{"id":839,"date":"2025-04-07T16:10:38","date_gmt":"2025-04-07T14:10:38","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=839"},"modified":"2025-04-14T12:26:52","modified_gmt":"2025-04-14T10:26:52","slug":"vorkriegsberichterstattung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=839","title":{"rendered":"Vorkriegsberichterstattung"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Jens Wissel<\/h5>\n\n\n\n<p>\u201eEuropa sollte seine Werte verteidigen\u201c, oder \u201eAufmunitionierung wird teuer und kompliziert\u201c, vier Seiten sp\u00e4ter auf Seite 14: \u201eAirbusmanager Michael Sch\u00f6llhorn \u00fcber Europas milit\u00e4rische F\u00e4higkeiten in der Luft und im Weltraum\u201c. Seite 16: \u201eDie Kampfbereitschaft der europ\u00e4ischen Armeen\u201c und Seite 18: \u201eWar der deutsche Pazifismus eine Schim\u00e4re? Doch wieder Krieg. Deutschland braucht nicht nur Geld und Waffen, um sich zu verteidigen. Die Gesellschaft muss im Ernstfall bereit sein, ihre S\u00f6hne und T\u00f6chter in einen Krieg zu schicken. Ist sie das?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wer glaubt angesichts dieser Titel irgendein dubioses Veteranen-Magazin, oder eine Brosch\u00fcre von Rheinmetall, oder Schlimmeres in der Hand zu halten t\u00e4uscht sich, die \u00dcberschriften stammen allesamt aus dem Spiegel vom 29.03.2025. Da verwundert eigentlich nur, dass nicht noch S\u00f6nke Neitzel \u00fcber den letzten Sommer in Frieden befragt wurde und Marcus Keup dar\u00fcber berichten darf, wie vorteilhaft es f\u00fcr Europa ist, wenn die Ukraine weiterk\u00e4mpft und dabei die russische Armee abnutzt. Ok, ZDF (Marcus Keup, in: ZDF 27.03.2025) und Bild-Talk (Neitzel, in: Bild Talk 21.03.2025) sind ja auch noch da. Zurzeit ist es fast egal welches Programm man einschaltet, oder welche Zeitung man aufschl\u00e4gt, \u00fcberall l\u00e4uft die Mobilmachung. Die immer gleichen Expert:innen, die im \u201eInformationsraum\u201c (Oberst Reisner) k\u00e4mpfen lachen einen an und verk\u00fcnden, dass wir dieses und jenes noch brauchen und machen angesichts der M\u00f6glichkeiten, die mit der Reform der Schuldenbremse entstanden sind Augen wie Dreij\u00e4hrige unterm Weihnachtsbaum. Der Leitartikel im Spiegel vom 5.04. legt im \u00dcbrigen nochmal nach, dort hei\u00dft es: \u201eAntreten, bitte! Die n\u00e4chste Regierung sollte die Wehrpflicht reaktivieren. Anders wird Deutschland seine Freiheit nicht verteidigen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich wie schnell, aus dem Russland, das Anfang 2023 \u201eden Krieg eigentlich schon verloren hat\u201c (Carlo Masala, in: FAZ 01.04.2023), das seit 3 Jahren Verluste im Verh\u00e4ltnis von 10 zu 1 zu den ukrainischen Verlusten hinnehmen musste (FAZ 30.03.2023) und schon im September 2022 nur noch f\u00fcr 280 weitere Tage Panzer hatte (Marcus Keup in: n-tv, siehe Stern.de, 21.09. 2022), ein Land wurde, dass mit seiner Armee bald in Berlin stehen k\u00f6nnte und dem die europ\u00e4ischen NATO-Staaten offensichtlich hilflos ausgeliefert sind. Was solls, wir leben in schnelllebigen Zeiten. War die russische Armee gestern noch eine Lachnummer, die nicht in der Lage war. ein \u00f6konomisch unbedeutendes Land wie die Ukraine zu erobern und die locker von 18 Leopard-Panzern und 20 Panzerhaubizen 2000 besiegt h\u00e4tte werden sollen, so ist sie heute eine \u00fcberm\u00e4chtige Armee, die kaum aufzuhalten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte sagen, die Kulturindustrie ist nicht nur substanzlos, weil sich die Produktionsbedingungen so verschlechtert haben, dass die gehaltvollen Berichte, die es auch noch gibt, im allgemeinen Informationsm\u00fcll v\u00f6llig untergehen. &nbsp;Sie ist auch manisch-depressiv. Es gibt keinen \u00dcbergang von Selenskyjs Siegesplan und der Vertreibung der russischen Armee aus der Krim zum Zusammenbruch Europas und seiner scheinbar nicht vorhandenen Armeen, bzw. der \u00dcbergang ist kurz und schmerzlos. Wobei so ganz einig ist man sich doch nicht, ob Europa jetzt wehrlos ist, oder ob Europa doch dazu in der Lage ist die amerikanischen Waffenlieferungen an die Ukraine zu ersetzen, oder sogar eigene Truppen stellen k\u00f6nnte, um Putin aufzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Reflexion dar\u00fcber, dass Europa und die Biden-Administration drei Jahre Zeit hatten, ein anderes Ergebnis herbeizuf\u00fchren als das aktuelle, ist nicht zu erwarten. Drei Jahre hat man (kontrafaktisch) verk\u00fcndet, dass man mit Putin nicht verhandeln kann und das Russland besiegt werden muss. Keine der Waffenstillstandinitiativen wurde unterst\u00fctzt, weder die Chinesische noch die Indische und auch nicht die S\u00fcd Afrikas. Jetzt beschwert man sich, dass man an (m\u00f6glicherweise) bevorstehenden Verhandlungen nicht beteiligt wird. Bis heute haben die Europ\u00e4er nichts anzubieten, au\u00dfer den Krieg weiterzuf\u00fchren. Einen Krieg, durch den sich seit zwei Jahren die Verhandlungsposition der Ukraine kontinuierlich verschlechtert, weil der Ukraine die Soldaten ausgehen bzw. desertieren. Da helfen auch keine Zwangsrekrutierungen. Den Vorschlag der Biden-Administration das Einzugsalter auf 18 Jahre herabzusetzen, um Rekruten an die Front schicken zu k\u00f6nnen, wollte man dann in der Ukraine doch nicht, bzw. es war innenpolitische nicht durchsetzbar. Das Alter wurde lediglich von 27 Jahren auf 25 gesenkt. Die prek\u00e4re Situation der ukrainischen Armee macht Verhandlungen tats\u00e4chlich unwahrscheinlicher, oder zumindest schwieriger.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist leider wie immer: nicht diejenigen, die f\u00fcr die Fortf\u00fchrung des Krieges eintraten und eintreten zahlen die Rechnung, sondern diejenigen, die nicht die Ressourcen haben das Land zu verlassen oder das Geld, um Freistellungpapiere zu kaufen und jetzt ohne Abl\u00f6sung in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben einem zahlenm\u00e4\u00dfig weit \u00fcberlegenen Gegner gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Europa wird es im \u00dcbrigen nicht anders sein, die Rechnung f\u00fcr den aufkommenden Milit\u00e4rkeynesianismus werden nicht die Hobbystrategen zahlen, die durch die Talkshows tingeln, sondern die Menschen, die auf soziale Infrastruktur angewiesen sind. Der Abbau des Wohlfahrtstaates zur Finanzierung der europ\u00e4ischen Kriegst\u00fcchtigkeit wird unverhohlen gefordert. Den Entwicklungen in den USA zum Trotz wird der \u201eKampf gegen Autokratien\u201c externalisiert. Wenn das ebenso erfolgreich verl\u00e4uft wie in den USA, dann kann man den europ\u00e4ischen Autokraten wenigstens eine verteidigungs- und interventionsf\u00e4hige Armee sowie \u00fcppig ausgestattete Geheimdienste (daf\u00fcr haben sich die Gr\u00fcnen eingesetzt) \u00fcbergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem oben erw\u00e4hnten Spiegel vom 29.03.2025 kann man im \u00dcbrigen auch etwas \u00fcber das tats\u00e4chliche Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen den europ\u00e4ischen Armeen und der russischen Armee erfahren. Unter der \u00dcberschrift \u201eWie kampfbereit ist Europa?\u201c kann man auf den Seiten 16-17 die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse der einzelnen Waffengattungen nachlesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut dem Londoner Thinktank International Institute for Strategic Studies (IISS) verf\u00fcgen die europ\u00e4ischen NATO-Staaten \u00fcber mehr als 2 Millionen Soldaten (ohne die T\u00fcrkei 25% weniger). Russland kommt auf 1,1 Millionen Soldaten. Die Europ\u00e4er verf\u00fcgen \u00fcber 6700 Kampfpanzer (ohne die T\u00fcrkei 33% weniger), Russland \u00fcber 2900. Die europ\u00e4ischen Armeen verf\u00fcgen \u00fcber 2300 Kampfjets (wieviel t\u00fcrkische Kampfjets dazu z\u00e4hlen wird nicht angegeben), die russische Armee verf\u00fcgt \u00fcber 1400. Im Text erfahren wir zudem, dass die europ\u00e4ischen Kampfjets den russischen \u00fcberlegen sein sollen. Bei den Artilleriebest\u00e4nden ist die europ\u00e4ische \u00dcberlegenheit noch deutlicher. Die europ\u00e4ischen NATO-Staaten verf\u00fcgen \u00fcber 15400 Gesch\u00fctze (ohne die T\u00fcrkei 18% weniger), Russland \u00fcber 6090. Zwar mangele es hier an Munition, aber die hochmobilen europ\u00e4ischen Artilleriesysteme seien den Russischen technisch \u00fcberlegen, wie man im Artikel erfahren kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin. Eine Schlussfolgerung und eine entsprechende Einordnung der gesellschaftlichen Debatte w\u00e4re wohl zu viel verlangt gewesen. M\u00f6glicherweise ist die Frage ohnehin eher die, ob Europa in der Lage w\u00e4re, Gr\u00f6nland zu verteidigen. Da zumindest w\u00e4ren die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse in etwa so wie man sie sich mit Russland imaginiert. Die historische Erfahrung sagt im \u00dcbrigen, dass ein Zweifrontenkrieg unbedingt vermieden werden muss, das sei nur angemerkt f\u00fcr den Fall, dass die manische Phase in der \u00f6ffentlichen Debatte \u00fcberhandnimmt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Jens Wissel<\/p>\n<p>\u201eEuropa sollte seine Werte verteidigen\u201c, oder \u201eAufmunitionierung wird teuer und kompliziert\u201c, vier Seiten sp\u00e4ter auf Seite 14: \u201eAirbusmanager Michael Sch\u00f6llhorn \u00fcber Europas milit\u00e4rische F\u00e4higkeiten in der Luft und im Weltraum\u201c. Seite 16: \u201eDie Kampfbereitschaft der europ\u00e4ischen Armeen\u201c und Seite 18: \u201eWar der deutsche Pazifismus eine Schim\u00e4re? Doch wieder Krieg. Deutschland braucht nicht nur Geld und Waffen, um sich zu verteidigen. Die Gesellschaft muss im Ernstfall bereit sein, ihre S\u00f6hne und T\u00f6chter in einen Krieg zu schicken. 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