{"id":620,"date":"2023-12-12T10:38:46","date_gmt":"2023-12-12T09:38:46","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=620"},"modified":"2023-12-13T11:00:34","modified_gmt":"2023-12-13T10:00:34","slug":"the-name-of-the-beast","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=620","title":{"rendered":"The name of the beast?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das Massaker der Hamas als historische Z\u00e4sur und Fortsetzung eines alten Konfliktes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Michael Elm<\/h5>\n\n\n\n<p>Es zeichnet sich ab, dass der 7. Oktober 2023 zu einer historischen Z\u00e4sur in der ereignisreichen Geschichte des Nahostkonflikts wird. F\u00fcr die israelische Seite ist dies jetzt schon klar. Das Massaker der Hamas mit den live gestreamten Bildern von Erschie\u00dfungen, Vergewaltigungen und Verst\u00fcmmelungen hat nicht nur neue Traumata geschaffen, sondern alte geweckt und wird als neuerlicher Versuch der Ausl\u00f6schung des israelischen Staates wie des j\u00fcdischen Lebens insgesamt gewertet. Zu dieser Einordnung sp\u00e4ter mehr. Die internationalen Reaktionen schwankten zwischen scharfen Verurteilungen in den meisten westlichen Staaten, Beifallsbekundungen in einigen arabischen L\u00e4ndern und Beschweigen in China und Russland. Durch die hohe Anzahl an zivilen Toten der israelischen Gegenoffensive im Gazastreifen hat sich das Blatt der \u00f6ffentlichen Meinung in den westlichen Staaten allerdings schnell gewendet. Die Massendemonstrationen in London oder Paris sowie die Proteste an amerikanischen Universit\u00e4ten gingen dabei von Anfang mit antisemitischen Kundgebungen einher, die sich ebenfalls zu einer Z\u00e4sur in der Bewertung des Nahostkonflikt und der Geschichte des Antisemitismus verdichten d\u00fcrften. Der dritte Punkt, der eine Neubewertung erf\u00e4hrt, ist die bereits tot geglaubte Zweistaatenl\u00f6sung. Es ist schwer vorstellbar, dass die US-Administration, EU und europ\u00e4ische Staaten sich an einer politischen `L\u00f6sung\u00b4 oder gar dem Wiederaufbaus Gazas beteiligen, ohne ersthafte Anstrengungen in diese Richtung zu sehen. Gleichzeitig fehlt es in Israel und Pal\u00e4stina an dem daf\u00fcr notwendigen politischen Personal sowie dem gesellschaftlichen R\u00fcckhalt, um tiefgreifende Konflikte durchzustehen. Die in der Linken h\u00e4ufig favorisierte, auf f\u00f6deralen Konzepten basierende Einstaatenl\u00f6sung muss als nicht weniger unrealistisch gelten und w\u00fcrde unter den gegebenen Verh\u00e4ltnissen einem Aufruf zum B\u00fcrgerkrieg gleichkommen. Eine stabile Nachkriegsordnung ist somit nicht in Sicht, was wiederum den extremistischen Kr\u00e4ften zugutekommt. Mit all diesen Aspekten verbunden, ist der seit Monaten andauernde innerisraelische Kampf gegen den juristischen Staatscoup der rechtsradikalen Netanjahu-Regierung sowie eine Neustrukturierung der Region, wie sie sich mit den Abraham Abkommen zwischen Saudi-Arabien, den USA und Israel abzeichnete. Der vorliegende Artikel gewichtet diese Punkte und vertieft die Betrachtung der innerisraelischen Debatten und Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023, dem letzten Tag der Sukkotferien, kam f\u00fcr die meisten Israelis v\u00f6llig unerwartet. Obgleich verd\u00e4chtige \u00dcbungen an der Grenze zum Gazastreifen gemeldet wurden und warnende Berichte schon vor Monaten eingegangen waren, wurde die Bedrohung kaum ernst genommen. Selbst die eigenen Beobachtungsposten hatten trotz der Entsendung einer Spezialeinheit zur Terrorbek\u00e4mpfung in der Nacht vor dem Anschlag keine Informationen \u00fcber eine m\u00f6gliche Infiltration erhalten. Das Versagen der Sicherheitsorgane von Geheimdiensten bis Grenzschutz hat einen direkten Zusammenhang mit der Politik der Netanjahu-Regierung. Diese hatte zuvor Truppenverb\u00e4nde in die Westbank verlagert, da es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den durch die Regierung gest\u00e4rkten militanten Siedlern und der pal\u00e4stinensischen Zivilbev\u00f6lkerung kam. Zudem war das Milit\u00e4r in praktisch allen Bereichen geschw\u00e4cht, weil zahlreiche Reservisten aus Protest gegen den juristischen Staatscoup der Regierung den Milit\u00e4rdienst quittiert hatten. Rechtsradikale Kr\u00e4fte der Regierung unternahmen wiederholt Besuche auf dem Tempelberg\/Haram al Sharif, als dessen Besch\u00fctzer die Hamas sich gerne pr\u00e4sentiert. Nicht umsonst wurde der terroristische \u00dcberfall von der Hamas selbst mit `Al-Aksa-Flut\u00b4 benannt. Auf politischer Ebene ist insbesondere die langj\u00e4hrige Strategie Netanjahus der Fraktionierung der pal\u00e4stinensischen Nationalbewegung herauszustellen. Diese ging mit der Bewilligung von F\u00f6rdermitteln aus Katar an die Hamas einher und zielt darauf, eine Zweistaatenl\u00f6sungen im Keim zu ersticken, indem die pal\u00e4stinensische Bewegung mit Fatah und Hamas in zwei unvers\u00f6hnliche Lager gespalten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz all dieser Faktoren muss \u2013 insbesondere angesichts der teilweise verst\u00f6renden internationalen Reaktionen \u2013 die alleinige Verantwortung der Hamas f\u00fcr die Gr\u00e4ueltaten betont werden. Der Anschlag war nicht von dem politischen Kalk\u00fcl motiviert, die pal\u00e4stinensische Sache wieder in den politischen Diskurs zur\u00fcckzuholen, wie gelegentlich ge\u00e4u\u00dfert wird und wie man als zumindest teilweise rationales Motiv unterstellen k\u00f6nnte. Vielmehr liegt ihr ein Vernichtungsantisemitismus zugrunde, der sich durch die Sch\u00e4ndung und Zerst\u00f6rung j\u00fcdischer K\u00f6rper definiert. Islamische Geistliche hatten die Hamaskader von religi\u00f6sen Verboten zur T\u00f6tung und Verst\u00fcmmelung von Frauen und Kindern entbunden, wie erste Befragungen vom israelischen Milit\u00e4r an Festgenommenen ergaben. H\u00e4tte man es auf eine politische Aktion angelegt, w\u00e4re es v\u00f6llig ausreichend gewesen, einige Grenzposten zu \u00fcberw\u00e4ltigen und mit gefangenen Soldaten nach Gaza zur\u00fcckzukehren. Stattdessen starben schon am ersten Tag der Offensive rund 1500 Hamask\u00e4mpfer auf israelischem Boden einen M\u00e4rtyrertod. Im Grunde trug sich am 7. Oktober eines der gr\u00f6\u00dften Selbstmordattentate der Geschichte zu. Es gilt die Sprache dieser Gewalt \u2013 wie sie Jan Philipp Reemtsma in seinem Buch <em>Vertrauen und Gewalt<\/em> eindr\u00fccklich beschrieben hat \u2013 zu verstehen, um die politische Intention der Hamas richtig einzuordnen. Diese zielt im Kern auf die Verunm\u00f6glichung von Kompromissbildung und Koexistenz. In Israel wurde der genozidale Gehalt des Massakers unmittelbar verstanden, ohne dass dies zu einer ad\u00e4quaten politischen Antwort gef\u00fchrt h\u00e4tte. Vielmehr besteht die Gefahr einer auf Vergeltung ausgelegten Reaktion, die durchaus zum politischen Kalk\u00fcl der Hamas geh\u00f6ren d\u00fcrfte, wie das Interview von deren Vertretern in der NYT nahelegen. \u201cI hope that the state of war with Israel will become permanent on all the borders, and that the Arab world will stand with us\u201d (NYT 8.11.23) sagte der Hamas Medienberater Taher El-Nounou. Dieses Kalk\u00fcl setzt auf eine Politik der extremen Provokationen und kontinuierlichen Schw\u00e4chung des israelischen Staates wie sie sinngem\u00e4\u00df auch von Hisbollah-F\u00fchrer Nasrallah und dem iranischen Pr\u00e4sidenten Raisi formuliert wurden. Man ist sich dar\u00fcber im Klaren, dass eine direkte Auseinandersetzung mit dem israelischen Milit\u00e4r nicht zu gewinnen ist. Nicht un\u00e4hnlich der Strategie Osama Bin Ladens mit den Anschl\u00e4gen vom 11. September wird versucht, Reaktionen zu erzwingen, die zu einer \u00dcberdehnung des israelischen Engagements f\u00fchren. Der Krieg in Gaza k\u00f6nnte von den politischen Resultaten her \u2013 trotz oder gerade wegen der ungeheuren Anzahl ziviler Opfer \u2013 \u00e4hnlich ergebnislos verlaufen wie der amerikanische Feldzug in Afghanistan.<\/p>\n\n\n\n<p>Regional betrachtet, ist das Massaker der Hamas auf die Torpedierung des Abkommens zwischen den USA, Saudi-Arabien und Israel gerichtet. Darin \u00fcberschneiden sich jedenfalls die Interessen von Hamas, Islamischer Dschihad, der Hisbollah im Libanon, den Theokraten im Iran und den Houthi-Milizen im Jemen, die als sogenannte `Achse des Widerstands\u00b4 die gegenw\u00e4rtigen Angriffe durchf\u00fchren. Die mit dem Abkommen verbundene informationstechnologische wie waffentechnische St\u00e4rkung der Saudis sowie die Entwicklung eines `zivilen\u00b4 Atomprogramms d\u00fcrften eine rote Linie in Teheran \u00fcberschritten haben. Obwohl Teheran eine direkte Beteiligung bestreitet \u2013 was vor allem der Vermeidung einer milit\u00e4rischen Konfrontation dient \u2013 weisen die zahlreichen Treffen zwischen dem iranischen Au\u00dfenminister, Vertretern der Hisbollah sowie der Hamas in Beirut seit August diesen Jahres auf Kenntnis und Unterst\u00fctzung des Anschlags hin. Der Kampf um die regionale Vorherrschaft zwischen Teheran einerseits und Riyad andererseits wird mit allen milit\u00e4rischen und diplomatischen Mitteln gef\u00fchrt, wobei die Frage nach der nationalen pal\u00e4stinensischen Selbstbestimmung f\u00fcr beide Regime eine nachgeordnete Rolle einnimmt. F\u00fcr das islamistische Hamas-Regime ist eine Normalisierung zwischen Israel mit dem Staat, der die bedeutendsten religi\u00f6sen St\u00e4tten des Islam in Mekka und Medina beherbergt, ideologisch existenzbedrohend. Man stelle sich beidseitige muslimische Pilgerreisen von Jerusalem nach Mekka vor, w\u00e4hrend der Gazastreifen abgeriegelt bliebe. Sich als Verteidiger des Haram al-Sharifs zu pr\u00e4sentieren, w\u00e4hrend man in Riyad eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen mit den `israelischen Besatzern\u00b4 erw\u00e4gt, greift umgekehrt den regionalen Hegemonieanspruch der Saudis an. Die arrogante Verhandlungsf\u00fchrung der israelischen Regierung im Vorfeld des angestrebten Abraham Abkommens, bei der die Pal\u00e4stinenser explizit ausschlossen wurden, k\u00f6nnen an dieser Stelle nicht unerw\u00e4hnt bleiben, sind aber nicht als urs\u00e4chlich zu bewerten. Houthi-Milizen und Hisbollah verf\u00fcgen \u00fcber je eigene Gr\u00fcnde, zu denen auch ein verschw\u00f6rungstheoretischer Antisemitismus z\u00e4hlt und sind durch die perspektivische Schw\u00e4chung ihres Verb\u00fcndeten Iran unmittelbar betroffen. Der politische Kern und das Timing des Anschlags sind also durch unterschiedliche regionale Interessen bestimmt, die sich in der Vereitelung des Abraham Abkommens zwischen den USA, Saudi-Arabien und Israel b\u00fcndeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie eingangs beschrieben, hat die Art und Weise des Massaker durch die Hamas klargemacht, dass es nicht einfach um eine Frage nationaler Befreiung oder Selbstbestimmung geht. Konnte man 2017 nach der Neuformulierung der Hamas Charta, die die gr\u00f6bsten antisemitischen Passagen entfernt hatte, noch hoffen, dass eine ideologische M\u00e4\u00dfigung eintreten w\u00fcrde, hat sich dies nach dem Massaker vom 7. Oktober erledigt. Fatal an der gegenw\u00e4rtigen Entwicklung ist, dass es ausgerechnet jenen Kr\u00e4ften gelungen ist, die Zweistaatenl\u00f6sung in den politischen Diskurs zur\u00fcckzuholen, denen am wenigsten daran gelegen ist. Das wirft ein ungutes Licht auf die politischen Verhandlungen, die nach Beendigung der Kriegshandlungen anstehen. Nicht nur, dass ohnehin keine konstruktiven Vorschl\u00e4ge der Netanjahu-Regierung f\u00fcr die Nachkriegszeit existieren, die durchl\u00f6cherte Zweitstaatenl\u00f6sung hat in der israelischen Bev\u00f6lkerung nach dem Massaker noch mehr an Glaubw\u00fcrdigkeit verloren. Der Vorschlag der US-Administration, die Fatah von Mahmood Abbas als politische Kraft in Gaza zu reinstallieren, scheint angesichts der fehlenden Unterst\u00fctzung in der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung unrealistisch. Hinzu kommt, dass gr\u00f6\u00dfere Zugest\u00e4ndnisse an die pal\u00e4stinensische Seite von den rechtsextremen Kr\u00e4ften der israelischen Regierung torpediert w\u00fcrden. Netanjahu kann aber deren Ausscheiden aus der Regierung nicht riskieren. Umfragen in Israel lassen keinen Zweifel daran, dass er mit seiner Likud-Partei nicht wiedergew\u00e4hlt w\u00fcrde und das rechtsradikale B\u00fcndnis \u2013 bis auf Ben Gvirs `J\u00fcdische St\u00e4rke\u00b4 Partei, die trotz Geiselaustausch auf die Fortsetzung der Kampfhandlungen dr\u00e4ngt \u2013 insgesamt erhebliche Verluste erlitte. Somit hat der rechte Block unter Netanjahus F\u00fchrung, der bislang keinerlei politische Verantwortung einger\u00e4umt hat, ein erhebliches Interesse an der Aufrechterhaltung der Koalition. Bei allen weiteren Verhandlungen auf der diplomatischen B\u00fchne gilt es zu bedenken, dass Netanjahu in den letzten Jahren sein eigenes politisches \u00dcberleben immer vor die Interessen des Landes gestellt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abwesenheit politischer L\u00f6sungsans\u00e4tze macht andere Szenarien denkbar, wie etwa die Wiederbesiedlungen von Teilen des Gush Katif (Siedlungen in Gaza), die 2005 unter Premierminister Ariel Sharon ger\u00e4umt worden waren und bis heute ein kulturelles Trauma f\u00fcr die israelische Rechte darstellen. Eine solche Besiedlung (vielleicht am Rand der gerade diskutierten Pufferzone) w\u00fcrde eine l\u00e4ngere Pr\u00e4senz der Armee in Gaza rechtfertigen, den rechtsreligi\u00f6sen Regierungsblock befriedigen und k\u00f6nnte Netanjahu die Zeit verschaffen, die er braucht, um von seinem Versagen abzulenken. Bis an die Z\u00e4hne bewaffnete Siedler w\u00fcrden unter dem Schutz der Armee ein Sicherheitsversprechen abgeben, dass \u00e4hnliche \u00dcberf\u00e4lle fr\u00fchzeitig unterbunden werden. Gleichzeitig w\u00e4re dies ein Schlag ins Gesicht der US-Regierung unter Pr\u00e4sident Biden, der damit f\u00fcr die Wiederwahl im November 2024 geschw\u00e4cht w\u00fcrde. Ein Anliegen, das dem unten Anklage stehenden Netanjahu trotz derzeitigem Support der US-Regierung, zupasskommt. Andere Szenarien, wie die Eskalation der Kampfhandlungen im Norden mit der Hisbollah, sind gegenw\u00e4rtig weniger wahrscheinlich. Trotz der verbreiteten Einsch\u00e4tzung in der israelischen Bev\u00f6lkerung und im Milit\u00e4r, dass eine Auseinandersetzung mit der Hisbollah l\u00e4ngerfristig unausweichlich ist, w\u00e4re die Er\u00f6ffnung einer weiteren Front nur als defensive Strategie vertretbar. Auch die US-Regierung hat unmissverst\u00e4ndlich klargestellt, dass man f\u00fcr andere Optionen nicht zur Verf\u00fcgung steht. Umgekehrt haben die Regime der Hisbollah im Libanon und der Mullahs im Irans mit eigenen erheblichen innenpolitischen Problemen zu tun, die aggressive au\u00dfenpolitische Z\u00fcge erschweren, da es trotz autorit\u00e4rer Ma\u00dfnahmen nicht gelingt, &nbsp;den R\u00fcckhalt der eigenen Bev\u00f6lkerung zu sichern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu erwarten ist in jedem Fall eine Verschleppung der unaufl\u00f6slich erscheinenden Probleme. Die Zweistaatenl\u00f6sung k\u00f6nnte dabei eine kurzzeitige Wiederbelebung erfahren, w\u00e4hrend die Realit\u00e4t in der Westbank sich in die entgegengesetzte Richtung bewegt. More of the same also. Europ\u00e4ische und amerikanische Regierungen haben in der Vergangenheit solche Politiken toleriert. Die geopolitischen Weichenstellungen sind durch die Konfrontation mit China und dem russischen Krieg in der Ukraine definitiv anders ausgerichtet. Man will vor allem Ruhe im Nahen Osten. Darin liegt die Mitverantwortung der westlichen Staaten an den unhaltbaren Zust\u00e4nden im Gazastreifen, Israel und Pal\u00e4stina.<\/p>\n\n\n\n<p>Die propal\u00e4stinensischen Kundgebungen und der um sich greifende Antisemitismus haben den Nahostkonflikt allerdings in die Metropolen und auf die Campusse getragen. Hier zeichnet sich ein Kipp-Punkt der am zweiten Weltkrieg und Holocausterinnerung orientierten \u00d6ffentlichkeit hin zu den Wertorientierungen von post- oder antikolonialen Diskursen ab. In den angels\u00e4chsischen und frankophonen L\u00e4ndern sind diese Diskurse aus historischen Gr\u00fcnden weiter fortgeschritten als etwa in Deutschland. Durch populistische und theoretische Verk\u00fcrzungen in Bezug auf den Nahost-Konflikt werden griffige T\u00e4ter- und Opferbilder erzeugt, die in sozialen Medien und Internet die Echokammern bilden, welche dann zur inneren Spaltung der Gesellschaften beitragen. Dies bezeichnet ein weites und dynamisches Feld, dessen R\u00fcck\u00fcbersetzung in Wahlverhalten oder gar Regierungshandeln noch nicht abzusehen ist. Eine emanzipative Linke darf dieses Feld, in dem Themen wie das theoretische und geschichtliche Verh\u00e4ltnis von Rassismus und Antisemitismus verhandelt werden, nicht dem Rechtspopulismus \u00fcberlassen, der hier gerade internationale Erfolge verzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die israelische Opposition geht der seit Jahresbeginn tobende Kampf um die Restbest\u00e4nde der demokratischen Verfassung weiter. Das Massaker der Hamas hat die inneren Auseinandersetzungen \u00fcberlagert, aber alle wissen, dass auf den Ebenen von Ressourcenzuteilung oder Kriegszielen die Spaltungsprozesse fortgesetzt werden. Netanjahu macht keine Anstalten abzutreten und die nationalreligi\u00f6sen Siedler im Westjordanland, wo die Gewalt gegen Pal\u00e4stinenser neue H\u00f6chstst\u00e4nde erreicht, nutzen die Lage, um zus\u00e4tzliche Gebietsgewinne zu erzielen. Eine Eskalation der Lage in der Westbank oder den gemischt j\u00fcdisch-arabischen St\u00e4dten in Israel scheint jederzeit m\u00f6glich. Hier sieht sich die israelische Linke dem alten Dilemma ausgesetzt, dass der fundamentalistische Terror der Hamas einem Sicherheitsdiskurs zuarbeitet, der progressive Ans\u00e4tze erschwert, wenn nicht verunm\u00f6glicht. Letzteres ist gewiss eines der Ziele der Hamas, die schon in den 1990er Jahren durch ihre Selbstmordattentate recht erfolgreich den Friedensprozess von Oslo attackierte. Dennoch wirft der Schock des Massakers auch ein Schlaglicht auf das Versagen der Mitte-Rechts Konzepte von `managing\u00b4 (Netanjahu) oder `shrinking the conflict\u00b4 (Bennett\/Lapid) und er\u00f6ffnet damit eine R\u00fcckbesinnung auf den politischen Kern des Konfliktes. So wie der Versuch den Pal\u00e4stinenser ihre nationale Selbstbestimmung vorzuenthalten, deren reaktion\u00e4rsten Kr\u00e4ften zuarbeitet, ist der juristische Coup d\u2018\u00c9tat der rechtsradikalen Koalition unter Netanjahu als R\u00fcckfluss der Besatzungslogik ins israelische Kernland kenntlich zu machen. Anstatt sich von der Rechten mit neuen Sicherheitskonzepten abspeisen zu lassen, m\u00fcsste die lebhafte Demokratiebewegung versuchen, den bislang weitgehend ausgeklammerten Konflikt in ihre Anstrengungen zu integrieren. Der offenkundige Widerspruch zwischen dem Kampf um liberal-demokratische Werte im israelischen Kernland und der Fortf\u00fchrung eines Apartheidregimes<a href=\"#_edn1\" id=\"_ednref1\">[1]<\/a> im Westjordanland l\u00e4sst sich international ohnehin nicht l\u00e4nger aufrechterhalten. Innerisraelisch ist man weit entfernt davon, sich diese Widerspr\u00fcche einzugestehen und haben genozidale Gewalt und Geiselnahme kollektive Traumata geschaffen, die eher zur emotionalen Abschottung beitragen. Den moderaten und linken Kr\u00e4ften in Israel w\u00e4re vermutlich am besten dadurch geholfen, wenn sie auf einen differenzierten und solidarischen Umgang mit dem Konflikt im europ\u00e4ischen und amerikanischen Ausland verweisen k\u00f6nnten. Insofern sind die K\u00e4mpfe hier wie dort miteinander verbunden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> Israel innerhalb der sogenannten gr\u00fcnen Linie nach dem Waffenstillstandsabkommen von 1949 ist kein Apartheidsstaat. Trotz erheblicher Segregation und gesellschaftlicher Benachteiligung der arabischen Bev\u00f6lkerung gelten im israelischen Kernland weitgehend die gleichen Gesetze. Das sieht in Area C der Autonomiegebiete, die unter israelischer Kontrolle stehen, anders aus. Hier ist die ans\u00e4ssige pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung der Milit\u00e4rgerichtsbarkeit unterworfen, w\u00e4hrend f\u00fcr die mehr als eine halbe Millionen Siedler das israelische Zivilrecht gilt. Wasser- und Stromversorgung, Verkehrsinfrastruktur und Erziehungssystem sind weitgehend zum Nachteil der Pal\u00e4stinenser voneinander getrennt. Die Bezeichnung eines solchen Systems als Besatzungsregime ist unzureichend, da es die strukturelle und gesetzliche Diskriminierung einer Gruppe \u00fcber die andere nicht erfasst. Historisch liegt dieser israelischen Variante von Apartheid weniger ein Rassismus als ein religi\u00f6s ethnisch verstandener Nationalismus zugrunde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Michael Elm<\/p>\n<p>Es zeichnet sich ab, dass der 7. Oktober 2023 zu einer historischen Z\u00e4sur in der ereignisreichen Geschichte des Nahostkonflikts wird. F\u00fcr die israelische Seite ist dies jetzt schon klar. 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