{"id":612,"date":"2023-11-16T17:56:42","date_gmt":"2023-11-16T16:56:42","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=612"},"modified":"2023-11-16T17:56:42","modified_gmt":"2023-11-16T16:56:42","slug":"was-mit-einem-virus-gemacht-wird-rainer-fischbachs-kritik-der-corona-politik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=612","title":{"rendered":"Was mit einem Virus gemacht wird &#8211; Rainer Fischbachs Kritik der Corona-Politik"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Joachim Hirsch<\/h5>\n\n\n\n<p>Nach den Jahren des Ausnahmezustandes w\u00e4hrend der Corona-Krise scheint hierzulande erst einmal wieder eine gewisse Normalit\u00e4t eingekehrt zu sein. Die vielf\u00e4ltigen Folgen in Politik und Gesellschaft wiegen allerdings schwer. Was die staatlichen Ma\u00dfnahmen zur Bek\u00e4mpfung des Virus angeht, so wird auch in der etablierten \u00d6ffentlichkeit inzwischen einger\u00e4umt, dass einige davon, z.B. die Schlie\u00dfung von Schulen, Kinderg\u00e4rten oder Spielpl\u00e4tzen wenig sinnvoll, wenn nicht angesichts der damit verbundenen \u201eKollateralsch\u00e4den\u201c sogar destruktiv waren. Was allerdings immer noch fehlt, ist eine systematische Aufarbeitung und Evaluierung der Corona-Politik. Was angesichts der damit einhergehenden massiven Grundrechtseingriffe dringend anst\u00fcnde. Im Gegenteil: es scheint sogar ein gewisses Interesse daran zu bestehen, eben diese zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Rainer Fischbach will mit seiner Schrift nachweisen, dass die eigentliche Krise in einer inad\u00e4quaten &#8211; nicht nur staatlichen, sondern vor allem auch die Medien betreffenden &#8211; Reaktion auf das Auftreten des Virus zu sehen ist. Er geht nicht davon aus, dass hinter der Corona-Politik ein koh\u00e4renter Plan oder ein zentraler Akteur gestanden habe, distanziert sich also von simplen Verschw\u00f6rungstheorien. Vielmehr h\u00e4tten die Regierungen angesichts der mit Schockbildern vor allem aus Norditalien unterlegten medialen Panikmache unter einem Handlungsdruck gestanden, dem sie glaubten nachgeben zu m\u00fcssen. Bei ihren Ma\u00dfnahmen st\u00fctzten sie sich auf Expertenwissen und wissenschaftliche Ergebnisse und bezogen daher ihre Legitimation. Und genau hier setzt Fischbachs Kritik ein, die einen wesentlichen Teil seiner Ausf\u00fchrungen ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Wissenschaft und Forschung nicht als offener Prozess wahrgenommen werden, dessen Ergebnisse immer wieder eingeordnet, \u00fcberpr\u00fcft und gegebenenfalls revidiert werden m\u00fcssen, erhalten ihre Ergebnisse den Charakter feststehender Tatsachen und werden damit eher zu einer Art Glaubensbekenntnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei w\u00e4re gerade im Fall dieses neuartigen Virus bei der Bewertung von Expertenmeinungen und Forschungsergebnissen besondere Vorsicht geboten gewesen, statt sie zu politisch handlungsleitenden Autorit\u00e4ten zu stilisieren. Das sei nicht geschehen, abgesehen von der Abwertung von Stellungnahmen jenseits des wissenschaftlichen Mainstreams. So sei z.B. in praktisch allen vorliegenden Untersuchungen die m\u00f6gliche Wirksamkeit von anderen, nicht unmittelbar mit dem Virus in Zusammenhang stehenden Erkrankungsursachen, d.h. Lebensverh\u00e4ltnisse, allgemeiner Gesundheitszustand, Luftverschmutzung, Zustand des Gesundheitssystems u.a.m. praktisch unber\u00fccksichtigt geblieben. Diese Faktoren h\u00e4tten bei der Bewertung der extrem hohen Erkrankungs- und Sterberaten z.B. in Norditalien, aber auch Gro\u00dfst\u00e4dten wie New-York mit herangezogen werden m\u00fcssen, um die Gef\u00e4hrlichkeit des Virus und die Ursachen von Erkrankungen einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen. Auf diese Eindimensionalit\u00e4t, die sich auf die Untersuchung isolierter Ursachen-Wirkungszusammenh\u00e4nge beschr\u00e4nkt, richtet sich Fischbachs Kritik im Besonderen. Dazu kommen die gerade in der medizinischen Forschung verbreiteten methodischen Unzul\u00e4nglichkeiten. Ein Beispiel daf\u00fcr liefert die \u2013 von Fischbach nicht mehr ber\u00fccksichtigte \u2013 Analyse von Studien \u00fcber Post-Covid-Erkrankungen, die von zwei Forschern der der University of California, San Francisco und der St. Georgs-University London vorgenommen wurde und die bei der gro\u00dfen Mehrzahl derart gravierende methodische M\u00e4ngel feststellten mussten, dass ihre Ergebnisse praktisch wertlos sind. Die Schlussfolgerung ist: \u201eJa, es gibt eine ansehnliche Reihe von gut bew\u00e4hrten wissenschaftlichen Ergebnissen, doch reichen die weder aus, um eine Weltanschauung zu fundieren, noch dazu, das Handeln anzuleiten\u201c (89). Und die schon gar nicht die Errichtung eines autorit\u00e4ren Ausnahmestaats rechtfertigen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies f\u00fchrt zu einer grunds\u00e4tzlichen Kritik des herrschenden gesellschaftlichen Naturverh\u00e4ltnisses, das \u201eNatur\u201c als dem \u201eMenschen\u201c gegen\u00fcber als fremd, feindlich, gef\u00e4hrlich und nicht als Teil des lebendigen Organismus ansieht, etwa unterschl\u00e4gt, dass Viren oft dessen notwendiger und oft n\u00fctzlicher Bestandteil sind und \u2013 etwa durch die Stimulierung k\u00f6rpereigener Abwehrkr\u00e4fte &#8211; zu seiner Erhaltung beitragen. Das f\u00fchrt dazu, einen als gef\u00e4hrlich erachteten Virus durch medizinisch-technische Mittel, etwa massenhafte Impfungen zu bek\u00e4mpfen statt auf die Wirksamkeit der nat\u00fcrlichen Abwehr zu vertrauen und f\u00fcr deren Erhaltung zu sorgen: Stichwort Lebensverh\u00e4ltnisse. In diesem Zusammenhang kommen nat\u00fcrlich noch andere wichtige Akteure ins Spiel, insbesondere die Pharma- Medizinger\u00e4te- und IT-Industrie oder Maskenhersteller und -h\u00e4ndler, denen sich mit der eingeleiteten Politik ungeahnte Profitchancen er\u00f6ffneten. Und dies mit dem illusion\u00e4ren Versprechen, den Virus ausrotten zu k\u00f6nnen. Statt Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um mit ihm leben zu k\u00f6nnen. Fischbach lehnt Impfungen nicht grunds\u00e4tzlich ab, soweit sie besondere Risikogruppen betreffen, h\u00e4lt aber massenhafte Injektionen mit einem hastig zugelassenen Impfstoff wegen ihrer recht begrenzten Wirksamkeit und der damit verbundenen \u2013 und im \u00dcbrigen auch noch nicht genau untersuchten \u2013 Risiken und Nebenwirkungen f\u00fcr h\u00f6chst gef\u00e4hrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Corina-Krise habe die Tendenz zu Errichtung eines autorit\u00e4ren \u00dcberwachungsstaats, eines \u201ebiopolitischen Kontrollregimes\u201c auf Basis einer durchg\u00e4ngigen Medikalisierung der Gesellschaft erheblich verst\u00e4rkt. Es deute sich eine Welt an, in der jede Bewegung und jede Aktivit\u00e4t elektronisch \u00fcberwacht und gesteuert werde. Im Cyberspace verschwinde tendenziell der unmittelbare Kontakt lebendiger Menschen zugunsten einer elektronisch vermittelten Kommunikation zwischen atomisierten Individuen \u2013 dies auch mit erheblichen politischen und psychosozialen Folgen. Lebendige Menschen mit ihrer Individualit\u00e4t erschienen nur noch als abstrakte Ansammlungen von Laborergebnissen und Daten.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang steht auch die Kritik an gro\u00dfen Teilen der Linken, denen Fischbach vorwirft, eben diese Entwicklung erheblich mit vorangetrieben zu haben. Sie taten sich damit hervor, die staatlichen Ma\u00dfnahmen zu verteidigen oder gar noch weiter reichende Freiheitseinschr\u00e4nkungen zu fordern, als h\u00e4tte es nie eine Kritik an kapitalistischen Staat und der kapitalistischen \u00d6konomie gegeben. Man denke nur an die v\u00f6llig illusion\u00e4re, sich selbst als \u201elinks\u201c bezeichnende \u201eZero-Covid\u201c-Initiative. Eine theoretisch fundierte kritische Auseinandersetzung mit der Corona-Politik hat es von linker Seite praktisch nicht gegeben. Nicht zuletzt dadurch wurde den Rechten ein \u00f6ffentlicher Raum \u00fcberlassen, wovon sie bis heute profitiert. Die Wahlerfolge der AfD haben einiges damit zu tun. In der Tat bezeichnet dies eine wesentliche Ursache des offenkundigen Niedergangs, der sich mit ihrem Verhalten zum Ukraine-Krieg weiter verst\u00e4rkt hat. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese, die politischen Verh\u00e4ltnisse einschneidend ver\u00e4ndernde Entwicklung zu untersuchen, w\u00e4re eine immer noch zu leistende Aufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein eigenes Kapitel widmet Fischbach der Frage, woher der Virus eigentlich stammt. Eine Erkl\u00e4rung spricht von einem nat\u00fcrlichen Ursprung, d.h. er sei von Tieren auf die Menschen \u00fcbertragen worden. Die andere behauptet, er sei aus einem Labor entwichen, das sich mit gentechnischen Manipulationen besch\u00e4ftigt. W\u00e4hrend die einschl\u00e4gigen Experten die Laborhypothese f\u00fcr zweifelhaft, wenn nicht f\u00fcr falsch halten, f\u00fchrt der Autor eine Reihe von Gr\u00fcnden an, die f\u00fcr sie sprechen. Das wiederum h\u00e4ngt mit einem speziellen Aspekt der sognannten Globalisierung zusammen, n\u00e4mlich der Verlagerung riskanter Forschungen in L\u00e4nder, in denen sie Sicherheitsvorschriften gering sind oder lax gehandhabt werden \u2013 aus Gr\u00fcnden der Kostenersparnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Die von Fischbach gezogene Schlussfolgerung ist, dass der Kampf gegen den Covid-Virus wie auch gegen andere, sehr massive Opfer fordernde Infektionen nicht vorrangig eine Angelegenheit der Medizin oder Pharmazie, sondern der gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse sei, die es zu ver\u00e4ndern gelte. Die Corona-Krise sei im Wesentlichen eine Umweltkrise und eine Krise der globalen \u00d6konomie.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Beurteilung von Fischbachs Schrift ist nicht ganz einfach. Das h\u00e4ngt nicht zuletzt damit zusammen, dass es sich dabei um eine Sammlung fr\u00fcher erschienener, z.T. \u00fcberarbeiteter und aktualisierter Aufs\u00e4tze handelt, was viele Redundanzen mit sich bringt, die Argumentationsg\u00e4nge verundeutlicht und damit die Lekt\u00fcre ziemlich erschwert. Eine gr\u00fcndliche redaktionelle \u00dcberarbeitung h\u00e4tte da gutgetan. Dies f\u00fchrt auch zu gewissen argumentativen Inkonsistenzen, z.B. im Umgang mit der Impfung, wo neben einer sachlichen Einsch\u00e4tzung ihrer Wirkung auch Polemiken stehen, die den Verfasser in die N\u00e4he pauschalisierender Impfgegner r\u00fccken. \u00dcberhaupt ist die teilweise sehr polemische Sprache oft eher st\u00f6rend und einer kritischen Argumentation nicht eben zutr\u00e4glich. Bei der durchaus sinnvollen Auseinandersetzung mit Stellungnahmen, die Kritikern der Corona-Ma\u00dfnahmen in Politik und Medien Wissenschaftsfeindlichkeit, Esoterik oder gar Rechtsradikalismus vorwerfen wird tendenziell unterschlagen, dass es eben diese Zusammenh\u00e4nge durchaus auch gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen davon beinhaltet das Buch eine sehr materialreich unterf\u00fctterte Argumentation. Davon zeugt schon das sehr umfangreiche Literaturverzeichnis. Man mag damit nicht in allen Teilen \u00fcbereinstimmen, einige Kritiken f\u00fcr \u00fcberzogen oder die Plausibilit\u00e4t von Begr\u00fcndungen f\u00fcr zweifelhaft halten. So erscheint z.B. das ge\u00e4u\u00dferte und der Argumentation zugrundeliegende Vertrauen in die nat\u00fcrlichen Abwehr- und Selbstheilungskr\u00e4fte des menschlichen K\u00f6rpers als zumindest diskutabel. Eine Auseinandersetzung mit Fischbachs Schrift ist aber auf jeden Fall lohnend. Sie w\u00e4re ein guter und wichtiger Beitrag zu einer Diskussion, die in der breiten \u00d6ffentlichkeit allerdings je weniger stattfindet als sie angesichts der gesellschaftlichen und politischen Folgen der \u201eCorona-Krise\u201c am Platze w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rainer Fischbach: Ein Virus zum Beispiel. Wie eine Gesellschaft Vernunft und Humanit\u00e4t verlor und wie sie wiederzugewinnen w\u00e4ren. Verlag Shaker Media, D\u00fcren 2023, 366 Seiten.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Joachim Hirsch<\/p>\n<p>Nach den Jahren des Ausnahmezustandes w\u00e4hrend der Corona-Krise scheint hierzulande erst einmal wieder eine gewisse Normalit\u00e4t eingekehrt zu sein. Die vielf\u00e4ltigen Folgen in Politik und Gesellschaft wiegen allerdings schwer. 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