{"id":533,"date":"2021-12-23T10:35:00","date_gmt":"2021-12-23T09:35:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=533"},"modified":"2021-12-23T11:42:19","modified_gmt":"2021-12-23T10:42:19","slug":"solidaritaet-und-linke-irrtuemer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=533","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4t und linke Irrt\u00fcmer"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Johannes K\u00f6gel<\/h5>\n\n\n\n<p>Solidarit\u00e4t hat in Zeiten von Corona einen unwahrscheinlichen Bedeutungswandel erfahren. Die allerersten Ma\u00dfnahmen im Fr\u00fchjahr 2020 wurden bereits im Namen der Solidarit\u00e4t verk\u00fcndet. Als ehrw\u00fcrdiger linker Kampfbegriff wusste Solidarit\u00e4t zu \u00fcberzeugen.&nbsp; Ein Gro\u00dfteil derer, die sich als links bezeichnen \u2013 von den alten Kadern bis zu den neuen Aktivist*innen \u2013, hat sich fast unhinterfragt berufen gef\u00fchlt, auf dieses Stichwort hin ihrer Solidarpflicht nachzukommen. Dabei h\u00e4tte mensch sich wundern sollen, aus wessen Munde der Ruf zur Solidarit\u00e4t getan und zu welchem Zweck er get\u00e4tigt wurde. So wurde Solidarit\u00e4t in der Pandemie zur \u201eSicherheitsformel\u201c [1]. Verst\u00f6\u00dft mensch gegen die im Zeichen der Solidarit\u00e4t erlassenen Verhaltensanweisungen, wie etwa das Kontaktverbot, so handelt diejenige nicht nur gef\u00e4hrlich, sondern obendrein unmoralisch und disqualifiziert sich aus der Gemeinschaft der Sozialen und Vern\u00fcnftigen. Diese Ausgrenzungsbedeutung von Solidarit\u00e4t mutet in der Tat seltsam an, \u201etauchte der Begriff in tradierten Kontexten vor allem doch als Inklusions- und Kampfbegriff auf. Solidarit\u00e4t diente begriffs- und politikgeschichtlich der Ausweitung von Betroffenheit durch Unterst\u00fctzung anderer in ihrem Kampf um Rechte\u201c [1].&nbsp; Die proklamierte \u201eneue Solidarit\u00e4t\u201c gr\u00fcndete sich dar\u00fcber hinaus in der Forderung an Einzelpersonen, sich zu zuhause zu isolieren, doch die \u201erechtliche und moralische Einforderung einer Solidarit\u00e4t im Modus der Isolation und der Abkapselung ist fundamental antisolidarisch\u201c [2]. Folglich k\u00f6nnen wir in Pandemiezeiten eine \u201ePervertierung des Begriffs der Solidarit\u00e4t\u201c bezeugen [3].<\/p>\n\n\n\n<p>Zum jetzigen Zeitpunkt der Pandemie ist die Impfung zum neuen Lackmustest f\u00fcr Solidarit\u00e4t geworden. Am Beispiel des Streitpunkts der Impfung seien vier Irrt\u00fcmer genannt, die, meiner Meinung nach, diejenigen begehen, die von politisch linker Seite motiviert im Namen der Solidarit\u00e4t eine Impfung von allen einfordern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eigen- und Fremdschutz der Impfung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Falle der aktuell zirkulierenden Delta-Variante wird den Impfstoffen bei bestehendem Selbstschutz, kaum mehr ein relevanter Fremdschutz attestiert. Mitunter zeigten geimpfte bereits nach zw\u00f6lf Wochen wieder ein vergleichbares \u00dcbertragungsrisiko wie ungeimpfte Personen [4] und Menschen mit Impfdurchbr\u00fcchen genauso viel Viruslast wie ungeimpfte Menschen [5-9], wobei die Viruslast bei ersten mitunter schneller wieder abnahm. Wenn der Fremdschutz geimpfter gegen\u00fcber ungeimpften Personen eine Frage des Grades und einer \u00fcberschaubaren Zeit ist, l\u00e4sst sich kritisch anfragen, ob dieser kurzzeitig gewonnene Mehrwert als Richtma\u00df f\u00fcr Solidarit\u00e4t ausreicht. Auf jeden Fall mag manch eine gegen ungeimpfte Menschen umgesetzte Ma\u00dfnahme unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wirken.&nbsp; Hinzu kommt, dass der Selbstschutz und damit das Eigeninteresse im Verh\u00e4ltnis zum Fremdschutz deutlich \u00fcberwiegt.&nbsp; Solidarit\u00e4t hingegen zeichnet aus, auch Nachteile f\u00fcr sich in Kauf zu nehmen. Der Punkt des Selbstschutzes wird allerdings relevant, sobald das Gesundheitssystem \u00fcberlastet wird und ungeimpfte Patient*innen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig zu dessen \u00dcberforderung beitragen. Doch macht dies das Impfen zu einem Akt der Solidarit\u00e4t? Das Gesundheitssystem mag mitunter als ein Solidarsystem verstanden werden, \u201eaber im Kern geht es hier nicht um einen supererogatorischen Schutz von anderen, sondern um den Erhalt der Bedingungen, um die f\u00fcr sich selber gew\u00fcnschte Leistung in Anspruch nehmen zu k\u00f6nnen\u201c[10], wobei mensch wiederum auf den eigenen Nutzen zur\u00fcckgeworfen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Mag die Impfentscheidung f\u00fcr viele Erwachsene richtig sein, \u00fcberwiegt deutlich das Eigeninteresse. Die sich selbst attestierte Solidarit\u00e4tsbekundung darf daher in diesem Fall als Moralisierungsgeste verstanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Politische Rahmenbedingungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der existierenden Drohkulisse f\u00fcr ungeimpfte Menschen kann eine Impfung nicht als Akt der Solidarit\u00e4t verstanden werden. Solidarisch handelt mensch in Form eines willentlichen und freien Akts, in Form von Unterst\u00fctzung, materieller oder immaterieller Hilfeleistung. In Anbetracht der \u00f6ffentlichen Stigmatisierung, sozialen Ausgrenzung, Lohnaussetzung im Falle von Quarant\u00e4ne, sowie einer sich anbahnenden Impfpflicht kann aufgrund der ihr zugrundeliegenden Heteronomie von einer Freiheit \u00fcber den eigenen K\u00f6rper bestimmen zu d\u00fcrfen und einer freien Entscheidung zur Impfung nicht die Rede sein. Der bestehende de facto-Impfzwang verunm\u00f6glicht ein Impfen aus Solidarit\u00e4t, da \u201evon ,Solidarit\u00e4t\u2018 nur dort die Rede sein kann, wo Hilfeleistungen freiwillig und aus einem Gef\u00fchl der Verbundenheit heraus erfolgen\u201c [11].<\/p>\n\n\n\n<p>Bisweilen wird Solidarit\u00e4t grundlegend als etwas \u00fcber die Pflicht Hinausgehendes (Supererogation) verstanden, wonach das Konzept einer Solidar<em>pflicht<\/em> widerspr\u00fcchlich sei. In der Tradition als Tugend der Arbeiter*innen geriert Solidarit\u00e4t sehr wohl zu einer gegenseitigen Pflicht, zumindest im normativen Sinne. Im rechtlichen Sinne hingegen muss Solidarit\u00e4t supererogatorisch sein, um sich hinreichend begrifflich abzugrenzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freiheit versus Gleichheit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu beachten ist der gegenw\u00e4rtige modus operandi der (einseitig impfbezogenen) Pandemiebek\u00e4mpfung. Solidarit\u00e4t fungiert hierbei als Formel f\u00fcr das \u201eDivide et impera\u201c, wobei man [12] sich ebenfalls des \u201eDefine et impera\u201c [13] bedient. Definiere die eine Gruppe, <em>die Geimpften<\/em>, als gut, und die anderen, <em>die Ungeimpften<\/em>, als schlecht. Den Rest k\u00f6nne man der sich daraus resultierenden Eigendynamik \u00fcberlassen. So wei\u00df man inzwischen: <em>Die Ungeimpften<\/em>, sprich Unsolidarischen, sind nur auf ihre individuelle Freiheit bedacht, und k\u00fcmmern sich nicht um andere. Das mag bei einigen leider der Fall sein. Doch das defizit\u00e4re Freiheitsverst\u00e4ndnis, welches diesen attestiert wird, wird von jenen selbst evoziert. Freiheit (Wer h\u00e4tte gedacht, dass dieser Begriff einmal zum Unwort mutieren und als Vorwurf gebraucht werden w\u00fcrde?) w\u00fcrde der Vorzug gegen\u00fcber Gleichheit und Gemeinschaft gegeben werden. Tats\u00e4chlich findet sich in der politischen Theorie meist diese Unterscheidung in egalit\u00e4re und liberale Staatssysteme. Eigentlich jedoch kann mensch nur beide zusammen denken. Das eine ist nicht ohne das andere m\u00f6glich: keine Freiheit ohne Gleichheit, keine Gleichheit ohne Freiheit. Niemand hat das klarer formuliert als Michail Bakunin:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcr den Menschen bedeutet frei sein, von einem anderen Menschen, von allen ihn umgebenden Menschen als frei anerkannt, betrachtet und behandelt zu werden. Die Freiheit ist also keineswegs Sache der Isolierung, sondern der gegenseitigen Anerkennung [\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p>Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, M\u00e4nner und Frauen, eben so frei sind wie ich. Die Freiheit der anderen, weit entfernt davon, eine Beschr\u00e4nkung oder eine Verneinung meiner Freiheit zu sein, ist im Gegenteil ihre notwendige Voraussetzung und Bejahung.<\/p>\n\n\n\n<p>[\u2026] Man sieht, da\u00df die Freiheit [\u2026] eine sehr positive, sehr vollst\u00e4ndige und vor allem \u00e4u\u00dfert soziale Sache ist, weil sie nur in der Gesellschaft und nur in der strengsten Gleichheit und Solidarit\u00e4t aller verwirklicht werden kann\u201c [14].<\/p>\n\n\n\n<p>Freiheit basiert demnach auf der gegenseitigen Anerkennung des moralischen und ebenb\u00fcrtigen Status der Anderen. Deren Verletzung umfasst auch soziale Ungleichheit, welche sich aus fehlender symbolischer oder materieller Anerkennung speist. Dieser Umstand wird einem beispielsweise regelrecht vor Augen gef\u00fchrt, wenn mensch sich in einer von starker sozialer Ungleichheit gekennzeichneten Gegend aufh\u00e4lt. H\u00e4user mit vergitterten Fenstern, mit Stacheldraht versehenen Mauern, mit Kameras \u00fcberwacht und mit Alarmanalagen ausgestattet, am Ende noch eingelagert in einer \u201eGated Community\u201c, zeugen nicht von Freiheit. Sie geben Zeugnis von der Furcht vor denjenigen, die (realiter oder imaginiert) weniger haben als mensch selbst. Nur unter Gleichen ist mensch gleich frei.<\/p>\n\n\n\n<p>Bezogen auf die Impfung stellt sich dann die Frage: Welche Freiheit haben geimpfte Menschen? Sicherlich, die Freiheit, frei zu sein von Freiheitseinschr\u00e4nkungen, wie sie f\u00fcr ungeimpfte gelten. Doch sind sie wirklich frei, wenn sie weiterhin Angst vor <em>den Ungeimpften<\/em> haben m\u00fcssen? Wenn sie w\u00fctend sind auf ungeimpfte Menschen, da sie trotz ihrer Impfung mit keiner Priorisierung bei der Bettenvergabe im Krankenhaus rechnen d\u00fcrfen? Wenn sie andere moralisch abwerten m\u00fcssen um ihr eigenes Tun zu rationalisieren? Ungeimpfte Menschen sind freilich noch weniger frei, wenn sie neben den rechtlichen Freiheitsbeschr\u00e4nkungen zudem Stigmatisierung, moralische Entwertung und sozialen Ausschluss durch ihre Mitmenschen erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4ren wir also wieder frei \u2013 so dr\u00e4ngt sich die n\u00e4chste Frage auf \u2013, wenn wir alle geimpft w\u00e4ren? Theoretisch ja. Praktisch gibt es keinen Weg dorthin, aufgrund der unterschiedlichen Betroffenheit. Junge und alte, gesunde, gesunde vorerkrankte und erkrankte Menschen sind alle unterschiedlich affiziert. Gleichzeitig spielen zahllose weitere Ungleichheiten in die Betroffenheit des Virus mit hinein, darunter Geschlecht, Ethnizit\u00e4t, Staatszugeh\u00f6rigkeit oder Migrationsstatus, Klasse (und damit die Art der Unterkunft, das Umfeld und Wohngegend, die Quadratmeterzahl der Wohnfl\u00e4che, usw.), Arbeit und deren Flexibilit\u00e4tsgrad (Home Office-Kompatibilit\u00e4t, Raum- und Luftbeschaffenheit der Arbeitsr\u00e4ume, Art- und Anzahl der Personenkontakte), etc. Das hei\u00dft, jede*r muss seine eigenen Absch\u00e4tzungen bez\u00fcglich sowohl des eigenen Gef\u00e4hrdungsrisikos f\u00fcr andere als auch des eigenen Nutzen-Risiko-Verh\u00e4ltnisses vornehmen. Macht mensch alle diesbez\u00fcglich gleich, kreiert mensch entsprechend mehr Ungleichheit und beschr\u00e4nkt ergo Freiheit. Gleichbehandelt werden d\u00fcrften wenn dann Personengruppen mit dem gleichen Nutzen-Risiko-Verh\u00e4ltnis und Gef\u00e4hrdungsgrad. Gleichzeitig sind Impfungen keine Gleichmacher: die einen sch\u00fctzen sie, den anderen k\u00f6nnen sie schaden. Sobald die ersteren eine Mehrheit darstellen, werden sie freilich biopolitisch f\u00fcr den Staat interessant. Aber wie gesagt, dies ist keine Diskussion dar\u00fcber was richtig und falsch ist, sondern welcher Bezug zum Verst\u00e4ndnis von Solidarit\u00e4t besteht. Solidarit\u00e4t also darin zu erkennen, der Gleichheit den Vorzug vor der Freiheit zu geben, kann nicht funktionieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gemeinsam gegen die Natur?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Solidarisch mit anderen zu sein setzt eine \u201egrunds\u00e4tzliche Gleichheit\u201c zwischen Solidarit\u00e4tspartner*innen voraus (ansonsten w\u00e4re sie nicht von Wohlt\u00e4tigkeit zu unterscheiden) [11]. Gleichheit in Interessen oder Zielen, basierend etwa auf einer \u00e4hnlichen Position im Klassen-\/Herrschaftsgef\u00fcge, macht dabei eine Reziprozit\u00e4t der Solidarit\u00e4t erwartbar. Gleichzeitig muss eine unterschiedliche Betroffenheit angenommen werden (ansonsten w\u00e4re sie vom schlichten gemeinsamen Interesse nicht zu unterscheiden) [3].<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sind vom Virus nur theoretisch alle gleich betroffen. Aufgrund von Alter, Beruf und sozialer Ungleichheit besteht ein enorm ungleiches Risiko in Bezug auf die Betroffenheit durch das Virus. Die staatlichen Ma\u00dfnahmen haben die einen im Stich gelassen und die anderen drangsaliert. Trotz unterschiedlicher Betroffenheit sind wir gleich als in unseren Rechten beschnittene Subjekte und sehen uns staatskapitalistischen und korporatistischen Interessen gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Solidarit\u00e4t w\u00e4re konsequenterweise gegen den Widerstand von Politik, Konzern- und Pharmainteressen denen beizustehen, welche am meisten unter der Situation bewerkstelligen m\u00fcssen (u.a. Krankenhaus- und Pflegepersonal), sowohl diejenigen zu sch\u00fctzen, die am meisten gef\u00e4hrdet sind (alte Menschen und Menschen mit (Vor-)Erkrankungen), als auch diejenigen, die von staatlichen \u00dcbergriffen am meisten betroffen sind (Kinder und junge Menschen), sowie die zu unterst\u00fctzen, die am meisten benachteiligt werden (u.a. geringverdienende, alleinerziehende, gefl\u00fcchtete Menschen). Vom Staat ausgerollte Teppichma\u00dfnahmen zu unterst\u00fctzen hat nichts mit Solidarit\u00e4t zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ist bereits eine weitere Bedeutungsdimension von Solidarit\u00e4t angesprochen. Solidarit\u00e4t bezieht sich immer auf ein Kollektiv (Gruppe, Gemeinschaft) und steht damit in Beziehung zu anderen Kollektiven oder Akteuren. \u201eSolidarit\u00e4t ist von der Einsicht getragen, dass es einen gemeinsamen Gegner, einen gemeinsamen Feind gibt, auch wenn man aktuell von ihm nicht attackiert oder bedroht wird. Solidarit\u00e4t ist Ausdruck eines Verst\u00e4ndnisses f\u00fcr die Mechanismen sozialer und politischer Herrschaft und der Einsicht in die Notwendigkeit einer \u00fcbergreifenden Widerstandsfront\u201c, schreibt Karl Reitter, und stehe dabei im Gegensatz zu \u201edem Ich-zentrierten Bed\u00fcrfnis [\u2026] ich und meinesgleichen m\u00f6chten nicht infiziert werden\u201c [3].<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich liegt es in unserem Interesse zu \u00fcberleben, aber \u00dcberlebensangst alleine schafft keine Solidarit\u00e4t [15]. Wem g\u00e4lte hier der solidarische Kampf? Gemeinsam gegen die Natur, welcher der Virus entspringt? Sich solidarisch zu erkl\u00e4ren ohne solidarisch zu handeln gen\u00fcgt nicht [11]. Trotzdem wirkt die Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rung als ein Zeichen, dass Menschen in ihrer Lage und ihrem Kampf nicht alleine stehen. Das Wissen um Verb\u00fcndete richtet manches aus, und zwar auf beiden Seiten. Allerdings entbehrt es der Sinnhaftigkeit, Solidarit\u00e4t mit anderen zu erkl\u00e4ren in ihrem Kampf gegen die Natur [16]. Menschen, die von Naturkatastrophen heimgesucht wurden, hilft mensch. Mit Menschen, die f\u00fcr Rechte, Gleichberechtigung, faire L\u00f6hne oder gegen Unterdr\u00fcckung, Diskriminierung und Ausgrenzung k\u00e4mpfen, solidarisiert mensch sich. Solidarit\u00e4t findet dort seinen Platz, wo es um eine Sache der Gerechtigkeit (wie subjektiv diese auch sein mag) geht [11]. Es geht daher um eine soziale Sache und hier scheidet ein Virus oder die Natur als Solidarit\u00e4tsantipode aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ziel und Interesse der von der Pandemiepolitik direkt oder indirekt Betroffenen (Gleichheitsprinzip), sprich den sozial Benachteiligten, \u00dcberforderten, Ungesch\u00fctzten, oder in ihren Freiheitsrechten Angegriffenen (Prinzip der verschiedenen Betroffenheit), muss sein, dahingehend zu wirken, gegen den Widerstand staatskapitalistischer und pharmaindustrieller Interessen [17] (Gegnerschaftsprinzip) den sozialen Missstand und die von der Pandemie versch\u00e4rfte soziale Ungleichheit zu \u00fcberwinden und Freiheit und Gleichheit in der M\u00f6glichkeit, die psychische wie physische Gesundheit zu erhalten, zu erstreiten (Prinzip des Gerechtigkeitsanspruchs).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Solidarit\u00e4t <em>goes<\/em> neoliberal<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Solidarit\u00e4t steht also in klarem Gegensatz zu dem, was in Pandemiezeiten unter \u201eSolidarit\u00e4t\u201c kursiert. Diese erg\u00e4nzt sich bestens mit der bis dato neoliberalen Lieblingsvokabel der Eigenverantwortung. Wer etwa nicht eigenverantwortlich privat f\u00fcr seinen Ruhestand vorsorgt (sprich dem Druck des Marktes nachgibt) und sich auf die staatliche Unterst\u00fctzung verl\u00e4sst, muss mit Altersarmut rechnen. Wer sich entsprechend nicht freiwillig im Zeichen der Solidarit\u00e4t impfen l\u00e4sst (sprich dem Druck des Staatskapitalismus nachgibt), muss eben mit den staatlich sanktionierten Ausschlussmechanismen vorliebnehmen. Insofern ist es auch kein Widerspruch \u201eSolidarit\u00e4t\u201c von den B\u00fcrger*innen, sprich kritikloses Einhalten der installierten Ma\u00dfnahmen, einzufordern und gleichzeitig Intensivbetten, bedingt durch einen Personalmangel im kaputt gesparten Gesundheitssektor, abzubauen, sondern simples neoliberales Rational.<\/p>\n\n\n\n<p>Impfstoffe m\u00f6gen ein probates Mittel zur Bek\u00e4mpfung der Pandemie sein und zweifelsohne das Leben vieler Menschen retten. Sich impfen zu lassen oder die Impfkampagne zu unterst\u00fctzen, eine Impflicht zu fordern oder einzuf\u00fchren \u2013 diese Dinge m\u00f6gen jeweils richtig oder falsch sein, aber sie sind unter den spezifisch gegebenen, gegenw\u00e4rtigen Bedingungen keine, die das Pr\u00e4dikat der Solidarit\u00e4t in einem traditionell linken Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sich in Anspruch nehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[1]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Bonacker, T., <em>Solidarit\u00e4t als Sicherheitsformel.<\/em> Soziopolis, 2020.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[2]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Obermayr, L.L., <em>(C)Ovid, Metamorphosen: Die R\u00fcckkehr ins Goldene Zeitalter.<\/em> Zeitschrift f\u00fcr Praktische Philosophie, 2020. <strong>7<\/strong>(2): p. 499-530.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[3]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Reitter, K., <em>Was von der ZeroCovid-Initiative zu halten ist.<\/em> links-netz, 2021.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[4]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Eyre, D.W., et al., <em>The impact of SARS-CoV-2 vaccination on Alpha &amp; Delta variant transmission.<\/em> medRxiv, 2021.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[5]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Griffin, S., <em>Covid-19: Fully vaccinated people can carry as much delta virus as unvaccinated people, data indicate.<\/em> BMJ, 2021. <strong>374<\/strong>: p. n2074.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[6]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Blanquart, F., et al., <em>Characterisation of vaccine breakthrough infections of SARS-CoV-2 Delta and Alpha variants and within-host viral load dynamics in the community, France, June to July 2021.<\/em> Eurosurveillance, 2021. <strong>26<\/strong>(37): p. 2100824.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[7]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Kissler, S.M., et al., <em>Viral dynamics of SARS-CoV-2 variants in vaccinated and unvaccinated individuals.<\/em> medRxiv, 2021.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[8]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Singanayagam, A., et al., <em>Community transmission and viral load kinetics of the SARS-CoV-2 delta (B.1.617.2) variant in vaccinated and unvaccinated individuals in the UK: a prospective, longitudinal, cohort study.<\/em> The Lancet Infectious Diseases.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[9]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Acharya, C.B., et al., <em>No Significant Difference in Viral Load Between Vaccinated and Unvaccinated, Asymptomatic and Symptomatic Groups Infected with SARS-CoV-2 Delta Variant.<\/em> medRxiv, 2021.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[10]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Bublitz, C., <em>Es gibt keine Freiheit, Teil einer Infektionskette zu sein: Solidarit\u00e4t und Pflicht in der Pandemie.<\/em> praefaktisch, 2020.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[11]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Bayertz, K., <em>Begriff und Problem der Solidarit\u00e4t<\/em>, in <em>Solidarit\u00e4t. Begriff und Problem<\/em>, K. Bayertz (Hrsg.) 1998, Suhrkamp: Frankfurt\/Main, 11\u201353.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[12]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; \u201eMan\u201c bedeutet hier der Staat und nicht der bewusste Wille einer Regierung o.\u00e4. Wie das Verh\u00e4ltnis, welches den Staat ausmacht, gedacht wird, dar\u00fcber geht die linke Theoriebildung auseinander. Unkontrovers scheint hingegen zu sein, zu wessen Vorteil dieses Verh\u00e4ltnis gereicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[13]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Angelehnt an: Mamdani, M., <em>Define and rule<\/em>. 2012, Cambridge: Harvard University Press.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[14]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Bakunin, M., <em>Gott und der Staat. <\/em>1871.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[15]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; \u201eDie sich jetzt manifestierende Abh\u00e4ngigkeit der eigenen Gesundheit von der Gesundheit aller anderen entbehrt hingegen einer gemeinsamen, \u00fcber die blanke \u00dcberlebensangst hinausgehenden Basis\u201c (Obermayr, 2020).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[16]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Freilich verdanken wir das Virus nicht schlicht der Natur. Wir m\u00fcssen vielmehr die menschengemachten Urspr\u00fcnge, nicht zuletzt den Eingriff in die Natur und Tierwelt, beachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[17]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Darunter f\u00e4llt ebenso die Aussetzung der Patentrechte der Impfstoffe. Manch Pharmaunternehmen, sei fairerweise angemerkt, bot den Impfstoff zum Herstellungspreis an, w\u00e4hrend andere mehr als das Zehnfache verlangen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Johannes K\u00f6gel<br \/>\nSolidarit\u00e4t hat in Zeiten von Corona einen unwahrscheinlichen Bedeutungswandel erfahren. Die allerersten Ma\u00dfnahmen im Fr\u00fchjahr 2020 wurden bereits im Namen der Solidarit\u00e4t verk\u00fcndet. Als ehrw\u00fcrdiger linker Kampfbegriff wusste Solidarit\u00e4t zu \u00fcberzeugen.  Ein Gro\u00dfteil derer, die sich als links bezeichnen \u2013 von den alten Kadern bis zu den neuen Aktivist*innen \u2013, hat sich fast unhinterfragt berufen gef\u00fchlt, auf dieses Stichwort hin ihrer Solidarpflicht nachzukommen. 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