{"id":558,"date":"2022-05-04T17:18:37","date_gmt":"2022-05-04T15:18:37","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=558"},"modified":"2022-05-04T17:18:37","modified_gmt":"2022-05-04T15:18:37","slug":"ein-revoluzzer-siegfried-kracauers-jacques-offenbach-und-das-paris-seiner-zeit-in-der-kritik-von-alexander-flores","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=558","title":{"rendered":"Ein Revoluzzer?: Siegfried Kracauers Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit in der Kritik von Alexander Flores"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Christine Resch<\/h4>\n\n\n\n<p>Zu Siegfried Kracauers 50. Todestag 2016 ist eine Biographie von J\u00f6rg Sp\u00e4ter erschienen, in den folgenden Jahren weitere Publikationen, die sich auf sein Werk beziehen, eine internationale Konferenz zu Kracauer ist am Institut f\u00fcr Sozialforschung in Frankfurt f\u00fcr den Mai 2022 angek\u00fcndigt. Jacques Offenbach wurde zum 200. Geburtstag 2019 mit vielen Veranstaltungen geehrt. Kulturindustriell vorgegebene Jahreszahlen verschaffen gelegentlich auch K\u00fcnstler*innen und Intellektuellen Aufmerksamkeit, die davor wenig \u00f6ffentlich beachtet wurden. In der k\u00fcrzlich erschienenen Publikation von Alexander Flores, die sich dem Werk von Jacques Offenbach widmet, nimmt die Rezeption der Studie \u201eJacques Offenbach und das Paris seiner Zeit\u201c von Siegfried Kracauer (1937) einen geb\u00fchrenden Platz ein. Hier werden zwei Pers\u00f6nlichkeiten gew\u00fcrdigt, denen wahrlich mehr Beachtung zu w\u00fcnschen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch von Flores gliedert sich in zwei gro\u00dfe Abschnitte: einem, der Kracauers Arbeit kritisch rekonstruiert (S. 13-72), und einem, der sich um das gegenw\u00e4rtige Verst\u00e4ndnis von Offenbach bem\u00fcht (S. 73-145). Es folgen ein kurzes Kapitel, in dem \u201edie von Kracauer aufgeworfene Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Offenbachs Werk\u201c (S. 11) n\u00e4herungsweise beantwortet werden soll (147-156) sowie ein Schlusswort (S. 157-160) und, im Anhang, ein \u00dcberblick \u00fcber die Offenbach-Forschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Flores l\u00e4sst keinen Zweifel daran, dass er Kracauers Studie sch\u00e4tzt. Aber nicht dass er das mehrfach explizit betont, ist das Entscheidende, vielmehr, und hier sei das etwas verbrauchte Sprichwort wiederholt, macht der Ton die Musik. Der Duktus l\u00e4dt zum Mitdenken ein. Flores\u2018 f\u00fcr diese Studie einschl\u00e4gigen Vorarbeiten fokussieren allerdings weder Kritische Theorie noch gar Kracauer, sondern die Musik von Jacques Offenbach.<\/p>\n\n\n\n<p>Kracauers Studie setzt sich, so Flores, aus unterschiedlichen Textarten zusammen: biografischen zu Offenbach, sozialhistorischen, die \u201edie politischen Entwicklungen im Gro\u00dfen nachzeichnen\u201c, und solche, die man mit \u201eKultur, Presse, Boulevard\u201c \u00fcberschreiben k\u00f6nnte. (vgl. S. 14f) Biographisch sei nichts nennenswert Neues zu erfahren. Flores\u2019 fasst die von Kracauer dargestellten politischen Dynamiken im Zweiten Kaiserreich knapp zusammen. Die von Flores nicht so benannten kulturindustriellen Produktionsbedingungen machen schlie\u00dflich den dritten Teil von Kracauers Untersuchung aus. Diese drei Themenbereiche durchziehen das gesamte Buch Kracauers. Es handelt sich eher um eine Montage als um getrennte Abschnitte.<\/p>\n\n\n\n<p>Flores rekonstruiert die Arbeit von Kracauer anschaulich und macht sie durch viele Zitate nachvollziehbar. Die b\u00fcndige Darstellung der Werke Offenbachs, mit denen Kracauer sich besch\u00e4ftigt hat, insbesondere die Offenbachiaden, gibt einen hervorragenden \u00dcberblick und ist eine wohlwollende Auseinandersetzung mit Kracauers Deutungen. Er nimmt dabei den Montage-Charakter der Arbeiten Kracauers auf. Das macht es manchmal un\u00fcbersichtlich. So folgt auf die Auseinandersetzung mit der These, Kracauer habe mit seinem Offenbach-Buch eine antifaschistische Streitschrift vorgelegt (was Flores verneint), ein Einschub \u00fcber die Arbeitsweise Kracauers, bevor dann die Rezeption(sgeschichte) dieser Studie in vielen Facetten und sehr instruktiv dargelegt wird. Das reicht von den unmittelbaren Rezensionen bis in die Gegenwart unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der Auseinandersetzung zwischen Benjamin, Adorno und Kracauer. Flores hebt dabei hervor, dass auch Adorno seinen gegen Kracauer formulierten Anspruch, der Sozialcharakter m\u00fcsse in der Musik bestimmt werden, \u201ein seiner eigenen Monographie (gemeint ist die zu Wagner; ChR) keinen prominenten Platz einr\u00e4umt\u201c (S. 62). Und so kommt Flores zu dem Ergebnis, dass \u201eein gewichtiger Einspruch gegen Adornos Verdikt\u201c, wie sie in zeitgen\u00f6ssischen Rezeptionen formuliert werde, ein bedeutender Schritt zum Verst\u00e4ndnis Offenbachs sein k\u00f6nne. (S. 72) Das ist zugleich die \u00dcberleitung zum zweiten gro\u00dfen Kapitel, das auf musikalische Analysen der Arbeiten von Offenbach fokussiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt ein Kompendium der Ver\u00f6ffentlichungen von Flores in den Bad Emser Heften dar, in denen alle seine fr\u00fcheren zitierten Publikationen zu Offenbach erschienen sind. In Bad Ems hat auch die Jacques-Offenbach-Gesellschaft ihren Sitz. Dieser Abschnitt ist an Offenbach-Kenner*innen adressiert, die nicht nur die bis heute popul\u00e4ren St\u00fccke dieses Komponisten zur Kenntnis nehmen. Es ist das Verdienst dieses Buches, dass einzelne Analysen von Offenbachs St\u00fccken damit \u00fcberregional zug\u00e4nglich und zu einer umfassenderen Werkanalyse erweitert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Kapitel wird die musikwissenschaftliche Forschung aufgearbeitet. Ausgew\u00e4hlte St\u00fccke werden vorgestellt \u2013 mit Inhaltsangaben und Beschreibungen der musikalischen Strategien, sie in Szene zu setzen. Warum genau welche Arbeiten ausf\u00fchrlich analysiert werden, erfahren die Leser*innen zwar nicht, bemerkenswert ist aber, dass Libretti und musikalische Umsetzung hier miteinander verbunden sind. Dabei f\u00e4llt auf, dass es sehr viel leichter f\u00e4llt, das Sozialkritische in den Libretti auszumachen als in der Musik. Dass Partei \u201ef\u00fcr die Frauen, f\u00fcr die kleinen Leute und die Benachteiligten\u201c ergriffen werde (S. 135), dar\u00fcber gibt der Text Aufschluss, weniger die Analyse der Musik. Flores ordnet die Arbeiten von Offenbach in dessen Werkbiographie ein, setzt sie aber nicht zuerst in Bezug zu den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen. Wie er zu Recht betont, reagieren K\u00fcnstler*innen nicht nur auf \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde, sondern orientieren sich auch \u00e4sthetisch (neu). Dem tr\u00e4gt dieser Abschnitt und die wiederholte Betonung Rechnung, wie vielf\u00e4ltig Offenbach in allen Schaffensperioden gewesen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00e4tte mir eine st\u00e4rker hierarchische Gliederung gew\u00fcnscht. So bleibt es den Leser*innen \u00fcberlassen, \u00fcbergeordnete Themen zu identifizieren. Als Beispiel seien hier etwa die unterschiedlichen Stilformen (S. 90ff) genannt, die f\u00fcr Offenbachs Musiktheater charakteristisch sind. Sie werden allesamt eingesetzt, um Am\u00fcsement zu erzeugen, fungieren aber alle als gleichwertige \u00dcberschriften. Die Beispiele f\u00fcr diese unterschiedlichen Strategien wiederum finden sich in anderen Kapiteln (etwa unter der \u00dcberschrift \u201eOffenbachs Musiksprache\u201c). Auch bezogen auf zentrale Themen wie Satire, w\u00e4re eine leser*innenfreundlichere Darstellung leicht denkbar. Da hei\u00dft es einmal, dass das satirische Element zum \u201eMarkenzeichen von Offenbachs Theater, oder zumindest eines charakteristischen Teils davon&#8220; wurde (S. 87), dann aber bezogen auf <em>Fille<\/em>, dass dieses Werk nur dann als Verrat an fr\u00fcheren Positionen gesehen werden k\u00f6nne, wenn man Offenbach auf Satire festnagele: \u201eEin gro\u00dfer Teil seines Werks war schon vor dieser Wende in keiner Weise satirisch oder grotesk gewesen.\u201c (S. 138) Es w\u00e4re lehrreich gewesen, die satirischen Arbeiten und diejenigen, die es nicht sind, jeweils zusammenzutragen und zu \u00fcberlegen, unter welchen Bedingungen und in welchen Situationen Offenbach welche Form gew\u00e4hlt hat. Die These, dass Offenbach in allen Schaffensperioden ein vielseitiger Komponist gewesen ist, h\u00e4tte sich durch eine solche inhaltliche Sortierung anschaulicher zeigen lassen als durch Wiederholungen dieser Aussage.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in diesem Abschnitt bleibt Kracauer eine Bezugsperson. Kracauer w\u00fcrde sich auf die Offenbachiaden konzentrieren, die aber nur einen Bruchteil des Werks von Offenbach ausmachten. Insbesondere das Sp\u00e4twerk von Offenbach h\u00e4tte Kracauer vernachl\u00e4ssigt. Erstaunlich ist dann, dass gerade bezogen auf das Sp\u00e4twerk l\u00e4ngere Zitate aus dem Buch von Kracauer auftauchen. (vgl. S. 128, S. 130, S. 133f) Irritierend daran ist, dass die Kritik an Kracauers Position urteilend, aber nicht inhaltlich gef\u00fcllt ausf\u00e4llt. Kracauer habe das konventionelle Urteil \u00fcbernommen, etwa bezogen auf die <em>F\u00e9erien<\/em>, die \u201eden schw\u00e4chsten Teil des umfangreichen Offenbachschen Lebenswerkes\u201c bildeten (S. 130). Die Entgegnung: \u201e[\u2026;] sie sind vielmehr au\u00dferordentlich gelungen [\u2026] rein musikalisch enthalten sie gro\u00dfe Sch\u00e4tze [\u2026]\u201c (S. 130), ist ohne weitere und begr\u00fcndete Ausf\u00fchrungen nicht mehr als eine Einsch\u00e4tzung.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle w\u00e4re zu \u00fcberlegen, inwieweit Kracauers nicht wenige Bez\u00fcge auf das Sp\u00e4twerk Offenbachs dann stattfinden, wenn sie seine These untermauern, dass Offenbach der Komponist des Zweiten Kaiserreichs war, seine Figuren aber, die \u201evor noch nicht zehn Jahren unmittelbare Aktualit\u00e4t besessen hatten, [\u2026] zu M\u00e4rchenfiguren geworden [waren]\u201c. (S. 129 \u2013 Zitat aus Kracauer) Kracauers Interesse ist das Sozialhistorische. In der Konsequenz hie\u00dfe das, dass die Gesellschaftsbiographie keine ist, die die gesamte Lebenszeit von Offenbach umfasst, sondern er \u201enur\u201c eine der Gesellschaft des Zweiten Kaiserreichs und Offenbachs Verbindung damit geschrieben hat. Genau das formuliert Kracauer einleitend auch als Anliegen: keine Privatbiographie, sondern eine Gesellschaftsbiographie des Zeiten Kaiserreichs vorzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr alle, die nur den popul\u00e4ren Offenbach kennen, enth\u00e4lt dieses Kapitel viele Informationen und musikwissenschaftliche Interpretationen, die ein neues H\u00f6ren von Offenbach erm\u00f6glichen. Ob ausgewiesene Offenbach-Spezialist*innen mit neuen Deutungen konfrontiert werden, vermag ich nicht einzusch\u00e4tzen. Den interessierten Leser*innen wird jedenfalls der Stand der Offenbach-Forschung eindr\u00fccklich und ohne auszuufern aufbereitet.<\/p>\n\n\n\n<p>In den beiden kurzen abschlie\u00dfenden Kapiteln von Flores wird das R\u00e4tsel Offenbach nicht einseitig aufgel\u00f6st. Von Flores werden die verschiedenen Argumente referiert, in Offenbach einen Revolution\u00e4r zu sehen oder eben nicht. Festgehalten wird, dass politisches Engagement nicht das Anliegen Offenbachs gewesen sei. So bleibt es bei Flores am Ende bei der Ambivalenz, die schon Kracauer konstatiert hat: Kracauers Operetten \u201espiegeln ihre Epoche und helfen zu sprengen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Flores, Alexander (2021) Jacques Offenbach und sein Werk bei Siegfried Kracauer und dar\u00fcber hinaus. M\u00fcnster: Westf\u00e4lisches Dampfboot<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christine Resch<\/p>\n<p> In der k\u00fcrzlich erschienenen Publikation von Alexander Flores, die sich dem Werk von Jacques Offenbach widmet, nimmt die Rezeption der Studie \u201eJacques Offenbach und das Paris seiner Zeit\u201c von Siegfried Kracauer (1937) einen geb\u00fchrenden Platz ein. 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