{"id":748,"date":"2024-05-09T10:08:39","date_gmt":"2024-05-09T08:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=748"},"modified":"2024-05-09T10:08:39","modified_gmt":"2024-05-09T08:08:39","slug":"modern-monetary-theory-und-arbeitswert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=748","title":{"rendered":"Modern Monetary Theory und Arbeitswert"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Karl Czasny<\/h5>\n\n\n\n<p><strong>1. Problemstellung im historischen Kontext<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine kopernikanische Wende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit dem Ausbruch der Eurokrise erschien eine Reihe wissenschaftlicher Publikationen, die Thesen der sogenannten Modern Monetary Theory (MMT) vertreten bzw. diskutieren. Zuletzt versuchten mehrere Sachb\u00fccher diese Theorie einer breiteren Leserschaft n\u00e4her zu bringen &#8211; etwa:<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li><em>&#8222;Modern Monetary Theory: Eine Einf\u00fchrung&#8220;<\/em> von Dirk Ehnts,<\/li>\n\n\n\n<li><em>&#8222;Die monet\u00e4re Maschine. Eine Kritik der finanziellen Vernunft\u201c<\/em> von Aaron Sahr und<\/li>\n\n\n\n<li><em>&#8222;Staat Macht Geld: Modern Monetary Theory oder das Ende der schwarzen Null&#8220;<\/em> von Monika Stemmer,<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Auch in Publikationen, die sich vorrangig anderen Fragestellungen widmen, spielen die geldtheoretischen Annahmen der MMT eine wichtige Rolle. Als Beispiel sei hier Joscha Wullwebers Buch <em>&#8222;Zentralbankkapitalismus&#8220;<\/em> angef\u00fchrt, dessen Thema die im Untertitel genannten <em>&#8222;Transformationen des globalen Finanzsystems in Krisenzeiten&#8220;<\/em> sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die MMT entstand schon knapp vor der Jahrtausendwende in den USA als Reaktion auf das herrschende Credo der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Dieses geht von der Existenz eines privaten Wirtschaftskreislaufs aus, in dem das Geld als Zirkulationsmittel fungiert. Der Staat m\u00fcsse sich zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben, das in jenem Kreislauf zirkulierende Geld durch Steuern besorgen und dort, wo sie nicht ausreichen, Schulden aufnehmen. Die Zentralbank habe unabh\u00e4ngig vom Staat zu agieren und durch ihre Zinspolitik f\u00fcr einen konstanten Wert des Geldes zu sorgen. Inflation\u00e4re Tendenzen m\u00fcsse sie durch Anhebung der Zinsen bek\u00e4mpfen, wobei der im Gefolge der Zinsanhebung auftretende Anstieg der Arbeitslosigkeit in Kauf zu nehmen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die der politischen Linken nahestehenden Sch\u00f6pfer der MMT wollten solchen Fatalismus nicht hinnehmen und setzten daf\u00fcr eine kopernikanische Wende in Gang, welche die eben skizzierte Sicht der Dinge auf den Kopf stellt. Aus ihrer Perspektive ist es der <strong>Staat selbst<\/strong>, der das Geld erschafft, indem er es als gesetzliches Zahlungsmittel deklariert. In den privaten Wirtschaftskreislauf ger\u00e4t jenes Geld erst dadurch, dass der Staat mit seiner Hilfe Arbeiten f\u00fcr sich erledigen l\u00e4sst. Auch die Rolle der Steuern verkehrt sich f\u00fcr diese Sichtweise ins Gegenteil: Sie dienen dem Staat nicht zur Beschaffung des von ihm ben\u00f6tigten Geldes. Vielmehr stellt die Steuerpflicht blo\u00df sicher, dass die Akteure des privaten Sektors das ihnen im Zuge von Staatsauftr\u00e4gen bezahlte Geld als Zahlungsmittel akzeptieren, weil sie damit ihre Steuern bezahlen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der f\u00fcr die Linke wesentliche Aspekt dieser neuen Sicht auf das Geld besteht in dem viel <strong>gr\u00f6\u00dferen Spielraum f\u00fcr staatliche Budgetdefizite<\/strong>. Sie d\u00fcrfen zwar auch aus Sicht der MMT nicht beliebig gro\u00df werden, weil in diesem Fall die produktiven Kapazit\u00e4ten der jeweiligen Volkswirtschaft \u00fcberfordert w\u00fcrden und eine nachfrageinduzierte Inflation entst\u00fcnde. Mit entsprechender Unterst\u00fctzung durch die ihre Geldschleusen \u00f6ffnenden Notenbanken k\u00f6nnten (und sollten!) die Defizite jedoch stets bis zur Auslastung aller vorhandenen materiellen und personellen Ressourcen der Volkswirtschaft anwachsen. Damit w\u00e4re nicht nur Massenarbeitslosigkeit ein Problem von gestern. Es best\u00fcnden dar\u00fcber hinaus auch gute Chancen, die vom neoliberalen Steuersenkungs-, Einsparungs- und Privatisierungsfuror zerst\u00f6rten Strukturen der \u00f6ffentlichen Daseinsvorsorge zu rekonstruieren und die im Zuge der anstehenden gesellschaftlichen Transformationen erforderlichen Investitionen zu t\u00e4gigen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Europa gewann diese Position erst im Zug der Eurokrise an Bedeutung. Auf deren Ausbruch hatte die Europ\u00e4ische Union noch mit den von der Mainstream-\u00d6konomie empfohlenen Methoden reagiert. Als dann aber immer deutlicher wurde, dass dieses Vorgehen die Handlungsf\u00e4higkeit der Staaten entscheidend verringert, die Gefahr eines Zerbrechens der W\u00e4hrungsunion erh\u00f6ht und die soziale Spaltung der Gesellschaft weiter vertieft, wuchs die Bereitschaft, sich mit dem in den USA entstandenen neuen Paradigma anzufreunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eurokrise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Krisenanf\u00e4lligkeit des Euro wurzelt in schweren Konstruktionsm\u00e4ngeln der europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion. Deren gr\u00f6\u00dfter Geburtsfehler ist die fehlende Ber\u00fccksichtigung der wirtschaftlichen Ungleichgewichte zwischen den Euro-L\u00e4ndern. Denn die von der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) mit einheitlicher Zins- und Geldpolitik gesteuerte gemeinsame W\u00e4hrung verunm\u00f6glicht es den wirtschaftlich schw\u00e4cheren Staaten, ihre M\u00e4ngel mit entsprechender W\u00e4hrungspolitik zu kompensieren. Diese Schwierigkeit h\u00e4tte behoben werden k\u00f6nnen durch die Etablierung einer gemeinsamen Wirtschafts- und Finanzpolitik mit M\u00f6glichkeiten des Ausgleichs zwischen \u00f6konomisch st\u00e4rkeren und schw\u00e4cheren Staaten und einer kollektiven Haftung f\u00fcr die Staatsverschuldung. Man verweigerte jedoch solche Schritte in Richtung auf einen europ\u00e4ischen Staat und tolerierte dar\u00fcber hinaus im Euroraum die Koexistenz von <strong>zwei gegens\u00e4tzlichen Wachstumsmodellen<\/strong>, deren fatales Zusammenspiel das von Anfang an bestehende \u00f6konomische Nord-S\u00fcd-Gef\u00e4lle immer mehr verst\u00e4rkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass diese potentiellen Probleme schlie\u00dflich schlagend wurden, ist eine unmittelbare Folge der von den USA ausgehenden Finanzkrise. Denn die europ\u00e4ischen Banken waren stark in die US-Kreditblase verwickelt und mussten bei deren Platzen mit Milliardenhilfen der Europ\u00e4ischen Regierungen gerettet werden. Weitere Milliardenspritzen waren dann n\u00f6tig, um die im Verlauf der Finanzkrise in Schockstarre verfallene Wirtschaft anzukurbeln. Vor allem jene Staaten, die schon davor im Zusammenhang mit dem skizzierten innereurop\u00e4ischen Wirtschaftsgef\u00e4lle relativ hohe Budgetdefizite hatten, erreichten damit ein so hohes Verschuldungsniveau, dass die Ratingagenturen ihre Anleihen auf Ramschniveau herabstuften. Das war Startschuss f\u00fcr die Eurokrise, denn nun stiegen die Zinsen der von diesen Staaten ben\u00f6tigten neuen Anleihen so stark an, dass ihre weitere Finanzierung ohne externe Unterst\u00fctzung durch die \u00fcbrigen Eurol\u00e4nder nicht mehr m\u00f6glich war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Whatever it takes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Europ\u00e4ische Zentralbank reagierte fr\u00fcher und entschlossener auf die Eurokrise als die \u00fcbrigen EU-Institutionen. Um zu verstehen, wie es dazu kam, muss man sich zun\u00e4chst vergegenw\u00e4rtigen, dass die Zentralbanken seit der Finanzkrise generell eine wesentlich wichtigere und vor allem selbst\u00e4ndigere Rolle spielen als in den dieser Krise vorangehenden Jahrzehnten&nbsp;&#8211;&nbsp;und das aus gutem Grund:<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens seit den 1990er-Jahren war allgemein bekannt, dass sich in der globalen Finanzwirtschaft <strong>gewaltige systemische Risiken<\/strong> aufgebaut hatten. Als die bef\u00fcrchtete Krise tats\u00e4chlich ausbrach, wurden von den Zentralbanken <strong>gigantische Auffangnetze<\/strong> f\u00fcr das gesamte Finanzsystem gespannt und <strong>neuartige Notfallinterventionen<\/strong> praktiziert. Im Zuge der anschlie\u00dfenden Krisen um den Euro und die Pandemie entwickelten sie diese Sicherheitsstrukturen dann weiter, sodass sie mittlerweile dauerhafte Elemente unseres (para-)staatlichen Institutionenensembles darstellen.<a href=\"#_edn1\" id=\"_ednref1\">[i]<\/a> Die Zentralbanken selbst wuchsen dadurch in die Rolle von selbst\u00e4ndig agierenden Rettern und Garanten des marktliberal umgestalteten Finanzsystems hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Rolle schn\u00fcrte die EZB schon in der Anfangsphase der Staatsschuldenkrise durch die Vergabe sogenannter Target-Kredite an die Zentralbanken der Krisenstaaten ein erstes heimliches Hilfspaket. Ihr n\u00e4chster entscheidender Schritt zur Bew\u00e4ltigung der Eurokrise erfolgte dann auf deren H\u00f6hepunkt, im Sommer des Jahres 2012. Damals herrschte auf den Finanzm\u00e4rkten eine \u00e4u\u00dferst nerv\u00f6se Stimmung, welche die Zinsen f\u00fcr die Anleihen der Krisenstaaten noch weiter in die H\u00f6he zu treiben drohte. In dieser kritischen Situation \u00e4u\u00dferte der damalige Pr\u00e4sident der EZB, Mario Draghi seine Bereitschaft, was auch immer n\u00f6tig sei <em>(&#8222;Whatever it takes<\/em>&#8222;) zu tun, um den Euro zu verteidigen. Das wurde von den Finanzakteuren als Selbstverpflichtung der EZB interpretiert, notfalls unbegrenzt Anleihen von krisengeplagten Eurozone-L\u00e4ndern zu kaufen. Und allein der allgemeine Glaube an die Ernsthaftigkeit dieser Selbstverpflichtung f\u00fchrte dann tats\u00e4chlich zu dem von Draghi angestrebten Beruhigungseffekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das unmittelbare Auseinanderbrechen der Eurozone konnte damals zwar verhindert werden, ihre strukturellen Probleme bestanden aber weiter und wurden versch\u00e4rft durch allgemeines \u00f6ffentliches Sparen (Stichwort: <em>&#8222;Sparpakt&#8220;<\/em>). Mit Senkungen der Leitzinsen bis unter die Nulllinie und der erst z\u00f6gerlich, ab 2015 aber energisch betriebenen quantitativen Lockerung (QE) versuchte die EZB in der Folge die Wirtschaft der Eurozone anzukurbeln und die in einigen L\u00e4ndern auftretenden Deflationstendenzen zu bek\u00e4mpfen. Sie konnte aber mit diesen Bem\u00fchungen die destruktiven Effekte der von den Eurostaaten betriebenen Austerit\u00e4tspolitik nur mildern und nicht \u00fcbertreffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oder doch lieber expansive Budgetpolitik?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Summe pumpten die Zentralbanken durch ihre Politik der quantitativen Lockerung seit der Finanzkrise gigantischen Geldmengen in die Weltwirtschaft. Das Problem dabei: Diese Ma\u00dfnahme steuert ihr Ziel der Wirtschaftsbelebung nur auf sehr <strong>indirektem<\/strong> Weg und unter Inkaufnahme von zum Teil v\u00f6llig <strong>unkontrollierbaren stabilit\u00e4tsgef\u00e4hrdenden Nebeneffekten<\/strong> an.<\/p>\n\n\n\n<p>So f\u00fchrte das in der Eurokrise von der EZB im Rahmen des QE ins Spiel gebrachte Zentralbankgeld zwar zu einer sehr starken zus\u00e4tzlichen Kreditvergabe mit entsprechend starkem Wachstum der Geldmenge. Sehr gro\u00dfe Teile des zus\u00e4tzlichen Gelds flossen aber nicht in produktive Investitionen. Sie dienten vielmehr dem Erwerb von Verm\u00f6genswerten auf den Aktien- und Immobilienm\u00e4rkten, wo sie zur Entstehung riesiger Verm\u00f6genspreisblasen beitrugen. Vor allem im Immobiliensektor hatte das verheerende soziale und \u00f6konomische Folgen. Denn die durch die zus\u00e4tzliche Nachfrage betuchter Investoren verursachten Preisanstiege machten das Wohnen in unseren St\u00e4dten zunehmend unleistbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Auswirkungen der expansiven Geldpolitik ist ferner zu beachten, dass heutzutage ein bedeutender Teil des Kreditgesch\u00e4fts nicht \u00fcber herk\u00f6mmliche Bankkredite l\u00e4uft, sondern durch die Schattenbanken abgewickelt wird. Da die seit der Finanzkrise von den Zentralbanken betriebene quantitative Lockerung auch deren Geldsch\u00f6pfung einen Anschub erteilte, brachte sie<strong> zus\u00e4tzliche Unsicherheit und Krisengefahr<\/strong> ins Finanzsystem. Denn der Wert des von den Schattenbanken gesch\u00f6pften Geldes ist weniger gut abgesichert als jener des beim Bankkredit gesch\u00f6pften Giralgelds.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zentralbanken vergr\u00f6\u00dferten aber mit ihrer expansiven Geldpolitik nicht nur die Spielr\u00e4ume zur Entstehung destabilisierender Finanzprozesse. Vielmehr st\u00fctzte und verst\u00e4rkte ihr Agieren auch die durch die neoliberale Umgestaltung der Wirtschaft in die Wege geleitete Umverteilung von unten nach oben. Denn es st\u00e4rkte letztlich die Position der von den Krisen bedrohten gro\u00dfen Finanzakteure und lie\u00df ihre Verm\u00f6gen weiter wachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ber\u00fccksichtigt man all diese Nebeneffekte der expansiven Geldpolitik kann man gut verstehen, warum sich im Gefolge der Eurokrise immer mehr \u00d6konom*innen f\u00fcr die Thesen der Modern Monetary Theory erw\u00e4rmten. Denn aus deren Perspektive w\u00e4re es angesichts der damals nahe der Nulllinie und sogar darunter liegenden Zinsen keinerlei Problem gewesen, wenn die Zentralbanken dazu \u00fcbergegangen w\u00e4ren, Staatsanleihen nicht blo\u00df auf den Sekund\u00e4rm\u00e4rkten sondern <strong>bei den Staaten selbst <\/strong>zu kaufen. In der Folge h\u00e4tte man ohne Zwischenschaltung von Kreditm\u00e4rkten und privaten Investoren ganz gezielt produktive wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten ankurbeln, Arbeitspl\u00e4tze schaffen und soziale Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllen k\u00f6nnen, indem man in die technische Infrastruktur, ins Bildungs- und Gesundheitswesen sowie in andere von m.o.w. gro\u00dfen Investitionsr\u00fcckst\u00e4nden gekennzeichnete Schl\u00fcsselsektoren investiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Problemstellung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weil sich trotz expansiver Geldpolitik im Verlauf der Eurokrise keine inflation\u00e4ren Tendenzen zeigten, begann in der Mainstream-\u00d6konomie ein gro\u00dfes R\u00e4tselraten \u00fcber die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese aus ihrer Perspektive \u00fcberraschende Entwicklung. Die Vertreter*innen der MMT dagegen sahen im Ausbleiben der Inflation auf den G\u00fcterm\u00e4rkten eine gl\u00e4nzende Best\u00e4tigung der von ihnen postulierten Spielr\u00e4ume f\u00fcr eine expansive Geld- und Fiskalpolitik. Ihre Freude sollte allerdings nur von kurzer Dauer sein. Als dann n\u00e4mlich am Beginn der zwanziger Jahre erste Tendenzen eines Preisauftriebs auftraten und sich schnell zu einer richtigen Inflation auswuchsen, war es die Mainstream-\u00d6konomie, die endlich ihre Sicht der Dinge best\u00e4tigt w\u00e4hnte. Selbst manche linke \u00d6konom*innen sahen nun in der wieder auferstandenen Inflation eine partielle Widerlegung zentraler Thesen der MMT. Zumeist jedoch zog man sich im linken Lager auf die postkeynesianische Grund\u00fcberzeugung zur\u00fcck, dass der Preis nur auf den Rohstoff- und Energiem\u00e4rkten durch das Spiel von Angebot und Nachfrage bestimmt werde, w\u00e4hrend er bei Industrieprodukten prim\u00e4r kostendeterminiert sei. Dementsprechend machte man neben den externen Faktoren (Pandemie, Ukrainekrieg) weniger die expansive Geldpolitik f\u00fcr das Ausma\u00df der j\u00fcngsten Inflation verantwortlich als eine <em>&#8222;Profit-Preis-Spirale&#8220;, <\/em>welche die in der Energiekrise am l\u00e4ngeren Ast sitzenden Energie-Anbieter in Gang gesetzt h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile spricht einiges f\u00fcr diese die MMT entlastende Einsch\u00e4tzung. Denn im Euroraum gehen die Inflationsraten wieder deutlich zur\u00fcck und liegen im Mittel nur mehr wenig \u00fcber dem von der EZB angestrebten Zielwert von 2%. Es bleibt jedoch <strong>offen, ob<\/strong> diese Entwicklung wirklich <strong>zur G\u00e4nze<\/strong> mit der Entspannung am Energiesektor und anderen externen Faktoren erkl\u00e4rt werden kann, bzw.<strong> in welchem Ausma\u00df<\/strong> sie nicht doch <strong>auch<\/strong> auf die nachtr\u00e4glichen Korrekturen einer davor <strong>wom\u00f6glich \u00fcberschie\u00dfend expansiven<\/strong> Geld- und Fiskalpolitik zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Im Zuge der anhaltenden Auseinandersetzungen um die MMT kommt es daher nun zum \u00dcberdenken ihrer wichtigsten Thesen und der daraus abzuleitenden geld- und fiskalpolitischen Empfehlungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine anschlie\u00dfenden \u00dcberlegungen beteiligen sich nicht <strong>unmittelbar<\/strong> an diesen \u00f6konomischen Fachdiskussionen \u00fcber die Ursachen des An- und Abschwellens der Inflation und \u00fcber die daraus f\u00fcr die MMT abzuleitenden Schlussfolgerungen. Das Anliegen der nun folgenden, aus <strong>sozialphilosophischer<\/strong> Perspektive formulierten Gedanken ist vielmehr der Hinweis auf gravierende M\u00e4ngel in den <strong>geldtheoretischen Grundlagen <\/strong>der MMT. Trotz ihres blo\u00dfen Hintergrundcharakters haben die dabei anzusprechenden Probleme h\u00f6chste Relevanz f\u00fcr die aktuellen Fachdebatten. Muss doch jeder Fehler in den Basisannahmen eines \u00f6konomischen Ansatzes sowohl die Qualit\u00e4t der mit diesem theoretischen Werkzeug anzustellenden Wirtschaftsbeobachtungen als auch die Brauchbarkeit der aus ihnen ableitbaren Handlungsempfehlungen beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Zu den geldtheoretischen Grundlagen der MMT<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe f\u00fcr die Auseinandersetzung mit den geldtheoretischen Implikationen der Modern Monetary Theorie aus den eingangs erw\u00e4hnten Publikationen zwei B\u00fccher ausgew\u00e4hlt, die beide (wohl nicht ganz zuf\u00e4llig) mit der <strong>Maschinenmetapher<\/strong> arbeiten. Das eine tr\u00e4gt dieses Bild schon in seinem Titel, denn es handelt sich dabei um Aaron Sahrs Reflexionen \u00fcber <em>&#8222;Die monet\u00e4re Maschine&#8220;.<\/em> W\u00e4hrend dieser Text jene komplexen Prozesse offen legen m\u00f6chte, in denen das Geld nicht nur erwirtschaftet oder verteilt, sondern \u00fcberhaupt erst geschaffen wird, widmet sich das andere von Joscha Wullweber verfasste Buch den nicht minder komplexen Vorg\u00e4ngen bei der Bew\u00e4ltigung von Finanzmarktkrisen im <em>&#8222;Zentralbankkapitalismus&#8220;<\/em>. Die Maschinenmetapher wird auch hier schon an prominenter Stelle, n\u00e4mlich im sogenannten Schmutztitel des Buches bem\u00fcht, wo wir erfahren, dass dessen Autor <em>&#8222;in den Maschinenraum des modernen Kapitalismus hinab<\/em>(steigt)<em>&#8222;<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bilder der Maschine bzw. des Maschinenraums verweisen auf eine von Menschen geschaffene (finanz-)technische Gro\u00dfstruktur. Deren \u00e4u\u00dfere Erscheinung wird von stahlhart gl\u00e4nzenden Sachzw\u00e4ngen gepr\u00e4gt, die ein ihrer inneren Mechanik zugrunde liegendes Herrschaftsmuster verbergen. Ein Herrschaftsmuster, das wir zun\u00e4chst durchschauen und danach aufbrechen m\u00fcssen, damit diese soziale Apparatur k\u00fcnftig im Interesse der gro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung funktionieren kann. Mit anderen Worten: beide Autoren widmen sich dem h\u00f6chst lobenswerten Bem\u00fchen um die Aufbereitung der argumentativen Basis f\u00fcr eine <strong>Demokratisierung der Geldpolitik<\/strong>. W\u00e4hrend Sahr dies im Namen der MMT tut, beruft sich Wullweber nicht explizit auf jene Theorie. Auch sein Konzept weist jedoch gro\u00dfe N\u00e4he zu den geldtheoretischen Grundannahmen der MMT auf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die T\u00fccken der Maschinenmetapher<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst zu dem Buch von Aaron Sahr. Wenn er von einer monet\u00e4ren Maschine spricht, verfolgt er neben dem eben angesprochenen politischen Ziel auch eine analytische Absicht. Er m\u00f6chte eine neue Betrachtung des Gelds erm\u00f6glichen, welche sich gegen die herk\u00f6mmliche Sicht auf das Geld richtet, die er nicht nur bei der Mainstream-\u00d6konomie, sondern auch bei Marx, dem Ahnvater der linken Heterodoxie, ortet. F\u00fcr diese von ihm kritisierte Sicht sei das Geld ein blo\u00dfes Werkzeug zur Vermittlung des Warentausches. Er wolle demgegen\u00fcber mit dem Bild der Maschine deutlich machen, dass das monet\u00e4re System mehr ist als eine einfache <strong>Ansammlung solcher Werkzeuge<\/strong>. Jenes herk\u00f6mmliche Verst\u00e4ndnis des Gelds als blo\u00dfes Tauschmittel f\u00fchre n\u00e4mlich zur Ausblendung des Vorgangs der Geldsch\u00f6pfung aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein, wogegen das Maschinen-Paradigma die <em>&#8222;Geldsch\u00f6pfung als eine der wichtigsten Machtressourcen im Herzen des modernen Kapitalismus&#8220; <\/em>sichtbar mache. Sahr verfolgt somit ein ideologiekritisches Anliegen: Er will das herrschende Geldverst\u00e4ndnis entmystifizieren<a href=\"#_edn2\" id=\"_ednref2\">[ii]<\/a>, indem er nachweist, wie die vom Neoliberalismus gepr\u00e4gte Mainstream-\u00d6konomie den Vorgang der Geldsch\u00f6pfung mittels einer <em>&#8222;<strong>Ideologie des unpolitischen Geldes<\/strong>&#8220;&nbsp;<\/em>(S.&nbsp;34)<a href=\"#_edn3\" id=\"_ednref3\">[iii]<\/a> entpolitisiert, um auf diese Weise sicher zu stellen, dass es in allen Budgetdebatten immer nur um Steuereinnahmen und nie um Fragen der Geldsch\u00f6pfung geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die reduktionistische Sicht der Werkzeugtheorie des Geldes antwortet Sahr namens der MMT mit seiner Maschinenmetapher, die es erm\u00f6glichen soll, den politischen Prozess der Geldsch\u00f6pfung ernst zu nehmen. Denn die <em>\u201emonet\u00e4re Maschine\u201c<\/em> sei eben keine blo\u00dfe Ansammlung von Tauschwerkzeugen, sondern <em>&#8222;eine einzige gro\u00dfe Struktur, in der alle Bauteile \u2013 die Geldbetr\u00e4ge \u2013 miteinander so verbunden sind wie die Komponenten einer gigantischen Maschinerie.&#8220;<\/em> Und als diese gigantische Maschine habe das Geld <em>&#8222;viel \u00c4hnlichkeit mit anderen gro\u00dfen Versorgungssystemen, etwa dem Versorgungssystem f\u00fcr elektrische Energie. Statt als Werkzeug ist es also ad\u00e4quater, das Geld als eine Infrastruktur zu beschreiben.&#8220;&nbsp;<\/em>(S.&nbsp;41)<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Betrachtung von Geld als eine <strong>systemisch strukturierte Ganzheit<\/strong>, die gleich einer Maschine durch dynamische Verschaltung ihrer interdependenten Teile Leistungen erbringt, hat f\u00fcr die in Sahrs Buch pr\u00e4sentierte MMT eine entscheidende Konsequenz bei der Wahl des begrifflichen Bezugsrahmens ihrer Wirtschaftsbetrachtung. W\u00e4hrend die hinter dem Werkzeugmodell des Geldes stehenden Mainstream-Theoretiker*innen den <strong>Tausch<\/strong> &#8222;<em>als fundamentalen Begriff zur Beschreibung von \u00d6konomie mobilisieren&#8220;&nbsp;<\/em>(S.&nbsp;38), denkt eine vom Paradigma der Geldmaschine ausgehende Wirtschaftstheorie in <strong>Bilanzen<\/strong>. Wer sich auf diese Betrachtungsweise einl\u00e4sst, macht anstelle des Tauschs die <strong>Schuld<\/strong> zum zentralen Begriff seiner \u00d6konomie und sieht die Wirtschaftssubjekte nicht prim\u00e4r als Waren produzierende und tauschende Marktteilnehmer, sondern als <em>&#8222;Akteure, die anderen Akteuren gegen\u00fcber (Zahlungs-)Verpflichtungen eingehen und sich darum bem\u00fchen <\/em>(m\u00fcssen)<em>, diese Pflichten zu erf\u00fcllen&#8220;<\/em>.(S.&nbsp;39)<\/p>\n\n\n\n<p>Mittels dieses vom Bilanzdenken gepr\u00e4gten Bilds einer monet\u00e4ren Maschine, in der die Schulden wie Zahnr\u00e4der ineinandergreifen, versucht die MMT sich die \u00f6konomischen <em>&#8222;Akteure buchst\u00e4blich als Bilanzen vorzustellen&#8220;<\/em>, um sie alsdann in ihrer <em>&#8222;relationalen Verbundenheit miteinander zu untersuchen&#8220;<\/em>. &#8218;Zu Wirtschaften&#8216; hei\u00dft daher aus ihrer Perspektive <em>&#8222;sich beieinander zu verschulden und die Vergeltung dieser Schulden zu organisieren&#8220;<\/em>. Und weil die so betrachtete Wirtschaft <em>&#8222;der st\u00e4ndig ablaufende Organisationsprozess von Bilanzen zur Generierung stabiler und funktionierender Ver- und Entschuldung&#8220; <\/em>ist, sind f\u00fcr die MMT Zahlungsverpflichtungen (Schulden) &#8222;<em>keine moralisch wom\u00f6glich sogar fragw\u00fcrdigen Hilfsmittel&#8220;, <\/em>sondern <em>&#8222;die Matrix der \u00d6konomie und damit unverzichtbar und notwendig<\/em>.&#8220;(S.&nbsp;40)<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Kommentar zu diesem Blick der MMT auf die Wirtschaft beginnt mit Zustimmung<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li>zur Betonung des systemischen Charakters des Geldes als einer Infrastruktur der kapitalistischen Marktwirtschaft,<\/li>\n\n\n\n<li>zur damit verbundenen Kritik an der in der Mainstream-\u00d6konomie dominierenden Reduktion des Geldes auf ein blo\u00dfes Tauschmittel<\/li>\n\n\n\n<li>und zur aus dieser Kritik folgenden Ablehnung der Theorie des unpolitischen Geldes.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcckzuweisen ist allerdings Sahrs These, dass auch Marx in der Geldtheorie Teil des Problems, nicht der L\u00f6sung sei, weil er ebenfalls jene problematische Tauschmitteltheorie des Geldes vertreten habe. Denn bei Marx und in der an ihn ankn\u00fcpfenden marxistischen \u00d6konomie wird scharfe Kritik an den Geldkonzepten des vom Marxismus als &#8218;b\u00fcrgerliche \u00d6konomie&#8216; bezeichneten Mainstreams ge\u00fcbt. Die Rolle als Tauschmittel ist aus marxistischer Perspektive nur <strong>eine von mehreren<\/strong> in unterschiedlichen Situationen und Entwicklungsstadien der Wirtschaft vom Geld ausge\u00fcbten Funktionen. Im Kapitalismus wird das Geld in dieser von mir geteilten Sicht dann geradezu <strong>systemkonstitutiv<\/strong>! Denn die Steuerung des kollektiven Produktionsprozesses erfolgt hier \u00fcber den in Geld ausgedr\u00fcckten und gemessenen Profit. Geld bildet den Ausgangs- und Endpunkt der Selbstverwertung des Kapitals und ist damit der Ma\u00dfstab seiner Verwertung.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dieser marxistischen Perspektive erscheint nun aber der von Sahr namens der MMT zurecht behauptete systemische Charakter des Geldes in v\u00f6llig neuem Licht: Das unsere Wirtschaft systemisch strukturierende <strong>Ganze<\/strong> ist nicht das Geld sondern die <strong>kapitalistisch organisierte gesellschaftliche Arbeit<\/strong>. Wohl hat auch das Geld systemischen Charakter, es ist jedoch blo\u00df ein <strong>Sub<\/strong>system jenes \u00fcbergeordneten Gesamtsystems der gesellschaftlichen Arbeit. Wer diese entscheidende Akzentverschiebung akzeptiert, kommt nicht umhin, weitere Einspr\u00fcche gegen Sahrs Thesen anzumelden:<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst ist die allzu forsche Abwendung vom Fokus der Mainstream-\u00d6konomie auf den Tausch in Frage zu stellen. Denn der Tausch der Waren ist unmittelbar verkn\u00fcpft mit deren <strong>Produktion<\/strong>, welche in ihrer Steuerung durch den Profit die Dynamik unseres Wirtschaftssystems bestimmt. Die klassische \u00d6konomie bis einschlie\u00dflich Marx hatte diese Produktion noch im Blick, wenn sie nach dem allen Marktpreisen zugrunde liegenden <strong>Arbeitsgehalt<\/strong> (sprich: Arbeitswert) der Waren fragte. Indem sich die b\u00fcrgerlichen \u00d6konomen im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts immer \u00f6fter blo\u00df mit den an der Oberfl\u00e4che des Marktes zu beobachtenden Preisbewegungen befassten und die diesen zugrunde liegenden Entwicklungen auf der Tiefenebene der Arbeitswerte ignorierten, reduzierten sie die Erkl\u00e4rungskraft ihrer Hypothesen. Wenn nun die MMT ihren Fokus gar auch noch von der Aktivit\u00e4t des Tauschens abwendet, dann treibt sie diesen hochproblematischen Abstraktionsprozess auf die Spitze.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre im Vergleich zur Neoklassik noch st\u00e4rker akzentuierte <strong>Ausblendung der Produktionssph\u00e4re<\/strong> der kapitalistischen Wirtschaft f\u00fchrt in Verbindung mit dem davor bem\u00e4ngelten Verfehlen des Stellenwerts der monet\u00e4ren Maschine als ein blo\u00dfes Subsystem des Gesamtsystems &#8218;Kapitalismus&#8216; zum Hauptproblem der MMT: Indem sie mit ihrer Bilanzbrille auf das Netzwerk der Zahlungsfl\u00fcsse zwischen Unternehmen, Privathaushalten und Staaten blickt, kann sie blo\u00df rein <strong>deskriptiv<\/strong> bestehende bzw. sich auf- oder abbauende Ungleichgewichte zwischen den Schulden und Verm\u00f6genspositionen der von ihr analysierten Wirtschaftssektoren registrieren. Ein tieferes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die <strong>Ursachen<\/strong> der von ihr auf der Ebene der Bilanzen registrierten Zust\u00e4nde und Entwicklungen bleibt ihr aber verschlossen.<a href=\"#_edn4\" id=\"_ednref4\">[iv]<\/a> Diese Ursachen sind n\u00e4mlich nur im Kontext der <strong>Dynamik des Gesamtsystems<\/strong> der kapitalistischen Wirtschaft zu begreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil die MMT durch ihre Konzentration auf mit einander verschr\u00e4nkte Bilanzen jene Dynamik des Gesamtsystems zu wenig ernst nimmt, hat sie gro\u00dfe Probleme bei der korrekten Bestimmung von <strong>Umfang<\/strong> und <strong>Grenzen<\/strong> des Potentials der von ihr anvisierten expansiveren Fiskalpolitik. Die Argumente ihrer Vertreter*innen im Diskurs mit der auf gr\u00f6\u00dfere finanzpolitische Vorsicht dr\u00e4ngenden Mainstream-\u00d6konomie stehen daher oft auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen&nbsp;&#8211;&nbsp;was gerade jene Beobachter*innen dieses Diskurses schmerzt, die grunds\u00e4tzliche Sympathien f\u00fcr die von der MMT anvisierte Fiskalpolitik mit gr\u00f6\u00dferer wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Verantwortung hegen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tauschwerte ohne Substanz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie Sahr macht auch Wullweber bei seiner Analyse des Zentralbankkapitalismus einen gro\u00dfen Bogen um die Produktionssph\u00e4re und fundiert seine geldtheoretischen Reflexionen blo\u00df in einer Betrachtung der Tauschbeziehungen. Geld gestattet aus seiner Sicht <em>&#8222;den Tausch von Dingen, die nichts miteinander gemein haben&#8220;&nbsp;<\/em>(S.&nbsp;56)<a href=\"#_edn5\" id=\"_ednref5\">[v]<\/a>&nbsp;&#8211;&nbsp;und genau an diesem Punkt liegt der Hund begraben. Denn die getauschten Dinge haben nur im Hinblick auf ihren jeweiligen <strong>Gebrauchs<\/strong>wert nichts gemein. Ihr Tausch wird dadurch erm\u00f6glicht, dass sie alle <strong>Tausch<\/strong>wert besitzen. Diese an der Oberfl\u00e4che des Marktes erscheinende Eigenschaft aber ist Ausdruck einer noch tiefer liegenden Gemeinsamkeit, die Wullweber ausblendet. Sie besteht darin, dass alle getauschten Dinge Resultate einer kollektiv vollzogenen arbeitsteiligen Produktion sind. In jedem von ihnen &#8217;steckt&#8216; deshalb (bildlich gesprochen) gesellschaftliche Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil die arbeitsteilige Produktion zwar kollektiv vollbracht, aber nicht gemeinsam geplant und dem Konsum zugef\u00fchrt wird, m\u00fcssen ihre Resultate auf dem Markt via Tausch an die Produzenten verteilt werden. Die Produzenten verfolgen bei diesem Tausch verschiedene gemeinsame Absichten.<a href=\"#_edn6\" id=\"_ednref6\">[vi]<\/a> Eine davon besteht darin, nur solche Dinge auszutauschen, die (bei langfristiger Durchschnittsbetrachtung) jeweils gleiche Gehalte an gesellschaftlicher Arbeit repr\u00e4sentieren. Daraus folgt, dass der Tauschwert jedes Produkts auf seinem Gehalt an abstrakter Arbeit fu\u00dft&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8218;abstrakt&#8216; deshalb, weil das beim Tausch stattfindende Vergleichen der jeweiligen Arbeitsgehalte nicht unmittelbar bei den konkreten, gebrauchswertschaffenden Gestalten der verschiedenen Arbeiten ansetzen kann, sondern diese gleichsam &#8218;umrechnen&#8216; muss in kommensurable Gr\u00f6\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit der Grundgedanke des Marxschen Konzepts der Arbeitswerte, das leider h\u00e4ufig so gr\u00fcndlich missverstanden wird, dass sich Marx im Grab umdrehen w\u00fcrde, wenn er w\u00fcsste, was viele Marxisten aus seinem Wertbegriff machten. Sie verwandelten ihn n\u00e4mlich in eine <strong>objektivistisch<\/strong> gedachte Eigenschaft, die trotz aller gegenteiligen Beteuerungen wie ein nat\u00fcrlicher Wert verstanden wird. Wenn daher Wullweber Vorbehalt gegen die marxistische <em>&#8222;Substanztheorie&#8220;&nbsp;<\/em>(S.&nbsp;66) des Werts \u00e4u\u00dfert, ist er durchaus im Recht&nbsp;&#8211;&nbsp;allerdings nur insoweit, als sich diese Kritik auf jenen Objektivismus bezieht, der den Wert tats\u00e4chlich als ein g\u00e4nzlich au\u00dferhalb des gesellschaftlichen Handelns angesiedeltes Ding missversteht. Wullwebers Vorbehalt ist jedoch insoweit \u00fcberschie\u00dfend, als er bei seinen werttheoretischen \u00dcberlegungen nicht nur solch <strong>dingliche<\/strong> Substanzvorstellungen ablehnt, sondern Substanzkonzepte <strong>jeglicher<\/strong> Art. Er verfehlt damit den \u00f6konomischen Wert, weil der so etwas wie eine <strong>gesellschaftlich konstituierte Substanz<\/strong> ist. Anders gesagt: Wullweber beharrt v\u00f6llig zurecht darauf, dass sich im Warenwert <em>&#8222;ein gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis&#8220;&nbsp;<\/em>(S.&nbsp;67) ausdr\u00fcckt, irrt aber mit dem daraus abgeleiteten Schluss, dass der Warenwert deshalb nur relationalen Charakter haben kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Punkt ist so wichtig, dass er noch etwas genauer erl\u00e4utert werden soll:<\/p>\n\n\n\n<p>Das gesellschaftliche Verh\u00e4ltnis, auf dessen Basis sich der Arbeitswert konstituiert, fu\u00dft auf der jedem Tauschvorgang vorgelagerten gemeinsamen Absicht aller Marktteilnehmer, kollektiv zu produzieren und sich dabei die Arbeit zu teilen. Die aus dieser Absicht resultierende gesellschaftliche Arbeit ist die Basis aller auf dem Markt gehandelten Produkte und besteht aus einem Geflecht von unz\u00e4hligen Einzelarbeiten. Die <strong>Wertverh\u00e4ltnisse<\/strong> zwischen den durch diese Arbeiten erzeugten Produkten entsprechen den Relationen zwischen ihren jeweiligen Gehalten an abstrakter Arbeit. Die in der Gesamtheit aller auf dem Markt gehandelten Produkte verk\u00f6rperte gesellschaftliche Arbeit hat aber abgesehen von diesen internen Relationen auch ein bestimmtes <strong>Gesamtvolumen<\/strong>. Denn das auf dem Markt zusammentretende Kollektiv kann ja in Summe mehr oder weniger abstrakte Arbeit aufbringen. Dieses mehr oder weniger gro\u00dfe Gesamtvolumen abstrakter Arbeit aber konstituiert die <strong>absolute Gr\u00f6\u00dfe<\/strong>, d.h.<strong> den Substanzcharakter des Arbeitswerts<\/strong> jedes einzelnen der auf dem Markt gehandelten Produkte und nat\u00fcrlich auch ihrer Summe.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun vom richtig verstandenen Marxschen Wertbegriff zu Wullwebers Wertbegriff, der wohl nicht ganz untypisch f\u00fcr viele der im Umfeld der MMT angesiedelten Positionen ist:<\/p>\n\n\n\n<p>Wullweber erkennt zwar richtig, dass sich im Warenwert ein gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis ausdr\u00fcckt, verortet dieses Verh\u00e4ltnis aber f\u00e4lschlicherweise erst im Tauschvorgang und nicht in dem allem Tausch <strong>vorgelagerten<\/strong> arbeitsteiligen Produktionsprozess. Aus seiner Sicht konstituiert sich der Wert der Waren daher erst am Markt in den beim Tausch stattfindenden Vorg\u00e4ngen, in denen er <em>&#8222;gesellschaftlich verhandelt&#8220;<\/em>&nbsp;(S.&nbsp;67) wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegen dieser Ausblendung der Beziehung zwischen dem Warenwert und der die Waren erzeugenden gesellschaftlichen Arbeit hat Wullweber kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den auf das Volumen der gesellschaftlichen Arbeit bezogenen Substanzcharakter des Arbeitswerts. Er kommt in seinem Buch nur implizit, d.h. als Leerstelle vor. Zum Beispiel in Fu\u00dfnote&nbsp;11 (S.&nbsp;50), wo er darauf hinweist, dass <em>&#8222;bei starker Geldsch\u00f6pfungsaktivit\u00e4t&#8220;<\/em> der Wert einer W\u00e4hrung gegen\u00fcber anderen W\u00e4hrungen in der Regel abnimmt. Hier muss man sich fragen, was der Ma\u00dfstab f\u00fcr eine starke, bzw. zu starke Geldsch\u00f6pfungsaktivit\u00e4t ist. Er kann wohl nur im Gesamtvolumen der in den aktuellen und k\u00fcnftigen Produkten der betreffenden Volkswirtschaft verk\u00f6rperten gesellschaftlichen Arbeit liegen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Geld ohne Bezug zur gesellschaftlichen Arbeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nun zu der aus Wullwebers Wertbegriff folgenden Geldtheorie. <em>&#8222;Die einzige Gemeinsamkeit, die alle Waren teilen,&#8220;<\/em> liegt f\u00fcr Wullweber <em>&#8222;darin, dass sie in ein Verh\u00e4ltnis zu einer dritten Instanz gestellt werden &#8230; &#8211; dem Geld&#8220;<\/em>&nbsp;(S.&nbsp;73). Weil er den allem Tausch vorangehenden kollektiven Produktionsprozess aus seinen \u00dcberlegungen zum Tauschwert ausklammert, ist jene dritte Instanz f\u00fcr ihn nicht Ausdruck des in jeder Ware durch ihren Gehalt an abstrakter Arbeit verk\u00f6rperten Arbeitswerts. Sie ist vielmehr blo\u00dfer Ausdruck f\u00fcr das aus seiner Perspektive erst im Tauschprozess erscheinende <em>&#8222;Wertverh\u00e4ltnis der Waren untereinander&#8220;&nbsp;<\/em>(S.&nbsp;69). Diese <strong>Abkoppelung des Geldbegriffs von der Sph\u00e4re der gesellschaftlichen Arbeit<\/strong> f\u00fchrt (wie schon erw\u00e4hnt) dazu, dass ihm jeder Bezug zwischen der Menge des zirkulierenden Geldes und dem Gesamtvolumen der von den Marktteilnehmern geleisteten und k\u00fcnftig leistbaren Arbeit verloren geht. Mit diesem Bezug aber verliert er zugleich den Ma\u00dfstab f\u00fcr die Bestimmung des sinnvollen Ausma\u00dfes der Geldsch\u00f6pfung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich mich n\u00e4her mit den Themen &#8218;Geldsch\u00f6pfung&#8216; und &#8218;Krise&#8216; besch\u00e4ftige, erg\u00e4nze ich nun meine Kritik an Wullwebers Geldtheorie durch eine Anmerkung zu seiner These, dass Geld ein <em>&#8222;allgemein akzeptierter Kredit&#8220;<\/em> bzw. <em>&#8222;ein allgemein akzeptierter Schuldschein&#8220;<\/em> ist, der jederzeit <em>&#8222;weitergereicht bzw. \u00fcbertragen&#8220;<\/em> werden kann.&nbsp;(S.&nbsp;82) Wullweber liegt damit ganz auf der Linie der MMT, deren zentrale geldtheoretische Pr\u00e4misse ebenfalls besagt, dass Geld seinem Wesen nach Kredit ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Aussage h\u00e4lt einer genaueren Betrachtung vor dem Hintergrund der Theorie des Arbeitswerts nicht stand. Denn aus deren Perspektive ist das vom K\u00e4ufer einer Ware deren Verk\u00e4ufer \u00fcbergebene Geld <strong>kein Zahlungsversprechen<\/strong> sondern allgemeiner Ausdruck einer vom K\u00e4ufer bereits geleisteten und in Warenform auf den Markt gebrachten Arbeit, f\u00fcr die er seinerzeit selbst das nun an den Verk\u00e4ufer weitergegebene Geld erhalten hat. Nur in jenen F\u00e4llen, in denen das beim Kauf \u00fcbergebene Geld aus einem vom K\u00e4ufer aufgenommenen Kredit stammt, ist Geld Kredit. Aber auch hier ist es letztlich blo\u00dfer Ausdruck von wertschaffender Arbeit&nbsp;&#8211;&nbsp;allerdings einer, die erst <strong>k\u00fcnftig<\/strong> geleistet werden wird. Denn bei der Aufnahme jenes Kredits versprach der K\u00e4ufer seiner Bank, k\u00fcnftig ein dem Arbeitswert des Kredits entsprechendes Ausma\u00df an abstrakter Arbeit in Warenform in den Markt einzubringen, um mit dem daf\u00fcr erl\u00f6sten Geld den Kredit zur\u00fcckzuzahlen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Geldsch\u00f6pfung aus dem Nicht<\/strong>s<\/p>\n\n\n\n<p>Weil Wullwebers Werttheorie keine Fundierung des Geldes in wertschaffender Arbeit gestattet, ist es durchaus konsequent, wenn f\u00fcr ihn (auch wieder im Einklang mit der MMT!) bei jeder Kreditvergabe durch die Banken neues Geld <em>&#8222;<strong>ex&nbsp;nihilo<\/strong> (aus dem Nichts)&#8220;&nbsp;<\/em>(S.&nbsp;101) erschaffen wird. Aus der Perspektive der Arbeitswerttheorie l\u00f6st sich dieses Wunder dagegen in einen sehr profanen, allerdings delikaten Vorgang auf: W\u00e4hrend f\u00fcr diese Theorie das bereits zirkulierende Geld als allgemeiner Ausdruck der <strong>bereits geleisteten<\/strong> und in vorhandenen Waren vergegenst\u00e4ndlichten Arbeit fungiert, ist f\u00fcr sie, wie schon im vorangehenden Abschnitt angedeutet, das im Kredit gesch\u00f6pfte Geld allgemeiner Ausdruck von <strong>k\u00fcnftig zu leistender wertschaffender Arbeit<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Folgen dieser unterschiedlichen Sicht auf die Geldsch\u00f6pfung durch Kredit sind gravierend! Nichts ist tats\u00e4chlich nichts, weshalb es nichts kostet und, so paradox das auch klingt, in unendlich gro\u00dfer Menge vorhanden ist. Aus Wullwebers Perspektive existieren daher <em>&#8222;f\u00fcr diese Form der Geldsch\u00f6pfung &#8230; keine nat\u00fcrlichen Grenzen.&#8220;<\/em>\u00a0(S.\u00a0102) Aus der Perspektive des Arbeitswerts dagegen sind Kredite immer nur <strong>Vorgriffe auf erst zu schaffenden Wert<\/strong>. Die Grenzen der Staatsverschuldung sind von diesem Standpunkt aus im Gegensatz zur Annahme der MMT nicht einfach mit dem Volumen der unausgelasteten Produktionskapazit\u00e4ten gegeben, sondern mit dem Vertrauen des Kapitals in das Potential der jeweiligen Volkswirtschaft, k\u00fcnftig jene Menge an Wert und Mehrwert zu erzeugen, die zur Bedienung der Staatsschuld erforderlich sein wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Geldtheorie und Krisentheorie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was Wullweber beim Thema &#8218;Krise&#8216; mit dem Marxismus eint, ist die Einsicht, dass Krisen im kapitalistischen Wirtschafts- und Finanzsystem unvermeidbar sind. F\u00fcr den Marxismus wurzelt diese Krisenhaftigkeit nicht im Finanzsystem sondern in der sogenannten Realwirtschaft. Denn f\u00fcr ihn ist alles Wirtschaften ein kollektives Produzieren von Arbeitswerten, in dessen Kontext das Geld blo\u00df die Rolle eines sich unter bestimmten Produktionsbedingungen notwendigerweise entwickelnden Organisations- und Steuerungsinstruments spielt. Wullwebers Konzentration auf die Finanzkrisen ist zwar vor dem Hintergrund seiner finanzwirtschaftlichen Fragestellungen verst\u00e4ndlich. Ich vermisse aber die Feststellung, dass die von ihm er\u00f6rterten Finanzkrisen letztlich <strong>vor dem Hintergrund der Krise des \u00fcbergeordneten Gesamtsystems <\/strong>analysiert werden m\u00fcssten. Die Ursache des bei ihm an diesem Punkt offenbar fehlenden Problembewusstseins finde ich wieder in seiner die Produktion der Werte ausklammernden Werttheorie.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Ausblendung des Produktionsaspekts f\u00fchrt beim Thema &#8218;Krise&#8216; zu Fehlern in Wullwebers Argumentation. Ein Beispiel daf\u00fcr ist seine Kritik an den Rationalit\u00e4tsannahmen der neoklassischen \u00d6konomie. Ihr wirft er vor, sie gehe von der falschen Annahme aus, <em>&#8222;dass Investoren langfristig rational handeln&#8220;<\/em>. Er selbst vertritt die kontr\u00e4re These, dass Investoren <em>&#8222;h\u00e4ufig irrational und emotional&#8220;&nbsp;<\/em>(S.&nbsp;117) agieren und sieht in dieser Tendenz die unvermeidbare Ursache von Krisen. Aus der Perspektive der marxistischen \u00d6konomie ist demgegen\u00fcber festzuhalten, dass die kapitalistische Wirtschaft <strong>selbst bei v\u00f6llig rationalem Verhalten der Investoren<\/strong> notwendig ein zyklisches Verlaufsmuster zeigt. Ursache daf\u00fcr ist nicht nur die von Marx entdeckte Dynamik der \u00dcberakkumulation von Mehrwert. Denn daneben ist auch eine zu den zyklischen Schwanken hinzutretende \u00fcberzyklisch fallende Tendenz der Profitrate zu ber\u00fccksichtigen. Diese f\u00fchrt dazu, dass in bestimmten Phasen der Entwicklung des Akkumulationsprozesses einerseits die Sch\u00e4rfe der Krisen zunimmt, w\u00e4hrende andererseits die Kraft der Konjunkturaufschw\u00fcnge nachl\u00e4sst. Will der Kapitalismus jene kritischen Phasen \u00fcberleben, muss er jeweils ein neues Akkumulationsmuster entwickeln. Das ist mit so tiefgreifenden Wandlungen seines gesamten soziokulturellen und politischen \u00dcberbaues verbunden, dass viele Marxisten vom \u00dcbergang zu einem <strong>neuen Akkumulationsregime<\/strong> sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entwicklung des Finanzsektors und seiner Krisen kann nur vor dem Hintergrund dieser im Gesamtsystem der kapitalistischen \u00d6konomie ablaufenden Prozesse verstanden werden. Wer etwa die Vorgeschichte der globalen Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 schreiben wollte, h\u00e4tte davon auszugehen, dass ab der Mitte der neunzehnsiebziger Jahre, als die lange Nachkriegsprosperit\u00e4t zu Ende ging und die Profitraten in den wichtigsten kapitalistischen Metropolen deutlich sanken, einer der eben erw\u00e4hnten \u00dcberg\u00e4nge zu einem neuen Akkumulationsregime stattfand. Die damalige Antwort des Kapitals auf das Sinken der durchschnittlichen Profitrate l\u00e4sst sich als Doppelstrategie beschreiben. Zum einen forcierte man nun energisch die bereits davor angelaufene Globalisierung der Kapitalverwertung, welche Massen von unorganisierten Arbeitskr\u00e4ften in den Akkumulationsprozess einschleuste. Zum anderen f\u00f6rderte man die Etablierung neoliberal agierender Regierungen, die den institutionellen Rahmen f\u00fcr eine noch konsequentere Internationalisierung der Produktion schufen und den Druck auf die Arbeitskr\u00e4fte in den alten Metropolen des Kapitals versch\u00e4rften.<\/p>\n\n\n\n<p>Das skizzierte Vorgehen verbesserte in den ersten Jahren des nun etablierten neoliberalen Akkumulationsregimes die Mehrwertbilanz der globalen Produktion so stark, dass man den Fall der durchschnittlichen Profitrate vor\u00fcbergehend stoppen konnte. Die als Begleitma\u00dfnahme zur Globalsierung in die Wege geleitete Dynamisierung des Finanzsektors f\u00fchrte dann aber letztlich zu einer immer st\u00e4rkeren Vorherrschaft des Finanzkapitals \u00fcber das Realkapital und damit zu einer neuerlichen Bremsung der realwirtschaftlichen Dynamik. Die globale Finanzkrise war schlie\u00dflich der Anfang vom Ende der neoliberalen Spielanordnung und zugleich Startschuss f\u00fcr das abermalige Ringen um ein neues Akkumulationsregime, dessen Ausgang sich erst im Gefolge weiterer Krisen entscheiden wird.<\/p>\n\n\n\n<p><a><strong>Kritik der postkeynesianischen Alternative<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende seines Buches warnt Wullweber davor, <em>&#8222;nach \u00dcberwindung der Covid-19-Krise zur\u00fcck zur Schuldenbremse, also zur Reduzierung der Staatsausgaben&#8220;<\/em>&nbsp;(S.&nbsp;253) zu gehen. Ich stimme dem prinzipiell zu, vermisse an dieser Stelle aber eine Diskussion der durch die grundlegenden Bewegungsgesetze der kapitalistischen Wirtschaft vorgezeichneten <strong>Grenzen<\/strong> von des von der MMT und den Postkeynesianer*innen forcierte Deficitspendings. Vor dem Hintergrund jener Bewegungsgesetze g\u00e4lte es n\u00e4mlich zwischen drei Arten von Budgetdefiziten zu unterscheiden:<\/p>\n\n\n\n<ol type=\"1\">\n<li>Defizite, die bei der Bek\u00e4mpfung akuter zyklischer Krise in Kauf zu nehmen sind,<\/li>\n\n\n\n<li>Defizite, mit denen zukunftstr\u00e4chtige Investitionen als <em>&#8222;soziale, \u00f6kologische und nachhaltige Antworten auf den Klimawandel und andere gesellschaftliche Herausforderungen&#8220;<\/em>&nbsp;(S.&nbsp;256) finanziert werden, und<\/li>\n\n\n\n<li>schlie\u00dflich Defizite, die als Dauermedikation gegen den chronischen Mehrwertmangel (sprich: die chronische Wachstumsschw\u00e4che) einer vom tendenziellen Fall der Profitrate betroffenen Wirtschaft fungieren.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Meine Skepsis resultiert aus der Betrachtung des Geschehens auf der Tiefenebene der Arbeitswerte und bezieht sich sowohl auf die zweite als auch auf die dritte Art der Budgetdefizite. Jene des zweiten Typs m\u00fcssten eine so starke wirtschaftliche Dynamik erzeugen, dass es dem Kapitalismus wieder gelingt, die f\u00fcr eine Erholung der Renditen und die Bedienung der Schulden erforderliche Mehrwertmasse zu produzieren. Angesichts der tiefen Spaltung der Gesellschaft sehe ich sehr schlechte Chancen f\u00fcr die Realisierung eines entsprechend gro\u00df angelegten sozialdemokratischen New Deals, bei dem Kapital und Arbeit vor\u00fcbergehend an einem Strang ziehen und so jene <strong>R\u00fcckkoppelungseffekte<\/strong> erzeugen, die unerl\u00e4sslich w\u00e4ren f\u00fcr einen Erfolg dieses zweiten Typs des Deficitspendings.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegen der nach verschiedensten Richtungen hin einzugehenden politischen Kompromisse droht ein Szenario, in dem es letztlich nur zu der dritten Art des Deficitspendings kommt. An diesem Punkt erhebt sich die Frage, wohin es f\u00fchrt, wenn man versucht, chronischen Mehrwertmangel durch <strong>permanente Vorgriffe auf erst zu schaffenden Mehrwert<\/strong> auszugleichen. Die von den Zentralbanken praktizierte Geldsch\u00f6pfung kann zwar den <strong>potentiellen<\/strong> k\u00fcnftigen Mehrwert jederzeit <strong>als Geld<\/strong> in die Gegenwart herein holen. In einer auf der privaten Aneignung des Mehrwerts fu\u00dfenden Wirtschaftsordnung lebt aber die mit dem Deficitspending einhergehende Geldsch\u00f6pfung letztlich vom Vertrauen aller Investoren darauf, dass die Arbeitskr\u00e4fte k\u00fcnftig den ihr entsprechenden Mehrwert <strong>tats\u00e4chlich<\/strong> erzeugen werden. Bricht dieses Vertrauen ein, besteht h\u00f6chste Gefahr, dass die wirtschaftliche Dynamik dauerhaft zum Erliegen kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <strong>Schlussfolgerung<\/strong> aus den vorangehenden \u00dcberlegungen liegt auf der Hand: Es gibt keine &#8218;richtige&#8216; Geld- und Fiskalpolitik, die es erm\u00f6glichen w\u00fcrde, innerhalb der Systemgrenzen des Kapitalismus eine dauerhaft krisenresistente, sozial und \u00f6kologisch nachhaltige \u00d6konomie zu etablieren. Wer eine solche \u00d6konomie ernsthaft anstrebt, sollte die aus einer naiven Rezeption der Modern Monetary Theory resultierenden Illusionen abstreifen und sich mit dem Gedanken anfreunden, dass wir auf dem Weg zu diesem Ziel die Grenzen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung \u00fcberschreiten m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[i]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Vgl. L. Wansleben: H\u00fcter des Schattengeldes. Rezension zu <em>\u201eZentralbankkapitalismus. Transformationen des globalen Finanzsystems in Krisenzeiten\u201c<\/em> von Joscha Wullweber, 2022&nbsp;&nbsp;<br><a href=\"https:\/\/www.soziopolis.de\/hueter-des-schattengeldes.html\">https:\/\/www.soziopolis.de\/hueter-des-schattengeldes.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref2\" id=\"_edn2\">[ii]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Vgl. S. Eich: Die Vergesellschaftung des Geldkraftwerks. Rezension zu \u201e<em>Die monet\u00e4re Maschine. Eine Kritik der finanziellen Vernunft\u201c<\/em> von Aaron Sahr, 2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br><a href=\"https:\/\/www.soziopolis.de\/die-vergesellschaftung-des-geldkraftwerks.html\">https:\/\/www.soziopolis.de\/die-vergesellschaftung-des-geldkraftwerks.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\">[iii]<\/a>&nbsp;&nbsp; Die hier und in der Folge nach den jeweiligen Zitaten in Klammern angef\u00fchrten Seitenangaben beziehen sich auf Sahrs Buch <em>&#8222;Die monet\u00e4re Maschine. Eine Kritik der finanziellen Vernunft &#8222;<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[iv]<\/a>&nbsp;&nbsp; Vgl. I. St\u00fctzle: Money makes the world go green? Eine Kritik der Modern Monetary Theory als geldtheoretisches Konzept, PROKLA. Zeitschrift f\u00fcr kritische Sozialwissenschaft, 51. Jg (2021) Nr. 1, S. 71-94<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\">[v]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Alle in der Folge angef\u00fchrten Seitenangaben beziehen sich auf das Buch <em>&#8222;Zentralbankkapitalismus. Transformationen des globalen Finanzsystems in Krisenzeiten&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ednref6\" id=\"_edn6\">[vi]<\/a>&nbsp;&nbsp; Ich habe sie auf S. 49 ff. meines Buchs <em>&#8222;Kritik des Arbeitswerts. Zum zentralen Begriff der \u00f6konomischen Theorie von Karl Marx&#8220;<\/em> im Detail erl\u00e4utert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Bei diesem Text handelt es sich um eine stark gek\u00fcrzte Fassung eines Aufsatzes, dessen Langfassung \u00fcber folgende E-Mail-Adresse beim Autor bezogen werden kann: karl.czasny@aon.at<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Karl Czasny<\/p>\n<p>Seit dem Ausbruch der Eurokrise erschien eine Reihe wissenschaftlicher Publikationen, die Thesen der sogenannten Modern Monetary Theory (MMT) vertreten bzw. diskutieren. Zuletzt versuchten mehrere Sachb\u00fccher diese Theorie einer breiteren Leserschaft n\u00e4her zu bringen. 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