{"id":911,"date":"2025-11-20T16:13:54","date_gmt":"2025-11-20T15:13:54","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=911"},"modified":"2025-12-01T13:06:47","modified_gmt":"2025-12-01T12:06:47","slug":"antipalaestinensischer-rassismus-im-namen-der-antisemitismuskritik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=911","title":{"rendered":"Antipal\u00e4stinensischer Rassismus im Namen der Antisemitismuskritik"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Errol Babacan und Laura H\u00f6h<\/h5>\n\n\n\n<p>Israels milit\u00e4rische Reaktion auf die Angriffe der Hamas im Oktober 2023 hat in Deutschland erneut eine Diskussion ausgel\u00f6st, inwiefern Kritik an Israel antisemitisch ist. W\u00e4hrend der Internationale Strafgerichtshof auf Antrag S\u00fcdafrikas ein Verfahren wegen des Verdachts auf Verletzung der Genozid-Konvention durch das milit\u00e4rische Vorgehen Israels im Gazastreifen er\u00f6ffnet hat, wird in Deutschland schon der \u00c4u\u00dferung dieses Verdachts mit dem Vorwurf des Antisemitismus begegnet.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Der Blick wird damit von der systematischen Zerst\u00f6rung des Gazastreifens und dem Vorwurf eines Genozids abgelenkt. Proteste gegen das israelische Vorgehen und die als Staatsraison deklarierte Unterst\u00fctzung Israels durch Deutschland werden auf dieser Grundlage kriminalisiert und in die N\u00e4he von Terrorismus und Islamismus ger\u00fcckt.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Im deutschsprachigen Raum hat sich in diesem Zusammenhang unter Bezugnahme auf die Marxsche Kritik der politischen \u00d6konomie und die Frankfurter Schule der Kritischen Theorie eine unter dem Etikett \u201eantideutsch\u201c oder \u201eideologiekritisch\u201c bekannte Form der Antisemitismuskritik etabliert, die die Bek\u00e4mpfung von Antisemitismus mit der unbedingten Solidarit\u00e4t mit Israel gleichsetzt. Als wesentliche Grundlage dieser Verkn\u00fcpfung fungiert die auch durch die Erfahrung des Holocausts gepr\u00e4gte Auffassung, der zufolge das israelische Staatsprojekt einen unabdinglichen j\u00fcdischen Schutzraum darstelle. Israel wird dar\u00fcber hinaus als universelles Emanzipationsprojekt begriffen, das sinnbildlich f\u00fcr die Moderne stehe und die Errungenschaften der Aufkl\u00e4rung verk\u00f6rpere. Auf dieser Grundlage wird Solidarit\u00e4t mit dem israelischen Staat und dessen Politik eingefordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Legitimiert wird damit allerdings auch die Gewalt gegen die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung auf dem israelischen Staatsgebiet bzw. in den von Israel kontrollierten Gebieten. Mit dieser Legitimation geht eine rassistische Veranderung<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\"><em><strong>[3]<\/strong><\/em><\/a> von Pal\u00e4stinenser*innen einher, in der diese pauschal als regressive Gefahr in Erscheinung treten und die deshalb beherrscht und bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegenstand des vorliegenden Artikels ist, inwiefern die Veranderung in dieser Form von Antisemitismuskritik angelegt ist. Dazu zeichnen wir zuerst nach, wie die \u201eideologiekritische\u201c Argumentation aufgebaut ist. Anschlie\u00dfend wird die darin enthaltene Konstruktion des anti-pal\u00e4stinensischen Rassismus analysiert. Zur Bestimmung des rassistischen Gehalts greifen wir auf die in der kritischen Rassismusforschung etablierte Auffassung zur\u00fcck, wonach Rassismus sein Objekt entlang von Dominanzverh\u00e4ltnissen konstruiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Antisemitismuskritik zwischen Determinismus und Voluntarismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Bestimmung von Antisemitismus in der \u201eantideutschen\u201c \u201eIdeologiekritik\u201c setzt mit einem Strukturdeterminismus ein, der sukzessive in Voluntarismus \u00fcbergeht. Im Folgenden zeigen wir zun\u00e4chst diesen Zusammenhang unter Rekonstruktion der Antisemitismuskritik zweier Protagonisten auf, die charakteristische Argumente anf\u00fchren.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Beide Autoren \u2013 Stephan Grigat und Samuel Salzborn \u2013 bilden nicht nur wichtige Bezugspunkte innerhalb der \u201eantideutschen\u201c Str\u00f6mung. Sie nehmen auch einflussreiche Positionen in der Gestaltung staatlicher Politik zur Bek\u00e4mpfung von Antisemitismus ein<a>: <\/a>Grigat als <em>Professor f\u00fcr Theorien und Kritik des Antisemitismus<\/em> und Salzborn als Honorarprofessor sowie insbesondere in der Funktion des <em>Ansprechpartners des Landes Berlin zu Antisemitismus, <\/em>aus der heraus er den erw\u00e4hnten Protest gegen die israelische Politik mit der Entstehung \u201epr\u00e4-terroristischer Strukturen\u201c in Verbindung setzte.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Als Ursache von Antisemitismus bestimmt Grigat (2007) \u2013 unter Bezugnahme auf Moishe Postone (2005) \u2013 den Fetischcharakter der Warenform, der einen \u201eressentimenthaften Antikapitalismus\u201c hervorbringe. Ankn\u00fcpfend an Postones Behauptung, Antisemitismus lasse sich aus dem Fetischismus b\u00fcrgerlicher \u00d6konomie ableiten und sei analog zu diesem zu begreifen, wird Antisemitismus im Kern als Versuch bestimmt, vermeintlich abstrakte \u00f6konomische Verh\u00e4ltnisse und Verkehrsformen zu konkretisieren, sprich die Verantwortung f\u00fcr die aus dem Kapitalismus hervorgehenden Probleme konkret in der Gestalt des Juden greifbar zu machen (kritisch dazu: Gallas 2004; Sommer 2014). Antisemitismus wird zugleich als \u201eUnbegreifbares\u201c und konsequentester Ausdruck des \u201egesellschaftlichen Wahns\u201c (Grigat 2007: 273f.) aufgefasst, der aus der fetischistischen Verkennung der kapitalistischen Wirklichkeit entstehe. Diese Verkennung sei keine einfache Tatsache des Bewusstseins, sondern produziere selbst Bewusstsein. Dies treffe gleicherma\u00dfen auf den Antisemitismus zu, der somit sowohl Folge als auch Ursache falschen Bewusstseins sei.<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Antisemitismus wird dementsprechend nicht historisch-materialistisch in seiner geschichtlichen und gesellschaftlichen Vermittlung begriffen und erkl\u00e4rt, sondern allein aus der Fetischform abgeleitet.<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausgangsthese, dass gesellschaftliches Bewusstsein durch den Fetischcharakter der Warenform determiniert sei, wird also auf den Antisemitismus \u00fcbertragen, der so zur unausweichlichen Folge der Warenform wird. \u201eDie den Verwertungsimperativen des Kapitals und den Herrschaftsimperativen des Staates gehorchende Gesellschaft bringt den Antisemitismus als wahnhaften Versuch der Konkretisierung des Abstrakten immer wieder hervor\u201c (Grigat 2007: 331), so die Quintessenz. Antisemitismus wird dementsprechend als \u201eWelterkl\u00e4rung\u201c, als \u201eBasisideologie\u201c und \u201eGrundzug der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft\u201c (Grigat 2007: 289f., 312) oder von Salzborn als \u201eTeil der objektiven Struktur der Vergesellschaftung in der Moderne\u201c (Salzborn 2020: 20) und \u201eeine die ganze Person erfassende Totalit\u00e4t\u201c (Salzborn 2010: 326) bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Theoretischer Ausgangspunkt ist also die Behauptung einer bewusstseinsbildenden Rolle der Warenform, die zum Ausgangspunkt f\u00fcr die Erkl\u00e4rung der gesamten Gesellschaft genommen wird. Da falsches Bewusstsein als notwendige Folge des Fetischcharakters der Warenform bestimmt wird, wird eine hermetische Totalit\u00e4t postuliert, in der Bewusstsein vorgegeben ist. Zugleich aber wird einger\u00e4umt, dass diese Geschlossenheit nicht zutreffen kann, wof\u00fcr schon die Tatsache steht, dass der Fetisch als solcher erkannt und kritisiert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Erkl\u00e4rung, wie die Vermittlung von gesellschaftlicher Struktur (Warenform) und Bewusstsein (Psyche oder Pers\u00f6nlichkeit) funktioniert, bleibt diese Behauptung schuldig. Indes wird die Ableitung des Antisemitismus aus dem Fetischismus wieder zur\u00fcckgenommen, wenn es hei\u00dft, der Fetisch k\u00f6nne auch einen anderen Inhalt annehmen und der innere Zusammenhang von Warenform und Antisemitismus sei nicht zwingend. Antisemitismus wird zugleich zur freien Entscheidung des Subjekts erkl\u00e4rt (Grigat 2007: 331, 350; s.a. Salzborn 2020: 20f.).<\/p>\n\n\n\n<p>Damit treten zwei logische Widerspr\u00fcche hervor: Erstens auf der erkenntnistheoretischen Ebene zwischen der urs\u00e4chlichen Bestimmung von Antisemitismus als strukturell (fetischistisch) bedingter Totalit\u00e4t und der M\u00f6glichkeit zur Reflexion. Und zweitens auf der handlungs- oder bewusstseinstheoretischen Ebene zwischen der Determiniertheit und der freien Entscheidung des Individuums. Erkenntnistheoretisch muss die \u201eIdeologiekritik\u201c von der postulierten Totalit\u00e4t wieder Abstand nehmen, da mit ihr sonst keine Kritik des Antisemitismus formuliert werden k\u00f6nnte. Handlungstheoretisch muss sie von der behaupteten Determiniertheit der Individuen wieder Abstand nehmen, da sonst keine Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus m\u00f6glich w\u00e4re. Der Antisemitismus w\u00e4re einfach immer da und er w\u00e4re total.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Diskussion werden diese Widerspr\u00fcche immer wieder dahingehend aufgel\u00f6st, dass die gesellschaftliche Bedingtheit des Antisemitismus negiert wird, wodurch dieser wie ein Naturzustand immer da zu sein scheint. Als Verk\u00fcrzung zur\u00fcckgewiesen wird von Grigat etwa der von Adorno und Horkheimer formulierte historisch-funktionale Erkl\u00e4rungsansatz f\u00fcr die Dynamiken des Antisemitismus, der ihn in Verbindung zur sozio-\u00f6konomischen Stellung von J\u00fcd*innen in pr\u00e4-kapitalistischen Gesellschaftsformationen begreift und als Element einer Herrschaftsstrategie bestimmt, in der J\u00fcd*innen zwecks Ablenkung von tats\u00e4chlicher Herrschaft gesteigerte Macht zugesprochen wird. Antisemitismus ist nach Grigat kein Element rationaler Strategien, keine an konkreten Zielen, an wirtschaftlichem oder politischem Nutzen orientierte und entsprechend kontrollierbare Ideologie. Antisemitismus k\u00f6nne nicht historisch-funktional begriffen werden, denn er habe zu \u201efast allen Zeiten\u201c, in denen es das Judentum gab, bestanden (Grigat 2007: 278ff.; s.a. Salzborn 2010: 322). Gleichzeitig aber wird daran festgehalten, Antisemitismus kapitalismus-spezifisch als vergebliche Revolte gegen die vermeintlich abstrakte Seite des Kapitals zu bestimmen (Grigat 2007: 330f.). Antisemitismus sei in diesem Sinne <em>Selbstzweck<\/em>: \u201eDie antisemitische Vernichtung war und ist f\u00fcr die Antisemit(inn)en stets genau Sinn und Zweck des Handelns, das in seinem barbarischen Konkretismuswahn nicht f\u00fcr etwas anderes steht \u2013 die antisemitische Tat verfolgt die Vernichtung ob keines anderen Zwecks als der Vernichtung selbst\u201c, so Salzborn (2020: 51), der Antisemitismus auch als \u201etriebbedingtes\u201c Interesse bezeichnet (2010: 327). Antisemitismus sei \u201eletztlich eine Art zu denken und eine Art zu f\u00fchlen [\u2026]. Und er ist zugleich Unf\u00e4higkeit wie Unwilligkeit, abstrakt zu denken und konkret zu f\u00fchlen.\u201c (2020: 212)<\/p>\n\n\n\n<p>Derartige Annahmen mystifizieren den Antisemitismus und verselbstst\u00e4ndigen ihn zu einer wesenhaften Eigenschaft \u201eunf\u00e4higer\u201c Subjekte. Mit dem Argument, Antisemitismus sei nicht rational oder gesellschaftlich funktional und stattdessen Selbstzweck, wird die Bestimmung des Antisemitismus aus der Analyse der konkreten gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse herausgel\u00f6st. Gegen die von Horkheimer und Adorno formulierte These einer funktionalen Vermittlung von Antisemitismus und Herrschaftsstrategien als Ablenkung von Kritik an den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen auf eine Personengruppe wendet Grigat ein, dies setze voraus, dass Herrschende selbst frei von Antisemitismus sein sowie antisemitische Taten immer mit einem objektiv bestimmbaren Interesse der Handelnden zusammenh\u00e4ngen m\u00fcssten. Ebenfalls mit Verweis auf Adorno und Horkheimer f\u00fchrt er hiergegen an, dass f\u00fcr die Nationalsozialisten Antisemitismus nicht funktional, sondern \u201eLuxus\u201c gewesen sei (Grigat 2007: 275ff.). Eine solcherma\u00dfen instrumentalistisch verstandene Rationalit\u00e4t ist jedoch keine Voraussetzung f\u00fcr eine historisch-funktionale Argumentation, der zufolge Antisemitismus unter Bedingungen der Ausbeutung und Konkurrenz entsteht und zu deren Reproduktion beitr\u00e4gt (vgl. Opratko 2019: 71ff.). Vielmehr ist einzuwenden, dass sich Antisemitismus auch im Nationalsozialismus als stabilisierendes Element von Herrschaft realisiert hat (Sommer 2014: 82ff.). Die analytische Herausforderung besteht darin, seine Vermittlung zu den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen jeweils konkret zu bestimmen, anstatt ihn sukzessive zu einem von den Verh\u00e4ltnissen entkoppelten R\u00e4tsel in den K\u00f6pfen werden zu lassen, wie es in der \u201eideologiekritischen\u201c Argumentation geschieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Antisemitismus wird in diesem Verst\u00e4ndnis zu einer selbstbez\u00fcglichen Denkform. Einmal in der Welt, scheint er sich durch fortw\u00e4hrenden R\u00fcckbezug auf sich selbst zu reproduzieren. Unterstrichen wird diese Selbstbez\u00fcglichkeit durch die Betonung von Unberechenbarkeit und Irrationalit\u00e4t in Verbindung mit einer identit\u00e4ren (essentialistischen) Konstruktion eines nationalen Charakters: \u201eBei aller Unwahrscheinlichkeit kann man nie ausschlie\u00dfen, da\u00df ein Staat und seine Volksgemeinschaft (insbesondere die deutsche) unter Umst\u00e4nden auf internationale Kapitalverflechtungen und politische Verpflichtungen keine R\u00fccksicht nehmen, wenn es ihnen darum geht, Juden umzubringen, um der Pathologie kapitalistischer Krisenbew\u00e4ltigung zu huldigen. Der irrationale Antisemitismus l\u00e4\u00dft sich nicht durch rationale \u00f6konomische oder politische Argumente von seinen Verbrechen abhalten.\u201c (Grigat 2007: 293)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Israel als j\u00fcdischer Schutzraum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der gleichen Logik, die Antisemitismus aus dem Fetischismus ableitet, folgt schlie\u00dflich die Bestimmung von \u201eAntizionismus als geopolitische Reproduktion des Antisemitismus\u201c, der sich gegen den \u201ekollektiven Juden\u201c Israel richte (Grigat 2007: 320). Auch der \u201eHass gegen\u00fcber Israel\u201c entspringe der Warenform (Grigat 2007: 329). Israel als j\u00fcdischer Staat sei die notwendige Reaktion auf den Antisemitismus. Die Parteilichkeit f\u00fcr diesen Staat sei f\u00fcr jedwede materialistische Kritik zwingend. Folgerichtig wird Zionismus als Bewegung zum Schutz aller J\u00fcd*innen vor Vernichtung und der Staat Israel als Emanzipationsgewalt der J\u00fcd*innen bestimmt, der sich als bewaffnetes Verteidigungskollektiv behaupte. Der postulierte Staatszweck zur Verhinderung der Vernichtung kulminiert in einem kategorischen Imperativ:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlles, was der israelische Staat in Aus\u00fcbung seiner Funktion als ideeller Gesamtkapitalist, als kollektiver Organisator widerstrebender Interessen, als Herrschafts- und Gewaltinstanz gegen\u00fcber seinen Untertanen, als Moderator der Ressentiments seiner B\u00fcrger und Repressionsapparat gegen\u00fcber den auf seinem Territorium lebenden Nicht-B\u00fcrgern, als Organisator der demokratischen Legitimation seiner Machtaus\u00fcbung und Ideologe des Allgemeinwohls t\u00e4tigt, alles also, was dem Materialismus Anlass und Grund f\u00fcr Kritik liefert, ist in Israel auf diese Funktion [Verhinderung der Vernichtung, d.A.] r\u00fcckbezogen, die au\u00dferhalb jeder Kritik steht und dem Materialismus Anlass und Grund f\u00fcr emphatische Parteilichkeit ist.\u201c (Grigat 2007: 334)<\/p>\n\n\n\n<p>Wird Israel in dieser Form als j\u00fcdischer Schutzraum bestimmt, dann ist es zweitrangig, wie dieser politisch \u2013 von liberal-demokratisch bis faschistisch-theokratisch \u2013 gestaltet ist, da alles einer Funktion untergeordnet wird. Dass Israel ein j\u00fcdischer Staat zu sein habe, bedeutet in diesem Zusammenhang f\u00fcr alle Nicht-Juden auf dem Territorium dieses Staates, unabh\u00e4ngig davon, wie lange sie schon dort leben, dass sie keine gleichberechtigten B\u00fcrger sein k\u00f6nnen. Die Bestimmung von Antisemitismus als irrationale Gefahr macht in diesem Rahmen die Kontrolle des Nicht-J\u00fcdischen notwendig, da Antisemitismus jederzeit, wie schon im Nationalsozialismus, als (Vernichtungs-)Wahn ausbrechen k\u00f6nnte. Solange es eine nicht-j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung gibt, wird diese demzufolge unterdr\u00fcckt werden m\u00fcssen. Doch selbst die vollst\u00e4ndige Unterwerfung dieser Bev\u00f6lkerung k\u00f6nnte die von ihr ausgehende potentielle Gefahr nicht bannen, da der antisemitische Fetischismus latent weiter bestehen w\u00fcrde. Ein gleichberechtigtes Zusammenleben wird dadurch unm\u00f6glich, die Vertreibung oder gar Vernichtung der nicht-j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung ist in dieser Logik angelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gleichen Logik zufolge ist Antizionismus, selbst wenn er von J\u00fcd*innen vertreten wird, auch im Effekt gleichbedeutend mit Antisemitismus, da er die Abwehrkr\u00e4fte des j\u00fcdischen Staats beeintr\u00e4chtigt und diesen der Vernichtung aussetzt. Dementsprechend wird Zionismus von Grigat als notwendig falsches Bewusstsein von J\u00fcd*innen bestimmt, das aber in diesem Fall auch ein richtiges Bewusstsein sei. Notwendig falsch sei der Zionismus, insofern er aus den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen hervorgehe, die er zugleich ideologisch \u00fcberdecke, wodurch sie als nat\u00fcrlicher Zustand erscheinen w\u00fcrden (vgl. Grigat 2007: 337). F\u00fcr J\u00fcd*innen sei dies aber zugleich richtiges Bewusstsein, da sie nationalistisch sein m\u00fcssten, wenn sie \u00fcberleben wollten. Die \u201eIdeologiekritik\u201c rechtfertigt hier also falsches Bewusstsein als notwendig richtiges Bewusstsein.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den genannten theoretischen Pr\u00e4missen m\u00fcsste sich \u00fcberdies der fetischbedingte gesellschaftliche Wahn auch unter J\u00fcd*innen und in der kapitalistisch verfassten israelischen Gesellschaft Bahn brechen k\u00f6nnen. Die Frage, gegen wen sich in diesem Fall die \u201airrationale Vernichtungswut\u2018 von J\u00fcd*innen richten w\u00fcrde, wenn nicht gegen \u201aden Juden\u2018, wird jedoch nicht gestellt.<a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Trotz anderslautender Behauptungen wird dem Fetisch einzig ein antisemitischer und gegen J\u00fcd*innen gerichteter Inhalt zugewiesen. Die Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus erkl\u00e4rt den Antisemitismus indes zu einem Ph\u00e4nomen, das sich gegen bestimmte \u2013 zionistische \u2013 J\u00fcd*innen richtet und dabei auch von J\u00fcd*innen ausgehen kann. Die Bestimmung von Antisemitismus wird folglich von der Frage der Judenfeindschaft gel\u00f6st und an einer Haltung gegen\u00fcber dem zionistischen Israel festgemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Infolgedessen erkl\u00e4rt Grigat alles, was er aus materialistischer Perspektive als kritikw\u00fcrdig benennt, zu etwas Richtigem, wenn es um die Rechtfertigung des zionistischen Israels geht. Entgegen der ansonsten mit Radikalit\u00e4t vorgetragenen Staats-, Nationen- und Kapitalkritik behauptet er schlie\u00dflich auch, dass Israel kapitalistisch sein m\u00fcsse, da es sonst in einer Welt kapitalistischer Staaten nicht bestehen k\u00f6nne (Grigat 2007: 336). Daraus folgt logisch, dass Israel nicht sozialistisch sein bzw. werden kann. Antikapitalistische Bewegungen innerhalb Israels werden auf diese Weise ebenso wie der Antizionismus zu einer existenziellen Gefahr f\u00fcr das Judentum. Gleiches gilt f\u00fcr Bewegungen, die universelle Gleichheit f\u00fcr alle Menschen auf dem Gebiet des historischen Pal\u00e4stinas einfordern, da sie dadurch das j\u00fcdische Primat in Frage stellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Konstruktion einer Legitimationslegende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit der vermeintlichen Bedingtheit von Antisemitismus durch den Fetisch wird die Totalit\u00e4t der Bedrohung begr\u00fcndet. Da Antisemitismus nicht mit Mitteln des Verstandes erfasst werden k\u00f6nne, k\u00f6nne ihm auch nicht mit solchen begegnet werden. Sozio-historische Bedingtheiten werden negiert, Antisemitismus wird aus den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen herausgel\u00f6st und schlie\u00dflich auf sich selbst zur\u00fcckgef\u00fchrt. Das J\u00fcdische wird damit selbst zum Referenzpunkt der Antisemitismustheorie: Weil es J\u00fcd*innen gibt, scheint es Antisemitismus zu geben. Die Verkn\u00fcpfung des Antisemitismus mit dem Warenfetisch und die sukzessive Verselbst\u00e4ndigung als Denkform m\u00fcndet in dem Schluss, dass nur eine j\u00fcdisch und kapitalistisch verfasste Suprematie den notwendigen Schutz gegen die latente Gefahr der Vernichtung bietet. Zugleich bringt das zionistische Israel der \u201eideologiekritischen\u201c Argumentation zufolge selbst Antisemitismus hervor, indem es wie oben zitiert die \u201eVerwertungsimperative des Kapitals und die Herrschaftsimperative des Staates\u201c durchsetzen m\u00fcsse, die als Quelle des Antisemitismus bestimmt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund kann gefragt werden, warum die genannten logischen Widerspr\u00fcche nicht zu einer kritischen Revision f\u00fchren. Die Totalit\u00e4t des Antisemitismus und die entsprechende Determiniertheit des Subjekts durch den Fetisch dienen der Begr\u00fcndung eines irrationalen und unberechenbaren Charakters des Antisemitismus. Beide Behauptungen werden relativiert, da sonst keine Kritik und Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus m\u00f6glich w\u00e4re. Nichtsdestotrotz werden die theoretischen Pr\u00e4missen nicht revidiert. Zwei ineinandergreifende Funktionen der Theorie unterliegen diesem Umstand. Zum einen k\u00f6nnen die Pr\u00e4missen weiterhin gegen historisch-funktionale Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze des Antisemitismus in Stellung gebracht werden. Zum anderen erf\u00fcllen sie die Funktion, Israel als kapitalistischen und j\u00fcdischen (zionistischen) Staat zu rechtfertigen, der prinzipiell gegen alles verteidigt werden muss, das diesen Charakter des Staates herausfordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter Bezugnahme auf marxistische Theorie wird so eine Legitimation f\u00fcr eine kapitalistisch verfasste j\u00fcdische Suprematie konstruiert, in die Unterdr\u00fcckung, Vertreibung und Enteignung eingeschrieben sind. Insofern kann diese Antisemitismuskritik als eine Legitimationslegende begriffen werden, die die reale Diskriminierung, Vertreibung und T\u00f6tung von Pal\u00e4stinenser*innen als Abwendung einer totalen Gefahr \u201arational\u2018 zu erkl\u00e4ren sucht. Sie rechtfertigt die sukzessive Ausweitung der israelischen Kontrolle \u00fcber das gesamte Territorium und die lebenswichtigen Ressourcen des historischen Pal\u00e4stinas (vgl. Papp\u00e9 2009), die mit der Verabschiedung des Nationalit\u00e4tengesetzes im Jahr 2018, wonach die nationale Selbstbestimmung in Israel \u201eeinzig f\u00fcr das j\u00fcdische Volk\u201c gilt, auch formell festgeschrieben wurde (vgl. Asseburg 2021; HRW 2021).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Rassismus in der \u201eantideutschen\u201c Antisemitismuskritik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Herausl\u00f6sung aus den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen wird Antisemitismus essentialisiert. Er wird in einer bestimmten psychischen Disposition verortet, die das Denken und F\u00fchlen der Individuen bestimme. Im Folgenden skizzieren wir anhand von Schriften Salzborns, wie diese Essentialisierung mit einer Kulturalisierung verkn\u00fcpft wird und sich in der Form eines pro-j\u00fcdischen und spiegelbildlich anti-pal\u00e4stinensischen Rassismus ausdr\u00fcckt, der mit einer Rhetorik des Kulturkampfes verbunden wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Salzborns Parteinahme f\u00fcr Israel ist gekennzeichnet durch die Gegen\u00fcberstellung einer im \u201aJuden\u2018 verk\u00f6rperten fortschrittlichen Kultur und einer im \u201aPal\u00e4stinenser\u2018 verk\u00f6rperten regressiven Kultur. Israel beschreibt Salzborn durchg\u00e4ngig als einen \u201eStaat der Aufkl\u00e4rung, ein an Freiheit und Gleichheit orientiertes politisches System, das die demokratische Kontroverse hoch achtet und in dem Minderheitenrechte wie in kaum einer anderen Demokratie weltweit etabliert und realisiert\u201c seien (Salzborn 2020: 143). In Israel d\u00fcrfe \u201eder Mensch Individuum und Subjekt sein\u201c und k\u00f6nne \u201ein Freiheit und Gleichheit leben\u201c (Salzborn 2020: 160). Diesem Staat stellt er pal\u00e4stinensische Organisationen gegen\u00fcber, die \u201edie individuellen Freiheits- und Menschenrechte miss- und verachten und stattdessen ein totalit\u00e4res System einer islamistischen umma installieren m\u00f6chten. [&#8230;] Die pal\u00e4stinensischen Bewegungen hatten von Anfang an die Vernichtung Israels als zentrales Ziel [\u2026]. Der Kern ihrer Politik ist Antisemitismus.\u201c (Salzborn 2020: 154f.; s.a. Grigat 2007: 349) Menschen setzten sich weltweit f\u00fcr das \u201eExistenzrecht Israels\u201c gegen den \u201epal\u00e4stinensischen Terrorismus\u201c ein, \u201eweil sie dies aus rationalen Gr\u00fcnden der \u00dcberzeugung f\u00fcr eine liberale und aufgekl\u00e4rte Welt oder in der verstandesm\u00e4\u00dfig erlangten Auffassung tun, dass ein demokratisches Staatswesen besser ist als ein autokratisches oder ein totalit\u00e4res (zwischen diesen Polen schwankt ja de facto die Wahlm\u00f6glichkeit, wenn man Fatah und Hamas als \u201apolitisch\u2018 unterschiedliche Optionen begreift)\u201c (Salzborn 2020: 159f.).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Idealisierung Israels als eine der fortschrittlichsten Demokratien der Welt wird jede gegenl\u00e4ufige Position als unvern\u00fcnftig markiert. Ausgeschlossen wird, dass es auf historischem wie aktuellem Unrecht beruhende rationale Gr\u00fcnde f\u00fcr Protest und Widerstand geben k\u00f6nnte. Entsprechend leugnet Salzborn auch die Nakba \u2013 also die im Zuge der israelischen Staatsgr\u00fcndung 1948 erfolgte Vertreibung von Pal\u00e4stinenser*innen aus ihren D\u00f6rfern und St\u00e4dten \u2013 ebenso konsequent wie das diskriminierende Staatsb\u00fcrgerrecht und alle durch Israel begangenen Verletzungen der Menschenrechte und des V\u00f6lkerrechts (vgl. Salzborn 2020: 150ff.).<\/p>\n\n\n\n<p>Die rassistische Charakterisierung pal\u00e4stinensischer Bewegungen geschieht dabei zum einen \u00fcber die ihnen pauschal unterstellte regressive politische Ausrichtung, die als islamistisch markiert wird. Diese Homogenisierung unterschl\u00e4gt, dass pal\u00e4stinensische Organisationen wie die PLO s\u00e4kular ausgerichtet sind und auch christliche Pal\u00e4stinenser*innen der Bewegung angeh\u00f6ren. Zum anderen erfolgt die rassistische Charakterisierung mit der impliziten Zuschreibung, dass Pal\u00e4stinenser*innen nicht in der Lage seien, rational zu denken, indem behauptet wird, dass jeder \u201everstandesm\u00e4\u00dfig\u201c ausgestattete Mensch zu dem Schluss kommen m\u00fcsse, dass Israel als ein \u201edemokratisches Staatswesen besser\u201c sei als jedes pal\u00e4stinensische Projekt. Wer dies nicht erkennt und sich nicht auf der Seite Israels positioniert, verf\u00fcgt demzufolge \u00fcber keinen Verstand und entspricht damit dem von Salzborn gezeichneten antisemitischen Subjekt, das sich durch die Verachtung von Verstand, Rationalit\u00e4t und Intellektualit\u00e4t auszeichne, die es mit \u201edem\u201c Juden verbinde: \u201eGegen eine weltoffene Rationalit\u00e4t stellt der\/die Antisemit\/in seine\/ihre v\u00f6lkische Emotionalit\u00e4t, nicht der Verstand z\u00e4hlt, sondern das zum Affekt degradierte Gef\u00fchl.\u201c (Salzborn 2020: 159) Salzborn konstruiert eine abstrakte Figur des Antisemiten, der Israel aufgrund dessen Verk\u00f6rperung von Moderne und Aufkl\u00e4rung hasse. Die Verkn\u00fcpfung von Antisemitismus mit den Pal\u00e4stinenser*innen wird dabei auch assoziativ hergestellt, da beide in der Darstellung immer wieder durch die gleichen Attribute gekennzeichnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der politische Konflikt wird so zu einem zwischen einer vernunftbegabten und damit demokratisch-liberalen Kultur und einer affektgesteuerten und dadurch autorit\u00e4ren Kultur umgedeutet. Er wird damit entpolitisiert und enthistorisiert. Diese Entpolitisierung durch Verlagerung in die Kultur wiederholt sich auf verschiedenen Ebenen. So hei\u00dft es etwa, Israel sei \u201eungewollt der Beweis daf\u00fcr, dass das \u00f6konomische Erbe des Kolonialismus und die damit verbundene abh\u00e4ngige und defizit\u00e4re \u00d6konomie aufgrund einer liberalen, demokratischen und universalistischen Haltung zur Welt in einer pluralistischen und streitbaren Gesellschaft auch \u00fcberwunden werden kann \u2013 und das ein manifester Grund f\u00fcr die Fortsetzung des postkolonialen Elends eben auch darin besteht, es, wie im pal\u00e4stinensischen Fall, vors\u00e4tzlich manifestieren zu wollen.\u201c (Salzborn 2020: 106) Israel ist es demzufolge aufgrund einer kulturellen Einstellung gelungen, sich erfolgreich zu entwickeln, w\u00e4hrend Pal\u00e4stinenser*innen ihr Elend selbst herbeigef\u00fchrt h\u00e4tten. Die \u00f6konomische Entwicklung Israels wird nicht auch aus dessen Beziehungen zu Staaten des kapitalistischen Westens, sondern zu einer Einstellungsfrage erkl\u00e4rt. Die nachhaltige Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlagen der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung inklusive der Kontrolle \u00fcber die Wasserquellen und Vernichtung landwirtschaftlicher Best\u00e4nde im Zuge der israelischen Siedlungspolitik sowie die gezielte Verhinderung wirtschaftlicher Entwicklung (Papp\u00e9 2009: 334; Asseburg 90: 140) verschwindet hinter kulturalistischen Zuschreibungen und einer Apologie liberaler Werte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idealisierung Israels wird schlie\u00dflich auf das Judentum als Quelle der Emanzipation ausgeweitet. So stelle die hebr\u00e4ische Bibel mit dem Vertragsschluss zwischen Gott und den Israeliten den modernen, auf Freiheit und Vernunft begr\u00fcndeten Vertrag ins Zentrum, der es erm\u00f6gliche, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Die j\u00fcdische Ethik des <em>Tikun Olam<\/em> (\u201eReparatur der Welt\u201c) stelle zudem die notwendigen Werkzeuge bereit, um Emanzipation im liberalen Sinne zu erlangen (Salzborn 2020: 220). Dem Judentum wird damit ein zeitloser liberaler Kern zugeschrieben, der die Basis f\u00fcr die Entwicklung des m\u00fcndigen Menschen darstellen soll, der sich aus freien St\u00fccken entscheidet und den Fortschritt in sich tr\u00e4gt. Salzborn affirmiert auf diese Weise die von ihm gezeichnete antisemitische Figur des Juden als (verhasstem) Sinnbild f\u00fcr Modernit\u00e4t, Liberalit\u00e4t und Aufkl\u00e4rung und macht sie zu einer positiven Figur, der das tats\u00e4chlich existierende Judentum entsprechen soll. Entgegen der realen politischen und kulturellen Differenzen innerhalb der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb Israels wird somit eine einheitliche und \u00fcberhistorische Figur des Juden konstruiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verkn\u00fcpfung des Rassismus mit einem globalen Kulturkampf<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Judentum wird also als rationale und homogene Kultur konstruiert, dabei nicht nur mit liberaler Emanzipation identifiziert, sondern zu deren Bedingung erhoben. Die gleiche Bedingungskonstellation wird schlie\u00dflich auch f\u00fcr \u201eden Westen\u201c behauptet: \u201eDenn entgegen mancher postkolonialer Utopien kann eine solche Emanzipation nicht ohne und schon gar nicht gegen den Westen geschehen.\u201c (Salzborn 2020: 28) Schlie\u00dflich wird der Kampf zwischen Emanzipation und Antisemitismus mit der Rhetorik eines globalen Kulturkampfs artikuliert. Die Anschl\u00e4ge des 11. September 2001 werden als Auftakt einer globalen antisemitischen Revolution gedeutet, durch die die \u201ewichtigste Kostbarkeit der Zivilisation\u201c, \u201edas Leben des freien Menschen\u201c, auf dem Spiel stehe (Salzborn 2020: 28f.). Am Werk sei eine \u201eantisemitische Internationale\u201c (Salzborn 2020: 43, 55), deren Ziel \u201eeine Revolution des irrationalen Glaubens ist, die sich gegen Rationalit\u00e4t, Vernunft und Verstand\u201c richte (Salzborn 2020: 51). Dieser \u201eglobale Antisemitismus\u201c w\u00fcrde im Erfolgsfall in der \u201eVernichtung [&#8230;] des Menschseins selbst m\u00fcnden\u201c (Salzborn 2020: 55).<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Konstruktion einer \u201eantisemitischen Internationale\u201c, die die Menschheit bedrohe, spiegelt Salzborn das Bild des wahnhaften Antisemiten, der sich die Welt nicht anders als durch eine j\u00fcdische Weltverschw\u00f6rung erkl\u00e4ren kann. Das Ph\u00e4nomen des Antisemitismus, das es aus den gesellschaftlichen Bedingungen zu erkl\u00e4ren g\u00e4lte, wird so zum erkl\u00e4renden Prinzip f\u00fcr die Gesellschaft und die ihr zugrundeliegenden Konflikte erhoben.<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Konflikte erscheinen dann als solche zwischen der Menschheit und einem au\u00dferhalb der Menschheit stehenden Antisemiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zuschreibung eines zeitlosen Wesens, das das Handeln, Denken und F\u00fchlen der Personen bestimme, folgt der allgemeinen Logik des Rassismus, in der soziale Verh\u00e4ltnisse essentialisiert und aus den Subjekten selbst erkl\u00e4rt werden. Damit einher geht die Homogenisierung, die Differenzen zwischen Menschen mit einem vermeintlich gemeinsamen Merkmal (wie Religion) verschwinden l\u00e4sst und sie stattdessen zu einer einheitlichen Gruppe zusammenfasst. Diese homogene Gruppe wird der eigenen Gruppe als grunds\u00e4tzlich verschieden und unvereinbar gegen\u00fcbergestellt. Schlie\u00dflich wird durch eine Hierarchisierung die hergestellte Differenz geordnet und in eine Rangfolge gebracht, in der das Andere abgewertet und das Eigene aufgewertet wird. Es wird damit ein positives Selbstbild als Spiegelbild zum negativen Fremdbild erzeugt. Rassismus bringt dabei die von ihm Abgewerteten als abstrakte Figur hervor und konstruiert zugleich eine Gemeinschaft all jener, die sich \u00fcber die Abgewerteten erheben k\u00f6nnen. Diese Konstruktion des \u201eAnderen\u201c \u2013 die Veranderung \u2013 funktioniert auch unabh\u00e4ngig von (vermeintlich) biologischen Merkmalen wie Hautfarbe oder Genen und kommt ohne den Begriff der Rasse aus. Das rassistische Konzept bezieht sich vielmehr stets auf kulturelle bzw. religi\u00f6se Differenzkategorien, die als wesenhaft und determiniert aufgefasst werden.<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a> Rassismus erf\u00fcllt so die Funktion, die soziale Lage der Veranderten aus den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften zu begr\u00fcnden sowie eine Vergemeinschaftung entgegen realer Differenzen und Gegens\u00e4tze zu erzeugen, um Ausbeutungs- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse sowie -praxen abzusichern und\/oder einen Machtzusammenhang zu reproduzieren (vgl. Opratko 2019).<\/p>\n\n\n\n<p>Die unter Ausblendung der politischen Verh\u00e4ltnisse und der Geschichte erfolgende Darstellung von Pal\u00e4stinenser*innen als ein sich selbst viktimisierendes, antisemitisches Kollektiv regressiver Islamisten, die dem aufgekl\u00e4rten und fortschrittlichen Israel gegen\u00fcberstehen, stellt eine solche \u00fcber kulturelle Zuschreibungen operierende normative Ordnung her. Sie konstruiert die abstrakte Figur des Pal\u00e4stinensers als regressiven Antisemiten, der der spiegelbildlich konstruierten abstrakten Figur des Juden als emanzipiertem Menschen gegen\u00fcbergestellt ist. In Ermangelung einer historischen und materialistischen Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Entstehung von Antisemitismus wird dieser essentialisiert und im Wesen des Pal\u00e4stinensers als nicht vollst\u00e4ndig entwickeltem, zur\u00fcckgebliebenem Menschen verortet. \u201eDie\u201c Pal\u00e4stinenser erscheinen somit als Mangelwesen, w\u00e4hrend&nbsp; \u201edie\u201c Juden als vollwertig erscheinen, da sie die zur Vernunft entwickelte Menschheit verk\u00f6rpern. Infolgedessen wird das Konstrukt einer pal\u00e4stinensischen einer j\u00fcdischen Kultur hierarchisch untergeordnet und mit dem \u00fcbergreifenden Konstrukt einer zivilisatorisch \u00fcberlegenen westlichen Kultur verkn\u00fcpft.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf den Konflikt in Israel-Pal\u00e4stina l\u00e4sst sich vor diesem Hintergrund festhalten, dass die rassistische Charakterisierung von Pal\u00e4stinenser*innen in dem Dominanzverh\u00e4ltnis angelegt ist, das aus der realen Durchsetzung eines Schutzraumes und der damit einhergehenden Privilegierung von J\u00fcd*innen in Gestalt eines kapitalistisch-zionistischen Staatsprojekts hervorgeht. Die \u201eantideutsche\u201c Antisemitismuskritik erf\u00fcllt in diesem Zusammenhang drei ineinandergreifende Funktionen: Sie legitimiert das kapitalistisch und zionistisch verfasste Projekt auf dem Gebiet des historischen Pal\u00e4stinas, sie kulturalisiert den daraus resultierenden Konflikt und bindet diesen argumentativ in einen globalen Kulturkampf ein, in dem \u201awestliche\u2018 und israelische Interessen als normativ \u00fcberlegen gefasst und miteinander verbunden werden. Dies f\u00fcgt sich in die Auffassung ein, wonach der gegenw\u00e4rtige Krieg ein Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei sei, sich also keine politischen Bewegungen, sondern Kulturen gegen\u00fcber st\u00fcnden.<a href=\"#_ftn11\" id=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Angesichts der behaupteten existentiellen Bedrohung f\u00fcr die Menschheit, wird dann auch der \u201epolitische, gesellschaftliche, juristische und milit\u00e4rische Kampf\u201c (Salzborn 2020: 56) gefordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt eine vierte Funktion, die sich auf die gesellschaftliche Linke bezieht. Unter der weitgehend geteilten Pr\u00e4misse, dass ein exklusiver Schutzraum unbedingt notwendig sei, hat sich mit den \u201eAntideutschen\u201c eine aus der Linken hervorgegangene Str\u00f6mung entwickelt, die dem Ziel politischer wie materieller Gleichheit aller Menschen klar widerspricht. Durch den Bezug auf die Marxsche Kritik der politischen \u00d6konomie und die Kritische Theorie vermittelt sie ihren Verfechtern ein kritisches Selbstbild und integriert sie in das linke Milieu, w\u00e4hrend sie offensiv die Rechtfertigung von Ungleichheit und Repression betreibt. Indem sie Kapitalismus und Herrschaft von Entstehungsbedingungen des Antisemitismus zu notwendigen Mitteln zu dessen Bek\u00e4mpfung uminterpretiert, verwandelt sie die Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus von einem gesellschaftskritischen in ein herrschaftsaffirmatives Anliegen, das bis ins \u00e4u\u00dferst rechte politische Lager anschlussf\u00e4hig ist. Antisemitismuskritik wird so zu einer Herrschaftspraktik, deren Ziel es ist, die bestm\u00f6glichen Formen der \u201ePr\u00e4vention, Intervention und Repression\u201c (Salzborn 2024) zu entwickeln. Da die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse konsequent ausgeblendet werden, kann diese Form der Antisemitismuskritik auch nicht als Herrschaftskritik bezeichnet werden.<a id=\"_ftnref12\" href=\"#_ftn12\">[12]<\/a> Sie ist vielmehr eine \u201eIdeologiekritik\u201c ohne Gesellschaftskritik \u2013 und wird damit selbst zu einer Ideologie der herrschenden Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><strong>Dieser Text erschien zuerst in der Zeitchrift \u201eZ. Zeitschrift Marxistische Erneuerung\u201c Nr. 141 \u2022 M\u00e4rz 2025.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Asseburg, Muriel (2021): Pal\u00e4stina und die Pal\u00e4stinenser: Eine Geschichte von der Nakba bis zur Gegenwart, M\u00fcnchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Biskamp, Floris (2021): Ich sehe was, was Du nicht siehst. Antisemitismuskritik und Rassismuskritik im Streit um Israel (Zur Diskussion). In: PERIPHERIE 40(3 und 4), 426\u201340.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Fischer, Leandros (2024): \u2018For Israel and Communism\u2019? Making Sense of Germany\u2019s Antideutsche. In: Historical Materialism 32(1), 156\u201393.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Gallas, Alexander (2004): \u00d6konomismus und politische Irrwege: Zur Kritik an Moishe Postones Variante marxistischer Antisemitismustheorie. In Wissenschaftlicher Beirat Attac (Hg.): Attac-Reader: Globalisierungskritik und Antisemitismus. Zur Antisemitismusdiskussion in Attac, Frankfurt, 48\u201353.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Grigat, Stephan (2007): Fetisch und Freiheit: \u00dcber die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus, Freiburg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">HRW (Human Rights Watch) (2021): A Threshold Crossed: Israeli Authorities and the Crimes of Apartheid and Persecution, New York, https:\/\/www.hrw.org\/sites\/default\/files\/media_2021\/04\/israel_palestine0421_web_0.pdf<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Levi, Neil (2023): Power, Politics, and Personification. In Historical Materialism 32(2 in print), https:\/\/www.historicalmaterialism.org\/article\/power-politics-and-personification\/<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">L\u00fctten, John (2015): Struktur, Handlung, Herrschaft &#8211; Zur Diskussion \u00fcber Herrschaftsverh\u00e4ltnisse in der Kritik der politischen \u00d6konomie. In Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung (104), 119\u201329.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Opratko, Benjamin (2019): Im Namen der Emanzipation: Antimuslimischer Rassismus in \u00d6sterreich, Bielefeld.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Papp\u00e9, Ilan (2009): Die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas, Frankfurt am Main.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Postone, Moishe (2005): Antisemitismus und Nationalsozialismus. In initiative kritische geschichtspolitik, Barbara H. Fried, J. Olaf Kleist, Steffen K\u00fc\u00dfner, Sebastian Wehrhahn, Gerhard Wolf (Hg.): Deutschland, die Linke und der Holocaust: Politische Interventionen, Freiburg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Salzborn, Samuel (2010): Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Frankfurt am Main.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Salzborn, Samuel (2020): Globaler Antisemitismus. Weinheim.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Salzborn, Samuel (2024): Wehrlose Demokratie? Antisemitismus und die Bedrohung der politischen Ordnung, Leipzig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Sommer, Michael (2014): Falsch, aber wirkungsvoll. Moishe Postones \u201emarxistische\u201c Theorie des Antisemitismus und der Bruch mit Antikapitalismus und Kapitalismuskritik. In Susann Witt-Stahl und Michael Sommer (Hg.): \u201eAntifa hei\u00dft Luftangriff!\u201c: Regression einer revolution\u00e4ren Bewegung, Hamburg, 57\u201399.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; So beispielsweise durch den Antisemitismusbeauftragten des Bundes Felix Klein: https:\/\/www.antisemitismusbeauftragter.de\/SharedDocs\/pressemitteilungen\/Webs\/BAS\/DE\/2024\/Berlinale.html<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Stellvertretend f\u00fcr eine Vielzahl derartiger Konstruktionen, die mit massiven Einschr\u00e4nkungen von Grundrechten einhergehen, sei die polizeilich erwirkte Aufl\u00f6sung des \u201ePal\u00e4stina-Kongresses\u201c in Berlin genannt. Das Verbot wurde von der Bundesinnenministerin mit den Worten: \u201eWir dulden keine islamistische Propaganda und keinen Hass gegen J\u00fcdinnen und Juden\u201c gerechtfertigt. Von einer j\u00fcdischen Initiative angemeldet, waren auf dem Kongress indes \u201emehr j\u00fcdische Teilnehmer [\u2026], als etwa im Vorstand der \u201aDeutsch-Israelischen Gesellschaft\u2018 zu finden sind\u201c, so der Journalist Daniel Bax. Siehe https:\/\/taz.de\/Palaestina-Kongress-in-Berlin-aufgeloest\/!6004209\/<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Veranderung ist eine \u00dcbertragung des Begriffs \u201aOthering\u2018 ins Deutsche und wird in der Rassismustheorie verwendet, um den Prozess der Hervorbringung des \u201aAnderen\u2018 in Abgrenzung zum \u201aEigenen\u2018 zu bezeichnen (Opratko 2019: 77f.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Auf eine Darstellung der Genese und Entwicklung der \u201eantideutschen\u201c Str\u00f6mung verzichten wir an dieser Stelle und verweisen stattdessen auf die ausf\u00fchrliche Besprechung von Leandros Fischer (2024).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Siehe https:\/\/www.dw.com\/de\/gewalt-und-angst-berlins-juden-in-sorge\/a-69150259<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Eine erl\u00e4uternde Diskussion der Rolle und Bedeutung des Fetischs in der Marxschen Kritik der politischen \u00d6konomie in Auseinandersetzung mit Postones Argumentation findet sich bei Alexander Gallas (2004).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; F\u00fcr eine kritische Diskussion der Argumentation Postones und dessen Marx-Rezeption, insbesondere der Unklarheit, wie genau die vermeintlich abstrakte Seite des Kapitalismus mit J\u00fcd*innen verkn\u00fcpft wird, siehe Gallas (2004), Levi (2023) und Sommer (2014). Siehe auch L\u00fctten (2015), der diese Position, die den Fetischismus zum zentralen Ausgangspunkt f\u00fcr die Frage nach Struktur, Handlung und Herrschaft macht, in einem breiteren theoretischen Rahmen diskutiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Diese Konsequenz findet sich in der Formel des j\u00fcdischen Selbsthasses wieder, die bei den hier besprochenen Autoren jedoch nicht thematisiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Salzborn pl\u00e4diert dementsprechend daf\u00fcr, \u201eeine Politische Theorie des Antisemitismus nicht nur als einen Aspekt b\u00fcrgerlicher Vergesellschaftung zu begreifen, sondern als Theorie der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft selbst.\u201c (Salzborn 2010: 317)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a>&nbsp; F\u00fcr eine ausf\u00fchrliche Begr\u00fcndung, weshalb Kultur eine eigenst\u00e4ndige rassistische Kategorie darstellen kann, sofern das Objekt der Veranderung konstruktionsgleich mit dem naturwissenschaftlichen bzw. biologischen Rassenkonzept hervorgebracht wird, siehe Opratko (2019: 85ff.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref11\" id=\"_ftn11\">[11]<\/a>&nbsp; So bspw. der israelische Pr<a><\/a>emier Benjamin Netanjahu: https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/europa\/netanyahu-fernsehen-frankreich-israel-100.html<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a>&nbsp; Der Einordnung dieser Theorie als eine herrschaftskritische Theorie, die aus der Erfahrung des Holocausts zu verstehen sei, wie sie beispielsweise von Floris Biskamp (2021) vorgenommen wird, muss<a><\/a> daher widersprochen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Errol Babacan und Laura H\u00f6h<br \/>\nIsraels milit\u00e4rische Reaktion auf die Angriffe der Hamas im Oktober 2023 hat in Deutschland erneut eine Diskussion ausgel\u00f6st, inwiefern Kritik an Israel antisemitisch ist. W\u00e4hrend der Internationale Strafgerichtshof auf Antrag S\u00fcdafrikas ein Verfahren wegen des Verdachts auf Verletzung der Genozid-Konvention durch das milit\u00e4rische Vorgehen Israels im Gazastreifen er\u00f6ffnet hat, wird in Deutschland schon der \u00c4u\u00dferung dieses Verdachts mit dem Vorwurf des Antisemitismus begegnet. Der Blick wird damit von der systematischen Zerst\u00f6rung des Gazastreifens und dem Vorwurf eines Genozids abgelenkt. Proteste gegen das israelische Vorgehen und die als Staatsraison deklarierte Unterst\u00fctzung Israels durch Deutschland werden auf dieser Grundlage kriminalisiert und in die N\u00e4he von Terrorismus und Islamismus ger\u00fcckt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2,26],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/911"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=911"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/911\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":918,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/911\/revisions\/918"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=911"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=911"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=911"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}