{"id":980,"date":"2026-09-15T12:54:44","date_gmt":"2026-09-15T10:54:44","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=980"},"modified":"2026-09-15T12:57:44","modified_gmt":"2026-09-15T10:57:44","slug":"rezension-omer-bartov-israel-what-went-wrong","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp.links-netz.de\/?p=980","title":{"rendered":"Rezension: Omer Bartov \u2013 Israel: What went wrong?"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Michael B. Elm<\/h5>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der in Israel geborene Holocaust- und Genozidforscher, Sohn des bekannten Autors und Schauspielers Hanoch Bartov, legt mit seinem Buch `Israel: What went wrong\u00b4 eine pers\u00f6nlich-politische Bestandsaufnahme des Zionismus vor. Er beschreibt dessen Wandel von einer auf j\u00fcdische Emanzipation und nationale Befreiung bezogene Bewegung hin zu einem ethnonationalistischen Regime, das seine liberalen Wurzeln weitgehend eingeb\u00fc\u00dft hat. Dies wird nicht als unausweichliche Entwicklung beschrieben &#8211; wie manche im Sinne siedlerkolonialistischer Regime argumentieren &#8211; sondern war und ist in politische Entscheidungen eingebunden, die auch anders ausfallen k\u00f6nnen. Entsprechend lautet seine Fragestellung: \u201eHow is it that the appeal to humanitarianism, tolerance, the rule of law, and protection of minorities that characterized the beginning of Jewish self-emancipation gradually acquired all the traits of the relentless, remorseless, and increasingly racist ethno-nationalisms from which Zionism sought to liberate European Jewry?\u201d (Bartov, Omer. Israel: What Went Wrong? (S. 7) Kindle Edition.)<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Fragestellung haben schon Viele vor Bartov verfolgt. Oft wird die Besatzungspolitik nach dem gewonnenen Sechs-Tage-Krieg angef\u00fchrt, die die Besiedelung der Westbank einleitete und nach und nach als autorit\u00e4re Bewegung eines Besatzungsregimes ins israelische Kernland zur\u00fcckschlug. Bartov setzt mit der Ausarbeitung der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung, einer fehlenden israelischen Verfassung, Entstehung von V\u00f6lkerrecht und Genozidkonvention sowie der erinnerungspolitischen Formierung des Shoah-Gedenkens einen anderen Schwerpunkt. Dies ist den Entwicklungen der letzten Jahre geschuldet, in der die sogenannte Justizreform der rechtsextremen Netanjahu-Regierung, das Massaker des 7.Oktobers und der Gazakrieg die Themen in den Blickpunkt r\u00fcckten. Er bef\u00fcrwortet die Bezeichnung der israelischen Kriegsf\u00fchrung seit Fr\u00fchjahr 2024 als genozidal, was ihm innerhalb der aufgeladenen und polarisierten Debatten sowohl Kritik wie Anerkennung eingebracht hat. Man konnte sich also fragen, ob es Bartovs Buch gelingt, neue Akzente zu setzen, die sich durch seine Expertise als Historiker und Genozidforscher aber auch durch seine intime Kenntnis und tiefe Verbundenheit mit der israelischen Gesellschaft auszeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kurze Antwort lautet, dass insbesondere seine Betrachtungen zur ausgebliebenen Verfassungsgebung, der Diskussion um Antisemitismus- und Erinnerungspolitik sowie den Debatten um den Genozidbegriff kenntnisreich sind und wichtige Differenzierungen leisten, w\u00e4hrend einige seiner politischen Beurteilungen eher oberfl\u00e4chlich ausfallen. Als erinnerungspolitische Schnittstelle der Diskurse f\u00fchrt Bartov den Holocaust und die Nakba als sehr unterschiedliche, aber historisch aufeinander bezogene nationale Katastrophen an: \u201eIndeed, there are those who find merely invoking the Holocaust and the Nakba in the same context to be scandalous, both because of their enduring traumatic effects and thanks to each group\u2019s insistence on the exclusivity of its victimhood, resulting in resistance to comparison and analogy. In fact, the two events are inextricably linked historically, personally, and as part of a politics of memory, and they have respectively become constitutive of Israeli and Palestinian national identities\u201d. (Bartov, 16-17) Bartov beschreibt, wie die Holocausterinnerung \u2013 nach anf\u00e4nglicher Ignorierung der \u00dcberlebenden \u2013 zu einem zentralen Motiv der israelischen Memoriallandschaft wurde. Wie die israelische Kultur darum bem\u00fcht war, ihre Diasporaidentit\u00e4t abzulegen und durch ein k\u00e4mpferisches `Nie Wieder\u00b4 zu ersetzen. Entscheidend f\u00fcr die Verkn\u00fcpfung zur Gegenwart ist dabei, dass einerseits das erinnerungspolitische Mantra eine partikularistische Auslegung erhielt, also ein `Nie Wieder Uns\u00b4 etablierte, und andererseits einer permanenten Aktualisierung unterliegt. Mit anderen Worten: die Shoah kann sich jederzeit wiederholen. Jede Generation muss aufs Neue die Bedrohung abwenden. Beide Motive sind innerhalb nationalstaatlich kodierter Verarbeitung von Gewaltgeschichte und regional andauernder Konflikte nachvollziehbar. In der existenziellen Auseinandersetzung mit den Pal\u00e4stinenser_innen werden sie allerdings einer fatalen Aktualisierung zug\u00e4nglich. Das Massaker des 7.Oktobers wurde trotz \u00e4u\u00dferst unterschiedlicher Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse der Kontrahenten entsprechend ausgelegt. Dabei befeuerte die rechtsextreme Regierung unter Premierminister Netanjahu von Anfang diese Deutung und nutze sie f\u00fcr ihre eigenen politischen Zwecke und den Machterhalt der Regierungskoalition. Bartov zeichnet diese Entwicklungen genau nach und reflektiert, wie der ressentimentgeladene Gazakrieg selbst genozidale Formen annehmen konnte. Die systematische Zerst\u00f6rung der Lebensbedingungen in Gaza, die &nbsp;Lebensmittelblockaden und Bombardierungen von Gesundheitseinrichtungen l\u00f6sten bei ihm vor dem Hintergrund der ge\u00e4u\u00dferten Vernichtungsabsichten durch israelische Politiker und Milit\u00e4rs einen Einsch\u00e4tzungswandel aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schildert einen Besuch im Juni 2024 an der Ben-Gurion-Universit\u00e4t in Beer Sheva. Aufgrund seiner in der internationalen Presse ge\u00e4u\u00dferten Warnung vor einem Genozid kam es zu Protesten gegen seine Einladung durch Studierende. Nach anf\u00e4nglichen St\u00f6rungen gelang es den Veranstaltern die Studierenden in eine Diskussion einzubeziehen. Viele hatten selbst an Kriegshandlungen als Soldat_innen in Gaza teilgenommen und wollten ihre Erfahrungen einbringen, bzw. belegen, dass Bartovs Darstellungen nicht der Realit\u00e4t entsprechen. \u201eThey showed me photos on their phones to prove that they had behaved admirably toward children, denied that there was any hunger in Gaza, insisted that the systematic destruction of schools, universities, hospitals, public buildings, residences, and infrastructure was necessary and justifiable. They viewed any criticism of Israeli policies by other countries and the United Nations as simply antisemitic.\u201d (Bartov, 24) Er beschreibt die Haltung der Studierenden als typisch f\u00fcr die Situation in Israel zu diesem Zeitpunkt, was sich durch entsprechende Umfragen belegen l\u00e4sst. In der Reaktion auf das Massaker des 7. Oktobers wurden alle zivilen Opfer in Gaza als notwendige gerechtfertigt, bzw. durch die milit\u00e4rische Strategie der Hamas verursacht, wenn sie denn \u00fcberhaupt zur Kenntnis gelangten. Die Ausf\u00fchrungen der israelischen Studierenden erinnern Bartov an seine eigenen historischen Untersuchungen \u00fcber den Einflusses von Nazipropaganda auf Wehrmachtssoldaten gegen\u00fcber den `bolschewistischen Untermenschen\u00b4. \u201eHaving embraced certain views of the enemy\u2014the Bolsheviks as Untermenschen, Hamas as human animals\u2014and of the wider population as less than human and undeserving of rights, soldiers observing or perpetrating atrocities tend to ascribe them not to their own military or to themselves, but to the enemy.\u201d (Ebd. 41)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend seine Kritik der Verwischung der Grenzen zwischen der islamistischen Terrormiliz und der Zivilbev\u00f6lkerung in Gaza seine Berechtigung hat, sind die Analogien der Nazis und Wehrmachtsoldaten mit den heutigen Soldaten des IDFs (die an sp\u00e4terer Stelle noch ausgeweitet wird) problematisch, weil sie den historischen geopolitischen Kontext nicht ad\u00e4quat ber\u00fccksichtigen. Auch wenn das Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre sich sicherlich noch gedem\u00fctigt f\u00fchlte von Kriegsniederlage, Versailler Vertr\u00e4ge und \u00f6konomischer Misere war die Weimarer Republik keiner unmittelbar milit\u00e4rischen Bedrohung ausgesetzt oder wurde durch einer ihrer Nachbarstaaten mit Ausl\u00f6schung bedroht. (Vgl. 44) Der Einbezug der regionalen Konflikte mit seinen Schatten- und Mehrfrontenkriegen, die einen starken Einfluss auf die innerisraelischen Debatten haben, kommt insgesamt zu kurz.<\/p>\n\n\n\n<p>Legt man zur Bewertung solcher Vergleiche die Antisemitismusdefinition der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) zugrunde, wie sie von der deutschen Recherche Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) adaptiert wurde, m\u00fcsste Bartovs historische Analogie als antisemitisch bezeichnet werden. Nach dem RIAS-Verst\u00e4ndnis f\u00e4llt jede Relativierung des Holocaust oder Vergleiche von Israel mit dem nationalsozialistischen Deutschland in diese Kategorie. Eine solche Zuschreibung gegen\u00fcber Bartov w\u00e4re jedoch hochgradig absurd und verweist auf die Kontextblindheit der zugrundeliegenden Definition, die Sprecherposition, Intention und die Art und Weise des Vergleichs vernachl\u00e4ssigt.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Wie oben dargelegt, l\u00e4sst sich Bartovs Position sehr wohl ohne Antisemitismusvorw\u00fcrfe kritisieren. Dem Themenkomplex des Antisemitismus und seiner Instrumentalisierung wendet Bartov sich in seinem zweiten Kapitel `Zionismus und Antisemitismus\u00b4 zu. Hier gelingt ihm eine differenziertere Darlegung der Problematik, die sowohl den Fortbestand und Ausweitung antisemitischer Einstellungen und Praktiken nach dem 7. Oktober aufzeigt wie die `Weaponization\u00b4 von Antisemitismusvorw\u00fcrfen in verschiedenen politischen Kontexten benennt. Bartov bettet die gegenw\u00e4rtigen Auseinandersetzungen in einen ausf\u00fchrlichen und lesenswerten Exkurs zur Geschichte von Judenhass und Antisemitismus in Europa ein. Letztlich dient ihm dieser zur Darstellung, wie der in Europa entwickelte Zionismus die Auseinandersetzungen um Antisemitismus aufgenommen und in die israelische Staatsgr\u00fcndung eingeschrieben hat. Die Staatsgr\u00fcndung wird bekannterma\u00dfen als Antwort auf den europ\u00e4ischen Antisemitismus verstanden, die durch den Holocaust eine endg\u00fcltige Best\u00e4tigung erhielt. Im Laufe der israelischen Geschichte werde diese Zusammenf\u00fchrung aber im israelischen Mainstream zu einer national-identit\u00e4ren Abwehr von Kritik verdichtet: \u201cPrecisely because of its self-image as a righteous response to the Holocaust, Israel cannot accept its responsibility for the injustice of the Nakba and the occupation; it perceives any substantive criticism of its policies, let alone of the manner of its creation, as undermining its very right to exist and serving the core motivation of modern antisemitism, removal of the Jews.\u201d (Bartov, 79). Die enorme Zuspitzung dieser Haltung durch die gegenw\u00e4rtige Administration l\u00e4sst sich bei den j\u00e4hrlich in Jerusalem abgehaltenen Konferenzen zur Bek\u00e4mpfung von Antisemitismus beobachten. Diese wehrt jegliche von au\u00dfen kommende Kritik an ihrer Politik \u2013 im Verbund mit Vertreter_innen anderer autorit\u00e4rer Regierungen \u2013 als antisemitisch ab. Selbst linientreue Bef\u00fcrworter israelischer Regierungspolitik wie Volker Beck und Felix Klein sahen sich gezwungen, ihre Teilnahme an der Konferenz in 2025 aufgrund der Besetzung mit autorit\u00e4ren und rechtspopulistischen Politikern zur\u00fcckzuziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bartov stellt der national-identit\u00e4ren Version eines `Nie Wieder Uns\u00b4 seine universalistische Auslegung gegen\u00fcber und bindet deren Bedeutung in ein fiktives Statement von Ex-Pr\u00e4sident Joe Biden ein. \u201cWhat should President Biden have said in his speech, when he still had the opportunity to stop the killing in Gaza, and what should Jewish and all other American community leaders\u2014not least scholars and directors of institutions dedicated to the study and memory of the Holocaust\u2014have said? \u201c\u2018Never again\u2019 means never again killing innocent Jews, as perpetrated by Hamas, just as much as it means never again killing innocent Palestinians, as in the IDF killing of thousands of Palestinian children. Never again wanton, callous murder. Never again impunity. This must always be the right policy against antisemitism, as against any other type of racism and bigotry.\u201d (Ebd. 89).<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten Kapitel spricht Bartov als Holocaust und Genozid Forscher. Er beleuchtet Debatten um die Kolonialgeschichte und die Singularit\u00e4t des Holocaust in Deutschland sowie die Gr\u00fcndung internationaler Organisationen wie dem International Criminal Court (ICC) oder dem International Court of Justice (ICJ) als institutionalisierte Konsequenzen aus dem V\u00f6lkermord. In Deutschland werde der Einbezug der migrantischen Bev\u00f6lkerung ins nationale Kollektiv durch eine Verpflichtung aufs Holocaustgedenken erschwert. Der Verweis auf die besondere Verantwortung Deutschlands gegen\u00fcber Israel habe auch zu einer ablehnenden Haltung gegen\u00fcber S\u00fcdafrikas Genozidklage beim ICJ beigetragen. Gleichzeitig wurde die Aufarbeitung der eigenen Kolonialgeschichte lange vernachl\u00e4ssigt. (Ebd. 94-95) Bartov f\u00fchrt hier bekannte Kritiken an der deutschen Erinnerungspolitik an, die allerdings nicht vertieft werden. Weitreichender sind seine Betrachtungen zu den juristischen Verzweigungen der Genozidgesetzgebung im Anschluss an die Genfer Konvention von 1945. Angesichts der V\u00f6lkermorde nach dem Holocaust mute deren rechtliche Kodifizierung als vergeblich an. Dennoch sei eine Struktur humanit\u00e4ren Rechts entstanden, die nach dem Ende des kalten Krieges z\u00f6gerlich Anwendung gefunden habe. Das zeigen die Anklageerhebungen in Ex-Jugoslawien und Ruanda sowie gegen\u00fcber Myanmar, Russland und zuletzt Israel. Bartov bezeichnet den Beitrag des Holocaust zur Entwicklung der Struktur internationalen Recht als `Fluch und Segen\u00b4 (100). Die Spezifik des Holocaust mit seiner b\u00fcrokratisch angeleiteten und industriell durchgef\u00fchrten Massenvernichtung habe erinnerungskulturell eine hohe Messlatte gegen\u00fcber anderen Gewaltverbrechen geschaffen, die deren Einordnung als Genozide erschwere. Gleichzeitig seien durch die Nachkriegsordnung jene moralisch und rechtlich kodierte Erinnerungs- und Handlungsgebote geschaffen worden, die trotz verschiedener Auspr\u00e4gungen in den USA, Deutschland und Israel den westlichen Staaten als moralische Richtschnur dienten. Heute, wo der US-amerikanische Hegemon, die von ihm geschaffene Nachkriegsordnung aufgek\u00fcndigt hat, geraten auch deren moralische Gel\u00e4nder ins Wanken, bzw. werden nach den neuen Regeln eines protektionistischen Hypernationalismus umgestaltet. Das f\u00fcgt sich gut ins Weltbild der israelischen Rechten und deren ethnonationalistischer und messianistischer Ideologien ein. Bartov erkl\u00e4rt die spezifische Aggressivit\u00e4t der israelischen Milit\u00e4rpolitik mit ihren gezielten T\u00f6tungen und In-Kauf-Nehmen ziviler Opfer in Gaza und anderswo aus der eingangs dargestellten erinnerungspolitischen Selbstviktimisierung. Wenn der n\u00e4chste Holocaust immer nur um die Ecke wartet, sind alle Mittel recht, sich dagegen zu wehren. \u201cWhat had been for long the \u201cnever again\u201d syndrome thus became its exact opposite, the \u201cagain and again\u201d syndrome\u2014an internalized, irrational, and misleading terror of another Holocaust, always lurking behind the corner, from which one can liberate oneself only by lashing out, pressing down, breaking in, and blowing up both one\u2019s own doubts and unease and any real or perceived external threat\u201d (107). Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober wurde in der j\u00fcdisch-israelischen Bev\u00f6lkerung mehrheitlich als Best\u00e4tigung dieser Haltung aufgefasst. Bartov zitiert einen ehemaligen Shabak-Mitarbeiter (innenpolitischer Nachrichtendienst), dessen Facebook-Nachricht viral in Israel ging und den Ausdruck von Ern\u00fcchterung bis weit in die Mitte israelischer Politik pr\u00e4gte: \u201eI was wrong. I was so wrong. All my adult life I was captive of the paradigm of a resolution [of the conflict] with the Palestinians. A belief that one day there will be peace here and that it\u2019s only a matter of time, and [that it] should be promoted by means of education, tolerance, humanitarian gestures, economic peace, conversations with the \u201cmoderates,\u201d giving up territory, inclusion, and recognition of pain. I believed that the conditions of poverty, oppression and occupation made them turn to terrorism. I believed that most of them were wretched, and that any people would behave like that under similar circumstances. I believed in their rationality and that at the end they too, like us, want a tranquil, progressive, modern, and prosperous life&nbsp;\u2026 All this collapsed on October 7. All the realists who warned and alerted us for years were right: they mean what they say and write, they are here to annihilate us, they cannot be trusted. None of them. Nothing has changed in them since the riots of 1929&nbsp;\u2026 This is a shock. A tremendous sobering up&nbsp;\u2026 The Holocaust that some of the Jewish people experienced in&nbsp;\u2026 its own sovereign state&nbsp;\u2026 is something that was inconceivable&nbsp;\u2026 The legacy of this event&nbsp;\u2026 is that the people living in Zion will sober up&nbsp;\u2026 It is either us or them. This demands transition from containment to defeat, total defeat&nbsp;\u2026 The most moral thing is to live here and wipe out the evil.\u201d (Zitiert nach Bartov 2026, 108-109). Diese Haltung und Auslegung des Massakers, die w\u00e4hrend der ersten Monate breite Teile des liberalen Lagers erfasste, muss zweifellos als Erfolg f\u00fcr die Hamas gewertet werden. Deren Politik zielt genau auf eine Verunm\u00f6glichung politischer Kompromisse. Bartov gew\u00e4hrt auch den minorit\u00e4ren Stimmen in Israel etwas Raum, die schon bald eine `Ausn\u00fcchterung von der Ausn\u00fcchterung\u00b4 forderten und eine Korrektur von Kriegsf\u00fchrung und Kriegszielen forderten. Er beschr\u00e4nkt sich allerdings auf den ultraorthodoxen Journalist und Aktivist Isarel Frey und l\u00e4sst so prominente wie konservative Stimmen ehemaliger Likudniks wie Ehud Olmert, Tzipi Livni und Moshe Ja \u030dalin unerw\u00e4hnt. Dabei wird zurecht darauf hingewiesen, dass es den meisten dieser Kritiker_innen, um die Befreiung der israelischen Geiseln und nicht um die Zivilbev\u00f6lkerung in Gaza ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gesellschaftlichen Polarisierung der Wahrnehmung von Hamas-Massaker und Gaza-Krieg entspreche ein Auseinanderdriften der akademischen Disziplinen von Holocaust- und Genozid-Forschung. Holocaust Scholars sehen den 7. Oktober als Fortsetzung der historischen Vernichtungspolitik gegen Juden und J\u00fcdinnen, w\u00e4hrend Genozid-Forscher die israelische Besatzungspolitik und das Motiv der Vergeltung gegen\u00fcber der Hamas in Gaza in den Vordergrund r\u00fccken. Ohne Zweifel beschreibt Bartov hier sein eigenes Dilemma, wenn er von den Verw\u00fcrfnissen dieser beiden, eng verwandten Forschungsfelder spricht: \u201eMy own sense is that the fields of Holocaust studies and genocide studies may drift increasingly apart, in a manner that will undermine their public and educational impact and affect the quality of their research and their scholarly authority.\u201d (Bartov, 114). Er pl\u00e4diert demgegen\u00fcber f\u00fcr die Fortsetzung des schon vor Jahrzehnten begonnenen Trends, den Holocaust in gr\u00f6\u00dferen Kontexten von Gewalt- und Konfliktgeschichte zu studieren und zu gedenken. Die disziplin\u00e4ren Auseinandersetzungen werden nicht zuletzt von einem Kampf um Ressourcen und F\u00f6rdermittel gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u200eInsgesamt macht Bartovs Argumentation deutlich, dass die Vektoren der erinnerungspolitischen Narrative in Israel, Deutschland und den USA nach dem Gazakrieg in verschiedene Richtungen weisen. Die knapp f\u00fcnfzigj\u00e4hrige Vorherrschaft der Holocausterinnerung im Westen, die auch Israel zugutekam, geht zu Ende. Einige sehen darin, das `Ende der Schonzeit\u00b4 (Gad Arnsberg in der FAZ) f\u00fcr J\u00fcdinnen und Juden und das ist sicher nicht ganz falsch. Israelfeindliche und antisemitische Motive und Politiken werden sich in Zukunft noch leichter vermischen lassen, als dies ohnehin schon geschieht. Das passiert in Teilen der Linken, wie man es in der j\u00fcngeren Vergangenheit von einzelnen antiimperialistischen Gruppen kannte und hilft dem konstitutiv auf Verschw\u00f6rungstheorien basierenden populistischen Autoritarismus sich mit pro-israelischen Federn schm\u00fccken kann, um seine rassistisch-ethnozentristischen Ideologien zu legitimieren. Auf der anderen Seite hat der Gazakrieg, die Intensivierung der Siedlungspolitik in der Westbank und die regierungsoffizielle Beanspruchung des gesamten Territoriums vom Jordan bis zum Mittelmeer durch die gegenw\u00e4rtige Koalition vor Augen gef\u00fchrt, wohin sich israelische Politik bewegt. Eine Politik der Zerst\u00f6rung und Vertreibung ohne politisch-diplomatischen Horizont gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinenser_innen. Ethnische Vertreibung und Genozid sind die praktischen Konsequenzen dessen. Deutschland wurde unterdessen von Prinz Putin und Ritter Trump unsanft aus seinem milit\u00e4rpolitischen Dornr\u00f6schenschlaf geweckt. Das perfide Duo beschw\u00f6rt mit seiner Sehnsucht nach imperialer Gr\u00f6\u00dfe und Ordnung alte Geister herauf, die nicht mit einer auf die Bearbeitung von Gewaltgeschichte ausgerichteten Traumapolitik \u2013 wie sie die Holocausterinnerung auszeichnet \u2013 zusammenpassen. Die erinnerungspolitische Klammer l\u00f6st sich auf.<\/p>\n\n\n\n<p>In den beiden letzten Kapiteln wendet sich Bartov zwei besonders empfindlichen Punkten zu: Einerseits der massenhaften T\u00f6tung von Kindern und andererseits dem innerisraelischen Diskurs um eine fehlende Verfassung. Das vierte Kapitel `On the slaughter of Children\u00b4 beginnt mit einem ber\u00fchmten Gedicht des israelischen Nationalpoeten Chaim Nachman Bialik \u00fcber das Pogrom von Kischinew 1903, in dem auch zahlreiche Kinder ermordet wurden. Nach Bartov werde in der israelischen Rezeption dessen einleitende Zeile, in der der Dichter Rache als Reaktion auf get\u00f6tete Kinder verneint und ausruft, dass `selbst der Satan keine Antwort auf dies furchtbare Verbrechen kenne\u00b4, oft weggelassen. Stattdessen werde es \u2013 gerade im Kontext des 7. Oktober \u2013 als Aufruf zur Rache wiedergegeben. Damit gibt Bartov die thematische Linie des Kapitels als gesellschaftliche Entscheidung zwischen Eingedenken und S\u00fchne oder Rache und Vergeltung vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst f\u00fchrt er den historischen Gehalt des Terminus Pogrom aus und weist dessen Geltung f\u00fcr das Hamas Massaker zur\u00fcck w\u00e4hrend er ihn f\u00fcr Siedler Attacken auf die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung in der Westbank bef\u00fcrwortet. Das entscheidende Kriterium ist demnach, ob die ausge\u00fcbte Gewalt staatlich gesch\u00fctzt oder \u2013 wie beim Massaker der Hamas \u2013 ein Versagen der Staatsgewalt darstelle. Als deren `tiefere Ursache\u00b4 (deeper cause) benennt er Netanjahus politische Strategie des `managing the conflict\u00b4. Er erinnert an dessen Bewilligung von Zahlungen aus Katar f\u00fcr die islamistische Terrororganisation und an Bezalel Smotrichs Bemerkung von 2015, dass die Hamas ein `Asset f\u00fcr Israel\u00b4 (122) sei, weil sie der diplomatischen Anbahnung einer Zwei-Staatenl\u00f6sung entgegenstehe. Eine Haltung, die bekanntlich von Netanjahu geteilt wurde. Trotz dieser offenkundigen politischen Mitverantwortung der israelischen Rechten am Zustandekommen des Massakers muss seine Wortwahl als unzureichend gelten. Sie entlastet die politische F\u00fchrung der Hamas, indem sie als `tiefere Ursache\u00b4 f\u00fcr das Massaker die v\u00f6lkerrechtswidrige Isolation von Gaza und die Besatzungspolitik der israelischen Rechten heranzieht. Vermischt wird das legitime Recht sich gegen Besatzung zu wehren mit der Aus\u00fcbung von terroristischer Gewalt, die Bartov an mehreren Stellen klar verurteilt. Entscheidender aber ist, dass die vernichtungspolitische Intention des Massakers, ihre genozidale Gewaltsprache, die sich gegen alle Israelis, ob jung oder alt, arabisch oder j\u00fcdisch, IDF-Soldatin oder thail\u00e4ndische Landarbeiter richtete, \u00fcbergangen wird. Diese Sprache der Gewalt wurde im israelischen Diskurs sehr wohl verstanden und aktualisierte tiefsitzende \u00c4ngste und Traumata. Man kann sagen, dass ein Teil der politischen Strategie von Yahwa Sinwar und Mohammed Deif, beide profunde Kenner der israelischen Gesellschaft aufgegangen ist. Die j\u00fcdisch-israelische Gesellschaft hat mehrheitlich auf die autotelische Gewalt der Hamas mit Vernichtung geantwortet und damit jedwede Form von gleichberechtigter Koexistenz mit den Pal\u00e4stinenser_innen verneint. Genau in der Zur\u00fcckweisung von politischer Gleichberechtigung und Koexistenz sind sich Hamas und die verschiedenen Fraktionen der israelischen Rechten aber einig. Bartov \u00fcbersieht den `kommunikativen\u00b4 Aspekt der Gewaltsprache und bleibt in seiner ideologischen Einordnung daher simplifizierend. Diese Simplifizierung teilt er im \u00dcbrigen aus entgegengesetzter Perspektive mit einigen seiner Kritiker, wie dem amerikanischen Historiker Jeffrey Herf, der ihm in der Rezension des Buches unterstellt den Antisemitismus der Hamas nicht wahrzunehmen und Israels existenzielle Bedrohung durch die Terrormiliz auszublenden<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. W\u00e4hrend Herf das abwendbare Massaker zu einer existenziellen und genozidalen Bedrohung f\u00fcr Israel aufbl\u00e4ht, wertet Bartov dessen symbolischen, auf Vernichtung zielenden Gehalt ab. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schlussteil des Kapitels exemplifiziert den Umgang mit get\u00f6teten Kindern anhand der entf\u00fchrten israelischen Bibas Familie, deren beide Kinder Ofir und Kfir zusammen mit der Mutter in der Gefangenschaft der Hamas umkamen, w\u00e4hrend der Vater im letzten Geiselaustausch befreit wurde. Diese tragische Geschichte spielte im medialen israelischen Diskurs eine gro\u00dfe Rollte und wurde von Netanjahu f\u00fcr politische Zwecke genutzt (131). Es werden zahlreiche Zitate israelischer Personen angef\u00fchrt, deren genozidaler Charakter oft auch die Ermordung von Kindern umfasst. Diese moralische und emotionale Abstumpfung sei \u00fcber die genannten erinnerungspolitischen Gr\u00fcnde hinaus, durch eine gezielte Ausblendung&nbsp; pal\u00e4stinensischen Leidens in den israelischen Medien m\u00f6glich geworden. Am Ende des Kapitels kommt er mit der Trauerrede von Ofri Bibas, der Schwester des Familienvaters, auf das Motiv von Rache und die M\u00f6glichkeit eines anderen Umgang zur\u00fcck: \u201eOur disaster as a people, our disaster as a family, should never have happened, and must never, ever happen again. They could have saved you, but they preferred revenge.\u201d (Bartov, 134)<\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Kapitel wendet sich Bartov von der moralisch-erinnerungspolitischen Betrachtung der juridischen Sichtweise zu. Es folgt eine ausf\u00fchrliche historische Betrachtung um die Abfassung der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung und die bis heute fehlende Verfassung und Grenzlinien des israelischen Staates. Bartov weist auf die im Teilungsplan der UN vorgesehene Verabschiedung einer demokratischen Verfassung beider Teilstaaten hin, die zu einer positiven Haltung gegen\u00fcber der Aufnahme der Staaten in die UN beitragen sollte. Bekanntlich lehnte die pal\u00e4stinensisch-arabische Seite den Plan ab, unter anderem aufgrund der ungleichen Landzuteilung (55% Israel, 45% Pal\u00e4stina) bei weit h\u00f6herem arabischen Bev\u00f6lkerungsanteil. Der Jischuv unter Ben-Gurions \u00c4gide stimmte hingegen zu, verschob die Verabschiedung einer Verfassung allerdings auf einen nicht n\u00e4her definierten Zeitpunkt und gr\u00fcndete ein bis heute aktives Komitee (Constitution, Law and Justice Committee), welches ein entsprechendes Gesetzespaket aus Grundgesetzen der Knesset zur Abstimmung vorlegen sollte. Die in der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung verhei\u00dfene Gleichstellung aller Staatsb\u00fcrger_innen war, laut Bartov, zu einem nicht unerheblichen Teil den Forderungen des UN-Teilungsplan geschuldet: \u201cthe fact that Ben-Gurion issued a Declaration with no clear legal standing, and then blocked the adoption of a constitution, suggests that he intended the eloquent document largely to serve foreign policy and propaganda needs.\u201d (Bartov, 146-147) Das durchaus austarierbare Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen j\u00fcdischem und demokratischen Charakter des Staates ist in die heute fortw\u00e4hrende Kontroverse, um die Befugnisse des Obersten Gerichtshofes und den Versuchen der rechtsextremen Regierung diese zu beschneiden, von Anfang an eingeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein ausgedehnter Abschnitt besch\u00e4ftigt sich mit dem ehemaligen Richter des Obersten Gerichtshofes, Aharon Barak, und dessen Versuchen, den liberalen Geist der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung in Gesetztestexte zu \u00fcberf\u00fchren. Die Anfang der 1990er Jahre auf Initiative von Barak durch die Knesset verabschiedeten Grundgesetze, `Menschenw\u00fcrde und Freiheit\u00b4 sowie `Freiheit des Berufs\u00b4 gelten der Rechten als eine Verfassungsrevolution von links, die den j\u00fcdischen Charakter des Staates angreife. Aus deren Sicht zieht sich eine direkte Linie von Ben Gurions Befehl, das mit Waffen f\u00fcr Menachem Begins Irgun beladene Transportschiff Altalena anzugreifen (wof\u00fcr sp\u00e4ter, im Kontext der Friedensverhandlungen von Oslo ein damals eher unbedeutender Offizier Namens Jitzchak Rabin verantwortlich gemacht wurde) hin zu Baraks juristischer Bevormundung in Form des deep state, der heute abgeschafft werden soll. Bartov verweilt etwas zu lange bei Baraks verfassungsrechtlichem Intermezzo, um dann mit dem Menschenrechtsanwalt, Autor und politischen Aktivisten Michael Sfard auf die affirmative Funktion des Obersten Gerichtshofes f\u00fcr die Durchsetzung j\u00fcdischer Privilegien einzugehen. \u201ethe same court, as we saw, has sanctioned the settlement project in the West Bank and has allowed genocide in Gaza. It is hard not to conclude that the liberal-secular definition of Zionism was as exclusionary as the religious one, and that its professions of equality and democracy for all were repeatedly negated by its focus on privileging one ethnicity over another.\u201d (Bartov, 167) Zweifellos ber\u00fchrt Bartov mit dem Verweis auf die Mitverantwortung des Gerichtshofes einen wichtigen Punkt. Die politisch nicht ganz unwichtige Frage, welche M\u00f6glichkeiten der Einflussnahme der unter Dauerbeschuss stehende Gerichtshof seit dem 7. Oktober auf die Kriegsf\u00fchrung in Gaza hatte, und ob das nicht vorwiegend die Sache der Oppositionsparteien w\u00e4re, ger\u00e4t allerdings aus dem Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende lautet Bartov d\u00fcsteres Fazit, dass der israelische Staat den Zeitpunkt verpasst hat, die zionistische Ideologie hinter sich zu lassen und ein emanzipatives Projekt zu begr\u00fcnden, dass die reichen Quellen j\u00fcdischer Kultur und Religion genutzt h\u00e4tte: \u201eOriginally, Zionism was a Jewish rebellion against fate and oppression, religious resignation and prejudice, ignorance and poverty and sickness. It broke away from the constraints of traditional society and left God far behind. Now, in an ironic reversal, the God of the Zealots is having the last word, as He did at Masada. As Israel is led singing and praying and dancing into the abyss, it is finally shaking itself free of Zionism and heading down the path of theocracy and apocalypse following a pillar of fire and smoke.\u201d (Bartov, 181). Mit anderen Worten: Die Realisierung des zionistischen Traumes h\u00e4tte &nbsp;&nbsp;eine Lockerung und Befreiung j\u00fcdischer Identit\u00e4ten aus der Umklammerung von Aberglaube und Antisemitismus erlaubt, w\u00e4hrenddessen sich extremistische Positionen etablierten, die den Gedanken an Frieden und Koexistenz \u00fcberhaupt in Abrede stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Nachwort f\u00fchrt er die politische Bedeutung seiner fatalen Diagnose aus. Eine Rettung kann nur noch von au\u00dfen kommen. Er kritisiert, dass bereits die Biden Administration vers\u00e4umte, ein fr\u00fchen Waffenstillstand zu erzwingen. Mit Dahlia Scheindlins 2025 erschienenen Buch <em>The Crooked Timber of Israeli Democracy<\/em> diskutiert er die Frage, ob die Zwei-Staaten-L\u00f6sung noch als politische Option gangbar ist, w\u00e4hrend die Siedlerbev\u00f6lkerung in der Westbank eine halbe Million Menschen betr\u00e4gt und wichtige Positionen in Polizei, Milit\u00e4r und Politik von deren Vertreter_innen besetzt werden. Bartov spricht sich implizit f\u00fcr eine f\u00f6derale L\u00f6sung des Nationalkonfliktes aus, die beiden Seiten Eigenstaatlichkeit aber weitgehende Wohnsitzfreiheit einr\u00e4umt. W\u00e4hrend er zurecht auf die Vers\u00e4umnisse der damaligen US-Regierung hinweist, und offenkundig ist, dass ohne ver\u00e4nderte US-amerikanische Haltung der Gordische Knoten nicht zu durchschlagen ist, bleibt seine Analyse mit Bezug auf die regionalen Ver\u00e4nderungen unvollst\u00e4ndig. Vielleicht ist es zu viel verlangt, angesichts der sich rasch umgestaltenden Region eine solche Ber\u00fccksichtigung in Buchform zu erwarten. Klar ist, dass f\u00fcr die Mehrheit der Israelis bereits wenige Tage nach dem Massaker die eigentliche Gefahr von der Hisbollah im Libanon und dem Regime im Iran ausging. Zudem werden die M\u00f6glichkeiten der israelischen Oppositionsparteien \u00fcbersehen oder bleiben unerw\u00e4hnt. Benny Ganz und Gadi Eisenkot h\u00e4tten das Kriegskabinett im Fr\u00fchjahr 2024 deutlich fr\u00fcher verlassen k\u00f6nnen und damit ebenfalls erheblichen Druck erzeugt. Damals wurde noch eifrig dar\u00fcber diskutiert, inwiefern Netanjahu von seinen rechtsextremen Koalitionspartnern (Ben Gvirs J\u00fcdische Kraft und Smotrichs Religi\u00f6ser Zionismus) dazu gezwungen wurde, den Krieg weiterzuf\u00fchren. Heute ist klar, dass der Likud Netanjahus sich nur noch in Akzenten von den rechtsextremistischen Parteien unterscheidet. Im August 2026 wechselte mit Almog Cohen einer deren Hardliner zum Likud, ohne dass dies f\u00fcr Aufsehen gesorgt h\u00e4tte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt gelingt es Bartov dennoch die gro\u00dfen Konfliktlinien des innerisraelischen Diskurses mit den j\u00fcngsten Diskussionen um Krieg, Antisemitismus und Genozid zu verbinden. Er weist mit der n\u00f6tigen Dringlichkeit auf die fatalen Konsequenzen hin, falls es nicht zu einer Kurskorrektur kommt. Seine erinnerungspolitische Analyse bildet eine gute Grundlage f\u00fcr die laufenden und anstehenden hegemonialen K\u00e4mpfe in Israel und weit dar\u00fcber hinaus. Die regierende, autorit\u00e4re Rechte in den USA und Israel bereiten sich ebenfalls auf eine Wachabl\u00f6sung, ein Zur\u00fcckschlagen des Pendels aus deren Sicht, vor. Hier gilt es strategische Weitsicht mit taktischer Finesse zu verkn\u00fcpfen. Dabei w\u00e4re es fatal, wenn sich die emanzipativen Kr\u00e4fte anhand der Fragen nach Antisemitismus und Genozid spalten lie\u00dfen, anstatt ein ausreichend differenziertes Vokabular f\u00fcr strittige Punkte zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p> Omer Bartov \u2013 Israel: What went wrong?, Farrar, Straus und Giroux, New York, 2026 (Kindle Edition)<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Alle weiteren Zitatangaben von Bartov beziehen sich auf diese Edition.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Itay Mashiach 2024: Biased. Antisemitismus-Monitoring in Deutschland auf dem Pr\u00fcfstand. Ein Bericht \u00fcber die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS), 21.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Jeffrey Herf: `What went wrong with Omer Bartov?\u00b4, https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/23739770.2026.2680759<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Michael B. Elm<\/p>\n<p>Der in Israel geborene Holocaust- und Genozidforscher, Sohn des bekannten Autors und Schauspielers Hanoch Bartov, legt mit seinem Buch `Israel: What went wrong\u00b4 eine pers\u00f6nlich-politische Bestandsaufnahme des Zionismus vor. Er beschreibt dessen Wandel von einer auf j\u00fcdische Emanzipation und nationale Befreiung bezogene Bewegung hin zu einem ethnonationalistischen Regime, das seine liberalen Wurzeln weitgehend eingeb\u00fc\u00dft hat. Dies wird nicht als unausweichliche Entwicklung beschrieben &#8211; wie manche im Sinne siedlerkolonialistischer Regime argumentieren &#8211; sondern war und ist in politische Entscheidungen eingebunden, die auch anders ausfallen k\u00f6nnen. <\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[21,5,26,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/980"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=980"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/980\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":982,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/980\/revisions\/982"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=980"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=980"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wp.links-netz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=980"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}