Ambivalenz der Empathie

von Tsafrir Cohen

Empathie ist die Fähigkeit und Bereitschaft, andere Menschen, ihre Interessen, Gefühle, Vorstellungen und Lebensweisen zu verstehen. Dies ist die Grundlage aller universalistischen Bestrebungen und bildet nicht zuletzt eine wesentliche Voraussetzung für eine Realisierung allgemeiner Menschenrechte. Aktuell ist immer deutlicher zu sehen, dass autoritäre Regierungen und Bewegungen der Empathie den Krieg erklärt haben und einen systematischen Anti-Universalismus propagieren. Gleichzeitig weist der Empathiebegriff aber auch eine Ambivalenz auf. Er kann auch anti-universalistisch eingesetzt werden.

Files, Papers und die empirische Evidenz herrschender Rackets

von Kai Lindemann

Die Epstein-Files sind gewissermaßen das Interaktionshandbuch der herrschenden Klassen im 21. Jahrhundert. Im Netzwerk des Finanzberaters Epstein waren Abhängigkeit, Komplizenschaft, gegenseitige Absicherung und Vertuschung krimineller Taten die Regel. Diese Merkmale ergänzen die globalen Strukturen von Steuerbetrug, Staatsplünderung und privilegierter Loyalität, die vor einigen Jahren aus den geleakten Panama-, Paradise- und Pandora-Papers ersichtlich wurden. Zugleich bringt Epsteins misogynes Netzwerk die Verachtung seiner Mitglieder gegenüber Frauen und subalternen Klassen zum Vorschein. Die Dimensionen des Menschenhandels und der ausgeübten sexuellen Gewalt gegen junge Frauen durch „anerkannte“ Leistungsträger schockieren enorm, auch weil sie die menschenverachtenden Ressentiments der Herren offenlegen.

Die Donroe-Doktrin im Nahen und Mittleren Osten

von Michael B. Elm

In Europa und den USA entbrannte zu Beginn des Krieges im Iran die Frage, welche Pläne die Trump-Administration für die Zeit danach hat. Wie zu verhindern sei, dass ein bürgerkriegsähnliches Chaos entstehe oder autoritäre Kräfte zurückkehrten wie nach den Kriegen im Irak, Libyen oder Afghanistan. Ob Trump, wie so oft, einfach impulsiv gehandelt hat oder sich gar in einen Krieg hat hineinziehen lassen. Die Fragen sind wichtig, verfehlen aber das grundlegend Neue der Situation. Man hat die Ende letztes Jahres dargelegte National Security Strategy, in der die Trump-Administration ihre Ausweitung der historischen Monroe-Doktrin begründet – die sogenannte Donroe-Doktrin – noch nicht verstanden oder verinnerlicht. Dort heißt es explizit mit Bezug auf die Region des Nahen Ostens, dass das `fruchtlose´ und `kulturfremde´ Nation Building unterlassen werden soll. Trump interessiert nicht, mit welchem Regime er einen Deal abschließen kann.

Fear and Hope in Israeli Society After October 7 and the Gaza War

Michael Elm/Dani Bar-Tal

Das Interview mit dem langjährigen Konfliktforscher und politischen Psychologen Dani Bar-Tal wurde vor dem Hintergrund der vorläufigen Beendigung des Gazakrieges und der Rückkehr der israelischen Geiseln geführt. Es dient einem vertieften Verständnis der inneren Verwerfungen, die durch Massaker, Krieg und Geiselnahme in Israel und Palästina entstanden sind. Eine zentrale Vorannahme war, dass die ungeheuren Gewalterfahrungen auf beiden Seiten von maßgeblichen politischen Akteuren dazu genutzt werden, die bestehende Ausweglosigkeit und wechselseitige Animosität zu erhärten und sie für die eigenen politischen Zwecke zu nutzen

Interview Micha Brumlik: Antisemitismus in der deutschen Linken*

Micha Brumlik hat einige Zeit in der Reaktion der Zeitschrift links, der Vorläuferin von links-netz mitgearbeitet. Das ging oft nicht ohne Konflikte ab. Streitbar war er immer und hat als kritischer jüdischer Intellektueller in der politischen Öffentlichkeit eine wichtige Rolle gespielt. Nun ist er nach langer Krankheit gestorben. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir hier ein Interview, das er im Jahr 2007 mit Michael Elm und Brigitta Simbürger geführt hat. Es liegt schon lange zurück, zeigt aber noch einmal, an wie vielen Fronten er sich engagiert hat und wie aktuell diese immer noch sind.