{"id":962,"date":"2026-05-05T14:28:17","date_gmt":"2026-05-05T12:28:17","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=962"},"modified":"2026-05-05T14:28:17","modified_gmt":"2026-05-05T12:28:17","slug":"files-papers-und-die-empirische-evidenz-herrschender-rackets","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=962","title":{"rendered":"Files, Papers und die empirische Evidenz herrschender Rackets"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Kai Lindemann<\/h5>\n\n\n\n<p>Die Epstein-Files sind gewisserma\u00dfen das Interaktionshandbuch der herrschenden Klassen im 21. Jahrhundert. Im Netzwerk des Finanzberaters Epstein waren Abh\u00e4ngigkeit, Komplizenschaft, gegenseitige Absicherung und Vertuschung krimineller Taten die Regel. Diese Merkmale erg\u00e4nzen die globalen Strukturen von Steuerbetrug, Staatspl\u00fcnderung und privilegierter Loyalit\u00e4t, die vor einigen Jahren aus den geleakten Panama-, Paradise- und Pandora-Papers ersichtlich wurden. Zugleich bringt Epsteins misogynes Netzwerk die Verachtung seiner Mitglieder gegen\u00fcber Frauen und subalternen Klassen zum Vorschein. Die Dimensionen des Menschenhandels und der ausge\u00fcbten sexuellen Gewalt gegen junge Frauen durch \u201eanerkannte\u201c Leistungstr\u00e4ger schockieren enorm, auch weil sie die menschenverachtenden Ressentiments der Herren offenlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Epsteins Netzwerk diente prim\u00e4r den \u00f6konomischen Bed\u00fcrfnissen seiner Komplizen. Ob es um die Ausfinanzierung des Lehrstuhls an der Universit\u00e4t ging \u2013 wie bei Noam Chomsky oder dem Nobelpreistr\u00e4ger Richard Axel \u2013 oder um Gesch\u00e4ftsgeheimnisse \u2013 wie beim Politiker Peter Mandelson und Prince Andrew. Es war ein Geben und Nehmen (neudeutsch: <em>Dealmaking<\/em>) und so konnte sich Epstein auch sicher sein, dass er vor Gerichten und Staatsanw\u00e4lten gesch\u00fctzt blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Barrington Moore stammt sinngem\u00e4\u00df der Satz: Die Geschichte des Menschen ist eine ewige Abfolge von Gewalt und Betrug<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Jeffrey Epstein scheint diesen Befund als pers\u00f6nliche Losung verinnerlicht zu haben: Er f\u00e4lschte seinen Uniabschluss, um Lehrer f\u00fcr Physik und Mathematik an der exklusiven Dalton School in New York zu werden. Dort suchte er den Kontakt zu einflussreichen Eltern und wurde dem legend\u00e4ren Wallstreet-Investor Alan Greenberg (<em>Bear Stearns<\/em>) vorgestellt. Greenberg war begeistert von Epstein und stellte ihn ein, musste ihn allerdings schon 1981 entlassen, weil Epstein mit einer illegalen Darlehensvergabe die geltenden Broker-Regeln gebrochen hatte. Beide hielten dennoch weiterhin Kontakt und Epstein profitierte von Greenbergs Vermittlungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende der 1980er Jahre entwickelte sich an der New Yorker Wallstreet eine Goldgr\u00e4berstimmung im Investmentbanking. Auch Epstein hat sich in das lukrative Gesch\u00e4ft begeben. Anfangs soll er noch h\u00e4ufig Hochstapelei betrieben haben, aber sp\u00e4testens mit seinen ersten Erfolgen fragte niemand mehr nach seiner Herkunft und seinen Qualifikationen. Zu seinem Gesp\u00fcr f\u00fcr gute Gesch\u00e4fte und seinem windigen Talent, Menschen f\u00fcr sich zu gewinnen, passte auch sein Interesse an Insidergesch\u00e4ften. Prominente Kontakte gaben ihm Auskunft \u00fcber britische Investitionen und er war auffallend fr\u00fch \u00fcber die Rettungsma\u00dfnahmen in der Griechenlandkrise informiert. Das sind nur zwei bekannte Beispiele von sehr vielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Epstein w\u00e4re kein ambitionierter, neuzeitlicher \u201eSuper Rich\u201c gewesen, wenn er nicht auch selbst Steuerhinterziehung betrieben und gef\u00f6rdert h\u00e4tte. Die Jungferninseln, in dessen Staatsgebiet seine Privatinsel lag, stellen diesbez\u00fcglich Forderungen an seinen Nachlass. Er hat auf seiner Insel Unternehmen angemeldet und so Steuersparmodelle entwickelt und angeboten. Umgesetzt wurden diese von Kanzleien, wie wir sie auch aus den <em>Papers<\/em> kennen. Der US-Milliard\u00e4r Leon Black soll mit Epsteins Modellen mehr als 1 Milliarde Dollar an Steuern \u201egespart\u201c haben. In den besagten <em>Files<\/em> taucht auch er als Vergewaltiger auf. Schon 1997 war Black Vertrauter und F\u00f6rderer Epsteins. Zwischen 2012 und 2017 erhielt Epstein 160 Millionen Dollar Honorar von Black.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 2013 war Epstein zudem Kunde der Deutschen Bank, der es nicht entgangen sein d\u00fcrfte, dass Epstein bereits 2008 wegen Prostitution in Florida verurteilt wurde. Die Deutsche Bank st\u00fctzte Epsteins System mit 60 Konten, \u00fcber die vermutlich auch der Menschenhandel mit jungen osteurop\u00e4ischen Frauen finanziert wurde. Dieser Verdacht gr\u00fcndet auf exorbitant hohen Bargeldsummen, die von diesen Konten abgebucht wurden. Seit 2015 hat die Deutsche Bank ihre Gesch\u00e4fte mit reichen US-amerikanischen Kunden massiv ausgebaut. Vermutlich gab es dabei noch die ein oder andere \u00fcbliche Vermittlung durch Epstein. 2019 wurde die Gesch\u00e4ftsbeziehung von der Deutschen Bank beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Epstein war Autodidakt. Er wusste, wie man die effektiven \u201eweak ties\u201c<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> also die schwachen oder lockeren Verbindungen zu VIPs bedient, die ihm Sicherheit, Information und Vertrauen brachten. Epstein war der<em> Pappkamerad<\/em>, der die Bed\u00fcrfnisse und informellen Regeln f\u00fcr unaufdringliche Gef\u00e4lligkeiten der herrschenden Kreise verinnerlicht hatte. Er passte dort wunderbar hinein und wurde einer von ihnen. In diesem Netzwerk ist der Kodex der kaltbl\u00fctigen Konkurrenzgesellschaft ebenso verinnerlicht, wie die Komplizenschaft in gemeinsamer Sache. Gesch\u00e4ftsgrundlage sind unausgesprochene Drohungen, Loyalit\u00e4ten und gegenseitige Abh\u00e4ngigkeiten. Sie offenbaren die Wertelosigkeit, Gewaltbereitschaft und Empathielosigkeit der dort involvierten Personen. Die Dimension dieser kriminellen Energie ist der <em>Plot<\/em> in den <em>Files<\/em>. Wir kennen ihn sonst nur von Banden, Gangs und Rackets, wo sexistische Machteuphorie und Parastaatlichkeit eine analoge Bedeutung besitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Racket ist ein subtil gewaltf\u00f6rmiges, informelles Netzwerk aus Gef\u00e4lligkeiten, Droh- und Schutzpotenzialen und gegenseitiger Absicherung zum Erhalt der Privilegien seiner Mitglieder. \u00c4hnlich wie in mafi\u00f6sen Strukturen wohnt dem herrschenden Racket-Netzwerk eine tiefe Verachtung formaler Staatlichkeit und bestimmter sozialer Gruppen inne. Korrupte Staatsangestellte und Politiker, die Instrument der Interaktionen des Rackets sind, leisten dieser Haltung Vorschub. Solche Rackets haben es im neoliberalen Zeitalter sehr leicht und brauchen sich kaum verbergen. Sie m\u00fcssen sich aufgrund der \u00fcberspitzten, \u00f6konomischen Maxime selten f\u00fcr ihre Praxis rechtfertigen und k\u00f6nnen Kritik und Anklagen durch Bestechungen, Erpressungen oder mittels diskursiver Verschiebungen von wirtschaftlicher Legalit\u00e4t und politischer Legitimit\u00e4t neutralisieren<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Legitim erscheinen die Akteursverflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft unter dem technokratischen Primat der Wirtschaftskompetenz. Legal sind Praxen der Steuerhinterziehung und Staatspl\u00fcnderung, die durch die <em>Paradise-<\/em>, <em>Panama- <\/em>und<em> Pandora Papers<\/em> bekannt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201egeleakten\u201c Namenslisten dieser <em>Papers<\/em> lesen sich wie Racket-Illustrationen der <em>Yellow Press<\/em>, samt wirtschaftlicher Prinzipale und politisch-administrativer Agenten: vom europ\u00e4ischen Hochadel, \u00fcber amerikanische Neureiche aus dem IT-Sektor, russische und chinesische Oligarchen, arabische Prinzen, afrikanische Warlords, europ\u00e4ische Fu\u00dfballtrainer, deutsche Models, spanische Popstars bis hin zu sozialdemokratischen B\u00fcrgermeistern skandinavischer Hauptst\u00e4dte. Viele von ihnen wurden oftmals von Beratungsunternehmen und spezialisierten Rechtsanwaltskanzleien in die Steueroasen gelockt und leben ihre \u201eOff-Shore-Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c als \u201ecitizens of a brave new virtual country\u201c aus.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Epstein hat Personen mit \u00e4hnlichem Hintergrund bedient. Nur linke Wissenschaftler und linksliberale Schauspieler fehlten bisher (noch). Es sind \u00fcberwiegend M\u00e4nner, die sich der angebotenen Infrastruktur zur Sicherung ihrer Privilegien und ihres Geldes bedienen. In Zypern finden sie die Kanzleien, die ihr Geld in Briefkastenfirmen lenken, oft z\u00e4hlen ehemalige Minister und Generalstaatsanw\u00e4lte zu ihren Mitarbeitern.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> In Singapur oder den Cayman-Inseln k\u00f6nnen sie ihr Geld gut verstecken. Nach Dubai oder Moskau fl\u00fcchten sie vor dem Zugriff nationaler Verfolgungsbeh\u00f6rden. Auf den Philippinen k\u00f6nnen sie ihr Geld verdeckt investieren. Und bei Epstein erhielten sie Informationen \u00fcber lukrative Investitionsm\u00f6glichkeiten \u00fcber Vertraute im Netzwerk, in dem jeder von jedem profitiert, solange es gesch\u00fctzt und geheim gehalten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Racket ersetzt Loyalit\u00e4t das formale Recht. Verbunden f\u00fchlen sich seine Mitglieder im Ressentiment, der Verachtung gegen\u00fcber subalternen Klassen. Sie bekennen sich zum \u201eRecht des St\u00e4rkeren\u201c. Das macht sie zu einer verschworenen Gemeinschaft. Doch genau dieses Merkmal, das bei analogen, mafi\u00f6sen Strukturen v\u00f6llig naheliegend erscheint, sorgt in Bezug auf sie und ihre herrschenden Strukturen immer wieder f\u00fcr gro\u00dfe Kontroversen. Herrschende werden kurioserweise vom Vorwurf der Verschw\u00f6rung verschont, scheinbar ist es ihr Vorwurf, den sie jahrhundertelang gegen die Beherrschten verwenden. Er \u00e4hnelt dem Vorwurf des Verrats, der f\u00fcr herrschende Komplizen reserviert ist und stets die Dynamik der herrschenden Bl\u00f6cke garantiert. Doch die Verschw\u00f6rung ist gef\u00e4hrlicher, schlie\u00dflich sind \u201edie Beherrschten\u201c einfach zahlenm\u00e4\u00dfig mehr als die Herrschenden. Deshalb wird der Verschw\u00f6rungsvorwurf der Herrschenden immer ideologisch untermauert (ob als Vaterlandsverrat, unamerikanische Umtriebe, Illoyalit\u00e4t, und, und, und\u2026), denn eigentlich ist er identisch mit der Widerspenstigkeit, der bis zur Verschw\u00f6rung der Plan fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Racketbegriff entspringt dieser Tradition. Er wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA zur Kriminalisierung von Arbeiteraufst\u00e4nden genutzt<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a>. In den 1920er Jahren wurden die amerikanischen Gewerkschaften derart in die Illegalit\u00e4t gedr\u00e4ngt, dass von nun an das Racket eine konkrete Gestalt in den vermeintlichen Gangstern Lucciano und Capone annahm. Horkheimer und Adorno haben den inflation\u00e4ren Gebrauch des Wortes in der amerikanischen \u00d6ffentlichkeit zum Anlass genommen, das Racket als Begriff zu wenden, ihn also in alter kritischer, hegelianischer Tradition vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe zu stellen. Da ihnen der Begriff der herrschenden Klasse, gerade in Zeiten des Faschismus, zu wenig differenziert und aussagekr\u00e4ftig war, verwendeten sie den Begriff des Rackets. Es ging ihnen hierbei insbesondere um die Analyse der politischen Praxis der herrschenden Klassen und nicht um skandalisierendes Aufdecken einer statischen verschworenen Struktur, was weder der herrschenden Dynamik gerecht noch \u2013 wie beim Elitebegriff \u2013 die soziale Dimension jener Praxis fassen w\u00fcrde. Es ging ihnen also im hegelianischen Sinne um ein gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis bzw. einen gesellschaftlichen Kampf. Und so konstatiert Horkheimer in emanzipatorischer Absicht, dass das Racket gegen den Geist verschworen sei. Herrschaftspraxis sei demnach also immer verschworen gegen Werte, Ethik und Aufkl\u00e4rung. Das ist die Quintessenz des Racketbegriffs der kritischen Theorie.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist der Verschw\u00f6rungsverdacht fester Bestandteil des rhetorischen Inventars der herrschenden Klassen und nach deren Auffassung sehr breit in der Gesellschaft verinnerlicht. Herrschaftskritik gilt heute oft als Verrat Die Kapitalfraktionen brauchen keine teure Propaganda mehr zu machen. Zur Diskreditierung absurder politischer \u00c4u\u00dferungen wird einfach der Vorwurf der Verschw\u00f6rungstheorie lanciert, statt die Inhalte solcher L\u00fcgengeschichten einfach als konfuse Fantasien abzuqualifizieren. Zugleich werden ebenso haltlose Ressentiments gegen arme und arbeitslose Personen gesch\u00fcrt, die absurd und verlogen sind, aber schnell geglaubt werden, denn sie betreffen ja keine privilegierten Menschen, denen man sich als Mitglied ihrer Beutegemeinschaft anempfehlen m\u00f6chte. Mit der Verschw\u00f6rung ist es genauso wie mit der Ideologie, sie gleichen beide dem Mundgeruch: Den haben immer nur die Anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Epsteins Netzwerk hatte ebenso keinen Plan wie das Racket. Es hatte nur den Racket-Plan der Selbsterhaltung mit entsprechenden Praxen, die gegen das Gesetz, die Moral und Humanit\u00e4t verschworen waren. Die Sozialwissenschaften und viele Polit-Strategen brauchen immer Pl\u00e4ne, Sandkastenmodelle, Narrative, Framing und \u201eIsmen\u201c. Doch es gibt im entpolitisierten Zeitalter keine Trag\u00f6die mehr im sinnentleerten Raum der \u201eSuper Rich\u201c. Die Trag\u00f6die findet nur noch in den subalternen Klassen statt. Denn der fehlplatzierte trumpistische <em>Businessman<\/em> an der Spitze des Staates braucht keinen Plan, so kann er sich und seinen Aktionismus immer wieder pomp\u00f6s inszenieren. Er braucht auch keine Weitsicht, keine Perspektive und kein eingehaltenes Versprechen. Es z\u00e4hlt nur das Bekenntnis zur Opfergabe der Subalternen und der eigene Erfolg im <em>Jetzt<\/em>: so ist der politische Slang der Neuzeit. Kanzler und Pr\u00e4sidenten reden \u00fcber die <em>res publica<\/em>, wie auf einer Hauptversammlung die Aktion\u00e4re \u00fcber die Besch\u00e4ftigten, die den Surplus erwirtschaften sollen. Die Beutegemeinschaft, die auch in der mafi\u00f6sen Welt zugleich eine ausgebeutete Gemeinschaft ist, wird um noch mehr Schutzgeld betrogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Epstein-Racket war jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Epstein konnte sicher sein, dass seine Kontakte ihn sch\u00fctzen w\u00fcrden, solange sie von ihm profitieren. Zur Sicherheit hat er die Vergehen seines Netzwerks klar dokumentiert. Trotzdem endete er wie ein fallengelassener Mafioso. Er hat sein Netzwerk und dessen Dynamik untersch\u00e4tzt, was schon vielen <em>Padres<\/em> geschah. Im Epstein-Netzwerk gab es keine Sicherheit und keinen Plan. Es gab Gewohnheiten und Trends und es gab klare politische Vorstellungen von dem, was m\u00f6glich ist und allen Beteiligten n\u00fctzt, wie: Steuerhinterziehung, Pl\u00fcnderung von Staatshaushalten, Forderungen nach Deregulierung, sog. B\u00fcrokratieabbau, Abbau von Sozialstaatlichkeit, Niederschlagung der Gewerkschaften und anderer Organisationen wie den \u201enervenden\u201c NGOs. Nicht nur in Deutschland werden die Offensiven zum Erreichen dieser dem Racket \u201en\u00fctzlichen\u201c Ziele unkritisch und naiv betrachtet. Das Feuilleton ist ratlos, weil es seine eigenen liberalen Pr\u00e4missen nicht widerspr\u00fcchlich denken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Demokratie ist es aber weitaus bedenklicher, dass die letzten Relikte des sozialdemokratischen Staates aus dem 20. Jahrhundert zur Abwicklung stehen. Noch fataler ist, dass ein anderes, fortschrittliches Staats- oder Gesellschaftsmodell nirgendwo in Aussicht steht. So kann sich das archaische Weltbild des rechtslibert\u00e4ren <em>racketf\u00f6rmigen<\/em> Unternehmertums durchsetzen und austoben. Es ist das Ergebnis der allseits anerkannten \u201eVerzwergung der Politik\u201c (Habermas). Die Rackets der Superreichen \u00fcbernehmen. Sie schaffen Mittelschichten als Beutegemeinschaften, um ihre herrschende Praxis zu legitimieren. Sie spalten die Gesellschaft, um Gegenkollektive zu verhindern, Solidarit\u00e4t zu unterbinden und eine Masse \u201everlorener Individuen\u201c zu beherrschen. Sie hetzen gegen arme und gefl\u00fcchtete Menschen, weil sie wissen, wie das rassistische Ressentiment verf\u00e4ngt, von klassenpolitischen Differenzen ablenkt und ihre Stellung festigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten Reste sozialdemokratischer \u00dcberzeugung in den Gewerkschaften und Parteien verharren im blo\u00dfen Abwehrkampf. Sie haben keine wirkm\u00e4chtigen Ideen, keinen angemessenen Staatsbegriff und kein politisches Projekt, dass sie dem \u201eRacket-Muster\u201c entgegensetzen k\u00f6nnten. Deshalb imitieren sie dessen (M\u00f6glichkeits-)Pr\u00e4missen, damit sie sprechf\u00e4hig bleiben k\u00f6nnen. Letztlich machen sich die \u201eprogressiven\u201c Kr\u00e4fte damit zu Komplizen und (v)erkl\u00e4ren Korruption, Konspiration und Herrschaft zu toten Begriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im heutigen Zeitalter ist die empirische Evidenz der Rackets allerorts sichtbar. Aber die gesellschaftstheoretische Ausformulierung des Begriffs muss eindeutiger werden, damit die kritisch-materialistische Theoriebildung ein emanzipatorisches Analyseinstrument zur Hand hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Rackets und herrschende Klassen haben immer nur den Plan dessen, was m\u00f6glich ist unter den gegebenen gesellschaftlichen (kapitalistischen) Verh\u00e4ltnissen. Das ist ihre einzig wahre Ideologie. Was m\u00f6glich ist, wird auch an ihren Attacken gegen Frauen, Staat und Gesellschaft deutlich. Epstein war zwar ein prominenter Racketeer, aber eben kein Einzelfall.<\/p>\n\n\n\n<p>Quellen: S\u00fcddeutsche Zeitung, New York Times, NDR, WDR, Epstein Files ( <a href=\"https:\/\/www.justice.gov\/epstein\">https:\/\/www.justice.gov\/epstein<\/a> )<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Moore, Barrington 1987: <a>Ungerechtigkeit \u2013 Die sozialen Ursachen von Unterordnung und Widerstand<\/a>, Frankfurt\/Main, S. 666<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Granovetter, Mark S. 1973: The Strength of Weak Ties, in: <em>American Journal of Sociology<\/em>, Vol. 78, No. 6, S. 1360-1380<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Lindemann, Kai 2024: Die Politik der Rackets, Zur Praxis der herrschenden Klassen, M\u00fcnster<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Henry James, The Price of Offshore revisited, in <em>Taxjustice,<\/em> Juli 2012: https:\/\/www.taxjustice.net\/cms\/upload\/pdf\/Price_of_Offshore_Revisited_120722.pdf , abgerufen am 11.08.2020<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Pandora Papers, in: <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> vom 4. Oktober 2021, Seite 9<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Greiner, Bernd 2025: Wei\u00dfglut, Die inneren Kriege der USA, M\u00fcnchen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Kai Lindemann<\/p>\n<p>Die Epstein-Files sind gewisserma\u00dfen das Interaktionshandbuch der herrschenden Klassen im 21. Jahrhundert. Im Netzwerk des Finanzberaters Epstein waren Abh\u00e4ngigkeit, Komplizenschaft, gegenseitige Absicherung und Vertuschung krimineller Taten die Regel. Diese Merkmale erg\u00e4nzen die globalen Strukturen von Steuerbetrug, Staatspl\u00fcnderung und privilegierter Loyalit\u00e4t, die vor einigen Jahren aus den geleakten Panama-, Paradise- und Pandora-Papers ersichtlich wurden. Zugleich bringt Epsteins misogynes Netzwerk die Verachtung seiner Mitglieder gegen\u00fcber Frauen und subalternen Klassen zum Vorschein. 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