Gesellschaftskritik am Limit

Karl Caszny

Zum Umgang der Theorie mit zukunftsoffener Gegenwart

Neben meinem Schreibtisch türmt sich ein Stapel potentiell wichtiger und daher auf genaue Lektüre wartender Publikationen. Weil der Stapel leider sehr hoch ist, schaffte es das vor zwei Jahren ganz unten eingeschobene Buch „Kapitalismus am Limit“ von Ulrich Brand und Markus Wissen[1] erst kürzlich ganz nach oben. Und weil die Lektüre in diesem Fall den Wichtigkeitsverdacht bestätigte, wollte ich danach sogleich meine Gedanken zu dem Buch niederschreiben. Davor warf ich aber noch einen Blick auf die bereits erschienenen Rezensionen, denn womöglich hatten ja schon andere genau das formuliert, was aus meiner Sicht festzuhalten war. In dem von Joachim Hirsch für das links-netz verfassten Beitrag mit dem Titel „Ist der Kapitalismus am Ende?“ stieß ich tatsächlich auf eine Rezeption, die ziemlich genau meinem Eindruck von diesem Buch entspricht. Ich kann mich daher bei folgender Kurzfassung von dessen Argumentation auf Hirschs Beitrag stützen.

Ist der Kapitalismus am Ende?

Im Zentrum der von Brand & Wissen vorgelegten Kapitalismusanalyse steht der von beiden Autoren entwickelte Begriff der „imperialen Lebensweise“[2]. Er bezeichnet das vom globalen Norden etablierte Produktions- und Konsummuster, das auf einem unbegrenzten Zugriff auf Naturressourcen und Arbeitskraft im globalen Süden beruht und dort tendenziell die natürlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen zerstört. Hierzulande ermöglichte diese weltumspannende Arbeits- und Ressourcenteilung lange Zeit einen auf wachsendem Wohlstand fußenden Klassenkompromiss, der die materielle Basis für das reibungslose Funktionieren einer die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse nicht in Frage stellenden liberalen Demokratie bildete.

Die aktuelle Krise jener Form der Demokratie resultiert für die Autoren letztlich aus dem ihr zugrunde liegenden imperialen Produktions- und Konsumtionsmuster. Dieses stoße nämlich nun an seine Grenzen, weil sich seine sozial-ökologischen Kosten nicht mehr zeitlich (auf spätere Generationen) und räumlich (auf noch nicht ausgeplünderte periphere Regionen) verlagern lassen. Die dadurch notwendig gewordene Beschränkung von bisher für selbstverständlich gehaltenen ‚Freiheiten‘ – etwa des Konsums oder der Mobilität – rühre am Grundverständnis dessen, was man bisher als ‚Demokratie‘ bezeichnet habe. Und diese Irritation bilde ein Einfallstor für jenen Rechtspopulismus, der unsere bedrohten Konsum- und Mobilitätsfreiheiten mit autoritären politischen Lösungen verteidigen möchte. Sie greifen den im imperialen Klassenkompromiss politisch dethematisierten vertikalen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit wieder auf, transformieren ihn aber in einen horizontalen Gegensatz zwischen innen und außen.

Ein mit dieser regressiven Repolitisierung des Klassenkonflikts konkurrierender Versuch zur Stabilisierung der imperialen Lebensweise sei der „Grüne Kapitalismus“ (S.93 ff)[3]. Er ziele auf eine gegen massive Widerstände durchzusetzende ökologische Modernisierung des Kapitalismus, die den Verbrauch der fossilen Energien reduzieren möchte, ohne die Grundzüge dieser Lebensweise anzutasten. Resultate seien eine Vertiefung neokolonialer Ausbeutungsstrukturen und eine Zuspitzung jener ökoimperialen Spannungen, die aus dem geopolitischen Ringen um die im Zentrum der ökologischen Modernisierung stehenden Rohstoff- und Absatzmärkte resultieren.

Nachhaltige Bewältigung der sozial-ökologischen Krise ist für die Autoren nur möglich durch einen Übergang von der imperialen zu einer „solidarischen Lebensweise“, der mit nicht-autoritärer Überwindung der liberalen Demokratie einhergehen müsse. Denn „inklusive globale Solidarität“ (S.211) sei nur möglich bei „kollektiver Selbstbegrenzung“ (S.214) unserer in vielen Bereichen grenzüberschreitenden Ökonomie. Diese Selbstbegrenzung aber impliziere Vergesellschaftung und demokratische Kontrolle der sozialen und technischen Infrastrukturen der Staaten des globalen Nordens, mit anderen Worten also eine Ausweitung der Demokratie auf die bisher vom Profitstreben gesteuerte Produktion des gesellschaftlichen Reichtums.

Eine derart grundlegende Veränderung könne nicht vom etablierten politischen System selbst in Gang gesetzt werden, seien doch „der Staat, die EU und das internationale politische System eher Teil des Problems als der Lösung“ (S.236). Sie bedürfe daher eines emanzipatorischen Drucks von unten, der auf innerstaatliche Oppositionszentren, von den Autoren als „Transformative Zellen“ (S.235 ff.) bezeichnet, einwirke. Diese sollten ihrerseits mit den zivilgesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen interagieren, um deren Anliegen in die staatlichen und Suprastaatlichen Institutionen hineinzutragen.

Hirsch beendet seine Rezension mit Bedenken, die sich mit meinem Eindruck decken. Er bemängelt, dass die dieses Buch tragende Hoffnung auf den Erfolg emanzipativer Bewegungen auf etwas schwachen Beinen stehe. Denn zum einen stünden angesichts der fortschreitenden Renationalisierung der Politik die Zeichen für internationale Solidarität nicht besonders gut. Zum anderen bleibe offen, was „Kapitalismus am Limit“ bedeute, habe er sich doch bisher als ein außerordentlich flexibles Gesellschaftssystem erwiesen, das alle sich ihm entgegenstellenden Grenzen überwinde, indem es sich stets neu organisiere. „Es wäre Wünschenswert“, schließt Hirsch, „die Autoren hätten sich zu diesen Fragen etwas ausführlicher geäußert, um nicht dem Dilemma zwischen Katastrophismus und abstrakten Hoffnungsszenarien zu verfallen“.

Ich möchte nun im Lichte dieser Kritik einige Passagen des Buchs etwas genauer betrachten. Es gilt dabei aufzuzeigen, wo marxistische Gesellschaftskritik präziser argumentieren muss, wenn sie sicherzustellen möchte, dass die ihr zugrunde liegende Utopie mit den Resultaten ihrer Gegenwartsanalyse verklammert bleibt.

Missverstandenes Limit

Zunächst zu der von Hirsch erwähnten Unklarheit beim Thema ‚Limit des Kapitalismus‘. Marx beschrieb es vorsichtig bloß als langfristige Tendenz des Sinkens der allgemeinen Profitrate, während Rosa Luxemburg dann schon eine sehr scharf definierte Grenze vermutete. Da für sie der Kapitalismus zur Überwindung seiner inneren Widersprüche eine ständige Expansion in „nicht-kapitalistische Milieus“ benötigt, erreicht er den Endpunkt seiner Entwicklung, sobald die Welt vollständig kapitalistisch organisiert ist und keine nicht-kapitalistischen Milieus mehr existieren. Denn dann verliert er jene äußeren Absatz- und Akkumulationsfelder, von denen er lebt. Brand & Wissen üben zwar zu Recht Kritik an dieser scharfen Grenzsetzung, begehen aber dann selbst einen ganz ähnlich gestrickten Fehler.

An Luxemburgs Theorie bemängeln sie zum einen, dass sie die „Möglichkeit der »inneren Landnahme« unterschätzte“, denn „nichtkapitalistische Milieus gibt es …auch im »gesellschaftlichen Außen« der Zentrumsökonomien selbst“ (S.83). Zum anderen weisen sie darauf hin, dass „der Inwertsetzung einer geographischen oder gesellschaftlichen Sphäre … zu einem späteren Zeitpunkt auch die Außerwertsetzung folgen (kann), etwa weil sich an anderen Orten neue Leitsektoren der Kapitalakkumulation herausbilden.“ (S.84) Der analoge Fehler der beiden Autoren besteht nun darin, dass sie die aktuellen ökologischen Krisen als Hinweise auf eine absolute ökologische Grenze des Kapitalismus interpretieren. Denn die kapitalistische Aneignung von Natur impliziere deren Zerstörung. „Hier bewahrheitet sich also die Beobachtung von Luxemburg, dass eine Existenzbedingung des Kapitalismus in eine harte Grenze desselben umschlägt.“ (S.85)

Dass auch diese scheinbar so harte ökologische Grenze nur eine Neuauflage von schon überwunden geglaubten deterministischen Illusionen des Marxismus ist, kann man anhand eines einfachen Gedankenexperiments erkennen. Gesetzt den Fall, der Kapitalismus hätte eines Tages alle relevanten ökologischen Gleichgewichte zerstört und sämtliche für unsere derzeitige Lebensweise erforderlichen Ressourcen verbraucht. Sofern es dann menschliches Leben überhaupt noch gäbe, würde es wohl auf ein aus unserer Sicht sehr niedriges Niveau zurückfallen. Auch auf diesem Level wäre das Leben aber selbstverständlich wieder nur durch gesellschaftliche Arbeit zu gewährleisten. Und diese Arbeit könnte, sofern sich die Menschheit dann nicht eines Besseren besinnt, wieder von den Eigentümern der Produktionsmittel als Lohnarbeit organisiert werden. Sie würden sich die Früchte dieser Lohnarbeit aneignen und als Kapital akkumulieren. Ähnlich wie jeder große Krieg durch seine Zerstörungen die Dynamik der Kapitalakkumulation befeuert, wäre diese Dynamik auch nach der ultimativen ökologischen Katastrophe besonders groß. Denn jede umfassende Vernichtung von Gebrauchswerten senkt das absolut erreichte Niveau des akkumulierten Kapitals sehr deutlich und hat daher (weil die allgemeine Profitrate erst wieder mit wachsendem Gesamtkapital tendenziell sinkt) für den Kapitalismus den Stellenwert einer Verjüngungskur.

Übersehene Transformationsprobleme

Im weiteren Verlauf ihrer Argumentation bekennen sich Brand & Wissen zwar immer wieder zur prinzipiellen Offenheit der Zukunft. Mit fortschreitender Lektüre verdichtete sich aber bei mir der Verdacht, dass sie infolge ihrer Überzeugung von der unüberwindbaren Härte der ökologischen Grenze des Kapitalismus nicht genau genug hinsehen auf das aktuelle Haupthindernis für den Übergang von der imperialen zur solidarischen Lebensweise. Sie stellen zwar fest, dass „die Intensität der Widerstände und Transformationskämpfe“ in den letzten Jahren „deutlich abgenommen“ (S.158) hat, fragen sich aber nicht, worin die tiefste Ursache dafür liegt.

Die in dem Buch behandelten öko-imperialen Auseinandersetzungen und rechtspopulistischen Bedrohungen der Demokratien des globalen Nordens sind nämlich nur politische Folgen einer von den Autoren zu wenig beachteten Zuspitzung der ökonomischen Widersprüche des Kapitalismus. Diese resultiert, kurz gesagt, daraus, dass die seit den neunzehnsiebziger Jahren rollende Globalisierungswelle die systemische Integration der gesamten Weltwirtschaft auf ein ungeahnt hohes Niveau anhob. Das führte einerseits dazu, dass sich regionale und sektorale Ungleichgewichte sehr rasch zu globalen Krisen des Gesamtsystems ausweiten. Andererseits potenzierte es die Macht des Weltmarkts, dem nun selbst die über große Binnenmärkte verfügenden führenden Volkswirtschaften auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind.

Die potenzierte Macht des Weltmarkts ist zugleich der Grund dafür, warum die Chancen für einen durch emanzipative Widerstandsbewegungen angestoßenen Systembruch derzeit äußerst schlecht stehen. Anfangs haben solche Bewegungen immer nur kleinräumigen Radius, weil die Dynamik des Aufbegehrens sehr stark auf persönlichen Interaktionen beruht und erst allmählich zur Entstehung weiträumigerer, d.h. abstrakter und unpersönlicher Solidarbeziehungen führt. Die erste Ebene, auf der eine solche Bewegung zur Etablierung alternativer ökonomischer Strukturen führen kann, ist die nationale Volkswirtschaft. Nationale Sonderwege aber werden heutzutage vom hochintegrierten Weltmarkt mit größter Brutalität abgewürgt.

Ich möchte nun anhand einiger Beispiele demonstrieren, dass die Argumentation von Brand & Wissen wesentliche Probleme des Transformationsprozesses übersieht, weil sie dieser Schranke keine Beachtung schenkt, bzw. mit allzu großer Naivität gegenübertritt. Alle folgenden Zitate stammen aus dem letzten Kapitel des Buchs, das sich unter dem Titel „Solidarische Perspektiven“ mit den Möglichkeiten der Etablierung von Ansätzen einer solidarischen Lebensweise befasst. Darin kritisieren die Autoren zunächst die Politik der Grünen. Deren Spitzenpersonal habe schon bei ihrer ersten Regierungsbeteiligung, ohne es zu merken, die den staatlichen Institutionen eingeschriebenen Restriktionen verinnerlicht und dies „als Ankunft auf dem harten Boden der Realität“ missverstanden. Tatsächlich sei das aber nur „die Realität der Herrschenden“ (S.203) gewesen.

Hier deutet sich schon ein erster Irrtum an, denn die Realität der Herrschenden ist natürlich auch die der Beherrschten. Diese für beide geltende Realität wird bestimmt von den die kapitalistische Ökonomie regierenden Gesetzen. Und der einzige Unterschied zwischen Herrschenden und Beherrschten besteht darin, dass besagte Gesetze für die einen kontinuierlich wesentlich bessere Ergebnisse erzeugen als für die anderen, was bei Letzteren ein Interesse an der Etablierung einer alternativen Ökonomie mit gerechterer Funktionslogik hervorruft. Das Problem dabei: Der Weg zu jener neuen Realität führt höchstwahrscheinlich über schwerste Transformationskrisen, die bei allen Beteiligten die Frage aufwerfen, ob es sich für sie lohnt, diesen riskanten Weg einzuschlagen.

Im weiteren Verlauf der Argumentation konkretisieren die Autoren dann die Richtung, in die sich Deutschland ihrer Ansicht nach bei seinem Weg in eine alternative Ökonomie bewegen sollte: „Wer es sich leisten kann, 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr auszugeben oder ein Rettungspaket für die Banken zu schnüren, das fast 500 Milliarden Euro umfasst, hat auch die Mittel, die Gesellschaft zukunftsfähig zu machen. Warum sollten wir weiterhin Ressourcen und menschliche Kreativität für die Entwicklung neuer Finanzinstrumente, das Design von SUVs oder die Optimierung von Waffensystemen verschwenden? Warum sollten wir wertvolle mineralische Rohstoffe in Elektroautos verbauen? Warum nicht stattdessen die sozialen Anstrengungen, die praktische und kollektive Intelligenz der Beschäftigten in der Produktion, in der Pflege oder im Gesundheitswesen, die Kreativität der Ingenieur*innen in den Dienst eines guten Lebens für alle stellen?“ (S.205 f.)

Mit den in den Dienst der Transformation zu stellenden Milliarden macht man es sich hier zu einfach. Denn man muss sie entweder (wie im Fall des im Vorjahr von der Bundesregierung beschlossenen Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität) durch neu aufzunehmende Staatschulden finanzieren, oder über erhöhte Steuern und Lohnnebenkosten aufbringen. Beide Finanzierungswege beeinträchtigen aber früher oder später die Kostensituation der dem Konkurrenzdruck des Weltmarkts ausgesetzten Unternehmen. Zwar bewirken zusätzliche Ausgaben für öko-soziale Reformen längerfristig Kostenreduktionen (bessere Infrastruktur, weniger Krankenstände und soziale Unruhen, usw.). Die Frage, ob diese Vorteile die zusätzlichen Kostenbelastungen rasch genug ausgleichen können, wäre aber, wenn schon keine Diskussion, doch zumindest eine Erwähnung wert.

Dieselbe Milchmädchenrechnung dann auch bei den arbeitsmarktpolitischen Überlegungen zur Transformation: „Die Arbeitsplatzverluste durch den Rückbau großer und volkswirtschaftlich zentraler Industrien und durch den Abbau von bullshit jobs ließen sich … zum Teil kompensieren. Das ist alles andere als ein Selbstläufer, denn Rückbau und Arbeitsplatzbedarf können räumlich auseinanderfallen. Jedoch besteht flächendeckend ein Bedarf an Arbeitskräften in der Pflege und im Gesundheitsbereich, der nicht zuletzt aufgrund niedriger Löhne und schlechter Arbeitsbedingungen nicht gedeckt werden kann.“ (S.222)

Hier wird das Hauptproblem bei der Ersetzung von bullshit jobs durch sozial sinnvolle Tätigkeiten geflissentlich übergangen. Es besteht darin, dass erstere zu einem großen Teil auf dem Weltmarkt nachgefragte Produkte erzeugen, während letztere primär durch Steuermittel finanziert werden müssen. Das bereitet den Autoren aber keine schlaflosen Nächte: „… mit budgetären Zwängen wie der Schuldenbremse“ (S.219) wollen sie sich offenbar ebenso wenig herumschlagen wie die Bundesregierung. Sie haben dafür bloß eine andere Begründung, betonen sie doch, dass diese Zwänge aus ihrer Sicht „letztlich den Besitzer*innen großer Vermögen zugutekommen.“ (S.219)

Tatsächlich ist aber die mit einem Ausbau der sozialen Infrastrukturen verbundene zusätzliche Staatsverschuldung für die gesamte Volkswirtschaft und damit letztlich auch für die Klasse der Lohnabhängigen nur dann kein Problem, wenn es gleichzeitig gelingt, neue exportstarke Sektoren (z.B. im Bereich der Energie-, Umwelt- und Infrastrukturtechnologien) aufzubauen und bestehende exportfähige Industrien den neuen Erfordernissen anzupassen. Auch hier wieder ein hochkomplexes Transformationsproblem, das die Autoren nicht einmal in einem Nebensatz ansprechen. Und weil für sie alles so einfach geht, ist der von ihnen anvisierte Transformationsprozess auch nicht mit wesentlichen Einschränkungen verbunden. Denn „solidarische Selbstbegrenzung“ meint „nicht den Verzicht auf die Güter und Dienstleistungen, die für ein gutes Leben notwendig sind. Im Gegenteil, darauf liegt sogar ein Fokus.“ (S.218)

Das ist im Prinzip richtig, beschreibt aber bloß die erst nach einer geglückten Transformation gegebene Situation: Einerseits werden wir dann alle uns vom Kapital aufgeschwatzten Konsumbedürfnisse überwunden haben und uns nur mehr um ein im Einklang mit der Natur und den Erfordernissen internationaler Solidarität stehendes gutes Leben bemühen. Andererseits wird die erfolgreich transformierte Wirtschaft uns dann all das geben, was wir für ein solches Leben benötigen. Der Weg dorthin wird aber gepflastert sein mit den von den Autoren ausgesparten Verzichten und Leiden. Denn er wird uns durch mehr oder weniger schwere Transformationskrisen führen und wir werden ihn als jene Konsumkrüppel beschreiten müssen, die wir heute noch sind. Wir werden aber all die auf uns wartenden subjektiven und objektiven Krisen guten Mutes durchstehen und als Läuterungsprozesse begreifen, solange wir die Transformation als eine Dynamik erleben, bei der am Ende des Tunnels Licht zu sehen ist.

Strategisches Defizit

Das Stichwort der ‚Dynamik‘ leitet über zu einem weiteren Defizit der Argumentation von Brand & Wissen, das neben dem allzu sorglosen Umgang mit Transformationsproblemen den Wert ihrer Publikation schmälert. Fragen der Dynamik sind nämlich zentrale Aspekte der Strategie des Projekts einer emanzipatorischen Alternative – und diese Strategie wird im vorliegenden Buch zwar ausführlich behandelt, aber nicht auf den Punkt gebracht. Der Grund dafür liegt wieder in der bereits erwähnten Blindheit der Autoren für das Haupthindernis der Transformation: Wer es nicht sieht, fragt auch nicht danach, wie man ihm am besten begegnen könnte.

Die Autoren fokussieren ihre strategischen Überlegungen auf die Suche nach möglichen „Konturen eines alternativen Projekts, mit dem sich die ‚Monster‘ (gemeint sind die aktuellen autoritären Tendenzen) bekämpfen und solidarische Perspektiven entwickeln ließen“ (S.195)und stellen dieser Suche zwei Leitfragen voran:

  • „Was könnten progressive Kräfte der rechten Erzählung und den autoritären und grün-kapitalistischen Tendenzen im bürgerlichen Lager entgegensetzen?
  • Wie könnten sie einer Situation gerecht werden, in der verschiedenste Erfahrungen von Missachtung und Verunsicherung von einer fundamentalen Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse überlagert und dynamisiert werden?“ (S.195)

Die aus der domestizierenden Rolle eines übermächtigen Weltmarkts resultierenden Fragen der Strategie bleiben hier ausgespart. Sie betreffen unter anderem …

… die Möglichkeiten bzw. Grenzen einer überregionalen, letztlich universellen Ausweitung und Koordination von lokalen Emanzipationsprojekten:

  • Welche Arten der Reformdynamik können die von der internationalen Standortkonkurrenz ausgehenden Sachzwänge am ehesten überwinden?
  • Im Kontext welcher Dynamiken kann sich trotz schärfster Standortkonkurrenz internationale Solidarität entwickeln?
  • Wie könnte man die Entstehung und Entfaltung solcher Dynamiken befördern?

… die Möglichkeiten bzw. Grenzen der mittelfristigen Stabilisierung von lokal begrenzten Emanzipationsprojekten:

  • Welche Formen der Resilienz gegen schleichende Vereinnahmung sind unter welchen Bedingungen erfolgreich?
  • Wie könnte man die Entstehung und Entfaltung solcher Resilienz befördern?

Dass solche Fragen zu Reformdynamik und Resilienz nicht im Zentrum der Strategieüberlegungen stehen, ist aber kein nur den Autoren der vorliegenden Publikation anzulastendes Defizit, sondern ein Versäumnis der gesamten Linken. Wo ist die emanzipatorische Sozialwissenschaft, die sie systematisch untersucht, wo die ‚Neue Internationale‘, welche die wichtigsten Resultate dieser Untersuchungen auf regelmäßig stattfindenden Konferenzen (in Analogie zu den internationalen Klimakonferenzen) diskutiert, um Lehren für die aktuellen Kämpfe zu ziehen und deren Koordination zu befördern?

Peng …

Der letzte Absatz eines gesellschaftspolitischen Sachbuchs beinhaltet oft die Zusammenfassung der vorangehenden Analysen mit perspektivischer Wendung in künftig abzusehende Entwicklungen. Auch im vorliegenden Fall steht am Schluss die Hinwendung zur Zukunft. Was hier aber fortgesponnen wird, ist nicht das davor beschriebene Bemühen um Überwindung der imperialen Lebensweise, sondern der aktuelle Rollback. Als ob die zu Beginn durch die feste Überzeugung vom harten ökologischen Limit des Kapitalismus aufgeblasene Hoffnung in dessen radikale Transformation am Ende wie ein Luftballon zerplatzte, gestehen sich die Autoren nun ein, dass die eigentliche Funktion der davor beschriebenen Bewegungen und Kämpfe vermutlich nicht in der von ihnen angestrebten realen Veränderung der Welt liegt, sondern in einem bloßen Effekt in den Köpfen der Menschen. Denn diese Initiativen „stehen ohne Zweifel in einem rauen Gegenwind. Aber sie halten die Erinnerung an die Machbarkeit einer anderen Produktions- und Lebensweise wach, die in Zeiten existenzieller Krisen für die Vielen zu einer Notwendigkeit wird. Insofern zeigen sie die Möglichkeit einer emanzipatorischen Alternative jenseits der Grenzen des Kapitalismus auf, für die es sich zu kämpfen lohnt.“ (S.241)

Hoffentlich sind diese Erinnerungsspuren so stark, dass sie die demnächst womöglich schon unausweichliche Katastrophe überdauern.


[1]    Ulrich Brand, Markus Wissen: Kapitalismus am Limit. Öko-imperiale Spannungen, umkämpfte Krisenpolitik und solidarische Perspektiven, 2024, oekom, München

[2]    Eingeführt und systematisch ausgearbeitet in: Ulrich Brand, Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus, 2017 oekom, München

[3]    Diese und alle folgenden Seitenangaben zu Zitaten beziehen sich auf das Buch „Kapitalismus am Limit“