{"id":513,"date":"2021-06-22T11:25:29","date_gmt":"2021-06-22T09:25:29","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=513"},"modified":"2021-06-22T11:25:29","modified_gmt":"2021-06-22T09:25:29","slug":"verschwoerungstheorien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=513","title":{"rendered":"Verschw\u00f6rungstheorien"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Joachim Hirsch<\/h5>\n\n\n\n<p>Von Verschw\u00f6rungstheorien ist derzeit viel die Rede. Das hat\nvor allem die Corona-Pandemie mit sich gebracht, die einige Esoteriker, Spinner\nund auch Rechtsradikale veranlasst hat, hinter dem Auftauchen und der\nVerbreitung des Virus allerhand dunkle M\u00e4chte \u2013 von Au\u00dferirdischen bis hin zu\nBill Gates &#8211; auszumachen. Die \u201esozialen Medien\u201c waren dabei \u00e4u\u00dferst f\u00f6rderlich,\nwie sie insgesamt dazu beigetragen haben, den Abgr\u00fcnden des Stammtischs\n\u00f6ffentliche Pr\u00e4senz zu verleihen. Ob das die Aufmerksamkeit rechtfertigt, die ihnen\nvon der Politik und den Medien geschenkt wird, ist eine Frage. Immerhin konnte damit\njedoch die durchaus gerechtfertigte Kritik an der plan- und strategielosen\nRegierungspolitik bei der Bek\u00e4mpfung der Pandemie mit den \u201eQuerdenkern\u201c in\neinen Topf geworfen und damit unsch\u00e4dlich gemacht werden. Mit diesem Begriff\nist es ohnehin so eine Sache: Die F\u00e4higkeit zum \u201eQuerdenken\u201c galt einmal als\neine Eigenschaft nonkonformistischer Intellektueller, die sich trauten, Zweifel\nan den Erz\u00e4hlungen der Herrschenden anzumelden. Dieser Typus ist offensichtlich\nnicht mehr erw\u00fcnscht, was etwas \u00fcber den gegenw\u00e4rtigen Zustand der sich als\ndemokratisch bezeichnenden \u201eZivilgesellschaft\u201c aussagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist es mit Verschw\u00f6rungstheorien eine etwas komplizierte\nSache. Allgemein gesprochen bezeichnet man als Verschw\u00f6rung die geheime\nZusammenarbeit mehrerer Akteure mit der Absicht, ein rechtswidriges oder\nillegitimes Ziel zu erreichen. Verschw\u00f6rungen gab und gibt es tats\u00e4chlich und der\nVersuch, sie zu erkl\u00e4ren ist nicht von vorneherein falsch. Allerdings gibt es\nKonstellationen, die wie Verschw\u00f6rungen aussehen, in Wirklichkeit aber keine\nsind, w\u00e4hrend es auf der anderen Seite Zusammenh\u00e4nge gibt, die in der\n\u00f6ffentlichen Diskussion nicht als Verschw\u00f6rungen behandelt werden, die aber\ndurchaus als solche begriffen werden k\u00f6nnen. Dazu einige aktuellere Beispiele:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Wenn in einem Frankfurter Polizeirevier eine\nrechtsradikale Chatgruppe existiert und eben von diesem Revier aus die Adresse und\ndie pers\u00f6nlichen Umst\u00e4nde einer Anw\u00e4ltin ermittelt werden, die im M\u00fcnchener\nNSU-Prozess die Angeh\u00f6rigen eines Mordopfers vertreten hat. Das umfasste neben\nder Wohnanschrift auch die Namen ihrer Tochter und ihrer Eltern. Daraufhin\nerhielt sie Morddrohungen gegen sie und ihre Angeh\u00f6rigen \u2013 unterzeichnet mit\nNSU 2.0. Dasselbe passierte als \u201elinks\u201c eingestuften Politiker*innen.\nUnternommen wurde zun\u00e4chst einmal nichts. Polizeiliche Ermittlungen waren\nangeblich erfolglos und auch staatsanwaltschaftliche Untersuchungen brachten\nbislang kein Ergebnis, angeblich weil die Taten nicht einzelnen Personen\nzugeordnet werden konnten. Schlie\u00dflich wurde ein Berliner Rechtsradikaler\nermittelt, von dem die Drohungen ausgegangen sein sollten. Er soll unter bisher\nnicht gekl\u00e4rten Umst\u00e4nden an die Daten gelangt sein. Ein Einzelt\u00e4ter also \u2013\ndumm nur, dass nach dessen Festnahme erneut Drohmails verschickt wurden. Dass\nrechtsradikale Gruppierungen und Personen enge Kontakte unterhalten, wurde\nnicht einmal erw\u00e4hnt. Von derartigen Netzwerken war nicht die Rede, und\nnat\u00fcrlich auch nicht von Verschw\u00f6rung oder einer kriminellen Vereinigung. Dabei\nwird es wohl bleiben. Auch der zust\u00e4ndige Hessische Innenminister reagierte\nnicht und versuchte eher, die Angelegenheit herunterzuspielen. Es handle sich eben\num einen Einzelfall, obwohl gen\u00fcgend Informationen \u00fcber rechtsradikale Gruppierungen\nin der Polizei vorliegen, nicht nur in Hessen. Erst k\u00fcrzlich wurde wieder eine\nneue aufgedeckt, bei einem Sondereinsatzkommando und wieder in Frankfurt. Das\nVerhalten der hessischen Regierung und ihrer Beh\u00f6rden ist in diesem\nZusammenhang ohnehin h\u00f6chst dubios. So etwa als versucht wurde, einen bei einem\nNSU-Mordanschlag in Kassel anwesenden V-Mann des Verfassungsschutzes aus den\nErmittlungen herauszuhalten oder der zun\u00e4chst als rechtsradikaler Gef\u00e4hrder\neingestufte M\u00f6rder des Regierungspr\u00e4sidenten L\u00fcbcke vom Verfassungsschutz nicht\nmehr beobachtet wurde. <\/li><li>Der Wirecard-Skandal: Wirecard, ein im Dax\ngelisteter Finanzdienstleistungskonzern stellte sich als gro\u00dfangelegtes\nBetrugsunternehme heraus, mit einer Schadenssumme, die bei 22 Milliarden Euro\nliegt. Es erfreute sich \u00fcber Jahre hinweg erstaunlichen Wohlwollens und\nungew\u00f6hnlich starker Unterst\u00fctzung durch die Politik. In dem zu diesem Fall\neingerichteten parlamentarischen Untersuchungsausschuss mussten drei\nMinister*innen, eine Staatsministerin und ein Staatssekret\u00e4r aussagen. Bundeskanzlerin\nMerkel und Finanzminister Scholz hatten gar einen \u201eEscort Service\u201c organisiert,\num dem Unternehmen den Zugang zum chinesischen Markt zu erleichtern. Und die\nStaatsministerin f\u00fcr Digitales, Dorothee B\u00e4r von der CSU, war \u2013 offenbar von\nihrem Job nicht ausgelastet \u2013 stark darum bem\u00fcht, Wirecard den Zugang zum\nKanzleramt zu \u00f6ffnen. Es handelte sich schlie\u00dflich um ein bayerisches\nUnternehmen. Deshalb waren auch mehrere CSU-Ex-Minister f\u00fcr dieses als Berater\nt\u00e4tig. Dies alles zu einer Zeit, als bereits Erkenntnisse \u00fcber den wahren\nCharakter von Wirecard \u00f6ffentlich waren. Die politisch Verantwortlichen gaben\nan, davon nichts gewusst zu haben. Stattdessen wurde der f\u00fcr die Financial\nTimes t\u00e4tige Journalist, der an der Aufdeckung des Skandals wesentlichen Anteil\nhatte, von den Anklagebeh\u00f6rden mit einem Ermittlungsverfahren \u00fcberzogen. Gegen\nandere setzte das Unternehmen Privatdetektive ein. Interessant war auch das als\n\u201eVersagen\u201c bezeichnete Verhalten der Aufsichtsbeh\u00f6rden. Insbesondere die Bundesanstalt\nf\u00fcr Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFIN) hatte Informationen \u00fcber die Umtriebe\nvon Wirecard lange unter Verschluss gehalten und f\u00fchlte sich nicht gen\u00f6tigt,\nihren Pflichten nachzukommen \u2013 was unter dem Druck der \u00d6ffentlichkeit schlie\u00dflich\nzur Entlassung des Pr\u00e4sidenten und der Vizepr\u00e4sidentin f\u00fchrte. Dazu passt, dass\ndie Staatsanwaltschaft Frankfurt inzwischen gegen Mitarbeiter der BAFIN wegen\nstrafbarem Insiderhandels mit Wirecard-Aktien ermittelt. Und schlie\u00dflich die\nWirtschaftspr\u00fcfer, insbesondere Ernest &amp; Young, die \u00fcber Jahre hinweg den\nfrisierten Bilanzen des Unternehmens Unbedenklichkeit bescheinigt hatten. Sie\nwurden schlie\u00dflich von ihm bezahlt und kamen in den Genuss weiterer Auftr\u00e4ge. Auch\nhier machten Mitarbeiter Gesch\u00e4fte mit Wirecard-Aktien. Die mit der Kontrolle\nder Wirtschaftspr\u00fcfer betraute Aufsichtsorganisation, die dem\nWirtschaftsminister unterstellt ist, war ebenfalls zu einem Einschreiten nicht\nwillens oder in der Lage. Eine Verschw\u00f6rung war dies nat\u00fcrlich nicht, wenn auch\ndie S\u00fcddeutsche Zeitung von einem hier t\u00e4tigen \u201eNetzwerk\u201c gesprochen hat. Und\ndiesen Begriff hielten schlie\u00dflich auch die Oppositionsvertreter*innen im\nUntersuchungsausschuss des Bundestags f\u00fcr angemessen.<\/li><li>Die BAFIN spielt noch in einem anderen\nZusammenhang eine merkw\u00fcrdige Rolle: dem Cum-Ex-Skandal. Dabei ging es darum,\ndurch Manipulationen mit Aktiengesch\u00e4ften von den Finanz\u00e4mtern R\u00fcckzahlungen\nf\u00fcr Steuern zu erwirken, die tats\u00e4chlich nie gezahlt worden waren. Der Schaden:\nrund 10 Milliarden EURO. Der BAFIN wurde bereits 2007 der Bericht \u00fcber die\nAussagen eines Whistleblowers zugespielt, der dieses Vorgehen erl\u00e4utert hatte. Dieser\nBericht blieb unter Verschluss. Weder Finanzbeh\u00f6rden noch Staatsanwaltschaften\nwurden informiert, obwohl dies nach der Rechtslage erforderlich gewesen w\u00e4re. Stattdessen\nkontaktierte die BAFIN die als Mitwirkende an dem Steuerbetrug genannte WestLB\n\u2013 die Nordrhein-Westf\u00e4lische Landesbank \u2013 und lie\u00df sich von dieser versichern,\ndass alles seine Ordnung habe. Die Bank kassierte f\u00fcr ihre Mithilfe eine h\u00f6here\nMillionensumme. Ebenfalls an den Cum-Ex-Manipulationen beteiligt war die\nHamburger Warburg-Bank. Auch sie wurde von den Finanzbeh\u00f6rden geschont. Erster\nHamburger B\u00fcrgermeister war damals Olaf Scholz. Staatsanwaltschaften, die\nErmittlungsverfahren einleiten wollten, wurden von der Politik gestoppt. Und\nauch hier waren Wirtschaftspr\u00fcfungsunternehmen an der Verschleierung beteiligt.\nAll das hatte weder rechtlich noch politisch Konsequenzen. Abgesehen von der\nschon erw\u00e4hnten sp\u00e4teren Abl\u00f6sung des BAFIN-F\u00fchrungspersonals.<\/li><li>\u201eSeehofers Tafelrunde\u201c, wie das die S\u00fcddeutsche\nZeitung genannt hat (10.\/11.4.2021). Der damalige bayerische Ministerpr\u00e4sident\nund CSU-Vorsitzende, heute Bundesinnenminister hatte sich mehrmals im Separee\neines M\u00fcnchner Luxusrestaurants mit Wirtschaftsgr\u00f6\u00dfen zwecks \u201eSpenderpflege\u201c\ngetroffen. Dabei waren unter anderem Vertreter der Immobilien-, der R\u00fcstungs-\nund Finanzindustrie. Organisiert wurden diese Veranstaltungen vom bayerischen\nExminister Sauter, der aktuell in einen Korruptionsskandal bei der Beschaffung\nvon Atemschutzmasken verwickelt ist. Dabei waren auch wichtige Mandanten der\nSauterschen Anwaltskanzlei, was f\u00fcr deren Gesch\u00e4fte sicherlich f\u00f6rderlich war. Eine\nVerschw\u00f6rung war das nicht, aber man darf annehmen, dass es dabei nicht nur um\nKontaktpflege, sondern konkreter um Geben und Nehmen ging. Daneben gibt es den\n\u00fcblichen Lobbyismus, der ziemlich verdeckt abl\u00e4uft und des \u00d6fteren auch mit\nBestechung verbunden ist. J\u00fcngster Fall ist die Aff\u00e4re um die Bestechung von\nAbgeordneten der CDU und CSU in der parlamentarischen Versammlung des\nEuroparats durch den aserbeidschanischen Pr\u00e4sidenten. Mehrere Abgeordnete\nerhielten mindestens 3,5 Millionen EURO daf\u00fcr, dass sie eine Verurteilung des\nLandes wegen unsauberer Wahlen, Machtmissbrauch und Korruption verhinderten.\nDas ist auch lange Zeit gelungen, zusammen mit ebenfalls bestochenen Abgeordneten\naus anderen L\u00e4ndern. In Verdacht stehen auch ein ehemaliger Staatssekret\u00e4r und\nder Regierungssprecher von Helmut Kohl (SZ 3.5.21).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Es gibt also einigen Anlass, beim Gebrauch des Begriffs\nVerschw\u00f6rungstheorie etwas vorsichtig zu sein. Offensichtlich ist er auch\nBestandteil eines Herrschaftsdiskurses, der auf Ausgrenzung und Delegitimierung\nzielt. Als Beispiel f\u00fcr eine Konstellation, bei der sich unterschiedliche, aber\nvoneinander unabh\u00e4ngige Interessen sich in der Weise verbinden, dass man eine\nVerschw\u00f6rung vermuten k\u00f6nnte ist die Regierungspolitik in der Corona-Krise.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese weist &#8211; abgesehen davon, dass sie einigerma\u00dfen\nchaotisch war, einige Merkw\u00fcrdigkeiten auf. So wurden die auferlegten\nBeschr\u00e4nkungen mit dem Vorrang des Lebensschutzes begr\u00fcndet. Umso eigent\u00fcmlicher\nist es, dass l\u00e4ngere Zeit nach dem Auftreten des Virus der Schutz besonders gef\u00e4hrdeter\nMenschen \u2013 etwa in Alten- und Pflegeheimen oder Massenunterk\u00fcnften \u2013 eher vernachl\u00e4ssigt\nwurde. Bei der generell f\u00fcr alle geltende Einschr\u00e4nkung von Freiheitsrechten wurde\nweder ihre Zweckdienlichkeit noch ihre Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit \u00fcberpr\u00fcft. Und das\nangesichts der Tatsache, dass die durch die Kontaktbeschr\u00e4nkungen ausgel\u00f6sten\n\u201eKollateralsch\u00e4den\u201c keineswegs unerheblich sind. Es war die Strategie der\nRegierung und der mit ihr eng kooperierenden Medien, \u00c4ngste zu sch\u00fcren, um die\nAkzeptanz f\u00fcr ihre Ma\u00dfnahmen zu erh\u00f6hen. Nicht beachtet wurde dabei, dass Angst\nund Stress dazu f\u00fchren, die Immunabwehr zu schw\u00e4chen und damit die\nErkrankungsgefahr zu vergr\u00f6\u00dfern. Die Impfkampagne, also die Beschaffung und\nVerteilung von Impfstoffen stellte sich als ziemliches Chaos heraus. Eine\n\u201eCorona-Diktatur\u201c, wie einige \u201eQuerdenker\u201c behaupteten gab es sicher nicht, aber\ndie Verfassung wurde erheblich besch\u00e4digt \u2013mit noch nicht absehbaren Folgen. In\nwesentlichen Teilen wurde sie faktisch au\u00dfer Kraft gesetzt, etwa was die\nVerh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit von Grundrechtseinschr\u00e4nkungen oder den Vorrang der W\u00fcrde\nder Menschen angeht. Das aus der Kanzlerin und den Ministerpr\u00e4sidenten\nbestehende Gremium wurde unter Ausschaltung des Parlaments zum eigentlichen\nGesetzgeber. Dieses wiederum st\u00fctzte sich bei seinen Entscheidungen auf Inzidenzwerte,\ndie recht fragw\u00fcrdig sind. Sie sind u.a. vom Umfang der durchgef\u00fchrten Tests\nabh\u00e4ngig und sagen deshalb wenig \u00fcber die tats\u00e4chlich vorhandenen Infektionen\naus. Dazuhin wurden die Grenzwerte anscheinend willk\u00fcrlich immer neu und\nunterschiedlich definiert. Die Liste lie\u00dfe sich fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies alles gab Verschw\u00f6rungstheorien durchaus einige\nNahrung. Dennoch ist die Lage komplizierter. Es handelte sich hier vielmehr\ngenau um den Fall, dass recht unterschiedliche und unabh\u00e4ngig voneinander operierende\nInteressen zusammenspielten, ohne dass dabei gemeinsame Absprachen eine Rolle\nspielten. Dazu geh\u00f6ren die Medien, die durch Katastrophenberichte ihre Quote zu\nsteigern trachten. Die Pharma- und Medizintechnikindustrie und die\nInternethandelskonzerne, die ihre Ums\u00e4tze zu Lasten des station\u00e4ren\nEinzelhandels enorm steigern konnten. Oder Mediziner und Virologen, deren\ngesteigerte Medienpr\u00e4senz zumindest dem Erwerb von Drittmitteln f\u00f6rderlich ist.\nUnd die Politiker*innen, die angesichts einer anfangs tats\u00e4chlich schlechten\nInformationslage auf jeden Fall kein Risiko eingehen wollten: Flucht aus der\nVerantwortung also. Abgesehen davon, dass bei der Corona-Politik ein\nerhebliches Ma\u00df an schlichter Inkompetenz zu verzeichnen war, nicht zuletzt\nbeim Gesundheitsminister, der Apotheken und Kliniken enorme Gelder zuschanzte\nund bei der Abrechnung von Masken und Tests Betrugsman\u00f6vern T\u00fcr und Tor\n\u00f6ffnete. Dieses Ma\u00df an Inkompetenz m\u00fcsste Verschw\u00f6rungstheoretikern eigentlich\nzu denken geben. Im \u00dcbrigen wirkten auch da die tats\u00e4chlichen\nMachtverh\u00e4ltnisse. W\u00e4hrend der Bev\u00f6lkerung einschneidende Beschr\u00e4nkungen\nauferlegt wurden, blieb die Industrie von entsprechenden Ma\u00dfnahmen lange\nverschont.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Konstellation hatte indessen deutliche Wirkungen: Eine\nFolge ist die Gew\u00f6hnung an den Ausnahmezustand und an die Einschr\u00e4nkung zentraler\nGrundrechte sozusagen als Normalfall. Die Verfassung steht nun offensichtlich\nzur Disposition des Infektionsschutzes. Und dies angesichts der Tatsache, dass\ndie Bedrohung durch das Virus noch lange nicht vor\u00fcber sein wird und neue\nPandemien bereits anvisiert werden. Der sich versch\u00e4rfende Klimanotstand wird\nin Zukunft zu weiteren Freiheitsbeschr\u00e4nkungen f\u00fchren. Auch diese konnten nun\neinge\u00fcbt werden. Die Corona-Krise war dar\u00fcber hinaus der Anlass zu einem\nweiteren Ausbau des \u00dcberwachungsstaates. Angesichts drohender \u00f6konomischer und\ngesellschaftlicher Krisen d\u00fcrfte sich dies als herrschaftstechnisch recht\nwirksam erweisen. Dies k\u00f6nnte wiederum Verschw\u00f6rungstheorien Nahrung geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist, dass die Kritik an der Corona-Politik \u2013 soweit \u00fcberhaupt \u2013 von liberaler Seite kam. Von links herrschte eher Schweigen, wenn nicht der Ruf nach noch h\u00e4rteren staatlichen Ma\u00dfnahmen laut wurde \u2013 siehe z.B. die ZeroCovid-Initiative. Das ist erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig, hatten doch bisher linke Str\u00f6mungen, Bewegungen und Gruppierungen sehr wesentlich zur Entwicklung mehr demokratischer und emanzipativer Verh\u00e4ltnisse in diesem Lande beigetragen. Eine Rolle bei dieser Zur\u00fcckhaltung mag die Furcht gespielt haben, bei jeder Kritik den \u201eQuerdenkern\u201c zugerechnet zu werden. Oder auch, dass angesichts einer f\u00fcr alle lebensbedrohenden Situation f\u00fcr Gesellschafts- und Politikkritik kein Platz mehr zu sein schien. Besonders bedeutsam d\u00fcrfte aber ein Widerspruch sein, der linkem Denken vielfach immer noch eigen ist: Zwar bildete die Kritik am kapitalistischen Staat ein zentrales Moment linker Theorie, aber gleichzeitig galt der Staat \u2013 sofern er sich in den richtigen H\u00e4nden, im Zweifel einer revolution\u00e4ren Partei befindet &#8211; als die Instanz, die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse bestimmen und regulieren sollte. Die staatssozialistische und durch einen gewissen Avantgardismus ausgezeichnete Tradition scheint immer noch wirksam zu sein. Dann ist es kein Wunder, wenn in einer gesellschaftsbedrohenden Situation der Staat als entscheidender Rettungsanker wahrgenommen und die Kritik an seinen Ma\u00dfnahmen f\u00fcr nicht mehr relevant oder gar sch\u00e4dlich angesehen wird. Angesichts von Verh\u00e4ltnissen, in denen das Leben aller bedroht zu sein scheint, liegt der R\u00fcckgriff auf den Hobbesschen Leviathan nahe. Liberale Freiheitsrechte spielen da, wenn \u00fcberhaupt, eine geringere Rolle. Und demokratische gesellschaftliche Organisationsformen und Initiativen ebenso (vgl. dazu den Beitrag von Andreas Wulf).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Corona-Krise w\u00e4re also Anlass genug, genauer und selbstkritisch\n\u00fcber ein emanzipatives linkes Gesellschaftsverst\u00e4ndnis nachzudenken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Joachim Hirsch<br \/>\nVon Verschw\u00f6rungstheorien ist derzeit viel die Rede. Das hat vor allem die Corona-Pandemie mit sich gebracht. Nun ist es mit Verschw\u00f6rungstheorien eine etwas komplizierte Sache. 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