{"id":941,"date":"2026-03-23T13:02:17","date_gmt":"2026-03-23T12:02:17","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=941"},"modified":"2026-03-31T13:14:29","modified_gmt":"2026-03-31T11:14:29","slug":"gesellschaftliche-reproduktion-und-postkapitalistische-transformation","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=941","title":{"rendered":"Gesellschaftliche Reproduktion und postkapitalistische Transformation"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Wir ver\u00f6ffentlichen hier einen Beitrag des AK System Change Frankfurt\/M: Der AK System Change Ffm m\u00f6chte Diskussionen \u00fcber sozialistische Alternativen voranbringen und fragt nach den Zielen und Strategien, Kr\u00e4fte und Bedingungen emanzipatorischer, gesellschaftstransformativer Kr\u00e4fte? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/systemchangeffm.substack.com\/\">https:\/\/systemchangeffm.substack.com\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">System Change FFM verfasst von Uli Wesser<\/h5>\n\n\n\n<p>Der Alltag vieler ist heute von Unsicherheit und Unbehagen durchzogen, nicht selten gepr\u00e4gt von Erfahrungen des Misserfolgs und der Geringsch\u00e4tzung. Das betrifft Arbeit, Haushalt, Versorgung oder Freizeit, sei es infolge pausenloser Leistungsanspr\u00fcche, Preissteigerungen oder Informationsfluten \u2013 um nur ein paar Belastungen zu nennen. Besonders diejenigen, die in die Zw\u00e4nge der Existenzsicherung mittels Arbeit gepresst sind, k\u00f6nnen ein Lied davon singen. Dazu kommen schwer \u00fcberschaubare Krisenszenarien wie Klimanotstand und Kriege, intransparente wirtschaftliche Debakel oder radikale technische Umw\u00e4lzungen \u2013 von politischer Ignoranz, Verlogenheit und R\u00fccksichtslosigkeit gar nicht zu reden. Begleitet wird all das von vermehrten Anforderungen an Konkurrenz, Selbstoptimierung und die&nbsp; Abgrenzung von immer mehr Gegnern, seien sie sichtbar, unerkannt oder eingebildet, lokal oder global. Und die Flucht in den Konsum hilft auch nicht weiter. Druck und Belastungen werden exzessiver, resultierende Affektst\u00f6rungen h\u00e4ufen sich.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Das gro\u00dfe Gemenge<\/h3>\n\n\n\n<p>Diese gesellschaftlichen Eskalationen unter der Knute des allgegenw\u00e4rtigen Spardiktats, der Disziplinierung und Flexibilisierung pr\u00e4gen politische Haltungen, wobei die Leute kaum mit Ambivalenzen und Widerspr\u00fcchen in ihren Wahrnehmungen zurecht kommen. Das Verlangen nach Klarheit und Sichtbarkeit geht oft mit Begehren nach Identifikation und Beseitigung einher, ein Verlangen, das zunehmend in autorit\u00e4re Bahnen r\u00fcckt, ob in liberalen oder reaktion\u00e4ren Varianten. All dies geschieht auf dem Sockel zementierter herrschender Bedingungen, aber zunehmend begleitet von&nbsp; Gef\u00fchlen, vor massiven gesellschaftlichen Umbr\u00fcchen zu stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kapitalistische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist von tiefgreifenden Widerspr\u00fcchen gepr\u00e4gt, die Methoden der Kapitalverwertung und ihrer staatlichen Begleitung werden zunehmend aggressiver, sei es in ihren Expansionen und Beschleunigungen, mit der gesellschaftlichen Durchdringung und ihren neuen Komponenten. Die strukturelle Krise der sozialen Reproduktion, der Umbau staatlicher Institutionen, die digitale Restrukturierung von Arbeit und Konsum sowie der R\u00fcckgang kollektiver Sicherheiten pr\u00e4gen die Gegenwart und treiben aggressive Ma\u00dfnahmen weiter an.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieses gro\u00dfe Gemenge ist auch die politische Linke verstrickt, erscheint in ihren verzerrten Formen als korrupte Machtinstanz oder gilt als weitgehend verschwunden. Ihre gelegentlichen \u00c4u\u00dferungen kommen oft pseudoemanzipatorisch, voneinander isoliert daher oder sind sogar kontr\u00e4r bis feindschaftlich. Viele sich als \u201elinks\u201c verstehende Akteure haben sich faktisch dem Kapitalismus ergeben: ideologisch, organisatorisch und strategisch.&nbsp; Was auch radikaleren Varianten fehlt, ist strategische Orientierung. In weiten Teilen sind Linke dabei in einen politischen Raum integriert, der nicht ihrer ist: Sie verwalten, sie appellieren, sie fordern \u2013 aber sie entwickeln sich nicht als kollektive Kr\u00e4fte f\u00fcr echte gesellschaftliche Transformation.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Folgende greift Diskussionen \u00fcber politische Reproduktion, kapitalistische Lebensweise und die Bedingungen strategischer Gegenmacht auf und versucht, sie weiterzuf\u00fchren. Es geht daf\u00fcr um Diagnosen zur Zersplitterung der sozialen Klassenverh\u00e4ltnisse, zur Ambivalenz kapitalistisch geformter Subjektivit\u00e4t und zur hegemonialen Struktur des politischen Raums. Sie sollen mit konkrete Perspektiven postkapitalistischer Transformation und ihren M\u00f6glichkeiten kontrastiert werden: \u00fcber die Reorganisation von (Re-)Produktionsverh\u00e4ltnissen und den Aufbau emanzipatorischer affektiver Infrastrukturen, die Vergesellschaftung wichtiger Existenzmittel und die Schaffung materieller Spielr\u00e4ume f\u00fcr alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Zentrale Fragen zu M\u00f6glichkeiten und Zielen tats\u00e4chlich umw\u00e4lzender Politiken zielen auf ihre Voraussetzungen: die Plausibilit\u00e4t ihrer Konzepte und eindr\u00fcckliche Erz\u00e4hlungen dazu, die Attraktivit\u00e4t und Gelegenheiten f\u00fcr breite Mobilisierung und deren relevante Orientierungen, auf Kr\u00e4fte der Organisierung f\u00fcr wirksame Interventionen und nicht zuletzt die laufende politische Selbstverst\u00e4ndigung \u00fcber diese Entwicklung eigener Kr\u00e4fte selbst. Dies ist sicher nicht mit kurzatmigen Parolen zu haben sondern verlangt nach konzeptioneller, analytischer Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht in diesem Sinne um ein verbindendes Skript, eine etwas verschobene Perspektive aus Kritik, Theorie und strategischem Denken ohne starre theoretische Blaupause \u2013 auch in der \u00dcberzeugung, dass eine emanzipatorische Umgestaltung des Alltags und seiner Infrastrukturen nicht erst am fernen Horizont beginnt, sondern inmitten widerspr\u00fcchlicher gesellschaftlicher Erfahrungen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Der politische Raum<\/h3>\n\n\n\n<p>Transformative Politik muss am politischen Raum mit den vielen Varianten politischen Geschehens&nbsp; ansetzen und gleichzeitig seine tieferen gesellschaftlichen Hintergr\u00fcnde in Betracht ziehen k\u00f6nnen. Dieser ist nicht blo\u00df die Arena von Parteien und Institutionen, ihrer Diskurse und Entscheidungen. Er ist tiefer in gesellschaftlichen Reproduktionen verankert, n\u00e4mlich einem strukturiertem und gleichzeitig widerspr\u00fcchlichen Zusammenspiel aus staatlichen Strukturen, medialen Vermittlungen, affektiven Rahmungen, sozialen Haltungen, \u00f6konomisch-technischen Infrastrukturen und institutionellen Alltagsroutinen. Darin wird zuerst entschieden, welche Stimmen geh\u00f6rt, welche Forderungen legitimiert, welche Lebensweisen anerkannt und welche Konflikte unterdr\u00fcckt werden \u2013 und nicht zuletzt, welche Modalit\u00e4ten gesellschaftlichen Wandels passen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gesellschaftliche Reproduktion soll jene Prozesse bezeichnen, durch die Leben und subjektive Einstellungen, Arbeit und gesellschaftliche Ordnung immer wieder hergestellt werden \u2013 materiell, affektiv, institutionell. Unter kapitalistischen Bedingungen sind die Ebenen dieser Reproduktion nicht neutral, sie haben einen besonderen Charakter: Sie dienen prominent der besonderen Reproduktion der Verwertungsbedingungen von Kapital und der politischen Stabilisierung der bestehenden Herrschaftsverh\u00e4ltnisse. Diese <strong>Reproduktionsverh\u00e4ltnisse<\/strong> umfassen drei Ebenen:<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens die <strong><em>Reproduktion der Kapitalverwertung<\/em><\/strong>, also alle <em>betrieblichen<\/em>, institutionellen, ideologischen und infrastrukturellen Ma\u00dfnahmen, die dazu dienen, Lohnarbeit, Konsum, Datenproduktion und Investitionszyklen abzusichern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens die <strong><em>Reproduktion der Lebensverh\u00e4ltnisse<\/em><\/strong>: die allt\u00e4gliche Aufrechterhaltung von Existenz \u2013 Wohnen, Ern\u00e4hrung, Gesundheit, Bildung, F\u00fcrsorge, aber auch Arbeitsumst\u00e4nde, Einkauf, soziale Beziehungen. Diese sind durchzogen von Herrschaft und Zw\u00e4ngen, aber nicht vollst\u00e4ndig auf Verwertung reduzierbar. In diese Reproduktion einbezogen ist entsprechende Subjektivierung, die psychischen Einstellungen f\u00fcr diese Lebensverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens die <strong><em>politische Reproduktion<\/em><\/strong>: die Herstellung passender institutioneller Funktionalit\u00e4t, einer affektiven Ordnung, einer ideologischen Rahmung dessen, was als m\u00f6glich, n\u00f6tig oder normal erscheint \u2013 kurz: die Stabilisierung und Legitimation bestehender Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen ganzen Reproduktionsverh\u00e4ltnissen ist der politische Raum auch <strong>materiell verankert<\/strong>. Er organisiert nicht nur Wahlen oder Gesetzgebung, sondern gestaltet und artikuliert sich in Alltagsinstitutionen, Infrastrukturen und Raumplanung, mit Bildungsprozessen und Subjektivierungsweisen, in Kultur und Wissenschaft \u2013 und zuletzt auch in und aus \u00f6konomischen und staatlichen Verh\u00e4ltnissen. Wer ihn transformieren will, muss also nicht nur politische Programmatik \u00e4ndern, sondern eben die <strong>Reproduktionsmechanismen selbst<\/strong> angreifen, und das betrifft die Infrastruktur der Verwertung und der Macht, nicht blo\u00df ihre Oberfl\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Jahrzehnten haben sich die Formen dieser Reproduktionsverh\u00e4ltnisse tiefgreifend ver\u00e4ndert. Etwa durch neoliberale Austerit\u00e4tspolitik und die zunehmende Prekarisierung der Lebensverh\u00e4ltnisse, mit Deregulierung und Privatisierung ist die Reproduktion der Lebensweisen selbst zur stetigen Quelle sozialer Unsicherheit geworden. Gleichzeitig bleiben derartige Reproduktionsprozesse notwendig, weil sie das weitere Funktionieren kapitalistischer Vergesellschaftung erm\u00f6glichen. Die damit verbundenen Spannungen bildet einen Ausgangspunkt f\u00fcr eine kritische Analyse der Reproduktion und ihrem Zusammenwirken auf ihren verschiedenen Ebenen als zentralem Konfliktfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Politik in all ihre Gestalten entsteht nicht nur in Parlamenten und auf Demonstrationen, sondern im komplexen Raum gesellschaftlicher Vermittlungen, mit Institutionen, Medien und Diskursen, mit Affekten,&nbsp; Alltagslogiken und Bewegungen. Der politische Raum formt die Arenen, in denen sich Haltungen und Interessen artikulieren, Identit\u00e4ten formen, Normen ausgehandelt und Machtverh\u00e4ltnisse stabilisiert oder angegriffen werden. Dabei ist er selbst durchzogen von sozialen Widerspr\u00fcchen, ist zugleich Ausdruck und Austragungsort gesellschaftlicher Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine emanzipatorische und postkapitalistische Strategie ist entscheidend, diesen Raum nicht nur als blo\u00dfes Spiegelbild \u00f6konomischer Prozesse zu betrachten, sondern auch als eigenst\u00e4ndige, umk\u00e4mpfte Struktur. Er wird von Kapitalinteressen durchdrungen, aber zugleich von subjektiven Erfahrungen, kollektiven Affekten und symbolischen Repr\u00e4sentationen gepr\u00e4gt. Transformative Politik muss deshalb auch am politischen Raum selbst ansetzen, sie mu\u00df ihn attackieren, reorganisieren,&nbsp; rekonfigurieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Zur Diagnose gegenw\u00e4rtiger kapitalistischer Lebensweisen<\/h3>\n\n\n\n<p>3.1 Fragmentierte Reproduktion und Prekarisierung<\/p>\n\n\n\n<p>Die kapitalistischen Lebensverh\u00e4ltnisse der Gegenwart sind durch eine fragmentierte und individualisierte Form ihrer Reproduktion gekennzeichnet. Die fordistische Stabilit\u00e4t vergangener Jahrzehnte wich Bedingungen, die neue Unw\u00e4gbarkeiten produzieren. Auch Prekarisierung bedeutet nicht nur \u00f6konomische Risiken, sondern den Schwund allgemeiner kollektiver Sicherheiten, die politische Handlungsf\u00e4higkeit erst erm\u00f6glichten. Diese Entwicklung betrifft die Arbeitswelt, und durchdringt Lebensverh\u00e4ltnisse und Subjektivierung, besonders Wohnen, Pflege, Bildung, Mobilit\u00e4t sind zunehmend durch Marktmechanismen strukturiert und im Zugang begrenzt. Solche Unsicherheiten formen die Erfahrungswelt vieler, verst\u00e4rken ihre Verletzlichkeit und strukturieren ihre Haltung zur Gesellschaft \u2013 oft im Modus des R\u00fcckzugs, der Gleichg\u00fcltigkeit oder der autorit\u00e4ren Reaktion.<\/p>\n\n\n\n<p>3.2 Produktivismus und Entwertung<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zentrales ideologisches Moment heutiger Gesellschaften ist der Produktivismus \u2013 die Auffassung, dass leistungsgerechte, marktkonforme Arbeit ein zentrales gesellschaftliches Imperativ ist. Diese Vorstellung stabilisiert nicht nur das Erwerbsarbeitsregime, sondern entwertet systematisch alle anderen Formen gesellschaftlicher T\u00e4tigkeit. Das betrifft Sorgearbeit und Subsistenzversorgung, kulturelle Arbeit und politische Organisierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel geraten auch ehemals stabile Arbeitsverh\u00e4ltnisse unter Druck: Automatisierung, Outsourcing, Intensivierung erh\u00f6hen den Leistungsdruck und untergraben soziale Schutzmechanismen. Stattdessen vermehren sich schlecht bezahlte Auftragsjobs ohne Absicherungen, die Lebensverh\u00e4ltnisse noch mehr in Marktbedingungen integrieren. Die Folge ist eine doppelte Entwertung: \u00f6konomisch (sinkende Bezahlung, unsichere Vertr\u00e4ge und Auftr\u00e4ge) und symbolisch (soziale Abwertung, subjektive Ersch\u00f6pfung). Sie kommt mit der gestiegenen Verletzlichkeit zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>3.3 Ambivalente Subjektivierung im digitalen Kapitalismus<\/p>\n\n\n\n<p>Der digitale Kapitalismus als besonders aggressiver Modus von Durchdringung der Lebensweisen erzeugt neue Formen der Subjektivierung. Er fordert st\u00e4ndige Pr\u00e4senz und Aufmerksamkeit, Selbstoptimierung und Leistung \u2013 verbunden mit Systemen der Kontrolle und Bewertung, der Entscheidungs- und Affektlenkung. Diese Prozesse binden Subjekte einerseits an die Logik der Plattformen, schaffen andererseits aber auch neue Formen der Ersch\u00f6pfung, psychischen Belastung und Entfremdung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kapitalistische Subjektform wird dabei nicht nur durch \u00e4u\u00dfere Zw\u00e4nge stabilisiert, sondern auch durch intensivere kognitive Involvierung: mit Likes, Feedback, Rankings von den Lebensweisen bis in die Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Solche affektive Subjektivierung erzeugt paradoxe Loyalit\u00e4ten \u2013 zwischen Anpassung, Rebellion und innerer K\u00fcndigung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4. Entwertung und Verletzlichkeit<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Reproduktionsverh\u00e4ltnisse im aggressiven Kapitalismus der Gegenwart sind nicht sozial homogen: Sie strukturieren n\u00e4mlich soziale Gruppen entlang von Klassenverh\u00e4ltnissen, die sich unter ihren Bedingungen immer weiter auff\u00e4chern und gegeneinander ausspielen lassen. In den allt\u00e4glichen Verh\u00e4ltnissen von Arbeit, Konsum und Lebensbew\u00e4ltigung entstehen disparate Erfahrungen von Macht, von Verletzlichkeit, Entwertung und Resignation. Diese Differenzierungen sind nicht zuf\u00e4llig, sondern gewollte Effekte einer (Re-)Produktionsordnung, die den daran anschlie\u00dfenden politischen Raum sowohl spalten als auch stabilisieren, oft mit eigenartigen Allianzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Abh\u00e4ngige, existenzsichernde Arbeit als S\u00e4ule der Reproduktionsverh\u00e4ltnisse ist heute in viele Segmente zersplittert, die je etwas anders der Kapitalverwertung unterworfen sind. Prek\u00e4re Dienstleistungsarbeit, digitale Selbstst\u00e4ndigkeit, entgrenzte Wissensarbeit, industrielle Kernarbeit, unsichtbare Care-Arbeit und migrationspolitisch strukturierte Sektoren koexistieren nebeneinander, oft ohne kollektives Bewusstsein f\u00fcreinander und f\u00fcr ihre gegenseitige Angewiesenheit. Diese Fragmentierung geht einher mit affektiven Spaltungen durch Konkurrenz, Scham, Neid, \u00dcberforderung und Schuldgef\u00fchle. Und darin eingebunden sind die gesellschaftlichen Gruppen, die nicht oder nicht mehr in eine existenzsichernde Arbeit, ihren&nbsp; Produktivismus passen: Rentner, Erwerbslose und Arme, die meist staatlich versorgt und kontrolliert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich bringt der aggressive Kapitalismus neue Formen der Entwertung und Verletzlichkeit hervor: Menschen erleben sich immer h\u00e4ufiger als \u00fcberfl\u00fcssig, als permanent zu optimieren, als defizit\u00e4r gegen\u00fcber immer mehr Anforderungen. Und die allt\u00e4glichen Reden \u00fcber Umbruch und Krisen nerven sie noch mehr. Die sozialen Orte dieser Erfahrungen \u2013 etwa das Jobcenter, der Algorithmus, die Abwertung durch \u00f6ffentliche Narrative \u2013 sind auch politisch sensible und beeinflussende Orte. Sie erzeugen eine affektive Reproduktion von Ohnmacht, Vereinzelung, Bedrohung und oft auch resultierenden regressiven Haltungen. All das zusammen flie\u00dft in die Stimmungen der Unsicherheit und des Unbehagens.<\/p>\n\n\n\n<p>Was kann das f\u00fcr Politik in sozialistischer Tradition hei\u00dfen? Sie sollte nicht auf ein einheitliches revolution\u00e4res Subjekt bauen, das schon lange nicht mehr seine Stimme erhebt. Die \u201e<em>verwertungsunterworfene Klasse<\/em>\u201c ist zersplittert, doch alle verbindet die strukturelle Abh\u00e4ngigkeit vom Zugang zu und Beitr\u00e4gen in Arbeit oder von Transferleistungen, wenn auch unter verschiedenen Modalit\u00e4ten. Sie sind systematisch der Entwertung, Kontrolle und Verletzlichkeit ausgesetzt. Diese Formierung reproduktiver Klassenspaltungen ist nicht nur \u00f6konomisch, sondern auch kulturell, medial, psychologisch und politisch wirksam. Sie schw\u00e4cht kollektiven Widerstand, pr\u00e4gt proto-politische Haltungen und ihre Widerspr\u00fcche \u2013 zwischen zynischem R\u00fcckzug, individueller Leistungsideologie, Kompensationsverhalten und autorit\u00e4rer Identifikation.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine <em>emanzipatorische Strategie<\/em> muss derartige Bruchlinien als reale Reproduktion widerspr\u00fcchlicher Subjektpositionen im politischen Raum ernst nehmen. Nur wer ihre Ambivalenzen und ihre vielf\u00e4ltigen symbolischen Artikulationen versteht, kann neue kollektive Formen aufbauen, die nicht nur f\u00fcr, sondern aus den K\u00e4mpfen um Alltag, W\u00fcrde und Sinn heraus agieren und Kraft gewinnen. Allianzen k\u00f6nnen aber nicht durch Identit\u00e4tsappelle entstehen, sondern besonders durch das konkrete, praktische Teilen und die kollektive Weiterentwicklung von Existenzsicherung und Infrastrukturen, von Erfahrungen und K\u00e4mpfen, besonders wenn sie zeigen k\u00f6nnen, dass sie besser mit Bedrohungen, Widerspr\u00fcchen und Krisen umgehen k\u00f6nnen. Die Organisation von \u201ereproduktiver Solidarit\u00e4t\u201c f\u00fcr diese kollektive Entwicklung \u2013 z.\u202fB. in Stadtteilen, im Gesundheitsbereich, in Plattformk\u00e4mpfen oder Bildungsnetzwerken \u2013 ist daher keine Randfrage, sondern ein strategischer Kern in einer sich transformierenden Reproduktion von Lebensverh\u00e4ltnissen, der sich auf K\u00e4mpfe um Arbeitsverh\u00e4ltnisse und staatliche Repression ausdehnen kann. Er kann die Br\u00fccke von Fragmentierung zu kollektiver Orientierung bauen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5. Das schwierige Terrain politischer Umw\u00e4lzung<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Alltag der Leute ist kein neutraler Erfahrungsraum, sondern ein verdichteter Ort sozialer Widerspr\u00fcche und Konflikte. Gerade die Arbeitsverh\u00e4ltnisse und ihre Bedingungen \u2013 ob in der Lohnarbeit, der Care-Arbeit, der Plattform\u00f6konomie aber auch der abh\u00e4ngigen Erwerbslosigkeit \u2013 sind Schaupl\u00e4tze der Reproduktion kapitalistischer Herrschaft. Doch zugleich enthalten sie noch Potenziale f\u00fcr Umbruch, Eigensinn, Verweigerung und kollektive Neugestaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>In der gegenw\u00e4rtigen Phase des aggressiven Kapitalismus ist Arbeit zunehmend durch Entgrenzung und Intensivierung, Kontrolle und Individualisierung gepr\u00e4gt. Arbeitszeiten vermischen sich mit Freizeit, die r\u00e4umliche Trennung von Arbeit und anderen Lebenst\u00e4tigkeiten l\u00f6st sich durch digitale Technologien auf, Selbstoptimierung wird zur Norm. Viele Besch\u00e4ftigte erleben st\u00e4ndigen Druck zur Verf\u00fcgbarkeit, zur Verbesserung, zur Konkurrenz \u2013 und damit auch eine Ersch\u00f6pfung ihrer k\u00f6rperlichen, emotionalen und sozialen Ressourcen. Entsprechend verdichten sich Erfahrungen der Entwertung und Verletzlichkeit, weit \u00fcber Arbeitsverh\u00e4ltnisse hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Verh\u00e4ltnisse und ihre Einbettungen in Lebensverh\u00e4ltnissen erzeugen jedoch nicht nur Unbehagen und Leiden, sondern auch politische Affekte, seien es Wut wie Resignation, von Ironie bis Solidarit\u00e4t. In ihnen liegt die M\u00f6glichkeit, allt\u00e4gliche Lebensverh\u00e4ltnisse als T\u00fcr in den politischen Raum neu zu denken, nicht nur als Orte der Reproduktionen, sondern auch als einen Raum gesellschaftlicher Umw\u00e4lzung. Denn in und um Pflege und Supermarkt, im Callcenter und im Homeoffice, bei der migrantisch gepr\u00e4gten Lieferarbeit und den regionalen Versorgungsbetrieben entscheidet es sich nicht zuletzt \u2013 wenn auch nicht allein -, ob Menschen in ihrer Vereinzelung verharren oder neue Formen kollektiver Organisierung entwickeln, nicht zuletzt gerade f\u00fcr sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sozialistisch inspirierte Strategie muss sich daher zun\u00e4chst auf diese Ebene der Alltagsverh\u00e4ltnisse begeben, nicht nur als \u201eAbholung\u201c oder \u201eAngebot\u201c, sondern als bewusste (Selbst-)Politisierung von Reproduktion, von K\u00f6rper, Zeit und kollektiver Versorgung. Politische Raumverschiebungen k\u00f6nnen dort beginnen, wo Alltagspraktiken nicht mehr blo\u00df verwaltet, sondern kollektiv verhandelt, reorganisiert und neu gestaltet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>6. Transformative Strategien<\/p>\n\n\n\n<p>Der Stellenwert von Alltagspraktiken verlangt nach genaueren Einordnungen. Kapitalismus kann nicht allein auf dem Boden abstrakter Systemkritik, rationaler Einsicht oder punktueller Bewegungsinterventionen \u00fcberwunden werden. Dies erfordert noch eine Art sozialistischer Grundnormen und deren psychischer Verankerung, die sich sowohl aus der Negation bestehender Zumutungen und ihrer Ursachen als auch aus gemeinsamen Orientierungen einer \u201ecommon decency\u201c speisen. Das meint gewisse Prinzipien des Anstands, der Solidarit\u00e4t und der gegenseitigen Verantwortung, die in kollektiven Lernprozessen konkretisiert werden k\u00f6nnen. Sie bewahren aber fast immer einen gewissen humanen Grundbestand, der grob als Gleichheit in Reziprozit\u00e4t umrissen werden kann. Beide zusammen k\u00f6nnen mit Einsichten aus historischen Erfahrungen mit sozialen Begehren und Konflikten als Orientierung f\u00fcr gesellschaftliche Ziele wirken. Ma\u00dfgeblich f\u00fcr transformative Strategien aber sind konkrete Hebel, die in den allt\u00e4glichen Reproduktionsverh\u00e4ltnissen ansetzen, wo Bed\u00fcrfnisse, Zw\u00e4nge und Handlungsm\u00f6glichkeiten unmittelbar aufeinandertreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn gesellschaftliche Reproduktion das Terrain und der Hintergrund des politischen Raums ist, dann sollten auch&nbsp; Werkzeuge sozialistischer Transformation an deren verschiedenen Ebenen ansetzen. Herrschende Lebensverh\u00e4ltnisse sind insbesondere durch permanenten Existenzdruck gepr\u00e4gt, der sich nur durch abh\u00e4ngige, bezahlte T\u00e4tigkeiten in Marktbedingungen reduzieren l\u00e4sst, was gleichzeitig einen Grundmechanismus der Kapitalverwertung reproduziert. Die Abh\u00e4ngigkeit des Lebensunterhalts von einem besonderen Typ T\u00e4tigkeiten steht in Widerspruch zur Gleichheit in Reziprozit\u00e4t, da viele Aktivit\u00e4ten in Lebensverh\u00e4ltnissen damit systematisch ausgeschlossen werden. Die Negation bestehender Zumutungen in Lebensverh\u00e4ltnissen und ihrer Ursachen hie\u00dfe deshalb den Existenzdruck, die Abh\u00e4ngigkeit von T\u00e4tigkeiten und die Steuerung von Versorgung durch M\u00e4rkte aufzuheben, sie schlie\u00dflich gleichberechtigter kooperativer Steuerung zu \u00fcberantworten. &nbsp;Zwei Vorschl\u00e4ge wurden in linken Debatten deshalb seit geraumer Zeit wichtig: das <strong>bedingungslose Grundeinkommen (BGE)<\/strong> und der <strong>Aufbau freier, kollektiver Infrastruktur<\/strong>. Beide Konzepte sind mehr als Instrumente, <em>sie zusammen<\/em> k\u00f6nnen genuin sozialistische Hebel f\u00fcr eine strategische Verschiebung der Reproduktionsverh\u00e4ltnisse werden. Das gilt besonders dann, wenn sie mit kollektiven Planungen aller Beteiligten vermittelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das BGE zielt auf eine allgemeine <strong>Entkopplung von Arbeit und Existenzsicherung<\/strong>. Es kann unter Bedingungen kollektiver Kontrolle gerade jene Abh\u00e4ngigkeiten lockern, die das kapitalistische Arbeitsverh\u00e4ltnis stabilisieren: die erzwungene Verf\u00fcgbarkeit, das Konkurrenzverh\u00e4ltnis, der Anpassungsdruck. Es schafft Spielr\u00e4ume f\u00fcr Solidarit\u00e4t, Selbstorganisation, andere Sorgearbeit und politische Beteiligung, vorausgesetzt es wird nicht als individualistische Konsumst\u00fctze, sondern als <strong>kollektives Recht auf Zeit, Freiheit und Sicherheit<\/strong> organisiert. Der herrschende Arbeitsimperativ bestimmt dann nicht mehr alle Lebensverh\u00e4ltnisse, zumindest ein St\u00fcck weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Freie, demokratisch verwaltete Infrastruktur \u2013 von Energieversorgung \u00fcber Wohnen, Pflege, Bildung bis hin zu digitalen Plattformen \u2013 wirkt in doppelter Hinsicht transformativ: Erstens entzieht sie zentrale Bereiche des Lebens der kapitalistischen Verwertung. Zweitens er\u00f6ffnet sie R\u00e4ume f\u00fcr <strong>neue Formen kollektiven Handelns, nicht zuletzt solche gemeinsamer Planung und Bewirtschaftung, eine experimentelle Konstellation f\u00fcr andere Ordnungen von Vergesellschaftung<\/strong>. Sie schafft Orte, an denen politische Selbstt\u00e4tigkeit als solidarisch und konfliktf\u00e4hig, aber gleichzeitig alltagsnah praktisch werden kann. Eine bessere M\u00f6glichkeit gerade f\u00fcr deren Realisierung r\u00fchrt aus der Wirkung des BGE\u00b4s her.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide Konzepte sind jedoch nicht neutral. Sie k\u00f6nnen auch machtgetragen funktionalisiert, technokratisch, vereinzelnd umgesetzt werden. Und sie k\u00f6nnen auf verschiedene Weisen in noch herrschende Kapitalverwertung eingebunden werden, gar zu deren St\u00e4rkung dienen. Wichtig ist daher, dass sie in einem ver\u00e4nderten<strong> politischen Raum<\/strong> verankert sind, der nicht auf Repr\u00e4sentation und Verwaltung in pseudodemokratischen Prozessen reduziert ist, sondern auf <strong>kollektive Aneignung und Gestaltung<\/strong> der ganzen Reproduktionsbedingungen zielt. Nur dann werden sie zu gemeinsamen Hebeln wirklicher Vergesellschaftung und nicht zu sozialtechnologischen Ersatzl\u00f6sungen f\u00fcr fehlende Klassenpolitik. Und sie k\u00f6nnen in einer Art sozialistischer Horizont wirken, wenn sie mit gesellschaftlichen Kipppunkten f\u00fcr Transformation zusammen gedacht werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">7. Probleme technokratischer Planung<\/h3>\n\n\n\n<p>Planung ist aktuell ein wichtiges Thema postkapitalistischer Debatten und gleichzeitig ein Minenfeld, sei es bez\u00fcglich von vergesellschafteter Infrastruktur oder der Koordination ganz heterogener Produktionen und Bed\u00fcrfnisse. Doch oft allerdings wird Planung entweder auf technokratische Steuerung verengt oder schlicht als b\u00fcrokratische \u00dcberformung verdr\u00e4ngt. Beides verfehlt jedoch, dass sie im postkapitalistischen und emanzipatorischen Kern auf eine politisch orientierende, kollektiv r\u00fcckgekoppelte, demokratisch umk\u00e4mpfte Gestaltung gesellschaftlicher Reproduktion abhebt. Diese kann sich allerdings erst richtig als solche entfalten, wenn Kipppunkte der gesellschaftlichen Reproduktion zu ihrer Transformation f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Technokratische Planungsans\u00e4tze operieren h\u00e4ufig mit impliziten Annahmen von Steuerbarkeit, Transparenz und Funktionalit\u00e4t und \u00fcbersehen die Vielfalt der Widerspr\u00fcche, Ambivalenzen und Machtverh\u00e4ltnisse in hergebrachten Reproduktions- und Lebensverh\u00e4ltnissen. Gesellschaftliche Planung nur als Modellierung effizienter Abl\u00e4ufe projektiert reproduziert blinde Flecken kapitalistischer Verwaltung wie Entpolitisierung, Standardisierung oder Ausschluss. Manche aktuellen Vorschl\u00e4ge folgen dem zu unkritisch, oft in einer \u00dcberidentifikation mit existierenden oder imaginierten Technologien, die von deren sozialen und \u00f6kologischen Funktionsbedingungen absehen (siehe die Tr\u00e4umereien \u00fcber \u201eLuxuskommunismus\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Solche sozialistisch inspirierten Strategien d\u00fcrfen nicht nur die abstrakte Notwendigkeit von Planung hervorheben, ohne auch ihre soziale und <strong>politische Verankerung<\/strong> im Alltag und in den subjektiven Erfahrungen der Menschen zu thematisieren. Planung darf nicht als <strong>imperative Struktur die Lebensverh\u00e4ltnisse<\/strong> durchziehen, sie muss <strong>streitbar und lernf\u00e4hig, kontext- und affektsensibel<\/strong> zusammen organisiert sein. Deshalb mu\u00df sie Teil des politischen Raums sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es empfiehlt sich deshalb, eine wichtige Differenzierung zu beachten. Zwischen der <strong>stabilen, leichter planbaren Grundversorgung<\/strong> (wie z. B. Energie, Wohnen, Gesundheit, Bildung, Erziehung \u2013 eben Infrastruktur) und der <strong>flexiblen, schwieriger zu koordinierenden Produktion besonderer oder kreativer G\u00fcter<\/strong> bestehen unterschiedliche Anforderungen. Erstere braucht Verl\u00e4sslichkeit und Kontinuit\u00e4t, gleichen Zugang und einen infrastrukturellen Sockel, der auf nat\u00fcrliche und gesellschaftliche Kontexte eingestellt ist. Sie ist der Sockel von Gleichheit in Reziprozit\u00e4t, ist damit auch sensibel f\u00fcr Beteiligung in sozialer Reproduktion. Letztere hingegen lebt von Offenheit, Vielfalt und Dynamik, kann \u00dcberma\u00df und L\u00fccke zuweilen tolerieren. Diese Unterscheidung erlaubt es vielleicht, besser mit \u00f6kologischen und sozialen Grenzen umzugehen oder Fehlleistungen zu absorbieren, die auch ma\u00dfvollem gesellschaftlichen Koordinationsaufwand geschuldet sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die politische Gestaltung dieser Spannungsverh\u00e4ltnisse zwischen Stabilit\u00e4t und Plastizit\u00e4t, zwischen Allokation und Selbstentfaltung ist keine technische, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe, die in vielen Varianten auftritt. Planung darf nicht nur auf Funktion zielen, sondern auch auf emanzipatorische Differenzierungs- und Adaptationsf\u00e4higkeit gesellschaftlicher Reproduktionen: ein wichtiger Einsatzpunkt f\u00fcr einen demokratisch-reproduktiv erneuerten politischen Raums.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht aber nicht nur um Reproduktion der Lebensweisen, sondern auch um kollektive Steuerung der Produktion. Was wird produziert, effizient f\u00fcr wen, unter welchen Bedingungen, in wessen Verf\u00fcgung? Entwicklung anderer Produktionsweisen verlangt neue Formen von Zusammenschl\u00fcssen, Regelungen und konfliktf\u00e4higer Entscheidungsfindung \u2013 jenseits staatlicher oder marktf\u00f6rmiger Dominanz. Planung betrifft damit gerade auch neue Institutionen, die diese Anspr\u00fcche praktisch realisieren. Diese werden Spielr\u00e4ume lassen m\u00fcssen f\u00fcr heterogene Lebensweisen, f\u00fcr experimentelle Formen des Zusammenlebens und f\u00fcr nicht-normierte Bed\u00fcrfnissstrukturen. Ihre Legitimation w\u00e4chst nicht blo\u00df aus Effektivit\u00e4t, sondern aus ihrer F\u00e4higkeit, sich zusammen mit dem politischen Raum als kollektiver M\u00f6glichkeitsrahmen mit demokratischer Kontrolle zu entwickeln. Wir stehen jetzt aber vor dem Problem der Transformation allgemeiner Existenzsicherung im vorhandenen Horizont in&nbsp; postkapitalistische Gesellschaften mit derartigen Bedingungen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">8. Kipppunkte und Katastrophen<\/h3>\n\n\n\n<p>Gesellschaftliche Kipppunkte markieren keine garantierten Wendungen der Geschichte, sondern eine Art kritische Konstellationen, in denen neue gesellschaftliche Horizonte sichtbar werden. Es sind ganz unterschiedliche Momente, in denen Reproduktionsverh\u00e4ltnisse destabilisiert, Handlungsspielr\u00e4ume erweitert und hegemoniale Narrative ersch\u00fcttert werden k\u00f6nnen. Sie sollten f\u00fcr postkapitalistische Transformation <strong>politisch vorbereitet, genutzt, gar erzeugt<\/strong> werden, zumindest in einem gewissen Rahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im aggressiven Kapitalismus allerdings erscheinen Kipppunkte bereits allgegenw\u00e4rtig &#8211; in den Eskalationen sozialer Ungleichheit, in der Klimakrise, in der Krise der F\u00fcrsorge, mit milit\u00e4rischer Hochr\u00fcstung, den Disruptionen durch Digitalisierung. Sie f\u00fchren mitnichten zwangsl\u00e4ufig in emanzipatorische Richtungen, k\u00f6nnen ebenso gut autorit\u00e4re oder zynisch-kommerzielle Antworten verst\u00e4rken, und genau das kennzeichnet das gegenw\u00e4rtige politische Klima.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine postkapitalistische und emanzipatorische Strategie muss daher m\u00f6gliche Kipppunkte nicht nur analysieren und einpreisen, sondern damit <strong>praktisch umgehen lernen<\/strong>: durch Aufbau kollektiver Handlungsmacht, durch Entwicklung konkreter Alternativen, durch Organisation affektiver Gegenr\u00e4ume. Und mit dem Erreichen strategischer Ziele, die mit gesellschaftlichen \u201eSperrklinken\u201c ihre regressive Aufhebung blockieren k\u00f6nnen.&nbsp; Es geht darum, <strong>nicht nur auf Krisen zu reagieren<\/strong>, sondern sie zusammen mit anderen Entwicklungen als Gelegenheiten zur Reorganisierung politischer Verh\u00e4ltnisse zu verstehen. Und es geht darum, dass reformierende politische Z\u00fcge transformative Kipppunkte nicht etwa blockieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeutet, dass BGE, kollektive Infrastruktur und sozialistische Planung nicht blo\u00df pr\u00e4- oder postrevolution\u00e4re Ma\u00dfnahmen sind, sondern Werkzeuge, um bei<strong> Gelegenheiten neue Normalit\u00e4ten zu er\u00f6ffnen, andere soziale Spielr\u00e4ume abzusichern<\/strong>. Wenn Menschen gerade in Phasen gesellschaftlicher Ersch\u00fctterung auf bereits existierende Formen solidarischer Versorgung, kollektiver Mitgestaltung und Methoden demokratischer Planungsf\u00e4higkeit zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, dann werden Kipppunkte vielleicht nicht zur vielbeschworenen Katastrophe, sondern zum Symbol besserer Lebensverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">9. Autorit\u00e4rer Raum und rechte Mobilisierungen<\/h3>\n\n\n\n<p>Der aggressive Kapitalismus produziert ja nicht nur soziale Verwundungen, sondern auch politische Reaktionen und viele davon sind regressiv. In den Bruchstellen gesellschaftlicher Reproduktion, den&nbsp; Entwertungen, Verletzlichkeiten und Kipppunkten entstehen autorit\u00e4re Sehns\u00fcchte, identit\u00e4re Kompensationen, nationalistische Erz\u00e4hlungen. Sie besetzen dieselben Alltagsorte wie eine m\u00f6gliche sozialistische Politik, und zwar das Prekariat wie den entwerteten Mittelstand, die ersch\u00f6pften Care-Verh\u00e4ltnisse und die \u00fcberforderten urbanen oder strukturschwachen l\u00e4ndlichen Zonen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ganze politische Raum wird dabei nicht einfach indifferent repressiv verfasst, die beherrschten Klassen und Gruppen gleichf\u00f6rmig kontrolliert, sondern er wird liberal-autorit\u00e4r <strong>verschoben, dabei autorit\u00e4r umgestaltet<\/strong>. Rechte Diskurse und autorit\u00e4re Politiken koppeln sich an ambivalente, oft regressive Haltungen in den Lebensweisen und erzeugen neue affektive und symbolische Ordnungen.&nbsp; Sie agieren \u00fcber Angst und Ordnung, Entt\u00e4uschung kombiniert mit dem Leistungsfetisch, werden aufgespannt zwischen Verlogenheit und L\u00fcge als charakteristische mediale Strategien. Zugleich simulieren sie Handlungsf\u00e4higkeit f\u00fcr viele, die eigene Entwertung und Bedrohung mit Wahrnehmungen zunehmendem Versagens herrschender politischer Institutionen koppeln. Diese Probleme versprechen reaktion\u00e4re Bewegungen zu l\u00f6sen, indem sie einfache Antworten auf komplexe Reproduktionskrisen und die \u00dcberforderungen durch digitalen Overflow geben \u2013 oft entlang rassistischer und identit\u00e4rer, sexistischer oder anti-elit\u00e4rer Linien. Das liberal maskierte Gegenst\u00fcck pr\u00e4sentiert sich als Schutz genau davor, liefert jedoch auch bewahrende Krisenl\u00f6sungen, die zusammen mit einem etwas verschobenen Kanon von Gef\u00e4hrdungen und deren Bek\u00e4mpfung daherkommen. Die Nation im Konkurrenzkampf sehen beide und im permanenten Krisenmanagement kann es wenig Nachsicht geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Gestalt des politischen Raums, ihre autorit\u00e4re Verformung wird durch ausgefeiltere Technologien der Kulturindustrie, den atemlosen Triggern der Popul\u00e4rkultur und ihre Technologien geformt. Ihr Gemenge pr\u00e4gt die Lebensverh\u00e4ltnisse immer eindr\u00fccklicher, sei es liberal oder reaktion\u00e4r. Paradoxerweise n\u00e4mlich k\u00f6nnen die herrschenden Reproduktionsbedingungen gleichzeitig affirmative wie rebellische Haltungen f\u00f6rdern, die liberalen oder regressiven Varianten funktionieren zusammen als ihre gemeinsame Klammer. Der liberal-autorit\u00e4re Raum ist das politische Syndrom des aggressiven Kapitalismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Linke hat die heterogenen, widerspr\u00fcchlichen Bedingungen dieses liberal-autorit\u00e4ren Raums oft untersch\u00e4tzt oder ihm keine strategisch-emanzipatorische, transformative Alternative entgegengesetzt. Doch wer nicht versucht, Reproduktionsverh\u00e4ltnisse und ihr Zusammenspiel kollektiv zu reorganisieren, \u00fcberl\u00e4sst sie diesem breiten reaktion\u00e4ren Trend. Das gilt f\u00fcr Wohnpolitik genauso wie f\u00fcr Sicherheitsdiskurse, Care-Krise oder Bildungszugang, f\u00fcr Arbeitsbedingungen und Konsumimperative, um nur ein paar zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine emanzipatorische Strategie muss daher nicht nur ihre eigene positive Gestaltung entwickeln, sondern auch den liberal-autorit\u00e4ren Raum <strong>analysieren, konfrontieren und delegitimieren, aus dem sie systematisch ausgeschlossen ist, und zwar<\/strong> nicht nur diskursiv, sondern materiell. Es kann durch reale Gegeninstitutionen, solidarische Strukturen und affektive R\u00fcckgewinnung geschehen, die Entwertung und Verletzlichkeit in allen Reproduktionsverh\u00e4ltnissen sukzessive ausbremsen und vielleicht den Weg f\u00fcr sozialistische Kipppunkte aufbereiten. Nur das hilft auf Dauer gegen die Verschiebung nach rechts auf breiter Front, und letztlich gegen faschistische Kipppunkte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">10. Eine Art sozialistische Reflexion<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Entwicklung solcher Strategien verlangt neben anderen Perspektiven auch eine <em>neue<\/em> <em>politische Haltung<\/em>: die F\u00e4higkeit sich weiter von den herrschenden Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern zu distanzieren. Dieser gr\u00f6\u00dfere Abstand meint nicht R\u00fcckzug oder schlicht \u201eExit\u201c, sondern eine ausgefeilte <em>strategische Reflexivit\u00e4t<\/em>, die auch Exits etwa aus politischen Institutionen involvieren kann. Eine neue politische Haltung kann es besser bewerkstelligen, Reproduktionsverh\u00e4ltnisse nicht nur als Sachzw\u00e4nge, sondern auch als widerspr\u00fcchliche und umk\u00e4mpfte Terrains mit ambivalenten Potentialen zu sehen. Sie kann eine Analyse erm\u00f6glichen, die institutionelle Beherrschung und \u00f6konomische Abh\u00e4ngigkeit, ideologische Orientierung und affektive Repression gleicherma\u00dfen in den Blick nimmt, und daf\u00fcr strategische Impulse bieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig sollte transformative Handlungsmacht durch ver\u00e4nderte Infrastrukturen des Alltags, durch kollektiv mobilisierende, handlungsf\u00e4hige Zusammenschl\u00fcsse bis zu reproduktiven Gegeninstitutionen <strong>neu entwickelt werden<\/strong>. Ein derart umgeformter politischer Raum muss sich aus den R\u00e4ndern, den Zwischenr\u00e4umen, den prek\u00e4ren Orten heraus entfalten ohne sich wirklich auf das herrschende Spiel der Institutionen einzulassen. Das impliziert, <strong>Diskursf\u00e4higkeiten<\/strong> zur\u00fcckzugewinnen, nicht in der Art liberaler Talkrunden, sondern als F\u00e4higkeit, Widerspr\u00fcche offen zu benennen, Alternativen konkret zu machen und K\u00e4mpfe strategisch zu vermitteln&nbsp; \u2013 und zwar auch unter den transformativen Kr\u00e4ften selbst, z. B. mit emanzipatorischen Sozialzentren oder neuen Bildungseinrichtungen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">11. Postkapitalistische Orientierung<\/h3>\n\n\n\n<p>Die hier behandelten Elemente \u2013 <strong>Bedingungsloses Grundeinkommen<\/strong>, <strong>freie kollektive Infrastruktur<\/strong> und die Entfaltung <strong>gesellschaftlicher Planung<\/strong> darin \u2013 sind nicht blo\u00dfe Werkzeuge sichernder Sozialpolitik. Sie sind <strong><em>konkrete strategische Hebel mit energischer postkapitalistischer Fluchtlinie<\/em><\/strong>, mit denen bestehende Reproduktionsverh\u00e4ltnisse politisiert, aufgebrochen und neu organisiert werden k\u00f6nnten. Diese drei Hebelpunkte sind nur dann transformativ, wenn sie gleichzeitig als <strong>Verschiebung des politischen Raums<\/strong> zur Geltung kommen. Denn sie sollen nicht nur andere Erzeugungs- und Versorgungsbedingungen erzeugen, sondern <strong>neue politische Verh\u00e4ltnisse. Sie betreffen<\/strong> kollektive Organisation, reproduktive Kooperation, affektive Selbstst\u00e4rkung und neue Formen demokratischer Subjektivit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu geh\u00f6rt eine klare <strong>politische Distanzierung vom herrschenden politischen Raum<\/strong>, wie er durch den aggressiven Kapitalismus mit Entdemokratisierung und Repressionslogik, von Effizienzfetisch mit zynischer Performanz geformt ist. Emanzipatorische Strategie muss sich bewusst gegen diese Struktur stellen \u2013 nicht als reine Opposition, sondern durch den Aufbau eines anderen politischen Raums, der alltagsnah, kollektiv organisiert und konfliktf\u00e4hig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Entscheidend ist auch, dass BGE, freie Infrastruktur und kooperative Planung nicht nur defensive Alternativen oder&nbsp; Fernziele bieten, sondern <strong>strategisch auf verschiedene Kipppunkte<\/strong> hin orientiert sind, Kipppunkte, die ihnen selbst aber nicht notwendig immanent sind. Sie sollen materielle, soziale und affektive Voraussetzungen schaffen, um gesellschaftliche Krisenmomente nicht nur zu \u00fcberstehen, sondern sie <strong>aktiv zur Transformation und ihrer Orientierung nutzen zu k\u00f6nnen<\/strong>.&nbsp; Damit wird auch eine gesellschaftstransformierende T\u00fcr f\u00fcr dissidente Aufst\u00e4nde ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ziel dieser Perspektive ist <strong>eine erweiterte politische \u00d6konomie im besten Sinne des Wortes, die<\/strong> plural, affektsensibel, verl\u00e4sslich, kollektiv verfasst wird. Diese politische \u00d6konomie muss sich an einem <strong>normativen <\/strong>Grundstock f\u00fcr Vergesellschaftungsbedingungen orientieren, etwa an demokratischer Verf\u00fcgung \u00fcber Produktionsmittel, an dem Imperativ solidarischer Bed\u00fcrfnisse statt Profitlogik, an reproduktiver Gerechtigkeit und kollektiver Gestaltungsmacht. Sie k\u00f6nnen nur Kraft entfalten bei einem Hintegrund von neuen Formen des Zusammenlebens auf der Grundlage geteilter Verl\u00e4sslichkeit, \u00f6ffentlicher Versorgung und verantwortlicher Konfliktf\u00e4higkeit. F\u00fcr deren praktische Orientierung helfen darauf abgestimmte Prinzipien von <strong>common decency<\/strong> als allgemeiner Sockel der sozialen Bedingungen des Lebens einerseits, und die Abwendung von Verletzungen und Entwertungen, die sie im aggressiven Kapitalismus pr\u00e4gen andererseits. Das ist nicht nur Ideal, sondern strukturelle Notwendigkeit f\u00fcr das Funktionieren solidarischer Reproduktion mit gegenseitiger Achtung, Verl\u00e4sslichkeit und geteilter Verantwortung, aber nichtsdestotrotz mu\u00df es immer auch politisch abstimmbar bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Normative und affektiv geteilten Prinzipien k\u00f6nnen gleichzeitig das R\u00fcckgrat eines neuen politischen Raums st\u00e4rken. Sie erm\u00f6glichen Distanz zum herrschenden Zynismus, sie strukturieren alternative Institutionen und sie verleihen K\u00e4mpfen um Reproduktion, ihren Zielen eine normativ-strategische Orientierung, die sich Technokratie oder Moralismus versagt. Und m\u00f6gliche Kipppunkte, auf die hingearbeitet wird oder deren m\u00f6gliche Umkehrrichtung beeinflusst werden kann, sind nicht nur Momente der Krise, sondern Gelegenheiten zur <strong>konkreten Neuformation politischer R\u00e4ume<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li>Eine Linke, die Gesellschaftstransformation Ernst nimmt, sollte sich selbst im politischen Raum einordnen k\u00f6nnen. Das beinhaltet, \u00fcber das Alltagsgeschehen hinaus die eigenen Strategien und Ziele, die herrschenden Bedingungen und Kr\u00e4fte immer wieder zusammen zu besprechen, um nicht die Orientierung oder die St\u00e4rke f\u00fcr Umgestaltung zu verlieren, nicht zuletzt diejenige eigener Kr\u00e4fte. Das ist gerade in der gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Situation geboten. Die folgenden, unseres Erachtens grunds\u00e4tzlich erforderlichen Momente dessen sollen daf\u00fcr helfen.<\/li>\n\n\n\n<li>Heutige Gesellschaften sind weniger durch einen \u00dcberwachungskapitalismus oder Technofeudalismus gepr\u00e4gt, vielmehr hat sich der aggressive Kapitalismus global bis in den Alltag hinein intensiviert. Im besonderen Fokus seiner Kapitalverwertung steht heute ihr Nexus von Expansion und Zirkulation, Plattformen und Renten (Besitzeink\u00fcnfte) als Mittel versch\u00e4rfter Aneignung und Beschleunigung. Das Spektrum dieser Intensivierung mit neuem Zusammenwirken sozialer und politischer, \u00f6konomischer und technologischer Prozesse, reicht von verlockenden Versprechen bis r\u00fccksichtsloser Gewalt.<\/li>\n\n\n\n<li>Aggressiver Kapitalismus bildet sein Kraftfeld nicht mehr allein um Produktionsverh\u00e4ltnisse. Er krempelt gesellschaftliche Reproduktion auf verschiedenen Ebenen um. Die Reproduktionsverh\u00e4ltnisse sind zentrale Konflikt- und Ansatzpunkte im aggressiven Kapitalismus. Sie betreffen nicht blo\u00df die Versorgung, sondern bestimmen auch, wie Strukturen&nbsp; gesellschaftlich integrieren und sind ma\u00dfgeblich f\u00fcr Subjektivierung. Dadurch sind sie&nbsp; entscheidendes strategisches und politisches Feld gesellschaftlicher Umgestaltung.<\/li>\n\n\n\n<li>In der Reproduktion der Lebensverh\u00e4ltnisse, die nicht nur die soziale Reproduktion einbeziehen, sondern auch Konsum, Arbeitszusammenh\u00e4nge und Institutionen umfassen, arbeitet der Kapitalismus mit Optimierungsdruck, Sanktionen und Schuldenfalle, mit Versprechen und Bedrohungen unter einem allgemeinen Produktivismus und Arbeitszwang. Dies sind wichtige Momente der gesellschaftlichen Reproduktion unter Austerit\u00e4tszw\u00e4ngen, deren Gesamtzusammenh\u00e4nge f\u00fcr die meisten unsichtbar sind.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Aggressiver Kapitalismus bewirkt systematisch Entwertungen und Verletzlichkeiten, die sich in den verwertungsunterworfenen, fragmentierten Klassen und Gruppen breit aber verschieden entfalten und ihre Haltungen pr\u00e4gen, nicht selten begleitet von Schiefheilungen sozialer Beziehungen. Jede sozialistische Strategie muss gerade darauf materiell, konzeptionell und affektiv antworten k\u00f6nnen.<\/li>\n\n\n\n<li>Diese Reaktion bedeutet eine sp\u00fcrbare Resonanz im politischen Raum. Damit ist nicht nur institutionalisierte Politik im \u00fcblichen Sinne gemeint, sondern politische Prozesse sind auch Teil der gesellschaftlichen Reproduktionsverh\u00e4ltnisse. Der politische Raum beginnt bereits bei grundlegenden Einstellungen und Verhaltensweisen im Alltag. Schon in diesen kleinen und oft unsichtbaren Formen der politischen Haltung und ihrer Infrapolitik entsteht diese Sph\u00e4re mit eigenen Prozeduren. Als umk\u00e4mpfte gesellschaftliche Struktur besteht der politische Raum in der Wechselwirkung von Staat, Medien, Bewegungen, Alltagsaffekten und Klassenverh\u00e4ltnissen \u2013 und kann nur \u00fcber Konflikt, Organisation und eine andere Institutionalisierung ver\u00e4ndert werden.&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Die strategische L\u00e4hmung der Linken von Haltungen \u00fcber Bewegungen bis zur Partei beruht auf ihrer oft bruchlosen Integration in diesen Raum, und zwar institutionell, affektiv und ideologisch, oft mit absurden Identifikationen. Dazu geh\u00f6rt die Kapitulation vor den komplexen Reproduktionsverh\u00e4ltnissen und den ambivalenten Haltungen der Leute darin. Eine sozialistische Strategie verlangt aber effektive und sensible politische Distanz zu deren Logiken insgesamt, ohne auf eine strategische Haltung zu ihnen zu verzichten.<\/li>\n\n\n\n<li>\u00dcber Ein-Punkt-Bewegungen hinaus und gegen eingespielte Widerst\u00e4nde kann die strategische Initiative f\u00fcr Vergesellschaftung unter kollektiver Lenkung und freier Zug\u00e4nglichkeit gesellschaftlicher Infrastrukturen zusammen mit bedingungslosem Grundeinkommen als Hebel eines Umbaus der Reproduktionsverh\u00e4ltnisse eingesetzt werden. Diese Kombination wirkt materiell, symbolisch und organisatorisch genau gegen Entwertung und Verletzlichkeit, entzieht Lebensgrundlagen dem Markt und schafft neue Erfahrungsr\u00e4ume bis hin zum Horizont demokratischer gesellschaftlicher Planung. Dies mobilisiert deshalb politisch gegen den Druck in den Lebensverh\u00e4ltnissen, was auch K\u00e4mpfe gegen weitere Bedrohungen des aggressiven Kapitalismus einbezieht.<\/li>\n\n\n\n<li>Gegen herrschende Alternativlosigkeit, Vernichtungsdrohung und Utopieverbot braucht es daran anschlie\u00dfend noch weitreichendere Konzepte gesellschaftlicher Transformation. Postkapitalistische (Re-)Produktionsverh\u00e4ltnisse m\u00fcssen durchg\u00e4ngig demokratisch organisiert sowie politisch abgestimmt werden. Gegen multiple Krisen wirken entsprechenden Planungen, die klug zwischen stabiler Grundversorgung und flexibler Wunschproduktion differenzieren, und nicht zur Planungsdiktatur werden k\u00f6nnen.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Widerstand gegen derartige Forderungen und Eingriffe ist gewaltig. Aber \u00fcber die Ablehnung herrschender Vergesellschaftungsmechanismen hinaus k\u00f6nnen sich Initiativen f\u00fcr einen neuen politischen Raum mit durchg\u00e4ngigen Demokratisierungen an einem Fundament sozialer Beziehungen reziproken Anstands und R\u00fccksichtnahme orientieren. Gegen Resignation und Produktivismus, Ambivalenzfallen und Schiefheilungen gilt es gerade, dies inmitten der Erfahrungen affektiv und differenziert anzusprechen.&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Statt einer Wahl zwischen blo\u00dfen Reformvorhaben oder Katastrophismus brauchen transformative Strategien Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die vielen m\u00f6glichen gesellschaftlichen Kipppunkte. Dabei geht es nicht um historische Automatismen, denn sie k\u00f6nnen durch bewusste Vorbereitung und den Aufbau reproduktiver Gegenmacht entstehen, beeinflusst oder genutzt werden.&nbsp; Ohne diesen wichtigen strategischen Orientierungspunkt drohen Pseudo-Emanzipation oder \u00dcberw\u00e4ltigung emanzipatorische Kr\u00e4fte zu l\u00e4hmen.<\/li>\n\n\n\n<li>Brandmauer, breite B\u00fcndnisse, gar Volksfront gegen rechts? Blanker Anti-Faschismus oder -Populismus greifen viel zu kurz. Aggressiver Kapitalismus und seine Kulturindustrie befeuern ambivalente, gar paradoxe vorpolitische Haltungen in den Lebensweisen, die immer offener f\u00fcr autorit\u00e4re Mobilisierungen werden. Statt simpler Pole von Demokratie und Diktatur verschiebt sich der politische Raum mit seinem liberal-autorit\u00e4ren Rahmen weiter und weiter zu einem Kanon von Repressionen, getrieben vom aggressiven Kapitalismus. Seine liberalen und regressiven Varianten sind auf Dauer nur durch Umw\u00e4lzungen&nbsp; der Reproduktionsverh\u00e4ltnisse zu bremsen. Diese Bedingung sollte auch Richtschnur f\u00fcr Allianzen gegen faschistische politische Kipppunkte sein.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>System Change FFM<\/p>\n<p>Der Alltag vieler ist heute von Unsicherheit und Unbehagen durchzogen, nicht selten gepr\u00e4gt von Erfahrungen des Misserfolgs und der Geringsch\u00e4tzung. Das betrifft Arbeit, Haushalt, Versorgung oder Freizeit, sei es infolge pausenloser Leistungsanspr\u00fcche, Preissteigerungen oder Informationsfluten \u2013 um nur ein paar Belastungen zu nennen. Besonders diejenigen, die in die Zw\u00e4nge der Existenzsicherung mittels Arbeit gepresst sind, k\u00f6nnen ein Lied davon singen. Dazu kommen schwer \u00fcberschaubare Krisenszenarien wie Klimanotstand und Kriege, intransparente wirtschaftliche Debakel oder radikale technische Umw\u00e4lzungen \u2013 von politischer Ignoranz, Verlogenheit und R\u00fccksichtslosigkeit gar nicht zu reden. Begleitet wird all das von vermehrten Anforderungen an Konkurrenz, Selbstoptimierung und die\u00a0 Abgrenzung von immer mehr Gegnern, seien sie sichtbar, unerkannt oder eingebildet, lokal oder global. Und die Flucht in den Konsum hilft auch nicht weiter. Druck und Belastungen werden exzessiver, resultierende Affektst\u00f6rungen h\u00e4ufen sich.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[27,2,7,3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/941"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=941"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/941\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":949,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/941\/revisions\/949"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=941"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=941"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=941"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}