{"id":523,"date":"2021-12-20T18:01:39","date_gmt":"2021-12-20T17:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=523"},"modified":"2021-12-20T18:01:39","modified_gmt":"2021-12-20T17:01:39","slug":"die-mitte-und-ihr-syndrom","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=523","title":{"rendered":"Die Mitte und ihr Syndrom"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Stefan Kraft<\/h5>\n\n\n\n<p>\u201eNeoliberal Breakdown Syndrom\u201c: So bezeichnen die drei linken Politikwissenschaftler Alex Hochuli, George Hoare und Philip Cunliffe in dem Buch \u201eThe End of the End of History\u201c <a href=\"#_edn1\">[1]<\/a> die \u201epsychopolitischen Reaktionen\u201c der (links)liberalen Mitte auf das Ende eines f\u00fcr sie harmonischen Zeitalters. Dieses Syndrom des Zusammenbruchs der neoliberalen Ordnung betrifft alle, die \u201e\u00fcber ein hohes kulturelles Kapital\u201c verf\u00fcgen \u201eund sich im allgemeinen Umfeld der Mitte-Links-Parteien\u201c bewegen. Die Ersch\u00fctterungen, denen sie ausgesetzt sind, haben sich im letzten Jahrzehnt geh\u00e4uft: Finanzkrise, Trump, Brexit, Euroskeptizismus, islamistischer Terror, Gelbe Westen und andere Populisten, schlie\u00dflich auch noch eine weltweite Pandemie mit all ihren Ma\u00dfnahmengegnern und Impfskeptikern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuch wenn sie sich oft kritisch \u00fcber die aktuelle Regierung \u00e4u\u00dfern \u2013 und zwar oft \u201avon links\u2018 \u2013, f\u00fchlen sie sich in der heutigen Welt grunds\u00e4tzlich wohl und zu Hause; sie haben sich mit den derzeitigen Regelungen gut arrangiert.\u201c Ihren Status als Kritiker konnten sie bequem im Home Office aus\u00fcben, \u201ezufrieden in dem Wissen, dass sich die Welt nicht wirklich gegen sie bewegen oder gar nennenswert ver\u00e4ndern wird\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Gem\u00fctlichkeit ist es vorbei, sp\u00e4testens seit ein Virus die Angeh\u00f6rigen der Mitte allerorten bedroht und eine Abteilung der Bev\u00f6lkerung au\u00dferhalb der eigenen Twitter-Blase nicht willens ist, die von Regierungs- und Expertenseite vorgegebenen Ma\u00dfnahmen dagegen mitzutragen. Analog zum Steigen der Inzidenzzahlen eskaliert die Mitte daher die Auseinandersetzung. W\u00e4hrend bislang Bevormundung, Herablassung und Moralisierung zu den bevorzugten Argumentationswaffen der Liberalen gegen das irregeleitete Volk geh\u00f6rten, ist man rasant zur Kriegsrhetorik \u00fcbergegangen, wie Alan Schink auf Telepolis<a href=\"#_edn2\">[2]<\/a> vor kurzem so treffend beschrieben hat. \u201eWer nicht mit uns ist, ist gegen uns\u201c; wer schwurbelt, schw\u00e4cht die Heimatfront und muss Verantwortung tragen f\u00fcr die Toten und Langzeitgesch\u00e4digten. Wer etwa den (weitgehenden) Hausarrest von Ungeimpften in \u00d6sterreich als menschenverachtend zu bezeichnen wagt, wird schneller als er Luft holen kann mit den Worten \u201eIntensivstationen\u201c und \u201eBeatmungsger\u00e4t\u201c eingedeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Wissenschaft<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorw\u00fcrfe und Schuldzuweisungen, die t\u00e4glichen moralisierenden Postings \u00e4hneln in ihrer Schlussweise \u00fcbrigens nicht selten jenen Meinungs\u00e4u\u00dferungen der ausgemachten Gegner in der Corona-Debatte. Man sieht es als h\u00f6chst unmoralisch an, Corona mit der Grippe zu vergleichen, gleichwohl sind haarstr\u00e4ubende Vergleiche zwischen einer Anschnallpflicht und einer Impfpflicht ebenso legitimiert wie die postulierte Gemeinsamkeit vom Kampf gegen Pocken und jenem gegen Covid-19. Jede Information der Ma\u00dfnahmengegner wird eiligst einem Faktencheck unterzogen, wenngleich alle Arten von spekulativen Worst-Case-Szenario-Modellrechnungen der Erkrankungen ein schnelles Retweeten bedingen \u2013 H\u00f6rensagen zu Impfnebenwirkungen wird als ebensolches gebrandmarkt, anonyme Aussagen Einzelner<a href=\"#_edn3\">[3]<\/a> zu den Zust\u00e4nden in den Krankenh\u00e4usern gelten hingegen als empirischer Beweis. Nebenbei bemerkt: Ein guter Anteil all jener, die bei Kritiken am \u201eFinanzkapital\u201c furchtbar schnell mit dem Vorwurf eines \u201estrukturellen Antisemitismus\u201c bei der Hand sind, \u00fcberlegen nicht zweimal, bevor sie die alleinige Schuld an einer Seuche (!) in einem klar eingegrenzten Bereich der Bev\u00f6lkerung ausmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Krisenzeiten wie diesen wird unter den Liberalen der Ruf nach einer externen Autorit\u00e4t immer lauter \u2013 in der Corona-Krise hat man diese nun in \u201eder Wissenschaft\u201c ausgemacht, die den Weg zu einem guten Leben auch allen Unaufgekl\u00e4rten weisen soll. Tats\u00e4chlich kann es diese Wissenschaft im Singular aber nie geben, wie der in Z\u00fcrich lehrende Psychoanalytiker Peter Schneider in seinem knappen Buch \u201eFollow the Science\u201c argumentiert und sein Unbehagen mit den Worten ausdr\u00fcckt: \u201eDer Abwehrkampf gegen die Spinner dieser Welt hat den Blick auf die Wissenschaften enthistorisiert, dogmatisiert und unrealistisch werden lassen.\u201c Angemerkt sei: Dieser reduktionistische Wissenschaftsbegriff ist letztlich nicht viel mehr als ein h\u00f6heres Wesen, das die Unsicherheit beseitigen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein h\u00f6heres Wesen muss retten<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerschw\u00f6rungstheoretiker\u201c und die als solche gelten bzw. in deren N\u00e4he kommen, stehen mittlerweile im Fokus einer ganzen Armada an JournalistInnen, ExtremismusforscherInnen und politischen Kommentatorinnen. Doch diese vielfache Pathologisierung f\u00f6rdert wenig so Lesenswertes zutage wie jenen Kommentar des Londoner Professors Lee Jones<a href=\"#_edn4\">[4]<\/a>, der auf die politischen Sehns\u00fcchte hinter so mancher kruden Theorie aufmerksam macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Den politischen Sehns\u00fcchten der sich in der Corona-Auseinandersetzung radikalisierenden Mitte wird hingegen kaum Beachtung geschenkt, trotz der weitreichenden Folgen ihrer medialen Macht. Sowohl die Klimakrise wie die weiter vor sich schreitende Erosion der liberalen Demokratie (zu der sie ihren Teil beigetragen hat) bedroht sie in ihrer Existenz als soziokulturelle Klasse ebenso wie der gestiegene Unmut eines irritierten und w\u00fctenden Teils der Bev\u00f6lkerung, der im sozialen Abstieg begriffen ist. Da gerade die politische Mobilisierung inzwischen auch f\u00fcr viele Linke nur mehr als Bedrohung durch irrationale Extremisten wahrgenommen wird, liegt die folgerichtige Entscheidung f\u00fcr sie darin, auf Abriegelungen, verst\u00e4rkte autorit\u00e4re Ma\u00dfnahmen und eine Versch\u00e4rfung des Diskurses gegen die Gegner der liberalen Ordnung zu setzen. Die politischen Hoffnungen richten sich dar\u00fcber hinaus an die Riege der ExpertInnen, denen man die politische F\u00fchrung lieber heute als morgen delegieren will. Womit ein zuk\u00fcnftiger progressiver Impuls dieser selbsternannten Progressiven nicht zu erwarten ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\">[1]<\/a> Hochuli, Alex; Hoare, George; Cunliffe, Philip (2021): The End of the End of History. www.johnhuntpublishing.com.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\">[2]<\/a> Schink, Alan (2021): Verschw\u00f6rungsangst und Viruswahn. https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Verschwoerungsangst-und-Viruswahn-6274290.html?seite=all.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\">[3]<\/a> https:\/\/www.vienna.at\/spitaeler-in-ooe-am-limit-leichen-wegen-ueberfuellung-am-gang-abgestellt\/7196231<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\">[4]<\/a> Jones, Lee (2021): Realit\u00e4tsflucht im Sp\u00e4tkapitalismus. https:\/\/makroskop.eu\/01-2021\/verschwoerungstheorien-und-realitaetsflucht-im-spaetkapitalismus\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Stefan Kraft<br \/>\nDas Syndrom des Zusammenbruchs der neoliberalen Ordnung betrifft alle, die \u201e\u00fcber ein hohes kulturelles Kapital\u201c verf\u00fcgen \u201eund sich im allgemeinen Umfeld der Mitte-Links-Parteien\u201c bewegen. 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