Kai Lindemann
Die Epstein-Files sind gewissermaßen das Interaktionshandbuch der herrschenden Klassen im 21. Jahrhundert. Im Netzwerk des Finanzberaters Epstein waren Abhängigkeit, Komplizenschaft, gegenseitige Absicherung und Vertuschung krimineller Taten die Regel. Diese Merkmale ergänzen die globalen Strukturen von Steuerbetrug, Staatsplünderung und privilegierter Loyalität, die vor einigen Jahren aus den geleakten Panama-, Paradise- und Pandora-Papers ersichtlich wurden. Zugleich bringt Epsteins misogynes Netzwerk die Verachtung seiner Mitglieder gegenüber Frauen und subalternen Klassen zum Vorschein. Die Dimensionen des Menschenhandels und der ausgeübten sexuellen Gewalt gegen junge Frauen durch „anerkannte“ Leistungsträger schockieren enorm, auch weil sie die menschenverachtenden Ressentiments der Herren offenlegen.
Epsteins Netzwerk diente primär den ökonomischen Bedürfnissen seiner Komplizen. Ob es um die Ausfinanzierung des Lehrstuhls an der Universität ging – wie bei Noam Chomsky oder dem Nobelpreisträger Richard Axel – oder um Geschäftsgeheimnisse – wie beim Politiker Peter Mandelson und Prince Andrew. Es war ein Geben und Nehmen (neudeutsch: Dealmaking) und so konnte sich Epstein auch sicher sein, dass er vor Gerichten und Staatsanwälten geschützt blieb.
Von Barrington Moore stammt sinngemäß der Satz: Die Geschichte des Menschen ist eine ewige Abfolge von Gewalt und Betrug[1]. Jeffrey Epstein scheint diesen Befund als persönliche Losung verinnerlicht zu haben: Er fälschte seinen Uniabschluss, um Lehrer für Physik und Mathematik an der exklusiven Dalton School in New York zu werden. Dort suchte er den Kontakt zu einflussreichen Eltern und wurde dem legendären Wallstreet-Investor Alan Greenberg (Bear Stearns) vorgestellt. Greenberg war begeistert von Epstein und stellte ihn ein, musste ihn allerdings schon 1981 entlassen, weil Epstein mit einer illegalen Darlehensvergabe die geltenden Broker-Regeln gebrochen hatte. Beide hielten dennoch weiterhin Kontakt und Epstein profitierte von Greenbergs Vermittlungen.
Ende der 1980er Jahre entwickelte sich an der New Yorker Wallstreet eine Goldgräberstimmung im Investmentbanking. Auch Epstein hat sich in das lukrative Geschäft begeben. Anfangs soll er noch häufig Hochstapelei betrieben haben, aber spätestens mit seinen ersten Erfolgen fragte niemand mehr nach seiner Herkunft und seinen Qualifikationen. Zu seinem Gespür für gute Geschäfte und seinem windigen Talent, Menschen für sich zu gewinnen, passte auch sein Interesse an Insidergeschäften. Prominente Kontakte gaben ihm Auskunft über britische Investitionen und er war auffallend früh über die Rettungsmaßnahmen in der Griechenlandkrise informiert. Das sind nur zwei bekannte Beispiele von sehr vielen.
Epstein wäre kein ambitionierter, neuzeitlicher „Super Rich“ gewesen, wenn er nicht auch selbst Steuerhinterziehung betrieben und gefördert hätte. Die Jungferninseln, in dessen Staatsgebiet seine Privatinsel lag, stellen diesbezüglich Forderungen an seinen Nachlass. Er hat auf seiner Insel Unternehmen angemeldet und so Steuersparmodelle entwickelt und angeboten. Umgesetzt wurden diese von Kanzleien, wie wir sie auch aus den Papers kennen. Der US-Milliardär Leon Black soll mit Epsteins Modellen mehr als 1 Milliarde Dollar an Steuern „gespart“ haben. In den besagten Files taucht auch er als Vergewaltiger auf. Schon 1997 war Black Vertrauter und Förderer Epsteins. Zwischen 2012 und 2017 erhielt Epstein 160 Millionen Dollar Honorar von Black.
Seit 2013 war Epstein zudem Kunde der Deutschen Bank, der es nicht entgangen sein dürfte, dass Epstein bereits 2008 wegen Prostitution in Florida verurteilt wurde. Die Deutsche Bank stützte Epsteins System mit 60 Konten, über die vermutlich auch der Menschenhandel mit jungen osteuropäischen Frauen finanziert wurde. Dieser Verdacht gründet auf exorbitant hohen Bargeldsummen, die von diesen Konten abgebucht wurden. Seit 2015 hat die Deutsche Bank ihre Geschäfte mit reichen US-amerikanischen Kunden massiv ausgebaut. Vermutlich gab es dabei noch die ein oder andere übliche Vermittlung durch Epstein. 2019 wurde die Geschäftsbeziehung von der Deutschen Bank beendet.
Epstein war Autodidakt. Er wusste, wie man die effektiven „weak ties“[2] also die schwachen oder lockeren Verbindungen zu VIPs bedient, die ihm Sicherheit, Information und Vertrauen brachten. Epstein war der Pappkamerad, der die Bedürfnisse und informellen Regeln für unaufdringliche Gefälligkeiten der herrschenden Kreise verinnerlicht hatte. Er passte dort wunderbar hinein und wurde einer von ihnen. In diesem Netzwerk ist der Kodex der kaltblütigen Konkurrenzgesellschaft ebenso verinnerlicht, wie die Komplizenschaft in gemeinsamer Sache. Geschäftsgrundlage sind unausgesprochene Drohungen, Loyalitäten und gegenseitige Abhängigkeiten. Sie offenbaren die Wertelosigkeit, Gewaltbereitschaft und Empathielosigkeit der dort involvierten Personen. Die Dimension dieser kriminellen Energie ist der Plot in den Files. Wir kennen ihn sonst nur von Banden, Gangs und Rackets, wo sexistische Machteuphorie und Parastaatlichkeit eine analoge Bedeutung besitzen.
Das Racket ist ein subtil gewaltförmiges, informelles Netzwerk aus Gefälligkeiten, Droh- und Schutzpotenzialen und gegenseitiger Absicherung zum Erhalt der Privilegien seiner Mitglieder. Ähnlich wie in mafiösen Strukturen wohnt dem herrschenden Racket-Netzwerk eine tiefe Verachtung formaler Staatlichkeit und bestimmter sozialer Gruppen inne. Korrupte Staatsangestellte und Politiker, die Instrument der Interaktionen des Rackets sind, leisten dieser Haltung Vorschub. Solche Rackets haben es im neoliberalen Zeitalter sehr leicht und brauchen sich kaum verbergen. Sie müssen sich aufgrund der überspitzten, ökonomischen Maxime selten für ihre Praxis rechtfertigen und können Kritik und Anklagen durch Bestechungen, Erpressungen oder mittels diskursiver Verschiebungen von wirtschaftlicher Legalität und politischer Legitimität neutralisieren[3]. Legitim erscheinen die Akteursverflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft unter dem technokratischen Primat der Wirtschaftskompetenz. Legal sind Praxen der Steuerhinterziehung und Staatsplünderung, die durch die Paradise-, Panama- und Pandora Papers bekannt wurden.
Die „geleakten“ Namenslisten dieser Papers lesen sich wie Racket-Illustrationen der Yellow Press, samt wirtschaftlicher Prinzipale und politisch-administrativer Agenten: vom europäischen Hochadel, über amerikanische Neureiche aus dem IT-Sektor, russische und chinesische Oligarchen, arabische Prinzen, afrikanische Warlords, europäische Fußballtrainer, deutsche Models, spanische Popstars bis hin zu sozialdemokratischen Bürgermeistern skandinavischer Hauptstädte. Viele von ihnen wurden oftmals von Beratungsunternehmen und spezialisierten Rechtsanwaltskanzleien in die Steueroasen gelockt und leben ihre „Off-Shore-Souveränität“ als „citizens of a brave new virtual country“ aus.[4] Epstein hat Personen mit ähnlichem Hintergrund bedient. Nur linke Wissenschaftler und linksliberale Schauspieler fehlten bisher (noch). Es sind überwiegend Männer, die sich der angebotenen Infrastruktur zur Sicherung ihrer Privilegien und ihres Geldes bedienen. In Zypern finden sie die Kanzleien, die ihr Geld in Briefkastenfirmen lenken, oft zählen ehemalige Minister und Generalstaatsanwälte zu ihren Mitarbeitern.[5] In Singapur oder den Cayman-Inseln können sie ihr Geld gut verstecken. Nach Dubai oder Moskau flüchten sie vor dem Zugriff nationaler Verfolgungsbehörden. Auf den Philippinen können sie ihr Geld verdeckt investieren. Und bei Epstein erhielten sie Informationen über lukrative Investitionsmöglichkeiten über Vertraute im Netzwerk, in dem jeder von jedem profitiert, solange es geschützt und geheim gehalten wird.
Im Racket ersetzt Loyalität das formale Recht. Verbunden fühlen sich seine Mitglieder im Ressentiment, der Verachtung gegenüber subalternen Klassen. Sie bekennen sich zum „Recht des Stärkeren“. Das macht sie zu einer verschworenen Gemeinschaft. Doch genau dieses Merkmal, das bei analogen, mafiösen Strukturen völlig naheliegend erscheint, sorgt in Bezug auf sie und ihre herrschenden Strukturen immer wieder für große Kontroversen. Herrschende werden kurioserweise vom Vorwurf der Verschwörung verschont, scheinbar ist es ihr Vorwurf, den sie jahrhundertelang gegen die Beherrschten verwenden. Er ähnelt dem Vorwurf des Verrats, der für herrschende Komplizen reserviert ist und stets die Dynamik der herrschenden Blöcke garantiert. Doch die Verschwörung ist gefährlicher, schließlich sind „die Beherrschten“ einfach zahlenmäßig mehr als die Herrschenden. Deshalb wird der Verschwörungsvorwurf der Herrschenden immer ideologisch untermauert (ob als Vaterlandsverrat, unamerikanische Umtriebe, Illoyalität, und, und, und…), denn eigentlich ist er identisch mit der Widerspenstigkeit, der bis zur Verschwörung der Plan fehlt.
Der Racketbegriff entspringt dieser Tradition. Er wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA zur Kriminalisierung von Arbeiteraufständen genutzt[6]. In den 1920er Jahren wurden die amerikanischen Gewerkschaften derart in die Illegalität gedrängt, dass von nun an das Racket eine konkrete Gestalt in den vermeintlichen Gangstern Lucciano und Capone annahm. Horkheimer und Adorno haben den inflationären Gebrauch des Wortes in der amerikanischen Öffentlichkeit zum Anlass genommen, das Racket als Begriff zu wenden, ihn also in alter kritischer, hegelianischer Tradition vom Kopf auf die Füße zu stellen. Da ihnen der Begriff der herrschenden Klasse, gerade in Zeiten des Faschismus, zu wenig differenziert und aussagekräftig war, verwendeten sie den Begriff des Rackets. Es ging ihnen hierbei insbesondere um die Analyse der politischen Praxis der herrschenden Klassen und nicht um skandalisierendes Aufdecken einer statischen verschworenen Struktur, was weder der herrschenden Dynamik gerecht noch – wie beim Elitebegriff – die soziale Dimension jener Praxis fassen würde. Es ging ihnen also im hegelianischen Sinne um ein gesellschaftliches Verhältnis bzw. einen gesellschaftlichen Kampf. Und so konstatiert Horkheimer in emanzipatorischer Absicht, dass das Racket gegen den Geist verschworen sei. Herrschaftspraxis sei demnach also immer verschworen gegen Werte, Ethik und Aufklärung. Das ist die Quintessenz des Racketbegriffs der kritischen Theorie.
Heute ist der Verschwörungsverdacht fester Bestandteil des rhetorischen Inventars der herrschenden Klassen und nach deren Auffassung sehr breit in der Gesellschaft verinnerlicht. Herrschaftskritik gilt heute oft als Verrat Die Kapitalfraktionen brauchen keine teure Propaganda mehr zu machen. Zur Diskreditierung absurder politischer Äußerungen wird einfach der Vorwurf der Verschwörungstheorie lanciert, statt die Inhalte solcher Lügengeschichten einfach als konfuse Fantasien abzuqualifizieren. Zugleich werden ebenso haltlose Ressentiments gegen arme und arbeitslose Personen geschürt, die absurd und verlogen sind, aber schnell geglaubt werden, denn sie betreffen ja keine privilegierten Menschen, denen man sich als Mitglied ihrer Beutegemeinschaft anempfehlen möchte. Mit der Verschwörung ist es genauso wie mit der Ideologie, sie gleichen beide dem Mundgeruch: Den haben immer nur die Anderen.
Epsteins Netzwerk hatte ebenso keinen Plan wie das Racket. Es hatte nur den Racket-Plan der Selbsterhaltung mit entsprechenden Praxen, die gegen das Gesetz, die Moral und Humanität verschworen waren. Die Sozialwissenschaften und viele Polit-Strategen brauchen immer Pläne, Sandkastenmodelle, Narrative, Framing und „Ismen“. Doch es gibt im entpolitisierten Zeitalter keine Tragödie mehr im sinnentleerten Raum der „Super Rich“. Die Tragödie findet nur noch in den subalternen Klassen statt. Denn der fehlplatzierte trumpistische Businessman an der Spitze des Staates braucht keinen Plan, so kann er sich und seinen Aktionismus immer wieder pompös inszenieren. Er braucht auch keine Weitsicht, keine Perspektive und kein eingehaltenes Versprechen. Es zählt nur das Bekenntnis zur Opfergabe der Subalternen und der eigene Erfolg im Jetzt: so ist der politische Slang der Neuzeit. Kanzler und Präsidenten reden über die res publica, wie auf einer Hauptversammlung die Aktionäre über die Beschäftigten, die den Surplus erwirtschaften sollen. Die Beutegemeinschaft, die auch in der mafiösen Welt zugleich eine ausgebeutete Gemeinschaft ist, wird um noch mehr Schutzgeld betrogen.
Auch im Epstein-Racket war jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Epstein konnte sicher sein, dass seine Kontakte ihn schützen würden, solange sie von ihm profitieren. Zur Sicherheit hat er die Vergehen seines Netzwerks klar dokumentiert. Trotzdem endete er wie ein fallengelassener Mafioso. Er hat sein Netzwerk und dessen Dynamik unterschätzt, was schon vielen Padres geschah. Im Epstein-Netzwerk gab es keine Sicherheit und keinen Plan. Es gab Gewohnheiten und Trends und es gab klare politische Vorstellungen von dem, was möglich ist und allen Beteiligten nützt, wie: Steuerhinterziehung, Plünderung von Staatshaushalten, Forderungen nach Deregulierung, sog. Bürokratieabbau, Abbau von Sozialstaatlichkeit, Niederschlagung der Gewerkschaften und anderer Organisationen wie den „nervenden“ NGOs. Nicht nur in Deutschland werden die Offensiven zum Erreichen dieser dem Racket „nützlichen“ Ziele unkritisch und naiv betrachtet. Das Feuilleton ist ratlos, weil es seine eigenen liberalen Prämissen nicht widersprüchlich denken kann.
Für die Demokratie ist es aber weitaus bedenklicher, dass die letzten Relikte des sozialdemokratischen Staates aus dem 20. Jahrhundert zur Abwicklung stehen. Noch fataler ist, dass ein anderes, fortschrittliches Staats- oder Gesellschaftsmodell nirgendwo in Aussicht steht. So kann sich das archaische Weltbild des rechtslibertären racketförmigen Unternehmertums durchsetzen und austoben. Es ist das Ergebnis der allseits anerkannten „Verzwergung der Politik“ (Habermas). Die Rackets der Superreichen übernehmen. Sie schaffen Mittelschichten als Beutegemeinschaften, um ihre herrschende Praxis zu legitimieren. Sie spalten die Gesellschaft, um Gegenkollektive zu verhindern, Solidarität zu unterbinden und eine Masse „verlorener Individuen“ zu beherrschen. Sie hetzen gegen arme und geflüchtete Menschen, weil sie wissen, wie das rassistische Ressentiment verfängt, von klassenpolitischen Differenzen ablenkt und ihre Stellung festigt.
Die letzten Reste sozialdemokratischer Überzeugung in den Gewerkschaften und Parteien verharren im bloßen Abwehrkampf. Sie haben keine wirkmächtigen Ideen, keinen angemessenen Staatsbegriff und kein politisches Projekt, dass sie dem „Racket-Muster“ entgegensetzen könnten. Deshalb imitieren sie dessen (Möglichkeits-)Prämissen, damit sie sprechfähig bleiben können. Letztlich machen sich die „progressiven“ Kräfte damit zu Komplizen und (v)erklären Korruption, Konspiration und Herrschaft zu toten Begriffen.
Im heutigen Zeitalter ist die empirische Evidenz der Rackets allerorts sichtbar. Aber die gesellschaftstheoretische Ausformulierung des Begriffs muss eindeutiger werden, damit die kritisch-materialistische Theoriebildung ein emanzipatorisches Analyseinstrument zur Hand hat.
Rackets und herrschende Klassen haben immer nur den Plan dessen, was möglich ist unter den gegebenen gesellschaftlichen (kapitalistischen) Verhältnissen. Das ist ihre einzig wahre Ideologie. Was möglich ist, wird auch an ihren Attacken gegen Frauen, Staat und Gesellschaft deutlich. Epstein war zwar ein prominenter Racketeer, aber eben kein Einzelfall.
Quellen: Süddeutsche Zeitung, New York Times, NDR, WDR, Epstein Files ( https://www.justice.gov/epstein )
[1] Moore, Barrington 1987: Ungerechtigkeit – Die sozialen Ursachen von Unterordnung und Widerstand, Frankfurt/Main, S. 666
[2] Granovetter, Mark S. 1973: The Strength of Weak Ties, in: American Journal of Sociology, Vol. 78, No. 6, S. 1360-1380
[3] Lindemann, Kai 2024: Die Politik der Rackets, Zur Praxis der herrschenden Klassen, Münster
[4] Henry James, The Price of Offshore revisited, in Taxjustice, Juli 2012: https://www.taxjustice.net/cms/upload/pdf/Price_of_Offshore_Revisited_120722.pdf , abgerufen am 11.08.2020
[5] Pandora Papers, in: Süddeutsche Zeitung vom 4. Oktober 2021, Seite 9
[6] Greiner, Bernd 2025: Weißglut, Die inneren Kriege der USA, München