{"id":610,"date":"2023-11-16T17:46:41","date_gmt":"2023-11-16T16:46:41","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=610"},"modified":"2023-12-13T11:01:22","modified_gmt":"2023-12-13T10:01:22","slug":"ueber-den-deutschen-umgang-mit-krieg-rassismus-und-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=610","title":{"rendered":"\u00dcber den deutschen Umgang mit Krieg, Rassismus und Antisemitismus"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Mario Neumann<\/h5>\n\n\n\n<p>Einer der vielleicht besten S\u00e4tze, die im Sommer der Migration 2015 \u00fcber das damalige Geschehen gesagt wurden, stammt erstaunlicherweise von einem Politiker, der sp\u00e4testens in jenen Jahren wegen seiner Hardliner-Politik gegen\u00fcber Griechenland weltber\u00fchmt wurde: Wolfgang Sch\u00e4uble. Er konstatierte, dass die Migration ein \u201eRendezvous unserer Gesellschaft mit der Globalisierung\u201c sei. Mit den Rendezvous in der Politik ist es in schnelllebigen Zeiten nicht anders als mit jenen in der Liebe: Sie kommen selten allein. Und seit Sch\u00e4ubles Rendezvous gab es zahlreiche Begegnungen der traditionell weltabgewandten und sicherheitsorientierten deutschen Lebensrealit\u00e4t mit den gro\u00dfen globalen Krisengeschehen. Die Klimakrise besch\u00e4ftigte das Land, dann die Pandemie, dann der Krieg in der Ukraine und nun, mal wieder, die schreckliche j\u00fcngste Eskalation in Israel und Pal\u00e4stina. All diese Ereignisse, die zugleich auch Medienspektakel sind, k\u00f6nnten in ihrem Effekt oberfl\u00e4chlich besehen als eine enorme Repolitisierung des gesellschaftlichen Alltags betrachtet werden. Wer sich davon allerdings Lernprozesse, eine neue Chance f\u00fcr politische Alternativen oder zumindest den Griff nach der Notbremse erhofft, wird bitter entt\u00e4uscht. Auf das Rendezvous reagiert ein Gro\u00dfteil der Gesellschaft mit dem Ruf nach Aufr\u00fcstung der staatlichen Sicherheitspolitik, die solche Begegnungen zuk\u00fcnftig m\u00f6glichst vermeiden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sich in Deutschlands politischer Mitte, die auch Ausdruck einer neuen Republik in Zeiten heraufziehender Krisen ist, seitdem breitmacht, ist eine neue Begeisterung f\u00fcr die L\u00f6sung politischer Probleme durch Polizei, Milit\u00e4r und Machtvollkommenheit. Ein neuer Autoritarismus der Mitte, der bis nach links ausstrahlt. Dies ist der Untergrund des rechten Durchmarschs der letzten Monate, bei dem sich die tats\u00e4chlich rechten Kr\u00e4fte entspannt zur\u00fccklehnen konnten. Das Neue darin ist, dass die autorit\u00e4ren Ma\u00dfnahmen gleichzeitig noch durch den progressiven Begriffsapparat geleitet werden. Das verwirrt und verf\u00e4ngt. Das Schlechte kommt im Namen des Guten daher. In der Pandemie wurde der polizeiliche Durchgriff im Namen der \u201eSolidarit\u00e4t\u201c ausge\u00fcbt, die Militarisierung des Denkens in Zeiten des Ukraine-Krieges mit \u201ewestlichen Werten\u201c und \u201eDemokratie\u201c begr\u00fcndet. Und Deutschlands aktueller Kurs in Nahost wird unter dem Banner des Kampfes gegen Antisemitismus und eines erinnerungspolitisch gel\u00e4uterten Deutschlands gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAntifaschismus\u201c von rechts<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ergebnis ist ein ziemlich sinnentleertes progressives Geraune, hinter dem sich die Mentalit\u00e4t eines neuen deutschen Autoritarismus versteckt. Die Auseinandersetzung zu den Massakern der Hamas und um den Krieg in Gaza sind in dieser Hinsicht die j\u00fcngste und vielleicht auch die gr\u00f6\u00dfte Augenwischerei der letzten Jahre. Wenn man morgens im Deutschlandfunk Hubert Aiwanger \u00fcber den Antisemitismus der Migrant:innen herziehen h\u00f6rt, wei\u00df man, welche Stunde geschlagen hat: Das Kulturkampf-Narrativ der politischen Rechten wird jetzt in der Sprache des Nahostkonflikts neu codiert. \u201eAusl\u00e4nder raus\u201c hei\u00dft jetzt \u201eAntisemiten raus\u201c. Die deutschen \u201eLehren\u201c aus der Geschichte werden gegen die Migrationsgesellschaft ausgespielt und Debatten um die notwendige Dekolonisierung Deutschlands und der Welt gleich mit erledigt. Der Antisemitismus wird den Migrant:innen zugeschoben und der allgegenw\u00e4rtige Rassismus erscheint gewisserma\u00dfen als ein Gegenmittel. \u201eWesensmerkmal projektiven Denkens ist, das in uns steckende B\u00f6se auf eine Au\u00dfen stehende Gestalt zu projizieren, so dass diese zum Inbegriff des B\u00f6sen wird, w\u00e4hrend wir selbst dabei vollkommen gut und rein sind. Dieser Projektionsmechanismus ist in der Regel im Krieg wirksam\u201c, schrieb der Sozialpsychologe Erich Fromm einmal.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtige R\u00e4ume gehen verloren. Die Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung sagt ohne Umschweife die Konferenz \u201eWe still need to talk\u201c \u00fcber eine m\u00f6gliche multidirektionale Erinnerung ab. Jetzt wird nur noch deutsch gesprochen. Andere unliebsame Stimmen wie die wenigen verbliebenen internationalen linken Promis werden gleich mit verbannt. Jeremy Corbyn, Greta Thunberg, Judith Butler werden in Deutschland exkommuniziert, w\u00e4hrend der Rassismus in Parlamenten, Regierungen und Medien normalisiert wird. \u201eMan will uns in Deutschland lieber nicht h\u00f6ren. Wir sind die unbequemen Juden\u201c, sagte die Konferenzorganisatorin Candice Breitz der ZEIT. Das gilt auch f\u00fcr kritische Stimmen aus Israel, wo Menschenrechtsaktivist:innen, aber auch Angeh\u00f6rige von Get\u00f6teten und Entf\u00fchrten ganz andere T\u00f6ne anschlagen als die des Krieges. Doch in Deutschland wird jetzt ein anderes Spiel gespielt. \u201eWir befinden uns gegen\u00fcber dem radikalen Islam im Dritten Weltkrieg. Deshalb geht es nicht nur um Israel. \u2026 Der Krieg ist auch innerhalb Europas\u201c, sagt Israels Energieminister Katz im BILD-Interview. Die Springer-Presse gibt mit solchen und \u00e4hnlichen Beitr\u00e4gen den Ton vor, dem auch einige Linke auf ihre Weise folgen. Unfreiwillige Unterst\u00fctzung bekommt diese Logik durch die Haltung von Teilen der Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4tsbewegung, die jede gegen Israel gerichtete Tat, und seien es die Verbrechen islamistischer Gruppen, als Befreiungstat feiern, den postkolonialen Diskurs verflachen und zu einer tempor\u00e4ren Erm\u00e4chtigung missbrauchen, die in die politische Sackgasse f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Angriff auf die Einwanderungsgesellschaft<\/p>\n\n\n\n<p>Im Windschatten der Debatte hagelt es nicht nur Verbote. Eingriffe in Grund- und Asylrecht werden regelrecht durchgewunken. Die verk\u00fcndete Staatsr\u00e4son steht auf einmal \u00fcber grundlegenden demokratischen Normen. Ein Gro\u00dfteil der ver\u00f6ffentlichten Meinung wittert hinter jeder Empathie mit pal\u00e4stinensischen Opfern Antisemitismus. Und mancher Politiker fordert gar, dass nur ein klares Bekenntnis zu Israel den Weg zur deutschen Staatsb\u00fcrgerschaft \u00f6ffnen und diese im Zweifel sogar wieder entzogen werden solle, wie Markus S\u00f6der vorschlug. Wolfgang Kubicki fordert derweil Migrationsobergrenzen in Stadtteilen. Es werden Bundestagsbeschl\u00fcsse gefasst, die den Kampf gegen Antisemitismus mit fragw\u00fcrdigen Ma\u00dfnahmen und milit\u00e4rischer wie politischer Unterst\u00fctzung Israels verr\u00fchren, w\u00e4hrend zeitgleich der wachsende Rassismus in Gesetzesform gegossen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ergebnis ist ein wei\u00dfer, auf den Anti-Antisemitismus reduzierter Antifaschismus des B\u00fcrgertums, der einen Generalverdacht gegen arabische und muslimische Menschen ausruft. Bundespr\u00e4sident und Wirtschaftsminister best\u00e4tigen ihn und fordern Unterwerfungsgesten. Diese Stimmung l\u00e4sst viele Menschen mit migrantischer Geschichte \u00fcber Nacht sprachlos und verzweifelt zur\u00fcck. Wie sollen sie sich diesem einseitigen \u201eNie wieder ist jetzt!\u201c und seiner Leitkultur-Debatte anschlie\u00dfen, wenn damit gleichzeitig der rassistische Rollback und der Angriff auf die Einwanderungsgesellschaft mehrheitsf\u00e4hig gemacht wird? Es stimmt eben auch, dass im gel\u00e4uterten Deutschland Migrant:innen oft nicht von der Polizei besch\u00fctzt werden, sondern sich vor ihr verstecken m\u00fcssen. Sie werden von Beh\u00f6rden und Institutionen drangsaliert. Es wird nicht zu ihrem Schutz aufgerufen und der Rassismus skandalisiert, sondern sie werden zur Abschiebung und zur Hetze freigegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass viele Menschen hierzulande den 7. Oktober gleichg\u00fcltig hingenommen oder mit Freude begr\u00fc\u00dft haben; dass in Deutschland heute viele j\u00fcdische Menschen in Angst und Sorge leben: all das ist eine zu Recht skandalisierte Wahrheit. Zu dieser Wahrheit geh\u00f6rt aber ebenso, dass tote arabische und pal\u00e4stinensische Menschen die wenigsten wirklich zu bewegen und manche nicht einmal zu interessieren scheinen. Das steht f\u00fcr das, was Georgio Agamben \u201eHomo sacer\u201c genannt hat: Menschen, die so entmenschlicht und degradiert wurden, dass die Verletzung ihrer Rechte oder ihre Ermordung nicht als Verbrechen gilt und sie ohnehin nur als amorphe Masse erscheinen. Solche Doppelstandards f\u00fchren zu Unglaubw\u00fcrdigkeit und zur Abwendung von der deutschen Selbstgerechtigkeit. Und was in der deutschen Auseinandersetzung gilt, ereignet sich auch im Globalen. Es kommt zu einem immensen Glaubw\u00fcrdigkeitsverlust der in der Ukraine hochgehaltenen \u201eregelbasierten\u201c und \u201ewertegeleiteten\u201c Au\u00dfenpolitik. Der Krieg gegen Gaza wird verteidigt, Erdo\u011fans Krieg gegen die Kurd:innen verschwiegen. Prinzipien oder der Einsatz f\u00fcr werte- und regelbasierte Politik und das V\u00f6lkerrecht sehen anders aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist sie also, die \u201eZeitenwende\u201c. Doch statt einer Antikriegs-Bewegung und einer breiten Mobilisierung gegen den Rechtsruck gibt es die Eingliederung der Antisemitismus-Bek\u00e4mpfung in den westlichen Militarismus unter rechter Hegemonie. Um dem in Zukunft zu entgehen, sollte die unter progressiven Akteur:innen herrschende Begriffsverwirrung dringend entwirrt werden. Denn auch der jetzt n\u00f6tige Antifaschismus ist #unteilbar. Erst recht, wenn er sein \u201eRendezvous mit der Globalisierung\u201c bestehen will. Tut er dies nicht, gewinnt weiter die politische Rechte. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><strong>Mario Neumann arbeitet bei der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico-international, ist verantwortlicher Redakteur deren Rundschreibens und zust\u00e4ndig f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeitsarbeit zu S\u00fcdamerika und dem Libanon. Seit seiner Jugend ist er politischer Aktivist, hat lange f\u00fcr das Institut Solidarische Moderne (ISM) gearbeitet. Der Text erscheint demn\u00e4chst im Rundschreiben von medico-international.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><\/p>\n\n\n\n<p>In Erg\u00e4nzung zu dem Text von Mario Neumann publizieren wir hier eine Erkl\u00e4rung der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international, die auf deren Homepage (medico.de) ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Den Horror in Gaza beenden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Israel wird durch die Verbrechen der Hamas nicht seiner eigenen v\u00f6lkerrechtlichen Verantwortung entbunden. Der Krieg muss enden.<\/p>\n\n\n\n<p>medico international arbeitet seit Jahrzehnten mit Partnerorganisationen in Israel und Pal\u00e4stina. Wir haben in dieser langen Zeit unserer Zusammenarbeit, die meist mit politischen Minderheiten im jeweiligen Kontext stattfand, vieles versucht. Vieles ist gescheitert oder halb gegl\u00fcckt. Wir standen dabei immer auf der Seite der Unterdr\u00fcckten und gleichzeitig auf der Seite der Idee von Verst\u00e4ndigung und der Suche nach einer nicht-nationalistischen Perspektive.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz dieser Erfahrungen mit politischer Gewalt und der Gew\u00f6hnung an R\u00fcckschl\u00e4ge und Niederlagen, die zuallererst die Realit\u00e4t unserer Partner:innen ist, stellt alles, was seit dem 7. Oktober geschehen ist, die herk\u00f6mmlichen Strategien, Gewissheiten und Sicherheiten in Frage. Wir h\u00f6ren Horrorgeschichten von Tod, Gewalt und Verzweiflung, die kaum auszuhalten sind, obwohl wir sie nicht selbst durchleben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen auch heute an der Seite unserer Partner:innen in Israel und Pal\u00e4stina, so gut, wie das gerade m\u00f6glich ist. Und es ist nicht gut m\u00f6glich. Denn sie sind verzweifelt, am Ende und todtraurig. Sie sind umgeben von Angst und Tod. Sie schlafen nicht, haben keinen Strom und es explodiert tagt\u00e4glich die Welt um sie herum. Sie versuchen und mit ihnen wir, sich nicht der herrschenden Kriegslogik und den falschen Dichotomien zu beugen. Doch das hei\u00dft nicht, dass wir unparteiisch w\u00e4ren, im Gegenteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Und deshalb sprechen wir jetzt und heute von Gaza, von dem die ganze Zeit gesprochen wird und \u00fcber dem dennoch ein unertr\u00e4gliches Schweigen liegt. Und wir sprechen mit Dringlichkeit, denn der Horror von Gaza findet jetzt statt. Er ist kein Ereignis der Vergangenheit, er ist ein Geschehen. Und er muss aufh\u00f6ren. Sofort.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast alle Argumente, die vor zwei, drei, vier Wochen vielleicht noch \u00fcberzeugend waren oder klangen, sind es heute nicht mehr. Israels Armee ist au\u00dfer Kontrolle, au\u00dferhalb der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit und au\u00dferhalb v\u00f6lkerrechtlicher und wertegeleiteter Bahnen. Die Menschen in Gaza durchleben seit Wochen die blanke H\u00f6lle und kein Tunnel unter ihnen rechtfertigt die Fortsetzung dieses Albtraums. Seit dem 7. Oktober finden fl\u00e4chendeckende Angriffe auf alle Teile Gazas statt, die etwa die H\u00e4lfte aller Wohnh\u00e4user besch\u00e4digt, zerst\u00f6rt oder bis auf weiteres unbewohnbar gemacht haben. 1,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht, so viele wie noch nie in Pal\u00e4stina. Sichere Zufluchtsorte gibt es nicht, bombardiert wird \u00fcberall. Ganze Familien werden durch Luftangriffe ausgel\u00f6scht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das vorl\u00e4ufige Ergebnis: Binnen vier Wochen sind in Gaza mehr als doppelt so viele Frauen und Kinder dem Kriegsgeschehen zum Opfer gefallen, wie in der Ukraine seit Kriegsbeginn durch Verbrechen der russischen Armee den Tod fanden. Fast 11.000 Menschen sind bei israelischen Angriffen get\u00f6tet worden, etwa 68 Prozent davon Frauen und Kinder. Sch\u00e4tzungsweise 2.650 gelten als vermisst, auch davon etwa 1.400 Kinder. Die meisten d\u00fcrften unter den Tr\u00fcmmern ihrer H\u00e4user begraben liegen. In keinem Konflikt weltweit haben die Vereinten Nationen bisher so viele Personal verloren wie in Gaza: 100 Mitarbeiter:innen kamen bei den Angriffen seit dem 7. Oktober ums Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon vor dem verheerenden \u00dcberfall der Hamas und anderer bewaffneter pal\u00e4stinensischer Gruppierungen auf Israel waren in Gaza rund 80 Prozent der Menschen auf humanit\u00e4re Hilfe angewiesen. 65 Prozent der Bev\u00f6lkerung litten unter Ern\u00e4hrungsunsicherheit, die hohe Arbeitslosigkeit hatte zwei Drittel unter die Armutsgrenze gedr\u00fcckt. Die Bev\u00f6lkerung, von der etwa die H\u00e4lfte Kinder und Jugendliche sind, hatte schon keine Perspektive, bevor die vollst\u00e4ndige milit\u00e4rische Belagerung begann.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 9. Oktober ordnete Israels Verteidigungsminister dann die Abschaltung der Strom- und Wasserversorgung sowie die Einstellung aller Warenlieferungen einschlie\u00dflich Lebensmittel, Medikamente und Treibstoff an. Davor kamen t\u00e4glich im Schnitt 500 Lastwagen nach Gaza. Das ist der Bedarf, um das Gebiet zu versorgen. Als \u201ehumanit\u00e4re Geste\u201c der israelischen Regierung wurden bis zum 7. November insgesamt 650 LKW nach Gaza gelassen. Die UN-Konferenz f\u00fcr Handel und Entwicklung UNCTAD kommt in ihrem j\u00fcngsten Bericht zu dem Schluss: \u201eGrenzschlie\u00dfungen und wiederholte Milit\u00e4roperationen haben einen Teufelskreis des wirtschaftlichen und institutionellen Zusammenbruchs in Gang gesetzt, der den Gazastreifen zu einem Fall von &#8218;R\u00fcck-Entwicklung&#8216; gemacht hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Folgen des jetzigen Krieges sind f\u00fcr die Versorgung der Menschen katastrophal. Laut WHO mussten 14 Kliniken ihren Betrieb einstellen. Das Personal der verbliebenen Krankenh\u00e4user muss um das Leben der Patient:innen bangen. Ohne Strom funktionieren Autoklaven, Inkubatoren, Dialysen und andere lebenswichtige Ger\u00e4te nicht. Die Lieferung von Treibstoff f\u00fcr die Notstromgeneratoren der Kliniken ist \u00fcberlebensnotwendig und wird durch Israel weiterhin blockiert. Medikamente, Schmerz- und Bet\u00e4ubungsmittel, Antibiotika, Wundauflagen und Desinfektionsmittel sind nicht mehr in ausreichendem Ma\u00df vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Einhaltung des V\u00f6lkerrechts gew\u00e4hrleisten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Debatten in Deutschland der letzten Wochen haben f\u00fcr viele anscheinend zum Ergebnis, dass Israels Armee bedingungslos unterst\u00fctzt werden muss und dass sie eine vertrauensw\u00fcrdige Kraft des Guten ist. Dieser Glaube scheint weiterhin gr\u00f6\u00dfer zu sein, als die Fakten und Zeugnisse von vor Ort, die bei aller gebotenen Vorsicht gegen\u00fcber den zur Verf\u00fcgung stehenden Quellen ein eindeutiges Bild unbestreitbaren Grauens zeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Deutschland f\u00fchrt nicht nur eine Debatte. Die deutsche Bundesregierung ist ein politischer Akteur und tr\u00e4gt Verantwortung. Bundeskanzler Scholz war der erste Regierungschef, der Israel nach dem 7. Oktober besuchte, die Bundesregierung und die gesamte Parteienlandschaft in Deutschland haben sich solidarisch mit Israel \u2013 was in dieser Situation auch bedeutet: solidarisch mit dem Krieg gegen Gaza \u2013 gezeigt und die Bundesregierung hat hierf\u00fcr einen Freifahrtschein ausgestellt, der sich moralisch aus dem blutigen \u00dcberfall des 7. Oktobers ableiten soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Fraglos haben sich die Hamas und andere bewaffnete pal\u00e4stinensische Gruppierungen schwerer Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht und m\u00fcssen daf\u00fcr zur Verantwortung gezogen werden. Nach wie vor beschie\u00dfen sie unterschiedslos Ziele in Israel und halten Zivilpersonen als Geiseln fest. Israel wird durch diese Verbrechen jedoch nicht seiner eigenen v\u00f6lkerrechtlichen Verantwortung entbunden. Die vollst\u00e4ndige unterschiedslose Abriegelung der gesamten K\u00fcstenenklave und die weitgehende Vorenthaltung humanit\u00e4rer Hilfe nimmt die pal\u00e4stinensische Zivilbev\u00f6lkerung insgesamt in Haft f\u00fcr die Verbrechen jener Gruppen. Gezielte Angriffe auf nicht milit\u00e4rische Infrastruktur und die Zivilbev\u00f6lkerung sind Kriegsverbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem v\u00f6lkerrechtswidrigen Handeln muss schnellstm\u00f6glich ein Ende gesetzt werden. Die Bundesregierung muss, gemeinsam mit anderen Staaten, dringend entsprechenden Druck auf die Kriegsparteien aus\u00fcben, um ihrer v\u00f6lkerrechtlichen Verantwortung zur Verh\u00fctung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit nachzukommen. Sie sollte weiter die wichtige Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs unterst\u00fctzen und dem Chefankl\u00e4ger jede erforderliche Hilfe anbieten, um weitere Massengr\u00e4ueltaten zu verhindern und diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, bei denen der Verdacht auf Beteiligung an Straftaten unter dem R\u00f6mischen Statut oder Verantwortung f\u00fcr solche besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein politischer Horizont ist notwendig. Es ist an der Zeit, mit den Menschen zwischen Mittelmeer und Jordan eine politische Perspektive zu entwickeln. Nur so kann Sicherheit jenseits der milit\u00e4rischen Macht geschaffen werden. Rechte und Sicherheit wird es entweder f\u00fcr alle geben, oder aber f\u00fcr niemanden.<\/p>\n\n\n\n<p>medico international am 10. November 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Mario Neumann<\/p>\n<p>Die Klimakrise, die Pandemie, der Krieg in der Ukraine und die schreckliche j\u00fcngste Eskalation in Israel und Pal\u00e4stina k\u00f6nnten in ihrem Effekt oberfl\u00e4chlich besehen als eine enorme Repolitisierung des gesellschaftlichen Alltags betrachtet werden. 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