Ambivalenz der Empathie

von Tsafrir Cohen

Empathie ist die Fähigkeit und Bereitschaft, andere Menschen, ihre Interessen, Gefühle, Vorstellungen und Lebensweisen zu verstehen. Dies ist die Grundlage aller universalistischen Bestrebungen und bildet nicht zuletzt eine wesentliche Voraussetzung für eine Realisierung allgemeiner Menschenrechte. Aktuell ist immer deutlicher zu sehen, dass autoritäre Regierungen und Bewegungen der Empathie den Krieg erklärt haben und einen systematischen Anti-Universalismus propagieren. Gleichzeitig weist der Empathiebegriff aber auch eine Ambivalenz auf. Er kann auch anti-universalistisch eingesetzt werden.

Radikaler Reformismus in Zeiten des Krisenkapitalismus: Zum Gebrauchswert eines transformativen Konzepts*

von Markus Wissen

Angesichts der gegenwärtigen Weltlage brauchen emanzipatorische Kräfte viel Energie und einen langen Atem. Dafür sind Konzepte unabdingbar, die, ausgehend von einer nüchternen Analyse der Situation, strategische Horizonte öffnen. Degrowth, Buen Vivir, Vergesellschaftung oder Care Revolution sind Beispiele für mobilisierungsfähige Entwürfe. Eine Leitidee, die vielen dieser Konzepte zugrunde liegt, ist der radikale Reformismus. Welchen Gebrauchswert hat dieser aktuell für progressive Politik?

Gesellschaftliche Reproduktion und postkapitalistische Transformation

System Change FFM

Der Alltag vieler ist heute von Unsicherheit und Unbehagen durchzogen, nicht selten geprägt von Erfahrungen des Misserfolgs und der Geringschätzung. Das betrifft Arbeit, Haushalt, Versorgung oder Freizeit, sei es infolge pausenloser Leistungsansprüche, Preissteigerungen oder Informationsfluten – um nur ein paar Belastungen zu nennen. Besonders diejenigen, die in die Zwänge der Existenzsicherung mittels Arbeit gepresst sind, können ein Lied davon singen. Dazu kommen schwer überschaubare Krisenszenarien wie Klimanotstand und Kriege, intransparente wirtschaftliche Debakel oder radikale technische Umwälzungen – von politischer Ignoranz, Verlogenheit und Rücksichtslosigkeit gar nicht zu reden. Begleitet wird all das von vermehrten Anforderungen an Konkurrenz, Selbstoptimierung und die  Abgrenzung von immer mehr Gegnern, seien sie sichtbar, unerkannt oder eingebildet, lokal oder global. Und die Flucht in den Konsum hilft auch nicht weiter. Druck und Belastungen werden exzessiver, resultierende Affektstörungen häufen sich.

Wie konnte das passieren? Die Demobilisierung der Bevölkerung und der Aufstieg der extremen Rechten in Argentinien

Adrián Piva (Buenos Aires)

Der Aufstieg der extremen Rechten und die Übernahme der Regierung in Argentinien haben die Linke und emanzipatorische Bewegungen erschüttert. Der Wahlsieg von Javier Milei ist das Ergebnis tiefgreifender Veränderungen in der argentinischen Politik. Er stellt nicht nur eine lange Tradition von selbstorganisierten sozialen Kämpfen in Frage, sondern bedroht die bürgerliche Demokratie.

Der Wahlsieg war das Ergebnis eines Prozesses der Auflösung der Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit, die das Fundament der argentinischen Gesellschaft nach der Krise von 2001 bildeten und Wirtschaft und Politik miteinander verbanden. Er bedeutet daher das Ende einer Epoche und den Eintritt in eine Phase der Unsicherheit.

Prekäre Verhältnisse: Zu einer Kritik der gesellschaftlichen Linken

Uli Wesser für AK System Change Frankfurt

Care-Krise und Wohnungs-Krise, Klima-Krise und Demokratie-Krise, Migrationskrise und Kriminalitäs-Krise, Krisen der Staatsfinanzen, multiple Krise und Polykrise: Es wird heute permanent eine Vielzahl von Krisen und dem erforderlichen Schutz davor, von produktiven wie destruktiven Disruptionen und nachhaltigen Resilienzen für sie festgestellt und proklamiert. Und zwar keineswegs nur von Gesellschaftskritikern, sondern gerade auch von ihren Profiteuren und vielen Apologeten. Diese Krisen und Disruptionen werden als maßgeblich für viele Konfliktfelder, Forderungen für Einschnitte, für diverse Maßnahmen und Initiativen sowie politische Vorhaben präsentiert.  Damit agieren auch die meisten linken Initiativen, sind aber gewöhnlich nicht in der Lage, sich wirklich von herrschenden Praktiken und Erklärungen zu lösen.