{"id":554,"date":"2022-04-25T17:20:28","date_gmt":"2022-04-25T15:20:28","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=554"},"modified":"2022-04-25T17:20:28","modified_gmt":"2022-04-25T15:20:28","slug":"soziale-kaempfe-in-der-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=554","title":{"rendered":"Soziale K\u00e4mpfe in der Pandemie"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Peter Nowak*<\/h4>\n\n\n\n<p>\u201eNoch nie in der Geschichte der Bundesrepublik war die Verachtung der Armen so salonf\u00e4hig wie in der aktuellen Pandemie\u201c, schreibt der Publizist Christian Baron in einem Beitrag f\u00fcr die Wochenzeitung Freitag 48\/2021.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wie passt ein solcher Befund damit zusammen, dass wohl kaum in der Geschichte der Bundesrepublik so oft das Wort Solidarit\u00e4t auch von Politiker*innen aller Parteien verwendet wurde, wie in Pandemiezeiten? Mit dieser Frage besch\u00e4ftigt sich der im Mandelbaum-Verlag erschienene Sammelband \u201eCorona und Gesellschaft\u201c. Herausgegeben wurde er von einem Kreis von Sozialwissenschaftler*innen, die sich mit Beginn des Lockdowns im M\u00e4rz 2020 zusammenfanden, um die neue Normalit\u00e4t zu untersuchen. \u201eDie Sozialverh\u00e4ltnisse wurden und werden in der Pandemie neuverhandelt. Mit dem vorliegenden Band sollen die Ambivalenzen und Widerspr\u00fcche beleuchtet werden, die in der Konstituierung einer neuen Normalit\u00e4t entstehen\u201c (S. 18), hei\u00dft es in der Einleitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine Mischung aus wissenschaftlichen und aktivistischen Beitr\u00e4gen. Daran mitgewirkt haben verschiedene emanzipatorische Zusammenschl\u00fcsse von Wissenschaftler*innen, darunter die Assoziation f\u00fcr Kritische Gesellschaftsforschung (AkG), das Institut f\u00fcr Protest- und Bewegungsforschung und das Netzwerk Kritische Bewegungsforschung. Die 16 Aufs\u00e4tze sind \u00fcberwiegend auch f\u00fcr wissenschaftliche Laien verst\u00e4ndlich verfasst und regen zu Diskussionen an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neoliberale Solidarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;In der Einleitung gehen die Herausgeber*innen auf eine Lesart der Solidarit\u00e4t ein, die die einzelnen Individuen und nicht die Gesellschaft in die Pflicht nimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Im ersten Kapitel untersuchen 4 Wissenschaftler*innen die Umbr\u00fcche in Zeiten der Pandemie und ziehen dabei auch einen Zusammenhang zur Klimakrise. Tanja Carstensen und Stefanie H\u00fcrtgen widmen sich dann der Stellenwert der Lohnarbeit in der Coronakrise. H\u00fcrtgen besch\u00e4ftigt sich mit der Aufwertung der Sorge- und Pflegearbeit unter Pandemiebedingungen und kommt zu dem Fazit: \u201eAllerdings ist in der Tat ein Paradigmenwechsel angezeigt, wenn wir die Klassenauseinandersetzungen mit der emanzipatorischen Neugestaltung gesellschaftlicher Naturverh\u00e4ltnisse zusammenbringen wollen (S.88). H\u00fcrtgen entwirft die Utopie einer \u201egrundlegenden Neuorientierung der gesellschaftlichen (Re)Produktion in den Formen der freien Assoziation der Produzent*innen\u201c (ebenda).<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;In einem eigenen Kapital werden die K\u00e4mpfe um Migration und das Grenzregime in Pandemiezeiten behandelt. Dort stellt der Sozialwissenschaftler Nikolai Huke Konflikte in Gefl\u00fcchteteneinrichtungen unter Corona vor. \u201eTrotz der subalternen Position, in der sich Asylsuchende befinden und der repressiven Strukturen, denen sie gegen\u00fcberstehen, kam es zu vielf\u00e4ltigen Protesten gegen die Bedingungen in den Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften\u201c (S.120), so sein Fazit. &nbsp;Peter Birke und Louise B\u00e4ckermann zeigen am Beispiel von G\u00f6ttingen und Berlin auf, wie 2020 Geb\u00e4ude, in denen \u00fcberwiegend einkommensarme Menschen lebten, als Corona-Hotspots isoliert wurden und untersuchen die sehr unterschiedliche gesellschaftliche Reaktionen in beiden St\u00e4dten. Mit den rechtsoffenen Protesten gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen befassen sich zwei weitere Aufs\u00e4tze. Steven Hummel und Paul Zschocke gehen dabei auf die Entwicklung der ma\u00dfnahmekritischen Proteste in Leipzig ein und zeigen, wie in der zweiten Phase dort immer mehr rechte Akteur*innen auftraten. Sie beriefen sich dabei auf die Entwicklungen in Leipzig im Herbst 1989, sicher nicht zu Unrecht. Denn auch damals ging die von Rechten aus Westdeutschland unterst\u00fctzte Nationalisierung und Faschisierung der Proteste der DDR-Opposition von Leipzig aus. Dabei betonen Hummel und Zschocke, dass in Leipzig die Corona-Proteste von Anfang klar rechtsoffen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerschw\u00f6rungstheorien, Antisemitismus, Geschichsrevisionismus, eine fehlende Abgrenzung nach Rechts sowie eine sp\u00e4testens nach 2021 dominante Reichsb\u00fcrgerpropaganda sind jedenfalls von Beginn an Bestandteile der Proteste\u201c (S. 219).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nachbarschaftliche Solidarit\u00e4t in Zeiten der Pandemie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Kapitel unter der \u00dcberschrift \u201eSolidarit\u00e4t in Pandemischen Zeiten\u201cbefasst sich der Sozialwissenschaftler Leon Roser Reichle mit verschiedenen Aktionen von nachbarschaftlicher Solidarit\u00e4t im Leipziger Osten zu Beginn des Lockdowns. Er unterscheidet drei Arten von Solidarit\u00e4t: als moralische Verpflichtung ohne gesellschaftskritische Komponente, als politische Praxis, oft in enger Kooperation mit der offiziellen Politik und Solidarit\u00e4t als Teil einer Selbstorganisierung von unten, die die Gesellschaft ver\u00e4ndert soll. Vor allem linke Stadtgruppen setzten auf die dritte Form. Aber auch in linken Initiativen finden sich die unterschiedlichen Formen von Solidarit\u00e4t oft unvermittelt nebeneinander. Es lohnt sich also genauer hinzuschauen, wenn in Pandemiezeiten so viel von Solidarit\u00e4t geredet wird. \u201eDer vielzitierte Brennglas-Effekt der Pandemie verdeutlichte jedoch sogleich, dass gesellschaftliche Spaltungen nicht vor nachbarschaftlichen Solidarit\u00e4tsbem\u00fchungen haltmachen\u201c (S. 235), so das Fazit von Reichle.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beitr\u00e4ge werfen ein Schlaglicht auf soziale K\u00e4mpfe aber auch auf Ausgrenzung und Ausbeutung in Pandemiezeiten. Die Lekt\u00fcre des gut lesbaren Buches ist gerade in Zeit zu empfehlen, wo pl\u00f6tzlich niemand mehr etwas von Corona h\u00f6ren will. Man braucht gar nicht zu spekulieren, ob es im Herbst wieder zu hohen Inzidenzen mit erneuten Einschr\u00e4nkungen kommt. Sicher ist, dass die n\u00e4chste Krise kommt, sei es eine Pandemie, eine Unwetterkatastrophe oder ein kriegerisches Ereignis. Da k\u00f6nnten das Leben und \u00dcberleben in der Pandemie eine Blaupause f\u00fcr weitere Notst\u00e4nde sein. Es ist notwendig, dass sich die gesellschaftliche Linke damit auseinandersetzt. Das Buch liefert daf\u00fcr gutes Material zum Nachdenken und Weiterdiskutieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Redaktion Corona-Monitor (Hg.) (2021):Corona und Gesellschaft. Soziale K\u00e4mpfe in der Pandemie. Wien: Mandelbaum-Verlag. 280 Seiten. 18 Euro, ISBN: 978-3.85-476-911-8.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">*Der Autor arbeitet als freier Journalist f\u00fcr verschiedene Tages-, Wochen- und Onlinezeitungen. Seine Texte sind dokumentiert unter https:\/\/peter-nowak-journalist.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Peter Nowak<\/p>\n<p>\u201eNoch nie in der Geschichte der Bundesrepublik war die Verachtung der Armen so salonf\u00e4hig wie in der aktuellen Pandemie\u201c, schreibt der Publizist Christian Baron in einem Beitrag f\u00fcr die Wochenzeitung Freitag 48\/2021. Doch wie passt ein solcher Befund damit zusammen, dass wohl kaum in der Geschichte der Bundesrepublik so oft das Wort Solidarit\u00e4t auch von Politiker*innen aller Parteien verwendet wurde, wie in Pandemiezeiten? 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