Ambivalenz der Empathie

von Tsafrir Cohen

Empathie ist die Fähigkeit und Bereitschaft, andere Menschen, ihre Interessen, Gefühle, Vorstellungen und Lebensweisen zu verstehen. Dies ist die Grundlage aller universalistischen Bestrebungen und bildet nicht zuletzt eine wesentliche Voraussetzung für eine Realisierung allgemeiner Menschenrechte. Aktuell ist immer deutlicher zu sehen, dass autoritäre Regierungen und Bewegungen der Empathie den Krieg erklärt haben und einen systematischen Anti-Universalismus propagieren. Gleichzeitig weist der Empathiebegriff aber auch eine Ambivalenz auf. Er kann auch anti-universalistisch eingesetzt werden.

Die Donroe-Doktrin im Nahen und Mittleren Osten

von Michael B. Elm

In Europa und den USA entbrannte zu Beginn des Krieges im Iran die Frage, welche Pläne die Trump-Administration für die Zeit danach hat. Wie zu verhindern sei, dass ein bürgerkriegsähnliches Chaos entstehe oder autoritäre Kräfte zurückkehrten wie nach den Kriegen im Irak, Libyen oder Afghanistan. Ob Trump, wie so oft, einfach impulsiv gehandelt hat oder sich gar in einen Krieg hat hineinziehen lassen. Die Fragen sind wichtig, verfehlen aber das grundlegend Neue der Situation. Man hat die Ende letztes Jahres dargelegte National Security Strategy, in der die Trump-Administration ihre Ausweitung der historischen Monroe-Doktrin begründet – die sogenannte Donroe-Doktrin – noch nicht verstanden oder verinnerlicht. Dort heißt es explizit mit Bezug auf die Region des Nahen Ostens, dass das `fruchtlose´ und `kulturfremde´ Nation Building unterlassen werden soll. Trump interessiert nicht, mit welchem Regime er einen Deal abschließen kann.

Fear and Hope in Israeli Society After October 7 and the Gaza War

Michael Elm/Dani Bar-Tal

Das Interview mit dem langjährigen Konfliktforscher und politischen Psychologen Dani Bar-Tal wurde vor dem Hintergrund der vorläufigen Beendigung des Gazakrieges und der Rückkehr der israelischen Geiseln geführt. Es dient einem vertieften Verständnis der inneren Verwerfungen, die durch Massaker, Krieg und Geiselnahme in Israel und Palästina entstanden sind. Eine zentrale Vorannahme war, dass die ungeheuren Gewalterfahrungen auf beiden Seiten von maßgeblichen politischen Akteuren dazu genutzt werden, die bestehende Ausweglosigkeit und wechselseitige Animosität zu erhärten und sie für die eigenen politischen Zwecke zu nutzen

Zum aktuellen Stand der Dinge

von Karl Czasny

Im Sommer 2024 befasste ich mich unter dem Titel „Die realistische Alternative“ mit zwei möglichen Entwicklungen des Kapitalismus. Ausgangspunkt der Betrachtung dieser beiden Zukunftsbilder war die katastrophale Gegenwart der Weltgesellschaft, die ich als eine für den Kapitalismus existenzgefährdende Systemkrise beschrieb. Der Kapitalismus kann solche Systemkrisen nur durch grundlegende Veränderung der dominierenden Produktions-, Konsumtions- und Legitimationsmuster überwinden, wobei aktuell zwei ganz unterschiedliche Neugestaltungen dieses institutionell-legitimatorischen Rahmens der Kapitalverwertung denkbar sind.

Mediale Konflikte um postkoloniale Studien und Antisemitismus in Deutschland

von Aram Ziai

Seit zu Beginn des 21. Jahrhunderts post- und dekoloniale Perspektiven, die sich mit dem Kolonialismus und seinen Nachwirkungen beschäftigen, in den deutschsprachigen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zunehmend Anerkennung fanden, wuchs – sicher auch beeinflusst von den zahlreichen postkolonialen Städteinitiativen – das Interesse der deutschen Öffentlichkeit an diesem Thema (s. Prokla Nr. 158). Dies hat sich im letzten Jahrzehnt noch verstärkt, unter anderem durch die Rezeption internationaler Debatten um Black Lives Matter und Rhodes Must Fall, aber auch durch die offizielle Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama seitens der BRD 2021. Der Historiker Sebastian Conrad (2022: 31) spricht von einer „Aufmerksamkeitsexplosion“ für die koloniale Vergangenheit. Parallel dazu lässt sich als Reaktion eine revisionistische Gegenbewegung beobachten, getragen von konservativen und rechten Publizist*innen, Politiker*innen und Politikwissenschaftler*innen, die mal die Befreiung vom Kolonialismus als eine Katastrophe darstellen (Stein 2015), mal eine Rekolonisierung fordern (Martenstein 2015) oder den Kolonialismus generell als eine legitime und für die Kolonisierten vorteilhafte Herrschaftsform ansehen (Gilley 2019).