Tsafrir Cohen
Am 7. und 8. Mai veranstaltete die Stiftung medico international in Frankfurt a.M. ihr jährliches Symposion mit dem Titel „Kalte Zeit. Zur Ambivalenz der Empathie“. Empathie ist die Fähigkeit und Bereitschaft, andere Menschen, ihre Interessen, Gefühle, Vorstellungen und Lebensweisen zu verstehen. Dies ist die Grundlage aller universalistischen Bestrebungen und bildet nicht zuletzt eine wesentliche Voraussetzung für eine Realisierung allgemeiner Menschenrechte. Aktuell ist immer deutlicher zu sehen, dass autoritäre Regierungen und Bewegungen der Empathie den Krieg erklärt haben und einen systematischen Anti-Universalismus propagieren. Gleichzeitig weist der Empathiebegriff aber auch eine Ambivalenz auf. Er kann auch anti-universalistisch eingesetzt werden, wenn er sich eingeschränkt auf spezifische Gruppen oder Klassen richtet und damit der Diskriminierung und Ausgrenzung dient. So spielt er auch in rassistischen und rechtspopulistischen Bestrebungen und Bewegungen eine wichtige Rolle. Wir dokumentieren hier die Eingangsworte von Tsafrir Cohen, dem Geschäftsführer der medico-Stiftung zu der Veranstaltung.
Für eine Hilfs- und Menschenrechtsorganisation ist Empathie die Grundvoraussetzung ihrer Existenz und – Legitimität.
Empathie ist die Fähigkeit, sich in einen anderen hineinzuversetzen und sie oder ihn als das Kontinuum des eigenen Selbst zu verstehen.
Empathie ist das Fundament des Sozialen; des Gesellschaftlichen; der Solidarität.
Universalismus, Internationalismus sind ohne Empathie nicht vorstellbar.
Auf unserem Plakat, das zu diesem Symposium einlädt, ist eine Kettensäge angedeutet. Wer hat wann diese Kettensäge an das angelegt, was die Menschlichkeit der Menschheit ausmacht? An die Empathie, die Barmherzigkeit, das Mitleid?
War es 1973, als die chilenischen Militärs das demokratisch gewählte sozialistische Experiment unter Salvador Allende gewaltsam beendeten und zehn Jahre später mit einer durch und durch neoliberalen Verfassung endgültig jeder sozialen Umwälzung den Garaus machen wollten?
Oder war es 1987, als sich Margret Thatcher mit dem Satz in die Geschichtsbücher eintrug: „There is no such a thing as society”?
Wir erleben seit diesen grundstürzenden Ereignissen einen Siegeszug des Neoliberalismus. Er hat die Grundlagen dafür gelegt, dass Menschlichkeit zu einem Werkzeug der instrumentellen Vernunft degradierte. Längst sprechen wir von Human Ressources oder Humankapital anstatt von Menschen – mit ihren professionellen und persönlichen Möglichkeiten, von ihren Eigenheiten und Unberechenbarkeiten.
Noch führen Politiker:innen die Menschenrechte im Munde, doch genutzt werden sie zumeist als Soft Power zur Durchsetzung knallharter Interessen.
So ergeht es auch unseren Gefühlswelten. Diese gelten gemeinhin als persönliche Angelegenheit. Doch sind unsere Gefühle in den letzten Jahren – und insbesondere seit dem verheerenden Hamas-Angriff auf den Süden Israels und der genozidalen israelischen Antwort – zu einer selektiven und von oben verordneter Technik geworden. Die Empathie mit den Geiseln, den Opfern des Hamas-Angriffs und ihren Angehörigen ist Teil der deutschen „Staatsräson“ und damit der kollektiven deutschen Identität. Die Empathie mit den Opfern und ihren Angehörigen in Gaza hingegen ist ein geradezu unzulässiges Gefühl. Verlässt es die privaten vier Wände und betritt den öffentlichen Raum, wird es schnell als antisemitisch verurteilt.
Solch selektive Empathie ist das Wechselgeld des sich herausbildenden Kriegsregimes, das seit dem russischen Angriff auf die Ukraine Teil einer moralischen Ordnung zur Verteidigung der westlichen Hegemonie geworden ist. Empathie mit der Ukraine ist gefordert; Empathie mit den ukrainischen Soldat:innen, die zu Hunderttausenden an der Front sinnlos sterben, hingegen unerwünscht.
Auch Empathie mit den Opfern von Naturkatastrophen ist Teil der moralischen Ordnung. Denken wir an das große Erdbeben 2010 in Haiti, das weltweit Gefühle des Entsetzens und eine große Spendenbereitschaft auslöste. Mit den Menschen in Haiti heute gibt es hingegen keinerlei Empathie, obwohl sie in ähnlich schrecklichen Zuständen überleben wie kurz nach dem Erdbeben und sich die katastrophische Situation in Haiti wesentlich der seit dem Erdbeben eingeführten, äußeren Verwaltung durch die USA und die UNO verdankt.
Hier würde Empathie also die Erkenntnis der eigenen Verwicklung voraussetzen. Die Forderung nach Empathie mit den Hungernden in Sudan ist so richtig wie kalkuliert. In der deutschen medialen Debatte dient sie fast nur zur Relativierung und Legitimierung der israelischen Kriegsverbrechen in Gaza, in der Westbank, im Libanon und ihrer deutschen politischen wie militärischen Unterstützung. Damit ist die Empathie mit den Menschen im Sudan, die dem Entsetzen über die dortigen Verbrechen folgt, von Anfang an instrumentalisiert.
Die Frage, wie es zu diesen Verbrechen kommen konnte und welchen Anteil die politische Weltordnung daran hat, in der wir die letzten fast 40 Jahre lebten, bleibt außen vor. Das nimmt den Raum zu handeln. Wir bewegen uns ausschließlich auf der Ebene der Moral.
Das ist kein Zufall. Denn die moralische Ordnung des Westens, die sich infolge von Krieg und Holocaust entfaltete, ist mit dem israelischen Vorgehen in Gaza und seiner Unterstützung durch die wichtigsten westlichen Mächte in eine tiefe Krise geraten. Zu ihrer Aufrechterhaltung wird ein – hier zitiere ich die jüdisch-US-amerikanisch-deutsche Philosophin Susan Neiman – „philosemitischer McCarthyismus“ praktiziert, der insbesondere in den USA und in Deutschland die unabhängige Zivilgesellschaft zerstört, die zuvor ein Aushängeschild dieser Staaten war.
Von der instrumentellen Vernunft des Neoliberalismus, der alle menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten dem Markt zuführt und sie so ihrer Eigenheit beraubt, ist der Weg zu staatlich verordneten “richtigen“ und “falschen“ Gefühlen nicht automatisch vorgezeichnet. Aber zweifellos hat sie der Verbetriebswirtschaftlichung unserer Gefühlswelten den Weg geebnet.
Nachdem die kollektiven Subjekte die Empathie in universelle Solidarität verwandeln konnten oder sollten in der Fragmentierung der globalisierten Gesellschaften verloren gegangen sind, stehen wir nun allein da mit unseren Gefühlen. Sie vergesellschaften sich unter den heutigen Bedingungen nur schwer. Vor allem dort, wo autokratische Herrschaftsmethoden die Einzelnen mit völlig neuen Methoden der staatlichen Überwachung kontrollieren und verfolgen.
Es ist deshalb kein Zufall, dass die Stiftung medico international in Frankfurt einem wichtigen Ort der politischen Verständigung, also auch einem Ort zur Vergesellschaftung unserer Empathie, zum Weiterleben verholfen hat. Die Stiftung hat das Haus in der Frankfurter Innenstadt gekauft, in dem der Club Voltaire seit 1962 dem alternativen politischen Diskurs, aber auch der Musik, der Kultur und der Begegnung ein Zuhause gegeben hat. Damit ist seine Fortexistenz gesichert.
Es ist ebenfalls kein Zufall, dass medico diese Rolle zufiel. Denn die Verteidigung der sozialen Beziehungen – einschließlich ihrer Eigentümlichkeiten und Unberechenbarkeiten – ist ein wesentlicher Bestandteil unserer internationalistischen Arbeit. Dem Versuch, die Hilfe in ein Produkt zu verwandeln, das sich mit betriebswirtschaftlichen Kennziffern auf Effizienz trimmen lässt, stellen wir auch heute noch die Idee der kritischen Sozialarbeit gegenüber. Sie verweigert sich allen Versuchen der Entpolitisierung des Sozialen und ist sich der Ambiguität des Helfens bewusst:
Hilfe verteidigen, kritisieren, überwinden. Sie kennen den medico-Leitsatz. Dieser Leitsatz hat uns zu einem politischen Verständnis unserer Arbeit verholfen.
Auch wenn wir uns eingestehen müssen, dass die Chancen auf eine tiefgreifende strukturelle Veränderung, auf eine grundlegen Änderung der Welt im Ganzen, die Hilfe nur noch im Einzelfall nötig macht, so schlecht stehen wie selten. Die Abschaffung der Hilfe betreibt heute der Rupture-Kapitalismus von Trump, Milei und Netanjahu. Es ist eine Art Blitzkrieg gegen die Menschlichkeit, der heute weltweit stattfindet. Hilfe und damit eine Form der Solidarität auf so offene und brutale Weise anzugreifen, wie das heute geschieht, gelingt nur, wenn man das Mitgefühl, die Empathie ins Visier nimmt.
Deshalb stehen wir heute nicht nur vor der Aufgabe, die Hilfe zu verteidigen, sondern auch die Empathie und damit die Menschlichkeit. Teil dieser Aufgabe ist es aber auch, die selektive Empathie, die politisch instrumentalisierte Empathie, die heute so gern praktiziert wird, zu kritisieren. Denn diese „Empathie“ meint nur Mitgefühl mit der eigenen Sippe, dem Clan, der sogenannten Volksgemeinschaft oder dem sich immer wieder bildenden neokolonialen Kollektiv mit seinem von ihm beanspruchten Recht auf Überlegenheit.
Wir erleben nicht zum ersten Mal in der Geschichte, dass die Menschlichkeit der Menschheit zur Disposition steht. Das Ende der Humanität ist im 20. Jahrhundert – ausgehend von Deutschland, von Europa, dann von den USA – mehrfach durchdekliniert worden: in zwei Weltkriegen, in Auschwitz, im Gulag, in Hiroshima und Nagasaki. Deutschland hat ohne Zweifel historisch einen erheblichen Teil dieser Entmenschlichung mitverursacht. Die Lehren aus diesen Verbrechen, das „Nie Wieder“, das für jedes Menschheitsverbrechen gilt, dann das Ende des Kolonialismus. Die Türen schienen für eine gerechtere, menschlichere Welt geöffnet. Auch Deutschland bekam in diesem Prozess noch einmal die Chance, sich hin zu einer weltoffenen, demokratischen Gesellschaft zu wandeln.
Ein letztes Aufflackern dieser Idee zeigte sich im Sommer der Migration, als an allen Bahnhöfen Menschen standen, um Geflüchtete willkommen zu heißen. Das wiederholte sich mit den Geflüchteten aus der Ukraine nach dem russischen Überfall. Aber die Politik hat sich diese verbreitete Willkommensbereitschaft nicht zunutze gemacht, um eine Politik der Flucht auf Grundlage der Menschenrechte zu betreiben. Stattdessen hat sie alles dafür getan, das Mittelmeer in ein Massengrab zu verwandeln. Ganz im Sinne der rechtsextremen Stimmung, die sich als Opfer präsentiert, um sich dann immer wieder durchzusetzen.
Diese seltsame Entleerung des Politischen, das nur noch sich selbst verwaltet, lässt sich allseits beobachten. Sie treibt kuriose Blüten, wie im Umgang mit einem gestrandeten Wal. Offenkundig kann nur die Unvernunft heute Politik beeinflussen und vor sich hertreiben.
Wie kann eine Organisation, die um die politischen Rahmenbedingungen der Hilfe weiß, sich unter diesen Umständen bewegen? Wie können wir arbeiten, wenn der Resonanzraum des Politischen auf eine solche Weise verkommen ist? Wenn das fundamentale Zerbrechen der Nachkriegsordnung eben auch ein Zerbrechen der moralischen Ordnung darstellt? Wenn vor unseren Augen und mit Beteiligung der herrschenden Politik ein Völkermord in Gaza oder die Vertreibung von einer Million Libanesinnen und Libanesen im Südlibanon und die Zerstörung ihrer Dörfer und Städte durch die israelische Armee stattfindet und zugelassen wird?
Möglich ist diese Entwicklung auch durch ein sich verbreitendes Freund-Feind-Schema, das Empathie nicht für alle gelten lässt. Hier verbindet sich die Entledigung der Empathie mit dem Kriegsregime. Wir können nicht mit dem Feind empathisch sein, er ist böse. Wir können auch nicht mit dem Feind verhandeln, er ist böse. Weil wir gut sind, weil wir Werte und Moral vertreten, können wir nicht verhandeln oder empathisch sein, sondern wir müssen siegen. Frieden, Moral und Empathie können wir nur durch den Krieg retten.
Mit der Aufgabe seiner Zivilität verspielt Europa nicht nur den Frieden, sondern auch die Demokratie. Errungenschaften, die in 80 Jahren voller schwieriger Verständigungsprozesse erarbeitet wurden, werden geopfert.
Weil wir nicht anders können? Die Angst, die die Kriegsdrohungen aus Moskau, bis hin zum Atombombeneinsatz in Europa, auslöst, ist nachvollziehbar. Aber geht es hier wirklich nur um die Angst vor einem militärischen Angriff? Lassen sich die Ursachen für so gravierende Entwicklungen, wie wir sie zurzeit erleben, reduzieren auf die Angst vor einem äußeren Feind? Nein, das blendet die Dynamiken im Inneren und weitere Veränderungen in der Welt, die zum Autoritarismus drängen, aus. Dabei galt bereits die nun untergehende sogenannte regelbasierte Ordnung auf der Macht der Ausnahme. Völkerrecht und Menschenrecht galt eben nicht für alle. Spätestens mit dem US-geführten Krieg gegen den Terror begann der Abstieg in eine Welt des Stärkeren, vor der wir heute ohnmächtig stehen. Diese Ohnmacht können wir nicht überspringen. Und auch die Kälte in Deutschland wird mit dieser Regierung erst einmal bleiben. Es herrscht das Kriegsregime, das uns die Angst vor den Russen einjagt und den deutschen Sozialvertrag aufkündigt. In solchen Zeiten brauchen sich institutionalisierte Formen der Solidarität und menschliche Empathie ungeheuer rasch auf.
Umso wichtiger erscheint es mir, dass wir bei medico mit der Stiftung medico international ein Instrument und ein Versprechen an der Hand haben. Die Stiftung ist Instrument unserer Unabhängigkeit und verspricht uns, diese Unabhängigkeit auf Dauer zu gewährleisten.
Diese Unabhängigkeit ist kein Selbstzweck. Sie ist Grundlage dafür, Zeugnis abzulegen: Zeugnis der Notwendigkeit und der Möglichkeit einer gerechteren Welt für alle; Zeugnis von antikolonialen und posteurozentrischen Denkweisen, wie das der Philosoph Achille Mbembe nennt. Denkweisen, die auf die Durchlässigkeit setzen und nicht auf der Idee einer verlorenen Gemeinschaft oder eines nationalistischen Erbes gründen. Wie sich dieses Zeugnis verbreitet, ob als Flaschenpost im Sinne der Kritischen Theorie oder als wirkmächtige Bewegung für das gemeinsame Bewohnen des Planeten, das ist nicht ausgemacht. Aber daran arbeiten wir.