{"id":873,"date":"2025-07-03T19:21:36","date_gmt":"2025-07-03T17:21:36","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=873"},"modified":"2025-07-15T17:15:43","modified_gmt":"2025-07-15T15:15:43","slug":"gaza-hilfe-als-waffe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=873","title":{"rendered":"Gaza:  Hilfe als Waffe"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.medico.de\/blog\/hilfe-als-waffe-20089#authors\">Radwa Khaled-Ibrahim<\/a><\/h5>\n\n\n\n<p>Ich schreibe einen Satz und l\u00f6sche ihn wieder. Jedes Mal, wenn ich versuche, die Situation in Gaza zu beschreiben, entt\u00e4uschen mich die Worte. Was in Gaza passiert, kann nicht mehr in Worten eingefangen werden. Sie sind zu enge Gef\u00e4\u00dfe; das Leid, die Dehumanisierung, die Verbrechen quellen daraus hervor. Welche Zusammenstellung von Buchstaben kann eine Szene beschreiben, in der ausgehungerte Menschen <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2025\/06\/04\/middleeast\/israel-military-gaza-aid-shooting-intl-invs\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">erschossen werden, w\u00e4hrend sie f\u00fcr Essen anstehen<\/a>? Eine Szene, die sich nicht einmal, sondern vielfach abgespielt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Zivile Strukturen, die humanit\u00e4re Hilfe in Gaza leisteten, wurden angegriffen, die <a href=\"https:\/\/www.medico.de\/blog\/die-eliminierung-der-palaestinensischen-fluechtlingsfrage-19738\">UNRWA delegitimiert und ihre finanziellen Mittel gestrichen<\/a>, lokale und internationale Helfer:innen get\u00f6tet, Institutionen und Strukturen der lokalen Zivilgesellschaft zerst\u00f6rt, Menschen auf der Suche nach Hilfe get\u00f6tet oder <a href=\"https:\/\/www.medico.de\/blog\/this-is-not-hollywood-19419\">durch vom Himmel fallende Hilfspakte erschlagen<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Militarisierung der Hilfe in Gaza bedeutet, dass sie vom israelischen Milit\u00e4r kontrolliert und reguliert wird \u2013 also von einer Kriegspartei, die politische, milit\u00e4rische und damit anti-humanit\u00e4re Interessen verfolgt. Militarisierung in diesem Zusammenhang hei\u00dft, die Kontrolle dar\u00fcber auszu\u00fcben, wem welche Hilfe an welchen Orten zug\u00e4nglich gemacht und wem sie vorenthalten wird. Auf diese Weise wird die Hilfe zum politischen und milit\u00e4rstrategischen Instrument, ohne dass global verpflichtende humanit\u00e4re Standards eingehalten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abfolge der Ereignisse scheint nicht zuf\u00e4llig. Zuerst wurde die Einfuhr von G\u00fctern durch willk\u00fcrlichen Ausschluss und langwierige Kontrollen begrenzt. Durch eine Behinderung des Zugangs wurden die Handlungsm\u00f6glichkeiten ziviler Organisationen eingeschr\u00e4nkt. Dann wurden die Hilfslieferungen ganz gestoppt und die Menschen in Gaza ausgehungert. Diese wurden dann einer vermeintlichen humanit\u00e4ren Organisation ausgeliefert, die \u201ehumanit\u00e4r\u201c nur im Namen tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gaza Humanitarian Foundation (GHF), die die humanit\u00e4re Hilfe nach elf Wochen Blockade in Gaza organisieren soll, ist eine von den USA und Israel unterst\u00fctzte Organisation, die angeblich ihren Sitz in der Schweiz hat. \u201eAngeblich\u201c denn die GHF war laut Schweizer Stiftungsregister nur bis vor wenigen Tagen dort registriert.&nbsp;Jetzt&nbsp;hei\u00dft es:&nbsp;&#8222;ohne Domizil&#8220; \u2013 Adresse gel\u00f6scht. Auch im Internet hat die Stiftung keine Pr\u00e4senz. Ebenso unklar ist, wie sich die Organisation finanziert. Klar ist allein, wie sie vor Ort \u2013 in Gaza \u2013 agiert: Die GHF umgeht gezielt die UNO und unterst\u00fctzt durch den Aufbau der Verteilzentren ausschlie\u00dflich im S\u00fcden das israelische Ziel, den Norden Gazas weiter zu entv\u00f6lkern. UNICEF-Sprecher James Elder: &#8222;Israel hat deutlich gesagt, die Menschen in den S\u00fcden dr\u00e4ngen zu wollen. (\u2026) Humanit\u00e4re Hilfe wird zur Waffe, um Menschen in die Falle zu locken \u2013 Menschen, die&nbsp;am Ende ihrer Kr\u00e4fte sind und keine andere Wahl haben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch humanit\u00e4re Hilfe wird in Gaza nicht nur militarisiert, sondern sie wird zum Schauplatz neuer M\u00f6glichkeiten, um Menschen zu dehumanisieren. Die Bilder, wie Menschen zwischen Z\u00e4une gedr\u00e4ngt auf Essen warten, gingen um die Welt. Mit diesen Techniken der Verteilung und mit den Bildern, die dabei entstehen, werden die Menschen in Gaza zu dem gemacht, als was sie schon vor \u00fcber einem Jahr bezeichnet worden sind: \u201emenschliche Tiere\u201c. Sie werden damit doppelt reduziert auf eine braune, hungrige, unzivilisierte Masse. Ein nacktes Leben, wie der italienische Philosoph Georgio Agamben es vielleicht bezeichnen w\u00fcrde. Dieses rechtlose, weil au\u00dferhalb des Rechts stehende \u201enackte Leben\u201c ist Agamben zufolge als solches schutzlos und im besagten Ausnahmefall qu\u00e4lbares und t\u00f6tbares, blo\u00dfes Leben unter dem Blick des Souver\u00e4ns.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Szene der Essensausgabe fast archaisch wirkte, war sie doch hochmodern. Mithilfe von KI-Gesichtserkennung sollen die am Zaun aufgereihten Menschen darauf \u00fcberpr\u00fcft werden, ob sie mit der Hamas verbunden sind, um sie dann von der Hilfe auszuschlie\u00dfen. Klar ist weder, auf welchen Daten und welchem Algorithmus die Technik basiert, noch die weitere Verwendung der gesammelten Daten. In jedem Falle findet ein Bruch mit dem Prinzip der humanit\u00e4ren Hilfe statt, unparteiisch zu agieren. In Gaza bekommt die humanit\u00e4re Hilfe eine neue Qualit\u00e4t der Komplizenschaft, denn ihre Grundfesten werden nicht nur ignoriert, sie wird nicht nur ausgeh\u00f6hlt, sondern sie wird selbst aktiver Teil einer genozidalen Kriegsf\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig hat die Instrumentalisierung der Hilfe entsprechend milit\u00e4rischer Bed\u00fcrfnisse nicht in Gaza angefangen und wird nicht in Gaza aufh\u00f6ren, denn was in Gaza passiert, ist nicht losgel\u00f6st vom restlichen politischen Globalgeschehen. Die sich etablierenden <a href=\"https:\/\/www.medico.de\/blog\/es-ging-nie-um-hilfe-20050\">menschenfeindlichen Politiken auf globaler Ebene<\/a> zeigen dies deutlich. Dazu geh\u00f6rt auch das politische Kalkulieren, wo es sich lohnt, Menschen am Leben zu halten und wo es erforderlich ist, sie zu t\u00f6ten oder sterben zu lassen, wie die Abwicklung von USAID und der R\u00fcckzug von beispielsweise Deutschland und Gro\u00dfbritannien aus ihren humanit\u00e4ren Verpflichtungen zeigen. Die Entscheidung dar\u00fcber, wessen Leben z\u00e4hlt, ist nicht willk\u00fcrlich: \u00dcberall zieht sich eine Linie durch unsere Geschichte und Gegenwart, die bestimmt, welches Leben \u00fcberfl\u00fcssig ist. Diese Linie ist eben auch eine Color line, wie Frederick Douglas und sp\u00e4ter W.E.B. Du Bois die Race-Achse bezeichnet, die durch neo-koloniale Geographien verl\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade jetzt zeigt sich: Hilfe ist immer politisch und muss in eine Rechtsperspektive eingebettet sein. Gerade als Hilfsorganisation m\u00fcssen wir unabl\u00e4ssig das Recht auf Rechte f\u00fcr alle Menschen einklagen und d\u00fcrfen uns nicht mit dem Retten des nackten Lebens zufriedengeben. Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass Subjekte au\u00dferhalb des Rechts gestellt werden. Wenn sich Organisationen entpolitisieren m\u00fcssen, um vermeintlich handlungsf\u00e4hig zu bleiben und weiter \u201eHilfe\u201c leisten zu k\u00f6nnen, dann werden sie Teil des Kriegsregimes: Verwalter einer Nekropolitik \u2013&nbsp;und in der Konsequenz ganz ausgeschaltet und durch militarisierte Hilfe ersetzt, wie uns Gaza zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Beitrag wurde zuerst auf der Homepage von medico-international ver\u00f6ffentlicht (<a href=\"http:\/\/www.medico.de\/\">www.medico.de<\/a>). Weitere interessante Beitr\u00e4ge zu diesem Thema finden sich im medico-Rundschreiben Nr.2\/2025.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Radwa Khalid-Ibrahim<\/p>\n<p>Militarisierung der Hilfe in Gaza bedeutet, dass sie vom israelischen Milit\u00e4r kontrolliert und reguliert wird \u2013 also von einer Kriegspartei, die politische, milit\u00e4rische und damit anti-humanit\u00e4re Interessen verfolgt. Militarisierung in diesem Zusammenhang hei\u00dft, die Kontrolle dar\u00fcber auszu\u00fcben, wem welche Hilfe an welchen Orten zug\u00e4nglich gemacht und wem sie vorenthalten wird. 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