{"id":797,"date":"2024-09-27T11:25:09","date_gmt":"2024-09-27T09:25:09","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=797"},"modified":"2024-09-27T11:25:09","modified_gmt":"2024-09-27T09:25:09","slug":"prekaere-verhaeltnisse-zu-einer-kritik-der-gesellschaftlichen-linken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=797","title":{"rendered":"Prek\u00e4re Verh\u00e4ltnisse: Zu einer Kritik der gesellschaftlichen Linken"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Uli Wesser<br>f\u00fcr AK System Change Frankfurt<\/h5>\n\n\n\n<p>Care-Krise und Wohnungs-Krise, Klima-Krise und Demokratie-Krise, Migrationskrise und Kriminalit\u00e4s-Krise, Krisen der Staatsfinanzen, multiple Krise und Polykrise: Es wird heute permanent eine Vielzahl von Krisen und dem erforderlichen Schutz davor, von produktiven wie destruktiven Disruptionen und nachhaltigen Resilienzen f\u00fcr sie festgestellt und proklamiert. Und zwar keineswegs nur von Gesellschaftskritikern, sondern gerade auch von ihren Profiteuren und vielen Apologeten. Diese Krisen und Disruptionen werden als ma\u00dfgeblich f\u00fcr viele Konfliktfelder, Forderungen f\u00fcr Einschnitte, f\u00fcr diverse Ma\u00dfnahmen und Initiativen sowie politische Vorhaben pr\u00e4sentiert.\u00a0 Damit agieren auch die meisten linken Initiativen, sind aber gew\u00f6hnlich nicht in der Lage, sich wirklich von herrschenden Praktiken und Erkl\u00e4rungen zu l\u00f6sen. Ihre Projekte kapitulieren zu oft vor dieser Gegenwart, ihrer neuen Dynamik, ob mit oder ohne Krisen. Konstatieren wir deshalb noch eine weitere Krise, n\u00e4mlich die der Linken, gewiss nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren, zuletzt von <a href=\"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=679\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=679\">Jens Wissel<\/a> an diesem Ort. Das Weitere soll deshalb analytische und nicht nur deskriptive Bemerkungen zu einer Kritik der Linken bieten. Sie beleuchten die materiellen gesellschaftlichen Hintergr\u00fcnde ihrer politischen Haltungen und Engagements heute, die den allgemeinen Lebensweisen und deren neueren Bedingungen von Vergesellschaftung entspringen. Es zeigt allerdings nur wichtige Tendenzen auf, die viele andere Bewegungsformen zulassen. Aber es gilt, sie dringend zu hinterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine politische Linke m\u00f6chten wir in einem engen und einem weiten Sinne verstehen. Erstere zielt auf eine umfassende soziale und politische Emanzipation von herrschenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen. Sie werden durch ein Netz von Bedingungen der Kapitalverwertung und mit ihnen kompatiblen Herrschaftsarrangements kontrolliert und reproduziert, und lassen sich in einer neuen, sozialistischen Vergesellschaftung nur zusammen aufheben. Wenn in politischen K\u00e4mpfen je nur bestimmte Aspekte gesellschaftlicher Transformation eine Rolle spielen, dann betreffen all derartige K\u00e4mpfe die gesellschaftliche Linke im weiteren Sinne, deren Beteiligte nicht auf umfassende gesellschaftliche Transformation setzen m\u00fcssen. Viele ihrer K\u00e4mpfe werden beherrscht von Aktualit\u00e4ten und haben deshalb wenig Chancen gegen dicht vernetzte Verh\u00e4ltnisse herrschender Reproduktionen, die isolierte Attacken leicht abwehren k\u00f6nnen. &nbsp;In den letzten zwei, drei Jahrzehnten versickerte n\u00e4mlich die globale Antiglobalisierungsbewegung, verschwanden die horizontal organisierten Bewegungen der Pl\u00e4tze, entbl\u00f6deten sich parlamentarische Linke in Regierungsbeteiligungen, verpufften unz\u00e4hlige Rebellionen, Aufst\u00e4nde und Ein-Punkt-Bewegungen, und schlie\u00dflich irrt sogar ein neuer Parteizentralismus als gespenstische Wiederkehr gescheiterter Aktivit\u00e4ten der Vergangenheit umher. Sie \u00e4hneln sich darin, gesellschaftlichen Wechself\u00e4llen zu entspringen und bei fehlendem Erfolg oder neuen Anl\u00e4ssen wieder verschwinden \u2013 von lokalen Restbest\u00e4nden abgesehen. Die linken Kr\u00e4fte aufscheinender Befreiung zeigten sich letztlich als zu schwach; sie sind zu beziehungs- oder orientierungslos. Die sozialistische Linke muss sich \u00fcber Ziele, Strategien und Kooperationen, die Kriterien f\u00fcr Wirksamkeit im politischen Raum verst\u00e4ndigen, damit sie sich nicht selbst schw\u00e4cht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im politischen Raum der Gesellschaft dr\u00fccken sich die Verh\u00e4ltnisse unserer Lebensweisen aus. Deren herrschende Bedingungen, die Krisenumst\u00e4nde in ihnen und ihre widerstreitenden M\u00e4chte erschweren zunehmend Formierungen einer starken Linken. Im Gegenteil, Linke bewegen sich oft zwiesp\u00e4ltig zwischen verschiedenen Kampagnen und Konflikten, l\u00e4hmen sich selbst, erm\u00fcden schlie\u00dflich. Es lohnt sich, den Hintergrund dessen genauer zu betrachten. Die Diagnose von Bedingungen politischer Bewegung beginnt bei der Erweiterung und Neujustierung der Verwertungs- und Regierungs-Techniken der letzten zwei, drei Jahrzehnte. Sie betreffen R\u00e4ume und Zeiten, Relationen und Regulierungen der gesellschaftlichen Reproduktion unserer sozialen, \u00f6konomischen, politischen Aktivit\u00e4ten. Gemeinsam gew\u00e4hrleisten sie funktionierende Kapitalverwertung und mit ihnen kompatible Herrschaftsverh\u00e4ltnisse. Und daraus entspringen passende Bedingungen f\u00fcr die Praktiken der Lebensweisen. Solche Reproduktionsverh\u00e4ltnisse \u00fcberschreiten den engeren Kreislauf der Kapitalreproduktion und die Regularien staatlicher Institutionen, heute besonders in logistischer Produktionsweise, der allgegenw\u00e4rtigen Finanzialisierung und Digitalisierung. Mit ihnen kommen neue Produkte, Arbeitsteilungen und Arbeitsweisen, Umw\u00e4lzungsstrategien und (Krisen-)Dynamiken. Sie betreffen kognitive, soziale, kulturelle, technische Einfl\u00fcsse, Ma\u00dfnahmen und Dispositive f\u00fcr alle Lebensweisen, besonders beherrschte Gruppierungen in ihnen. Sie funktionieren per direkten Vorgaben, per Habitus oder Kontextformation und k\u00f6nnen je nach sozialen Bereichen und Sph\u00e4ren variieren. Diese Effekte \u00fcberschreiten gel\u00e4ufige Verwertungs- und Herrschaftsbedingungen der Moderne in Breite wie Tiefe der Lebensverh\u00e4ltnisse und betreffen den Charakter der Konflikte, die daraus resultieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitalistische und staatliche Reproduktionsverh\u00e4ltnisse wirken auf die gew\u00f6hnlichen Lebensweisen ihrer Unterworfenen, die sich in Sph\u00e4ren der Vergesellschaftung differenzieren lassen. Sie unterscheiden je eigene Praktiken und Techniken, implizite und explizite Normen, die charakteristische, oft institutionalisierte Zusammenh\u00e4nge bilden. Sph\u00e4ren betreffen die verschiedenen Arbeitsverh\u00e4ltnisse oder das Konsumleben, die sozialen Reproduktionen wie Versorgung, Pflege und Bildung und die staatlichen Vorgaben f\u00fcr st\u00f6rungsfreie Lebensabl\u00e4ufe. Sie unterliegen den Zw\u00e4ngen der Herrschaftsarrangements, aber auch ihren Ambivalenzen, Irritationen und Widerspr\u00fcchen, sind jedoch nicht streng funktional separiert. In diesen Verh\u00e4ltnissen, ihren Praktiken erlangen neben den Dispositiven und Direktiven (neue) charakteristische Konsumversprechen und Leistungsanforderungen Bedeutung. Sie fungieren als Rahmen f\u00fcr Gerechtigkeitsurteile im Alltagsleben, aber k\u00f6nnen mit ihren Widerspr\u00fcchen und entt\u00e4uschenden Erfahrungen sogar Widerspenstigkeit transportieren. Sie alle zusammen wirken hegemonial, k\u00f6nnen politisch ansto\u00dfen oder resignieren lassen, gerade in gesellschaftlichen Dynamiken heute. Lebensweisen erzeugen jeweils selbst Beitr\u00e4ge zur gr\u00f6\u00dferen gesellschaftlichen Reproduktion und ihren Bedingungen, die sich wieder in andere eingliedern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir politische Engagements mit Lebensweisen untersuchen, sind Klassen und Subjektivierungen wichtig. Soziale (Klassen-)Formationen, ihre Spaltungen und Widerspr\u00fcche rund um Lohnarbeit differenzieren sich zunehmend, mit eigenen Erfolgserwartungen, Zw\u00e4ngen und Konsumbegehren, begleitet von Erfolg und Entt\u00e4uschung. Subjektivierungen formen lebensweltliche Motivation und Rezeption und variieren ebenfalls nach Klassenlagen. Sie sind neben den allgemeinen Reproduktionsbedingungen besonders relevant f\u00fcr Potentiale und Probleme in den Entwicklungen des Politischen \u2013 und damit auch f\u00fcr sozialistische Bewegung. Neu zugeschnittene Normalisierungen und Techniken, Aktivierungen und Konkurrenzen wirken in den letzten Jahrzehnten quer durch alle Lebensweisen, sind durchzogen mit kulturellen und geschlechtlichen Identit\u00e4tszuschreibungen, ma\u00dfgeblich f\u00fcr Subjektivierungen.&nbsp; Zusammengefasst hei\u00dft das: Es gibt allgemeine Reproduktionsbedingungen, die den gesellschaftlichen Raum, etwa die kognitiven Verh\u00e4ltnisse (Wahrnehmung, Relevanz, Urteilsformen bis Desorientierungen) formen; und es gibt solche, die habituell, dispositiv gesellschaftliche Gruppen oder Sph\u00e4ren pr\u00e4gen, was ihre Subjektivierungen einschlie\u00dft. Sie sind wichtig f\u00fcr die Form allt\u00e4glicher Interessen, Haltungen, Stimmungen, die zusammen mit jeweiligen Erfahrungen das Politische, dessen Widerst\u00e4nde wie Einvernehmen antreiben, die ebenfalls solchen Bedingungen folgen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Verbesserung linker Orientierung nun ein sch\u00e4rferer Blick auf das Politische. Gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse haben kollektive Potentiale ebenso wie Pathologien, die wiederum eigene Bedingungen f\u00fcr politische Wahrnehmungen, Haltungen und Konflikte transportieren. Das Politische zielt nun grunds\u00e4tzlich auf die Regulierungsweisen dieser ganzen Verh\u00e4ltnisse. Deren markante Konstitutionen, Spaltungen und Streitigkeiten setzen sich in verschiedenen sozialen und kulturellen Wahrnehmungen und ihren Pr\u00e4sentationen in \u00d6ffentlichkeiten bis in den politischen Raum hinein fort. Der Bodensatz des Politischen sind Stimmungen und Haltungen im Alltag, mit daran anschlie\u00dfenden Praktiken, die politisch aufgeladen sind und bis zu Streit in der \u00d6ffentlichkeit reichen \u2013 eben \u00fcber engere Sph\u00e4ren von Lebensweisen hinaus. Schon in diesem Gewirr von Haltungen und Alltagspraktiken, ihren Spannungen und diffusen politischen Interpretationen muss sich die Linke besser zurechtfinden. Sie tangieren die einfachen Wertehorizonte und Widersinnigkeiten, politische Alltagsurteile und Alltagskulturen, ihre Krisen, Widerst\u00e4nde und Konflikte, schlie\u00dflich deren \u00f6ffentliche Repr\u00e4sentationen und ihre Rezeption. Und dabei haben wir die Ebene institutionalisierter Politiken noch nicht erreicht, sondern befinden uns eher noch in dem \u201eMagma\u201c, den Wirbeln gesellschaftlichen Lebens, aus dem sich politische Bewegungen bedienen. Zusammengefasst f\u00fcr bessere Orientierungsf\u00e4higkeit der Linken hei\u00dft das: Welche neuen Stimmungen und Haltungen, Spannungen und Umw\u00e4lzungen werden hier politisch signifikanter und welche verlieren eher an Bedeutung. Es gilt zu eruieren, in welcher Weise sie sich ausdr\u00fccken und den Raum des Politischen, seine Ebenen und ihre Relationen mitgestalten. Bemerkenswert ist zudem, dass sich politische Haltungen und Kr\u00e4fte heute mit ambivalenteren Einstellungen in fragmentierten Klassenverh\u00e4ltnissen formieren, die auch aus neuem Tempo und Unsichtbarkeiten im Alltag folgen. Dementsprechend resultiert in Wahrnehmungen Lohnabh\u00e4ngiger von Ungerechtigkeiten bisweilen Fragw\u00fcrdiges. Es kompensiert schlechte Erfahrungen, falsche Versprechen, empfundene Unab\u00e4nderlichkeit der Verh\u00e4ltnisse, so dass zum Beispiel vermeintlich Leistungsunwillige in prek\u00e4ren Milieus zu den eigentlich Schuldigen werden. Die Folge sind weitere Klassenspaltungen, mit mehr Identit\u00e4tspaltungen statt zusammenh\u00e4ngenden Kulturen. Eine weitere B\u00fcrde f\u00fcr strategische Orientierungen der Linken. Genau deshalb ist es wichtig, ihre materiellen, die \u00f6konomischen und herrschaftlichen Bedingungen besser auszuloten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun zur Politik im engeren Sinne: sie betrifft heute existierende oder sich formierende politische Initiativen, wichtige kollektive Konflikte, Bewegungen und ihre Institutionalisierungen, und sie zielt auf Reproduktionsverh\u00e4ltnisse der Gesellschaft im Ganzen. Viele Politiken entspringen letztlich auch verschiedenen Bedingungen der Lebensweisen, ihren Klassenverh\u00e4ltnissen und sozialen Milieus sowie aktuellen Stimmungen und Spannungen. Insbesondere folgen sie gesellschaftlichen Problematiken, die \u00f6ffentlich zur Disposition stehen. Dieses Umfeld ist f\u00fcr eine sozialistische Bewegung, ihre Kr\u00e4fte und politischen Strategien relevant. Allerdings gilt zu beachten: Auch diese Ebene des Politischen als Politik ist neben den Bedingungen gesellschaftlicher Sph\u00e4ren abh\u00e4ngig von eigenen Reproduktionsbedingungen oder direkten Einfl\u00fcssen von M\u00e4chten, betreffend Modalit\u00e4ten von politischer Formation, existierende Regierungsweisen und Kulturen der \u00d6ffentlichkeit. Verh\u00e4ltnisse des Politischen aber wirken, wie auch die Lebensverh\u00e4ltnisse der sozialen Klassen, zur\u00fcck in die Bedingungen der Kapital- und Staats-Regime und ihre weiteren Herrschaftskomponenten. Solche R\u00fcckkopplungen k\u00f6nnen einseitige politische Verst\u00e4rkungen oder Blockierungen in Mikro- und Makro-Stukturen von Vergesellschaftung entfalten. Es sei an Diskurse, Konflikte und Ma\u00dfnahmen rund um Migration erinnert, die sich durch alle genannten Ebenen ziehen. Und zu dem ganzen Korpus von Bedingungen gesellen sich noch die Spannungen in den \u00f6konomischen und staatlichen Regimen, ihren Organisationen selbst, die in der Politik eigene Kr\u00e4fte bilden, darin Anst\u00f6\u00dfe und Selbstverst\u00e4rkungen aufgreifen oder abwehren k\u00f6nnen. Solche erweiterten politischen Bedingungen bauen die Hindernisse f\u00fcr linke Orientierung noch h\u00f6her.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Gemengelage der Lebensweisen und des Politischen bilden zusammen den materialistischen gesellschaftlichen Boden f\u00fcr viele Probleme der Linken. Auf ihn schauen wir jetzt etwas genauer. Darin finden sich beispielsweise globalisierte Modalit\u00e4ten der kapitalistischen Betriebe, deren Finanzialisierung und digitalisierte Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Sie bieten ein neues Arsenal f\u00fcr Klassenk\u00e4mpfe, das mit Flexibilisierung und Automatisierung, Abwanderung und Auslagerung laufend zum Einsatz kommt. Entsprechend \u00e4ndern sich Klassenlagen und soziokulturelle Verh\u00e4ltnisse. Um diese Modalit\u00e4ten herum entstehen zunehmend komplexe und unsichtbare Macht- und Technikstrukturen. Sie durchdringen die Lebensweisen und rufen nach passenden Ordnungen, ein neuer Schritt reeller Subsumption, in der Sprache marxscher Verwertungsanalyse. Dazu gesellen sich immer strengere staatliche Ma\u00dfnahmen, begleitet von politischen wie \u00f6konomischen Delegitimierungen gerade \u00fcberfl\u00fcssiger Institutionen. Entsprechend intensivere Markt-Subjektivierungen in allen Lebenslagen ver\u00e4ndern Bewertungen f\u00fcr allt\u00e4gliche Erwartungen, Konkurrenzen und Erfahrungen. Diverse \u201eGesch\u00e4ftsmodelle\u201c werden zu einer weiteren Schablone f\u00fcr Subjektivierungen wie f\u00fcr Organisations-Konzepte: von der Ich-AG bis zum Diversity Manager. Resonanzboden all dessen in der Gesellschaft sind die Digitalisierung und ihre Umbr\u00fcche, inklusive eines Umbaus der \u00d6ffentlichkeiten. Die marketingbefeuerte Technologie-Faszination wirkt individualisierend, pr\u00e4gt neue Macht- und Verwertungsprozesse in Betrieben und treibt das Begehren f\u00fcr endlos viele Produkte in der Konsumsph\u00e4re; gleichzeitig normalisiert sie b\u00fcrokratisches Verhalten mit Maschinengebrauch in allen Lebenslagen. Solche Bedingungen pr\u00e4gen auch das Geschehen von Sozialrath\u00e4usern \u00fcber Kitas bis zu Kulturinitiativen, formen Sinne und Aktivit\u00e4ten der Leute. Damit sind wir bei der Orientierung im Politischen, denn Aktivit\u00e4ten und Sinne h\u00e4ngen von \u00f6konomischen, kulturellen und politischen Verh\u00e4ltnissen, ihren Konjunkturen ab: eine Herausforderung gerade f\u00fcr die Wertekriterien der Beherrschten, etwa f\u00fcr das, was ver\u00e4nderbar, was w\u00fcnschenswert erscheint.&nbsp; Nat\u00fcrlich geh\u00f6ren die vielen Krisennarrative zur Formbildung allt\u00e4glicher Wahrnehmung. Sie sind eingebettet in typische Einstellungen \u00fcber Zukunft und die eigenen Stellung darin, was kulturelle Wirksamkeit entfaltet und damit herrschende Institutionen und Methoden mit ihren ideologischen Ger\u00fcsten st\u00fctzt. Diese Zukunftseinstellungen reichen von Indifferenz und Zynismus, \u00fcber (Selbst-) T\u00e4uschung zum menschlichen oder maschinellen Techno-Gott, also von Elon Musk bis KI, und kommen schlie\u00dflich bei der Apokalypse an: Alle versprechen sie ihren je eigenen Modus individueller Rettung im unabwendbaren Geschehen. Diese ganzen und noch weitere Reproduktionsbedingungen k\u00f6nnen je nach Umst\u00e4nden zusammenwirken und sich trotzdem widerspr\u00fcchlich in den politischen Arenen entfalten \u2013 eine prek\u00e4re gesellschaftliche und politische Dynamik besonderer Art.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Befund \u00fcbersteigt das Konzept der objektiver Interessen als Kriterium politischer Orientierung und wir verwenden ihn jetzt f\u00fcr die Linke, das Verst\u00e4ndnis ihrer Gruppen und deren Strategien, des Umgangs von Aktivisten darin und den Schwierigkeiten mit typischen Haltungen in Lebensweisen. Damit gemeint sind Vorgabemuster des Politischen, nicht direkte gesellschaftliche Bestimmungen f\u00fcr politische Bewegung. Zuerst zu den Gruppen: Reproduktionsbedingungen artikulieren sich etwa in der Formation fundamentaler Haltungen von Gruppierungen, ihrer politischen Engf\u00fchrungen. Den Antifas stehen Antiimperialismen gegen\u00fcber, dem Kampf f\u00fcr oder gegen Demokratie, mit einer linken Partei und ihren Schwierigkeiten gegen\u00fcber Bewegungen, der Priorit\u00e4t von Arbeit gegen\u00fcber Identit\u00e4t, den Prek\u00e4ren-Initiativen und der akademischen Kritik, den neuen MLern kontra Autonomen und andere mehr. Diese Separierungen r\u00fchren auch aus ver\u00e4nderten Vergesellschaftungen der letzten Jahrzehnte. Greifbar scheint f\u00fcr viele Streitigkeiten zun\u00e4chst, dass sie oft vom herrschenden Eventcharakter, den medialen Hypes, ihren Krisenbedrohungen getriggert sind. Finanzkrise und das Klimachaos, Covid und die Kriege als aktuelle, immer bedrohlichere Geschehen werden mit mehr oder weniger geschlossenen Konzepten etwa von Postkolonialismus und Antisemitismus, zu Rassismus, Faschismus und Imperialismus adressiert, die nicht selten Tiefe vermissen lassen. Zudem k\u00f6nnen Reproduktionsbedingungen und ihre instrumentellen Dispositive zum Beispiel die Praktiken enger Projektorientierung betreffen, die zu leichtf\u00fc\u00dfig weitere Kontexte ausblenden. Sie optimieren nur einzelne Kampagnen, setzen dabei zu sehr auf Aufmerksamkeit, leichte Mobilisierung und Medienresonanz. Den Skandalisierungen und eing\u00e4ngigen Forderungen folgen Interessierte allerdings genauso leicht wie sie das Interesse verlieren: Bewegungen d\u00fcnnen deshalb schnell aus. Statt strategischen Konzepten gibt es oft zu schnell B\u00fcndnisse gegen vereinfachte Gegner (\u201ealle gemeinsam gegen&#8230;\u201c). Oder gar die Reinheit einer Gruppe wird leitend, oft mit abstraktem Appell ans Proletariat, die Wahrheit der Indigenen oder gleich Gaia. Es spitzt sich zu in Konkurrenzen zwischen stereotypisierten Gruppen und Freund-\/ Feindschemata mit Leitschablonen, gegenw\u00e4rtig gerne Antifas gegen Postkoloniale. Sie folgen dabei reaktiv den Ma\u00dfgaben digitalisierter Wahrnehmung und Polarit\u00e4ten, verstummen aber schnell in deren Strudeln \u2013 nachdem sie nicht selten affirmativ f\u00fcr staatliche Instanzen wirkten. Es sind auch Ph\u00e4nomene dieser Art, welche eine politische Linke in der Gegenwart immer unglaubw\u00fcrdiger machen. Kommen wir zu den Modalit\u00e4ten pers\u00f6nlicher Beteiligung in solchen Gruppen. Sie n\u00e4hern sich gerne Schemata aus der Arbeits- und kommodifizierten Lebenswelt, ihren Erfolgsorientierungen und Sprechweisen, wenn sie nicht diesen direkt folgen wie im \u201eakademischen Aktivismus\u201c mit Terminvorgaben und Panels. Mehr noch: Gerade die kapitalistische Dynamik, beschleunigte Wechsel von Betriebsweisen (erinnert sei ans betriebswirtschaftliche \u201eChange-Management\u201c) wirken prima gegen subalterne Kulturen und gesellschaftliche Verankerung, den Boden kollektiver Widerspenstigkeit im Politischen. Die Teilnahmemodi in (linken) Initiativen folgen \u00fcblicher Fl\u00fcchtigkeit, nicht selten getrieben wie im Zeit-Management. Darin finden sich zudem Selbstverst\u00e4ndnisse solcher Gruppen, deren Praktiken vom blo\u00dfen Rezipieren klassischer Theorien und der Flaschenpost einerseits bis hin zum Verzicht auf alle weitergehenden Diagnosen und Diskurse andererseits reichen, um sich auf aktuelle Mobilisierung zu konzentrieren. Manche versuchen damit Alleinstellungsmerkmale in der politischen Arena der Linken zu verbessern und sich so \u201evom Wettbewerb abzuheben\u201c. Davon angezogene Aktivisten inszenieren nicht selten elit\u00e4re Haltungen, verwandt den Modalit\u00e4ten auf M\u00e4rkten, unterf\u00fcttert mit Idealen von Authentizit\u00e4t und Kompetenz. Schlie\u00dflich scheinen sich in emanzipatorischen Bewegungen sogar herrschende Zukunftserwartungen passend gebrauchen zu lassen: sei es mit Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber strategischen Horizonten, dem Zynismus gegen\u00fcber fragmentierter Konkurrenz, mit Selbstt\u00e4uschungen \u00fcber Siege von Befreiungskr\u00e4ften oder theoretische Erkl\u00e4rungen, der Huldigung eines technologischen Luxus-Kommunismus oder Rettung vor \u00d6ko-Apokalypse als Wegweiser in die gerechte Gesellschaft.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun zum strategischen Verst\u00e4ndnis in der Linken und ihrer Bindung in Lebensweisen. Faktisch kommen in vielen K\u00e4mpfen nur einzelne Momente gesellschaftlicher Aufhebung in Anschlag. Sie sehen weitgehend von gr\u00f6\u00dferen Vernetzungen ab, betreffen vielleicht Umst\u00e4nde des Wohnens oder Lebens, der Arbeitsverh\u00e4ltnisse oder Naturverwertungen, zielen gegen spezifische Aspekte politischer und \u00f6konomischer Ma\u00dfnahmen. Letztere sind jedoch im ganzen Korpus der (Re-)Produktionen, dessen Effekten und Ideen dicht vernetzt. Dieser dr\u00e4ngt isolierte K\u00e4mpfe weit ab von substantieller Transformation, was oft deren Niederlage beschleunigt. Au\u00dferdem kann sich mit zu einfachen Forderungen die gesteigerte Ambivalenz von Leitbegriffen r\u00e4chen, wenn z. B. Anspr\u00fcche von Freiheit, Regierungskritik, Antikapitalismus in andere politische Netze (siehe reaktion\u00e4re NGO\u00b4s, soziale Medien und Initiativen) eingebunden und in der \u00d6ffentlichkeit anziehender werden. Leute verschiedener Milieus und Klassen kann das in ihren eingespielten Gerechtigkeitsschemata ansprechen, auch wenn dann eine politische Orientierung die Richtung wechselt. Solche Schwierigkeiten treffen auch die ArbeiterInnenklasse und ihr Aufhebungspotential. Auch deren Gerechtigkeitsschemata in&nbsp; Lebensweisen und die verschiedenen Ziele in K\u00e4mpfen funktionieren ambivalent, gar widerspr\u00fcchlich: einerseits f\u00fcr bessere Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse, die Kapitalherrschaft bejahen, andererseits der Zug zur Aufhebung eben dieser Lohnarbeit. Solch mehrdeutige Charaktere k\u00f6nnen \u00fcberraschend in reaktion\u00e4ren Attraktionen politisch sichtbar werden. Dieser Befund verweist auf Probleme der Linken, die entstehen, wenn sie sich zu pragmatisch auf einzelne politische Momente unter Absehen strategischer Einbindung konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn Ph\u00e4nomene des politischen Raums der Linken mit seinen Reproduktionsbedingungen hier noch vereinfacht skizziert werden, zeigt es ihren politischen Pfad, der sich schl\u00e4ngelt zwischen Resignation und \u00dcbersteigerung, Erlahmung und Kooptation. In kapitalistischen Zentren sind die Verwertungs- und Reproduktionsnetze immer ausgedehnter und gleichzeitig engmaschiger, die Lebensweisen immer mehr der reellen Subsumtion unterworfen. Entsprechend sind soziale und politische K\u00e4mpfe genauso wie die Klassensegmente immer diffuser und heterogener, und gleiches folgt f\u00fcr Potentiale gesellschaftlicher Transformation: Sie sind fragmentiert und k\u00f6nnen nur durch geschicktes Vern\u00e4hen gesellschaftlich relevante Kraft erlangen. Parallel dazu schw\u00e4cht sich das immer ambivalentere linke Gravitationsfeldes, die linken Anziehungskr\u00e4fte ab. Es geschieht mit Kompositionen neuer Reproduktionsbedingungen in Lebensweisen, ihren heterogenen Erfahrungen und Subjektivierungen, situiert im Kontext ver\u00e4nderter politischer Kr\u00e4fte. Ausserdem verschwanden widerst\u00e4ndige, verdeckte Praktiken bis Infrapolitiken weitgehend, nicht zuletzt mit der Erosion von ArbeiterInnenkulturen. Dazu geh\u00f6ren immer fragilere Gerechtigkeitsschemata der Lohnabh\u00e4ngigen, die gesellschaftlichen Vereinzelungen folgen und mit entsprechenden Haltungen solidarisches Verhalten weiter erschweren. Auf diese Weise reproduzieren die Bedingungen der Lebensweisen und des Politischen herrschende Mechanismen, f\u00f6rdern linke Isolation und Desorientierung zwischen Liberalismus und Reaktion weiter.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings liegt der Einwand nahe, dass die Geschichte sozialistischer, kommunistischer und anarchistischer Bewegungen schon lange Ph\u00e4nomene niedergehender Alltagswiderst\u00e4nde, von Streit und Spaltung aufweist, dass daher die Referenz auf neue Reproduktionsbedingungen von Herrschaft und \u00d6konomie gar nicht viel biete. Der Einwand untersch\u00e4tzt aber ver\u00e4nderte Charaktere der Bewegungen, ihrer Konzepte und Verhaltensweisen ebenso wie die anderen Lebensweisen, soziopolitischen R\u00e4ume und Arenen, in denen sie agieren. Zu Zeiten des klassischen Liberalismus und des darauf folgenden Fordismus formten sich mit strengen Regimen und Arbeitsbedingungen in ArbeiterInnenbewegung ganz andere Kulturen, die als Resonanzboden von Widerstand und Mobilisierung f\u00fcr Gesellschaftstransformation wirkten. Sie blieben in ihrer Orientierung recht stabil in schwierigem Umfeld, auch wenn sie nat\u00fcrlich nicht v\u00f6llig immun waren. Darauf aufsetzend bildeten sich disziplinierte politische Gruppen und Parteien, eigene Bildungseinrichtungen, Medien und Freizeitvereine, eine tiefer gestaffelte Widerstandskultur, die wenig mit heutigem Projekthopping, der Fl\u00fcchtigkeit des Organisierens und der Kultur der Aufmerksamkeit zu tun hatte. Nat\u00fcrlich gab es ebenfalls herrschende Vorgaben, Zw\u00e4nge und Dispositive in \u00f6konomischen und staatlichen Institutionen, die z. B. mit finanziellen Anreizen, Strafen, Machtversprechen, gezielten Infiltrationen, kollektiven Desorientierungen und Erfahrungen funktionierten \u2013&nbsp; derartige Mechanismen wirken heute vielerorts immer noch. Tiefer verankerte linke Widerstandskulturen sind heute jedoch weitgehend verschwunden und neue Reproduktionsbedingungen setzen sich wirkungsvoll in nerv\u00f6sen Alltagswelten durch, sie sind temporeicher, klandestiner, \u201eimmersiver\u201c, agieren seltener durch direkten Zwang, meist aber wirkungsvoller.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem weiten Hintergrund macht sich immer mehr ein gewisser Fatalismus breit, der schon l\u00e4nger als die \u201eMelancholie der Linken\u201c auftrat, begleitet von einem eigenen Missmut. F\u00fcr besseres Verst\u00e4ndnis dieser Situation noch einmal unsere Thesen und Fragestellungen komprimiert: In Lebensweisen haben Reproduktionsdispositive, Klassenspaltungen und Subjektivierungen neue soziale, kulturelle und politische Effekte, ver\u00e4nderte Erfahrungen und politisch mehrdeutige Gerechtigkeitsschemata. Sie betreffen das politische Agieren der Linken auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen. Vieles spricht gegenw\u00e4rtig daf\u00fcr, dass erodierte Kulturen, systemische Desorientierungen und Wettbewerbsanreize Vereinzelungen und Verkehrungen linker Gruppen verst\u00e4rken. Sie spiegeln geradezu die gesteigerten Klassenspaltungen in allen Sph\u00e4ren der Lebensweisen. Dazu kommt&nbsp; eine grunds\u00e4tzliche strategische Klemme des politischen Konzepts der Linken, eine nagende Mehrdeutigkeit: Entweder durch gesellschaftliche Aufhebung als dem gro\u00dfen Bruch ein Chaos in der ganzen gesellschaftlichen Reproduktion zu erzeugen, das politisch reaktion\u00e4r nutzbar ist, stattdessen mit w\u00fctenden, sich wiederholenden Revolten als kurzsichtige Fantasten zu erscheinen oder sich schlie\u00dflich doch mit Reformismus als letztlich leicht einbindbar zufrieden zu geben. Daher r\u00fchrt eine wichtige Frage f\u00fcr praktische Strategien der Linken auf dem Hintergrund des Pr\u00e4sentierten: Wie kann eigentlich die&nbsp; politische Kluft einer heterogenen Linken zwischen verengter Gegenwartsfixierung, Ein-Punkt-Interventionen oder linkem Populismus zum einen und dem Verharren in der Erwartung des gro\u00dfen Bruchs, dem einen Ausl\u00f6ser f\u00fcr den Aufstand, der erl\u00f6senden Strategie f\u00fcrs Ganze zum anderen dialektisch \u00fcberwunden werden? Die Problematik ist deshalb praktisch und strategisch relevant, weil Einseitigkeiten und Blockaden ihre Anteile an den Schw\u00e4chen gesellschaftstransformativer Bewegung, gegen wirkungsvolles Navigieren im politischen Raum haben. Dazu gilt es, die Reproduktionsbedingungen und Effekte auf ihren verschiedenen Ebenen, insbesondere im Politischen noch weiter zu untersuchen und geschickteren Umgang damit zu erlernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir behaupten, dass Ph\u00e4nomene ersch\u00f6pfter, desorientierter Bewegungen der Linken Kapitulationen vor kapitalistischem Realismus markieren, dass \u201ees einfacher ist, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus\u201c, dann sollten wir im politischen Raum nachsehen, wo solche Reproduktionsbedingungen und soziale Ambivalenzen ausgenutzt werden. Sie kommen gut zur Geltung in Haltungen des Liberalen gegen das Reaktion\u00e4re und ihren Pseudo-Emanzipationen. Beide sind Varianten politischer Absicherung gesellschaftlicher Kapitalreproduktion und deren Zukunft. Im politischen Feld sind das besonders Modalit\u00e4ten reaktion\u00e4rer Opposition. Kapitalistische Krisen und zunehmende Repression, deren Verh\u00e4ltnisse rasant, unsichtbar und vernetzt sind, sich leichter als politisches Chaos repr\u00e4sentieren. Immer st\u00e4rkere autorit\u00e4re Bewegungen agieren kontra eine symbolische Linke, k\u00f6nnen erheblich mobilisieren und bieten mehr Orientierung und Selbstwirksamkeit quer durch die Klassen. Auch wenn sie letztlich eher Fantasmen sind. Sie gebrauchen gerne Mehrdeutigkeiten, zum Beispiel mit einer \u201eFreiheit\u201c zwischen freier Nation und freiem Konsum f\u00fcr legitime B\u00fcrger. Entt\u00e4uschte Erwartungen, Resignationen oder Gef\u00fchle der Missachtung triggern wohlklingende Angebote, die gerade nicht mit dem Kapitalbetrieb brechen m\u00f6chten. Im Gegenteil, sie bieten neue politische Arrangements der Reproduktion, die mit den vielen Problemen vermeintlich besser zurechtkommen. Sie versuchen, einen F\u00e4cher reaktion\u00e4rer Konzepte als Kultur von unten gegen links oben zu installieren, begleitet von einer Pseudo-Infrapolitik, in der das Internet eine prominente Rolle spielt. Sie versprechen, dass unter einem neuen politischen Schirm, der starken Nation und Bek\u00e4mpfung sozialer Sch\u00e4dlinge, in harten Hierarchien \u201edie Richtigen\u201c im Lande besser bedient werden. Das Fehlen der Widerstandskultur lohnarbeitender Klassen und die diversen linken Spaltungen f\u00f6rdern reaktion\u00e4re Kr\u00e4fte, deren gesellschaftliche Herrschaftsreproduktion. Eine Linke muss sich fragen: Wie genau funktionieren die neuen Reproduktionsbedingungen und Klassenspaltungen, ihre Subjektivierungen und Erfahrungen. Und wie sie gerade als autorit\u00e4rer Pseudo-Widerstand ihre Statur gewinnen und dadurch die Linke schw\u00e4chen. Die liberal-demokratische Haltung tritt als sch\u00fctzender Gegenpol auf, erf\u00fcllt allerdings nur eine andere politische Reproduktionsstrategie herrschender Verh\u00e4ltnisse, so dass besonders im heutigen Interregnum ein Pingpong-Spiel zwischen diesen starken politischen Kr\u00e4ften die Linke noch weiter l\u00e4hmt.<\/p>\n\n\n\n<p>In linken Aktivit\u00e4ten entschwindet der Horizont echter gesellschaftlicher Transformation, eher bietet Kapitulation vor der Gegenwart einen \u00f6konomischen wie kulturellen Anker des gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus. Das ganze Unbill vermehrt sich im Zusammenspiel der Reproduktionsbedingungen und deren kultureller wie politischer Entfaltung, w\u00e4hrend die Linke einer Gesellschaftsumw\u00e4lzung immer weiter zerbr\u00f6selt: Wof\u00fcr m\u00f6chte sie sich denn wirklich noch versammeln, zusammen k\u00e4mpfen und daf\u00fcr begeistern? Ein reflexiver, von eigenen Engf\u00fchrungen gel\u00f6ster und damit kollektiv erweiterter Umgang mit diesen Befunden inklusive ihrer Feinzeichnung, mit den Quellen und Schwierigkeiten linker Projekte und Konzepte &#8211;&nbsp; also eine gewisse Distanzierung von eigenen und eingespielten Schemata &#8211; k\u00f6nnte ein St\u00fcck weit helfen, diese Verh\u00e4ltnisse zu \u00fcberwinden. Das w\u00e4re das gleiche wie Erwartungen der Linken, dass sich viele Leute von der engen Bindung an ihre direkten Erfahrungen l\u00f6sen, und ihre Perspektive auf gesellschaftliche Hintergr\u00fcnde erweitern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte systemtransformierender Linken k\u00f6nnte als Trag\u00f6die daherkommen, in der sie sich immer wieder dem Schicksal der unab\u00e4nderlichen Bedingungen stellen musste, und die jetzt drohen, sie vollends in den Abgrund zu st\u00fcrzen. Aber die mehrschichtigen Reproduktionsbedingungen sind nicht undurchdringlich sondern durchaus fadenscheinig. Es gibt gen\u00fcgend Bereitschaften und Gelegenheiten zu Widerstand oder Exit, von Unruhe und Rebellion, f\u00fcr transformierende Konzepte. Sie existieren verstreut unter spannungsgeladenen Verh\u00e4ltnissen, die in ihren Mehrdeutigkeiten immer noch emanzipatorische Potenziale aufweisen. Auch an Beweglichkeit und Ideen zu einzelnen Problematiken mangelt es nicht, unz\u00e4hlige Revolten der letzten Jahre belegen das. Wenn aber von neuen Beziehungsweisen und Assoziationen, genuinen Strategien des Umbruchs und ihre Zusammenh\u00e4nge die Rede ist, wird die Luft d\u00fcnner. Dazu braucht es Attraktivit\u00e4t und Verl\u00e4sslichkeit, kollektive Kontinuit\u00e4t und Lernf\u00e4higkeit, die vereinzelte Projekte und Gruppen \u00fcberschreitet. Mit umfassenderen Transformationskonzepten kann vielleicht auch eine bessere Immunit\u00e4t gegen Herrschaftsdispositionen und die Dynamik ihrer Effekte gewonnen, die im Ein\u00fcben eigener, anderer Bedingungender Vergesellschaftung laufend erneuert werden. Wir sollten begreifen, dass die gegenw\u00e4rtigen Reproduktionsverh\u00e4ltnisse mit Tempo und Unmittelbarkeit, mit Vernetzung und Unsichtbarkeit gerade die Kritik und Selbstreflexion massiv erschwert \u2013 nicht zuletzt Anker der reaktion\u00e4ren St\u00e4rke und linken Schw\u00e4che: es hei\u00dft, listiger damit umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt einige Anst\u00f6\u00dfe f\u00fcr die Zusammenf\u00fchrung und Reproduktion verborgener Kr\u00e4fte der Beherrschten, die solcher List helfen: etwa Zusammenh\u00e4nge existierender Reproduktionsk\u00e4mpfe in&nbsp; verschiedenen Sph\u00e4ren der Lebensweisen besser zu rezipieren und praktisch zu verbinden (in Wohnen, Heilen, Versorgen, Lernen, Helfen, Pflegen, Zusammenkommen, dem Verdauen der Lohnarbeit \u2013 es sei an das Konzept von Sozialzentren erinnert). Derartiges impliziert proto-politische Aktivit\u00e4ten, die Grenzen der Reproduktionszw\u00e4nge \u00fcberschreiten und schlie\u00dflich dazu f\u00fchren sollten, dass es in Lebensweisen wieder neue Sprechweisen und Widerstandskulturen mit eigenen Haltungen aufkommen, die an deren heterogene T\u00e4tigkeiten und Erfahrungen gebunden sind und im politischen Raum neue Erfahrungen bringen. Zugleich braucht es dazu einen praktischen und konzeptionellen Schirm, der Problematiken von Destitution und Neukonstitution vergesellschaftender T\u00e4tigkeiten f\u00fcr institutionelle Umbr\u00fcche abdeckt, und sich den Dialektiken und Kipppunkten gesellschaftlicher Transformation stellt. Im Griff dieses Schirms finden sich gesellschaftliche Arbeitsbedingungen, in den Schirmspeichen die Reproduktionsbedingungen der anderen Sph\u00e4ren von Lebensweisen \u2013 zu den anderen Teilen gibt es noch viel zu verhandeln. Erst gemeinsame \u00dcberschreitungen dieser Art k\u00f6nnen die n\u00f6tige Attraktivit\u00e4t bieten, um im politischen Raum als gesellschaftstransformative Kraft bestehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu bietet es sich auch an, solche Thesen \u00fcber die Schwierigkeiten linker Orientierung, ihre Ursachen und Folgen kollektiv zu besprechen. Es geht um Diskurse dar\u00fcber, ob und wie es einerseits eine geteilte Perspektive des politischen Horizonts geben kann, der besser mit den Bedingungen in den politischen Arenen zurechtkommt und einen Sockel mit weiter reichenden, zusammenh\u00e4ngenden Konzepten gesellschaftlicher Transformation einschlie\u00dft \u2013 die Frage nach einer Schirmkonstruktion. Mit dieser Hilfe k\u00f6nnte vielleicht die Vielfalt der kleinen oder kurzlebigen Initiativen, die zwar verletzlich aber oft kreativ sind, besser soziale und konzeptionelle Synergie erlangen, k\u00f6nnte sich die Substanz und Kraft einer emanzipatorischen Linken st\u00e4rken. Ihre politischen Streitfragen sollten sich produktiv entwickeln. Und andererseits nat\u00fcrlich die (selbst distanzierende, reflexive) Frage danach, in welchem Ma\u00dfe diese eben pr\u00e4sentierten Diagnosen, \u00dcberlegungen plausibel sind und tats\u00e4chlich Relevanz f\u00fcr emanzipatorische politische Strategien und Konzepte entfalten k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6rt es, diese besser mit heterogenen Erfahrungen, Fragmentierungen und Potentialen subalterner Klassen zu verbinden. Das m\u00f6chten wir hiermit zur Diskussion stellen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Uli Wesser f\u00fcr AK System Change Frankfurt<\/p>\n<p>Care-Krise und Wohnungs-Krise, Klima-Krise und Demokratie-Krise, Migrationskrise und Kriminalit\u00e4s-Krise, Krisen der Staatsfinanzen, multiple Krise und Polykrise: Es wird heute permanent eine Vielzahl von Krisen und dem erforderlichen Schutz davor, von produktiven wie destruktiven Disruptionen und nachhaltigen Resilienzen f\u00fcr sie festgestellt und proklamiert. Und zwar keineswegs nur von Gesellschaftskritikern, sondern gerade auch von ihren Profiteuren und vielen Apologeten. Diese Krisen und Disruptionen werden als ma\u00dfgeblich f\u00fcr viele Konfliktfelder, Forderungen f\u00fcr Einschnitte, f\u00fcr diverse Ma\u00dfnahmen und Initiativen sowie politische Vorhaben pr\u00e4sentiert.\u00a0 Damit agieren auch die meisten linken Initiativen, sind aber gew\u00f6hnlich nicht in der Lage, sich wirklich von herrschenden Praktiken und Erkl\u00e4rungen zu l\u00f6sen. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2,21,3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/797"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=797"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/797\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":801,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/797\/revisions\/801"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}