Wir veröffentlichen hier einen Beitrag des AK System Change Frankfurt/M: Der AK System Change Ffm möchte Diskussionen über sozialistische Alternativen voranbringen und fragt nach den Zielen und Strategien, Kräfte und Bedingungen emanzipatorischer, gesellschaftstransformativer Kräfte?
https://systemchangeffm.substack.com/
System Cange FFM verfasst von Uli Wessel
Der Alltag vieler ist heute von Unsicherheit und Unbehagen durchzogen, nicht selten geprägt von Erfahrungen des Misserfolgs und der Geringschätzung. Das betrifft Arbeit, Haushalt, Versorgung oder Freizeit, sei es infolge pausenloser Leistungsansprüche, Preissteigerungen oder Informationsfluten – um nur ein paar Belastungen zu nennen. Besonders diejenigen, die in die Zwänge der Existenzsicherung mittels Arbeit gepresst sind, können ein Lied davon singen. Dazu kommen schwer überschaubare Krisenszenarien wie Klimanotstand und Kriege, intransparente wirtschaftliche Debakel oder radikale technische Umwälzungen – von politischer Ignoranz, Verlogenheit und Rücksichtslosigkeit gar nicht zu reden. Begleitet wird all das von vermehrten Anforderungen an Konkurrenz, Selbstoptimierung und die Abgrenzung von immer mehr Gegnern, seien sie sichtbar, unerkannt oder eingebildet, lokal oder global. Und die Flucht in den Konsum hilft auch nicht weiter. Druck und Belastungen werden exzessiver, resultierende Affektstörungen häufen sich.
1. Das große Gemenge
Diese gesellschaftlichen Eskalationen unter der Knute des allgegenwärtigen Spardiktats, der Disziplinierung und Flexibilisierung prägen politische Haltungen, wobei die Leute kaum mit Ambivalenzen und Widersprüchen in ihren Wahrnehmungen zurecht kommen. Das Verlangen nach Klarheit und Sichtbarkeit geht oft mit Begehren nach Identifikation und Beseitigung einher, ein Verlangen, das zunehmend in autoritäre Bahnen rückt, ob in liberalen oder reaktionären Varianten. All dies geschieht auf dem Sockel zementierter herrschender Bedingungen, aber zunehmend begleitet von Gefühlen, vor massiven gesellschaftlichen Umbrüchen zu stehen.
Die kapitalistische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist von tiefgreifenden Widersprüchen geprägt, die Methoden der Kapitalverwertung und ihrer staatlichen Begleitung werden zunehmend aggressiver, sei es in ihren Expansionen und Beschleunigungen, mit der gesellschaftlichen Durchdringung und ihren neuen Komponenten. Die strukturelle Krise der sozialen Reproduktion, der Umbau staatlicher Institutionen, die digitale Restrukturierung von Arbeit und Konsum sowie der Rückgang kollektiver Sicherheiten prägen die Gegenwart und treiben aggressive Maßnahmen weiter an.
In dieses große Gemenge ist auch die politische Linke verstrickt, erscheint in ihren verzerrten Formen als korrupte Machtinstanz oder gilt als weitgehend verschwunden. Ihre gelegentlichen Äußerungen kommen oft pseudoemanzipatorisch, voneinander isoliert daher oder sind sogar konträr bis feindschaftlich. Viele sich als „links“ verstehende Akteure haben sich faktisch dem Kapitalismus ergeben: ideologisch, organisatorisch und strategisch. Was auch radikaleren Varianten fehlt, ist strategische Orientierung. In weiten Teilen sind Linke dabei in einen politischen Raum integriert, der nicht ihrer ist: Sie verwalten, sie appellieren, sie fordern – aber sie entwickeln sich nicht als kollektive Kräfte für echte gesellschaftliche Transformation.
Das Folgende greift Diskussionen über politische Reproduktion, kapitalistische Lebensweise und die Bedingungen strategischer Gegenmacht auf und versucht, sie weiterzuführen. Es geht dafür um Diagnosen zur Zersplitterung der sozialen Klassenverhältnisse, zur Ambivalenz kapitalistisch geformter Subjektivität und zur hegemonialen Struktur des politischen Raums. Sie sollen mit konkrete Perspektiven postkapitalistischer Transformation und ihren Möglichkeiten kontrastiert werden: über die Reorganisation von (Re-)Produktionsverhältnissen und den Aufbau emanzipatorischer affektiver Infrastrukturen, die Vergesellschaftung wichtiger Existenzmittel und die Schaffung materieller Spielräume für alle.
Zentrale Fragen zu Möglichkeiten und Zielen tatsächlich umwälzender Politiken zielen auf ihre Voraussetzungen: die Plausibilität ihrer Konzepte und eindrückliche Erzählungen dazu, die Attraktivität und Gelegenheiten für breite Mobilisierung und deren relevante Orientierungen, auf Kräfte der Organisierung für wirksame Interventionen und nicht zuletzt die laufende politische Selbstverständigung über diese Entwicklung eigener Kräfte selbst. Dies ist sicher nicht mit kurzatmigen Parolen zu haben sondern verlangt nach konzeptioneller, analytischer Arbeit.
Es geht in diesem Sinne um ein verbindendes Skript, eine etwas verschobene Perspektive aus Kritik, Theorie und strategischem Denken ohne starre theoretische Blaupause – auch in der Überzeugung, dass eine emanzipatorische Umgestaltung des Alltags und seiner Infrastrukturen nicht erst am fernen Horizont beginnt, sondern inmitten widersprüchlicher gesellschaftlicher Erfahrungen.
2. Der politische Raum
Transformative Politik muss am politischen Raum mit den vielen Varianten politischen Geschehens ansetzen und gleichzeitig seine tieferen gesellschaftlichen Hintergründe in Betracht ziehen können. Dieser ist nicht bloß die Arena von Parteien und Institutionen, ihrer Diskurse und Entscheidungen. Er ist tiefer in gesellschaftlichen Reproduktionen verankert, nämlich einem strukturiertem und gleichzeitig widersprüchlichen Zusammenspiel aus staatlichen Strukturen, medialen Vermittlungen, affektiven Rahmungen, sozialen Haltungen, ökonomisch-technischen Infrastrukturen und institutionellen Alltagsroutinen. Darin wird zuerst entschieden, welche Stimmen gehört, welche Forderungen legitimiert, welche Lebensweisen anerkannt und welche Konflikte unterdrückt werden – und nicht zuletzt, welche Modalitäten gesellschaftlichen Wandels passen.
Gesellschaftliche Reproduktion soll jene Prozesse bezeichnen, durch die Leben und subjektive Einstellungen, Arbeit und gesellschaftliche Ordnung immer wieder hergestellt werden – materiell, affektiv, institutionell. Unter kapitalistischen Bedingungen sind die Ebenen dieser Reproduktion nicht neutral, sie haben einen besonderen Charakter: Sie dienen prominent der besonderen Reproduktion der Verwertungsbedingungen von Kapital und der politischen Stabilisierung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse. Diese Reproduktionsverhältnisse umfassen drei Ebenen:
Erstens die Reproduktion der Kapitalverwertung, also alle betrieblichen, institutionellen, ideologischen und infrastrukturellen Maßnahmen, die dazu dienen, Lohnarbeit, Konsum, Datenproduktion und Investitionszyklen abzusichern.
Zweitens die Reproduktion der Lebensverhältnisse: die alltägliche Aufrechterhaltung von Existenz – Wohnen, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Fürsorge, aber auch Arbeitsumstände, Einkauf, soziale Beziehungen. Diese sind durchzogen von Herrschaft und Zwängen, aber nicht vollständig auf Verwertung reduzierbar. In diese Reproduktion einbezogen ist entsprechende Subjektivierung, die psychischen Einstellungen für diese Lebensverhältnisse.
Drittens die politische Reproduktion: die Herstellung passender institutioneller Funktionalität, einer affektiven Ordnung, einer ideologischen Rahmung dessen, was als möglich, nötig oder normal erscheint – kurz: die Stabilisierung und Legitimation bestehender Verhältnisse.
In diesen ganzen Reproduktionsverhältnissen ist der politische Raum auch materiell verankert. Er organisiert nicht nur Wahlen oder Gesetzgebung, sondern gestaltet und artikuliert sich in Alltagsinstitutionen, Infrastrukturen und Raumplanung, mit Bildungsprozessen und Subjektivierungsweisen, in Kultur und Wissenschaft – und zuletzt auch in und aus ökonomischen und staatlichen Verhältnissen. Wer ihn transformieren will, muss also nicht nur politische Programmatik ändern, sondern eben die Reproduktionsmechanismen selbst angreifen, und das betrifft die Infrastruktur der Verwertung und der Macht, nicht bloß ihre Oberflächen.
In den letzten Jahrzehnten haben sich die Formen dieser Reproduktionsverhältnisse tiefgreifend verändert. Etwa durch neoliberale Austeritätspolitik und die zunehmende Prekarisierung der Lebensverhältnisse, mit Deregulierung und Privatisierung ist die Reproduktion der Lebensweisen selbst zur stetigen Quelle sozialer Unsicherheit geworden. Gleichzeitig bleiben derartige Reproduktionsprozesse notwendig, weil sie das weitere Funktionieren kapitalistischer Vergesellschaftung ermöglichen. Die damit verbundenen Spannungen bildet einen Ausgangspunkt für eine kritische Analyse der Reproduktion und ihrem Zusammenwirken auf ihren verschiedenen Ebenen als zentralem Konfliktfeld.
Politik in all ihre Gestalten entsteht nicht nur in Parlamenten und auf Demonstrationen, sondern im komplexen Raum gesellschaftlicher Vermittlungen, mit Institutionen, Medien und Diskursen, mit Affekten, Alltagslogiken und Bewegungen. Der politische Raum formt die Arenen, in denen sich Haltungen und Interessen artikulieren, Identitäten formen, Normen ausgehandelt und Machtverhältnisse stabilisiert oder angegriffen werden. Dabei ist er selbst durchzogen von sozialen Widersprüchen, ist zugleich Ausdruck und Austragungsort gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse.
Für eine emanzipatorische und postkapitalistische Strategie ist entscheidend, diesen Raum nicht nur als bloßes Spiegelbild ökonomischer Prozesse zu betrachten, sondern auch als eigenständige, umkämpfte Struktur. Er wird von Kapitalinteressen durchdrungen, aber zugleich von subjektiven Erfahrungen, kollektiven Affekten und symbolischen Repräsentationen geprägt. Transformative Politik muss deshalb auch am politischen Raum selbst ansetzen, sie muß ihn attackieren, reorganisieren, rekonfigurieren.
3. Zur Diagnose gegenwärtiger kapitalistischer Lebensweisen
3.1 Fragmentierte Reproduktion und Prekarisierung
Die kapitalistischen Lebensverhältnisse der Gegenwart sind durch eine fragmentierte und individualisierte Form ihrer Reproduktion gekennzeichnet. Die fordistische Stabilität vergangener Jahrzehnte wich Bedingungen, die neue Unwägbarkeiten produzieren. Auch Prekarisierung bedeutet nicht nur ökonomische Risiken, sondern den Schwund allgemeiner kollektiver Sicherheiten, die politische Handlungsfähigkeit erst ermöglichten. Diese Entwicklung betrifft die Arbeitswelt, und durchdringt Lebensverhältnisse und Subjektivierung, besonders Wohnen, Pflege, Bildung, Mobilität sind zunehmend durch Marktmechanismen strukturiert und im Zugang begrenzt. Solche Unsicherheiten formen die Erfahrungswelt vieler, verstärken ihre Verletzlichkeit und strukturieren ihre Haltung zur Gesellschaft – oft im Modus des Rückzugs, der Gleichgültigkeit oder der autoritären Reaktion.
3.2 Produktivismus und Entwertung
Ein zentrales ideologisches Moment heutiger Gesellschaften ist der Produktivismus – die Auffassung, dass leistungsgerechte, marktkonforme Arbeit ein zentrales gesellschaftliches Imperativ ist. Diese Vorstellung stabilisiert nicht nur das Erwerbsarbeitsregime, sondern entwertet systematisch alle anderen Formen gesellschaftlicher Tätigkeit. Das betrifft Sorgearbeit und Subsistenzversorgung, kulturelle Arbeit und politische Organisierung.
Parallel geraten auch ehemals stabile Arbeitsverhältnisse unter Druck: Automatisierung, Outsourcing, Intensivierung erhöhen den Leistungsdruck und untergraben soziale Schutzmechanismen. Stattdessen vermehren sich schlecht bezahlte Auftragsjobs ohne Absicherungen, die Lebensverhältnisse noch mehr in Marktbedingungen integrieren. Die Folge ist eine doppelte Entwertung: ökonomisch (sinkende Bezahlung, unsichere Verträge und Aufträge) und symbolisch (soziale Abwertung, subjektive Erschöpfung). Sie kommt mit der gestiegenen Verletzlichkeit zusammen.
3.3 Ambivalente Subjektivierung im digitalen Kapitalismus
Der digitale Kapitalismus als besonders aggressiver Modus von Durchdringung der Lebensweisen erzeugt neue Formen der Subjektivierung. Er fordert ständige Präsenz und Aufmerksamkeit, Selbstoptimierung und Leistung – verbunden mit Systemen der Kontrolle und Bewertung, der Entscheidungs- und Affektlenkung. Diese Prozesse binden Subjekte einerseits an die Logik der Plattformen, schaffen andererseits aber auch neue Formen der Erschöpfung, psychischen Belastung und Entfremdung.
Die kapitalistische Subjektform wird dabei nicht nur durch äußere Zwänge stabilisiert, sondern auch durch intensivere kognitive Involvierung: mit Likes, Feedback, Rankings von den Lebensweisen bis in die Arbeitsverhältnisse. Solche affektive Subjektivierung erzeugt paradoxe Loyalitäten – zwischen Anpassung, Rebellion und innerer Kündigung.
4. Entwertung und Verletzlichkeit
Die Reproduktionsverhältnisse im aggressiven Kapitalismus der Gegenwart sind nicht sozial homogen: Sie strukturieren nämlich soziale Gruppen entlang von Klassenverhältnissen, die sich unter ihren Bedingungen immer weiter auffächern und gegeneinander ausspielen lassen. In den alltäglichen Verhältnissen von Arbeit, Konsum und Lebensbewältigung entstehen disparate Erfahrungen von Macht, von Verletzlichkeit, Entwertung und Resignation. Diese Differenzierungen sind nicht zufällig, sondern gewollte Effekte einer (Re-)Produktionsordnung, die den daran anschließenden politischen Raum sowohl spalten als auch stabilisieren, oft mit eigenartigen Allianzen.
Abhängige, existenzsichernde Arbeit als Säule der Reproduktionsverhältnisse ist heute in viele Segmente zersplittert, die je etwas anders der Kapitalverwertung unterworfen sind. Prekäre Dienstleistungsarbeit, digitale Selbstständigkeit, entgrenzte Wissensarbeit, industrielle Kernarbeit, unsichtbare Care-Arbeit und migrationspolitisch strukturierte Sektoren koexistieren nebeneinander, oft ohne kollektives Bewusstsein füreinander und für ihre gegenseitige Angewiesenheit. Diese Fragmentierung geht einher mit affektiven Spaltungen durch Konkurrenz, Scham, Neid, Überforderung und Schuldgefühle. Und darin eingebunden sind die gesellschaftlichen Gruppen, die nicht oder nicht mehr in eine existenzsichernde Arbeit, ihren Produktivismus passen: Rentner, Erwerbslose und Arme, die meist staatlich versorgt und kontrolliert werden.
Zugleich bringt der aggressive Kapitalismus neue Formen der Entwertung und Verletzlichkeit hervor: Menschen erleben sich immer häufiger als überflüssig, als permanent zu optimieren, als defizitär gegenüber immer mehr Anforderungen. Und die alltäglichen Reden über Umbruch und Krisen nerven sie noch mehr. Die sozialen Orte dieser Erfahrungen – etwa das Jobcenter, der Algorithmus, die Abwertung durch öffentliche Narrative – sind auch politisch sensible und beeinflussende Orte. Sie erzeugen eine affektive Reproduktion von Ohnmacht, Vereinzelung, Bedrohung und oft auch resultierenden regressiven Haltungen. All das zusammen fließt in die Stimmungen der Unsicherheit und des Unbehagens.
Was kann das für Politik in sozialistischer Tradition heißen? Sie sollte nicht auf ein einheitliches revolutionäres Subjekt bauen, das schon lange nicht mehr seine Stimme erhebt. Die „verwertungsunterworfene Klasse“ ist zersplittert, doch alle verbindet die strukturelle Abhängigkeit vom Zugang zu und Beiträgen in Arbeit oder von Transferleistungen, wenn auch unter verschiedenen Modalitäten. Sie sind systematisch der Entwertung, Kontrolle und Verletzlichkeit ausgesetzt. Diese Formierung reproduktiver Klassenspaltungen ist nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell, medial, psychologisch und politisch wirksam. Sie schwächt kollektiven Widerstand, prägt proto-politische Haltungen und ihre Widersprüche – zwischen zynischem Rückzug, individueller Leistungsideologie, Kompensationsverhalten und autoritärer Identifikation.
Eine emanzipatorische Strategie muss derartige Bruchlinien als reale Reproduktion widersprüchlicher Subjektpositionen im politischen Raum ernst nehmen. Nur wer ihre Ambivalenzen und ihre vielfältigen symbolischen Artikulationen versteht, kann neue kollektive Formen aufbauen, die nicht nur für, sondern aus den Kämpfen um Alltag, Würde und Sinn heraus agieren und Kraft gewinnen. Allianzen können aber nicht durch Identitätsappelle entstehen, sondern besonders durch das konkrete, praktische Teilen und die kollektive Weiterentwicklung von Existenzsicherung und Infrastrukturen, von Erfahrungen und Kämpfen, besonders wenn sie zeigen können, dass sie besser mit Bedrohungen, Widersprüchen und Krisen umgehen können. Die Organisation von „reproduktiver Solidarität“ für diese kollektive Entwicklung – z. B. in Stadtteilen, im Gesundheitsbereich, in Plattformkämpfen oder Bildungsnetzwerken – ist daher keine Randfrage, sondern ein strategischer Kern in einer sich transformierenden Reproduktion von Lebensverhältnissen, der sich auf Kämpfe um Arbeitsverhältnisse und staatliche Repression ausdehnen kann. Er kann die Brücke von Fragmentierung zu kollektiver Orientierung bauen.
5. Das schwierige Terrain politischer Umwälzung
Der Alltag der Leute ist kein neutraler Erfahrungsraum, sondern ein verdichteter Ort sozialer Widersprüche und Konflikte. Gerade die Arbeitsverhältnisse und ihre Bedingungen – ob in der Lohnarbeit, der Care-Arbeit, der Plattformökonomie aber auch der abhängigen Erwerbslosigkeit – sind Schauplätze der Reproduktion kapitalistischer Herrschaft. Doch zugleich enthalten sie noch Potenziale für Umbruch, Eigensinn, Verweigerung und kollektive Neugestaltung.
In der gegenwärtigen Phase des aggressiven Kapitalismus ist Arbeit zunehmend durch Entgrenzung und Intensivierung, Kontrolle und Individualisierung geprägt. Arbeitszeiten vermischen sich mit Freizeit, die räumliche Trennung von Arbeit und anderen Lebenstätigkeiten löst sich durch digitale Technologien auf, Selbstoptimierung wird zur Norm. Viele Beschäftigte erleben ständigen Druck zur Verfügbarkeit, zur Verbesserung, zur Konkurrenz – und damit auch eine Erschöpfung ihrer körperlichen, emotionalen und sozialen Ressourcen. Entsprechend verdichten sich Erfahrungen der Entwertung und Verletzlichkeit, weit über Arbeitsverhältnisse hinaus.
Diese Verhältnisse und ihre Einbettungen in Lebensverhältnissen erzeugen jedoch nicht nur Unbehagen und Leiden, sondern auch politische Affekte, seien es Wut wie Resignation, von Ironie bis Solidarität. In ihnen liegt die Möglichkeit, alltägliche Lebensverhältnisse als Tür in den politischen Raum neu zu denken, nicht nur als Orte der Reproduktionen, sondern auch als einen Raum gesellschaftlicher Umwälzung. Denn in und um Pflege und Supermarkt, im Callcenter und im Homeoffice, bei der migrantisch geprägten Lieferarbeit und den regionalen Versorgungsbetrieben entscheidet es sich nicht zuletzt – wenn auch nicht allein -, ob Menschen in ihrer Vereinzelung verharren oder neue Formen kollektiver Organisierung entwickeln, nicht zuletzt gerade für sie.
Eine sozialistisch inspirierte Strategie muss sich daher zunächst auf diese Ebene der Alltagsverhältnisse begeben, nicht nur als „Abholung“ oder „Angebot“, sondern als bewusste (Selbst-)Politisierung von Reproduktion, von Körper, Zeit und kollektiver Versorgung. Politische Raumverschiebungen können dort beginnen, wo Alltagspraktiken nicht mehr bloß verwaltet, sondern kollektiv verhandelt, reorganisiert und neu gestaltet werden.
6. Transformative Strategien
Der Stellenwert von Alltagspraktiken verlangt nach genaueren Einordnungen. Kapitalismus kann nicht allein auf dem Boden abstrakter Systemkritik, rationaler Einsicht oder punktueller Bewegungsinterventionen überwunden werden. Dies erfordert noch eine Art sozialistischer Grundnormen und deren psychischer Verankerung, die sich sowohl aus der Negation bestehender Zumutungen und ihrer Ursachen als auch aus gemeinsamen Orientierungen einer „common decency“ speisen. Das meint gewisse Prinzipien des Anstands, der Solidarität und der gegenseitigen Verantwortung, die in kollektiven Lernprozessen konkretisiert werden können. Sie bewahren aber fast immer einen gewissen humanen Grundbestand, der grob als Gleichheit in Reziprozität umrissen werden kann. Beide zusammen können mit Einsichten aus historischen Erfahrungen mit sozialen Begehren und Konflikten als Orientierung für gesellschaftliche Ziele wirken. Maßgeblich für transformative Strategien aber sind konkrete Hebel, die in den alltäglichen Reproduktionsverhältnissen ansetzen, wo Bedürfnisse, Zwänge und Handlungsmöglichkeiten unmittelbar aufeinandertreffen.
Wenn gesellschaftliche Reproduktion das Terrain und der Hintergrund des politischen Raums ist, dann sollten auch Werkzeuge sozialistischer Transformation an deren verschiedenen Ebenen ansetzen. Herrschende Lebensverhältnisse sind insbesondere durch permanenten Existenzdruck geprägt, der sich nur durch abhängige, bezahlte Tätigkeiten in Marktbedingungen reduzieren lässt, was gleichzeitig einen Grundmechanismus der Kapitalverwertung reproduziert. Die Abhängigkeit des Lebensunterhalts von einem besonderen Typ Tätigkeiten steht in Widerspruch zur Gleichheit in Reziprozität, da viele Aktivitäten in Lebensverhältnissen damit systematisch ausgeschlossen werden. Die Negation bestehender Zumutungen in Lebensverhältnissen und ihrer Ursachen hieße deshalb den Existenzdruck, die Abhängigkeit von Tätigkeiten und die Steuerung von Versorgung durch Märkte aufzuheben, sie schließlich gleichberechtigter kooperativer Steuerung zu überantworten. Zwei Vorschläge wurden in linken Debatten deshalb seit geraumer Zeit wichtig: das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) und der Aufbau freier, kollektiver Infrastruktur. Beide Konzepte sind mehr als Instrumente, sie zusammen können genuin sozialistische Hebel für eine strategische Verschiebung der Reproduktionsverhältnisse werden. Das gilt besonders dann, wenn sie mit kollektiven Planungen aller Beteiligten vermittelt werden.
Das BGE zielt auf eine allgemeine Entkopplung von Arbeit und Existenzsicherung. Es kann unter Bedingungen kollektiver Kontrolle gerade jene Abhängigkeiten lockern, die das kapitalistische Arbeitsverhältnis stabilisieren: die erzwungene Verfügbarkeit, das Konkurrenzverhältnis, der Anpassungsdruck. Es schafft Spielräume für Solidarität, Selbstorganisation, andere Sorgearbeit und politische Beteiligung, vorausgesetzt es wird nicht als individualistische Konsumstütze, sondern als kollektives Recht auf Zeit, Freiheit und Sicherheit organisiert. Der herrschende Arbeitsimperativ bestimmt dann nicht mehr alle Lebensverhältnisse, zumindest ein Stück weit.
Freie, demokratisch verwaltete Infrastruktur – von Energieversorgung über Wohnen, Pflege, Bildung bis hin zu digitalen Plattformen – wirkt in doppelter Hinsicht transformativ: Erstens entzieht sie zentrale Bereiche des Lebens der kapitalistischen Verwertung. Zweitens eröffnet sie Räume für neue Formen kollektiven Handelns, nicht zuletzt solche gemeinsamer Planung und Bewirtschaftung, eine experimentelle Konstellation für andere Ordnungen von Vergesellschaftung. Sie schafft Orte, an denen politische Selbsttätigkeit als solidarisch und konfliktfähig, aber gleichzeitig alltagsnah praktisch werden kann. Eine bessere Möglichkeit gerade für deren Realisierung rührt aus der Wirkung des BGE´s her.
Beide Konzepte sind jedoch nicht neutral. Sie können auch machtgetragen funktionalisiert, technokratisch, vereinzelnd umgesetzt werden. Und sie können auf verschiedene Weisen in noch herrschende Kapitalverwertung eingebunden werden, gar zu deren Stärkung dienen. Wichtig ist daher, dass sie in einem veränderten politischen Raum verankert sind, der nicht auf Repräsentation und Verwaltung in pseudodemokratischen Prozessen reduziert ist, sondern auf kollektive Aneignung und Gestaltung der ganzen Reproduktionsbedingungen zielt. Nur dann werden sie zu gemeinsamen Hebeln wirklicher Vergesellschaftung und nicht zu sozialtechnologischen Ersatzlösungen für fehlende Klassenpolitik. Und sie können in einer Art sozialistischer Horizont wirken, wenn sie mit gesellschaftlichen Kipppunkten für Transformation zusammen gedacht werden.
7. Probleme technokratischer Planung
Planung ist aktuell ein wichtiges Thema postkapitalistischer Debatten und gleichzeitig ein Minenfeld, sei es bezüglich von vergesellschafteter Infrastruktur oder der Koordination ganz heterogener Produktionen und Bedürfnisse. Doch oft allerdings wird Planung entweder auf technokratische Steuerung verengt oder schlicht als bürokratische Überformung verdrängt. Beides verfehlt jedoch, dass sie im postkapitalistischen und emanzipatorischen Kern auf eine politisch orientierende, kollektiv rückgekoppelte, demokratisch umkämpfte Gestaltung gesellschaftlicher Reproduktion abhebt. Diese kann sich allerdings erst richtig als solche entfalten, wenn Kipppunkte der gesellschaftlichen Reproduktion zu ihrer Transformation führen.
Technokratische Planungsansätze operieren häufig mit impliziten Annahmen von Steuerbarkeit, Transparenz und Funktionalität und übersehen die Vielfalt der Widersprüche, Ambivalenzen und Machtverhältnisse in hergebrachten Reproduktions- und Lebensverhältnissen. Gesellschaftliche Planung nur als Modellierung effizienter Abläufe projektiert reproduziert blinde Flecken kapitalistischer Verwaltung wie Entpolitisierung, Standardisierung oder Ausschluss. Manche aktuellen Vorschläge folgen dem zu unkritisch, oft in einer Überidentifikation mit existierenden oder imaginierten Technologien, die von deren sozialen und ökologischen Funktionsbedingungen absehen (siehe die Träumereien über „Luxuskommunismus“).
Solche sozialistisch inspirierten Strategien dürfen nicht nur die abstrakte Notwendigkeit von Planung hervorheben, ohne auch ihre soziale und politische Verankerung im Alltag und in den subjektiven Erfahrungen der Menschen zu thematisieren. Planung darf nicht als imperative Struktur die Lebensverhältnisse durchziehen, sie muss streitbar und lernfähig, kontext- und affektsensibel zusammen organisiert sein. Deshalb muß sie Teil des politischen Raums sein.
Es empfiehlt sich deshalb, eine wichtige Differenzierung zu beachten. Zwischen der stabilen, leichter planbaren Grundversorgung (wie z. B. Energie, Wohnen, Gesundheit, Bildung, Erziehung – eben Infrastruktur) und der flexiblen, schwieriger zu koordinierenden Produktion besonderer oder kreativer Güter bestehen unterschiedliche Anforderungen. Erstere braucht Verlässlichkeit und Kontinuität, gleichen Zugang und einen infrastrukturellen Sockel, der auf natürliche und gesellschaftliche Kontexte eingestellt ist. Sie ist der Sockel von Gleichheit in Reziprozität, ist damit auch sensibel für Beteiligung in sozialer Reproduktion. Letztere hingegen lebt von Offenheit, Vielfalt und Dynamik, kann Übermaß und Lücke zuweilen tolerieren. Diese Unterscheidung erlaubt es vielleicht, besser mit ökologischen und sozialen Grenzen umzugehen oder Fehlleistungen zu absorbieren, die auch maßvollem gesellschaftlichen Koordinationsaufwand geschuldet sein können.
Die politische Gestaltung dieser Spannungsverhältnisse zwischen Stabilität und Plastizität, zwischen Allokation und Selbstentfaltung ist keine technische, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe, die in vielen Varianten auftritt. Planung darf nicht nur auf Funktion zielen, sondern auch auf emanzipatorische Differenzierungs- und Adaptationsfähigkeit gesellschaftlicher Reproduktionen: ein wichtiger Einsatzpunkt für einen demokratisch-reproduktiv erneuerten politischen Raums.
Es geht aber nicht nur um Reproduktion der Lebensweisen, sondern auch um kollektive Steuerung der Produktion. Was wird produziert, effizient für wen, unter welchen Bedingungen, in wessen Verfügung? Entwicklung anderer Produktionsweisen verlangt neue Formen von Zusammenschlüssen, Regelungen und konfliktfähiger Entscheidungsfindung – jenseits staatlicher oder marktförmiger Dominanz. Planung betrifft damit gerade auch neue Institutionen, die diese Ansprüche praktisch realisieren. Diese werden Spielräume lassen müssen für heterogene Lebensweisen, für experimentelle Formen des Zusammenlebens und für nicht-normierte Bedürfnissstrukturen. Ihre Legitimation wächst nicht bloß aus Effektivität, sondern aus ihrer Fähigkeit, sich zusammen mit dem politischen Raum als kollektiver Möglichkeitsrahmen mit demokratischer Kontrolle zu entwickeln. Wir stehen jetzt aber vor dem Problem der Transformation allgemeiner Existenzsicherung im vorhandenen Horizont in postkapitalistische Gesellschaften mit derartigen Bedingungen.
8. Kipppunkte und Katastrophen
Gesellschaftliche Kipppunkte markieren keine garantierten Wendungen der Geschichte, sondern eine Art kritische Konstellationen, in denen neue gesellschaftliche Horizonte sichtbar werden. Es sind ganz unterschiedliche Momente, in denen Reproduktionsverhältnisse destabilisiert, Handlungsspielräume erweitert und hegemoniale Narrative erschüttert werden können. Sie sollten für postkapitalistische Transformation politisch vorbereitet, genutzt, gar erzeugt werden, zumindest in einem gewissen Rahmen.
Im aggressiven Kapitalismus allerdings erscheinen Kipppunkte bereits allgegenwärtig – in den Eskalationen sozialer Ungleichheit, in der Klimakrise, in der Krise der Fürsorge, mit militärischer Hochrüstung, den Disruptionen durch Digitalisierung. Sie führen mitnichten zwangsläufig in emanzipatorische Richtungen, können ebenso gut autoritäre oder zynisch-kommerzielle Antworten verstärken, und genau das kennzeichnet das gegenwärtige politische Klima.
Eine postkapitalistische und emanzipatorische Strategie muss daher mögliche Kipppunkte nicht nur analysieren und einpreisen, sondern damit praktisch umgehen lernen: durch Aufbau kollektiver Handlungsmacht, durch Entwicklung konkreter Alternativen, durch Organisation affektiver Gegenräume. Und mit dem Erreichen strategischer Ziele, die mit gesellschaftlichen „Sperrklinken“ ihre regressive Aufhebung blockieren können. Es geht darum, nicht nur auf Krisen zu reagieren, sondern sie zusammen mit anderen Entwicklungen als Gelegenheiten zur Reorganisierung politischer Verhältnisse zu verstehen. Und es geht darum, dass reformierende politische Züge transformative Kipppunkte nicht etwa blockieren.
Das bedeutet, dass BGE, kollektive Infrastruktur und sozialistische Planung nicht bloß prä- oder postrevolutionäre Maßnahmen sind, sondern Werkzeuge, um bei Gelegenheiten neue Normalitäten zu eröffnen, andere soziale Spielräume abzusichern. Wenn Menschen gerade in Phasen gesellschaftlicher Erschütterung auf bereits existierende Formen solidarischer Versorgung, kollektiver Mitgestaltung und Methoden demokratischer Planungsfähigkeit zurückgreifen können, dann werden Kipppunkte vielleicht nicht zur vielbeschworenen Katastrophe, sondern zum Symbol besserer Lebensverhältnisse.
9. Autoritärer Raum und rechte Mobilisierungen
Der aggressive Kapitalismus produziert ja nicht nur soziale Verwundungen, sondern auch politische Reaktionen und viele davon sind regressiv. In den Bruchstellen gesellschaftlicher Reproduktion, den Entwertungen, Verletzlichkeiten und Kipppunkten entstehen autoritäre Sehnsüchte, identitäre Kompensationen, nationalistische Erzählungen. Sie besetzen dieselben Alltagsorte wie eine mögliche sozialistische Politik, und zwar das Prekariat wie den entwerteten Mittelstand, die erschöpften Care-Verhältnisse und die überforderten urbanen oder strukturschwachen ländlichen Zonen.
Der ganze politische Raum wird dabei nicht einfach indifferent repressiv verfasst, die beherrschten Klassen und Gruppen gleichförmig kontrolliert, sondern er wird liberal-autoritär verschoben, dabei autoritär umgestaltet. Rechte Diskurse und autoritäre Politiken koppeln sich an ambivalente, oft regressive Haltungen in den Lebensweisen und erzeugen neue affektive und symbolische Ordnungen. Sie agieren über Angst und Ordnung, Enttäuschung kombiniert mit dem Leistungsfetisch, werden aufgespannt zwischen Verlogenheit und Lüge als charakteristische mediale Strategien. Zugleich simulieren sie Handlungsfähigkeit für viele, die eigene Entwertung und Bedrohung mit Wahrnehmungen zunehmendem Versagens herrschender politischer Institutionen koppeln. Diese Probleme versprechen reaktionäre Bewegungen zu lösen, indem sie einfache Antworten auf komplexe Reproduktionskrisen und die Überforderungen durch digitalen Overflow geben – oft entlang rassistischer und identitärer, sexistischer oder anti-elitärer Linien. Das liberal maskierte Gegenstück präsentiert sich als Schutz genau davor, liefert jedoch auch bewahrende Krisenlösungen, die zusammen mit einem etwas verschobenen Kanon von Gefährdungen und deren Bekämpfung daherkommen. Die Nation im Konkurrenzkampf sehen beide und im permanenten Krisenmanagement kann es wenig Nachsicht geben.
Diese Gestalt des politischen Raums, ihre autoritäre Verformung wird durch ausgefeiltere Technologien der Kulturindustrie, den atemlosen Triggern der Populärkultur und ihre Technologien geformt. Ihr Gemenge prägt die Lebensverhältnisse immer eindrücklicher, sei es liberal oder reaktionär. Paradoxerweise nämlich können die herrschenden Reproduktionsbedingungen gleichzeitig affirmative wie rebellische Haltungen fördern, die liberalen oder regressiven Varianten funktionieren zusammen als ihre gemeinsame Klammer. Der liberal-autoritäre Raum ist das politische Syndrom des aggressiven Kapitalismus.
Die Linke hat die heterogenen, widersprüchlichen Bedingungen dieses liberal-autoritären Raums oft unterschätzt oder ihm keine strategisch-emanzipatorische, transformative Alternative entgegengesetzt. Doch wer nicht versucht, Reproduktionsverhältnisse und ihr Zusammenspiel kollektiv zu reorganisieren, überlässt sie diesem breiten reaktionären Trend. Das gilt für Wohnpolitik genauso wie für Sicherheitsdiskurse, Care-Krise oder Bildungszugang, für Arbeitsbedingungen und Konsumimperative, um nur ein paar zu nennen.
Eine emanzipatorische Strategie muss daher nicht nur ihre eigene positive Gestaltung entwickeln, sondern auch den liberal-autoritären Raum analysieren, konfrontieren und delegitimieren, aus dem sie systematisch ausgeschlossen ist, und zwar nicht nur diskursiv, sondern materiell. Es kann durch reale Gegeninstitutionen, solidarische Strukturen und affektive Rückgewinnung geschehen, die Entwertung und Verletzlichkeit in allen Reproduktionsverhältnissen sukzessive ausbremsen und vielleicht den Weg für sozialistische Kipppunkte aufbereiten. Nur das hilft auf Dauer gegen die Verschiebung nach rechts auf breiter Front, und letztlich gegen faschistische Kipppunkte.
10. Eine Art sozialistische Reflexion
Die Entwicklung solcher Strategien verlangt neben anderen Perspektiven auch eine neue politische Haltung: die Fähigkeit sich weiter von den herrschenden Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern zu distanzieren. Dieser größere Abstand meint nicht Rückzug oder schlicht „Exit“, sondern eine ausgefeilte strategische Reflexivität, die auch Exits etwa aus politischen Institutionen involvieren kann. Eine neue politische Haltung kann es besser bewerkstelligen, Reproduktionsverhältnisse nicht nur als Sachzwänge, sondern auch als widersprüchliche und umkämpfte Terrains mit ambivalenten Potentialen zu sehen. Sie kann eine Analyse ermöglichen, die institutionelle Beherrschung und ökonomische Abhängigkeit, ideologische Orientierung und affektive Repression gleichermaßen in den Blick nimmt, und dafür strategische Impulse bieten.
Gleichzeitig sollte transformative Handlungsmacht durch veränderte Infrastrukturen des Alltags, durch kollektiv mobilisierende, handlungsfähige Zusammenschlüsse bis zu reproduktiven Gegeninstitutionen neu entwickelt werden. Ein derart umgeformter politischer Raum muss sich aus den Rändern, den Zwischenräumen, den prekären Orten heraus entfalten ohne sich wirklich auf das herrschende Spiel der Institutionen einzulassen. Das impliziert, Diskursfähigkeiten zurückzugewinnen, nicht in der Art liberaler Talkrunden, sondern als Fähigkeit, Widersprüche offen zu benennen, Alternativen konkret zu machen und Kämpfe strategisch zu vermitteln – und zwar auch unter den transformativen Kräften selbst, z. B. mit emanzipatorischen Sozialzentren oder neuen Bildungseinrichtungen.
11. Postkapitalistische Orientierung
Die hier behandelten Elemente – Bedingungsloses Grundeinkommen, freie kollektive Infrastruktur und die Entfaltung gesellschaftlicher Planung darin – sind nicht bloße Werkzeuge sichernder Sozialpolitik. Sie sind konkrete strategische Hebel mit energischer postkapitalistischer Fluchtlinie, mit denen bestehende Reproduktionsverhältnisse politisiert, aufgebrochen und neu organisiert werden könnten. Diese drei Hebelpunkte sind nur dann transformativ, wenn sie gleichzeitig als Verschiebung des politischen Raums zur Geltung kommen. Denn sie sollen nicht nur andere Erzeugungs- und Versorgungsbedingungen erzeugen, sondern neue politische Verhältnisse. Sie betreffen kollektive Organisation, reproduktive Kooperation, affektive Selbststärkung und neue Formen demokratischer Subjektivität.
Dazu gehört eine klare politische Distanzierung vom herrschenden politischen Raum, wie er durch den aggressiven Kapitalismus mit Entdemokratisierung und Repressionslogik, von Effizienzfetisch mit zynischer Performanz geformt ist. Emanzipatorische Strategie muss sich bewusst gegen diese Struktur stellen – nicht als reine Opposition, sondern durch den Aufbau eines anderen politischen Raums, der alltagsnah, kollektiv organisiert und konfliktfähig ist.
Entscheidend ist auch, dass BGE, freie Infrastruktur und kooperative Planung nicht nur defensive Alternativen oder Fernziele bieten, sondern strategisch auf verschiedene Kipppunkte hin orientiert sind, Kipppunkte, die ihnen selbst aber nicht notwendig immanent sind. Sie sollen materielle, soziale und affektive Voraussetzungen schaffen, um gesellschaftliche Krisenmomente nicht nur zu überstehen, sondern sie aktiv zur Transformation und ihrer Orientierung nutzen zu können. Damit wird auch eine gesellschaftstransformierende Tür für dissidente Aufstände geöffnet.
Ziel dieser Perspektive ist eine erweiterte politische Ökonomie im besten Sinne des Wortes, die plural, affektsensibel, verlässlich, kollektiv verfasst wird. Diese politische Ökonomie muss sich an einem normativen Grundstock für Vergesellschaftungsbedingungen orientieren, etwa an demokratischer Verfügung über Produktionsmittel, an dem Imperativ solidarischer Bedürfnisse statt Profitlogik, an reproduktiver Gerechtigkeit und kollektiver Gestaltungsmacht. Sie können nur Kraft entfalten bei einem Hintegrund von neuen Formen des Zusammenlebens auf der Grundlage geteilter Verlässlichkeit, öffentlicher Versorgung und verantwortlicher Konfliktfähigkeit. Für deren praktische Orientierung helfen darauf abgestimmte Prinzipien von common decency als allgemeiner Sockel der sozialen Bedingungen des Lebens einerseits, und die Abwendung von Verletzungen und Entwertungen, die sie im aggressiven Kapitalismus prägen andererseits. Das ist nicht nur Ideal, sondern strukturelle Notwendigkeit für das Funktionieren solidarischer Reproduktion mit gegenseitiger Achtung, Verlässlichkeit und geteilter Verantwortung, aber nichtsdestotrotz muß es immer auch politisch abstimmbar bleiben.
Solche Normative und affektiv geteilten Prinzipien können gleichzeitig das Rückgrat eines neuen politischen Raums stärken. Sie ermöglichen Distanz zum herrschenden Zynismus, sie strukturieren alternative Institutionen und sie verleihen Kämpfen um Reproduktion, ihren Zielen eine normativ-strategische Orientierung, die sich Technokratie oder Moralismus versagt. Und mögliche Kipppunkte, auf die hingearbeitet wird oder deren mögliche Umkehrrichtung beeinflusst werden kann, sind nicht nur Momente der Krise, sondern Gelegenheiten zur konkreten Neuformation politischer Räume.
Fazit
- Eine Linke, die Gesellschaftstransformation Ernst nimmt, sollte sich selbst im politischen Raum einordnen können. Das beinhaltet, über das Alltagsgeschehen hinaus die eigenen Strategien und Ziele, die herrschenden Bedingungen und Kräfte immer wieder zusammen zu besprechen, um nicht die Orientierung oder die Stärke für Umgestaltung zu verlieren, nicht zuletzt diejenige eigener Kräfte. Das ist gerade in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation geboten. Die folgenden, unseres Erachtens grundsätzlich erforderlichen Momente dessen sollen dafür helfen.
- Heutige Gesellschaften sind weniger durch einen Überwachungskapitalismus oder Technofeudalismus geprägt, vielmehr hat sich der aggressive Kapitalismus global bis in den Alltag hinein intensiviert. Im besonderen Fokus seiner Kapitalverwertung steht heute ihr Nexus von Expansion und Zirkulation, Plattformen und Renten (Besitzeinkünfte) als Mittel verschärfter Aneignung und Beschleunigung. Das Spektrum dieser Intensivierung mit neuem Zusammenwirken sozialer und politischer, ökonomischer und technologischer Prozesse, reicht von verlockenden Versprechen bis rücksichtsloser Gewalt.
- Aggressiver Kapitalismus bildet sein Kraftfeld nicht mehr allein um Produktionsverhältnisse. Er krempelt gesellschaftliche Reproduktion auf verschiedenen Ebenen um. Die Reproduktionsverhältnisse sind zentrale Konflikt- und Ansatzpunkte im aggressiven Kapitalismus. Sie betreffen nicht bloß die Versorgung, sondern bestimmen auch, wie Strukturen gesellschaftlich integrieren und sind maßgeblich für Subjektivierung. Dadurch sind sie entscheidendes strategisches und politisches Feld gesellschaftlicher Umgestaltung.
- In der Reproduktion der Lebensverhältnisse, die nicht nur die soziale Reproduktion einbeziehen, sondern auch Konsum, Arbeitszusammenhänge und Institutionen umfassen, arbeitet der Kapitalismus mit Optimierungsdruck, Sanktionen und Schuldenfalle, mit Versprechen und Bedrohungen unter einem allgemeinen Produktivismus und Arbeitszwang. Dies sind wichtige Momente der gesellschaftlichen Reproduktion unter Austeritätszwängen, deren Gesamtzusammenhänge für die meisten unsichtbar sind.
- Aggressiver Kapitalismus bewirkt systematisch Entwertungen und Verletzlichkeiten, die sich in den verwertungsunterworfenen, fragmentierten Klassen und Gruppen breit aber verschieden entfalten und ihre Haltungen prägen, nicht selten begleitet von Schiefheilungen sozialer Beziehungen. Jede sozialistische Strategie muss gerade darauf materiell, konzeptionell und affektiv antworten können.
- Diese Reaktion bedeutet eine spürbare Resonanz im politischen Raum. Damit ist nicht nur institutionalisierte Politik im üblichen Sinne gemeint, sondern politische Prozesse sind auch Teil der gesellschaftlichen Reproduktionsverhältnisse. Der politische Raum beginnt bereits bei grundlegenden Einstellungen und Verhaltensweisen im Alltag. Schon in diesen kleinen und oft unsichtbaren Formen der politischen Haltung und ihrer Infrapolitik entsteht diese Sphäre mit eigenen Prozeduren. Als umkämpfte gesellschaftliche Struktur besteht der politische Raum in der Wechselwirkung von Staat, Medien, Bewegungen, Alltagsaffekten und Klassenverhältnissen – und kann nur über Konflikt, Organisation und eine andere Institutionalisierung verändert werden.
- Die strategische Lähmung der Linken von Haltungen über Bewegungen bis zur Partei beruht auf ihrer oft bruchlosen Integration in diesen Raum, und zwar institutionell, affektiv und ideologisch, oft mit absurden Identifikationen. Dazu gehört die Kapitulation vor den komplexen Reproduktionsverhältnissen und den ambivalenten Haltungen der Leute darin. Eine sozialistische Strategie verlangt aber effektive und sensible politische Distanz zu deren Logiken insgesamt, ohne auf eine strategische Haltung zu ihnen zu verzichten.
- Über Ein-Punkt-Bewegungen hinaus und gegen eingespielte Widerstände kann die strategische Initiative für Vergesellschaftung unter kollektiver Lenkung und freier Zugänglichkeit gesellschaftlicher Infrastrukturen zusammen mit bedingungslosem Grundeinkommen als Hebel eines Umbaus der Reproduktionsverhältnisse eingesetzt werden. Diese Kombination wirkt materiell, symbolisch und organisatorisch genau gegen Entwertung und Verletzlichkeit, entzieht Lebensgrundlagen dem Markt und schafft neue Erfahrungsräume bis hin zum Horizont demokratischer gesellschaftlicher Planung. Dies mobilisiert deshalb politisch gegen den Druck in den Lebensverhältnissen, was auch Kämpfe gegen weitere Bedrohungen des aggressiven Kapitalismus einbezieht.
- Gegen herrschende Alternativlosigkeit, Vernichtungsdrohung und Utopieverbot braucht es daran anschließend noch weitreichendere Konzepte gesellschaftlicher Transformation. Postkapitalistische (Re-)Produktionsverhältnisse müssen durchgängig demokratisch organisiert sowie politisch abgestimmt werden. Gegen multiple Krisen wirken entsprechenden Planungen, die klug zwischen stabiler Grundversorgung und flexibler Wunschproduktion differenzieren, und nicht zur Planungsdiktatur werden können.
- Der Widerstand gegen derartige Forderungen und Eingriffe ist gewaltig. Aber über die Ablehnung herrschender Vergesellschaftungsmechanismen hinaus können sich Initiativen für einen neuen politischen Raum mit durchgängigen Demokratisierungen an einem Fundament sozialer Beziehungen reziproken Anstands und Rücksichtnahme orientieren. Gegen Resignation und Produktivismus, Ambivalenzfallen und Schiefheilungen gilt es gerade, dies inmitten der Erfahrungen affektiv und differenziert anzusprechen.
- Statt einer Wahl zwischen bloßen Reformvorhaben oder Katastrophismus brauchen transformative Strategien Verständnis für die vielen möglichen gesellschaftlichen Kipppunkte. Dabei geht es nicht um historische Automatismen, denn sie können durch bewusste Vorbereitung und den Aufbau reproduktiver Gegenmacht entstehen, beeinflusst oder genutzt werden. Ohne diesen wichtigen strategischen Orientierungspunkt drohen Pseudo-Emanzipation oder Überwältigung emanzipatorische Kräfte zu lähmen.
- Brandmauer, breite Bündnisse, gar Volksfront gegen rechts? Blanker Anti-Faschismus oder -Populismus greifen viel zu kurz. Aggressiver Kapitalismus und seine Kulturindustrie befeuern ambivalente, gar paradoxe vorpolitische Haltungen in den Lebensweisen, die immer offener für autoritäre Mobilisierungen werden. Statt simpler Pole von Demokratie und Diktatur verschiebt sich der politische Raum mit seinem liberal-autoritären Rahmen weiter und weiter zu einem Kanon von Repressionen, getrieben vom aggressiven Kapitalismus. Seine liberalen und regressiven Varianten sind auf Dauer nur durch Umwälzungen der Reproduktionsverhältnisse zu bremsen. Diese Bedingung sollte auch Richtschnur für Allianzen gegen faschistische politische Kipppunkte sein.