{"id":957,"date":"2026-04-27T11:52:55","date_gmt":"2026-04-27T09:52:55","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=957"},"modified":"2026-04-27T11:52:55","modified_gmt":"2026-04-27T09:52:55","slug":"gesellschaftskritik-am-limit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=957","title":{"rendered":"Gesellschaftskritik am Limit"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Karl Caszny<\/h5>\n\n\n\n<p><strong>Zum Umgang der Theorie mit zukunftsoffener Gegenwart<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Neben meinem Schreibtisch t\u00fcrmt sich ein Stapel potentiell wichtiger und daher auf genaue Lekt\u00fcre wartender Publikationen. Weil der Stapel leider sehr hoch ist, schaffte es das vor zwei Jahren ganz unten eingeschobene Buch <em>\u201eKapitalismus am Limit\u201c<\/em> von Ulrich Brand und Markus Wissen<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> erst k\u00fcrzlich ganz nach oben. Und weil die Lekt\u00fcre in diesem Fall den Wichtigkeitsverdacht best\u00e4tigte, wollte ich danach sogleich meine Gedanken zu dem Buch niederschreiben. Davor warf ich aber noch einen Blick auf die bereits erschienenen Rezensionen, denn wom\u00f6glich hatten ja schon andere genau das formuliert, was aus meiner Sicht festzuhalten war. In dem von Joachim Hirsch f\u00fcr das links-netz verfassten Beitrag mit dem Titel <em>\u201eIst der Kapitalismus am Ende?\u201c<\/em> stie\u00df ich tats\u00e4chlich auf eine Rezeption, die ziemlich genau meinem Eindruck von diesem Buch entspricht. Ich kann mich daher bei folgender Kurzfassung von dessen Argumentation auf Hirschs Beitrag st\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ist der Kapitalismus am Ende?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum der von Brand&nbsp;&amp;&nbsp;Wissen vorgelegten Kapitalismusanalyse steht der von beiden Autoren entwickelte Begriff der <em>\u201eimperialen Lebensweise\u201c<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\"><strong>[2]<\/strong><\/a>.<\/em> Er bezeichnet das vom globalen Norden etablierte Produktions- und Konsummuster, das auf einem unbegrenzten Zugriff auf Naturressourcen und Arbeitskraft im globalen S\u00fcden beruht und dort tendenziell die nat\u00fcrlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen zerst\u00f6rt. Hierzulande erm\u00f6glichte diese weltumspannende Arbeits- und Ressourcenteilung lange Zeit einen auf wachsendem Wohlstand fu\u00dfenden Klassenkompromiss, der die materielle Basis f\u00fcr das reibungslose Funktionieren einer die kapitalistischen Eigentumsverh\u00e4ltnisse nicht in Frage stellenden liberalen Demokratie bildete.<\/p>\n\n\n\n<p>Die aktuelle Krise jener Form der Demokratie resultiert f\u00fcr die Autoren letztlich aus dem ihr zugrunde liegenden imperialen Produktions- und Konsumtionsmuster. Dieses sto\u00dfe n\u00e4mlich nun an seine Grenzen, weil sich seine sozial-\u00f6kologischen Kosten nicht mehr zeitlich (auf sp\u00e4tere Generationen) und r\u00e4umlich (auf noch nicht ausgepl\u00fcnderte periphere Regionen) verlagern lassen. Die dadurch notwendig gewordene Beschr\u00e4nkung von bisher f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich gehaltenen \u201aFreiheiten\u2018 \u2013 etwa des Konsums oder der Mobilit\u00e4t \u2013 r\u00fchre am Grundverst\u00e4ndnis dessen, was man bisher als \u201aDemokratie\u2018 bezeichnet habe. Und diese Irritation bilde ein Einfallstor f\u00fcr jenen Rechtspopulismus, der unsere bedrohten Konsum- und Mobilit\u00e4tsfreiheiten mit autorit\u00e4ren politischen L\u00f6sungen verteidigen m\u00f6chte. Sie greifen den im imperialen Klassenkompromiss politisch dethematisierten vertikalen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit wieder auf, transformieren ihn aber in einen horizontalen Gegensatz zwischen innen und au\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein mit dieser regressiven Repolitisierung des Klassenkonflikts konkurrierender Versuch zur Stabilisierung der imperialen Lebensweise sei der <em>\u201eGr\u00fcne Kapitalismus\u201c&nbsp;<\/em>(S.93 ff)<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Er ziele auf eine gegen massive Widerst\u00e4nde durchzusetzende \u00f6kologische Modernisierung des Kapitalismus, die den Verbrauch der fossilen Energien reduzieren m\u00f6chte, ohne die Grundz\u00fcge dieser Lebensweise anzutasten. Resultate seien eine Vertiefung neokolonialer Ausbeutungsstrukturen und eine Zuspitzung jener \u00f6koimperialen Spannungen, die aus dem geopolitischen Ringen um die im Zentrum der \u00f6kologischen Modernisierung stehenden Rohstoff- und Absatzm\u00e4rkte resultieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachhaltige Bew\u00e4ltigung der sozial-\u00f6kologischen Krise ist f\u00fcr die Autoren nur m\u00f6glich durch einen \u00dcbergang von der imperialen zu einer <em>\u201esolidarischen Lebensweise\u201c<\/em>, der mit nicht-autorit\u00e4rer \u00dcberwindung der liberalen Demokratie einhergehen m\u00fcsse. Denn \u201e<em>inklusive globale Solidarit\u00e4t<\/em>\u201c&nbsp;(S.211) sei nur m\u00f6glich bei <em>\u201ekollektiver Selbstbegrenzung\u201c<\/em>&nbsp;(S.214) unserer in vielen Bereichen grenz\u00fcberschreitenden \u00d6konomie. Diese Selbstbegrenzung aber impliziere Vergesellschaftung und demokratische Kontrolle der sozialen und technischen Infrastrukturen der Staaten des globalen Nordens, mit anderen Worten also eine Ausweitung der Demokratie auf die bisher vom Profitstreben gesteuerte Produktion des gesellschaftlichen Reichtums.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine derart grundlegende Ver\u00e4nderung k\u00f6nne nicht vom etablierten politischen System selbst in Gang gesetzt werden, seien doch <em>\u201eder Staat, die EU und das internationale politische System eher Teil des Problems als der L\u00f6sung\u201c&nbsp;<\/em>(S.236). Sie bed\u00fcrfe daher eines emanzipatorischen Drucks von unten, der auf innerstaatliche Oppositionszentren, von den Autoren als <em>\u201eTransformative Zellen\u201c&nbsp;<\/em>(S.235 ff.) bezeichnet, einwirke. Diese sollten ihrerseits mit den zivilgesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen interagieren, um deren Anliegen in die staatlichen und Suprastaatlichen Institutionen hineinzutragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hirsch beendet seine Rezension mit Bedenken, die sich mit meinem Eindruck decken. Er bem\u00e4ngelt, dass die dieses Buch tragende Hoffnung auf den Erfolg emanzipativer Bewegungen auf etwas schwachen Beinen stehe. Denn zum einen st\u00fcnden angesichts der fortschreitenden Renationalisierung der Politik die Zeichen f\u00fcr internationale Solidarit\u00e4t nicht besonders gut. Zum anderen bleibe offen, was <em>\u201eKapitalismus am Limit\u201c <\/em>bedeute, habe er sich doch bisher als ein au\u00dferordentlich flexibles Gesellschaftssystem erwiesen, das alle sich ihm entgegenstellenden Grenzen \u00fcberwinde, indem es sich stets neu organisiere. <em>\u201eEs w\u00e4re W\u00fcnschenswert\u201c<\/em>, schlie\u00dft Hirsch, <em>\u201edie Autoren h\u00e4tten sich zu diesen Fragen etwas ausf\u00fchrlicher ge\u00e4u\u00dfert, um nicht dem Dilemma zwischen Katastrophismus und abstrakten Hoffnungsszenarien zu verfallen\u201c<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte nun im Lichte dieser Kritik einige Passagen des Buchs etwas genauer betrachten. Es gilt dabei aufzuzeigen, wo marxistische Gesellschaftskritik pr\u00e4ziser argumentieren muss, wenn sie sicherzustellen m\u00f6chte, dass die ihr zugrunde liegende Utopie mit den Resultaten ihrer Gegenwartsanalyse verklammert bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Missverstandenes Limit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst zu der von Hirsch erw\u00e4hnten Unklarheit beim Thema \u201aLimit des Kapitalismus\u2018. Marx beschrieb es vorsichtig blo\u00df als langfristige Tendenz des Sinkens der allgemeinen Profitrate, w\u00e4hrend Rosa Luxemburg dann schon eine sehr scharf definierte Grenze vermutete. Da f\u00fcr sie der Kapitalismus zur \u00dcberwindung seiner inneren Widerspr\u00fcche eine st\u00e4ndige Expansion in <em>\u201enicht-kapitalistische Milieus\u201c<\/em> ben\u00f6tigt, erreicht er den Endpunkt seiner Entwicklung, sobald die Welt vollst\u00e4ndig kapitalistisch organisiert ist und keine nicht-kapitalistischen Milieus mehr existieren. Denn dann verliert er jene \u00e4u\u00dferen Absatz- und Akkumulationsfelder, von denen er lebt. Brand&nbsp;&amp;&nbsp;Wissen \u00fcben zwar zu Recht Kritik an dieser scharfen Grenzsetzung, begehen aber dann selbst einen ganz \u00e4hnlich gestrickten Fehler.<\/p>\n\n\n\n<p>An Luxemburgs Theorie bem\u00e4ngeln sie zum einen, dass sie die <em>\u201eM\u00f6glichkeit der \u00bbinneren Landnahme\u00ab untersch\u00e4tzte\u201c<\/em>, denn <em>\u201enichtkapitalistische Milieus gibt es \u2026auch im \u00bbgesellschaftlichen Au\u00dfen\u00ab der Zentrums\u00f6konomien selbst\u201c&nbsp;<\/em>(S.83). Zum anderen weisen sie darauf hin, dass <em>\u201eder Inwertsetzung einer geographischen oder gesellschaftlichen Sph\u00e4re \u2026 zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt auch die Au\u00dferwertsetzung folgen <\/em>(kann)<em>, etwa weil sich an anderen Orten neue Leitsektoren der Kapitalakkumulation herausbilden.\u201c&nbsp;<\/em>(S.84<em>)<\/em> Der analoge Fehler der beiden Autoren besteht nun darin, dass sie die aktuellen \u00f6kologischen Krisen als Hinweise auf eine <strong>absolute \u00f6kologische Grenze<\/strong> des Kapitalismus interpretieren. Denn die kapitalistische Aneignung von Natur impliziere deren Zerst\u00f6rung. <em>\u201eHier bewahrheitet sich also die Beobachtung von Luxemburg, dass eine Existenzbedingung des Kapitalismus in eine harte Grenze desselben umschl\u00e4gt.\u201c&nbsp;<\/em>(S.85)<\/p>\n\n\n\n<p>Dass auch diese scheinbar so harte \u00f6kologische Grenze nur eine Neuauflage von schon \u00fcberwunden geglaubten deterministischen Illusionen des Marxismus ist, kann man anhand eines einfachen Gedankenexperiments erkennen. Gesetzt den Fall, der Kapitalismus h\u00e4tte eines Tages alle relevanten \u00f6kologischen Gleichgewichte zerst\u00f6rt und s\u00e4mtliche f\u00fcr unsere derzeitige Lebensweise erforderlichen Ressourcen verbraucht. Sofern es dann menschliches Leben \u00fcberhaupt noch g\u00e4be, w\u00fcrde es wohl auf ein aus unserer Sicht sehr niedriges Niveau zur\u00fcckfallen. Auch auf diesem Level w\u00e4re das Leben aber selbstverst\u00e4ndlich wieder nur durch <strong>gesellschaftliche<\/strong> <strong>Arbeit <\/strong>zu gew\u00e4hrleisten. Und diese Arbeit k\u00f6nnte, sofern sich die Menschheit dann nicht eines Besseren besinnt, wieder von den Eigent\u00fcmern der Produktionsmittel als Lohnarbeit organisiert werden. Sie w\u00fcrden sich die Fr\u00fcchte dieser Lohnarbeit aneignen und als Kapital akkumulieren. \u00c4hnlich wie jeder gro\u00dfe Krieg durch seine Zerst\u00f6rungen die Dynamik der Kapitalakkumulation befeuert, w\u00e4re diese Dynamik auch nach der ultimativen \u00f6kologischen Katastrophe besonders gro\u00df. Denn jede umfassende Vernichtung von Gebrauchswerten senkt das absolut erreichte Niveau des akkumulierten Kapitals sehr deutlich und hat daher (weil die allgemeine Profitrate erst wieder mit wachsendem Gesamtkapital tendenziell sinkt) f\u00fcr den Kapitalismus den Stellenwert einer Verj\u00fcngungskur.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00dcbersehene Transformationsprobleme<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im weiteren Verlauf ihrer Argumentation bekennen sich Brand&nbsp;&amp;&nbsp;Wissen zwar immer wieder zur prinzipiellen Offenheit der Zukunft. Mit fortschreitender Lekt\u00fcre verdichtete sich aber bei mir der Verdacht, dass sie infolge ihrer \u00dcberzeugung von der un\u00fcberwindbaren H\u00e4rte der \u00f6kologischen Grenze des Kapitalismus nicht genau genug hinsehen auf das aktuelle <strong>Haupthindernis<\/strong> f\u00fcr den \u00dcbergang von der imperialen zur solidarischen Lebensweise. Sie stellen zwar fest, dass <em>\u201edie Intensit\u00e4t der Widerst\u00e4nde und Transformationsk\u00e4mpfe\u201c<\/em> in den letzten Jahren <em>\u201edeutlich abgenommen\u201c&nbsp;<\/em>(S.158) hat, fragen sich aber nicht, worin die tiefste Ursache daf\u00fcr liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die in dem Buch behandelten \u00f6ko-imperialen Auseinandersetzungen und rechtspopulistischen Bedrohungen der Demokratien des globalen Nordens sind n\u00e4mlich nur politische Folgen einer von den Autoren zu wenig beachteten Zuspitzung der <strong>\u00f6konomischen Widerspr\u00fcche<\/strong> des Kapitalismus. Diese resultiert, kurz gesagt, daraus, dass die seit den neunzehnsiebziger Jahren rollende Globalisierungswelle die <strong>systemische Integration<\/strong> der gesamten Weltwirtschaft auf ein ungeahnt hohes Niveau anhob. Das f\u00fchrte einerseits dazu, dass sich regionale und sektorale Ungleichgewichte sehr rasch zu globalen Krisen des Gesamtsystems ausweiten. Andererseits <strong>potenzierte es die Macht des Weltmarkts<\/strong>, dem nun selbst die \u00fcber gro\u00dfe Binnenm\u00e4rkte verf\u00fcgenden f\u00fchrenden Volkswirtschaften auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die potenzierte Macht des Weltmarkts ist zugleich der Grund daf\u00fcr, warum die Chancen f\u00fcr einen durch emanzipative Widerstandsbewegungen angesto\u00dfenen <strong>Systembruch<\/strong> derzeit \u00e4u\u00dferst schlecht stehen. Anfangs haben solche Bewegungen immer nur kleinr\u00e4umigen Radius, weil die Dynamik des Aufbegehrens sehr stark auf pers\u00f6nlichen Interaktionen beruht und erst allm\u00e4hlich zur Entstehung weitr\u00e4umigerer, d.h. abstrakter und unpers\u00f6nlicher Solidarbeziehungen f\u00fchrt. Die erste Ebene, auf der eine solche Bewegung zur Etablierung alternativer \u00f6konomischer Strukturen f\u00fchren kann, ist die nationale Volkswirtschaft. Nationale Sonderwege aber werden heutzutage vom hochintegrierten Weltmarkt mit gr\u00f6\u00dfter Brutalit\u00e4t abgew\u00fcrgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte nun anhand einiger Beispiele demonstrieren, dass die Argumentation von Brand&nbsp;&amp;&nbsp;Wissen wesentliche Probleme des Transformationsprozesses \u00fcbersieht, weil sie dieser Schranke keine Beachtung schenkt, bzw. mit allzu gro\u00dfer Naivit\u00e4t gegen\u00fcbertritt. Alle folgenden Zitate stammen aus dem letzten Kapitel des Buchs, das sich unter dem Titel <em>\u201eSolidarische Perspektiven\u201c<\/em> mit den M\u00f6glichkeiten der Etablierung von Ans\u00e4tzen einer solidarischen Lebensweise befasst. Darin kritisieren die Autoren zun\u00e4chst die Politik der Gr\u00fcnen. Deren Spitzenpersonal habe schon bei ihrer ersten Regierungsbeteiligung, ohne es zu merken, die den staatlichen Institutionen eingeschriebenen Restriktionen verinnerlicht und dies <em>\u201eals Ankunft auf dem harten Boden der Realit\u00e4t\u201c <\/em>missverstanden. Tats\u00e4chlich sei das aber nur <em>\u201edie Realit\u00e4t der Herrschenden\u201c<\/em>&nbsp;(S.203) gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier deutet sich schon ein erster Irrtum an, denn die Realit\u00e4t der Herrschenden ist nat\u00fcrlich auch die der Beherrschten. Diese f\u00fcr beide geltende Realit\u00e4t wird bestimmt von den die kapitalistische \u00d6konomie regierenden Gesetzen. Und der einzige Unterschied zwischen Herrschenden und Beherrschten besteht darin, dass besagte Gesetze f\u00fcr die einen kontinuierlich wesentlich bessere Ergebnisse erzeugen als f\u00fcr die anderen, was bei Letzteren ein Interesse an der Etablierung einer alternativen \u00d6konomie mit gerechterer Funktionslogik hervorruft. Das Problem dabei: Der Weg zu jener neuen Realit\u00e4t f\u00fchrt h\u00f6chstwahrscheinlich \u00fcber schwerste Transformationskrisen, die bei allen Beteiligten die Frage aufwerfen, ob es sich f\u00fcr sie lohnt, diesen riskanten Weg einzuschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im weiteren Verlauf der Argumentation konkretisieren die Autoren dann die Richtung, in die sich Deutschland ihrer Ansicht nach bei seinem Weg in eine alternative \u00d6konomie bewegen sollte: <em>\u201eWer es sich leisten kann, 100 Milliarden Euro f\u00fcr die Bundeswehr auszugeben oder ein Rettungspaket f\u00fcr die Banken zu schn\u00fcren, das fast 500 Milliarden Euro umfasst, hat auch die Mittel, die Gesellschaft zukunftsf\u00e4hig zu machen. Warum sollten wir weiterhin Ressourcen und menschliche Kreativit\u00e4t f\u00fcr die Entwicklung neuer Finanzinstrumente, das Design von SUVs oder die Optimierung von Waffensystemen verschwenden? Warum sollten wir wertvolle mineralische Rohstoffe in Elektroautos verbauen? Warum nicht stattdessen die sozialen Anstrengungen, die praktische und kollektive Intelligenz der Besch\u00e4ftigten in der Produktion, in der Pflege oder im Gesundheitswesen, die Kreativit\u00e4t der Ingenieur*innen in den Dienst eines guten Lebens f\u00fcr alle stellen?\u201c&nbsp;<\/em>(S.205 f.)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den in den Dienst der Transformation zu stellenden Milliarden macht man es sich hier zu einfach. Denn man muss sie entweder (wie im Fall des im Vorjahr von der Bundesregierung beschlossenen Sonderverm\u00f6gens f\u00fcr Infrastruktur und Klimaneutralit\u00e4t) durch neu aufzunehmende Staatschulden finanzieren, oder \u00fcber erh\u00f6hte Steuern und Lohnnebenkosten aufbringen. Beide Finanzierungswege beeintr\u00e4chtigen aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter die Kostensituation der dem Konkurrenzdruck des Weltmarkts ausgesetzten Unternehmen. Zwar bewirken zus\u00e4tzliche Ausgaben f\u00fcr \u00f6ko-soziale Reformen l\u00e4ngerfristig Kostenreduktionen (bessere Infrastruktur, weniger Krankenst\u00e4nde und soziale Unruhen, usw.). Die Frage, ob diese Vorteile die zus\u00e4tzlichen Kostenbelastungen rasch genug ausgleichen k\u00f6nnen, w\u00e4re aber, wenn schon keine Diskussion, doch zumindest eine Erw\u00e4hnung wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieselbe Milchm\u00e4dchenrechnung dann auch bei den arbeitsmarktpolitischen \u00dcberlegungen zur Transformation: <em>\u201eDie Arbeitsplatzverluste durch den R\u00fcckbau gro\u00dfer und volkswirtschaftlich zentraler Industrien und durch den Abbau von bullshit jobs lie\u00dfen sich \u2026 zum Teil kompensieren. Das ist alles andere als ein Selbstl\u00e4ufer, denn R\u00fcckbau und Arbeitsplatzbedarf k\u00f6nnen r\u00e4umlich auseinanderfallen. Jedoch besteht fl\u00e4chendeckend ein Bedarf an Arbeitskr\u00e4ften in der Pflege und im Gesundheitsbereich, der nicht zuletzt aufgrund niedriger L\u00f6hne und schlechter Arbeitsbedingungen nicht gedeckt werden kann.\u201c&nbsp;<\/em>(S.222)<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird das Hauptproblem bei der Ersetzung von bullshit jobs durch sozial sinnvolle T\u00e4tigkeiten geflissentlich \u00fcbergangen. Es besteht darin, dass erstere zu einem gro\u00dfen Teil auf dem Weltmarkt nachgefragte Produkte erzeugen, w\u00e4hrend letztere prim\u00e4r durch Steuermittel finanziert werden m\u00fcssen. Das bereitet den Autoren aber keine schlaflosen N\u00e4chte: <em>\u201e\u2026 mit budget\u00e4ren Zw\u00e4ngen wie der Schuldenbremse\u201c&nbsp;<\/em>(S.219) wollen sie sich offenbar ebenso wenig herumschlagen wie die Bundesregierung. Sie haben daf\u00fcr blo\u00df eine andere Begr\u00fcndung, betonen sie doch, dass diese Zw\u00e4nge aus ihrer Sicht <em>\u201eletztlich den Besitzer*innen gro\u00dfer Verm\u00f6gen zugutekommen.\u201c<\/em>&nbsp;(S.219)<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich ist aber die mit einem Ausbau der sozialen Infrastrukturen verbundene zus\u00e4tzliche Staatsverschuldung f\u00fcr die gesamte Volkswirtschaft und damit letztlich auch f\u00fcr die Klasse der Lohnabh\u00e4ngigen nur dann kein Problem, wenn es gleichzeitig gelingt, neue exportstarke Sektoren (z.B. im Bereich der Energie-, Umwelt- und Infrastrukturtechnologien) aufzubauen und bestehende exportf\u00e4hige Industrien den neuen Erfordernissen anzupassen. Auch hier wieder ein hochkomplexes Transformationsproblem, das die Autoren nicht einmal in einem Nebensatz ansprechen. Und weil f\u00fcr sie alles so einfach geht, ist der von ihnen anvisierte Transformationsprozess auch nicht mit wesentlichen Einschr\u00e4nkungen verbunden. Denn <em>\u201esolidarische Selbstbegrenzung\u201c<\/em> meint <em>\u201enicht den Verzicht auf die G\u00fcter und Dienstleistungen, die f\u00fcr ein gutes Leben notwendig sind. Im Gegenteil, darauf liegt sogar ein Fokus.\u201c<\/em>&nbsp;(S.218)<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist im Prinzip richtig, beschreibt aber blo\u00df die erst <strong>nach<\/strong> einer gegl\u00fcckten Transformation gegebene Situation: Einerseits werden wir dann alle uns vom Kapital aufgeschwatzten Konsumbed\u00fcrfnisse \u00fcberwunden haben und uns nur mehr um ein im Einklang mit der Natur und den Erfordernissen internationaler Solidarit\u00e4t stehendes gutes Leben bem\u00fchen. Andererseits wird die erfolgreich transformierte Wirtschaft uns dann all das geben, was wir f\u00fcr ein solches Leben ben\u00f6tigen. Der <strong>Weg dorthin<\/strong> wird aber gepflastert sein mit den von den Autoren ausgesparten Verzichten und Leiden. Denn er wird uns durch mehr oder weniger schwere Transformationskrisen f\u00fchren und wir werden ihn als jene Konsumkr\u00fcppel beschreiten m\u00fcssen, die wir heute noch sind. Wir werden aber all die auf uns wartenden subjektiven und objektiven Krisen guten Mutes durchstehen und als L\u00e4uterungsprozesse begreifen, solange wir die Transformation als eine Dynamik erleben, bei der am Ende des Tunnels Licht zu sehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Strategisches Defizit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Stichwort der \u201aDynamik\u2018 leitet \u00fcber zu einem weiteren Defizit der Argumentation von Brand&nbsp;&amp;&nbsp;Wissen, das neben dem allzu sorglosen Umgang mit Transformationsproblemen den Wert ihrer Publikation schm\u00e4lert. Fragen der Dynamik sind n\u00e4mlich zentrale Aspekte der Strategie des Projekts einer emanzipatorischen Alternative&nbsp;&#8211;&nbsp;und diese Strategie wird im vorliegenden Buch zwar ausf\u00fchrlich behandelt, aber <strong>nicht auf den Punkt gebracht<\/strong>. Der Grund daf\u00fcr liegt wieder in der bereits erw\u00e4hnten Blindheit der Autoren f\u00fcr das Haupthindernis der Transformation: Wer es nicht sieht, fragt auch nicht danach, wie man ihm am besten begegnen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Autoren fokussieren ihre strategischen \u00dcberlegungen auf die Suche nach m\u00f6glichen <em>\u201eKonturen eines alternativen Projekts, mit dem sich die \u201aMonster\u2018 <\/em>(gemeint sind die aktuellen autorit\u00e4ren Tendenzen) <em>bek\u00e4mpfen und solidarische Perspektiven entwickeln lie\u00dfen\u201c<\/em>&nbsp;(S.195)und stellen dieser Suche zwei Leitfragen voran:<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li><em>\u201eWas k\u00f6nnten progressive Kr\u00e4fte der rechten Erz\u00e4hlung und den autorit\u00e4ren und gr\u00fcn-kapitalistischen Tendenzen im b\u00fcrgerlichen Lager entgegensetzen?<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Wie k\u00f6nnten sie einer Situation gerecht werden, in der verschiedenste Erfahrungen von Missachtung und Verunsicherung von einer fundamentalen Krise der gesellschaftlichen Naturverh\u00e4ltnisse \u00fcberlagert und dynamisiert werden?\u201c<\/em>&nbsp;(S.195)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die aus der domestizierenden Rolle eines \u00fcberm\u00e4chtigen Weltmarkts resultierenden Fragen der Strategie bleiben hier ausgespart. Sie betreffen unter anderem \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230; die M\u00f6glichkeiten bzw. Grenzen einer \u00fcberregionalen, letztlich universellen Ausweitung und Koordination von lokalen Emanzipationsprojekten:<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li>Welche Arten der Reformdynamik k\u00f6nnen die von der internationalen Standortkonkurrenz ausgehenden Sachzw\u00e4nge am ehesten \u00fcberwinden?<\/li>\n\n\n\n<li>Im Kontext welcher Dynamiken kann sich trotz sch\u00e4rfster Standortkonkurrenz internationale Solidarit\u00e4t entwickeln?<\/li>\n\n\n\n<li>Wie k\u00f6nnte man die Entstehung und Entfaltung solcher Dynamiken bef\u00f6rdern?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>&#8230; die M\u00f6glichkeiten bzw. Grenzen der mittelfristigen Stabilisierung von lokal begrenzten Emanzipationsprojekten:<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li>Welche Formen der Resilienz gegen schleichende Vereinnahmung sind unter welchen Bedingungen erfolgreich?<\/li>\n\n\n\n<li>Wie k\u00f6nnte man die Entstehung und Entfaltung solcher Resilienz bef\u00f6rdern?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Dass solche Fragen zu Reformdynamik und Resilienz nicht im Zentrum der Strategie\u00fcberlegungen stehen, ist aber kein nur den Autoren der vorliegenden Publikation anzulastendes Defizit, sondern ein Vers\u00e4umnis der gesamten Linken. Wo ist die emanzipatorische Sozialwissenschaft, die sie systematisch untersucht, wo die \u201aNeue Internationale\u2018, welche die wichtigsten Resultate dieser Untersuchungen auf regelm\u00e4\u00dfig stattfindenden Konferenzen (in Analogie zu den internationalen Klimakonferenzen) diskutiert, um Lehren f\u00fcr die aktuellen K\u00e4mpfe zu ziehen und deren Koordination zu bef\u00f6rdern?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Peng \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Absatz eines gesellschaftspolitischen Sachbuchs beinhaltet oft die Zusammenfassung der vorangehenden Analysen mit perspektivischer Wendung in k\u00fcnftig abzusehende Entwicklungen. Auch im vorliegenden Fall steht am Schluss die Hinwendung zur Zukunft. Was hier aber fortgesponnen wird, ist nicht das davor beschriebene Bem\u00fchen um \u00dcberwindung der imperialen Lebensweise, sondern der aktuelle Rollback. Als ob die zu Beginn durch die feste \u00dcberzeugung vom harten \u00f6kologischen Limit des Kapitalismus aufgeblasene Hoffnung in dessen radikale Transformation am Ende wie ein Luftballon zerplatzte, gestehen sich die Autoren nun ein, dass die eigentliche Funktion der davor beschriebenen Bewegungen und K\u00e4mpfe vermutlich nicht in der von ihnen angestrebten <strong>realen<\/strong> <strong>Ver\u00e4nderung<\/strong> der Welt liegt, sondern in einem blo\u00dfen Effekt <strong>in den K\u00f6pfen <\/strong>der Menschen. Denn diese Initiativen <em>\u201estehen ohne Zweifel in einem rauen Gegenwind. Aber sie halten die Erinnerung an die Machbarkeit einer anderen Produktions- und Lebensweise wach, die in Zeiten existenzieller Krisen f\u00fcr die Vielen zu einer Notwendigkeit wird. Insofern zeigen sie die M\u00f6glichkeit einer emanzipatorischen Alternative jenseits der Grenzen des Kapitalismus auf, f\u00fcr die es sich zu k\u00e4mpfen lohnt.\u201c<\/em>&nbsp;(S.241)<\/p>\n\n\n\n<p>Hoffentlich sind diese Erinnerungsspuren so stark, dass sie die demn\u00e4chst wom\u00f6glich schon unausweichliche Katastrophe \u00fcberdauern.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ulrich Brand, Markus Wissen: Kapitalismus am Limit. \u00d6ko-imperiale Spannungen, umk\u00e4mpfte Krisenpolitik und solidarische Perspektiven, 2024, oekom, M\u00fcnchen<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Eingef\u00fchrt und systematisch ausgearbeitet in: Ulrich Brand, Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus, 2017 oekom, M\u00fcnchen<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Diese und alle folgenden Seitenangaben zu Zitaten beziehen sich auf das Buch <em>\u201eKapitalismus am Limit\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Karl Czasny<\/p>\n<p>Der Autor las erst k\u00fcrzlich das Buch &#8222;Kapitalismus am Limit&#8220; und sichtete vorhandene Rezensionen. In dem von Joachim Hirsch f\u00fcr das links-netz verfassten Beitrag mit dem Titel \u201eIst der Kapitalismus am Ende?\u201c fand er eine Rezeption, die ziemlich genau seinem Eindruck von diesem Buch entspricht. Deshalb bezieht er sich bei folgender Kurzfassung auf die Argumentation von Hirsch. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/957"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=957"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/957\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":958,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/957\/revisions\/958"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=957"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=957"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=957"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}