{"id":753,"date":"2024-07-18T14:29:14","date_gmt":"2024-07-18T12:29:14","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=753"},"modified":"2024-07-18T14:29:14","modified_gmt":"2024-07-18T12:29:14","slug":"ist-der-kapitalismus-am-ende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=753","title":{"rendered":"Ist der Kapitalismus am Ende?"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Joachim Hirsch<\/h5>\n\n\n\n<p>Es ist schon etwas her, seit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Sieg des Kapitalismus gefeiert und das \u201eEnde der Geschichte\u201c ausgerufen wurde. Heute herrscht diesbez\u00fcglich eine gewisse Ern\u00fcchterung. Bisweilen wird sogar wieder die Frage gestellt, ob die vielf\u00e4ltigen und sich h\u00e4ufenden aktuellen Krisen und Katastrophen \u2013 Klimawandel, Kriege, Umweltzerst\u00f6rung, Migration, auseinanderfallende Gesellschaften, wachsender Autoritarismus \u2013 etwas mit dieser Gesellschafts- und Wirtschaftsform zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ulrich Brand und Markus Wissen haben jetzt ein Buch mit dem Titel \u201eKapitalismus am Limit\u201c ver\u00f6ffentlicht. Ohne Fragezeichen. Dabei bleibt allerdings zun\u00e4chst noch offen, ob nun \u201eLimit\u201c eine \u00fcberschreitbare Grenze oder tats\u00e4chlich das Ende des Kapitalismus bedeuten soll. Zentrale These der Autoren ist, dass der Kapitalismus deshalb an seine Grenzen st\u00f6\u00dft, weil sich die M\u00f6glichkeiten ersch\u00f6pfen, sozial-\u00f6kogische Krisen durch raum-zeitliche Verlagerung zu bearbeiten. Diese Grenzen bestehen nicht zuletzt darin, dass die f\u00fcr sein permanentes Wachstum ben\u00f6tigten Rohstoffe sich zu ersch\u00f6pfen beginnen und der durch die fossile Produktionsweise und die Folgen der \u201eimperialen Lebensweise\u201c erzeugte Klimawandel Katastrophen nicht nur in der Peripherie, sondern zunehmend auch in den dominierenden Zentren des Weltsystems nach sich zieht. Dies wiederum entfesselt soziale und politische Konflikte, verst\u00e4rkt autorit\u00e4re Tendenzen und kommt an der immer deutlicher sich abzeichnenden Krise der liberalen Demokratie zum Ausdruck. Das Neue ist, dass sich die vielf\u00e4ltigen Krisenmomente &#8211; \u00f6kologische, soziale und \u00f6konomische &#8211; miteinander verschr\u00e4nken, globale Dimensionen annehmen und sich gegenseitig verst\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese historisch neue Situation wird h\u00e4ufig als \u201eAnthropoz\u00e4n\u201c bezeichnet, was hei\u00dft, dass sich die Menschheit selbst zu einem bestimmenden geophysikalischen Einflussfaktor entwickelt hat. Brand und Wissen kritisieren an der entsprechenden Literatur die Vernachl\u00e4ssigung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, die diese Entwicklung hervorgebracht haben: die vom Kapitalismus erzeugten Herrschafts- und sozialen Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse, ohne deren Beseitigung technische L\u00f6sungen ins Leere laufen m\u00fcssen. Es w\u00fcrde deshalb besser von einem \u201eKapitaloz\u00e4n\u201c gesprochen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Kernelement der vorgelegten Analyse ist der von den Autoren entwickelte Begriff der \u201eimperialen Lebensweise\u201c. Dieser bezeichnet das in den kapitalistischen Zentren herrschende Produktions- und Konsummuster, das auf einen unbegrenzten Zugriff auf Naturressourcen und Arbeitskraft in allen Teilen der Welt beruht und dort tendenziell die nat\u00fcrlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen zerst\u00f6rt. Dieses Verh\u00e4ltnis erm\u00f6glichte den relativen Wohlstand und stabilisierende Klassenkompromisse in den Zentren und war dort die Voraussetzung relativ demokratischer Zust\u00e4nde. Die imperiale Lebensweise ist in den Wertvorstellungen und Alltagspraktiken gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung tief verwurzelt, was Ver\u00e4nderungen erschwert und liberaldemokratische Verfahren nicht eben tauglich f\u00fcr eine L\u00f6sung der Krise macht. Allerdings steht die scheinbare Normalit\u00e4t dieser Lebensweise infolge der Krisen, die sie selbst verursacht zur Disposition und der von breiteren Teilen der Bev\u00f6lkerung getragene Versuch zu ihrer Verteidigung bestimmt ganz wesentlich die aktuellen politischen Konflikte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dieser Konstellation resultiert die Strategie eines \u201eGr\u00fcnen Kapitalismus\u201c, die im Kern darauf abzielt, gegen massive Widerst\u00e4nde eine \u00f6kologische Modernisierung durchzusetzen, ohne indessen die Grundz\u00fcge der imperialen Lebensweise anzutasten. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Elektromobilit\u00e4t, durch die der Verbrauch fossiler Energien eingeschr\u00e4nkt werden soll, ohne am herrschenden Mobilit\u00e4tsverhalten etwas zu ver\u00e4ndern und durch die der Bedarf an knappen Rohstoffen weiter vergr\u00f6\u00dfert und damit der \u201eRohstoffkolonialismus\u201c verst\u00e4rkt wird. Der gr\u00fcne Kapitalismus erhalte den Charakter eines neuen Hegemonieprojekts nach der Krise des Neoliberalismus, ohne aber das Potential in sich zu tragen, die strukturelle St\u00f6rung des Stoffwechsels mit der Natur zu beheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrlich besch\u00e4ftigen sich die Autoren mit den \u00f6koimperialen Spannungen, die aus der wachsenden Staatenkonkurrenz um die Ausbeutung des kapitalistischen \u201eAu\u00dfen\u201c, insbesondere beim Bedarf an Rohstoffen hervorgehen. Insbesondere der Aufstieg Chinas hat die Weltordnung grundlegend ver\u00e4ndert. Die Dominanz des \u201eWestens\u201c steht inzwischen zur Disposition. Dadurch w\u00fcrden tragf\u00e4hige Kompromisse f\u00fcr stabile politische Rahmenbedingungen auf internationaler Ebene immer unwahrscheinlicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Versuche zur Stabilisierung der imperialen Lebensweise f\u00fchren zu einem wachsenden politischen Autoritarismus. Hier spiele auch das Vers\u00e4umnis der Linken eine Rolle, den der \u00f6kologischen Krise zugrundeliegenden Klassenkonflikt zu thematisieren, was es erlaubt habe, diesen in einen Konflikt zwischen \u201eInnen\u201c und \u201eAu\u00dfen\u201c, zwischen dem \u201eWir\u201c und den feindlichen \u201eAnderen\u201c zu transformieren. Dies habe die autorit\u00e4re Rechte bis in die b\u00fcrgerliche Mitte hinein anschlussf\u00e4hig gemacht. Die Krise der liberalen Demokratie liege eben darin, dass sich die Kosten der herrschenden Lebensweise nicht mehr zeitlich (auf sp\u00e4tere Generationen) oder r\u00e4umlich (auf periphere Regionen) verlagern lassen. Die dadurch notwendige Beschr\u00e4nkung bisher f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich gehaltener \u201eFreiheiten\u201c \u2013 etwa des Konsums oder der Mobilit\u00e4t \u2013 r\u00fchren an das Grundverst\u00e4ndnis dessen, was als \u201eDemokratie\u201c bezeichnet wird. \u201eFreie Fahrt f\u00fcr freie B\u00fcrger\u201c ist ein daf\u00fcr bezeichnendes Motto. Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die \u00dcberlegungen dazu, inwieweit die Krise der \u201ePetromaskulinit\u00e4t\u201c, d.h. die Bindung des m\u00e4nnlichen Selbstverst\u00e4ndnisses an den fossilen Energieverbrauch zu der autorit\u00e4ren Entwicklung beigetragen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage ist, was angesichts dieser Situation zu tun ist. Damit besch\u00e4ftigen sich die Autoren in ihrem letzten, mit \u201esolidarische Perspektiven\u201c \u00fcberschriebenen Kapitel. Notwendig seien radikale soziale Bewegungen, die es schaffen, die \u00f6kologische Problematik mit der Klassenfrage und anderen Formen der sozialen Ungleichheit \u2013 von der geschlechtlichen bis hin zu den Ursachen und Folgen der Migration \u2013 zu verbinden. Das sei etwas, was der neue Linkskonservatismus in Gestalt der Wagenknecht-Partei nicht schaffe. Praktische Ans\u00e4tze dazu werden vorgestellt, wobei es vor allem darauf ankomme, \u00d6konomie \u201evon unten her zu denken\u201c (208) und inclusive Solidarit\u00e4ten im globalen Ma\u00dfstab zu entwickeln. Notwendig sei eine Vergesellschaftung und demokratische Kontrolle der sozialen Infrastruktur. Eine radikale soziale Bewegung sei notwendig, um eine tiefgreifende Ver\u00e4nderung des gesellschaftlichen Bewusstseins zu erreichen und weil von der staatlichen Politik wirkliche Umorientierungen nicht zu erwarten seien. Dies schon deshalb, weil der existierende Staat eng mit der Struktur und Dynamik des Kapitalverh\u00e4ltnisses verbunden ist. Eine Ver\u00e4nderung der Politik bed\u00fcrfe deshalb des Drucks von unten. Das bedeute nicht, dass die staatliche Ebene irrelevant sei. Vielmehr gehe es um eine Politik \u201eim und gegen den Staat\u201c (208). \u201eVergesellschaftetes Wohneigentum, lokale und klimaangepasste Ern\u00e4hrungssysteme, funktionierende Einrichtungen der Pflege und Gesundheitsf\u00fcrsorge oder ein nachhaltiges Mobilit\u00e4tssystem \u2013 das waren schon immer Kernanliegen progressiver Kr\u00e4fte. In Zeiten der Klimakrise werden sie zu einer Frage des \u00dcberlebens\u201c (228).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Analyse besticht durch ihren theoretisch gut fundierten und breit angelegten Ansatz, der gesellschaftliche Prozesse in ihrem komplexen Zusammenhang betrachtet. Die Autoren schreiben, dass sie den \u201eworst case\u201c der erwartbaren Entwicklungen aufzeigen. Das ist angesichts der immer noch stattfindenden Verharmlosungen der aktuellen Krisen durchaus sinnvoll, f\u00fchrt aber dazu, dass die am Schluss ge\u00e4u\u00dferte Hoffnung auf den Erfolg emanzipativer Bewegungen auf etwas schwachen Beinen steht. Hier wird eher umschrieben, was geschehen m\u00fcsste, um der herrschenden Entwicklung Einhalt zu gebieten. F\u00fcr internationale Solidarit\u00e4ten, ohne die eine Bew\u00e4ltigung der globalen Krisen kaum m\u00f6glich sein wird, stehen die Zeiten im Zuge einer fortschreitenden Renationalisierung der Politik nicht besonders gut. Was \u201eKapitalismus am Limit\u201c bedeutet, lassen die Autoren im Grunde offen. Die Geschichte hat gezeigt, dass er ein au\u00dferordentlich flexibles Gesellschaftssystem darstellt, das in der Lage ist, Grenzen, wie immer sie auch beschaffen sein m\u00f6gen, zu \u00fcberwinden und sich dabei neu zu organisieren. Die Alternative w\u00e4re sein Zusammenbruch. In welcher Form er auch immer stattf\u00e4nde, die Konsequenzen w\u00e4ren wohl nicht besonders erfreulich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re w\u00fcnschenswert, die Autoren h\u00e4tten sich zu diesen Fragen etwas ausf\u00fchrlicher ge\u00e4u\u00dfert, um nicht dem Dilemma zwischen Katastrophismus und abstrakten Hoffnungsszenarien zu verfallen. Nicht zuletzt dies w\u00e4re Gegenstand weiterer \u00dcberlegungen. Das Buch von Brand und Wissen pr\u00e4sentiert nicht nur theoretisch reflektierte Analysen und Informationen, sondern bietet wichtige Hinweise f\u00fcr weitere Diskussionen. Es ist auf jeden Fall sehr lesenswert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ulrich Brand\/Markus Wissen: Kapitalismus am Limit. \u00d6ko-imperiale Spannungen, umk\u00e4mpfte Krisenpolitik und solidarische Perspektiven. Oecom-Verlag M\u00fcnchen 2024. 300 S., 24 Euro.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Joachim Hirsch<\/p>\n<p>Ulrich Brand und Markus Wissen haben jetzt ein Buch mit dem Titel \u201eKapitalismus am Limit\u201c ver\u00f6ffentlicht. Ohne Fragezeichen. Dabei bleibt allerdings zun\u00e4chst noch offen, ob nun \u201eLimit\u201c eine \u00fcberschreitbare Grenze oder tats\u00e4chlich das Ende des Kapitalismus bedeuten soll. Zentrale These der Autoren ist, dass der Kapitalismus deshalb an seine Grenzen st\u00f6\u00dft, weil sich die M\u00f6glichkeiten ersch\u00f6pfen, sozial-\u00f6kogische Krisen durch raum-zeitliche Verlagerung zu bearbeiten.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/753"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=753"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/753\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":754,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/753\/revisions\/754"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=753"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=753"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=753"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}