Michael B. Elm
Der in Israel geborene Holocaust- und Genozidforscher, Sohn des bekannten Autors und Schauspielers Hanoch Bartov, legt mit seinem Buch `Israel: What went wrong´ eine persönlich-politische Bestandsaufnahme des Zionismus vor. Er beschreibt dessen Wandel von einer auf jüdische Emanzipation und nationale Befreiung bezogene Bewegung hin zu einem ethnonationalistischen Regime, das seine liberalen Wurzeln weitgehend eingebüßt hat. Dies wird nicht als unausweichliche Entwicklung beschrieben – wie manche im Sinne siedlerkolonialistischer Regime argumentieren – sondern war und ist in politische Entscheidungen eingebunden, die auch anders ausfallen können. Entsprechend lautet seine Fragestellung: „How is it that the appeal to humanitarianism, tolerance, the rule of law, and protection of minorities that characterized the beginning of Jewish self-emancipation gradually acquired all the traits of the relentless, remorseless, and increasingly racist ethno-nationalisms from which Zionism sought to liberate European Jewry?” (Bartov, Omer. Israel: What Went Wrong? (S. 7) Kindle Edition.)[1]
Diese Fragestellung haben schon Viele vor Bartov verfolgt. Oft wird die Besatzungspolitik nach dem gewonnenen Sechs-Tage-Krieg angeführt, die die Besiedelung der Westbank einleitete und nach und nach als autoritäre Bewegung eines Besatzungsregimes ins israelische Kernland zurückschlug. Bartov setzt mit der Ausarbeitung der Unabhängigkeitserklärung, einer fehlenden israelischen Verfassung, Entstehung von Völkerrecht und Genozidkonvention sowie der erinnerungspolitischen Formierung des Shoah-Gedenkens einen anderen Schwerpunkt. Dies ist den Entwicklungen der letzten Jahre geschuldet, in der die sogenannte Justizreform der rechtsextremen Netanjahu-Regierung, das Massaker des 7.Oktobers und der Gazakrieg die Themen in den Blickpunkt rückten. Er befürwortet die Bezeichnung der israelischen Kriegsführung seit Frühjahr 2024 als genozidal, was ihm innerhalb der aufgeladenen und polarisierten Debatten sowohl Kritik wie Anerkennung eingebracht hat. Man konnte sich also fragen, ob es Bartovs Buch gelingt, neue Akzente zu setzen, die sich durch seine Expertise als Historiker und Genozidforscher aber auch durch seine intime Kenntnis und tiefe Verbundenheit mit der israelischen Gesellschaft auszeichnen.
Die kurze Antwort lautet, dass insbesondere seine Betrachtungen zur ausgebliebenen Verfassungsgebung, der Diskussion um Antisemitismus- und Erinnerungspolitik sowie den Debatten um den Genozidbegriff kenntnisreich sind und wichtige Differenzierungen leisten, während einige seiner politischen Beurteilungen eher oberflächlich ausfallen. Als erinnerungspolitische Schnittstelle der Diskurse führt Bartov den Holocaust und die Nakba als sehr unterschiedliche, aber historisch aufeinander bezogene nationale Katastrophen an: „Indeed, there are those who find merely invoking the Holocaust and the Nakba in the same context to be scandalous, both because of their enduring traumatic effects and thanks to each group’s insistence on the exclusivity of its victimhood, resulting in resistance to comparison and analogy. In fact, the two events are inextricably linked historically, personally, and as part of a politics of memory, and they have respectively become constitutive of Israeli and Palestinian national identities”. (Bartov, 16-17) Bartov beschreibt, wie die Holocausterinnerung – nach anfänglicher Ignorierung der Überlebenden – zu einem zentralen Motiv der israelischen Memoriallandschaft wurde. Wie die israelische Kultur darum bemüht war, ihre Diasporaidentität abzulegen und durch ein kämpferisches `Nie Wieder´ zu ersetzen. Entscheidend für die Verknüpfung zur Gegenwart ist dabei, dass einerseits das erinnerungspolitische Mantra eine partikularistische Auslegung erhielt, also ein `Nie Wieder Uns´ etablierte, und andererseits einer permanenten Aktualisierung unterliegt. Mit anderen Worten: die Shoah kann sich jederzeit wiederholen. Jede Generation muss aufs Neue die Bedrohung abwenden. Beide Motive sind innerhalb nationalstaatlich kodierter Verarbeitung von Gewaltgeschichte und regional andauernder Konflikte nachvollziehbar. In der existenziellen Auseinandersetzung mit den Palästinenser_innen werden sie allerdings einer fatalen Aktualisierung zugänglich. Das Massaker des 7.Oktobers wurde trotz äußerst unterschiedlicher Kräfteverhältnisse der Kontrahenten entsprechend ausgelegt. Dabei befeuerte die rechtsextreme Regierung unter Premierminister Netanjahu von Anfang diese Deutung und nutze sie für ihre eigenen politischen Zwecke und den Machterhalt der Regierungskoalition. Bartov zeichnet diese Entwicklungen genau nach und reflektiert, wie der ressentimentgeladene Gazakrieg selbst genozidale Formen annehmen konnte. Die systematische Zerstörung der Lebensbedingungen in Gaza, die Lebensmittelblockaden und Bombardierungen von Gesundheitseinrichtungen lösten bei ihm vor dem Hintergrund der geäußerten Vernichtungsabsichten durch israelische Politiker und Militärs einen Einschätzungswandel aus.
Er schildert einen Besuch im Juni 2024 an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva. Aufgrund seiner in der internationalen Presse geäußerten Warnung vor einem Genozid kam es zu Protesten gegen seine Einladung durch Studierende. Nach anfänglichen Störungen gelang es den Veranstaltern die Studierenden in eine Diskussion einzubeziehen. Viele hatten selbst an Kriegshandlungen als Soldat_innen in Gaza teilgenommen und wollten ihre Erfahrungen einbringen, bzw. belegen, dass Bartovs Darstellungen nicht der Realität entsprechen. „They showed me photos on their phones to prove that they had behaved admirably toward children, denied that there was any hunger in Gaza, insisted that the systematic destruction of schools, universities, hospitals, public buildings, residences, and infrastructure was necessary and justifiable. They viewed any criticism of Israeli policies by other countries and the United Nations as simply antisemitic.” (Bartov, 24) Er beschreibt die Haltung der Studierenden als typisch für die Situation in Israel zu diesem Zeitpunkt, was sich durch entsprechende Umfragen belegen lässt. In der Reaktion auf das Massaker des 7. Oktobers wurden alle zivilen Opfer in Gaza als notwendige gerechtfertigt, bzw. durch die militärische Strategie der Hamas verursacht, wenn sie denn überhaupt zur Kenntnis gelangten. Die Ausführungen der israelischen Studierenden erinnern Bartov an seine eigenen historischen Untersuchungen über den Einflusses von Nazipropaganda auf Wehrmachtssoldaten gegenüber den `bolschewistischen Untermenschen´. „Having embraced certain views of the enemy—the Bolsheviks as Untermenschen, Hamas as human animals—and of the wider population as less than human and undeserving of rights, soldiers observing or perpetrating atrocities tend to ascribe them not to their own military or to themselves, but to the enemy.” (Ebd. 41)
Während seine Kritik der Verwischung der Grenzen zwischen der islamistischen Terrormiliz und der Zivilbevölkerung in Gaza seine Berechtigung hat, sind die Analogien der Nazis und Wehrmachtsoldaten mit den heutigen Soldaten des IDFs (die an späterer Stelle noch ausgeweitet wird) problematisch, weil sie den historischen geopolitischen Kontext nicht adäquat berücksichtigen. Auch wenn das Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre sich sicherlich noch gedemütigt fühlte von Kriegsniederlage, Versailler Verträge und ökonomischer Misere war die Weimarer Republik keiner unmittelbar militärischen Bedrohung ausgesetzt oder wurde durch einer ihrer Nachbarstaaten mit Auslöschung bedroht. (Vgl. 44) Der Einbezug der regionalen Konflikte mit seinen Schatten- und Mehrfrontenkriegen, die einen starken Einfluss auf die innerisraelischen Debatten haben, kommt insgesamt zu kurz.
Legt man zur Bewertung solcher Vergleiche die Antisemitismusdefinition der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) zugrunde, wie sie von der deutschen Recherche Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) adaptiert wurde, müsste Bartovs historische Analogie als antisemitisch bezeichnet werden. Nach dem RIAS-Verständnis fällt jede Relativierung des Holocaust oder Vergleiche von Israel mit dem nationalsozialistischen Deutschland in diese Kategorie. Eine solche Zuschreibung gegenüber Bartov wäre jedoch hochgradig absurd und verweist auf die Kontextblindheit der zugrundeliegenden Definition, die Sprecherposition, Intention und die Art und Weise des Vergleichs vernachlässigt.[2] Wie oben dargelegt, lässt sich Bartovs Position sehr wohl ohne Antisemitismusvorwürfe kritisieren. Dem Themenkomplex des Antisemitismus und seiner Instrumentalisierung wendet Bartov sich in seinem zweiten Kapitel `Zionismus und Antisemitismus´ zu. Hier gelingt ihm eine differenziertere Darlegung der Problematik, die sowohl den Fortbestand und Ausweitung antisemitischer Einstellungen und Praktiken nach dem 7. Oktober aufzeigt wie die `Weaponization´ von Antisemitismusvorwürfen in verschiedenen politischen Kontexten benennt. Bartov bettet die gegenwärtigen Auseinandersetzungen in einen ausführlichen und lesenswerten Exkurs zur Geschichte von Judenhass und Antisemitismus in Europa ein. Letztlich dient ihm dieser zur Darstellung, wie der in Europa entwickelte Zionismus die Auseinandersetzungen um Antisemitismus aufgenommen und in die israelische Staatsgründung eingeschrieben hat. Die Staatsgründung wird bekanntermaßen als Antwort auf den europäischen Antisemitismus verstanden, die durch den Holocaust eine endgültige Bestätigung erhielt. Im Laufe der israelischen Geschichte werde diese Zusammenführung aber im israelischen Mainstream zu einer national-identitären Abwehr von Kritik verdichtet: “Precisely because of its self-image as a righteous response to the Holocaust, Israel cannot accept its responsibility for the injustice of the Nakba and the occupation; it perceives any substantive criticism of its policies, let alone of the manner of its creation, as undermining its very right to exist and serving the core motivation of modern antisemitism, removal of the Jews.” (Bartov, 79). Die enorme Zuspitzung dieser Haltung durch die gegenwärtige Administration lässt sich bei den jährlich in Jerusalem abgehaltenen Konferenzen zur Bekämpfung von Antisemitismus beobachten. Diese wehrt jegliche von außen kommende Kritik an ihrer Politik – im Verbund mit Vertreter_innen anderer autoritärer Regierungen – als antisemitisch ab. Selbst linientreue Befürworter israelischer Regierungspolitik wie Volker Beck und Felix Klein sahen sich gezwungen, ihre Teilnahme an der Konferenz in 2025 aufgrund der Besetzung mit autoritären und rechtspopulistischen Politikern zurückzuziehen.
Bartov stellt der national-identitären Version eines `Nie Wieder Uns´ seine universalistische Auslegung gegenüber und bindet deren Bedeutung in ein fiktives Statement von Ex-Präsident Joe Biden ein. “What should President Biden have said in his speech, when he still had the opportunity to stop the killing in Gaza, and what should Jewish and all other American community leaders—not least scholars and directors of institutions dedicated to the study and memory of the Holocaust—have said? “‘Never again’ means never again killing innocent Jews, as perpetrated by Hamas, just as much as it means never again killing innocent Palestinians, as in the IDF killing of thousands of Palestinian children. Never again wanton, callous murder. Never again impunity. This must always be the right policy against antisemitism, as against any other type of racism and bigotry.” (Ebd. 89).
Im dritten Kapitel spricht Bartov als Holocaust und Genozid Forscher. Er beleuchtet Debatten um die Kolonialgeschichte und die Singularität des Holocaust in Deutschland sowie die Gründung internationaler Organisationen wie dem International Criminal Court (ICC) oder dem International Court of Justice (ICJ) als institutionalisierte Konsequenzen aus dem Völkermord. In Deutschland werde der Einbezug der migrantischen Bevölkerung ins nationale Kollektiv durch eine Verpflichtung aufs Holocaustgedenken erschwert. Der Verweis auf die besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel habe auch zu einer ablehnenden Haltung gegenüber Südafrikas Genozidklage beim ICJ beigetragen. Gleichzeitig wurde die Aufarbeitung der eigenen Kolonialgeschichte lange vernachlässigt. (Ebd. 94-95) Bartov führt hier bekannte Kritiken an der deutschen Erinnerungspolitik an, die allerdings nicht vertieft werden. Weitreichender sind seine Betrachtungen zu den juristischen Verzweigungen der Genozidgesetzgebung im Anschluss an die Genfer Konvention von 1945. Angesichts der Völkermorde nach dem Holocaust mute deren rechtliche Kodifizierung als vergeblich an. Dennoch sei eine Struktur humanitären Rechts entstanden, die nach dem Ende des kalten Krieges zögerlich Anwendung gefunden habe. Das zeigen die Anklageerhebungen in Ex-Jugoslawien und Ruanda sowie gegenüber Myanmar, Russland und zuletzt Israel. Bartov bezeichnet den Beitrag des Holocaust zur Entwicklung der Struktur internationalen Recht als `Fluch und Segen´ (100). Die Spezifik des Holocaust mit seiner bürokratisch angeleiteten und industriell durchgeführten Massenvernichtung habe erinnerungskulturell eine hohe Messlatte gegenüber anderen Gewaltverbrechen geschaffen, die deren Einordnung als Genozide erschwere. Gleichzeitig seien durch die Nachkriegsordnung jene moralisch und rechtlich kodierte Erinnerungs- und Handlungsgebote geschaffen worden, die trotz verschiedener Ausprägungen in den USA, Deutschland und Israel den westlichen Staaten als moralische Richtschnur dienten. Heute, wo der US-amerikanische Hegemon, die von ihm geschaffene Nachkriegsordnung aufgekündigt hat, geraten auch deren moralische Geländer ins Wanken, bzw. werden nach den neuen Regeln eines protektionistischen Hypernationalismus umgestaltet. Das fügt sich gut ins Weltbild der israelischen Rechten und deren ethnonationalistischer und messianistischer Ideologien ein. Bartov erklärt die spezifische Aggressivität der israelischen Militärpolitik mit ihren gezielten Tötungen und In-Kauf-Nehmen ziviler Opfer in Gaza und anderswo aus der eingangs dargestellten erinnerungspolitischen Selbstviktimisierung. Wenn der nächste Holocaust immer nur um die Ecke wartet, sind alle Mittel recht, sich dagegen zu wehren. “What had been for long the “never again” syndrome thus became its exact opposite, the “again and again” syndrome—an internalized, irrational, and misleading terror of another Holocaust, always lurking behind the corner, from which one can liberate oneself only by lashing out, pressing down, breaking in, and blowing up both one’s own doubts and unease and any real or perceived external threat” (107). Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober wurde in der jüdisch-israelischen Bevölkerung mehrheitlich als Bestätigung dieser Haltung aufgefasst. Bartov zitiert einen ehemaligen Shabak-Mitarbeiter (innenpolitischer Nachrichtendienst), dessen Facebook-Nachricht viral in Israel ging und den Ausdruck von Ernüchterung bis weit in die Mitte israelischer Politik prägte: „I was wrong. I was so wrong. All my adult life I was captive of the paradigm of a resolution [of the conflict] with the Palestinians. A belief that one day there will be peace here and that it’s only a matter of time, and [that it] should be promoted by means of education, tolerance, humanitarian gestures, economic peace, conversations with the “moderates,” giving up territory, inclusion, and recognition of pain. I believed that the conditions of poverty, oppression and occupation made them turn to terrorism. I believed that most of them were wretched, and that any people would behave like that under similar circumstances. I believed in their rationality and that at the end they too, like us, want a tranquil, progressive, modern, and prosperous life … All this collapsed on October 7. All the realists who warned and alerted us for years were right: they mean what they say and write, they are here to annihilate us, they cannot be trusted. None of them. Nothing has changed in them since the riots of 1929 … This is a shock. A tremendous sobering up … The Holocaust that some of the Jewish people experienced in … its own sovereign state … is something that was inconceivable … The legacy of this event … is that the people living in Zion will sober up … It is either us or them. This demands transition from containment to defeat, total defeat … The most moral thing is to live here and wipe out the evil.” (Zitiert nach Bartov 2026, 108-109). Diese Haltung und Auslegung des Massakers, die während der ersten Monate breite Teile des liberalen Lagers erfasste, muss zweifellos als Erfolg für die Hamas gewertet werden. Deren Politik zielt genau auf eine Verunmöglichung politischer Kompromisse. Bartov gewährt auch den minoritären Stimmen in Israel etwas Raum, die schon bald eine `Ausnüchterung von der Ausnüchterung´ forderten und eine Korrektur von Kriegsführung und Kriegszielen forderten. Er beschränkt sich allerdings auf den ultraorthodoxen Journalist und Aktivist Isarel Frey und lässt so prominente wie konservative Stimmen ehemaliger Likudniks wie Ehud Olmert, Tzipi Livni und Moshe Ja ̍alin unerwähnt. Dabei wird zurecht darauf hingewiesen, dass es den meisten dieser Kritiker_innen, um die Befreiung der israelischen Geiseln und nicht um die Zivilbevölkerung in Gaza ging.
Der gesellschaftlichen Polarisierung der Wahrnehmung von Hamas-Massaker und Gaza-Krieg entspreche ein Auseinanderdriften der akademischen Disziplinen von Holocaust- und Genozid-Forschung. Holocaust Scholars sehen den 7. Oktober als Fortsetzung der historischen Vernichtungspolitik gegen Juden und Jüdinnen, während Genozid-Forscher die israelische Besatzungspolitik und das Motiv der Vergeltung gegenüber der Hamas in Gaza in den Vordergrund rücken. Ohne Zweifel beschreibt Bartov hier sein eigenes Dilemma, wenn er von den Verwürfnissen dieser beiden, eng verwandten Forschungsfelder spricht: „My own sense is that the fields of Holocaust studies and genocide studies may drift increasingly apart, in a manner that will undermine their public and educational impact and affect the quality of their research and their scholarly authority.” (Bartov, 114). Er plädiert demgegenüber für die Fortsetzung des schon vor Jahrzehnten begonnenen Trends, den Holocaust in größeren Kontexten von Gewalt- und Konfliktgeschichte zu studieren und zu gedenken. Die disziplinären Auseinandersetzungen werden nicht zuletzt von einem Kampf um Ressourcen und Fördermittel geprägt.
Insgesamt macht Bartovs Argumentation deutlich, dass die Vektoren der erinnerungspolitischen Narrative in Israel, Deutschland und den USA nach dem Gazakrieg in verschiedene Richtungen weisen. Die knapp fünfzigjährige Vorherrschaft der Holocausterinnerung im Westen, die auch Israel zugutekam, geht zu Ende. Einige sehen darin, das `Ende der Schonzeit´ (Gad Arnsberg in der FAZ) für Jüdinnen und Juden und das ist sicher nicht ganz falsch. Israelfeindliche und antisemitische Motive und Politiken werden sich in Zukunft noch leichter vermischen lassen, als dies ohnehin schon geschieht. Das passiert in Teilen der Linken, wie man es in der jüngeren Vergangenheit von einzelnen antiimperialistischen Gruppen kannte und hilft dem konstitutiv auf Verschwörungstheorien basierenden populistischen Autoritarismus sich mit pro-israelischen Federn schmücken kann, um seine rassistisch-ethnozentristischen Ideologien zu legitimieren. Auf der anderen Seite hat der Gazakrieg, die Intensivierung der Siedlungspolitik in der Westbank und die regierungsoffizielle Beanspruchung des gesamten Territoriums vom Jordan bis zum Mittelmeer durch die gegenwärtige Koalition vor Augen geführt, wohin sich israelische Politik bewegt. Eine Politik der Zerstörung und Vertreibung ohne politisch-diplomatischen Horizont gegenüber den Palästinenser_innen. Ethnische Vertreibung und Genozid sind die praktischen Konsequenzen dessen. Deutschland wurde unterdessen von Prinz Putin und Ritter Trump unsanft aus seinem militärpolitischen Dornröschenschlaf geweckt. Das perfide Duo beschwört mit seiner Sehnsucht nach imperialer Größe und Ordnung alte Geister herauf, die nicht mit einer auf die Bearbeitung von Gewaltgeschichte ausgerichteten Traumapolitik – wie sie die Holocausterinnerung auszeichnet – zusammenpassen. Die erinnerungspolitische Klammer löst sich auf.
In den beiden letzten Kapiteln wendet sich Bartov zwei besonders empfindlichen Punkten zu: Einerseits der massenhaften Tötung von Kindern und andererseits dem innerisraelischen Diskurs um eine fehlende Verfassung. Das vierte Kapitel `On the slaughter of Children´ beginnt mit einem berühmten Gedicht des israelischen Nationalpoeten Chaim Nachman Bialik über das Pogrom von Kischinew 1903, in dem auch zahlreiche Kinder ermordet wurden. Nach Bartov werde in der israelischen Rezeption dessen einleitende Zeile, in der der Dichter Rache als Reaktion auf getötete Kinder verneint und ausruft, dass `selbst der Satan keine Antwort auf dies furchtbare Verbrechen kenne´, oft weggelassen. Stattdessen werde es – gerade im Kontext des 7. Oktober – als Aufruf zur Rache wiedergegeben. Damit gibt Bartov die thematische Linie des Kapitels als gesellschaftliche Entscheidung zwischen Eingedenken und Sühne oder Rache und Vergeltung vor.
Zunächst führt er den historischen Gehalt des Terminus Pogrom aus und weist dessen Geltung für das Hamas Massaker zurück während er ihn für Siedler Attacken auf die palästinensische Bevölkerung in der Westbank befürwortet. Das entscheidende Kriterium ist demnach, ob die ausgeübte Gewalt staatlich geschützt oder – wie beim Massaker der Hamas – ein Versagen der Staatsgewalt darstelle. Als deren `tiefere Ursache´ (deeper cause) benennt er Netanjahus politische Strategie des `managing the conflict´. Er erinnert an dessen Bewilligung von Zahlungen aus Katar für die islamistische Terrororganisation und an Bezalel Smotrichs Bemerkung von 2015, dass die Hamas ein `Asset für Israel´ (122) sei, weil sie der diplomatischen Anbahnung einer Zwei-Staatenlösung entgegenstehe. Eine Haltung, die bekanntlich von Netanjahu geteilt wurde. Trotz dieser offenkundigen politischen Mitverantwortung der israelischen Rechten am Zustandekommen des Massakers muss seine Wortwahl als unzureichend gelten. Sie entlastet die politische Führung der Hamas, indem sie als `tiefere Ursache´ für das Massaker die völkerrechtswidrige Isolation von Gaza und die Besatzungspolitik der israelischen Rechten heranzieht. Vermischt wird das legitime Recht sich gegen Besatzung zu wehren mit der Ausübung von terroristischer Gewalt, die Bartov an mehreren Stellen klar verurteilt. Entscheidender aber ist, dass die vernichtungspolitische Intention des Massakers, ihre genozidale Gewaltsprache, die sich gegen alle Israelis, ob jung oder alt, arabisch oder jüdisch, IDF-Soldatin oder thailändische Landarbeiter richtete, übergangen wird. Diese Sprache der Gewalt wurde im israelischen Diskurs sehr wohl verstanden und aktualisierte tiefsitzende Ängste und Traumata. Man kann sagen, dass ein Teil der politischen Strategie von Yahwa Sinwar und Mohammed Deif, beide profunde Kenner der israelischen Gesellschaft aufgegangen ist. Die jüdisch-israelische Gesellschaft hat mehrheitlich auf die autotelische Gewalt der Hamas mit Vernichtung geantwortet und damit jedwede Form von gleichberechtigter Koexistenz mit den Palästinenser_innen verneint. Genau in der Zurückweisung von politischer Gleichberechtigung und Koexistenz sind sich Hamas und die verschiedenen Fraktionen der israelischen Rechten aber einig. Bartov übersieht den `kommunikativen´ Aspekt der Gewaltsprache und bleibt in seiner ideologischen Einordnung daher simplifizierend. Diese Simplifizierung teilt er im Übrigen aus entgegengesetzter Perspektive mit einigen seiner Kritiker, wie dem amerikanischen Historiker Jeffrey Herf, der ihm in der Rezension des Buches unterstellt den Antisemitismus der Hamas nicht wahrzunehmen und Israels existenzielle Bedrohung durch die Terrormiliz auszublenden[3]. Während Herf das abwendbare Massaker zu einer existenziellen und genozidalen Bedrohung für Israel aufbläht, wertet Bartov dessen symbolischen, auf Vernichtung zielenden Gehalt ab.
Der Schlussteil des Kapitels exemplifiziert den Umgang mit getöteten Kindern anhand der entführten israelischen Bibas Familie, deren beide Kinder Ofir und Kfir zusammen mit der Mutter in der Gefangenschaft der Hamas umkamen, während der Vater im letzten Geiselaustausch befreit wurde. Diese tragische Geschichte spielte im medialen israelischen Diskurs eine große Rollte und wurde von Netanjahu für politische Zwecke genutzt (131). Es werden zahlreiche Zitate israelischer Personen angeführt, deren genozidaler Charakter oft auch die Ermordung von Kindern umfasst. Diese moralische und emotionale Abstumpfung sei über die genannten erinnerungspolitischen Gründe hinaus, durch eine gezielte Ausblendung palästinensischen Leidens in den israelischen Medien möglich geworden. Am Ende des Kapitels kommt er mit der Trauerrede von Ofri Bibas, der Schwester des Familienvaters, auf das Motiv von Rache und die Möglichkeit eines anderen Umgang zurück: „Our disaster as a people, our disaster as a family, should never have happened, and must never, ever happen again. They could have saved you, but they preferred revenge.” (Bartov, 134)
Im letzten Kapitel wendet sich Bartov von der moralisch-erinnerungspolitischen Betrachtung der juridischen Sichtweise zu. Es folgt eine ausführliche historische Betrachtung um die Abfassung der Unabhängigkeitserklärung und die bis heute fehlende Verfassung und Grenzlinien des israelischen Staates. Bartov weist auf die im Teilungsplan der UN vorgesehene Verabschiedung einer demokratischen Verfassung beider Teilstaaten hin, die zu einer positiven Haltung gegenüber der Aufnahme der Staaten in die UN beitragen sollte. Bekanntlich lehnte die palästinensisch-arabische Seite den Plan ab, unter anderem aufgrund der ungleichen Landzuteilung (55% Israel, 45% Palästina) bei weit höherem arabischen Bevölkerungsanteil. Der Jischuv unter Ben-Gurions Ägide stimmte hingegen zu, verschob die Verabschiedung einer Verfassung allerdings auf einen nicht näher definierten Zeitpunkt und gründete ein bis heute aktives Komitee (Constitution, Law and Justice Committee), welches ein entsprechendes Gesetzespaket aus Grundgesetzen der Knesset zur Abstimmung vorlegen sollte. Die in der Unabhängigkeitserklärung verheißene Gleichstellung aller Staatsbürger_innen war, laut Bartov, zu einem nicht unerheblichen Teil den Forderungen des UN-Teilungsplan geschuldet: “the fact that Ben-Gurion issued a Declaration with no clear legal standing, and then blocked the adoption of a constitution, suggests that he intended the eloquent document largely to serve foreign policy and propaganda needs.” (Bartov, 146-147) Das durchaus austarierbare Spannungsverhältnis zwischen jüdischem und demokratischen Charakter des Staates ist in die heute fortwährende Kontroverse, um die Befugnisse des Obersten Gerichtshofes und den Versuchen der rechtsextremen Regierung diese zu beschneiden, von Anfang an eingeschrieben.
Ein ausgedehnter Abschnitt beschäftigt sich mit dem ehemaligen Richter des Obersten Gerichtshofes, Aharon Barak, und dessen Versuchen, den liberalen Geist der Unabhängigkeitserklärung in Gesetztestexte zu überführen. Die Anfang der 1990er Jahre auf Initiative von Barak durch die Knesset verabschiedeten Grundgesetze, `Menschenwürde und Freiheit´ sowie `Freiheit des Berufs´ gelten der Rechten als eine Verfassungsrevolution von links, die den jüdischen Charakter des Staates angreife. Aus deren Sicht zieht sich eine direkte Linie von Ben Gurions Befehl, das mit Waffen für Menachem Begins Irgun beladene Transportschiff Altalena anzugreifen (wofür später, im Kontext der Friedensverhandlungen von Oslo ein damals eher unbedeutender Offizier Namens Jitzchak Rabin verantwortlich gemacht wurde) hin zu Baraks juristischer Bevormundung in Form des deep state, der heute abgeschafft werden soll. Bartov verweilt etwas zu lange bei Baraks verfassungsrechtlichem Intermezzo, um dann mit dem Menschenrechtsanwalt, Autor und politischen Aktivisten Michael Sfard auf die affirmative Funktion des Obersten Gerichtshofes für die Durchsetzung jüdischer Privilegien einzugehen. „the same court, as we saw, has sanctioned the settlement project in the West Bank and has allowed genocide in Gaza. It is hard not to conclude that the liberal-secular definition of Zionism was as exclusionary as the religious one, and that its professions of equality and democracy for all were repeatedly negated by its focus on privileging one ethnicity over another.” (Bartov, 167) Zweifellos berührt Bartov mit dem Verweis auf die Mitverantwortung des Gerichtshofes einen wichtigen Punkt. Die politisch nicht ganz unwichtige Frage, welche Möglichkeiten der Einflussnahme der unter Dauerbeschuss stehende Gerichtshof seit dem 7. Oktober auf die Kriegsführung in Gaza hatte, und ob das nicht vorwiegend die Sache der Oppositionsparteien wäre, gerät allerdings aus dem Blick.
Am Ende lautet Bartov düsteres Fazit, dass der israelische Staat den Zeitpunkt verpasst hat, die zionistische Ideologie hinter sich zu lassen und ein emanzipatives Projekt zu begründen, dass die reichen Quellen jüdischer Kultur und Religion genutzt hätte: „Originally, Zionism was a Jewish rebellion against fate and oppression, religious resignation and prejudice, ignorance and poverty and sickness. It broke away from the constraints of traditional society and left God far behind. Now, in an ironic reversal, the God of the Zealots is having the last word, as He did at Masada. As Israel is led singing and praying and dancing into the abyss, it is finally shaking itself free of Zionism and heading down the path of theocracy and apocalypse following a pillar of fire and smoke.” (Bartov, 181). Mit anderen Worten: Die Realisierung des zionistischen Traumes hätte eine Lockerung und Befreiung jüdischer Identitäten aus der Umklammerung von Aberglaube und Antisemitismus erlaubt, währenddessen sich extremistische Positionen etablierten, die den Gedanken an Frieden und Koexistenz überhaupt in Abrede stellen.
In seinem Nachwort führt er die politische Bedeutung seiner fatalen Diagnose aus. Eine Rettung kann nur noch von außen kommen. Er kritisiert, dass bereits die Biden Administration versäumte, ein frühen Waffenstillstand zu erzwingen. Mit Dahlia Scheindlins 2025 erschienenen Buch The Crooked Timber of Israeli Democracy diskutiert er die Frage, ob die Zwei-Staaten-Lösung noch als politische Option gangbar ist, während die Siedlerbevölkerung in der Westbank eine halbe Million Menschen beträgt und wichtige Positionen in Polizei, Militär und Politik von deren Vertreter_innen besetzt werden. Bartov spricht sich implizit für eine föderale Lösung des Nationalkonfliktes aus, die beiden Seiten Eigenstaatlichkeit aber weitgehende Wohnsitzfreiheit einräumt. Während er zurecht auf die Versäumnisse der damaligen US-Regierung hinweist, und offenkundig ist, dass ohne veränderte US-amerikanische Haltung der Gordische Knoten nicht zu durchschlagen ist, bleibt seine Analyse mit Bezug auf die regionalen Veränderungen unvollständig. Vielleicht ist es zu viel verlangt, angesichts der sich rasch umgestaltenden Region eine solche Berücksichtigung in Buchform zu erwarten. Klar ist, dass für die Mehrheit der Israelis bereits wenige Tage nach dem Massaker die eigentliche Gefahr von der Hisbollah im Libanon und dem Regime im Iran ausging. Zudem werden die Möglichkeiten der israelischen Oppositionsparteien übersehen oder bleiben unerwähnt. Benny Ganz und Gadi Eisenkot hätten das Kriegskabinett im Frühjahr 2024 deutlich früher verlassen können und damit ebenfalls erheblichen Druck erzeugt. Damals wurde noch eifrig darüber diskutiert, inwiefern Netanjahu von seinen rechtsextremen Koalitionspartnern (Ben Gvirs Jüdische Kraft und Smotrichs Religiöser Zionismus) dazu gezwungen wurde, den Krieg weiterzuführen. Heute ist klar, dass der Likud Netanjahus sich nur noch in Akzenten von den rechtsextremistischen Parteien unterscheidet. Im August 2026 wechselte mit Almog Cohen einer deren Hardliner zum Likud, ohne dass dies für Aufsehen gesorgt hätte.
Insgesamt gelingt es Bartov dennoch die großen Konfliktlinien des innerisraelischen Diskurses mit den jüngsten Diskussionen um Krieg, Antisemitismus und Genozid zu verbinden. Er weist mit der nötigen Dringlichkeit auf die fatalen Konsequenzen hin, falls es nicht zu einer Kurskorrektur kommt. Seine erinnerungspolitische Analyse bildet eine gute Grundlage für die laufenden und anstehenden hegemonialen Kämpfe in Israel und weit darüber hinaus. Die regierende, autoritäre Rechte in den USA und Israel bereiten sich ebenfalls auf eine Wachablösung, ein Zurückschlagen des Pendels aus deren Sicht, vor. Hier gilt es strategische Weitsicht mit taktischer Finesse zu verknüpfen. Dabei wäre es fatal, wenn sich die emanzipativen Kräfte anhand der Fragen nach Antisemitismus und Genozid spalten ließen, anstatt ein ausreichend differenziertes Vokabular für strittige Punkte zu entwickeln.
Omer Bartov – Israel: What went wrong?, Farrar, Straus und Giroux, New York, 2026 (Kindle Edition)
[1] Alle weiteren Zitatangaben von Bartov beziehen sich auf diese Edition.
[2] Vgl. Itay Mashiach 2024: Biased. Antisemitismus-Monitoring in Deutschland auf dem Prüfstand. Ein Bericht über die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS), 21.
[3] Vgl. Jeffrey Herf: `What went wrong with Omer Bartov?´, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/23739770.2026.2680759