es Reichen wie Armen gleicherma\u00dfen, \u201eunter\nBr\u00fccken zu schlafen, auf den Stra\u00dfen zu betteln und Brot zu stehlen.\u201c France,\nA. (1894): <em>Die rote Lilie<\/em> [<em>Le lys rouge<\/em>]. M\u00fcnchen 1925, S. 116. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref16\">[16]<\/a> Sauerbrey, Anna\n(2020): \u201eIn Germany, a fraught reopening.\u201d <em>The\nNew York Times<\/em>, International Edition, 19. 5. 2020, S. 1 und S. 11; Zitat auf S. 11. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref17\">[17]<\/a> \u201eEine Verleugnung der Angst kann auf\nzweierlei Wegen versucht werden. Es kann eine gef\u00e4hrliche Situation verleugnet\nwerden oder aber der Umstand, dass man sich \u00e4ngstigt. &gt;Reaktiver Mut&lt; ist\neine h\u00e4ufig anzutreffende einfache Reaktionsbildung gegen eine noch wirksame\nAngst.\u201c Fenichel Otto (1945): <em>Psychoanalytische\nNeurosenlehre<\/em>. Olten (Walter-Verlag) 1977, Bd. III, Kap. XX, S. 45. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref18\">[18]<\/a> Von der Gregor Strasser, der \u201eReichsorganisationsleiter\u201c\nder NSDAP, am 10. 5. 1932 im Reichstag sprach\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref19\">[19]<\/a> Vgl. dazu Egan,\nTimothy (2020): \u201eBill Gates, the right tycoon for a virus age.\u201d <em>The New York Times<\/em>, International\nEdition; 25. 5. 2020, S. 10. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref20\">[20]<\/a> Vgl. dazu Bennhold,\nKatrin (2020): \u201eGermany again wrestles with the far right.\u201d <em>The\nNew York Times<\/em>,\nInternational Edition; 2. 9. 2020, S. 3.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref21\">[21]<\/a> \u201eMan sieht, h\u00f6rt oder &gt;wei\u00df&lt; von\nDingen, die sich &gt;normaler&lt; Wahrnehmung entziehen. Man verbindet Dinge,\ndie &gt;normalerweise&lt; nicht oder anders korrespondieren. Aus Misstrauen\nwird zunehmend Hass gegen die, die nicht sehen, h\u00f6ren, wissen, was man wei\u00df,\nund keinen Zusammenhang sehen, wo derselbe einem klar scheint: Das\n&gt;Normale&lt; wird Bedrohung.\u201c See\u00dflen, Georg (2020): \u201eParanoia, Taktik und\nSpektakel.\u201c <em>Neues Deutschland<\/em> (nd),\nBerlin, 22.\/23. 8. 2020, S. 24 f. (\u201eDie Woche\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref22\">[22]<\/a> In einem (\u00fcber Internet verbreiteten) Aufruf\n\u201eAuf nach Berlin!\u201c vom 28. 8. hie\u00df es u. a.: \u201eWir verfassen uns neu auf Basis\ndes Grundgesetzes. F\u00fcr Volksentscheide in allen grundlegenden Fragen,\nimperatives Mandat und eine echte Sozialcharta. [\u2026] Schon um 11.30 werden 8.5\nMillionen Demonstranten auf dem Berliner Stadtgebiet gemeldet [\u2026].\u201c Der\n\u201eEinfluss von Globalkonzernen\u201c solle \u201estrikt begrenzt oder g\u00e4nzlich beendet\u201c\nwerden. \u2013 \u201eFaschistisches Corona-Regime will Aufzug verbieten [\u2026]. Diese Leute\nwerden abgesetzt [\u2026].\u201c Man h\u00f6re auch schon, \u201edass das Bundeskanzleramt morgen\nfriedlich von 20.000 [Bundesb\u00fcrgern] [\u2026] eingenommen werden wird und dieser Akt\nals Proklamation der Freien Bundesrepublik Deutschland zu gelten habe.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref23\">[23]<\/a> Vgl. dazu meine Brosch\u00fcre <em>Antisemitismus, Xenophobie und pathisches\nVergessen<\/em>, M\u00fcnster 2020. (H. D.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref24\">[24]<\/a> <em>Frankfurter\nAllgemeine Zeitung<\/em>, 31. 8. 2002, S. 1. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref25\">[25]<\/a> Im selben Jahr putschte Napol\u00e9on (gegen\ndas \u201eDirektorium\u201c), Beethoven komponierte seine \u201eSonate path\u00e9tique\u201c, und\nH\u00f6lderlin ver\u00f6ffentlichte den 2. Band seines Briefromans <em>Hyperion<\/em>. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Helmut Dahmer<br \/>\nAnders als fr\u00fchere Epidemien, die den europ\u00e4ischen und den amerikanischen Kontinent nicht erreichten oder nur streiften, machte sich der Erreger der neuen Seuche die von Millionen frequentierten Reise- und Handelsstra\u00dfen der Gegenwart zunutze, sprang binnen Tagen und Wochen von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent; \u201eCovid-19\u201c wurde zur \u201ePandemie\u201c. Ohne Immunit\u00e4t, unvorbereitet, ohne Vorbeuge- oder Heilmittel befinden wir uns in einer Lage, die derjenigen gleicht, in der sich die Bev\u00f6lkerungen der altamerikanischen Kulturen Mittel- und S\u00fcdamerikas befanden, als europ\u00e4ische Eroberer, die Konquistadoren, selbst \u201eimmun\u201c, sie mit ihnen unbekannten Krankheiten infizierten, an denen sie massenweise zugrunde gingen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[23],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/500"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=500"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/500\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":501,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/500\/revisions\/501"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=500"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=500"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=500"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}